Aue.

Allerdings ist es der Mühe werth, das Städtchen und seine Umgebung zu besuchen, welches, nur zwei Stunden gegen Westen von Schwarzenberg entfernt, an der Schneeberger Chaussee liegt. Das erste zum Rittergut Sachsenfeld gehörige Dörflein Neuewelt, mit seinen ordnungslos hingewürfelten, meist ärmlichen Häusern, bietet nichts Beachtenswerthes dar. Es ist eine neue Welt, nach welcher sich kein Auswanderer sehnt. Gegen Westen liegt der hohe, kahle und baumlose Gebirgsberg, über dessen Rücken die neuere Zeit, mit einer gewissen Art von Verwegenheit, einige Feldfleckchen zum Kartoffelbau zusammengemartert hat, dessen Grün über den erdbraunen langgestreckten Körper einen sonderbaren Anblick gewährt. Es ist das trojanische Pferd mit einer phantastischen Chabraque.

Nicht ganz uninteressant ist das große und volkreiche Dorf Lauter, durch dessen Mitte die Straße quer durchführt und dasselbe in Ober- und Unterdorf abtheilt. Ueber den Namen Lauter spricht sich der Pfarrer Körner in seinen Nachrichten von Bockau dahin aus: »Luderij ist ein Wendisch adjectivum von dem substantivo Luder. Dieses Luder ist ein nomen proprium vieler Könige gewesen, so ihren Namen vielen Städten und Bergen durch die geführten Kriege hinterließen. Wie wäre es nun, wenn ich sagte, der Berg Luderij sei so viel als der Lutterberg oder Lauterberg vom König der Franken Clotario oder Luttern? etc.« Haben nun die zanklustigen Einwohner des Dorfes Kenntniß von dieser Etymologie, so wird die Redensart: Luder, Wolfsgrubenluder u. s. w., welche nicht selten in ihrem Wirthshausverkehre vorzukommen pflegt, nicht mehr als Beleidigung gelten dürfen.

Der Ort ist sehr betriebsam; insonderheit werden viel Schlitten-, Trag- und andere Körbe aus Spänen, Wurzeln und Weidenruthen geflochten und nebst vielen Blech- und Topfwaaren (welche letztere aber daselbst nicht verfertigt werden), im Lande verhausirt und auf Jahrmärkten in's Geld gesetzt. Am untern Ende des Dorfes ist seit einigen Jahren eine ziemlich großartige Maschinenspinnerei errichtet, die vom Schwarzwasser getrieben wird. Das Siechthum, welches jetzt auf den sächsischen Spinnereien haftet, hat natürlich auch diejenigen mit ergriffen, die später erbaut und weit in die Thäler des Obergebirges hineingeschoben worden sind. Alle Gewerbsarten haben ihre Grenzen, über welche hinaus sie ihr Gedeihen nicht mehr finden; es ist die Ebbe und Fluth aller menschlichen Unternehmungen, die bald von Segnungen, bald von Abmagerungen begleitet werden.

Am Wege von Lauter nach Aue begegnet man der Porzellanerden-Zeche Andreas Neufang, in der Gegend unter dem Namen »das weiße Zeug« bekannt; sie ist dicht an der Straße links in junge Waldung versteckt. Bekanntlich war der Apotheker Böttger, welcher am 4. Februar 1682 zu Schleiz im Voigtlande geboren wurde, der Erste, der im Jahre 1709 die Entdeckung machte, aus dieser weißen Erde Porzellan herzustellen, was in ganz Europa Aufsehen und Abnahme zur Folge hatte. Seit dem Anschluß Sachsens an Preußens Zollsystem hat sich diese Fabrik mit namhaftem Ueberschuß bewiesen.

Wie ein Häuflein alter lebensmüder Hospitaliten in herkömmlicher Einfachheit der Sitten und Gewohnheit sich an der Wärme der bald scheidenden Sonne erquickt –: so ruht das Städtlein Aue mit seinen 136 meist uralten hölzernen Häusern in einem milden, wunderlieblichen Kessel, der die Aue heißt und dem Oertchen den Namen gab. Hier begrüßen sich das Schwarzwasser und die Mulde, deren Ufer allerwärts mit Laubholz umbuscht sind und rechts und links üppige Wiesen und fruchtreiche Aecker zu Nachbarn haben. Aue war im sechzehnten Jahrhundert ein Dorf; erhielt aber später städtische Gerechtsame, wozu ihr Zinnbergbau am Heidelberg und die Porzellanerde beigetragen haben mag. Später, als sich der erstere erschöpft hatte, gab sich die Einwohnerschaft dem Feldbau und der Viehzucht mit größerer Sorgfalt hin, wozu sich ein in Umschwung kommender Nahrungszweig – das Steinmetzgergewerbe – gesellte, welches im dortigen Muldenthale sich immer mehr und bis zum heutigen Tage erweiterte.

Die geschmacklosen Formen der in den zwei oder drei Gäßchen ungeregelt hingesetzten Häuser erinnern an das Mittelalter; sie umkauern das Rathhaus mit seinem verkreuzten Giebelholzwerk und Thürmlein, woran das Zifferblatt todtenbleich nach dem Gottesacker schaut. Die neuere Zeit hat vor den hölzernen Sitz des Stadtgerichts einen Tanzsaal geschoben, der mit seinem Orchester die Thüre zur Rechtspflege versteckt, die sich freilich auch nur mit einem Läppchen von Gerechtsamen (Nachlaßregulirungen) abgeben durfte, jetzt aber dem Kreisamte Schwarzenberg dingpflichtig ist. Das kleine Bürgerthum erspart dafür einen Stadtrath zu besolden.

Die neuere Zeit hat die Industrie auch in dieses freundliche Muldenthal geführt und sie für Fabriken und Bleichen die bequemere Wasserkraft aufsuchen lassen. Die Holberg'sche Bleich- und Appreturanstalt ist großartig und streckt einen acht Etagen hohen Trocknenthurm weit über das beschindelte Städtchen empor, um dieses seine Ueberlegenheit fühlen zu lassen; um und neben diesem Riesen breiten sich Gärten aus mit sorgsam gepflegten Blumen des In- und Auslandes; Früchte aller Art für die Küche und unmittelbar für den Gaumen, werden in Menge gezogen und regen Lüsternheit selbst für die einfache Gewohnheit des Hauswesens im Orte an. Diese Bleichanstalt, so wie die Laukner'sche Spinnerei, verbunden mit der Geitner'schen Argentanfabrik und der Actienweberei mit 400 Stühlen zu Auerhammer, haben das Städtchen lebendiger gemacht, die Nahrung gesteigert und selbst angefangen, den Geschmack im Aeußerlichen zu heben. Einige hübsche Häuser sind entstanden und anderen hat man eine Saloppe durch Abputz umgeworfen, welche sich, des Dinges ungewohnt, die alte Herkömmlichkeit doch nicht völlig abstreifen lassen. Ob die Einwohner zu Aue und ihre Nachkommen in einem völlig neu und im Sinne der Gegenwart erbauten Städtchen ihre tadellose Gesittung, Fleiß und Genügsamkeit eben so fortpflanzen und von Geschlecht zu Geschlecht vererben werden, als ihre alten Häuschen Zeugniß geben, kann nur von einer fernern Zukunft referirt werden.

Eine Seltenheit muß der Fremde nicht vergessen in Augenschein zu nehmen. Es ist die sogenannte Tausendgüldenstube im Fischer'schen Gasthofe eine Treppe hoch. Die Wände, Decke und Fensterbrüstungen nämlich sind mit einem merkwürdigen Schnitzwerk getäfelt; Blumen, Vasen, Engelköpfe bekleiden alle Flächen des Zimmers und bestehen aus weichem Holz ohne allen farbigen Anstrich. Die Arbeit gehört einer alten Zeit an, die nicht genau zu bestimmen ist, und ein Nürnberger soll sie um 1000 Gülden geliefert haben, was Veranlassung zu dem Namen gab.

Die beiden großen steinernen Brücken über die Mulde und das Schwarzwasser, welche zu beiden Seiten hohe Brustmauern haben, waren früher mit hölzernen Geländern versehen. Dies ist an sich, eben so wie die Bauart der Brücken selbst, nicht der Rede werth; allein diese Brückengeländer führt das Städtchen in seinem Rathssiegel, was so leicht der Heraldiker nicht errathen würde.

Es ist allerdings der Mühe werth, wenn wir uns in dem lieblichen Thale noch ein wenig umsehen und namentlich das mittägige Gehänge betrachten, welches von Lößnitz her zwischen dem Au- und Rumpelsbach liegt und von einem hohen Berge, der Hirnschädel genannt, herab in das Schwarzwasser- und Muldenthal schweift. Das Dörfchen Zelle bildet einen niedlichen Saum dicht an den benannten Flüssen und endet mit dem Pfannenstieler Blaufarbenwerk oben und mit dem Rittergut Klösterlein unten, so daß das langgestreckte Dörfchen wie eine Guirlande zwischen beiden schwebt.

Bei der freundlichen Familie des Herrn Factor Beck in dem Blaufarbenwerke findet jeder anständige Fremde liebevolle Aufnahme und in ihr den Führer zu all' den Naturannehmlichkeiten, die sich so anziehend um das Werk zusammengefunden haben. Insonderheit ladet der kleine Park ein, der sich um den Ellenbogen eines hohen Berges, der nach Pfannenstiel hin sich steil erhebt, herumzieht. Ein Nadel- und Laubgrün macht die Partie schattig und heimlich, und das Schwarzwasser läuft dort wieder zurück, um die Herrlichkeiten noch einmal in seinem Spiegel aufzunehmen.

Der Rumpelsbach kommt aus einem engen waldigen Thal, dem Bärengrund, hervor und tändelt mit allerhand Blumen durch üppige Wiesen herunter, wo ihn der größere Fluß aufnimmt, dessen Ufer Erlen- und Weidengebüsch thalabwärts begrenzt.

Unterhalb dem Rittergute Klösterlein ruht einsam träumerisch und von allen Wohnlichkeiten entfernt, wenn man etwa den dortigen Eisenhammer nicht veranschlagen will, inmitten einer Wiese, die Klosteraue genannt, die Kirche wie ein verschlafener Hirt, dem die anvertraute Heerde entwichen ist. In der Nachbarschaft dieser Kirche zu unserer lieben Frauen war ehedem ein Kloster, welches Markgraf Otto gestiftet und das St. Georgenkloster zu Naumburg reichlich dotirt hatte. Gegenwärtig ist sie das Filial von Schlema.

Die Drutenau[5].

Von dem Städtchen Aue nach Mittag hin wandelt man durch ein kurzes, von hohen Bergen umringtes fruchtbares Thal, mit Wiesen und Feldern überdeckt, durch welche in sanften Krümmungen die Mulde ihre Wellen, zur Arbeit für allerhand Räderwerk, rastlos dahintreibt. Am obern Ende dieser Drutenau lag ehedem ein Eisenhüttenwerk – Auerhammer – welches in der neuern Zeit der Dr. Geitner'schen Argentanfabrik (Neusilber) Platz gemacht und dadurch der kleinen Einwohnerschaft, die das Hammerwerk im Stiche und folglich in Elend ließ, wenigstens Arbeitsgelegenheit gegeben hat. Der als erprobter Pomolog und Botaniker bekannte Eigenthümer ließ sich angelegen sein, die Schlackenhaufen, Hüttenstätte, Holz- und Kohlenräume in Obst- und Blumengärten umzuwandeln; die vom Alter zusammengesunkenen Häuser wieder aufzurichten und mit einem gefälligen Anstrich zu versehen, damit sie sich vor den fremden Blumenfreunden, wenn diese sich zu dem Gartenvereine einfinden, nicht zu schämen brauchen. Alles dies gab vielfache und lang anhaltende Arbeit, wodurch sich Mancher sein Brot erwerben konnte. Ein grasreicher Wiesengrund zieht sich gegen Abend hinauf nach dem Brünlasberg; ihn durchwässert theils die Zschorla[6], theils der Floßgraben, welcher 3 Stunden Wegs in mancherlei Krümmungen, an steilen Berggehängen, sein Wasser den Mühlen-, Berg- und Hüttenwerken in Schlema bei Schneeberg zuführt[7].

Noch lebendiger und großartiger ist das hübsche Thal durch die Anlegung der Maschinenweberei von einer Actiengesellschaft geworden, in der zeither 400 Stühle webten, die aber bald in ein beklagenswerthes Siechthum zu verfallen schien, wenn sie nicht käuflich in die Hand des Fabricanten Clauß in Chemnitz gekommen wäre.

Da in diesem sehenswerthen Etablissement keine Geheimnißkrämerei und keine Zunöthigung nach Trinkgeldern herrscht, sondern nur eine höfliche Veranlassung vorliegt, für etwanige Kranke oder Beschädigte eine Kleinigkeit in die Büchse fallen zu lassen, so sollte kein Fremder die Gelegenheit unbenutzt lassen, diese Maschinenweberei mit ihren Vorarbeiten anzusehen, weil jede Beschreibung die deutliche Vorstellung davon ausschließt. Diese 400 Stühle, welche von mehrern hundert jungen Leuten bedient werden, können in einem Jahre 40,000 Stück Shirdings, à 64 Ellen, liefern.

Bockau[8].

Gleich hinter dem Webemaschinengebäude zu Auerhammer braus't die Mulde aus einem engen waldigen Felsenthal hervor, in welchem zunächst das sogenannte Teufelswehr eingebaut ist, welches die Aufschlagewasser auf nur gedachte Maschine führt. Ufer und Bette des Flusses bestehen aus sehr festem Granit von mittlerem Korne und oft fingerlangem milchweißen Feldspath. Es mag mehr dazu gehört haben, als die Gewalt der Fluthen, diese Massen zu durchbrechen und das Haufwerk davon hinaus auf die Aue zu schieben, wo solches den Auer Steinmetzen zur Beute verfällt. Mühsam klettert man am rechten Ufer hinauf und stößt bald in der Nähe der Habichtsleithe wieder auf Glimmer- und Thonschiefer, welcher viele Hornblende aufnimmt und ihm den Namen »Fruchtschiefer« verleiht. Nach kaum einer Stunde Wegs lärmt ein Bach nach dem rechten Ufer der Mulde durch ein tief eingeschnittenes Seitenthal herab, um sich mit diesem Flusse zu vereinigen. Dieses Seitenthal hat rechts einen hohen klippigen Kamm, der theilweise seine ziemlich horizontalen Glimmerschieferplatten hinausschiebt, daß sie mit Erde bedeckt und Feldfrüchte darauf erbettelt werden können. Die übrige Räumlichkeit des Thales liefert um so reichlicher das üppigste Wiesenfutter, je bequemer dieselbe von diesem Gewässer genährt werden kann.

Bockau liegt nicht sonderlich romantisch; der tiefe Thaleinschnitt hebt sich bald heraus und flacht sich in eine lange Mulde aus, welche eine Menge Güter und Häuser aufnimmt und mit der Kirche und der Zeche St. Johannis den übrigen Raum begrenzt hat. Eine Anzahl Häuser im Orte leiten durch ihre Anlage, Größe und ihren architektonischen Geschmack auf eine Zeit zurück, zu welcher viel Nahrung und Wohlhabenheit stattgefunden, die aber gegenwärtig die Lebensfrische verloren hat und der Verkümmerung noch mehr in die dürren Arme zu fallen droht.

Wer hat nicht von den Medicinallaboranten, Olitätenhändlern, Zeeh'schen Pillen, Schneeberger Schnupftabak u. s. w. gehört und von letzterem wohl auch genies't? Bockau mit 1700 Einwohnern ist der bedeutendste Ort im Obererzgebirge, wo officinelle Kräuter gebaut, in Wäldern von Kindern aufgesucht und für den Verkauf gesammelt werden, dann aber als Heilmittel für mancherlei Krankheiten und Verletzungen zugerichtet, auf Märkten und Messen verkauft und durch sogenannte Olitätenhändler, meist Leute im Berghabit und im Dorfe Sosa wohnhaft, in ferne Länder vertrieben werden. Die vaterländische Geschichte hat vom Beginne dieses Medicinalverkehrs und von seiner Verbreitung keine zuverlässigen Nachrichten aufbewahrt, und man glaubt, daß gleichzeitige Ansiedler aus Böhmen, welche Johanngeorgenstadt entstehen ließen, den Kräuterbau eingeführt und deren Nachkommen denselben erweitert haben. Ueberall auf den Fluren findet man Angelica (Angelica archangelica), Baldrian (Valeriana officinalis), Rhabarber (Rheum undulatum) und dergleichen Kräuter- und Wurzelwerk angepflanzt und gepflegt.

Die Angelica hat einen sehr durchdringenden, stechenden Geruch, legt sich in die Kleider und verräth die Heimath der Bockauer auch dann noch, wenn sie viele Meilen weit gereist sind.

Die Traugott Heinrich Friedrich'sche Handlung ist im Orte die vorzüglichste, und da jeder anständige Fremde in derselben die wohlwollendste und uneigennützigste Aufnahme findet, so wollen auch wir davon Gebrauch machen, um aus dem Munde und den Rechnungsbüchern des Handelsherrn die Eigenthümlichkeit der Nahrungsverhältnisse im Orte zu vernehmen. Wir hören, daß in Bockau jährlich

8 bis 900 Centner Angelica, à Centner 6 bis 15 Thaler, gegenwärtig (1841) 9 bis 11 Thaler,

15 bis 20 Centner Baldrian zu 6 bis 7 Thaler,

10 bis 15 Centner Rhabarber, à Centner 6 bis 8 Thaler,

15 bis 20 Centner wilde Bärwurzel, à Centner 5 bis 6 Thaler, und

2 bis 3 Centner Leibstöckel (Ligusticum levisticum), à 7 bis 8 Thaler,

erbaut und bei Weitem der größere Theil von Herrn Friedrich erkauft und versendet wird. Demnächst bedarf dieser für sein Geschäft 14 bis 16,000 Dutzend kleiner Schachteln zu dem sogenannten Schneeberger Kräuterschnupftabak und bezahlt für das Dutzend 1 bis 4 Groschen Macherlohn. Die Herren Zeeh und Brückner daselbst bedürfen für denselben Zweck ebenfalls 6 bis 8000 Dutzend jährlich; nicht minder sind für Bockau außerdem 50,000 Schachteln zu Räucher-, Zahn- und Seifenpulver, ferner zu Pflaster, Pillen, Räucherkerzen und dergleichen mehr erforderlich, welche à 1000 Stück mit 18 Groschen bis 2 Thaler, auch theilweise mit 8 bis 10 Thaler bezahlt und sämmtlich da verfertigt werden. Viele arme Kinder tragen Jahr für Jahr eine Menge Kräuter aus den Wäldern, von Wiesen und Feldrändern zusammen, als: Johanniskraut (Hypericum perforatum), Johannisblumen (Arnica montana), Waldmeister (Asperula odorata), Huflattig (Tussilago farfara), Bärenlapp (Lycopodium clavatum) und noch mehrere zusammen, und ein jedes derselben verdient täglich 2 bis 3 Groschen. Bei Weitem der größere Theil der genannten officinellen Gegenstände werden auf Messen und sonstigen Vertriebscanälen über Nürnberg nach Frankreich, Italien, Oesterreich, Preußen, Rußland und selbst nach Nordamerika versendet und dafür nicht unbeträchtliche Summen in das Land gezogen.

Außerdem werden noch eine Menge Balsame, Liquor, Spiritus, Tinctur, Oel, Pulver und gebrannte Wässer gefertigt, die theils von den Laboranten selbst auf Messen und Märkten im Ganzen verkauft oder von den sogenannten Olitätenhändlern nach Schlesien, Polen, Westpreußen und bis an die nördlichen Seeküsten vertragen werden. Gegen 800 bis 1000 Thaler Hohlglas wird noch gegenwärtig für die Bockauer Medicinalbereitung von der sächsischen Glashütte bei Karlsfeld bezogen, und noch vor etwa 20 Jahren nährten sich gegen 1700 Familien im Obererzgebirge davon. Die Wohlfahrtspolizei der neuern Zeit hat diesen Erwerbszweig bereits über zwei Drittel vernichtet, weil man gefunden zu haben glaubt, daß die menschliche Gesundheit und das Leben dadurch bedroht und in Gefahr gesetzt werde; und was noch concessionell davon besteht, läßt man absterben, indem die Berechtigungen in der Regel nur der Person ertheilt worden sind.

Man hat es nicht thatsächlich vorliegen, wie weit in Sachsen und den Nachbarländern die Sterblichkeit herabgesunken sein mag, seit die Medicinalbereitung und das Hausiren damit beschränkt und hart verpönt worden ist. Dagegen ist nach öffentlichen Blättern amtlich nachgewiesen, daß in England in einem Jahre 31,000 weibliche Personen an der Schwindsucht, als Folge der zu engen Schnürleiber, verstorben sind. Den Schneidern ist auch bei uns die Verfertigung von solchen Zwangsfutteralen für Siechthum und Tod erlaubt und das Brauen und Verzapfen von baierschem Biere zur Mast der Leber, mithin für Abkürzung des Lebens, gestattet, ohne daß die medicinische Wohlfahrtspolizei ein Bedenken dagegen aufzustellen geneigt ist. Nicht lange wird es dauern, so werden wir auch das Opiumgift bei uns haben, wie in England, und es dürfte eben so wenig mit Erfolg dagegen eingeschritten werden können, als gegen die Schusterzünfte, welche ihr widernatürliches Stiefel- und Schuhwerk für die fortschreitende Veredlung der Hühneraugen zu vervollkommnen suchen. Je mehr sich der Mensch durch Modesucht von seiner Natürlichkeit entfernt und je mehr sich derselbe in der Mannichfaltigkeit der künstlichsten Genüsse, wofür alle Zonen der Erde zinsbar gemacht werden, verliert und darin beharrt, desto ohnmächtiger werden alle Warnungen und alle polizeiliche Maßregeln dagegen bleiben; und wenn ja letztere hier und da durchdringen, wie bei dem Medicinalhandel, so werden sie neue Mißverhältnisse in den Gewerbsweisen und Wohlfahrtszuständen hervorrufen, welche es unentschieden lassen, ob diese nicht schlimmer sind, als jene zu sein schienen. Ist das Volk reif und mündig, so wird es selbst das Unnatürliche und Schädliche von sich entfernen und durch Schule und Beispiel eine geläuterte Zukunft bereiten, in welcher sich manche Hemmnisse und Zwangsmaßregeln entbehrlich machen. Ob diese Zukunft nahe liegt? – dies mag sich der geneigte Leser selbst beantworten, besonders wenn er ein Erzgebirger ist.