Die gänzliche Entkleidung bei der Taufe.

Es scheint, als ob im Altertum die vielen Neuerungen gar kein Ende nehmen wollten. Ein falscher Gebrauch bahnte dem anderen den Weg, bis man Gebräuche in Anwendung brachte, die das Schamgefühl des fein denkenden Menschen aufs tiefste verletzten und die, um es gelinde zu sagen, alles andere, nur nicht schicklich waren. Gar bald ließ man die Mahnung des Apostels außer acht: „Alles aber geschehe anständig und in Ordnung.“[269] So wurden zum Beispiel die Täuflinge, Männer wie auch Frauen, gänzlich entkleidet und wurden ganz nackend getauft.

Diesen allzu menschlichen Gebrauch finden wir zuerst von Cyrill von Jerusalem (gest. 386) erwähnt. Er sagt: „Sobald ihr das Innere der Taufhalle betratet, zoget ihr sogleich eure Kleider ab, und dies war das Bild des alten mit seinen Werken ausgezogenen Menschen. Ausgezogen, waret ihr nackt und ahmtet auch hierin dem am Kreuze entblößten Christus nach, der durch diese Blöße die Herrschaften und Gewalten ausgezogen und über sie am Holze mit hohem Mute triumphiert hat..... Ihr waret nackt vor den Augen aller und schämtet euch nicht, denn ihr waret wahrhaftig ein Bild des ersten Menschen, Adam, der im Paradiese nackt war und sich nicht schämte.“[270] Ambrosius (gest. 397) sagt: „Die Menschen kamen so nackend zum Taufbassin wie sie in die Welt kamen.“[271] Die völlige Entkleidung bei der Taufe finden wir auch von Dionysius erwähnt.[272] Und Chrysostomus sagt, indem er von der Taufe spricht: „Die Menschen waren so nackend wie Adam im Paradies. Allein dort wurde der Mensch nach der Sünde nackt, weil er gesündigt hatte; hier dagegen wird er nackt, um von Sünden befreit zu werden. Damals zog der Mensch die Herrlichkeit aus, mit der er bekleidet war; jetzt zieht er den alten Menschen aus, und ehe er ins Taufbad steigt, zieht er ihn so leicht aus wie die Kleider.“[273] Chrysostomus schreibt noch, daß der Einfall der Soldaten in die Kirche zu seiner Gefangennehmung gerade zu der Zeit geschah, als die Frauen zur Taufe sich entkleidet hatten, die so in Schrecken versetzt wurden, daß sie nackend die Flucht ergriffen.[274] Schon Athanasius (gest. 373) spricht von skandalösen Auftritten, welche in dem Taufhause vorfielen. So beschuldigt er unter anderem die Arianer, daß durch eine Überredung Juden und Heiden während einer Taufe in die Taufhalle eingebrochen seien und dabei die Katechumenen, wie sie dort standen, nackt, in einer Weise mißhandelt hätten, die zu scheußlich und schändlich wäre, um sie niederzuschreiben.[275] „Kaiser Konstantin legte,“ schreibt Dr. Brenner, „da er sich zur Taufe anschickte, nach der Erzählung des Simeon Metaphrastes, auch seinen letzten Leibrock ab und ließ die Schande seines Fleisches sehen.“[276] „Jobia, die Tochter des Perserkönigs Sapor, wird von dem Diakon Cyriakus in ihrem Schlafgemache nackt in eine silberne Wanne gestellt, um getauft zu werden, wie Surius aus sehr alten Martyrologien erzählt.“[277]

Derartige Gebräuche, wodurch das menschliche Schamgefühl auf solche schändliche und frivole Weise untergraben wurde, kann man mit irgend einem Namen bezeichnen, aber nur nicht „christlich“ heißen. Unzuchtsszenen, die sich bei derartigen Gelegenheiten abspielten, machten es notwendig, synodale Erlasse ergehen zu lassen, die dahin lauteten, daß die Frauen zur Zeit, wenn die Männer getauft würden, das Baptisterium nicht betreten durften. Ein solches Verbot erließ z. B. eine persische Synode von 485. Der Metropolit Barsumas von Nisibis, der diese Synode leitete, tadelt den Katholikus, „weil er gestattet, daß Frauen das Baptisterium betreten und bei der Taufe zuschauen durften, woraus Unzuchtsvergehen und unerlaubte Heiraten entstanden seien“.[278]

Wahrlich, hier finden wir Mysterien dazu geschaffen, den Heiden, der zu einer solchen christlichen (?) Kirche übertrat, für alles, was er zurückließ, zu entschädigen. Wie bald verlor doch das Gold seinen Glanz und wurde seine ihm vom Goldschmied gegebene Form verunstaltet.