Die Begießung und Besprengung.

Wie bei der dreimaligen Untertauchung, so versucht man auch den Ritus der Begießung und Besprengung als schon von den Aposteln in Anwendung gebrachte Sitte zu erklären. Man zitiert sogar Bibeltexte, aus denen „klar“ hervorgehen soll, daß zur Zeit der Apostel außer der Regel der Untertauchung auch durch Übergießen oder Besprengen getauft worden wäre. Um nachzuweisen, wie haltlos diese Behauptung ist, unterziehen wir die in Frage kommenden Bibelstellen einer genauen Untersuchung.

Die erste Stelle wäre Apg. 1, 5 in Verbindung mit Apg. 2, 17. 33. Man glaubt, in der Taufe des hl. Geistes ein Argument zugunsten der „Übergießung“ gefunden zu haben, denn der hl. Geist wurde „ausgegossen“.[174] Diese Schlußfolgerung wird aber vollständig durch die Tatsache entkräftet, daß, trotzdem der hl. Geist am Pfingsttage ausgegossen wurde, „erfüllte er das ganze Haus,“ worin die Apostel versammelt waren.[175] Wenn nun Wasser in einen Raum ausgegossen werden würde, bis der Raum ganz „gefüllt“ wäre, so würden alle Personen in demselben von Wasser umgeben oder in demselben „untergetaucht,“ „begraben“ sein. Dies war auch der Fall bei der Ausgießung des hl. Geistes am Tage der Pfingsten. Zu beachten ist noch, daß das Wort „ausgießen“ (ekchèo) in der vorliegenden Stelle (Apg. 2, 17) nur da gebraucht wird, wo es vom hl. Geist spricht; wenn aber die Schrift von den Personen spricht, die mit dem hl. Geist getauft werden sollen, so gebraucht sie das Wort „baptizein“,[176] welches, wie schon oben aufs klarste bewiesen wurde, stets „untertauchen“, „begraben“ und „versenken“ bedeutet. Dies wurde auch in Wahrheit dadurch bewerkstelligt, daß der Geist Gottes den ganzen Raum „füllte“, in dem die Jünger versammelt waren. Nehmen wir den Grundtext zur Hand, so sind wir allen Schwierigkeiten enthoben, denn wir lesen da in Apg. 1, 5; Matth. 3, 11 und Mark. 1, 8 nicht „mit“ sondern „im“ hl. Geist getauft werden, d. h. in den hl. Geist hineingetaucht werden. So erklärt auch Bischof Jakobson von der englischen Hochkirche diese Stelle: „Erfüllte das ganze Haus, d. h. wie ein Bad mit Wasser gefüllt wird, so daß sie untergetaucht werden konnten in dem hl. Geist zur Erfüllung von Apg. 1, 5.“[177] Somit haben wir in diesem Text einen starken Beweis für die Praxis der „Untertauchung“, nie aber für das „Aufgießen“.

Die nächste Stelle, die einen Beweis für die Besprengung enthalten soll, ist Apg. 2, 41. Hier berichtet Lukas von der Bekehrung und Taufe der Dreitausend. Man behauptet, 1. sei es nicht möglich gewesen, daß so viele an einem Tage untergetaucht worden seien[178], und 2. konnte es nicht geschehen, weil Jerusalem sehr arm an Wasser und Privatbädern war.[179] Mit welcher Berechtigung man die Taufe der Dreitausend an einem Tage einfach als unmöglich erklärt, ist uns unverständlich. Die Erfahrung und Geschichte lehrt vielmehr die Möglichkeit einer solchen zahlreichen Taufe an einem Tage. So schreibt Dr. Brenner in seiner „Geschichte der Taufe,“ S. 236, daß Remigius, Erzbischof von Rheims (gest. 533), 3000 an einem Tage getauft habe. Und Pfarrer Kranz (seit 1892 Missionar in China) berichtet in seiner Schrift „Einundzwanzig Gründe“, S. 30: „Zwei Beispiele aus der neueren Missionsgeschichte beweisen die Möglichkeit der Taufe von mehreren Tausend Personen an einem Tage. Am 3. Juli 1878 wurden bei Vilumpilly zwischen Ongole und Hyderabad (Südindien) 2222 Personen im Gundalacumaflusse getauft. Nur je zwei Prediger, welche jede Stunde von zwei anderen abgelöst wurden, vollzogen die Taufe, und die dazu gebrauchte Zeit war von 6 bis 10 Uhr vormittags und von 2 bis gegen 6 Uhr nachmittags. — Am 28. Dezember 1890 wurden 1671 Personen im Baptisterium des Dr. Clough in Ongole getauft, die dazu nötige Zeit war 4 Stunden und 25 Minuten.“

Was nun die zweite Einwendung anbetrifft, wo behauptet wird, daß Jerusalem sehr arm an Wasser sei, und deshalb die Taufe der 3000 nicht durch Untertauchung, sondern durch Übergießen oder Besprengen vollzogen worden sei, so tut es uns leid, sagen zu müssen, daß diese Behauptung den geschichtlichen Tatsachen nicht entspricht. Wer das Vorrecht hatte, Jerusalem selbst in Augenschein zu nehmen, wird zugeben müssen, daß in Jerusalem und in seiner nächsten Umgebung so viele Teiche sind, daß man ohne jegliche Schwierigkeit Tausende durch Untertauchen taufen könnte. Pfarrer Kranz gibt nach Dr. Hiscox folgende Teiche an: „1. Teich Bethesda, 360 Fuß (engl.) lang, 130 Fuß weit, 75 Fuß tief. 2. Teich Siloah, 53 Fuß lang, 18 weit, 19 tief. 3. Der „Obere Teich“, 316 Fuß lang, 218 weit, 18 tief. 4. Der „Teich des Hiskia“, 240 Fuß lang, 144 weit. 5. Der „Untere Teich“, 592 Fuß lang, 260 Fuß weit, 40 Fuß tief (während der Kreuzzüge noch voll Wasser). 6. Außerdem gab es mehrere kleine Teiche.“[180] Dr. Winer erwähnt ebenfalls alle diese Teiche.[181] Und Kirchenpropst Caspers führt aus: „Weder die Unmöglichkeit noch die Unwahrscheinlichkeit einer Taufe mit dem Untertauchen des ganzen Leibes ist objektiv darzutun, denn es befanden sich in Jerusalem viele Teiche, welche das Untertauchen leicht ermöglichten.“[182]

Der Teich Bethesda.

Auch Apg. 8, 36–39, wo die Taufe des Kämmerers der Königin Kandaze aus Mohrenland berichtet wird, wird angeführt, wobei das Bedenken laut wird, ob in diesem Fall genügend Wasser vorhanden war, um das Untertauchen vornehmen zu können, denn Vers 26 sagt von der Gegend, daß sie, „wüste“ war. Das Wort „Wüste“ bezeichnet in der Bibel fast immer eine unbewohnte Gegend, die aber nicht notwendigerweise trocken oder eine nackte Sand- und Steinfläche ohne Wasser und Vegetation zu sein braucht.[183] Als Beweis sei hier auf Matth. 14, 13–19 hingewiesen. Hier wird erzählt, daß Jesus sich in eine „Wüste“ zurückzog, wohin ihm viel Volks nachfolgte. Als nun die Nacht hereinbrach, verlangten die Jünger von Jesu, daß er die Menge wegschicken sollte, damit sie in die Märkte gehen und sich Nahrung verschaffen möchten. Aber anstatt der Jünger Verlangen zu willfahren, befahl er, daß sich das Volk ins „Gras“ setze, woselbst er sie mit fünf Broten und zwei Fischen speiste. Man beachte ferner, daß in Apg. 8, 36 es ausdrücklich heißt: „Und als sie zogen der Straße nach, kamen sie an ein Wasser.“ Diese Tatsache wird auch noch durch die Erklärung des Kämmerers bestätigt, indem er sagt: „Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, daß ich mich taufen lasse?“ In Vers 38 lesen wir, daß beide, der Kämmerer sowie Philippus, in das Wasser stiegen, und er taufte ihn — katébesan amphòteroi eis to hùdor — und gleich der nächste Satz lautet, daß sie nach Vollzug der Taufe aus dem Wasser stiegen — ote dé anébesan ek tou hùdatos. Wenn, wie man hier gerne behaupten will, die Taufe durch Aufgießen oder Besprengen vollzogen worden sei, so möchten wir doch gerne fragen, wozu wäre dann ein Hineinsteigen in das Wasser nötig gewesen? All die Umstände, welche die Taufe des Kämmerers begleiten, passen auf keine andere Art der Ausführung derselben als nur auf die des Untertauchens. Der Bericht ist so klar und unzweideutig, daß er weder mißverstanden noch umgedeutet werden kann. Und wer noch ein wenig Achtung vor der hl. Schrift besitzt, wird auch nie versuchen, solch klare Zeugnisse durch seine Ideen und Meinungen zu verdunkeln.

Dr. Doddridge faßt sein Urteil, dem auch wir nur beipflichten können, in folgenden Worten zusammen: „Es würde ganz unnatürlich sein, wenn man annehmen wollte, daß sie bloß deshalb in das Wasser hinabgestiegen wären, damit Philippus davon ein wenig in seine Hand nehmen und es über den Kämmerer ausgießen könnte. Ein Mann von solchem Stande hatte auf der Reise durch ein wüstes Land ohne Zweifel mancherlei Gefäße bei seinem Geräte, in welchem Wasser hätte nach dem Wagen gebracht werden können; eine solche Vorsicht ist in jenen Ländern durchaus notwendig für Reisende und wird niemals von ihnen unterlassen.“[184] Und Calvin bemerkt in seinem Kommentar zu Apg. 8, 38: „Hier sehen wir, wie die Taufe bei den Alten verrichtet wurde, denn sie tauchten den ganzen Leib in das Wasser.“ Dasselbe bezeugt auch Starke zu dieser Stelle.[185]

Reisende und Forscher, die den Weg von Jerusalem nach Gaza zurücklegten, berichten, daß genügend Quellen und Teiche auf der Strecke vorhanden seien, um eine Taufe durch Untertauchen vornehmen zu können. Der Pilger Pourdeaux beschreibt nach kaum 300 Jahren, 333 n. Chr., die Sachlage wie folgt: „Von hier (Bethlehem) bis Bethazsora sind 14 Meilen, wo sich der Teich befindet, in dem Philippus den Kämmerer taufte.“[186]

Der Beschreibung von G. W. Samson entnehmen wir denselben schlagenden Beweis. Er berichtet: „Von Jerusalem ausgehend und oben erwähnte Route einschlagend, laßt uns die Möglichkeit für eine Taufe durch Untertauchen der Straße entlang betrachten und speziell an der Stelle, die die Überlieferung als den Platz bezeichnet, wo der Kämmerer getauft wurde. Zu Pferde reisend mit der Beweglichkeit von 3 Meilen die Stunde, kommt man nach 2 Stunden und 30 Min. zu den drei großen Teichen Salomos, von denen das Wasser nach Jerusalem geleitet wurde. In den Tagen Jesu waren es klare Seen, denn die drei bedecken heute noch etwa 3 Acker Land, und wenn voll, so liefern sie alle notwendigen Möglichkeiten für eine Taufe durch Untertauchen, indem sie offen sind und in einem zurückliegenden Tal liegen. Selbst heute noch ist eine solche Quantität von Wasser im untern Teich vorhanden, daß ein passenderer Platz für eine Untertauchung kaum gefunden werden könnte. Von hier über Berg und Tal weiter ziehend, kommt man durch ein langes Tal, das wegen seiner vielen Brunnen von den Maultiertreibern „Wady el Beer“, das Tal der Brunnen, genannt wird. Eine Stunde und 50 Min. machen wir an einer Anhöhe Halt, um unsere Pferde zu tränken, und um bei einem großen überdachten Reservoir, aus dem das Wasser mit einem Eimer hochgezogen wird, selbst einen Trunk zu tun. Von diesem Platze sagt Dr. Robinson: Die Straße, welche die Anhöhe hinaufführt, ist künstlich; halbwegs oben befindet sich eine Zisterne mit Regenwasser und ein freier Platz für durchreisende Mohammedaner zum Beten. An dieser Stelle würde eine Taufe durch Untertauchung nicht schwierig sein. Wenn man von dort oben in das schöne Tal vor uns hinabsteigt, dasselbe kreuzt und an der entgegengesetzten Seite wieder hinaufsteigt, so erreicht man in 35 Minuten die Ruinen einer alten Stadt, die unsere Treiber „Howoffner“ genannt haben, welches aber Dr. Robinson mit „Aber Fid“ bezeichnete. Das Regenwasser-Reservoir liegt im offenen Feld mit Gras umsäumt und Olivenbäumen in der Nähe. Dasselbe ist 50–60 Fuß im Geviert und ist jetzt Ende April noch voll Wasser und zwar 3–5 Fuß tief. Es scheint sehr alt zu sein, die Mauern sind von großen gehauenen Steinen aufgebaut. Einen passenderen Platz für eine Taufe könnte man nicht finden. Indem wir durch eine offene, wohlangebaute Gegend weiterziehen, gelangen wir in einer Stunde und fünf Minuten an den Fuß eines langen und steilen Hügels mit den Ruinen einer Kirche oder Festung zur Linken der Straße. Vor derselben ist eine feine sprudelnde Süßwasserquelle und breite Steintröge, an denen wir die Pferde tränkten. Diese Stelle wurde von Dr. Robinson als das von Jerome und Eusebius genannte Bethsur bezeichnet, wo der Kämmerer getauft wurde. Der Boden vor der Quelle und die Struktur hinter derselben ist so zerrissen und mit Steinen bedeckt, daß man schwerlich bestimmen kann, was einst hier war. Es ist jetzt noch eine leichte Senkung mit sandigem kiesigem Boden dort. Es ist kaum anzunehmen, daß in den Tagen Herodes, des Brunnenbauers, diese günstig gelegene Quelle nicht dazu benutzt worden sein sollte, um einen großen Teich zu speisen, da das Terrain sehr günstig dazu war. Selbst heute noch fließt genug Wasser, um ein solch Reservoir zu speisen.“[187]

In Apg. 10, 47. 48 will man ebenfalls ein Argument für das Begießen gefunden haben. Prof. Stuart gibt die Worte Petri in folgender Lesart: „Kann jemand verbieten, daß Wasser hereingebracht werde und diese Personen getauft werden?“ Dies ist ein sehr kennzeichnendes Beispiel, wie man Worte der hl. Schrift umzudeuten sucht, damit sie in die eigene Theorie passen. Die Aussage Petri enthält auf keinen Fall diesen Sinn. Damit der werte Leser selbst urteilen kann, lassen wir hier den Text unverändert folgen: „Mag auch jemand das Wasser wehren, daß diese getauft werden, die den hl. Geist empfangen haben, gleichwie auch wir? Und befahl, sie zu taufen in dem Namen des Herrn.“

Bei der Taufe Pauli sei auch die Begießung in Anwendung gebracht worden, da in Damaskus kaum hinreichend Wasser zur Untertauchung gefunden werden konnte. Wie unrichtig und unberechtigt diese Vermutung ist, geht aus den Worten des syrischen Feldhauptmanns Naeman hervor, der auf die Aufforderung des Propheten Elisa, seinen aussätzigen Leib zu waschen und sich siebenmal in den Fluten des Jordans zu taufen, antwortete: „Sind nicht Amana und Pharphar, die Flüsse von Damaskus, besser denn alle Wasser in Israel? Kann ich nicht in ihnen baden, daß ich rein sei?“[188] Von dem Amanafluß schreibt Oberkonsistorialrat Frohnmeyer: „Amana, ein den südlichen Antilibanus durchströmender, durch Damaskus fließender und sich in die östlich von Damaskus gelegenen Seen ergießender Fluß, jetzt Barada. Er hat ein sehr kühles Wasser. Sein Gewässer, das sich westlich von Damaskus in sieben Arme teilt, wird vor allem zur Bewässerung der herrlichen Baumgärten von Damaskus, wie für zahlreiche Wasserleitungen innerhalb der Stadt benutzt.“[189]

Ferner behauptet man, daß der Kerkermeister zu Philippi, von dem in Apg. 16, 33 berichtet wird, nur übergossen worden sei, da im Gefängnis, wo die Taufe vorgenommen wurde, nicht so viel Wasser vorhanden gewesen sei, daß dieselbe durch Untertauchen hätte vollzogen werden können. Wir müssen vor allem von vornherein in Abrede stellen, daß die Taufe überhaupt im Gefängnis vollzogen wurde. Beachten wir die Ereignisse in ihrer genauen Reihenfolge, so ergibt sich folgendes:

1. Der Kerkermeister führte Paulus und Silas zunächst aus dem Gefängnis und nahm sie in sein Haus auf. Verse 30–33.

2. Sie verkündeten ihm hier das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Vers 32.

3. Er wusch ihnen die Striemen ab, und er ließ sich taufen und alle die Seinen alsobald. Vers 33.

4. Er führte sie in sein Haus und setzte ihnen Speise vor. Vers 34.

Aus dieser Erzählung geht klar hervor, daß die Taufe nicht im Gefängnis geschah. Eine Tatsache ist es, daß es in den Häusern oder im Hofe der Griechen und Römer jener Zeit stets geräumige Badebassins gab, in denen man eine Taufe durch Untertauchen leicht ausführen konnte. So schreibt z. B. Adam: „Die alten Römer hatten Bäder, kalte und warme, in ihren eigenen Häusern.“[190] Ebenso Dr. Winer: „Man badete nicht nur in Flüssen sondern auch zu Hause, indem der Hof bei Vornehmen immer auch ein Bad umschloß.“[191] „Selbst in Festungstürmen waren zuweilen Bäder angebracht. Josephus bell. jud. 5, 4. 3.“[192] Und der Geograph Dr. Arendts schreibt in seinem Bericht von den Ausgrabungen der Stadt Pompeji: „Man hat die Absicht, diese in ihrer Art einzige Stadt durchgängig aufzugraben, um das häusliche Leben der Römer... zu enthüllen; bis jetzt ist mehr als ein Viertel derselben aufgegraben. Es gibt keine Ruinen, welche ein höheres Interesse einflößten, als die von Pompeji; alles findet sich hier so, wie es am Tage vor der schrecklichen Katastrophe bestand, welche im Jahre 79 nach Chr. diese Stadt unter eine Decke vulkanischer Asche begrub, die jedoch kaum einige Fuß hoch die Giebel der verschütteten Gebäude überragt. Noch sind im Straßenpflaster die Wagengeleise zu sehen. Schon schreitet man in ihren zu beiden Seiten mit Trottoirs eingesäumten Straßen einher und über die mit schönen Gebäuden gezierten Plätze hinweg; schon besucht man ihre Tempel und die Paläste der Großen; man tritt in ihre Theater und untersucht die Verkaufsgewölbe, die Schenken und die Häuser von Privatpersonen jeder Klasse. Diese letzteren gleichen alle einander; die größten, sowie die kleinsten haben im Innern einen Hof, in dessen Mitte sich ein Bassin befindet.“[193] Apg. 16, 13 zeigt, daß sich in der Nähe des Gefängnisses auch ein Fluß befand. Würde der Apostel die Taufe durch Besprengung vollzogen haben, so hätte er auf keinen Fall dem Gesetze der Verordnung gemäß gehandelt, denn Jesus sagt: „taufet“ (tauchet), nie aber „sprenget“.

Ein römisches Privathaus mit einem Badebassin im Hof.

Überschauen wir nun noch einmal das ganze Beweismaterial, welches zugunsten der Besprengung angeführt wird, so gelangen wir zu der Überzeugung, daß keines der angeführten Beispiele als Beweis für die Form der Taufe durch Besprengung oder Begießung dienen kann, sondern daß es nur schwache Rohrstäbchen sind, auf die man baut, um ja nicht seine „Lieblingsdogmen“ und eigenen Ideen opfern zu müssen.

Als letzten biblischen Beweis für die Besprengung zieht man 1. Kor. 10, 2 an — als letztes schwaches Rohrstäbchen, an das man sich verzweifelnd als den Hoffnungsanker zu klammern sucht. Hier wird die Idee verteidigt, daß die Israeliten durch die Wolke über ihnen und durch das Meer „besprengt“ wurden und daß dies beweise, daß besprengen gleichbedeutend sei mit taufen. Die Sprache sowie die Tatsache lassen eine solche Zusammenstellung gar nicht zu, denn wir lesen nicht: besprengt mit der Wolke und mit dem Meer, sondern: „getauft in der Wolke und in dem Meere“.[194] Auch war die Wolke, mit der die Israeliten bedeckt waren, keine Regenwolke, noch finden wir irgend einen Anhaltspunkt dafür, daß die Kinder Israel durch die Wasser des Meeres besprengt wurden, denn es heißt, daß sie mitten im Meer auf dem „Trockenen“ gingen.[195] Die Tatsache ist einfach die: Als Mose seinen Stab ausstreckte, teilte sich das Wasser und türmte sich auf beiden Seiten wie eine Mauer auf und bildete auf diese Weise ein tiefes Grab, über ihnen die Wolke, mit der sie bedeckt wurden. Der Psalmist sagt: „Er breitete eine Wolke aus zur Decke und ein Feuer, des Nachts zu leuchten.“[196] Auf diese Weise waren die Israeliten im Meer und in der Wolke gänzlich begraben, welches den vollen Sinn von Taufen, d. h. Untertauchen gibt. Wie man nun ein solches Bild zugunsten der Besprengung verwendet, ist unverständlich und vor allem unberechtigt.

Gataker gibt folgende der Tatsache entsprechende Erklärung zu 1. Kor. 10, 2: „Wie in dem christlichen Ritus die zu taufenden Personen von dem Wasser überflutet und gleichsam darin begraben werden, — und wiederum, wenn sie herauskommen, wie aus einem Grabe heraufsteigen, so konnte es scheinen, daß die Israeliten, als sie durch das Wasser des Meeres gingen, welches höher denn ihre Häupter war, von demselben überflutet und gleichsam darin begraben waren; und wiederum, daß sie auftauchten und erstanden als sie das andere Ufer erstiegen.“[197] Ebenso J. G. P. Schmid: „Die Israeliten wurden bei ihrem wundervollen Durchgang durchs Rote Meer von der sie begleitenden Wolke und dem auf beiden Seiten aufgelaufenen Meer bedeckt wie der Täufling beim Untertauchen. So wurden sie durch jene auffallenden Zeichen auf Mose getauft oder zur Folgsamkeit gegen ihn, als einen göttlichen Gesandten, verpflichtet.“[198]

Israels Durchgang durchs Rote Meer.

Wenn Besprengung oder Begießung vorzuziehen wäre, wie man immer behauptet, warum haben dann Jesus und die Apostel, wenn sie von dieser bedeutsamen Handlung sprachen, nicht ein Wort gebraucht, welches den Sinn von Besprengen oder Begießen hatte? Oder, wenn Jesus und die Jünger der Art der Handlung einen so großen Spielraum geben wollten, d. h. daß es ganz gleichgültig wäre, in welcher Art und Weise man die Taufe vollziehe, so fragen wir wiederum, warum gebrauchten sie dann nicht die verschiedenen Wörter, welche in Wahrheit „Sprengen“, „Tauchen“ und „Schütten“ bedeuten? Die Schreiber des N. Testaments erwähnen den Ritus der Taufe fünfundsiebenzigmal, und jedesmal gebrauchen sie das Wort „baptizein“, welches nur die spezielle Bedeutung von Untertauchen hat.[199] Fünfzehnmal wird Johannes als der „Baptistés“ (Täufer) bezeichnet, weil er diese Handlung an den bußfertigen Seelen ausführte.[200] Trotzdem sie so oft auf die Taufhandlung hinweisen, gebrauchen sie nie eine Bezeichnung für dieselbe, die uns den Sinn von Besprengen (rhantizein) oder Übergießen gibt. Die Wahrheit ist also die, daß die Lehrer der Urkirche in keiner andern Weise die Taufe vollzogen als durch Untertauchen, und wer es ihnen doch andichten will, der wisse, daß die Apostel solche Weise nicht hatten und die Gemeinde Gottes auch nicht.[201]