IX.

Der Sonntagmorgen brach an und gab zunächst wenig Hoffnung auf einen vergnügten Tag, da regnerisches Wetter war und man sich auf die Nothwendigkeit gefaßt machte, die geplanten Ausflüge aufzugeben. Viele hatten zwar vor, nach Wien zu fahren und Museen oder die Ausstellung der neuen Bilder zu besuchen, welche von den Bewerbern um den Malerpreis waren eingesandt worden und welche nach Zuerkennung der Preise am zweitnächsten Sonntage ihre Rundreise um die Kreisstädte machen sollten, weshalb sie dann jahrelang für die Bewohner von Wien und Umgebung nicht mehr zu sehen waren, und es bot ein großes Interesse, sich darüber zu streiten, wer wohl den ersten Preis erlangen würde.

Diesmal hatte sich eines der schönsten Mädchen erklärt, es wolle dem Sieger in diesem Wettstreite seine Hand reichen, wenn es ihm gefalle, ein Anerbieten, das sich nicht zurückweisen ließ, das aber nicht gebilligt wurde, weil es frivol schien, auf das ungewisse sich zu binden, und es ebenso Mißfallen hätte erregen müssen, wenn die Uebermüthige dann ihr Wort nicht erfüllt hätte. Aber man vermuthete, daß es gerade kein Anerbieten auf's Gerathewohl gewesen, sondern daß die Schöne im unerschütterlichen Glauben lebte, der Preis könne nur dem Künstler zufallen, der die Hunnenschlacht eingeliefert hatte, und daß dies der Mann war, auf den sie ein Auge geworfen.

Es gab auch sonst in Wien Gelegenheit genug, sich zu unterhalten, und ebenso konnte man nach St. Pölten fahren, wo es immer etwas für Schaulustige zu sehen gab und heute ein interessantes Stück gegeben wurde, zu welchem man wohl eine Karte erhalten konnte. Die Rückfahrt konnte nach dem Theater noch immer erfolgen und stand der Besuch der Städte an arbeitsfreien Tagen jedermann frei, wenn es sich nicht darum handelte, dort zu übernachten. Die zurückgelegten Eisenbahnmeilen mußte man sich einrechnen lassen.

Die Nachbarorte von Wien waren etwas begünstigt, daher bei einem Wohnungstausche alles nach den Gemeinden des St. Pöltener und des Wienerneustädter Kreises drängte und es ebenso eine Belohnung für große Verdienste war, wenn jemand vom Arbeiterberufe dorthin versetzt wurde, wie es umgekehrt zu den Strafen gerechnet wurde, wenn eine unerbetene Versetzung in entferntere Gemeinden verfügt wurde. Es waren daher auch meistens besonders tüchtige Leute in den Gemeinden dieser Kreise anzutreffen.

Allein die Besuche in Wien blos für den Abend waren doch oft nicht besonders lohnend, denn da alle Arbeiter in drei bis vier Jahren einmal nach Wien beurlaubt wurden und diese Besucher aus entfernteren Gegenden natürlich für alle Genüsse den Vorzug vor jenen hatten, die jeden Sonntag wieder kommen konnten, so konnten diese ihren Zweck in Wien oft verfehlen.

Man schätzte die durchschnittliche Bevölkerung der Hauptstadt auf 350 Tausend. Es waren außer dem Adelsquartiere 350 Wohnquartiere, die für je 1000 Bewohner reichlich Raum hatten; aber zur Noth konnten auch 1200 in jedem Quartiere Aufnahme finden, was 420000 Anwesende ergab. Es kam auch bei besonders interessanten Festen, wenn eine Krönung oder ungewöhnliche Centennarfeier stattfand, vor, daß jedes Plätzchen besetzt war.

Die Bevölkerung bestand größtentheils aus vorübergehenden Besuchern aus der Provinz und dem Auslande. Die täglich nach Wien verkehrenden Züge brachten durchschnittlich 20000 Besucher und eben so viele mochten abreisen. Da die Fremden im Durchschnitte 7 Tage in der Residenz bleiben, so ergab das 140000 wechselnde Besucher. Die Hochschulen hatten an 60000 Studirende, worunter auch etwa 15000 Mädchen inscribirt waren, und dazu konnte man 20000 Professoren, Gelehrte, Künstler und Beamte an den wissenschaftlichen und Kunstanstalten rechnen, dann 70000 Pensionisten des Arbeiterberufes, was schon 290000 ergab, und rechnete man noch Hof, Adel, Beamte, andere Pensionisten, hauswirthschaftliche Arbeiter und Handwerker, worunter besonders viele die verschiedenen Kunstgewerbe als Beruf betrieben, so hatte man 350 Tausend. Diese alle waren für den Abend zu versorgen, an welchem sich niemand langweilen sollte.

Es war also, wie ersichtlich, abgesehen von der Geselligkeit, die man zu Hause fand, niemand in Verlegenheit, seine Zeit auch auswärts und insbesondere auch in der Kreisstadt oder in Wien angenehm zu verbringen, wenn etwa der Sonntag verregnet wurde, und man wartete in Geduld ab, ob es sich aufhellen würde. Aber Zwirner war verstimmt. Er sagte, er wolle mit uns zu Pferde den Kahlenberg besuchen und wir möchten uns ihm überlassen, der Mittag wäre auch vergeben. Es fiel uns auf, daß ihn das Regenwetter so mißgelaunt machte und wir sahen, daß er recht vergnügt aufsprang, als der erste Sonnenstrahl sich zum Fenster hereinstahl und bald darauf die Wolken sich zerstreuten und ein klarer Himmel uns einlud, in's Freie zu gehen. Jetzt war es umso besser, weil es weniger heiß war, und wir bestiegen also um 1/2-8 Uhr morgens unsere Pferde, die uns ohne Schwierigkeit waren angewiesen worden, da wir als bevorzugte Fremde einen Anspruch darauf hatten und übrigens die meisten sich der Eisenbahnen bedienten.

Wir sahen, daß Zwirner, der sein Pferd in scharfen Trab setzte, nicht den beliebten Weg über Tulbing einschlug, sondern gegen Königstetten einlenkte, und begriffen alles, als wir von weitem zwei Frauen auf herrlichen Goldfüchsen gewahrten, die uns zu erwarten schienen. Und so war es auch. — Zwirner hatte eine Verabredung mit Lori und seiner Schwester, die noch schöner als ihre Freundin war und sich durch lange aschblonde Flechten auszeichnete. Wir schätzten sie in dem Alter, in welchem Oesterreicherinnen sich zu vermählen lieben. Sie nahm uns rechts und links und unterhielt uns auf das reizendste mit ganz guter englischer Conversation, wobei sie nicht verfehlte, von älteren amerikanischen Autoren, Bret Harte, Prescott, Lawrence Gronlund und anderen zu sprechen. Sie mochte beabsichtigt haben, was sich scheinbar wie von selbst ergab, daß nämlich Zwirner und Lori hinter uns zurückbleiben und sich aussprechen sollten.

Kaum hatten wir Königstetten hinter uns, als die Straße sich rechts nach dem Gebirge wandte und in zahllosen Windungen, die oft beinahe wieder zum Ausgangspunkt zurückführten, die Höhe langsam erklomm. So hatten wir abwechselnd die Berge vor uns, dann wieder den Ausblick in's Thal und auf die Donau und wir hielten zuweilen die Pferde an, als wollten wir die Fernsicht genießen, in Wahrheit aber, um Freund Zwirner zu necken. Aber wenn die schöne Mary auch zwischen uns stille hielt und die Namen der Dörfer nannte, die wir zu unseren Füßen sahen, so glitt doch dann ein feines Lächeln über ihr allerliebstes Gesicht, wenn die Zurückgebliebenen in Gehörweite kamen, und sie wandte ihr Pferd der Straße zu, uns rechtzeitig entführend.

Die Straße führte lange so fort und wir konnten oft vier und fünf Wegschlingen hinter uns überblicken. Die kleinen waldigen Berge, zwischen denen kleine Mulden lagen, die entweder mit Wein bepflanzt waren oder frische Matten trugen, verschoben sich in einem fort und boten die abwechslungsreichsten Bilder. Lange blieb der Tulbinger Kogel rechter Hand sichtbar, endlich aber hatte die Straße die Höhe des Bergüberganges erreicht und führte tief in ein waldreiches Gebiet, von wo kein Ausblick mehr auf den Tullner Boden zu gewinnen war. Zwischen Wäldern und Wiesen ging es mehr als zwei Stunden fort und wir setzten die Pferde ab und zu in scharfen Trab. Endlich verließen wir die Heerstraße, um einen köstlichen Waldweg einzuschlagen, der hoch mit abgefallenem Laub bedeckt, unter jungen Bäumen fortführte, die nur selten ein Stückchen Himmel freiließen und eine herrliche lichtgrüne Wölbung bildeten. Die Bäume mochten in den letzten 150 Jahren wohl oft abgeholzt worden und wieder aufgewachsen sein.

Jetzt führte der Weg wieder in's Freie und auf hochgelegene Wiesen und Mary erzählte uns, daß nach den alten Karten da einstmals ein Bauernhof zum Steinriegel müsse gestanden haben, daß aber solche abgelegene Gehöfte selten mehr vorkämen, weil sich nicht leicht jemand entschließe, dem abwechslungsreichen Leben in der Gemeinde zu entsagen und weil solche Gebäude doch zum Schlupfwinkel für Feinde der Gesellschaft dienen könnten, wenn sie nicht regelmäßig bewohnt würden.

Nun führte unser Weg wieder durch Wald und dann kam ein reizendes langgestrecktes und vielfach gewundenes Thälchen, gebildet von einem schmalen Wiesenstreifen, der auf beiden Seiten von niederen Hügeln begleitet war, die, dicht mit Eichen und Buchen bestanden, förmliche von Grün strotzende Mauern bildeten. Jetzt hatten wir den Gebirgsstock erreicht, dessen nordöstliches Ende der Kahlenberg und Leopoldsberg bilden, und nachdem wir auf einer viel gekrümmten Straße eine ansehnliche Höhe erklommen hatten, ritten wir am Fuße des Hermannskogels herum und dann auf dem Gebirgskamme über Wiesen und durch herrliche Wälder nach dem Endziele unseres Ausfluges, das wir erst nach Mittag erreichten.

Wir ließen die Pferde, welche ziemlich angestrengt worden waren, in den Stall führen und wählten, um unseren Lunch einzunehmen, Plätze auf der Terrasse, von wo man den Ausblick über Wien hat. Da Lori und Mary, wie auch Zwirner, hier wohl bekannt waren, bedurfte es keiner Legitimation und wir erinnerten uns noch unseres ersten Besuches hier oben.

Die drei Oesterreicher traten an die Brüstung, blickten nach der Riesenstadt vor uns und wiesen, im Gespräche vertieft, auf den Tribunatspalast, der ihre Aufmerksamkeit zu erregen schien und allerdings mit seinen Thürmen aus dem Häusermeer besonders hervorragt.

Sieh' da, die schöne Selma kam, uns das Frühstück zu bringen. Sie grüßte uns heiter. — Wir erkundigten uns, ob die Sachen zurückgekommen wären, die wir uns bei unserem ersten Besuche ausgeborgt hatten, und Selma bejahte und sagte, man habe ihr auch den Gruß bestellt, den ich ihr entrichten ließ. Es sei aber allzu bequem gewesen, das anderen zu überlassen; man führe ja täglich an zwanzig Gespräche zwischen Tulln und dem Kahlenberge, da hätte ich mich wohl auch einmal hinsetzen und mich mit Selma “verbinden” lassen können. Ich entschuldigte mich lachend und sagte, wir hätten mittlerweile eine Reise nach Abbazzia und Lacroma gemacht, sonst würde ich wohl die angenehme Gelegenheit benützt haben. Lächelnd ging sie ihrer Wege, nachdem sie Lori und Mary, welche sich jetzt zu uns wandten, die Hand gereicht hatte. Nach dem Lunch streiften wir über Wiesen und Wälder und wieder zogen sich Lori und Zwirner mit Vorliebe seitwärts. Aber nun schlossen wir uns einem Lawn-tennis-Spiele an, obwohl unsere Freunde mit den anderen Spielgenossen nicht bekannt zu sein schienen. Als aber ein hübscher junger Mann, der wohl ein Auge auf Mary Zwirner geworfen haben mochte, vorschlug, daß wir mit ihm und seinen Genossen einen Tisch für Mittag bestecken sollten, sagte Mary, die seine Aufmerksamkeiten nicht beachtete, daß wir in Königstetten speisen wollten.

Nun war es nahezu drei Uhr geworden und wir sollten in Königstetten um fünf Uhr zur Tafel erscheinen. Zwirner und die beiden Mädchen waren etwas beunruhigt. Man hatte nicht bedacht, daß die Entfernung groß war und unsere Pferde schon mehr als fünf Stunden, die edlen Pferde aus dem Marstall von Königstetten mehr als vier Stunden gegangen waren und daß es jetzt gelte, einen scharfen Trab einzuschlagen, wenn wir Königstetten rechtzeitig erreichen wollten, worauf die Oesterreicher sehr bedacht schienen.

Wir befürchteten den Pferden zu viel zuzumuthen, und Zwirner ging mit mir nach dem Stalle, um sich umzusehen. Er erkundigte sich, was sonst für Pferde hier wären, und erfuhr, daß der Arzt und die Lehrer, im ganzen eine Gesellschaft von acht Personen, aus Klosterneuburg zu Pferde heraufgekommen wären. — Zwirner suchte den Arzt auf und erkundigte sich, ob die Klosterneuburger Pferde schon einen weiten Weg gemacht hätten, worauf sich ergab, daß das nicht der Fall war, und die Gesellschaft erbot sich, uns fünf gute Traber zu überlassen und unsere Pferde zu übernehmen, die den Weg nach dem nahen Klosterneuburg umso leichter machen konnten, als die Gesellschaft erst spät abends aufbrechen wollte. Da die jungen Leute jetzt Ferien hätten, würden sich dann am nächsten Tage recht gerne einige von ihnen bereit finden lassen, unsere Pferde nach Hause und die anderen dafür zurückzubringen.

So wurde denn aufgebrochen, und als wir Klosterneuburg hinter uns und die Höhen gegen Kierling erreicht hatten, ging es größtentheils im scharfen Trabe, zuweilen im Galopp über St. Andrä nach Königstetten. Auch dieser Weg war anmuthig und besonders der Abschnitt zwischen Kierling und St. Andrä bot eine reizende Abwechslung. Die Freundinnen waren nun voraus und es war ein Genuß, die herrlichen Gestalten der Mädchen zu schauen, die frohgemuth dahinritten. Wir folgten mit Zwirner, und Lori rief diesem zurück, daß der Fürst und die Fürstin heute aus besonderer Ursache, wie sie lächelnd betonte, zu Hause geblieben seien und daher Mary nicht, wie beabsichtigt war, die Repräsentation führen werde.

Zwirner ließ die Freundinnen etwas vorausreiten und erklärte uns die Stellung seiner Schwester im Hause Hochberg. Er sagte: “die Heirathskandidatinnen werden in gewisser Beziehung wie Priesterinnen heilig gehalten und die anderen Mädchen sind damit ganz einverstanden und auch von Jugend auf an den Gedanken gewöhnt, daß ihnen ein anderer Beruf bestimmt wäre, den man in früherer Zeit hätte etwa ein “Dienen” nennen können. Es liegt im Interesse aller, die Frauenschönheit zu pflegen und den künftigen Gattinnen und Müttern die Schönheit nicht durch Arbeiten zu verkümmern, die doch immer Spuren zurücklassen müssen, wenn selbst alle Kunst angewendet wird, das Gemeine vom Menschen fernzuhalten. Aber die gänzliche Veränderung der Lebensformen hat auch die Beziehungen der Menschen verändert. Jeder erhebt Verdienste und Vorzüge seiner Mitmenschen in den Himmel und thut sich etwas auf andere zugute, die ihm nahestehen, und da es der ganzen Gemeinde zur Ehre gereicht, wenn eine goldene Rose einer Schwester zufällt, so setzen alle Mädchen einen Stolz darein, etwas dazu beizutragen, daß die Schöneren aus ihrem Kreise nichts von ihrer Schönheit einbüßen, und sie selbst verbreiten den Ruf derjenigen, welche sie unter anderen Verhältnissen mit Mißgunst betrachten würden. Dann fällt ja den anderen wieder das Los zu, auf einem anderen Gebiete hervorzuragen, und nicht durch hämisches Herabsetzen der Mitmenschen, sondern durch möglichste Pflege und Entwicklung jener Vorzüge, die einem jedem zu Theil geworden sind, sucht man glücklich zu werden. Darum sind die von der Ehe ausgeschlossenen Mädchen gerne bereit, sich in die Arbeiten zu theilen, welche einstens verachtet waren, und oft ist nachgewiesen worden, daß es keinen Menschen gibt, der nicht auf irgend einem Gebiete sich auszeichnen könnte. — So ist nun Mary als die schönste von den Schönen in Tulln von ihren Schwestern verzogen worden. Man hat ihren Ruf verbreitet und ihr Zeit gegönnt, ihre gesellschaftlichen Talente zu pflegen, ohne welche Schönheit ein unnützes Ding wäre. Sie ist unzählige male zum Kreisbeamten geladen worden, wo man die Gesellschaft auch mit schönen Mädchen zu zieren bedacht ist, und so wurde sie mit den Hochbergs bekannt, die, wie das sehr häufig vorkömmt, sie baten, in die Familie einzutreten, um an der Hausverwaltung und Repräsentation theilzunehmen, welcher die eigentlichen Familienmitglieder allein nicht gewachsen sind, da die Aufgabe, so vielen Gästen aufzuwarten, eine größere Zahl von Hausgenossen erheischt. Man affiliirt so dem adeligen Hause allerhand ganz und gar unentbehrliche Hilfskräfte, die in freundschaftlicher Weise angeworben werden müssen, weil im Lande niemand für Lohn dient.” — Wir fragten, weshalb Mary dann am ersten Freitag nicht zu sehen gewesen, und erfuhren, daß sie damals die Hausverwaltung übernommen und in den Wirthschaftsräumen zu schaffen hatte, auch gar nicht aufgelegt gewesen sei, sich zu zeigen.

Mit diesem Gespräche ritten wir in den Schloßhof ein, wo galante Herren, es waren besonders viele Künstler für die Sommermonate hier, den Mädchen von den Pferden halfen. Man gab uns Gelegenheit, uns ein wenig zurückzuziehen, und dann ging es zu Tische.

Im großen Saale waren lange Tafeln aufgestellt, und wir waren an dreißig Personen beim Speisen. Das Gespräch war anregend und wir lernten wieder manche interessante Leute kennen.

Da erhob sich gegen Ende der Tafel Fürst Hochberg, um uns zu verkünden, daß zwei glückliche Paare unter uns seien. Professor Lueger habe der reizenden Freundin des Hauses, Mary Zwirner, und deren Bruder seiner eigenen Tochter Lori Hochberg die Liebe gestanden und beide seien erhört worden, und wenn auch die Ceremonie der Brautschau nicht vorausgegangen sei und solche Verbindungen — man möchte sagen: ohne Concurrenz — nicht ganz nach den Sitten des Landes seien, wisse man doch, daß sich den Herzen nicht gebieten lasse, und er lade die Anwesenden ein, das Glas auf das Wohl der künftigen Eheleute zu leeren. — Es war Champagner in den Gläsern und die Mädchen, die uns aufwarteten, fielen den beiden Bräuten um den Hals, wie auch Fürst und Fürstin Hochberg Mary herzlich küßten und beglückwünschten, als wäre sie ihre eigene Tochter. So erklärte sich, was uns am Morgen aufgefallen war, und wir begriffen, daß Zwirner heute seinen olympischen Gleichmuth verloren hatte. Denn Lori war ein herrliches Weib und offenbar dazu angethan, stürmische Liebe zu fordern und zu gewähren.

Zwirner, welcher sich mit Lori nach dem Essen im Garten erging und oft Arm in Arm mit ihr Wege einschlug, auf welchen wir ihnen offenbar nicht folgen sollten, wollte heute nicht aufbrechen, und die Fürstin mußte sich unser annehmen.

Diese Frau war nicht mehr jung, aber auch ihr fehlte es nicht an Spuren vergangener Schönheit. Sie war in einem Dorfe bei Salzburg geboren und es gereichte ihr zum Vergnügen, zu hören, daß wir dort einen Tag zugebracht hätten. Sie erinnerte sich nicht ohne Wehmuth der jungen Tage in jenem Paradiese und schilderte uns die Berge, in welchen sie viele Jahre gewandert war. Besonders rühmte sie die Aussicht von der Schmitterhöhe und, da sie hörte, daß wir die Rückreise über Zell am See und Wörgl nehmen wollten, um über die Schweiz zu reisen, empfahl sie uns, diesen Berg zu besteigen der gar nicht beschwerlich sei. Uebrigens sei die Hohe Salve vielleicht noch vorzuziehen. — Sie unterließ nicht, zu erwähnen, daß man auf allen diesen Bergen übernachten könne.

Mich langweilte das Gespräch mit der Fürstin, die uns nur unterhalten wollte, weil es die Höflichkeit gebot, und ich überließ ihr daher meinen geduldigen Freund Forest, indem ich vorschützte, daß ich einen Handschuh suchen wolle, den ich auf einer Bank im Parke müsse haben liegen lassen. Und so wandte ich meine Schritte nach einem stillen Plätzchen, wo man vom Schlosse aus nicht gesehen werden konnte, aber einen herrlichen Ausblick über das Thal genoß. Dort wollte ich mich ein wenig mit mir selbst beschäftigen und ließ mich auf einer Bank nieder, die neben dem Kieswege zur Ruhe einlud.

Da hörte ich hinter mir ein Seidenkleid rauschen, eine warme klangvolle Stimme ließ sich vernehmen und ich erkannte Loris mir wohlbekanntes Organ. Sollte ich bleiben oder fliehen? — Es war zu spät, das Knirschen im Kiese hätte mich verrathen und ich hoffte, die Liebesleute würden ihre Schritte bald weiterlenken.

Es kam anders: “Liebster, lassen wir uns auf dieser Moosbank nieder und wiederhole mir das Gelöbniß der Treue.” — “Gerne spreche ich davon, daß mich nichts mehr von dir reißen kann und wir kein anderes Glück kennen wollen, als ein gemeinsames. Aber es scheint mir, daß du nicht das rechte Wort gefunden, wenn du Wiederholung eines Gelöbnisses forderst. Was euch die Keuschheit und Jungfräulichkeit ist, ist dem Manne Wahrhaftigkeit und wir fordern unerschütterliches Vertrauen. Nicht ein Schatten von Zweifel an mir soll deine Seele beflecken, da wir uns versprochen haben.” — “Ich zweifle auch nicht an dir, ich will mich aber berauschen an deinen Verheißungen, daß du ganz und gar nur mein sein willst, daß du die Welt und die Gottheit, die Wahrhaftigkeit und das Schöne, die Kinder selbst, mit welchen uns Mutter Natur beschenken wird, nur in und mit mir, um unser beider willen lieben willst. Ich habe es immer hart gefunden, wenn ich die Worte Christi las: “Mann und Weib seien zwei in einem Fleische.” In welch grausamer Nacktheit stellt er uns das Band vor Augen, das uns an unseren Gatten knüpft. Aber doch nur um das Gebot wechselseitiger, alles umfassender Gattentreue zu begründen und beglückend ist das unermeßliche Opfer, das die Ehe von uns Jungfrauen fordert, wenn sich auch die Seelen der Gatten verbinden. Wir wollen auch zwei sein in einem Fühlen und in einem Denken. Nie könnte ich mich entschließen, die jungfräuliche Hoheit zum Opfer zu bringen, ausgenommen einem Manne, dem ich die ganze Welt bedeute, der mit mir nur ein einziges Ich bildet. Ganz fordere ich dich und nur dafür gebe ich mich Dir. So heiß auch das Blut in meinen Adern tobt, so hätte doch Sinnlichkeit niemals den Sieg davon getragen über das göttliche Gefühl jungfräulicher Unantastbarkeit. Aber als ich dich zum erstenmale erschaute, ward es mir klar, was die griechische Göttersage bedeutet, daß die Göttinnen zuweilen aus dem Olymp herabsteigen, um einen Sterblichen zu beglücken. Es ist nicht Hochmuth, Geliebter, wenn ich empfinde, als käme ich so zu Dir herab. Nur das Verlangen treibt mich, ein Glück zu gründen, dem nichts zu vergleichen ist, und um dieses Glück zu zeugen und es im Mitempfinden zu genießen und zu vermehren, streife ich ab, was mich über die Menschen erhöht hat. Da ich in deinem Glücke glücklich sein will, kann das Gut nicht groß genug sein, das ich dir mitbringe. Darum danke ich dir auch, daß deine Lippen mich nicht entweiht haben, und weder Auge, noch Mund mit kühner Anmaßung mich beleidigten. Die Stunde der Vereinigung soll dir und in dir mir einen Himmel öffnen.”

“Ich opfere dir meine Gottheit auf und mache dadurch dich zu meinem Gotte, mich zu deiner Magd, aber, um im menschheitlichen Sinne glücklich zu werden und ohne jeden äußeren Zwang, aus eigener Wahl.”—

Nach kurzem Schweigen sagte Freund Zwirner:

“So nehme ich dich auch als das kostbarste, das der Mensch auf seinem Lebenswege finden kann. Aber der Mann gehört doch auch dem Staate und der Welt an.”

“Das sollst auch du, lieber Mann, aber lasse mich an allem theilnehmen, was du erstrebst. Wir müssen nicht nur für unsere persönlichen Interessen gemeinsame Ziele, sondern auch für die Gesellschaft gemeinsame Ideale haben und zu solcher Einigkeit zu gelangen, ehrlich bestrebt sein. Lasse mein Bild dich umschweben, wo immer du bist, und trenne dich nicht von mir, was immer du unternimmst.”

“So wird es sein,” antwortete Zwirner, “auch ich trete nicht mit anderen Gesinnungen in die Ehe. Du weißt doch, Göttliche, wie wir uns erkennen gelernt haben. Ich habe schon oft deine Gedanken wieder darauf gelenkt. Wie ich in der Nacht nach unserer ersten Begegnung, als ich mit mir allein war, dich immer mir zur Seite, dein strahlendes Auge auf mich gerichtet sah. In diesen wachen Träumen enthülltest du dich mir, alle Reize deines süßen Leibes, die Schönheit deines Empfindens, die Reinheit deines Herzens, dein ganzes Selbst glaubte ich vor mir zu sehen und schon in jener Nacht vermählte ich mich dir. Ich hatte keine Ruhe mehr und gleich am folgenden Abende kam ich wieder und bekannte, daß mich dein Bild nicht mehr verlassen habe. Du auch hattest nur von mir geträumt und mich im Traume zu deinem Gatten gemacht und du wußtest, daß ich wieder kommen und um dich werben würde.”

“Da kam eine Woche der Prüfung. Je mehr wir verkehrten und unsere Gedanken austauschten, umso sicherer fühlten wir, daß wir uns nicht getäuscht. Du sagtest mir schon damals wie heute, wie groß du dir das Glück der Ehe vorstelltest und wie die Verbindung der Gatten alles, alles umfassen müsse. So ließest du mich die ganze Welt durch dein Auge sehen und ich ließ dich in mein Herz blicken. Ich fand, daß wir seien wie ein Augenpaar, immer zugleich daran, das Welträthsel zu lösen; niemals suchen die beiden Augen verschiedene Ziele. Und da jubeltest du, daß ich in diesem Bilde den wahren Sinn der Ehe entdeckt. Du verfolgtest den Gedanken weiter und zeigtest mir, wie die Augen, weil sie niemals an ein und dieselbe Stelle im Raume rücken können, der Seele zwei Botschaften bringen, aber doch nur, um die Dinge besser zu erforschen, als es ein Auge allein vermöchte, und wie die Seele die beiden Bilder zu einer Einheit verbinde. Und so sollten wir zu einer Anschauung der Welt gelangen, die dem Einsamen verschlossen bleibt. Auch wir sollten unsere Anschauungen zu einer Einheit verschmelzen lernen. Und sinnig bemerktest du, wie die beiden Augenbilder stark von einander abweichen, wenn wir auf das nächste schauen, und wie sie sich decken, wenn wir uns in das Anschauen der Gestirne versenken; wir sollten daher das unendlich Große, das Ewige und nur dem Geiste nahe nicht aus den Augen lassen.”

“Und so lernten wir an unserem Weltbilde uns selbst wechselseitig erkennen.”

“Nachdem das vorausgegangen, sollte da noch eine Selbsttäuschung möglich sein? Wie könnte uns das Glück irgendwo fehlen, wo wir zusammen weilen?”

“Ich träume für und für von einem unverwelklichen Glücke, das ich in deinen Armen und in einer alles umfassenden Lebensgemeinschaft mit dir finden werde.”

Und da hatten sie sich erhoben und ihre Stimmen erstarben in der Entfernung. — Nun verließ ich meinen Ruheplatz und als ich später im Schlosse den jungen Leuten begegnete, schämte ich mich, daß ich mich zum Mitwisser solcher Seelenergüsse gemacht. Lori reichte mir unbefangen die Hand und wir schieden.

Zwirner war auf dem Heimwege in Gedanken verloren.

Ich erinnerte mich, als wir nach Tulln kamen, daß ich mich mit Selma sollte “verbinden” lassen, und ging nach dem Telephone im Gemeindepalaste, der beinahe verödet war. Ich ließ mich mit dem Kahlenberge in Verbindung setzen und fragte nach Selma, die mich bald darauf anrief und mich begrüßte. — “Schöne Selma, ich freue mich, mit dir zu plaudern.”

“Du kommst mir gerade recht, sage mir doch, was haben denn Lori und Zwirner so gedrängt, nach Königstetten zu kommen?” — “Das ist ein Geheimniß.”

“Warum nicht gar, in Oesterreich hat man keine Geheimnisse.”

“O doch, ich selbst habe ein gar liebes Geheimniß, das ich mit nach Hause nehme.”

“Du scheinst mir ein lockerer Zeisig zu sein.”

“O gar nicht, ich bin im Gegentheile recht beständig.”

“Ich traue dir zu, daß du in nichts beständig bist, als in der Unbeständigkeit.”

“Falscher Verdacht, aber immerhin will ich mich von dir unterweisen lassen, wenn ich noch der Vervollkommnung bedarf.”

“Danke für das Vertrauen, ich habe einen Schüler, dem ich mich ganz widme und der erstaunliche Fortschritte gemacht hat, und wenn ich seine Erziehung vollendet habe, will ich mich zur Ruhe setzen und keine Schüler mehr annehmen.”

“Da bin ich wohl zu spät gekommen?”

Nun höre ich ganz deutlich einen Schmatz durch das Telephon. Den glaube ich erwidern zu sollen; darauf mehrstimmiges Gelächter, und da ich etwas verdrießlich ‘Selma’ rufe, antwortet eine Baßstimme: “Selma ist abgerufen worden, was beliebt?” — “O es ist nichts von Belang; wer spricht?” — “Martin, der gelehrige Schüler.” — “So, so; gute Nacht euch beiden,” — “Wir danken schön.” — “Schluß!” — “Grrrrrg.”—

Ich hätte mir das ersparen können, denn als ich mich recht besann, erinnerte ich mich nicht nur an herrliche über den Rücken fließende dunkle Haare, sondern auch an einen Goldreif an Selmas Ringfinger und ich erfuhr später, daß Selma mit Martin die Flitterwochen auf dem Kahlenberge verbrachte und daß sie entschieden hatte, sie wollten sich nicht ganz dem verliebten Getändel hingeben, sondern in der Wirthschaft Aushilfe leisten. Meine Wege würden mich mit dem Paare wohl nicht mehr zusammenführen und ich dachte, daß das kleine Mißverständniß bald in Vergessenheit gerathen werde.