III

Es klingeln alle Türme. Lautlos auf Kanälen,

Schwarzsilbergründig der Paläste Reih durchschneidend,

Erdolchen Gondeln sich. Aus branddurchrasten Sälen

Sich Lichtteppiche grell wie Treppen aufwärtsbreiten.

Da wiegen Stürme sich, im Meer zur Ruh gelegt,

Und schreiten Regen, Tröster über trockener Flur.

Des Mondes Sichel blitzet groß im Nachtgeheg

Und ein Komet schleppt zischend seine Feuerschnur.

Melodisch atmen Bäume, Teiche und Gesträucher

In Parkanlagen. Manchmal seufzet eine Bank.

Das Tulpenbeet entbrennt, ein weitverzweigter Leuchter

Und goldene Ströme poltern in der Klüfte Schrank. —

O Schlaf! Durchwalle zymbelnd unsere Gemächer

Und wen du antriffst schmerzzerrückt, den lulle ein!

Umzirke ihn! Traum, laß ihn weinend schwächer!

Gestrengen Engel rühr zu Wehmut auf dies Leiblichsein!

O Stadt der Qual! Zu Marter Zwang erkoren!

Da wanken wir an Humpelkrücken, welk-zerbrochen.

Wir haben Halt und Spur im Labyrinth verloren.

In Einsamkeit vereist, zerbarsten unsere Knochen.

Zertrümmert seufzt des Kirchendomes Pyramide.

Der Himmel greint, verschlissen-grau, ein Aufwaschtuch.

Auf offene Gräber träuft der Schneee bleicher Flieder.

Verweilet nicht im Zug betäubenden Geruchs!

Steigt weiter, wo euch nicht zerwirkte Gassen hindern,

Wo dichter Ölwald rauschend sich herniederneigt!

In warmer Bucht die Schwanenschiffe überwintern,

Bis einst ein Frühjahr guten Wind und Sonne zeugt.

. . . Es zuckte manchen diese Hoffnung um die Lippen

Und hatten sterbend wohl dies Wort geformet, daß

Wie Säulen gold aufleuchteten der Tode Klippen

Und Marmorprunk . . . Da aus der flammenden Steppen Gras

Nahte im Schwarm von Vögeln geisterhaft der Hauch.

Von Paradiesen, ob von Höllen er Bescheid uns brächte,

Wir wußtens nicht. Vertrauten gläubig nur, daß auch,

Wenns schlimm wär, wir uns wehrten nicht, nur dulden möchten.

Und wurden eingesargt in zorniger Mächte Kampf.

Der Rache Gott war furchtbar vor uns hingetreten.

Mit gelber Flüsse Schwert. Mit Augen, Feuerdampf.

Mit Schultern bergebreit, von Brand und Blitz umwehten.

Die Brücken krachten, vor ihm auf die Kniee fallend.

Die Häuser sich wie Hände ineinanderschoben.

Die Eisenbahnen gröhlend durch die Straßen wallten,

Die haben Schlangen züngelnd sich emporgehoben

Und sausten Geißeln durch die Lüfte mit Gesirre

Und krümmten pfeifend sich wie Hydren in der Faust

Des Ewigen. Wie Riesenbienen Plätze schwirrten.

Es schnellten Geysirstrudel aus der Klüfte Bau.

So daß wir dumpf verwandt uns fühlten blutiger Gosse.

Ach Brüder ihr, im Morgen Kreide und kaput!

Ihr Schwestern hingeklatscht, mit breitem Mund verschlossen,

Grau übertüncht von Puders Moderstaub und Schutt.

Vergeßt die Körper, quer zerhackt und aufgetrennt!

Zerfetzte Därme, die wie Bündel Würmer schleifen.

Der Leichen violetten Dunst! Das Instrument!

Der Watten Flockenbausch! Der Klebepflaster Streifen!

Sie heulen schallend, grindig-blind ans Licht geworfen.

Es grinsen Totgeburten. Wüst stinkt Fleisch an Fleisch.

Die süße Milch gerinnt in Mütter Brust verdorben

Und Lungen bröckeln unter ratterndem Geräusch.

Wir aber hören schon zerstampfte Länder schreiten

Und Tiere kreischen aus der Meere schwarzem Sumpf.

Die Sonne löst sich donnernd in Azurgebreiten

Und viele blonde Engel kichern im Triumph.

Wir sind zerfasert mürber Seele und verhuret,

Voll Flecken und zerschlissen wehet unser Kleid.

Auf unser Antlitz ätzen Laster krumme Spuren

Und Narben zucken im geschwollenen Schoße weit.

In den versunkenen Gewölben klappern wir Gerippe

Und winden uns und flattern auf im herrlichen Zug.

Verschnürte Häuteklumpen wir aus Särgen kippen.

Schon heilige Jungfraun geußen Öl in ihren Krug.

So haben wir den Schmerz zu unserer Braut erwählet.

Das Muskelfleisch aufscheuern die Gewänder hären.

Der Schmerz ist heilig. Er wird Tat und Werk gebären.

Verhaltene Kräfte zünden. Uns dem Tod vermählen.

Der Schmerz wird das Gehirn in harte Folter spannen,

Daß kalte Feuer sprühend diesen Raum entfachen.

Der Schmerz wird unsere armen Stunden streng bewachen

Und rinnen tönend-silbern aus den Opferkannen.

Der Schmerz wird Ewigkeit bestürmen und ergründen

Und Babel selig preisen und den Himmel spalten,

Daß unsere Augen wohl in große Sterne münden,

Daß unser armer Leib nicht spät zur Nacht erkalte . . .