XXI.
Schmerzen giebt es, deren Wunden
Nur die stumme Brust erträgt;
Wenn das kühne Wort sie wägt,
Ist des Duldens Kraft geschwunden.
Auf den nächsten Mittag war die Abreise bestimmt. Die Geschäfte wegen der Bergung waren schon einige Tage vorher zur Zufriedenheit beendigt, und Mander und Oswald nahmen von allen Bewohnern der Hallig durch Besuche in jeder Wohnung Abschied, und wurden allenthalben als liebe Freunde, die man nicht hoffen darf, wiederzusehen, mit der Feierlichkeit eines solchen letzten Zusammenseins aufgenommen und entlassen, an keiner Stelle ganz ohne Thränen der gutmütigen, für jede ihnen bewiesene Teilnahme leicht empfänglichen Halligbewohner. Da diese Leute, besonders auf der Hallig, die wir im Sinne haben, — auf welcher, so weit das Kirchenbuch geht, keine außereheliche Geburt, und so weit die Erinnerung der ältesten Personen reicht, nie ein leidenschaftlicher Streit vorgekommen war, — gar zu leicht geneigt sind, die Welt außerhalb ihrer kleinen Eilande, und besonders in den großen Städten, nur als eine ungläubige und zuchtlose sich zu denken, so hatte die Teilnahme der Fremden am Abendmahl diese in ihren Augen so gehoben, daß sie dieselben mit einer Art bewundernder Ehrfurcht betrachteten. Sie ahneten nicht, daß ihr Eiland erst das Emmaus gewesen war, wo jene den Herrn erkannten. Jede einzelne Familie brachte auch ihren besonderen Dank dar für die silbernen Altarleuchter, welche Mander der Gemeinde geschenkt, und die Hold freilich aus bestimmten Gründen nicht am gestrigen Tage schon auf den Altar gesetzt, aber sie den Hausvätern, die nach der Feier bei ihm gewesen, gezeigt hatte. Am bewegtesten war der Abschied von Hold. Einige Gaben, welche die Freundschaft und Dankbarkeit der Scheidenden dem Pastor und seiner Gattin darboten, wurden ohne Ziererei angenommen. War doch auch die Schwierigkeit, welche mit der Besorgung dieser Gaben aus der Ferne verbunden gewesen sein mußte, ein Beweis mehr, daß sie, wie lange vorbedacht, so auch Zeugnisse einer Freundschaft sein sollten, die länger dauern würde, als der Aufenthalt auf der Hallig. Nur gegen ein großes Faß mit Wein, das auf seiner Hausflur aufgestellt wurde, protestirte Hold, da er sich dieses Getränks längst entwöhnt habe. Doch er mußte auch hierin nachgeben, da Mander versprach, bei der ersten Gelegenheit für kleinere Gebinde zum Umfüllen zu sorgen, und darauf aufmerksam machte, daß, wenn auch Hold selbst keinen Genuß davon haben wolle, doch den Kranken und Schwachen in der Gemeinde eine solche Stärkung oft wohlthätig werden könne.
Wer hätte bei diesem Hin- und Herreden daran denken sollen, daß das Leben mehrerer Menschen ganz allein, und die Gesundheit der ganzen Gemeinde größtentheils allein von der Annahme dieses anfangs verschmähten Geschenkes abhinge!
Oswald trennte sich von Maria nicht ohne eine ernstere Regung, als mit welcher er von den übrigen Bewohnern der Hallig Abschied genommen, und Mander legte für sie und Godber, da er mit Hold auf eine baldige frohe Vereinigung dieses Paares hoffte, eine Summe Geldes bei dem Pastor nieder und machte sich zu einer jährlichen Summe schriftlich verbindlich. Auch den Verlobungsring Godber’s, den Maria Jenem auf seinem Krankenlager vom Finger gezogen, hatte Idalia ihrem Vater zurückgegeben, um ihn Maria einzuhändigen. Mander gab ihn Hold, daß er die passende Gelegenheit zur Rückgabe abwarten möchte.
Am Ufer fanden die Abreisenden die ganze Gemeinde versammelt, und noch einmal rief ein Händedruck und ein herzliches Lebewohl alle Gefühle des Abschieds wach, und mit Thränen in den Augen bestiegen Mander und Oswald das Schiff. Auch Idalia wandte mehr als einmal den von einem feuchten Tau umflorten Blick auf das bald in einem lichten Nebel schwindende Eiland zurück. Sie hätte gern dem Schiffe Halt geboten, nicht um die Hallig wieder zu betreten, aber sie im Auge zu behalten. Alle ihre Gedanken und Empfindungen waren wie in einer Schwebe, und sie konnte ihnen ebensowenig die volle Richtung in die Zukunft geben, als sie in die Vergangenheit ganz zurückwenden. Sie hätte es für eine Wohlthat für ihr Herz gehalten, wenn das Schiff, das sie unaufhaltsam forttrug, von der Ebbe übereilt, stehen geblieben wäre zwischen den beiden Ufern, wie sie sich selbst auf einem leeren Raum zwischen dem Zeitstrom der Vergangenheit und dem der Zukunft zu stehen schien. Als sie die Küste des festen Landes betrat, da zitterte und schwankte sie, wie Einer, der nach einem langdauernden, heftigen Sturm den mit der wogenden Bewegung des Schiffs nicht durch frühe Uebung vertrauten Fuß an’s Land setzt.
Auf der Hallig blieben die Bewohner derselben so lange am Ufer versammelt, als noch der Nebel einen Blick vom Schiffe erhaschen ließ, und sowohl die auf demselben, als auch die Zurückbleibenden winkten bis dahin einander zu, ohne bestimmt zu wissen, ob ihre Abschiedsgrüße noch bemerkt und erwidert werden könnten.
Hold war den Tag über in einer Stimmung, der er den Namen der Wehmut über die Trennung von den Freunden gab; und doch war es mehr als diese Trennung, was ihn so tief bewegte. Alle Träume seiner Jugend waren durch die Gespräche mit diesen Gästen aus der Welt, in welcher er sich früher so hoffnungsreich und lebenskräftig bewegt, wieder wach geworden. Seine früheren Freunde, denen er gleichsam ohne Kunde durch Versetzung auf die Hallig entschwunden war, winkten ihn nun von Neuem in ihren Kreis. Die Länder, die er an ihrer Seite durchpilgert, breiteten wieder alle ihre Schönheiten vor ihm aus. Das rege Treiben der politischen Welt, von der ihm jetzt kaum dann und wann die Zeitung eine dürftige Nachricht brachte, trat wieder vor seine Gedanken hin, als ein Zauberbild, das hell vor unserer Nacht vorüberzieht. Das reiche Feld der Wissenschaft blühte und duftete vor seinem Geist in der köstlichen Blumenpracht auf, aber wie ein schöner Garten, den wir durch ein Gitter anschauen, in welchem wir uns nicht ergehen dürfen. Und hier diese öde Hallig! Dies wüste Meer um sich her! Dieser Nebel, der ihn verhüllte, als wollte er ihn für immer von der Welt ausschließen. Hatte er denn den Becher Djemschids, auf dessen Rand sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft malt, nur an die durstenden Lippen gesetzt, um nun für sein ganzes Leben mit ungestilltem Verlangen nach einer Labung aus demselben zu schmachten? Mit welch’ ganz andern Gefühlen, mit welch’ schönen Hoffnungen für sein Erdenleben wandelte er auf den Schweizerbergen, an den Ufern der Ströme des Vaterlandes! des Vaterlandes, aus dem er nun vielleicht für immer fortgebannt war, vergessen auf einer von trüben Meeresfluten umflossenen Scholle, hingegeben jeder Entsagung und Entbehrung! Er ging hinaus an das Ufer. Er schaute sehnsüchtig in die Nebel hinein, als könne sein Auge sie durchdringen, und den Gedanken folgen, die über das Meer hinflogen und über Berg und Thal schweiften. Seine Sehnsucht wurde zum Liede, das wie ein langer Seufzer sich aus den Tiefen seiner Brust losrang:
Schwebt hinüber, Trauertöne,
Grüßt den heimatlichen Strand;
Grüßt das liebe, wunderschöne,
Heil’ge, deutsche Vaterland.
Grüßt, wo über Thal und Hügel —
Hell des Jägers Horn erschallt,
Wo der blaue Wellenspiegel
Um die Fischerbarke wallt.
Grüßt, wo die Lawinen toben
In des Staubbachs Silberduft,
Ach! wie drängt das Herz nach Oben,
Nach der Berge Himmelsluft;
Wo mit bräutlich schönen Kränzen
In der Abendröte Glühn,
Jungfrau, Deine Scheitel glänzen;
Könnt ich dahinüber ziehn!
Oder hin zum Strand der Saale,
Wo der Tannen schwankes Dach
Wölbt sich über Heldenmale,
Die der Zeiten Sturm zerbrach.
Allenthalben an der Elbe,
An der Donau und am Rhein,
Ist mein Vaterland dasselbe,
Wert der Deutschen Land zu sein.
Reich an Reben, reich an Eichen,
Felsenkräftig, blumenmild,
Malt es rings in treuen Zeichen
Seines treuen Volkes Bild.
Schwebt hinüber, Trauertöne,
Grüßt den heimatlichen Strand,
Alle Lust und alles Schöne
Blieb zurück im Vaterland.
Ach! vergebens wecken Klagen
Die verhaltnen Schmerzen nur,
Keine milden Lüfte tragen
Sie zur heimatlichen Flur.
Mich umrauschen Meereswogen,
Nebel hüllen meinen Blick;
Meine Grüße sind verflogen, —
Keine Antwort kommt zurück!
XXII.
Nur das Heute ist das Alte,
Jede Morgenröte weiht
Uns für eine neue Zeit,
Und wer sagt uns, wie sie walte?
Godber war bald nach der Abreise der Fremden auf die Hallig zurückgekehrt und lebte einsam in seiner Wohnung. Wenn man ihn sah, schlich er trübsinnig und in sich gekehrt dahin und vermied mit ängstlicher Scheu jede Anrede. Sein Haus und seine Werfte waren während seiner langen Abwesenheit und nach dem Tode seines Vaters ganz verfallen; er aber that Nichts für die versäumte Ausbesserung und schien es nicht zu beachten, daß die Fluten in den stürmischen Weihnachtstagen große Beschädigungen anrichteten, die seinen Aufenthalt sehr unsicher machten.
Hold kam oft zu ihm und versuchte es, ihn zu neuer Lebenshoffnung zu erheben. Er erzählte viel, so wenig auch Godber solche Gespräche zu lieben schien, von Maria’s frommer Ergebung in den Willen des Herrn, von der Ruhe, mit welcher sie ihr künftiges Geschick erwarte, von der Güte ihres Herzens, die keiner Beleidigung lange gedenke. Er suchte, ohne geradezu Godber’s Verhalten zu entschuldigen, doch Alles auf, was es in einem mildern Lichte erscheinen lassen konnte, und wies hin auf die erbarmende Liebe Gottes, die uns nicht umkommen läßt unter der Bürde des bösen Gewissens.
Als er eines Tages auch wieder so sprach, erhob sich Godber, der bisher ihn schweigend angehört, von seinem Sitze, trat vor ihn hin, blickte mit starren Augen ihn an und sprach mit einer Stimme, die feierlich und schauerlich klang:
„Wird der Gott, den Du verkündest, auch jene Nacht wieder ungeboren machen, in der ich das Steuer des Schiffes verließ, um Die zu retten, um deretwillen ich ein doppeltes Gelübde brach? Wird Er, wie Er Maria’s verwundetes Herz zu heilen verstand, auch den schönen Bau wieder zusammenfügen, der durch mich zu einem elenden Wrack geworden ist. Wenn Du in blinder Leidenschaft Deine Kirche angezündet, würdest Du das so leicht vergessen, daß Du meinest, ich sollte vergessen, was ich an dem Schiff gesündigt? Wird Gott auch die drei Toten dort aus ihrer Gruft in’s Leben zurückrufen, daß ich es von ihnen wieder höre: ‚Godber ist ein braver Steuermann!‘ ohne ein Hohngelächter der Hölle daneben zu hören?“
Hold erbebte sowol vor dem irren Ausdrucke in Godber’s Zügen und Worten, als vor der Entdeckung einer nicht geahnten Bürde auf dem Gewissen des Jünglings. Godber aber fuhr fort:
„Du zitterst vor solchem Verbrechen und hörst es doch nur, und ich, der es gethan, sollte nicht zermalmt werden unter seiner Last? Für mich ist keine Hülfe mehr!“
Mit weicherer Stimme, deren leises Beben den Uebergang aus starrer Verzweiflung in eine wehmütige Rührung bezeugte, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu:
„Und kannst Du mir auch Maria bräutlich froh in den Arm legen, Du kannst nicht sagen: dieses Auge hat nicht um Deinetwillen geweint; dies Herz hat nicht um Deinetwillen geblutet; an der Treue des Halligsohnes haftet durch Dich kein Makel. Maria hat nur meine Schuld zu vergessen. So ein Vergessen ist leicht. Ich soll mich selbst vergessen. Da muß der Tod helfen. — Und der kann ja auch nicht helfen,“ schrie er entsetzt auf, „denn droben ist das Gericht!“
Damit schlug er beide Hände vor’s Gesicht und sank in dumpfem Brüten auf seinen Sitz zurück.
Hold bedurfte einiger Zeit, um sich zu sammeln, dann trat er vor Godber hin und sagte:
„Ich will nicht mit Dir reden von dem Schiffe; nicht Dich darauf aufmerksam machen, wie Deine Kunst und Erfahrung es doch vielleicht nicht hätte retten können; wie viel wahrscheinlicher Euer Aller Tod bei solchem Versuch gewesen wäre, während nun fünf Menschen Dir ihr Leben verdanken. Ich will aber reden von dem Amte, das die Versöhnung predigt. — Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. So wir mit aufrichtigem Herzen prüfen unser Selbstwerk, müssen wir bekennen, daß wir nicht bestehen können vor dem heiligen und gerechten Gott, müssen bekennen, daß unter dem Licht und Gericht des göttlichen Gesetzes unsere Tugend wie ein Schattenbild zerfließt, und dagegen unsere Uebertretungen wachsen wie Wogen, die über unser Haupt zusammenschlagen. Vor dem Worte: ‚Ihr sollt heilig sein, denn Gott ist heilig!‘ vor der Wahrheit: ‚Ihr sollt Rechenschaft geben auch von jedem unnützen Worte, das aus Eurem Munde gegangen ist!‘ bestehet keine Entschuldigung, kein Vorwand, keine Rechtfertigung. Unsere Schwachheit ist Lüge, denn sie ist eine Frucht des Lügengeistes, der uns Gottes Gesetz verfinstert und entstellt, der diese Macht aber nicht haben würde, wenn wir sie ihm nicht selber gegeben, dadurch, daß wir die böse Lust in uns wuchern ließen. Was wir Verführungen und Versuchungen nennen, sind blos Antworten von Außen her auf die Lockstimmen der Sünde in unserm Innern. Wer das ‚Heilig‘ nicht in seiner ganzen Bedeutung nimmt, als eine völlige Reinigung unseres Sinnes und Wandels von allem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Lüften, als eine vollkommene Verklärung vom Kinde des Staubes zum Kinde Gottes in allen Gedanken, Worten und Werken, der weiß noch gar nichts von Gott und seinem Willen und unserer Berufung auf Erden, und meint noch teilen zu können zwischen Gott und dem Mammon; während alle Halbheit und Lauheit vor Gott ein Greuel ist, während, wer das Gesetz hält und sündigt an einem, des ganzen Gesetzes schuldig ist. Von solcher Strenge haben wir keine Macht, uns Etwas nachzulassen, und Gott selber hat nicht die Macht, denn Er ist heilig!“
Godber rang die Hände und schluchzte laut:
„Für mich ist keine Hülfe mehr!“
Hold aber fuhr fort:
„So wir nun solches zu Herzen nehmen, können wir nicht mit Freudigkeit weder vor Gott treten, noch mit Freudigkeit Sein Gesetz erfüllen. Denn zwischen Ihn und uns wird sich unsere Sünde legen und eine dunkle Scheidewand, die uns ausschließt von allem Trost und allem Hoffen; und unser Versuch zur Aenderung des Sinnes und Wandels muß scheitern, weil die Sünde, die einmal mächtig geworden ist in uns, nur in schweren Kämpfen überwunden wird; zu solchem Kampfe aber Freudigkeit zu Gott und Liebe zu Ihm gehören, die wir nicht haben, so lange unser beladenes Gewissen nur zeugt von dem Richter der Lebendigen und der Toten.“
„Er hat schon gerichtet!“ rief Godber.
„Wir müssen das alte Gewand ausziehen und ein hochzeitliches Kleid anziehen können. Wir müssen die Last von uns werfen und leichten Herzens ein neues Leben beginnen können. Wir müssen die Traurigkeit von uns thun und in Freudigkeit zum Himmel aufschauen können. Ein solches Können liegt aber nicht in unserer Macht. Wollen wir es aus eigener Macht versuchen, da werden wir den kurzen Flügelschlag des frohen Entschlusses bald wieder gelähmt fühlen durch das Gedächtnis der ungesühnten Schuld. Wir können aber uns selber Nichts vergeben, auch den geringsten unlautern Gedanken nicht; denn wir stehen nicht unter unserm Gesetz und Gericht, sondern unter Gottes Gesetz und Gericht.“
„Ich weiß es! Ich weiß es!“ stöhnte Godber.
Hold aber fuhr mit erhobener Stimme fort:
„Wir bedürfen Gottes Vergebung. Nicht aber in einem bloßen Ahnen, Meinen, Hoffen, sondern in einer Zuversicht, welche die Pforten der Hölle nicht überwältigen. Und nun, Godber, die Zeit ist erfüllet, die Nacht ist vergangen und der Tag ist herbeigekommen! Es ist kund geworden auf Erden das große Geheimnis der Erlösung: Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit Ihm selber! Empor, Du müde, sündenvolle Seele! Empor! Denn Freude ist im Himmel über einen Sünder, der Buße thut. Das ist kein Wort, das trostbedürftige Sehnsucht dem Menschen eingab; dann wäre es nichts nütze, hätte keinen Halt wider die ewig neuen Anläufe des anklagenden Gewissens. Es ist das Wort Dessen, der vom Vater kam, um vom Vater zu zeugen, und es stehet fester, als die Veste des Himmels. Der Herr spricht, der Herr, dessen Wort nicht Sein Wort, sondern Deß, der Ihn gesandt; der Herr spricht, und durch Ihn der Richter der Lebendigen und der Toten: ‚Sei getrost, Deine Sünden sind Dir vergeben!‘ So thue auch Du, Godber, Deine Brust auf, und laß die Liebe, die anklopfet mit solchen Stimmen an Deines Herzens Thore, mächtig werden, wo das Gericht mächtig war. Wirf hin Deine Last und Bürde und tritt freudig an die neue Bahn, als wärest Du heute neu geboren und die Vergangenheit nicht Dein. Gedenke ihrer nur, um immer in der Demut zu bleiben die sich Nichts dünket mit eigenem Verdienst und eigener Gerechtigkeit, um im lebendigen Eifer zu bleiben nach der Krone der Vollendung in aller Heiligung des Sinnes und Wandels, um die Sünde zu verabscheuen, die so unselig macht, wie Du es erfahren, um die Gnade des himmlischen Vaters, der so große Dinge für Dich gethan, in Freude, Friede und Seligkeit bis an Dein Ende zu preisen. Aber gedenke der Vergangenheit nicht Dir zum Fluch, sondern zum Segen; wie Gott ihrer nur gedenkt, um Dich aus ihr heraus einzuführen in das Reich Seiner Segnungen und Verheißungen.“
Godber war tief ergriffen von Hold’s Worten, und wenn sie ihm auch nicht die Ruhe zurückgeben konnten, die von ihm gewichen war, so dienten sie doch dazu, das Auge wieder mit einem, wenn auch nur kurzen und scheuen, doch suchenden Blick nach oben zu lenken, durch den Sturm der anklagenden Stimmen ein leises Wehen, wie vom Friedenslande her, durchzittern zu lassen und heiße Thränen hervorzurufen, in welchen die verzehrende Flamme der Reue gleichsam einen Ausweg fand und darum an sinnverwirrender Macht über ihn verlor. Er faßte Hold’s Rechte, beugte sein Haupt herab und drückte seine heiße Stirne auf die Hand des Mannes, dessen guten Willen, ihm ein Führer aus seinen Nächten heraus zu sein, er nicht verkannte.
Der Unglückliche aber, der den guten Willen, ihn zu trösten, dankbar erkennt, der ist auch schon auf dem besten Wege, sich trösten zu lassen.
Von Tag zu Tag gelang es nun Hold sichtlicher, Godber’s Gemüt mehr zu beruhigen. Dadurch, daß er — von der anfänglichen schonenden Weise zurückgekommen, — dessen Betragen in den letzten Monaten mit eiserner Strenge beurteilte, hatte er des selber sich so streng Verdammenden Vertrauen ganz gewonnen und damit ihn zugleich zu den Füßen des Erlösers gedrängt. Denn der Weg nach Golgatha geht nur über den Sinai, und wer auf freundlicheren Umwegen dahin will, der bleibt auf halbem Weg stehen und findet darum auch nur einen halben Frieden, der keiner einsamen, ernsten Stunde, keiner wahrhaftigen Selbstprüfung gewachsen ist.
Zugleich aber wandte Hold nun öfter die Gespräche auf zeitliche Dinge, machte Godber aufmerksam auf den schlechten Zustand seiner Werfte, auf die bisherige Vernachlässigung seiner kleinen Heerde, gab ihm Rat und fragte ihn um Rat bei kleinen häuslichen Arbeiten und weckte ihn dadurch zur Thätigkeit und zur Teilnahme für die gewöhnlichen Lebensverhältnisse. So glaubte er denn völlig den Sieg gewonnen zu haben und der Ausgleichung der unglücklichen Trennung zwischen Godber und Maria nahe zu sein. Aber hierin fand er einen unerwarteten Widerstand. Jede Hindeutung auf die Wiedervereinigung Beider ward lebhaft zurückgewiesen.
„Ueber die ewige Halbheit!“ sagte Hold endlich ärgerlich. „Da hat nun der liebe Vater im Himmel Alles gethan, daß Seine Kinder sich freuen sollten der Erde und ihrer guten Gaben; hat uns in Seiner Gnade geholfen, los zu sein von dem bösen Gewissen, verlangt keine Buße und kein Opfer mehr, sondern will, daß wir in Erkenntnis und Erfahrung seiner unendlichen Liebe nun auch froh und selig wandeln unter dem Himmel und kindlich annehmen und genießen, was Er uns darreicht aus Seiner Fülle. Kinder will er haben, die offnen und empfänglichen Herzens sind für Seine Liebe, nicht für die Liebe allein, die da redet mit Orgelklang, sondern auch für die, welche locket mit Flötentönen. Kinder will Er haben, die sich freuen nicht allein Seines Himmels, sondern auch Seiner Erde, die nicht allein danken dem Vater in der Höhe, der Seinen Trost ausgießt über die Mühseligen und Beladenen, sondern auch dem Vater hinieden, der da wandelt unter den Glücklichen und lieb hat die Herzen, die ihm danken, daß Er ihre Wallfahrt so reich machte an heiterm Sonnenschein und lieblicher Blütenfülle. Und wir? Wir wollen uns ein Verdienst daraus machen, daß wir fort und fort büßen, und gefallen uns darin, Seiner Güte für diese Zeit zu entsagen, als könnten wir dadurch irgend einen Anspruch auf Seine Verheißungen in der Ewigkeit erwerben. Das ist die falsche Scham, die sich schämet, Alles aus Seiner Hand zu nehmen; die ein Selbstwerk hinzuthun will zu dem Gotteswerk der Erlösung, der der frohe Glaube und die kindliche Liebe und die Heiligung, die aus solchem Glauben und solcher Liebe, wie die Frucht aus der Blüte, hervorgeht, nicht genug sind; sondern die in der Verschmähung der Freude an Gottes Werken und Gottes Gaben hienieden noch ein vermeintlich verdienstliches Opfer darbringen will!“
„O nein,“ rief Godber, „das ist es nicht! Und habe ich auch wol früher dergleichen gedacht, Sie haben mich längst geheilt von dieser krankhaften Demut, die eine Tochter des Stolzes ist. Aber — Maria wird nie an meiner Brust glücklich werden. In jeder Wolke, die meine Stirne trübt, wird Idalia vor ihr stehen; aus jedem Gedanken, dem ich achtlos nachhänge, wird sie diesen Namen herauslesen. Von bangen Träumen in ihrem Schlummer gestört, wird sie meine Träume belauschen, und ich werde an ihrer Seite in der beständigen Furcht wandeln, ihren Zweifeln an meiner Liebe einen, wenn auch unschuldigen Anlaß zu geben. Es wäre ein Anderes, wenn wir uns vorher nie gekannt hätten; aber ein Treubruch läßt immer einen Stachel zurück, den oft die aufmerksamste Liebe nur tiefer drückt, weil sie dem einmal so bitter Getäuschten als Berechnung erscheint!“
Hold wußte hierauf nicht Viel zu erwidern, und vielleicht hatte Godber Recht. Wenigstens machte Hold die Bemerkung, daß Maria wol Aehnliches im Sinne tragen mochte; denn auch sie warf jede Hindeutung auf Wiederherstellung des früheren Verhältnisses mit einem Kopfschütteln weg, das bei der jetzigen Lage der Dinge kaum dem Zweifel an Godber’s Werbung um ihre Hand gelten konnte. Im Uebrigen war in ihrem ganzen Wesen ein so kindlich heiterer Friede, daß wer, unbekannt mit ihren bittern Erfahrungen, sie sah, für die Unbefangenheit einer hoffnungsvollen Jugend halten mußte, was die Frucht völliger Ergebung in den Willen des himmlischen Vaters und der Spiegel eines gottseligen Herzens war.
„Laß uns von der Zeit,“ sagte Hold zu seiner Gattin, „die Lösung dieses Knotens erwarten!“
„Von der Zeit? Ja, wenn die Zeit nur unser wäre!“
XXIII.
Und solche Nacht, die bleibt im Leben
Ein Denkmal, das auf Felsen ruht;
Der Schein, den sie in’s Herz gegeben,
Verlischt in keiner Thränenflut.
So kam der dritte Februar 1825 heran. Wir stehen in der nachfolgenden Erzählung wieder fast ganz auf dem Boden der Geschichte, deren Schuld es ist, wenn Manches dem Leser als zu kühnes Gemälde der Phantasie erscheinen sollte, was doch nur die Erfahrung an die Hand gab. Es ist gerade da, wo die Begebenheiten in’s Gebiet des Wunderbaren hinüberstreifen, am sorgsamsten darauf gehalten, nur die ungefärbte Thatsache zu geben, und deswegen auch der Stoff für die folgenden Schilderungen allein aus der Geschichte jener furchtbaren Nacht der Trübsal in der Gemeinde des Verfassers genommen.
Heftige Stürme aus Nordwesten trieben die Fluten über das Land hin, so daß selbst bei der Ebbe die Hallig vom Meere bedeckt blieb. Doch gewöhnt an solche Stürme, und ihre Kraft und Richtung vergleichend mit früheren, glaubten die Halligbewohner diesmal Nichts zu fürchten zu haben, und während die Wogen an die Werften heranbrausten und die Hütten erzitterten vor dem Anprall der Windsbraut, legten die Meisten am frühen Abend sich ruhig nieder. Hold saß noch etwas später auf, beschäftigt mit einer literarischen Arbeit. Seine Gattin, die in einigen Monaten zum zweiten Male Mutter zu werden hoffte, schlummerte sanft in der Nebenkammer an der Seite ihrer Erstgeborenen.
Da trat zu Hold’s Erstaunen Maria leise in’s Zimmer.
„Das Wasser steigt hoch,“ sagte sie mit bebender Stimme.
„Wie!“ rief Hold, und dämpfte aus Besorgnis für die Ruhe seiner Frau schnell den Ausruf des Schreckens: „Gegen zwei Uhr ist erst Flut! Jetzt ist es kaum zehn!“
„Und schon ist beinahe die ganze Werfte bedeckt,“ fuhr Maria fort. „Schon schlagen einzelne Wellen an Godber’s Wohnung hinauf, schon hat sich die eine Seite derselben gesenkt. Aus meinem Fenster sah ich ihn vor der Thür. Er blickte so starr nach mir herüber.“
Hold war schnell aufgesprungen und trat mit Maria vor die geöffnete Hausthür.
Ein wahrhaft blendender Mondschein goß sein Licht über das Meer aus, das mit vollen, breiten Wogen schäumend und rauschend, in dunklen Thälern und leuchtenden Höhen wechselnd, sich um die einzelnen Wohnungen gleichsam über sich selber ausschöpfte, als wollte ein Meer das andere überfluten.
„Gott sei unserer armen Seele gnädig in dieser Nacht!“ rief Hold, und blickte unwillkürlich zurück in dem Gedanken an seine Gattin. Da stand diese schon hinter ihm, und mit einer Fassung, wie sie gerade bei dem weiblichen Geschlecht in Stunden der höchsten Gefahr fast öfter gefunden wird, als bei Männern, sagte sie, indem sie den Arm um seinen Nacken schlang:
„Wir sterben doch zusammen, Du und ich und unser Kind. Ich bleibe nicht allein zurück, wie damals, als nur Dich diese Wogen bedrohten!“
In demselben Augenblick brach ein Teil von Godber’s Wohnung hinab in die Flut, und es war vorauszusehn, daß der jetzt schon so deutlich werdende schlechte Zustand der Werfte bald den völligen Untergang des Hauses und den schnellen Tod seines Bewohners herbeiführen würde. Godber aber schien, obgleich manche zu seinen Füßen brandende Woge ihn mit ihrem Schaum hoch bespritzte, ganz unempfindlich für die Gefahr. Noch stand er, im klaren Lichte des Mondes fast bis zu den Zügen seines Antlitzes kenntlich, auf derselben Stelle, wo Maria ihn zuerst gesehen; aber sein Blick war nicht mehr auf Hold’s Wohnung gerichtet, sondern starrte nach der Seite hinaus, wo der Kirchhof lag, von dem freilich kaum mehr der äußerste Kamm des ihn umgebenden Walles dann und wann noch sichtbar wurde. Daß ein Fach seiner Wohnung niederbrach, störte ihn nicht auf. Maria rief aus angstgepreßter Brust ihm zu. Er hörte es nicht. Da — war es ein zufälliges Ausgleiten auf dem glatten Rande der vom Wellenschlag gepeitschten Werfte, war es bedachter Versuch zu Godber hinzudringen, — sank Maria in die Flut hinab und tauchte in der nächsten Minute schon gegen zwanzig Schritt von der Werfte aus dem schäumenden Berge einer Woge auf und glitt dann wieder in dem langen dunklen Bogen der folgenden Welle fort.
Der Schrei des Entsetzens von den Lippen Hold’s und seiner Gattin weckte Godber aus seinem Brüten. Sein Blick flog rasch über die Fluten hin in der Richtung, die ihm der gellende Angstruf gegeben, und in demselben Augenblick rauschte die Welle, die Maria trug, wieder empor, und in dem glänzenden Schaumgewölk ihres Absturzes zeigten sich die hocherhobenen Arme und der Kopf der Jungfrau. Da stürzte Godber hinein in die rollende See, mit schneller Besonnenheit die Bewegung der Flut ermessend, die glücklicherweise fast gerade auf seine Werfte zutrieb. Einen langen Bootshaken hatte er eben in der Hand gehabt, um sich damit gegen den wütenden Sturm festzustemmen, und dieser diente ihm nun zu einem Ankerhalt in dem Kampfe mit den tobenden Wasserbergen, denen seine Kräfte nicht gewachsen waren, während er, wo seine Kraft ausreichte seinem Ziele in schräger Richtung entgegenstrebte. Und siehe! da er eben aus dem ihn hochüberdeckenden Strudel einer abbrechenden Woge aufathmete, schoß von dem Schaumrande der nächsten Wassermauer vor ihm eine dunkle Gestalt herab und schwebte, von der neuen Welle getragen, ihm entgegen, und — in wenigen Augenblicken stand Godber wieder auf seiner Werfte. Maria hing wie leblos in seinem Arm.
So weit waren die ängstlichen Blicke Hold’s und seiner Gattin den Bewegungen Beider gefolgt, jetzt erinnerte aber eine hochrauschende Woge, die die Hausflur überspülte, sie daran, die nötigen Vorkehrungen für die eigne Rettung zu machen. Hold schloß alle Fensterläden fester und verriegelte die Hausthür. Die besten Schafe hätten auf den Boden gebracht werden sollen, aber dazu sahen sich Beide ohne anderweitige Hülfe unfähig. Daher wurden nur sonstige wertvolle Dinge, die leichter zu transportieren waren, hinaufgebracht, und um ihr Kind nicht oben der Kälte ohne Not auszusetzen, und um bereit zu sein, wenn vielleicht durch kleine Nachhülfe die Thüren gegen die heranbrechenden Fluten haltbarer gemacht werden könnten, entschlossen sie sich, so lange als möglich unten zu bleiben. Wol fingen bald leichtere Gegenstände um sie her zu treiben an, da die Zugänge in’s Haus nicht gegen die dasselbe umgebende Wassermasse ganz verstopft werden konnten; aber doch war dem wogenden Element noch kein solcher Zugang geöffnet, der demselben eine zerstörende Macht über das Inwendige der Wohnung gegeben hätte. Nur hatte die Pastorin für jeden Fall ihr Kind in den Arm genommen, das nach einem schläfrigen, aber freundlichen Blick auf die Eltern ruhig fortschlummerte. Diese sprachen wenig, sondern saßen neben einander auf dem schweren Eichentisch, der ein Erbstück des Pastorats wol schon öfter die See um sich her gehabt hatte, und drückten bei jedem Wogenschlag, der die Grundfesten des Hauses erschütterte, sich fester an einander. In der nächsten halben Stunde trieben schon alle Koffer und Kasten im ganzen Hause, und das Wasser stand an dem Rande des Tisches. Da mußten sie sich entschließen, ihren Platz zu verlassen, um der Bodentreppe zuzuwaten. Allein ehe sie diese noch erreichten, schlug es wie mit gewaltigen Donnerschlägen gegen die Thür an der Westseite des Hauses; diese brach zugleich mit einem ganzen Fachwerk der Mauer ein, und das Vorderende eines mächtigen Balkens drang mit einem rasenden Flutenschwall in’s Haus und zersplitterte im furchtbaren Anprall die Bodentreppe. Im starren Schreck standen die Unglücklichen einige Minuten regungslos und athemlos; sie umklammerten sich fest und bargen die todesbleichen Gesichter Einer an des Andern Brust. Da hörten sie laute Klagetöne neben sich, und aus dem Halbdach, das jener Balken hinter sich schleppte, und das in dem Augenblick in Trümmer zerriß, wurde der Nachbar, dessen Werfte nur in einem geringen Abstande vom Pastorat lag, mit seiner Frau auf das erschreckte Paar hingeworfen.
„Mein Kind, mein Kind!“ schrie die Nachbarin mit dem herzzerreißendsten Jammer, als sie sich von der ersten Betäubung erholte. Ach! das Kind war auf eine Heudieme festgebunden, da der Vater den Sturz seines Hauses vorausgesehen, und die armen Eltern wußten nicht, ob es von dem Fall der Mauer zerschmettert sei oder mit dem Heu in den Wogen treibe.
„Mein Kind, mein Kind!“ schrie die Mutter wieder und wieder, und der Vater jammerte mit ihr. Beide vergaßen, daß sie, wenigstens für den Augenblick, gerettet, Beide vergaßen, daß die nächste Minute auch sie als Opfer der tobenden See auf schäumenden Wellen forttreiben könne.
Die Lage der Armen ward zur furchtbarsten Angst gesteigert. Um sie her fluteten die Wellen mit schrecklicher Gewalt, schlugen nach und nach alle Seitenmauern im Innern des Hauses ein, warfen sich mit rasendem Spiel die schwersten Lasten wie leichte Federbälle zu, und jeden Augenblick in Gefahr, von den umhergeschleuderten Massen zerschmettert zu werden, standen die schon halb dem Tode Verfallenen vor der offenen Bodenluke, von der eine längere Lebenshoffnung wie neckisch herabschaute, da keine Stiege mehr hinaufführte. Einige Erleichterung gewährte es ihnen, daß ein Teil der Mauer an der dem ersten Einbruch entgegengesetzten Seite jetzt niederstürzte, während gerade hinter ihnen die Wand noch fest hielt. Nun trieben doch wenigstens die bisher ohne bestimmte Richtung umhergeschleuderten Kisten, Balken und Mauerstücke in wildem Gedränge diesem Ausgang zu, und sie hatten bald nur allein mit den immer höher schwellenden Wogenstürzen zu kämpfen, da nur noch nackte Pfähle um sie her waren. Wäre die Wand hinter ihnen gebrochen, dann freilich hätten die Wellen auch sie hinausgerissen in die weite Tiefe. Doch immer höher und höher stieg die Flut, und immer gewisser ward der Untergang, auch wenn jene Wand nicht nachgab, da kaum mehr die höchste Anstrengung die Unglücklichen aufrecht zu halten vermochte, und keine Möglichkeit da war, auf den Boden hinaufzukommen; und schon schlugen einzelne Wellen über ihr Haupt hin; und Hold’s Gattin mußte das weinende Kind, das sie selbst nicht ihrem Manne abgeben wollte, höher halten, um es vor dem Ertrinken im Arm der Mutter zu bewahren.
Aber lange vorher, ehe solche Gefahr von einem Sterblichen geahnt werden konnte, war die Hülfe schon bedacht und bereitet. Das Weinfaß, das Mander ihm aufgedrungen, schlug, da vermutlich die Wasser den Grund, wo es gestanden, untergraben, von einer schweren Woge gefaßt, vorne über und stand aufrecht gerade vor der so sehnsuchts- und verzweiflungsvoll angestarrten Oeffnung im Boden. Auf diesem Fasse retteten sich die mit neuer Hoffnung nun Beseelten nach Oben. Welche Zuflucht aber? Ein vom Sturm schon hie und da zerrissenes Dach auf schwankenden, von jedem Wellenschlag erschütterten Pfählen. Rings um und unter sich den empörten Ocean, dessen Wellen ihren Schaum oft hoch über das zitternde Obdach hinspritzten und reiche Wasserstrahlen durch die Löcher desselben hereingossen. In dieser, gegen die frühere unten im Hause ruhigeren Lage sank Hold’s Kleine wieder in ihren sanften Schlummer und wurde selbst nicht von den heißen Thränen erweckt, die aus den Augen der Mutter auf die teure Bürde in ihren Armen herabfielen; aber die Nachbarin erwachte hier aus ihrer dumpfen Hingebung und jammerte von Neuem laut um ihren Sohn. Jetzt stürzte die Kirche, die mit Hold’s Wohnung, wie schon erwähnt, ein Haus ausmachte, zusammen. Es würde Allen unbemerkt geblieben sein, da im Heulen des Sturmes und im Brausen der Wellen, wie im Knarren und Krachen aller Fugen des Gebälks auch selbst des Himmels Donnerschläge aus dem betäubenden Gemisch von Tönen nicht heraus gehört worden wären, wenn nicht mit dem Sturz der Kirche auch an zwei Seiten das noch bisher das Obdach tragende Pfahlwerk weggerissen, und somit nicht allein der Bodenraum auf ein paar schmale Bretter mit einigen Sparren über sich, um welche das Ried des Daches in Fetzen flatterte, beschränkt worden, sondern auch eine freie Aussicht nach Norden und Osten hin gegeben wäre.
Welche Aussicht! Ein weites unübersehliches Wogenfeld, das bald zu einem Bogen sich vor ihnen auftürmte, der ihre Zuflucht mit seiner mächtigen Last mit einemmale niederzumalmen drohte, bald in einem tiefern Zuge darunter hinschäumte, als wollte es dieselbe hoch in die Luft drücken und in fliegende Trümmer aus einander sprengen. Dabei jagten sich Balken, Bretter, Kisten, Betten, Wiegen, tote Schafe durcheinander, gleichsam in ängstlichem Wetteifer, wer zuerst eine Ruhestätte hinter den Deichen des festen Landes erreiche, die vom Sturm und Wellenschlag gebotene Richtung verfolgend. Aus diesem Gewirre, welches das Schicksal auch der übrigen weiter nach Nordwesten gelegenen Halligen beurkundete, tauchte dann und wann eine Gestalt auf, die den aller Lebenshoffnung Entsagenden ihr eignes Schicksal in einem schauerlichen Bilde malte. Das grelle Licht des Mondes breitete einen fürchterlich hellen Schein auf dies Schreckensgemälde, als hätte die Nacht darum des Tages Schimmer geborgt, um mitleidlos dem Menschen kein Entsetzen zu ersparen. Von den Häusern der Hallig hätte nur Godber’s Wohnung von der offenen Seite gesehen werden können, und diese war verschwunden. Doch sieh! standen nicht dort zwei Gestalten eng umschlungen, gleichsam nur von der Brandung getragen, denn kein fester Punkt war zu sehen, worauf die Füße hafteten. Es waren Godber und Maria. Mit übermenschlicher Kraft schien er sich gegen Sturm und Wogendrang zu stemmen. Er bog sich bald dem Stoß der tollen Windsbraut entgegen, daß mit ihr die Wasser ganz über ihn hinrauschten, bald hob er sich und die Jungfrau in seinem Arm wieder empor, um aus dem Wogenschwall herauszuatmen zu neuen Anstrengungen. Aber vergebens! Der Stand unter seinem Fuß — war es ein Mauerwerk, war es Gebälk, — hielt nicht länger. Eine fürchterliche Woge rauschte wie ein gieriges Meerungeheuer heran, und einen Augenblick schwebten Godber und Maria, ein vereintes Paar, als würden sie so gen Himmel gehoben, noch über den Wassern und hinauf bis zu dem äußersten Höhenschaum der langgestreckten Woge; dann sanken sie hinab in den brausenden Strudel, aus dem keine Rettung mehr möglich. Ueber diesen Anblick hatten die, welche Zeugen des Unterganges der Liebenden waren, ihre eigne Gefahr eine Zeit lang vergessen; aber jetzt dachten sie wieder an sich selbst zurück, wie Leute, die den Tod, den sie selber erleiden müssen, an andern sahen, und die nun die Nächsten in der Reihe der Opfer sind. Furcht vor dem Tode war nicht mehr das vorherrschende Gefühl, obwohl bei jeder starken Erschütterung des schwankenden Asyls diese Furcht mit dem Beben der schauerlichen Erwartung des letzten Augenblicks durch Geist und Gebein flog. In den kurzen Momenten der Erwartung eines neuen Todesboten ging die gewisse Aussicht des Unterganges beinahe in Hoffnung, ja in Sehnsucht auf baldige Erlösung aus der Schreckensstunde durch ein schnelles Ende über. Nur lenkte Godber’s und Maria’s Versinken in die Fluten die Gedanken der Nachbarin wieder auf den Verlust ihres Kindes, von dem sie auch nicht anders erwarten konnte, als daß es zum Spiel der Wellen eine Leiche auf dem Meere treibe; und ihr Jammer wurde von Neuem laut. Da verfinsterte sich die Aussicht, als zöge eine dunkle Wolke vorüber. Es war eine Heudieme, die noch von dem Flechtwerk, an welchem von beiden Seiten schwere Lasten herabhingen, zusammengehalten wurde, nun aber an einen vorragenden Balken hinangeschleudert, überschlug und aus einander ging. Der obere Teil schoß unter das Dach, und überschüttete die auf dem Boden liegenden mit nassen Heuhaufen. Und siehe! zu den Füßen der Mutter lag ihr längst verloren gegebenes Kind lebend und unverletzt! O, wer faßt die Wonne der Eltern. Mit tausend Küssen bedeckte sie den Knaben, mit Lob und Dank feierten sie des Herrn Güte und Barmherzigkeit. Jeder Gedanke, daß der Tod Allen noch immer gleich nahe sei, war verschwunden. Selbst Hold und seine Gattin hob die Teilnahme an der Freude der Eltern zu einer völligen Vergessenheit der gemeinsamen Lage; und hätte in diesem Augenblick das leichte Gebälk dem Stoß der Wellen nachgegeben, sie würden mit einander, noch voll von der Wonne des Entzückens über die Rettung des Kindes, von den Fluten bedeckt worden sein. Als die Gedanken an die durch jene Rettung nicht verminderte Gefahr zurückkehrten, war diese schon vermindert. Der Sturm tobte nicht mehr so heftig und sänftigte sich mit jeder Minute. Die Wogen gossen nicht mehr so gewaltige Massen über das gebrechliche Dach aus und rauschten bald nur noch darunter hin. Doch wurde der Jubel der mit neuer Lebenshoffnung Erfüllten dadurch sehr gemäßigt, daß die Stützen der wenigen Querbalken und Bretter, durch die sie über der Tiefe gehalten wurden, jetzt kaum mehr auch den kleinsten Stößen und Schlägen gewachsen schienen, sondern heftiger als vorher schwankten und in ihre Fugen sich mehr und mehr lösten; ja daß mit dem Rückgang der Flut der Grund, auf dem die tragenden Ständer ruhten, in großen Brüchen abfiel und daher die eine Seite des kleinen Bodenraums sich so sehr neigte, daß es den Bedrängten nur durch das Umklammern der einzeln stehenden Sparren allein möglich ward, sich noch eine Zeit lang auf den schrägen und glatten Brettern zu halten. Das Meer aber schlug noch mit einzelnen schweren Wogenzügen nach der Beute hinauf, die es ungern zurückließ, und wühlte, als es immer tiefer sank, den Grund um die Stützpfähle so gierig ab, daß diese fast allen Halt verloren, und die Gefahr der bis dahin gesparten Opfer jetzt erst den höchsten Grad erreichte. Je höher deren Hoffnung gestiegen, das Leben zu retten, desto ängstlicher ergriff sie der Gedanke, nun der immer mehr und mehr abfallenden Macht der Sturmflut doch zuletzt noch zu unterliegen. Wie langsam flossen die Minuten hin! Wie langsam ging die See zurück! Doch die Zeit zählte sich an dem Pulsschlag der pochenden Herzen ab, und nach sechs Stunden, in denen jede Minute ein Todesbote in der furchtbarsten Gestalt gewesen, standen die Geretteten wieder auf dem Boden der Mutter Erde.