XI.
Heute, am Tage vor der Hochzeit, wollten wir ruhen und lagen viel im Walde und auf schattigen Stellen der Wiesen, stürzten uns auch einigemale in die Donau an Stellen, wo man baden durfte, ruderten ein Boot und verlebten einige Stunden der Beschaulichkeit. Da plauderte ich einmal wieder vertraulich mit Mr. Forest. Er erkundigte sich nun, wie es im Jahre 1887 gewesen sei, im Vergleiche mit heute. Ich hatte damals Reisen in Europa gemacht und kannte die Zustände des 19. Jahrhunderts auch in diesem Theile der Erdkugel.
Ich gab meine Meinung folgendermaßen kund: Damals würde die Lori eine hochnasige Comtesse, geheimen Sünden ergeben und sehr fromm gewesen sein und schließlich, wenn sie etwa arm war, einen Cavalier um seines Reichthums willen geheirathet und sich für das, was ihm abging, bei einem Stallknechte schadlos gehalten haben. Die Hochbergs würden ebenso vor dem Kaiser gekrochen sein, wie die Bauern verachtet haben, und wenn ein Prinz an Lori Gefallen gefunden hätte, würde sie sich vor ihrer Verheirathung ihm pflichtschuldigst, aber ohne Liebe und wie eine Dirne hingegeben und damit den Wunsch ihres Herrn Vaters erfüllt haben, der sich das zur Ehre anrechnete, was er wieder in fürstlicher Herablassung seinem Schloßverwalter als Gunst erwies.
Zwirner wäre ein roher Holzhauer, der zwar rechtschaffen wäre, aber vielleicht doch in's Criminal käme, wenn es ihn juckte, einmal ein Stück Wild im Hochberg'schen Parke zu schießen.
Mary wäre vielleicht eine ehrsame Bauerndirne ohne Bildung und Geschmack, viel wahrscheinlicher aber, da sie ungewöhnlich schön und Wien nicht weit ist, ein lichtscheues Geschöpf, das sich bei Tage nicht sehen lassen kann, krank, dem Trunke ergeben, mit heiserer Stimme und verachtet, obgleich nicht ein Tüpfelchen schlechter, als alles um sie herum. Doctor Kolb wäre ein Quacksalber, der den reichen Leuten für theueres Geld zu Diensten steht, aber den Armen an die Klinik verweist; er würde sich am besten mit geheimen Krankheiten befassen, die er eher schonungsvoll pflegen, als heilen würde, und nicht ein Recept würde er schreiben, ohne sich am nächsten Tage ein kleines Douceur beim Apotheker zu holen, der dafür den dreifachen Preis nehmen würde. Wenn eine Freundin heirathete, würde er nicht eine Photographie — ich hatte zufällig etwas von seiner Absicht wegen eines Hochzeitsgeschenkes für Lori erfahren —, sondern, da nur Werth hatte, was viel Geld kostete, seinen Einkünften gemäß eine silberne Theekanne oder ein Porzellanservice schicken und die Empfängerin würde ihm sehr freundlich danken, sich aber im Stillen über seinen schlechten Geschmack und die Knauserei ärgern.
Dem kleinen Zwirner würde es am besten von allen gehen, vorausgesetzt, daß er sich ganz dem Gewerbe widmen und sein Lebtag nur Purzelbäume schlagen wollte.
Denke man an die Photographien, die Dr. Kolb von seinen weiblichen Statuen mache, so hatte das Europa von damals sein Gegenstück in schmachvollen Photographien, die allen feineren Sinnes baar, das Roheste auf das Roheste darstellen, und würden Hunderte davon leben, diese Photographien geheim herumzuzeigen und zu verkaufen, am liebsten an junge Leute, denen es recht zum Schaden gereicht und die ihren Eltern das Geld aus der Lade stehlen, um recht hohe Preise für solche schöne Sachen zu bezahlen.
Wollten sich die Dorfbewohner einen guten Tag machen, so würden sie sich betrinken und dann wechselseitig halb todt schlagen. Aber — nicht wahr “Mr. Forest? — damals war es doch schöner!”
“Das will ich nicht behaupten, aber auch damals hätte man ja das alles bleiben lassen können!”
Ich erwiderte darauf, daß ich wieder an der Richtigkeit seiner, des Mr. Forest, Anschauungen zu zweifeln angefangen hätte und, wenn ich noch hundert Jahre lebte, hoffte, die Wahrheit zu ergründen.
Wir gingen dann zu Dr. Kolb ins Atelier. Er war Bildhauer aus Liebhaberei und hatte im Bezirkspalaste neben der Modellirschule einen großen Saal für seine Zwecke angewiesen erhalten, da man seine Kunst für nützlich hielt und ihn auf alle Weise unterstützen wollte. Es stand neben ihm ein Modell — nun ein Modell — aber ohne mütterliche Begleitung, denn es war ein Riesenkerl, der, selbst ein Ruderer, Schultern und Arme hatte, die zur Zwirnerstatue vortrefflich paßten. Den Kopf Zwirners hatte Dr. Kolb unzähligemale nach der Natur modellirt, daher er eine Portraitstatue machen konnte, obgleich Zwirner nicht erfahren sollte, was im Werke sei. Während der Arbeit, die wesentlich nur mehr im Vollenden des Nackens, der Schultern mit den Schlüsselbeinen, der Arme und Hände bestand, plauderte Dr. Kolb mit uns und da wir unsere Verwunderung über die gestrige Improvisation der Abendunterhaltung aussprachen, sagte er, wo viele Hände zusammenwirken, vollbringe der Mensch Erstaunliches. Er bat uns, während er arbeitete, unter den zahllosen Statuen und Büsten auf den niederen Schemeln Platz zu nehmen, auf welche er seine lieben Modelle zu stellen pflegte, und erbot sich, uns eine Geschichte zu erzählen. Wir sahen eine Statue, die, ganz mit Tüchern verhüllt, im Hintergrunde stand.
“In Gutenstein,” fing er an, “lebt heute noch ein Ingenieur, der in jungen Jahren die unglaublichsten Dinge vorschlug und auch ausführte, und dem man sich seiner Findigkeit wegen gerne zu Diensten stellte, wenn er ein Projekt ausgesonnen hatte. Da war er eines Tages, — es war ein Freitag Abend, — mit einigen Freunden im Parke von Gutenstein, wohin sie sich ein kleines Fäßchen Bier gerollt hatten, das sie, auf die Wiese gelagert, zu vertilgen beschlossen hatten. Nun kam die Rede auf viele große Dinge, die schon durch das Zusammenwirken vieler rasch wären ausgeführt worden, und der Ingenieur vermaß sich, alles zu übertreffen. Man lachte und sagte, man wolle es auf eine Probe ankommen lassen, und als das Bier alle geworden, gingen die jungen Leute in der Nacht ihrer Wege. Sie waren ihrem Freunde zu Liebe aus verschiedenen Gemeinden gekommen, ihn zu beglückwünschen, weil er in Kürze sich vermählen sollte. Alle waren Techniker und am nächsten Tage bei der Tafel erhielten sie, jeder von ihnen an seinem Orte, ein versiegeltes Packet von dem Ingenieur, — sein Name war Schneider, — zugesandt, worauf stand, der Empfänger solle sich mit so vielen Männern und Jünglingen, als er auftreiben könne, um 6 Uhr beim Telephon einfinden und dann erst das versiegelte Packet eröffnen.”
“Das thaten nun die Empfänger auch, und da alles gespannt war, was denn der Teufelsschneider wieder ausgeheckt habe, blieben alle jungen und alten Männer auf Meilen in die Runde zu Hause, obschon sonst am Samstage alles mobil wurde und auf Ausflüge sann, besonders nahe dem Schneeberg, den in solchen Nächten viele Tausende erstiegen. Zwischen 6 und 7 Uhr löste sich das Räthsel. Schneider hatte beschlossen, auf eine Nebenkuppe des Schneeberges, die bisher von den Touristen war vernachlässigt worden, in 24 Stunden nicht nur ein Touristenhaus zu zaubern, sondern auch einen ganz neuen Aufstieg dahin zu machen, der, in Serpentinen sachte ansteigend, für Fußgänger und Saumthiere zu brauchen sein sollte. Jeder von den Freunden hatte für seine Section, in welcher er die Arbeiten leiten sollte, an zehn Gehilfen zu ernennen und zu instruieren. In den versiegelten Packeten waren die zehn Sectionen der Wegstrecke von dem bergkundigen Erfinder auf das klarste angegeben und fand sich auch der Plan des Touristenhauses mit Zeichnungen aller Werkhölzer und genauen Anweisungen beigegeben, welche Materialien erforderlich seien und wie viele Tragthiere man brauche, um alles richtig auszuführen, und welche Werkzeuge man mitnehmen müsse, wobei auch Dynamitpatronen nicht vergessen waren, da an gewissen Stellen Sprengungen erforderlich waren. Aber man brauche 5000 Arbeiter, legte der Erfinder dar, denn die gesammte Länge des Weges betrage des sanften Anstieges wegen 15 000 laufende Meter und er wolle im Durchschnitte keinem mehr als 3 Meter der Wegstrecke zumuthen. Die am Fuße des Berges hatten aber 7 Meter herzustellen und jene, die bis zur Spitze zu wandern hatten, brauchten nur 2 oder 1 Meter zu übernehmen. Für jede Gemeinde war die Stelle angegeben, wo sie zu arbeiten habe, und so genau waren die einzuschlagenden, oft nur dem Schneider bekannten Wege, auf welchen zur Arbeitsstelle zu gelangen sei, angegeben, daß man sich auch im Finstern hätte zurechtfinden können. Es war aber eine mondhelle Nacht. Die Zimmerleute, Tischler, Schlosser und Glaser sollten in der ersten Hälfte der Nacht oder mindestens bis 4 Uhr Morgens alles fertig machen und die Hütte in ihren einzelnen Theilen hinaufschaffen, was nicht schwierig sei, da bis dahin der Weg schon gangbar sein müsse. Freilich müßten viele zusammenarbeiten und die Beamten, die ja eine Art Dispositionsfond für solche Zwecke besaßen, trockenes Holz und die Dampfsäge sammt anderen Holzbearbeitungsmaschinen zur Verfügung stellen. Da aber in Neunkirchen eine große Bautischlerei mit allen Maschinen sei, könne es nicht fehlen, daß der Plan gelinge. Die Maurer brauchten nur gelöschten Kalk in Truhen mitzunehmen, die ja von zwei Saumthieren getragen werden könnten. Sand, Stein und Wasser fänden sie im Ueberflusse und bedürfe es ja nur unbedeutender Fundamente.”
“Man jubelte und ging an's Werk und schleppte auch aus den Vorräthen die ganze Einrichtung sammt Kochherd mit. Morgens holte sich der Schlaue, der in der Nacht vom Freitag auf Samstag rastlos an seinen Plänen und Instruktionen gearbeitet hatte, vom Samstag auf Sonntag aber ganz ruhig in seinem Bette schlief, sein Bräutchen ab und sagte, er wolle ihr ihre Morgengabe heute schon geben. Da sie reisefertig war und er durch das Telephon erfahren hatte, alles sei gelungen, führte er sie den neuen Serpentinenweg hinan, von jenen, die noch die letzte Hand ans Werk zu legen hatten, stürmisch applaudirt, bis zur Schutzhütte, leerte ein Glas Wein, das er dann 200 Meter tief in einen Abgrund schleuderte, auf das Wohl seiner Braut und sagte. ‘Nun, Freunde! tauft die Hütte ‘zur schönen Schneiderin’ und entweiht mir sie nicht bis zum Ablauf meiner Flitterwochen, die ich hier mit meiner Kathi verleben will. Dann gehört das Haus der ganzen Welt.’ — Das fand man gerecht, und, nachdem er sich vermählt hatte, zog er mit Proviant, Büchern und Bildern und einem Photographenapparate mit ihr hinauf und verjubelte einen Monat. Als er zurückkam, zeigte er zahllose photographische Ansichten, die er aufgenommen hatte, und man begriff nicht, was der Teufelskerl gemacht hatte; denn es war doch keine Seele bei ihnen und auf allen Bildern war er mit seiner jungen Frau abgebildet; da sah er ihr kochen zu, dort schnitt sie einem Huhn, das sie verzehren wollten, den Kragen ab, dann wieder speisten sie oder tranken sich fröhlich zu, hier neckten sie sich, dann hielt er ihr eine Strafpredigt und sie schien ganz unbändig zerknirscht, bald darauf wieder lag er wie verzweifelt vor ihr auf den Knieen und sie drehte ihm ärgerlich den Rücken, und so ging es fort; auf allen schönen Plätzen und Ruhebänken und Aussichtspunkten waren Schneider und Schneiderin verewigt, und an einem Abgrunde stand er gar, als wollte er sich hinabstürzen, und sie zog aus Leibeskräften an seinen Rockschößen. Nachdem man sich den Kopf zerbrochen hatte, wie das zugegangen, zeigte Schneider, wie er mit Häckchen, Bindfaden, Rollen und Steinen, die als Gewichte dienten, es zu Stande gebracht hatte, daß sich die Klappe des Apparates zur bestimmten Zeit blitzschnell von selbst öffnete und wieder schloß, und so hatte er, nachdem er den Apparat eingestellt hatte, Zeit, seine Stelle einzunehmen und mit seiner Frau das gewünschte Stück zu spielen. Aber die Freunde behaupteten, Schneider verheimliche einen Theil seiner Bilder, man wisse, daß er 100 Platten mitgenommen, und es wären nur 97 Aufnahmen da. Das sei gegen den Communismus, er müsse auch die drei anderen Bilder zeigen. Frau Schneider wurde unmerklich roth, er aber schwur hoch und theuer, das sei Verläumdung, bei seinem Kampfe mit seiner Frau am Abgrunde seien drei Platten hinabgestürzt und wenn sie es nicht glaubten, möchten sie nur nachspringen.”
“Da habt ihr die Entstehungsgeschichte vom Schutzhause zur schönen Schneiderin, die ihr gesehen haben müßt, als ihr auf dem Schneeberge übernachtetet.”
Das hatten wir auch. Wir glaubten dem Erzähler alles aufs Wort.