III. Ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?

Mit den letzten Sätzen ist diese Frage eigentlich schon verneint. Man hatte geglaubt, aus dem reinen Denken heraus ohne Anleihe an die Erfahrung Erkenntnisse über die Gottheit und ihr Verhältnis zur Welt ableiten zu können. Wir wissen jetzt, daß zunächst jede inhaltlich fruchtbare Anwendung der allgemeinen Verstandesformen nur mit Hilfe der Formen der Anschauung, Raum und Zeit, möglich ist. Der Satz, daß jede Veränderung ihre Ursache haben muß, hat nur innerhalb des Reiches zeitlicher Geschehnisse Sinn. Wenn die frühere Metaphysik sagte: die Welt ist da, also muß sie eine Ursache haben, so suchte sie den Begriff der Ursache, statt ihn innerhalb der Welt anzuwenden, vielmehr auf das Ganze der Welt und sein Verhältnis zu etwas außerhalb der Welt auszudehnen. Damit überschritt sie das Reich möglicher Erfahrung, in welchem allein die Formen unseres Denkens Halt und Erfüllung gewinnen. Die Taube, die in der Luft fliegt und deren Widerstand fühlt, könnte meinen, sie werde im luftleeren Raum, wo dieser Widerstand sie nicht hindert, noch viel besser fliegen können. Sie weiß nicht, daß doch nur der Widerstand der Luft ihren Flügelbewegungen Halt und Kraft gibt. So meint der Metaphysiker ohne den widerstrebenden Stoff der Anschauungen besser denken zu können, und vergißt, daß nur jener Stoff die Formen des Denkens mit Inhalt erfüllt und anwendbar macht. Aus den Erfahrungen metaphysische Schlüsse zu ziehen, ist erst recht unmöglich; denn aus Erfahrungen können wir immer nur auf Dinge und Vorgänge schließen, die den Erfahrungen ähnlich sind. Das seinem Begriff gemäß notwendigerweise der Erfahrung unzugängliche Ganze der Welt und die Gottheit bleiben also unerkennbar. Metaphysik als Wissenschaft ist nicht möglich.