Bermsgrün
(nicht Bergmanns-, Beermanns- oder Permißgrün).
Gleich hinter Erlahammer klettern 121 Häuser und Güter in zwei langen Aesten, wovon der eine »der Sack« genannt wird, den Berg hinauf, die über 1176 Menschen bewohnen. Dieses Dorf hat in seinem Bereiche, wenn nicht etwa gerade die kleinen hier in Menge wachsenden Kirschen in ihrer Reife stehen, nichts Anziehendes; gleichwohl läßt sich von seiner Entstehung, seinen Familienzuständen, Gewohnheiten, Trachten und von seiner Sprache so viel Interessantes sagen, daß wir doch einige Schritte näher treten wollen.
Vermuthlich fällt die Zeit der Entstehung dieses Dorfes gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, weil 50 Jahre später nur »21 seßhafte Man, darunter 9 kleine Heußler« verzeichnet worden sind. Das jugendliche Hammerwerk Erla an seinem Fuße zog damals, wie es höchst wahrscheinlich ist, die ersten Blechschmiede aus dem Orte Bermsgrün am baierschen Fichtelgebirge herein, welche sich allmählig hier seßhaft machten. Geburts- und Heimathsscheine waren dort wie hier nicht üblich, und man fühlte das Bedürfniß eines Tauf- und Geschlechtsnamens nicht, weil es genügte, daß sie Blechschmiede waren. Die Kinder und Nachkommen behielten diese Benennung mit Hinzufügung eines sogenannten Spitznamens zur Unterscheidung bei und behalfen sich damit bis auf den heutigen Tag, wo nicht weniger als 72 Familienväter gezählt werden, die sämmtlich Blechschmidt heißen. Sehr nahe mußte es diesen Blechschmieden liegen, ihren Anbau ebenfalls Bermsgrün zu nennen, zur Erinnerung an die frühere Heimath.
Die ganze Bevölkerung besteht in Bauern, welche den Hammerwerken Eisenstein, Flöße, Kohlen und andere Bedürfnisse zuführen und nebenbei ihre Felder bestellen; in Holzmachern, Köhlern und Bergleuten, überhaupt aber in einem stämmigen, breitschulterigen und dickwadigen Menschenschlage. Kein Kauf- oder Handelsmann, kein Landreisender und außer einigen Schmieden und einem Töpfer kaum ein anderer Handwerker findet sich im ganzen Dorfe. Dadurch läßt sich's erklären, daß die Einwohnerschaft, aus Mangel allen Verkehrs nach Außen hin, auf einer flachen Stufe geselliger Conversation stehen geblieben ist und an der Herkömmlichkeit ihrer Altvordern festzuhalten strebt. Selbst die modischen Namen, welche den Kindern in der Taufe gegeben werden, sind hier noch fremd. Gottlieb, Traugott, David, Friedrich, ingleichen Sophie, Gottliebe, Dorothee u. s. f. hört man in jedem Hause; dagegen zieht in den Fabrikdörfern Alexis am Schubkarren, Oskar hütet die Gänse und Heloise sammelt Holz im Walde. Der Dialekt ist dem am baierschen Fichtelgebirge verwandt; ein flexible singende Betonung der Worte hört sich, besonders bei Kindern und Frauenzimmern, nicht übel an und wird im ganzen Obergebirge nicht weiter getroffen. Brutolmet – Brotschrank, Kupwihting – Kopfweh, Krabassen – Krebse, Hutzengieh – Spazierengehen, besappen – die Kleider unten herum schmutzig machen, luschane – laß sehen u. dergl. m. sind Ausdrücke, die man öfters hört, der Fremde aber nicht immer versteht. Die Tracht der Männer ist freilich in Form und Schnitt um 50 Jahre zurück; dagegen die der bejahrten Weiber mit ihren niedrigen, steifen und mit breiten weißen Tressen besetzten Hauben noch viel weiter. Dieser Kopfputz scheint aus verzinntem Blech gefertigt und wie ein Hausgeräth von Erbe zu Erbe übergegangen zu sein. Jetzt fangen sie aber an, seltener zu werden. Mädchen und junge Frauen kleiden sich daneben auffallend bunt: brennend roth, hochblau, pomeranzengelb und grasgrün sind die Farben des Anzuges und Bänderwerks von Kopf bis zum Fuß, als hätte der Schneider den Regenbogen dazu verschnitten. Diese grelle Farbenpracht schmerzt das Auge beim Sonnenschein, wenn sich die Bermsgrüner Sonntags vor der Kirche auf dem Marktplatze in Schwarzenberg, wohin sie eingepfarrt sind, in Gruppen, wie sie es zu thun pflegen, aufstellen und sich beschauen lassen. Die Bermsgrüner kennen die Genüsse nicht, woran sich der Großstädter so häufig dem Arzte und dem Todtengräber in die Hände liefert, mithin auch die Sittenverfeinerungen nicht, wodurch der Mann nach der Mode so oft die vernünftige Natürlichkeit verliert. Eine gewisse Art von blöder Unbehülflichkeit nimmt ihn gefangen, wenn er mit Personen zusammentrifft, die nicht seines Gleichen sind; doch ist er gutherzig, er ist der Kirchlichkeit sehr zugethan und doch fröhlichen Gemüths und, unbekannt mit dem buntscheckigen Getriebe der Welt, ist er doch rechtlich und wohlwollend. Dadurch erklärt es sich, daß Bermsgrün, im Verhältniß zu seiner Einwohnerzahl, die wenigsten Processe, geringsten Schulden und gegenwärtig nur 14 Almosenempfänger hat. Der Ort war seit dem Anfange dieses Jahrhunderts beglückt, gute Schulmeister zu haben. Die Namen Mehlhorn, Schulze, Seifert und Schubert haben einen guten Klang: denn ihr Fleiß ist nicht ohne Segen geblieben. Wenn schon die neuere Zeit mit ihren Schöpfungen an der bequemen Herkömmlichkeit rüttelt und zu modischer Genußsucht und größerer Abrundung der Sitten auffordert, so wird das ehrenhafte Bermsgrün doch so lange in seiner Einfachheit zu verharren suchen, bis die Erfahrung lehrt, daß es besser ist – nachzufolgen.
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