X.

Von nun an war es klar, daß Zwirner, dem zu Liebe wir über den Ocean gekommen waren, für uns verloren sei. Wir widmeten den folgenden Tag, da auch Dr. Kolb nicht daheim war, obgleich es uns an gastfreundschaftlicher Begleitung nicht gemangelt hätte, einer Besichtigung von Tulln, beziehungsweise der wenigen Gebäude, die diesen Ort ausmachten. Den Mittelpunkt bildete, wie überall, der Gemeindepalast, dessen Erdgeschoß als Speisesaal diente. In den Pavillons an den vier Ecken führten Treppen empor und das obere Stockwerk enthielt in der Mitte einen großen Lesesaal, der von etwa 16 kleineren Sälen umgeben war. Die Mauern, welche den Lesesaal bildeten, waren im Erdgeschosse von mächtigen Säulen gestützt. Um den Gemeindepalast herum standen vier weitläufige, drei Stock hohe Gebäude, deren jedes ein Kreuz bildete, in dessen Mitte die Stiege angebracht war. Diese Gebäude standen so, daß je zwei ihrer Flügel parallel mit den verlängerten Baulinien der Mauern des Gemeindepalastes lagen und die zwei anderen Flügel sich ins Freie hinaus erstreckten. Aus einem der Stockwerke konnte man durch einen verschließbaren Gang nach dem Gemeindepalaste gelangen. Die geselligen Bedürfnisse der Gemeinde erheischten, daß man geschützt vor Regen und Wind von den Wohnhäusern nach dem Gemeindepalaste verkehren konnte. Die vier Wohngebäude enthielten im Ganzen 1024 Wohneinheiten, die zu größeren oder kleineren Wohnungen, gemeinschaftlichen Schlafsälen und besonderen Stuben abgetheilt waren, so daß man den mannigfaltigsten Bedürfnissen gerecht werden konnte. Auch eine besondere Krankenabtheilung bestand. Die Funktionäre, Beamten, Aerzte und Lehrer waren insofern etwas bevorzugt, als sie geräumigere Wohnungen mit besserem Mobilar und besondere Empfangsräume für ihre Freunde hatten.

Die Räume zwischen den Wohnhäusern und dem Palaste waren mit Rasen, Blumen und Sträuchern geziert und die Abschnitte, welche sich außerhalb bildeten, waren theils zu Schwimmbecken, theils zu Spielplätzen und Speisegärten verwendet, theils hatte man geschlossene Gärten mit Glashäusern angelegt. In den zwei Schwimmbecken konnte man bei warmem Wetter immer Badende sehen.

Tulln als Bezirksort hatte noch einen zweiten Palast, ähnlich dem Gemeindepalaste, in welchem Bezirksversammlungen abgehalten wurden, eine Musik-, Zeichnen- und Modellirschule untergebracht war, größere Wohnungen für den Bezirksbeamten, Bezirksarzt und Bezirkspädagogen sich befanden und große Gesangs- und Musikfeste, auch theatralische Vorstellungen geringerer Art gegeben werden konnten. In diesem Palaste fanden auch die Berathungen der Beamten, Aerzte und Pädagogen des Bezirkes statt. Es hatte Tulln noch zwei große Wohnhäuser für Pensionisten und Fremde, welche Häuser im Nothfalle zu Spitalszwecken bei Epidemieen eingerichtet werden konnten.

Unter dem großen Speisesaale des Gemeindepalastes war ein Geschoß, welches für Küche und Wirthschaftsräume, Keller, Wäscherei und gedeckte Bäder, dann zum Turnen bestimmt war. In dieser von der Straße abseits liegenden Wohnansiedlung wurde nicht gearbeitet, ausgenommen für die Hauswirthschaft. Die großen Stallungen lagen ziemlich entfernt und waren nicht zu sehen. Dort waren auch die Scheuern, Fabriksräume u. s. w. Dorthin wandten wir unsere Schritte.

Der Viehstand einer solchen Gemeinde ist natürlich sehr groß, da an 400 Rinder, 70 Pferde und viele andere Hausthiere im Durchschnitte auf eine Gemeinde entfallen.

In Tulln gab es keine andere Industrie, als eine Schuhmacherwerkstätte, welche wir besichtigten. Die Fabrik arbeitete nur für den Bezirk Tulln und hatte also an 40,000 Fußbekleidungen im Jahre zu liefern. Dazu sind, obschon alle erdenklichen Maschinen im Betriebe sind, zwischen 60 und 80 Arbeiter erforderlich, worunter viele Frauen und Mädchen. Viele Arbeitsplätze standen leer und man sagte uns, daß während der Ernte die Industriearbeiter auf dem Felde aushülfen, während die landwirthschaftlichen Arbeiter im Winter sich an den Industriearbeiten betheiligten. Es käme aber auch vor, daß, wenn es gelte, von Sturm oder Regen bedrohte Früchte zu retten, alles, auch Kinder, Lehrer und Greise, aufs Feld liefen und nur einige Wärter bei den kleinsten Kindern und den Kranken zurückblieben.

Vom Staate ist in jeder Werkstätte ein Fabriksleiter bestellt, welcher dafür zu sorgen hat, daß soviel als möglich an Arbeitskräften und Material gespart wird. Seine statistischen Arbeiten, deren Ergebnisse er mit jenen anderer Fabriken vergleichen kann, geben ihm Anhaltspunkte für seine Aufgabe. Von den Arbeitern wählt die Bevölkerung die geschicktesten aus, deren Aufgabe es ist, die Beschuhung anzupassen und daher genaue Maße zu nehmen. Man hat für gut befunden, auch über diese Maße eine Art von Statistik anzulegen, woraus sich manches für die Wissenschaft und die Verwaltung Wissenswerthe ergibt.

Ebenso wird es mit der Schneiderei für Männer und Frauen gehalten, die mehr Arbeiter erfordert. Die jährlich erzeugten Stoffe werden über Bestellung der Gemeinden angefertigt und zwar nach Mustern, welche in allen Bezirken eingesehen werden können. Die Verwaltung sorgt dafür, daß die Anforderungen nicht das Verhältniß überschreiten. Die Fabriken haben aber nur die Aufträge der Regierung auszuführen. Die Vertheilung ist in allen Stücken, also auch bei den Stoffen, principiell eine gleiche, wenn auch der Dienst oder Beamtenrang und die Körpergröße einige Unterschiede bedingen.

Auch hier ist das Verhältniß dasselbe. Der Fabriksleiter wird vom Staate bestellt und ist für die Oekonomie verantwortlich; die Bevölkerung aber wählt die Arbeiter aus, welche die Kleider dem Wunsche und dem Wuchse der Einzelnen anpassen. Es kann die Hauptvertheilung durch Vereinbarungen der Gemeindeglieder verändert werden, wie ja auch sonst eine Art Tausch stattfinden kann. Die Centralverwaltung theilt die Stoffe nach statistischen Daten auf die Provinzen, die Provinzverwaltung auf die Kreise, die Kreisverwaltung auf die Bezirke auf und unterliegen die weiteren Vertheilungen zunächst genauen Vorschriften. Ueberschreitet eine Gemeinde ihren Antheil an Stoffen und Arbeitskräften nicht, so kann sie auftheilen, wie sie will. Das ganze Vertheilungsgeschäft erfolgte anfänglich nach sehr rigorosen Bestimmungen, man ist aber später laxer geworden, da man fand, daß das Verrechnungswesen selbst große Arbeit verursache und der Nutzen ein geringer sei. Da sich eine Art Gewohnheitsrecht gebildet hat, wonach die Ziffern im großen sich wenig unterscheiden, so ist in diesem Punkte für die Regierung nicht allzuviel zu thun, aber der Verbrauch wird doch regelmäßig in den statistischen Tabellen verlautbart, damit allem Unterschleife vorgebeugt werde.

Aehnlich verhält es sich auch mit anderen Vertheilungen von Material für Privatthätigkeit. So von Wolle und Zwirn, Leder, Papier, Schreib- und Zeichenrequisiten und dergleichen. Alle Abfälle und abgenützten Materialien fallen in der Regel wieder an den Staat. Ausnahmsweise kann jemandem gestattet werden, einen Lieblingsrock über die Dauer zu behalten, wenn er noch Dienst thun kann, aber die Regel ist, daß der Staat alles wieder zurückfordert und verwendet.

Die Gemeinden bedürfen auch allerhand Werkzeuge und Instrumente für Liebhabereien, Spiel und Musik. Es ist gleichgiltig, was die Gemeinden haben wollen, wenn sie nur ihre Ansprüche verhältnißmäßig stellen und die Gesammtforderungen den Arbeitskräften und Materialvorräthen nicht widersprechen.

Da wir die Pracht bei öffentlichen Festen etwas verwunderlich fanden und fragten, wie denn der Aufwand bestritten werden könne, sagte uns der Leiter der Schuhmacherwerkstätte, daß seit 80 Jahren keine Unze Gold oder Silber gegraben und kein Edelstein angeschafft worden sei. Wenn es den Amerikanern gefiele, das alte Silberbergwerk Pribram, in welches man jetzt die jungen Leute führe, um ihnen das harte Loos der Arbeiter der älteren Periode zu schildern, — auf Salz, Kohle, Eisen, Blei, Kupfer und dergl. wird übrigens heute auch noch gebaut, — wieder in Betrieb zu setzen, würde die Regierung es erlauben und keinen Pacht fordern. Ebenso könne man die Opalgruben in Ungarn ausbeuten, es lege niemand Werth darauf. Die ungeheueren Vorräthe an Gold und Silber in Barren und Münzen aus der alten Zeit reichten für alle Ewigkeit für technische Zwecke und für die Schatzkammern aus. Die alten Juwelen und Schmuckgegenstände seien in Schatzkammern aufgetheilt und würden nur zuweilen in kunstreichere Fassungen gebracht. Die Civilliste habe immer Künstler in diesem Fache zur Verfügung. Eine Vermehrung finde nicht statt, da für Hoffeste, das Theater und die Vermählungsfeierlichkeiten ganz unermeßliche Vorräthe aus alter Zeit aufgestapelt seien. So sei es auch noch mit vielerlei Stoffen. Seide, Sammt und Gobelins würden übrigens noch angefertigt; da sie aber nicht Einzelnen, sondern dem Volke angehören, sei für zahllose Festlichkeiten auch in kleineren Orten gesorgt.

Ich sagte, daß wir Zwirner jetzt wiederholt in beinahe reicher Tracht gesehen hätten, worauf unser neuer Freund erwiderte, der gehe jetzt auf Freiersfüßen und suche seine Festkleider hervor, die sonst oft jahrelang nicht getragen würden und auf Decennien berechnet seien. Die Arbeitskleider, wie wir sehen könnten, seien sehr einfach und billig und die gewöhnlichen Gesellschaftskleider, die man zu schonen trachte, auch. Man halte mehr auf Reinlichkeit und Körperschönheit, in der Tracht auf Geschmack und Mannigfaltigkeit, als auf Kostbarkeit. Die alten, lächerlich gemusterten Stoffe, seien ganz außer Gebrauch gekommen. Junge und schlanke Mädchen und Frauen wüßten sich auch sehr geschmackvoll in losen Kleidern zu schmücken, die nicht an den Leib gepaßt und nur geschürzt und drapirt würden, was verstatte, allerhand Tausch und Wechsel vorzunehmen, und unendlich viel Arbeit erspare. Auch nützten sich solche Kleider weniger ab und die Schönen gefielen den jungen Männern besser in dieser reizenden Tracht, als etwa im barbarischen Mieder und Reifrocke, wovon zur heilsamen Abschreckung überall die lächerlichsten Bilder zu sehen seien, wie man überhaupt nicht müde werde, die Cultur der früheren Periode zu schildern. Was sie Schönes hatte, haben wir hundertfältig auch, und was barbarisch war, ist verschwunden. Wir glauben jetzt zu wissen, was Christus meinte, als er sagte: ‘Wer vom Himmelreiche wohlunterrichtet ist, ist einem Hausvater zu vergleichen, der Altes und Neues aus seinem Schatze hervorbringt.’[C]

Wir grüßten und kamen nach dem Rudersporthause, wo wir seit dem Ruderfeste nicht mehr gewesen waren. Ein alter Herr, der dort allerlei Schreibereien besorgte, und ein eifriger Ruderer war, zeigte uns das Museum, das Archiv und den Trophäensaal und gab uns Aufschluß über die Einrichtung der Vereine und deren Unterstützung durch den Staat. Er sagte, daß man für die unerläßliche Deckung der leiblichen Bedürfnisse, aber auch — innerhalb gewisser Grenzen — der idealen Bedürfnisse durch geregelte Arbeit vorgesehen habe, daher jedermann täglich eine gewisse Anzahl von Stunden durch so und so viele Jahre, das sei nach dem Berufe verschieden, arbeiten müsse, was das Volk von ihm fordere.

Allein man habe gefunden, daß der Mensch eigentlich arbeitsbedürftig sei und, kaum von der Arbeit gekommen, wieder etwas schaffen wolle. Dadurch sei nun der Gedanke angeregt worden, nicht nur Einzelnen, wie das auch früher geschehen, gewisse Materialien zur freien Arbeit zu überlassen, sondern auch Vereine ins Leben zu rufen und denselben große Mittel anzuweisen, um eine gewisse Thätigkeit zu entwickeln, die ja offenbar nützlich sei.

So habe man den Rudervereinen Häuser gebaut, die Anfertigung von Booten nach ihren Angaben ermöglicht, den Mitgliedern zweckmäßige Kleider zur Verfügung gestellt, ihnen den Druck einer Zeitung auf Staatskosten gestattet, Preise bewilligt und der Centralleitung eine Million Eisenbahnfahrtmeilen zur Vertheilung unter die Mitglieder angewiesen, damit sie zu Berathungen und Uebungen, sowie zu den Wettbewerbungen Reisen unternehmen könnten, die dem Einzelnen nicht in seine gewöhnlichen Reisen eingerechnet werden. Es sei durch diesen Sport das Menschenmaterial verbessert worden; die Leute würden breitschulteriger und der Brustkorb dehne sich aus, was immer mehr im Volkstypus sich auspräge. Dr. Kolb predige immer, diesen Sport zu fördern, weil er offenbar der menschlichen Gestalt zum Vortheile gereiche.

Eben kam Dr. Kolb hinzu und bestätigte das. Er erzählte, daß die Gemeinde Tulln ihn gebeten habe, — von seiner Kunst wolle er später einmal sprechen, er sei Bildhauer, — eine Statue des Zwirner zu entwerfen, durch deren Aufstellung man ihn und mehr noch seine Frau erfreuen wolle, wenn sie nach den Flitterwochen einrückten. Er habe einen ganz hübschen Entwurf gemacht und hoffe, daß man ihm diesmal seine Arbeit in Stein gießen werde, was ihm für große Werke besser gefalle, als Bronce, mit der man auch ein wenig sparen müsse. Er wolle an der Zwirnerstatue den linken Arm auf ein schlankes und überragendes Ruder gestützt und den rechten Arm, wie weithin auf die sich sammelnden Boote weisend, ausgestreckt darstellen. Die Rudertracht verstatte ihm, den prächtigen Nacken und die Muskeln der Arme zu bilden, und er habe den Gedanken, die gegenwärtige Braut des Zwirner, die bald seine Frau sein werde, in den Brautgewändern, ohne Zweifel griechischen, anliegenden Kleidern, nackten mit Sandalen bekleideten Füßen, nackten Schultern und Armen, die Rose im Haare, darzustellen. Dann könne man die Statuen im Parke von Tulln aufstellen und kommenden Geschlechtern eine Erinnerung an ein Paar prächtiger Menschen sichern.

Wir wurden allesammt zu Tische gerufen, wo heute viel von Zwirner die Rede war, der wieder in Königstetten und seit der Verlobung beurlaubt war. Nach Tisch aber ertönte von den Gongs ein für diese Fälle bestimmtes Zeichen, worauf alles hinauseilte und sich auf das gegebene Signal in die Häuser, Wirthschaftsräume, Stallungen und Werkstätten vertheilte. Es war eben ein Wagen eingefahren und Fürst Hochberg, vom Gemeindebeamten empfangen, stieg aus, um eine Musterung vorzunehmen, wozu er von der kaiserlichen Kanzlei heute den Auftrag erhalten hatte. Er ließ sich die Inventarsverzeichnisse vorlegen und mittlerweile mußte alles an seinen Platz gebracht werden. Es wurden die sämmtlichen Inventarstücke und Vorräthe, Bücher, Werkzeuge und der Viehstand durchgemustert, und da mehrere Stücke abgängig waren, die Aufklärung ertheilt, daß dies und jenes an Nachbargemeinden verliehen, zwei Thiere in eine Thierheilanstalt abgegeben worden seien u. s. w. Mittlerweile war der Kreisbeamte von St. Pölten herübergekommen und einige Techniker aus verschiedenen Orten erschienen, da es sich darum handelte, nicht nur die eiserne Eisenbahnbrücke einer Generalprobe und Prüfung zu unterziehen, sondern auch aus den Acten zu ermitteln, ob die vom Gesetze vorgeschriebenen regelmäßigen Prüfungen genau waren vorgenommen worden. Alles befriedigte den Fürsten und da er den Wagen wieder besteigen wollte, sagte der Beamte, die Gemeinde wolle, da er eben hier sei, die Gelegenheit benutzen, der Familie Hochberg und dem jungen Brautpaare ein Fest zu geben, und man bitte den Fürsten, da zu bleiben; es seien Einladungen an die Fürstin und die jungen Leute abgegangen, die man endlich in Sieghartskirchen ausfindig gemacht habe.

Da kamen schon die Fürstin im Wagen und bald darauf Zwirner mit Lori und Mary mit Professor Lueger zu Pferde, und da es schon spät war, bereitete man sich zum Abendmahle vor. Der Beamte sagte aber, der Fürst und die Fürstin würden diesmal wohl auch ein Stück Nacht opfern müssen. Das wolle man sich nicht gereuen lassen, sagte der Fürst lachend.

Die Fürstin hatte, bevor sie von Königstetten wegfuhr, für Stellvertretung gesorgt. Denn es muß immer, wo officielle Geselligkeit mehrere Menschen vereinigt, jemand repräsentieren. Diesmal hatte die Fürstin eine in Königstetten zu Gaste anwesende Tragödin gebeten, die Stelle der Hausfrau zu übernehmen, da sie sich dazu vortrefflich eignete, denn sie war gewaltig würdevoll und gab auf der Bühne immer die Königinnen.

Beim Abendmahle fehlte niemand als die Kranken und die Säuglinge, zu deren Wartung einige ältere Mädchen waren strafweise bestimmt worden. Sie wären natürlich gar zu gerne mit dabei gewesen, da sie sich aber etwas in der Schule hatten zu Schulden kommen lassen, was noch nicht gebüßt war, war diese Gelegenheit erwünscht.

Natürlich darf man sich kein üppiges Mahl vorstellen, denn die Oesterreicher leben mäßig aus ästhetischem Gefühle, aus Gesundheitsrücksichten und weil jedermann satt werden muß. Trotzdem kam zum Thee nicht nur Aufschnitt, wie sonst oft, mindestens an Sonntagen, sondern auch Backwerk, Früchte und Eis, und am Schlusse, da es galt, den Brautleuten ein Hoch auszubringen, wurden 5 Hektoliter vom besten Klosterneuburger angefahren, mit dem die Gemeinde sehr sparsam umgehen muß, weil die besseren Weine nicht eben im Ueberflusse wachsen.

Nach kurzer Pause, während welcher sich der Saal geleert hatte, bat man die Gäste zu den Spielen im Riesensaale des Bezirkspalastes. Dieser Saal war mittels ansteigender Gerüste in ein Amphitheater verwandelt worden und man belehrte uns, daß man der vielen Regatten und anderer Feste wegen beim Rudersporthause zerlegbare Tribünen, die dort in einem Hofe aufgeschichtet seien, für Tausende von Zuschauern habe, und man habe sie zu diesem Zwecke benützt, wie auch viele Hunderte von Operngläsern vertheilt werden konnten, die zur letzten Regatta von den Wiener Bühnen waren geschickt und noch nicht abgeholt worden.

Alles nahm Platz, unten die Kinder, oben die Erwachsenen nach der Größe. Die Kleinen waren übrigens größtenteils von anderen Gemeinden, denn während der Ferien ziehen die Kinder mit ihren Wärterinnen viel herum, um schon in jungen Jahren die Welt kennen zu lernen.

Im freien Raume in der Mitte war ein grasgrüner Teppich ausgebreitet und mit kleinen Gewächsen darauf gewissermaßen eine waldige Gegend markirt, die eine Matte umsäumt. Nun schoß von der Decke ein greller Strahl elektrischen Lichtes herab, der nur diesen Raum, der als Bühne diente, scharf beleuchtete, während der ganze übrige Theil des Saales ganz finster war, und so konnten die verschiedenen Acteure aus der Finsterniß auftauchen und wieder darin verschwinden und die Illusion wurde nicht gestört. Es konnten aber viele Hunderte von Menschen das Schauspiel genießen.

Erst kamen gutgeschulte kleine Schauspieler aus Klosterneuburg, die, als Zwerge verkleidet, eine allerliebste kleine Feerie aufführten. Dann eine reizende Tänzerin, als Bajadere gekleidet. Sie war Mitglied der Ballettruppe, aber beurlaubt und in Tulln zu Hause. —

Dann kamen braune Gesellen, bei deren Anblick wir Lori rufen hörten: “Die Zigeuner!” — Man hatte längst keine Zigeuner mehr, da jedermann seßhaft werden und sich in die neue Ordnung der Dinge einleben mußte, aber die Spielweise der Zigeuner hatte sich in Ungarn erhalten, wie auch ihr Aussehen und ihre Kleidung aus Bildern noch erkennbar waren, und da hatten sich Berufsmusiker, die den großen Orchestern angehörten und auch Unterricht ertheilten, zusammengethan und einige Zigeunerkapellen gebildet, die, um sich und anderen ein Vergnügen zu machen, zuweilen, aber aus freien Stücken und selbstverständlich ohne Entgeld, abends, bald hier, bald dort mit Geige und Hackbrett aufspielten. Lori war eine große Liebhaberin von dieser Art Musik, daher man sie bei deren Erscheinen immer: “Die Zigeuner” rufen hörte, und darum kamen sie gerne ihr zu Liebe.

Als diese einige Musikstücke zum besten gegeben hatten und wieder abzogen, kam nach kurzer Pause aus dem Dunkel eine komische Figur ins Licht gewirbelt und nachdem sie einigemal im Kreise herum blitzschnell Räder geschlagen, daß man nicht ausnehmen konnte, was es sei, stand der sonderbare Kauz plötzlich aufrecht da, mit aufgerecktem Halse und gravitätischer Grandezza. Man hatte dergleichen nie gesehen und wußte nicht, was man davon halten solle. Er hatte die Haare nach drei Seiten wie zu Flammen aufgebürstet, das Gesicht weiß gefärbt, dagegen Wangen und Lippen mit abscheulicher rother Farbe bekleckst und hochaufgezogene Augenbrauen gemalt. Er stak in einer weißen Kleidung mit faustgroßen schwarzen Knöpfen und begann wie ein Hahn herumzustolziren und dummes Zeug zu reden, wobei er sich ab und zu ein paarmal in der Luft überschlug und dann wieder steif und aufrecht stand. Da kam aus dem Dunkel eine Fidel sammt Bogen in den Lichtkegel geflogen, die er geschickt auffing und, scheinbar kindisch darüber erfreut, zu spielen versuchte. Er that, als ob er es nicht verstünde, vervollkommnete sich aber zusehends und kam endlich in ein verrücktes Tempo, wobei er vor Freude Luftsprünge zu machen anfing und endlich, sich überschlagend und zugleich fortspielend, immer toller wurde und plötzlich mit einem Satze im Dunkel verschwand. Alles lachte und fragte sich, was das wäre. Ich konnte bestätigen, daß dergleichen zu meiner ersten Zeit von herabgekommenen Leuten aufgeführt wurde, ich wisse aber nicht, wie die Tollheit daher gekommen. Im Verlassen des Hauses erfuhr ich denn, das sei der jüngere Bruder Zwirners, ein bildsauberer und äußerst gelenker Bursche. Selbstverständlich lebten die Eltern Zwirners nicht mehr, denn sonst hätte ich das verehrte Publicum mit ihnen bekannt machen müssen. Der Junge nun hätte bei seinem Bruder unter den alten Sachen Bilder und Beschreibungen gesehen, aus welchen er diese Eulenspiegelei entnommen und sich insgeheim eingeübt habe, um auch einmal etwas zum allgemeinen Vergnügen beizutragen. Er durfte dafür, nachdem er sein Gesicht blank gescheuert hatte, Lori auf den Mund küssen.

Nachdem man sich verabschiedet hatte, fuhren die Hochbergs mit dem Professor und Mary heim.

Spät am Abend noch benützte der Beamte von Tulln eine zufällige Begegnung, um mir zu sagen, die Vorsteherin der Frauencurie habe ihn beauftragt, die Freiheit zur Sprache zu bringen, die ich mir gegen Selma erlaubt. Diese selbst habe für nöthig erachtet, das Vorkommniß ihren Schwestern mitzutheilen, und man glaube, daß ich nicht ganz ohne Vorwurf sei. Es sei schon nicht ganz zu billigen, daß ich mich irgend einer Gunst berühmte, die ich erfahren; es sei das etwas rücksichtslos gegen die Frauen im allgemeinen, und man meine, daß Selma unrecht gehandelt habe, darauf mit einem Scherze zu antworten, sie würde am besten gethan haben, es zu überhören. Aber die anmaßende Galanterie gegen eine verheirathete Frau, wozu ich mich im Verlaufe der Conversation verleiten ließ, sei denn doch nicht wohl zu entschuldigen. Ich sagte darauf, daß Selma verheirathet sei, hätte ich nicht gewußt. Darauf bemerkte der Beamte, die Instruction belehre mich doch darüber, daß verheirathete Frauen, welche den goldenen Reif am Finger tragen, auf besondere Zurückhaltung Anspruch hätten. Ich schützte vor, daß ich darauf nicht geachtet habe, aber darauf wurde mir geantwortet, es wäre doch das Klügste, im Zweifel eher größere Zurückhaltung zu beobachten, als sich Freiheiten anzumaßen, die übel aufgenommen werden könnten. Es sei übrigens das Ganze ohne Folgen geblieben, denn der junge Ehemann habe keinen Anstoß genommen und halte alles für recht, was seine vergötterte Selma thue, und es sei nur zu wünschen, daß ich in Hinkunft die Empfindlichkeit der Frauen mehr schonen möge.

Gleich jenem Kronprinzen in der Fabel schwur ich, in Hinkunft vorsichtiger zu sein und ließ Selma und die Frauen im allgemeinen bitten, mir Vergebung zu gewähren.