Das Eisenhüttenwerk Erla.
Da Schwarzenberg von der Morgenleithe aus schon in einer Wegstunde wieder zu erreichen ist, so gehen wir nun gegen Süden durch das Rosenthal nach dem kaum eine halbe Stunde entfernten Erlahammer, wie dieses Eisenhüttenwerk gewöhnlich genannt wird. Wenn schon die Rosen an der Benennung des Thales eben so wenig Theil haben mögen, als an dem zwischen Leipzig und Gohlis, so ist es doch wunderlieblich zur Rosenzeit und überhaupt vom Frühling bis zum Herbst. Der bewaldete Rockelmann mit seiner Granitmasse rechts und die fichtengrüne Bärenstallung links, mit ihrem dickflasrigen Gneuse (Augengneus), schließen eine Ebene ein, in welcher das Schwarzwasser Zainhämmer und Walzwerke treibt und üppige Wiesen wässert. An dem steilen Berge zieht hier und da, mit bedächtig langsamem Schritt, ein Stier am Haken; ihn leitet gewöhnlich ein stämmiger Knabe, während der Vater mit kräftiger Hand das Hakengestelle gegen den Berg zu drängen sucht, damit die ganze Gesellschaft sich nicht überschlägt und in's Thal herabkugelt. Es kann nicht anders sein, das nutzbare Land arbeitet sich nach und nach herunter und muß von Zeit zu Zeit eben so wie der Dünger hinauf und die Früchte herabgetragen werden. Wer Fleiß und Arbeit nicht scheut, wird dafür dennoch mit herrlichen Früchten belohnt.
Es mag einmal ein eben erwachender Frühlingsmorgen sein, indem wir das Schwarzwasserthal nach Erla und weiterhin durchwandern. Wir hören die Zippe – die erzgebirgische Nachtigall – auf den höchsten Gipfeln der Fichten flöten; hoch über der Thalebene die Lerche trillern und das allmählig verschwimmende Adagio des Rothkehlchens im Erlengebüsch, während die Eisenhämmer, taub für melodische Töne, auf glühendem Eisen tosen und das widerliche Heulen des Gebläses Ströme von glühendem Kohlengestiebe in die Lüfte treibt. Mit Ackergeräthe zieht der Landmann zu Felde, Berg- und Hüttenleute wechseln die Schichten, und der Holzmacher schreitet in den Wald mit Aexten und magerer Kost im Kober – Alle nebeln ihr Pfeiflein, von welchem der Schwamm am besten riecht.
Plötzlich schließt sich das anmuthige Rosenthal; wir stehen gegen Süden vor dem hohen langen Rothenberg, über welchem sich Crandorf wie ein riesenhafter Reif nach dem jenseitigen Gehänge spannt. Links lehnt er sich an den höchsten Kamm der Bärenstallung, das hohe Rad (nicht hohe Rath) genannt, wo der Erlan bergmännisch gewonnen und als Zuschlag (Flöße) beim Einschmelzen benutzt wird; rechts zieht sich das Gebirge nach dem Thale hin, in welchem das Schwarzwasser seine rauschenden Wellen treibt. Die Breite des Rosenthales verengert sich in eine tiefe Wanne, mit Laubholz ausgefüllt, welches das Eisenhüttenwerk wohlthuend in seine Schatten hüllt.
Dieses Werk hat in der neuern Zeit, und namentlich durch seine gegenwärtigen Besitzer Nestler und Breitfeld wesentliche und für Holz- und Kohlenersparnisse berechnete Verbesserungen erhalten, die sehr kostspielig gewesen sind. Die Anlegung von Blech- und Stabwalzenwerken, die Neubaue beim Frischfeuer, das Schmelzen mit heißer Luft und die Bedachungen von Hütten- und anderen Gebäuden mit Eisenblech haben sich bewährt gefunden und werden ihre Zinsen tragen, wenn nicht abermalige Holzreductionen und Aufschlag auf den Grund gedachter Ersparnisse erfolgen. Die erst vor einigen Jahren mit vielem Aufwand errichtete Maschinenbauwerkstatt, welcher ein Engländer, Namens Payne, vorstand, hat gleich im Anfange vorzügliche Arbeiten geliefert wie z. B. die Webestühle zu Aue, 400 an der Zahl, unwidersprechlich lehren. Indessen hängt die Lebendigkeit einer solchen Maschinenwerkstatt zu sehr mit dem allgemeinen Fabrikverkehre des In- und Auslandes zusammen, daß sich auf eine lange Reihe von Jahren eine gedeihliche Stabilität nicht immer erwarten läßt.
Die Zeit der Entstehung des Hammerwerks Erla läßt sich geschichtlich nicht bestimmt nachweisen, doch liegt sie gewiß nicht fern von der Fündigkeit des dabei gelegenen Rothenberger Eisensteinbergwerks, gegenwärtig des wichtigsten in Sachsen. Und da dieses seit länger als drei Jahrhunderten im Umtriebe steht, so wird sich das Alter des Eisenhüttenwerks selbst annähernd bestimmen lassen. Die Ergiebigkeit des Rothenberges, die Güte des Eisensteines und die Ausdehnung seines mächtigen Ganges, verbunden mit einem Reichthum an Holz, welcher dieses fast werthlos machte, mußte sehr bald zur Anlegung eines Hammerwerks auffordern, und es scheint, daß ein gewisser Gregor Arnold der Begründer desselben wurde. Noch gegenwärtig liefern die drei Fundgruben des Rothenberges – die obere und untere Heinzenbinge und St. Johannes – welche mit ungefähr 140 Mann belegt sind, jährlich 3000 Fuder Eisenstein, das Fuder zu 5 Tonnen und die Tonne zu 5 □Fuß gerechnet, welche jedoch vom Erlahammer nicht allein, sondern auch von den andern Besitzern ähnlicher Werke, in der Eigenschaft als Theilhaber an den Gruben, selbst verschmolzen werden. Das zehnte Fuder erhält allezeit, nach Abzug der Gewinnungskosten, der Staatsfiscus zum Bergzehnten. Die Wasserhaltung sämmtlicher Zechen, welche in der Teufe mit einander durchschlägig sind und sich die Wasser zuführen, geschieht durch Künste, deren riesenhafte Räder über Tage hängen. Mittelst eines Kehrrades und eines eisernen Seiles, circa 110 Centner schwer, wird der Eisenstein zu Tage gefördert. Die größte Tiefe der Gruben beträgt 95 Lachter, à 3½ Elle.
Das Eisenhüttenwerk Erlahammer, so wie jedes andere, gewährt in seinem Umtriebe sehr viel Anziehendes. Das Rohschmelzen im Hohofen, das Toben der Hämmer, das Heulen und Pfeifen der Gebläse und dabei das pausenartige Aufschlagen der Gichtflamme, welche zur Nachtzeit dem Wetterleuchten ähnlich ist, nimmt die Aufmerksamkeit eines jeden Fremden in so hohem Grade in Anspruch, daß er sich bisweilen vergißt und von den Arbeitern gewarnt werden muß, wenn er der Gefahr nahe steht. Die Hitze beim Rohschmelzen, besonders beim Abwerfen der Heerdschlacken, Abstechen und Gießen großer Körper, kann nicht Jeder vertragen; doch ist die Meinung irrig, wenn angenommen wird, daß die Hammerarbeiter deshalb das bloße Hemde und keine Beinkleider auf dem Leibe trügen. Diese leichte Bedeckung hat sich auf den Hammerwerken von den ältesten Zeiten her deshalb als zweckmäßig bewährt, weil der glühende Sinter, der während der Arbeit im Hüttenraume herumspringt und mithin dem Arbeiter sehr oft auf den Leib geräth, leicht auf die Erde fällt, wenn er das Schurzfell lüftet. Das Eisen, welches sich in einer zwölfstündigen Schicht im Hohofen angesammelt hat und dann in einen trogartigen Sandgraben beim Abstechen hineingelassen wird, erstarrt sehr bald und heißt dann eine Ganz (nicht Gans) und in der Mehrheit Gänze, weil es ganze rohe Eisenmasse ist. Diese Gänze, so wie überhaupt das Roheisen, wird in Hütten weiter verschmolzen oder verfrischt und kommt dann in allerhand Formen, Länge, Stärke etc. in den Handel.
Ein kräftiger, schwarzer Menschenschlag mit Zähnen wie Elfenbein hauset in den Hohöfen und Eisenhütten; das Innere ihrer Hände besteht aus einer hufartigen Rinde, an welche sich die krummen, wenig gelenkbaren Finger anschließen. Diese einfachen, gutmüthigen Leute werden häufig schwerhörig und blödsichtig – eine Folge der gellenden Hammerschläge und der stechenden Hitze. – Der Lebenslauf eines Hammerschmiedes ist sehr einfach; als Knabe von 10–12 Jahren kommt er mit in die Hütte, lernt die Arbeiten des Vaters, aber – nichts in der Schule, weil er nicht hineingeht, verheirathet sich eher oder später, führt die Kinder auf seine eigene Bahn und kommt im Alter weg, – wohin? Dies weiß selten Jemand. Daher sagt P. Wild in seinen Gedichten von den Knaben der Hammerschmiede:
»Wir war'n wie's Vieh su roh gezug'n;
Wir larne Vugelstell'n und Fluchen.«
Eben so sagt man im Obergebirge, wenn von einer Person die Rede ist, deren Aufenthalt unbekannt ist, und die für todt gehalten wird:
»Er ist weggekommen wie ein alter Hammerschmied.«
Die Hammerschmiede haben selten ein Eigenthum bei einem Eisenhüttenwerke; sie wohnen in herumzerstreuten Häusern, die dem Hammerherrn gehören, in mehreren Familien zusammen, und weil die Hütten Tag und Nacht im Umtriebe stehen, die Schicht aber 12 Stunden dauert, so folgt daraus, daß der Hammerschmied so lange arbeitet und eben so lange schläft. Von dem übrigen Weltverkehre weiß er nichts, und seine Urtheile darüber sind häufig von solcher eigenthümlich drolligen und lustigen Art, daß sie in einem Anekdotenbuche aufgenommen zu werden verdienten, wenn der Dialekt und das Geberdenspiel mit abgedruckt werden könnte.
Das Alter und die Unfähigkeit zur Arbeit läßt den Hammerschmied zuletzt von einem Hammerwerke zum andern, wo er etwa Kinder oder Bekannte hat, aus langer Weile schlendern, und er stirbt zuletzt da oder dort, ohne daß man sich immer die Mühe giebt, die Verwandtschaft davon in Kenntniß zu setzen. So war es von jeher und bis zur neuern Zeit herauf, die auch eine bessere Cultur in das Hüttenwerk zu bringen gedenkt, welche wohl Eingang finden kann, da sich die mehrsten Hammerherren mit großen Opfern die Aufgabe gemacht haben, ihre Werke für Holzersparnisse zu reformiren, Stabeisen und Bleche zu walzen, mit erhitzter Luft zu schmelzen und den Feuern eine sachgemäßere Construction zu geben, wodurch der Hammerschmied zum Selbsturtheilen genöthigt wird, dadurch an Vielseitigkeit gewinnt oder – ausscheiden muß. Gegenwärtig trifft man schon sehr unterrichtete Leute, wenn von ihrem Fache gesprochen wird, welche die Vorzeit nicht aufzuweisen hatte.