XVIII.
Wir kamen nachmittags nach Bregenz. Der Bodensee bot im hellen Sonnenscheine einen entzückenden Anblick. Tausende von Booten aller Größen drängten sich an den Ufern, in der Ferne sah man zahlreiche Dampfer, welche heute viele Tausende von den schweizerischen und deutschen Ufern des Sees herangebracht hatten, laviren.
Es war Donnerstag der 6. August, der Vorabend unserer Abreise aus dem uns liebgewordenen Oesterreich. Vom Bahnhofe bis zu den schönen Gebäuden der Stadt und die Ufer entlang war ein Gedränge von Menschen zu sehen, worunter auch Fremde aller Zungen und aus allen Welttheilen. Wir eilten zu Tische, denn in kurzem stand die Ankunft des Kaisers und des kaiserlichen Hofes bevor. Die Nachrichten liefen von Zeit zu Zeit ein, wie der kaiserliche Zug die Stationen durchfuhr und nun eilten viele zum Bahnhofgebäude, den Monarchen zu empfangen.
Die Kaiserin am Arme, gefolgt vom Kronprinzen und dessen jüngeren Brüdern, dann von zahlreichen Erzherzogen und Prinzessinnen und dem Hofstaate, schritt der Fürst, begrüßt und grüßend über den mit Teppichen belegten kurzen Weg nach dem mächtigen Portale des herrlichen Baues, der heute eröffnet werden sollte. Er war noch verschlossen und am Eingange harrten die Baumeister und die Werkleute in alterthümlicher Tracht, die kunstreich angefertigten Schlüssel in den Händen, um, nachdem einige der Feier angemessene Reden gewechselt worden waren, die Thore zu öffnen, über deren Schwelle voran der Kaiser und die Kaiserin schritten und ihnen nach die Prinzen und Prinzessinnen, dann hohe Beamte und Mitglieder des Adels, Einheimische und Fremde flutheten und in kurzem beinahe den Riesensaal füllten. Der Seeseite gegenüber an der Längswand, von wo aus man durch hohe Fenster und Glasthüren in einen herrlichen Wintergarten blickte, war eine erhöhte Bühne, mit Teppichen bedeckt, aufgerichtet, welche der Kaiser mit seiner Familie, dem Adel und den hohen Beamten hinanstieg und, nachdem der Saal gefüllt und Ruhe eingetreten war, nahm der Kaiser, die Kaiserin zur Rechten und den Kronprinzen zur Linken, auf dessen goldgelockten Kopf er seine Hand legte, das Wort, um eines Ereignisses in seiner Familie zu gedenken, das Anlaß zum Baue des Palastes und zur heutigen Feier bot.
Am selben Tage vor drei Jahren war der Kronprinz, der jetzt in blühender Gesundheit neben dem Kaiser stand, im Bodensee, wo er, noch des Schwimmens unkundig, badete, von einer Welle ergriffen und in den See, der ziemlich bewegt war, hinausgetragen worden. Händeringend stand die Mutter am Ufer und zwei Schiffer stürzten sich ins Wasser, um den Prinzen zu retten. Sie wollten nichts von Dank wissen und sagten freimüthig, es sei ihnen um das Menschenkind, nicht um den Prinzen gewesen, und der Kaiser, darum nicht weniger dankbar, beschloß, zur Erinnerung an diese That der Nächstenliebe die Stadt Bregenz mit einem Palaste zu beschenken, der auf Kosten der Civilliste erbaut werden sollte. Nachdem der Kaiser noch einmal den Rettern, die weder genannt werden wollten, noch bei der heutigen Feier erschienen waren, den Dank ausgesprochen, erklärte er, den Bau nunmehr den Einwohnern der Stadt zu übergeben, damit sie hier sollten frohe Stunden verleben und den vielen Gästen, die das ganze Jahr über hier zusammenströmten, bereiten können.
Dann gab der Kaiser, der stehend und unbedeckten Hauptes gesprochen, das Wort dem obersten Beamten der Provinz, der die Festrede hielt, in welcher er die Nächstenliebe pries und schilderte, was sie schon Großes in Oesterreich vollbracht habe.
Nach Beendigung der Festrede intonirten die anwesenden Sänger eine passende Cantate, worauf man den Rundgang im herrlichen Baue antrat, der in den letzten drei Jahren ausgeführt worden war und, wie wir Amerikaner sagen würden, mehr als zwei Millionen Mark gekostet hatte. In Oesterreich schätzte man den Bau auf zweitausend Arbeitsjahre.[O]
Die Gesammtanordnung war dieselbe, die alle diese Bauten zeigten. Doch war das Geschoß, welches den großen Saal enthielt, höher, als gewöhnlich und erreichte eine Höhe von sechzehn Metern. Die Pfeiler zwischen den bis zur Decke reichenden Fenstern und die Säulen, welche die Decke und den darüber errichteten Bau trugen, waren mit Stuck bekleidet, die Stuckadorung der Gesimse und der Decke war weiß mit Gold und an den Pfeilern sah man, gestützt von Consolen, die Büsten des Kaisers und der Kaiserin, dann der Prinzen, endlich die der Reichstribunen und der Provinzialtribunen des Jahres. Die Büsten der Lebensretter durften nicht aufgestellt werden, weil diese es nicht gestatteten.
Der Ausblick nach der Seeseite war ebenso entzückend, wie der Blick nach dem gegenüberliegenden Wintergarten, der mit Palmen und anderen Gewächsen geziert war. Auch der Bibliothekssaal war reich geschmückt und war dort die Statue des Dichters Hermann von Gilm aufgestellt. Diesen großen Saal, der sechshundert Quadratmeter maß, umgaben sechzehn kleinere Säle, die in den verschiedensten Stilarten auf das herrlichste ausgestattet und eingerichtet waren, und befanden sich dort zahllose Broncen, Marmorbildwerke und Gemälde.
Für die Ventilation hatte man ein neues System angewendet, das nach vielen Versuchen und Verbesserungen allgemein anwendbar war gemacht worden. Man erzeugte durch Maschinen, die im Dachraume angebracht waren, große Kälte in einem geschlossenen Raume, in dem die von außen eingeführte Luft stark abgekühlt wurde, und diese wurde dann durch im Mauerwerke und den Säulen angebrachte Röhren zum Fußboden der Säle und dem des großen Speisesaales geleitet.
Dagegen waren die hohen Saalfenster an den Decken der zu ventilirenden Räume zu öffnen und zog dort die verdorbene und erwärmte Luft umso rascher ab, weil die am Fußboden nachströmende kältere und schwerere Luft sie verdrängte. Die Luft, die man den Räumen zuführte, wurde aus dem angrenzenden Fichtenwalde eingesaugt und duftete auf das köstlichste.
Auch von außen bot der Bau einen schönen Anblick. Die Thürme an den vier Ecken, welche die Stiegen enthielten, waren mit Epheu umrankt und ragten hoch über den Bau hinweg, oben mit einer Brustwehr abgeschlossen. Auch die Hauptmauern des Baues waren weit über das obere Geschoß hinaufgeführt und über dem eigentlichen Dache eine flache Bühne aus starker Construction errichtet, welche theils mit Erde bedeckt, theils gepflastert, einen reizenden Garten bildete, in dessen Mitte der obere Theil des Bibliothekssaales emporragte. Zum Baue gehörte auch noch ein Schatz von Glas und Porzellan, Tafelsilber und Tafelwäsche, sowie die kostbare Einrichtung der Küche und der unterirdisch angebrachten Bäder.
Nachdem der Bau in allen Theilen war besichtigt worden, strömte nach und nach alles zu den drei großen Ausgängen, die nach dem See führten, und da sah man zuerst den Kaiser, die Kaiserin und die Prinzen und dann das Gefolge und die Sänger, Fremde und Einwohner heraustreten, um über den Vorplatz und die Treppen nach den Schiffen zu gelangen. Zuerst füllte sich das reich geschmückte kaiserliche Boot und dann die Sängerpontons. Es waren drei berühmte Sängervereine zum heutigen Feste gekommen. Voran der Wiener Verein, der noch immer den ersten Platz behauptete und dessen Leitung in den Händen eines Mannes lag, dessen Aeußeres kaum den Künstler verrathen hätte. Ein breites etwas rothbrüchiges Gesicht, eine große knochige Gestalt, ein etwas verkürztes Bein waren Merkmale, die an einen berühmten Sänger aus alter Zeit erinnerten, dessen Name und Gedenken den Oesterreichern überliefert waren. Aber auch die Stimme war dieselbe, ein entzückender lyrischer Tenor, der, sobald er nur anschlug, sich schon alle Herzen gewann. Der Name des Sängers war Rieger.
Dann waren hier die Kölner, die lange rangen, es den Wienern zuvorzuthun, aber auch mit der zweiten Stelle zufrieden sein konnten, und der dritte Verein war der Berner Sängerbund.
Die Pontons für die Sänger waren auf großen Booten, die die schwere Last zu tragen vermochten, errichtet und konnte jedes über vierhundert Sänger fassen. Die Fortbewegung geschah durch eine verstellbare Schiffschraube, die vom Verdecke aus mit der Hand in Bewegung gesetzt werden konnte. Diese Pontons schwammen langsam in den See hinaus, das kaiserliche Boot und einige andere Boote in die Mitte nehmend und von außen von tausenden kleiner Boote und den Dampfern umschwärmt. Die Berner eröffneten das Sängerfest, dann folgten die Kölner und dann harrte man erwartungsvoll des altberühmten Sanges der Wiener. Ein mächtiger Chor begann und nachdem er leise verhallt war erhob sich der himmlische Tenor des Wiener Meisters in getragenen, anschwellenden und wieder verklingenden Weisen. Nach wenigen Tönen hatte diese herrliche Stimme alle Herzen bezaubert, aller Lärm erstarb und nicht nur die Menschen lauschten athemlos, auch der Wind und die Wellen, die eben noch spielten, schienen sich zu legen, kein Ruder rührte sich und die Vögel des Himmels ließen sich auf den Booten nieder, um zu hören. Andächtig folgte man den Tönen, die, vom Wasser getragen, so leise sie auch klangen, doch weithin hörbar waren.
Da plötzlich ein markerschütternder Schrei: “Jakob, mein Jakob!” und da man sich nach einem Boote mitten zwischen den Sängerschiffen wandte, sah man auch die Kaiserin erschreckt und mit herzbrechendem Jammer sich nach dem Wasser neigen. Doch der Kaiser gebot mit einer Handbewegung Ruhe, daß kein Ruder ins Wasser tauche und kein Boot in dem fürchterlichen Gedränge sich bewege, und sieh', da taucht ein Blondkopf neben dem Sängerschiffe auf, der Kronprinz erfaßt die Planken, die sicheren Halt bieten, und indem er sich hinaufschwingt, zieht er aus dem See den halbtodten Jakob nach, der unfehlbar hätte ertrinken müssen, wenn der Prinz sich nicht, ehe ihn die Kaiserin zurückhalten konnte, ins Wasser gestürzt und das eigene Leben gewagt hätte, — und dort, wo tausende von Booten eingekeilt und sich stoßend, das Emporkommen erschwerten. Allgemeiner Jubel erscholl und die arme Anna, die schon fürchtete, den Schützling zu verlieren, fiel der Kaiserin und dem Kronprinzen um den Hals. Eine mächtige Bewegung pflanzte sich über den See und bis ans Ufer fort, als man erfuhr, was vorgegangen war. Sie nahmen den armen Jakob, der sich bald erholte, auf das kaiserliche Schiff und nachdem man die Geretteten ans Land gerudert hatte, um ihnen trockene Kleider zu besorgen, traten die ersten Sänger zusammen, um sich auf das Lied zu einigen, das für diese Stunde sich am besten zu eignen schien. Es war das Lied: Freiheit, Gleichheit und Menschenliebe, das die drei Chöre vereint erschallen ließen. Voran die Berner die Strophe von der Freiheit, wo dem Chore eine mächtige Baßstimme folgte, dann die Kölner die Strophe von der Gleichheit, die ein sympathischer Bariton pries, und am Ende die Wiener, welche abwechselnd mit dem Tenor die Menschenliebe besangen.
Mittlerweile flammten auf den Bergen in Vorarlberg und der Schweiz die Freudenfeuer auf, die der alten Sitte gemäß den Kaiser begrüßten und deren Schein vortrefflich zu der Stimmung paßte, welche sich über so viele hier verbreitet hatte.
So hatten wir am letzten Abende unseres Aufenthaltes in Oesterreich Zeuge sein können, wie der Kronprinz für seine Rettung den einzigen Dank abstattete, der dem empfangenen Dienste ebenbürtig war. Und da nun, spät am Abende, nachdem längst alle Schiffe waren beleuchtet worden, die gesammte Flotte den Bernern, die nach Rorschach fuhren, das Geleite gab, schlossen wir uns an und kehrten erst um Mitternacht nach Bregenz in unsere Quartiere zurück.
Des anderen Morgens ließ mir die schöne Anna sagen, ich möge sie besuchen und ihr Hilfe bringen. Jakob liege im Fieber und wenn er ab und zu zu sich komme, zeige er eine unbegreifliche Melancholie. Er beklage, daß er nicht den Tod im See gefunden, und härme sich ab, daß seine Anna, an einen Krüppel gekettet, ihr Leben vertrauere, wie er sich ausdrückte. Hier theile niemand die Sorge um ihn mit der Gefährtin und da er jetzt krank liege, bedrücke ihn der Gedanke, daß sie sich ihm opfere. Gewiß habe sie längst bereut, wolle aber ihrem Worte nicht untreu werden. Der Freund möge kommen und versuchen, ob er rathen könne.
Ich hatte noch einige Stunden vor unserer Abreise vor mir und bat Mr. Forest, die Geschäfte mit der Verwaltung abzumachen, während ich zu dem unglücklichen Paare eilte. Gerade gingen die Kaiserin und der Kronprinz, dem das kalte Bad nicht geschadet hatte, vom Krankenbette weg. Erstere grüßte freundlich und erinnerte sich, daß wir nun schon zum dritten male zusammentrafen. Dem Kronprinzen reichte ich die Hand, indem ich seiner muthigen That rühmend gedachte. Er ergriff sie zögernd und befangen.
Als ich bei Anna eintrat, fand ich die zwei in Verzweiflung. Jakob ließ sich nicht überreden. Das Opfer sei unnatürlich. Da zog ich ein uraltes vergilbtes Zeitungspapier aus der Tasche und bat um die Erlaubniß, ihnen daraus vorlesen zu dürfen. Er lächelte wehmüthig und willigte ein. Folgendes war meine Erzählung.
Eine Storchengeschichte.
Auf einem holsteinischen Gute, so erzählt die ‘Kieler Zeitung,’ ereignete sich vor elf Jahren, daß ein Storch im Kampfe mit einem eifersüchtigen Nebenbuhler dermaßen verletzt wurde, daß er flügellahm vom Neste herabpurzelte. Trotz sorgsamer Pflege, die dem armen Invaliden zu Theil wurde, gelang es nicht, ihn so weit wieder herzustellen, daß er seine Schwingen gewohntermaßen gebrauchen konnte. Vielmehr wanderte Meister Rothbein von jetzt an trübselig auf dem Hofe umher, drückte sich in Scheunen und Ställen herum und schien an seinem Schicksale schwer zu tragen.
Gleichwohl blieb er am Leben und als seine Kameraden sich im Spätsommer aufmachten, um ihre Winterheimath am Nilstrome aufzusuchen, sah Peter — so hatte man den Verunglückten getauft — ihnen sehnsüchtig und traurig nach, fand sich aber schließlich in das Unvermeidliche. Der Winteraufenthalt wurde ihm von dem Hofbesitzer nach Möglichkeit erleichtert; um für Peter die erforderliche Nahrung allezeit bereit zu halten, ließ man Fische von einem benachbarten Küstenorte kommen und so gewöhnte sich der rothbeinige Invalide im Laufe der Jahre so sehr an seine Lage, daß er ganz zahm wurde und seinem Herrn, freilich auch nur diesem, überallhin folgte. Die traurige Zeit während der elf Jahre war für Peter nur immer diejenige, wann im Frühjahr seine Kameraden aus Afrika heimkehrten und es sich auf den Dächern im behaglichen Neste bequem machten. Dann stand er in der Regel auf dem höchsten Punkte des Gehöftes, dem Mistberge, und blickte traurig und liebeskrank zu den Glücklicheren seines Geschlechtes empor, die auf dem Dache ihre Zurüstungen zum Ehe- und Familienleben trafen. Vor zwei Jahren nun sollte auch für Peter eine glücklichere Zeit anbrechen; ein freundlicher Sonnenstrahl fiel in das Einerlei seines verkümmerten Daseins. Ein junges Storchenfräulein schwebte an einem schönen Frühlingstage auf die Einsamkeit des Misthaufens hernieder und — mitleidig, wie gute Mädchen nun einmal sind — fand sie Gefallen an dem Krüppel und kam seinem Liebeswerben freundlich entgegen.
Ja die barmherzige Storchenlady ließ sich sogar bereit finden, entgegen ihrer Gewohnheit, auf dem Dachfirste zu nisten, mit einem Bau auf ebenem Boden in der Nähe eines Lusthauses fürlieb zu nehmen. So verlebte denn Peter an der Seite eines geliebten Weibes einen glücklichen Sommer, wurde Vater mehrerer Kinder und Alles wäre in bester Ordnung gewesen, wäre nicht der Herbst gekommen. Als die Zugzeit herankam, siegte auch in Peters Gattin das Heimweh über Liebe und Treue und eines schönen Tages flog sie sammt ihren Kindern davon, ihren Peter in der Einsamkeit zurücklassend. Der arme Strohwittwer war den Winter über mehr denn je in sich gekehrt und war schier untröstlich, als im nächsten Frühjahre seine junge Frau nicht zu ihm zurückkehrte. Hatte die Ungetreue ihn so schnell vergessen? Eifersucht vergrößerte die Qual seines Herzens. Doch was half's? Er mußte sich in sein Schicksal fügen. Und der Sommer verging und wieder kam der Winter und nach ihm der neue Frühling. Wie alljährlich stand Peter vor einigen Wochen auf seinem Mist und verfolgte den Flug der heimkehrenden Freunde. Da, wer beschreibt seine Freude, kommt's rauschend herabgeflogen und vor ihm nach anderthalbjähriger Trennung steht frisch und gesund die verloren geglaubte Gattin.
Alles schien in Ordnung, nur auf dem flachen Erdboden schien das wiedervereinigte Paar nicht wieder bauen zu wollen. Der Hofbauer merkte das an Peters vergeblichen Versuchen, auf das Dach des Lusthauses zu gelangen, und ließ sofort eine bequeme Leiter bauen. Diese wurde von Peter auch richtig benutzt und heute nistet das Paar einträchtig auf dem Dache des Pavillons. In der Umgegend aber gehen schon jetzt die Leute Wetten ein, ob die Storchenmadame ihren Peter auch in diesem Jahre wieder verlassen wird oder nicht.
“Nun, Jakob, was sagst Du zu dieser Erzählung, die über 100 Jahre alt ist?”
Jakob war nachdenklich geworden und sprach lange nicht: “Sollte es wahr sein, daß das Thier selbst daran Freude findet, sich dem Unglücklichen zu opfern? So wärst Du meine Störchin,” sagte er heiterer auf seine Anna blickend. — “Es ist wohl so,” sagte diese lächelnd, “ich habe nichts lieberes auf der Welt, als dich. Was wir lieben, machen wir uns zum Schatze und ihn zu verlieren, ist unser Verderben.”
Nach einigem Besinnen sagte Jakob: “Wenn du meine Störchin bist, mußt du mich als deinen Storch gelten lassen. Was wäre dir denn von mir geblieben, wenn ich ertrunken wäre? Storch und Störchin hielten beisammen aus, aber sie hatten ihr Nest.” Anna wurde ernst und antwortete nicht. Jakob sagte dann wieder: “Lasse deinen Trotz fahren, liebes Weib, lasse dich mit mir regelrecht trauen und schenke mir Kinder, dann zweifle ich nicht mehr.”
Anna jubelte auf: “Aber Beine müssen die Jungen haben,” und damit fiel sie dem Kranken um den Hals. “Natürlich, denn wo fände sich eine Zweite wie du?” —
Jakob in den Armen haltend blickte Anna jetzt lustig zu mir auf und rief: “Nicht blos unsertwillen habe ich dich herüberbitten lassen. Ein Brief ist für dich eingelangt und er duftet nach Rosen, er wird von Frauenhand sein.”
Sie gab mir ein Schreiben, das ich sofort erbrach. Es war von Giulietta. Hier folgt es:
“Lieber Julian! Ich empfing deinen Brief aus Tulln. Er war frostiger, als ich denken mochte, obschon ich nicht zweifelte, was der Ausgang meines Romanes sein müsse. Freilich ist ja die Geschraubtheit des Amerikaners mit Schuld daran. Euch fehlen die Grazien. Ich mache dir keinen Vorwurf. Ich bereue nicht, was ich gethan; ich habe eine süße Stunde genossen und dir bereitet, aber ich habe auch erfahren, daß wir Frauen anders lieben, als ihr. Wir wollen erhalten, ihr wollt vermehren und verändern, ihr seid unersättlich.
Ich hatte am Sonntag kein Ziel, keine Absicht leitete mich; aber unvermerkt verband sich, da ich mich dir hingab, mit dem Entzücken des Augenblickes die Vorstellung von einem dauernden Glücke. Ich hoffte nicht, denn du machtest mir keine Hoffnungen, aber es schien, als ob das Glück werth wäre, festgehalten zu werden.
Hätte ich kühl überlegt, so hätte ich nicht geirrt, aber wie könnten wir Frauen überlegen, wenn wir liebend beglücken!
Wie bald wurde ich gewahr, daß du nicht vom selben Wunsche erfüllt bist, wie ich, und daß du nicht daran denkest, die Schwierigkeiten zu überwinden, die uns Frauen niemals abhalten, Liebe zu vergelten. Kein Mann wird Giulietta mehr umarmen. Ich habe nicht von dir, ich habe von der Liebe Abschied genommen, nicht ohne das Gefühl eines Menschen, der das bessere Gut verliert und sich an ein geringeres klammert, aber nur um zu erfahren, daß ihm auch dieses versagt ist. Gräme dich aber nicht darüber. Ganz ohne bange Zweifel konntest du nicht abgereist sein und ich will dich beruhigen. Es ist mir genug geblieben, daß du ohne Gewissensbisse in dein Land zurückkehren kannst. Ich bereue nicht und die Gewißheit, einem lieben Menschen eine Stunde seligen Entzückens geschaffen zu haben, bleibt mir doch.
Nun sieh' aber, was mir ein günstiges Schicksal gewährt hat. Peterchen wird doch mein Söhnlein. Ich habe ihn beobachtet und mir über ihn berichten lassen. So klein der Kerl ist, so weiß man doch, daß er gute Anlagen und das beste Gemüth hat. In so jungen Jahren vergißt er seine Mutter doch leicht und er wird an mir hängen. Der Verwaltungsbeamte hat ihn mir überlassen, nachdem Josefa und andere Verwandte dazu riethen.
Der Abend beim Beamten verlief sehr angenehm. Man hat gesungen und getanzt und ich bin gebeten worden, zu improvisieren. Die Italiener lieben es, über ein aufgeworfenes Thema Gedichte zu rezitiren, die der Augenblick gebiert.
Ich hatte großen Beifall und freute mich, unter Deutschen meine göttliche Sprache zur Geltung zu bringen.
Die Empfangsräume der Mitglieder des Vorstandes der Gemeinde — wozu wir auch die Lehrer rechnen — sind, dem Fortschritte und dem Aufschwunge unseres Staatswesens entsprechend, ganz besonders prächtig. Sie reichen durch zwei Stockwerke des Wohnhauses, in dem ich meine Stube habe, und sie bilden zwei große und zwei kleine Säle, von welchen man auf einer Seite in einen reizenden kleinen Garten gelangen kann, und auf einer anderen Seite in einen blumengeschmückten Glassaal. Der schönste Saal ist mit Stuckmarmor, Spiegeln, Broncecandelabern und Lustern reich verziert. Die Herren vom Vorstande haben sich darüber geeinigt, daß sie hier abwechselnd ihre Abende geben werden. Jeder bestimmt seine Einladungen nach seinem Gutdünken. Es wird zwar niemand ganz ausgeschlossen, aber der Zutritt wird nicht ganz gleichmäßig vertheilt werden. Diesmal war auch ein Erzherzog auf kurze Zeit zu sehen, der im Auftrage gekommen war, die neue Gemeinde zu begrüßen.
Dr. Kolb war da. Ein gesprächiger Mann. Es machte ihm Freude, zu hören, daß ich von ihm weiß und daß ich die Bildhauerkunst hoch schätze. Auch die Arbeiten meines Wahlbruders haben ihm sehr gefallen. Er vertraute mir an, daß er den Auftrag habe, — er sagte mir nicht, von wem, — eine Venus in Marmor auszuführen. Ich solle ihm Modell stehen. Werde mir nicht eifersüchtig, kein Mann soll mich mehr schauen. Der Künstler aber erklärte mir den Vorwurf und er ist nicht von der Art, daß ich seinem Wunsche nicht willfahren könnte. Peterchen wird nackt ausgezogen und mir als Amor in den Nacken gesetzt, um mir die Augen zuzuhalten. Wir streiten uns darum, ob der kleine Gott auf den Schultern knieen oder rittlings hingesetzt werden soll. Wir neigen jetzt dem letzteren Gedanken zu.
Ich wollte einige alte Toilettestücke verwenden, um die den Absichten des Künstlers entsprechende Kleidung anzufertigen. Aber er wehrte mir; man brauche da nicht zu sparen, der Stoff müsse von der Art sein, daß der Faltenwurf schön ausfalle. Es werde eine Bekleidungskünstlerin aus der Residenz kommen und man werde es sich etwas kosten lassen, um etwas wahrhaft Schönes zustande zu bringen.
Wir — Dr. Kolb und ich — werden uns oft treffen, denn ich soll mehr als andere Mädchen von der Geselligkeit in meiner neuen Heimath und wohl auch in der Residenz genießen.
So magst du, Lieber, voraussetzen, daß Giulietta geachtet und glücklich leben wird.
Lebe wohl und gedenke deiner Giulietta.” —
Ich verabschiedete mich von Anna und Jakob, die mir dankten, daß ich Anlaß gegeben hatte zu einem Wiederaufleben ihres Liebesglückes. Als ich in meine Wohnung kam, las ich den lieben Brief noch einmal. Es war mir wirklich ein Stein vom Herzen, zu wissen, daß mich Giulietta ganz und gar und ohne Kränkung frei gegeben hatte. Sie maß mir keine Schuld bei und so konnte ich ohne Schuldbewußtsein aus Oesterreich scheiden. Bei blankem Himmel fuhren wir mit vielen Schweizern, Franzosen und Engländern auf dem Dampfer nach dem schweizerischen Ufer.
So endete unsere Reise.
Hier sei es mir gestattet, noch einer Nachricht zu gedenken, die ich nach Jahresfrist empfing und die mir Giuliettens Wesen noch deutlicher machte. Meine Schwester Ellen ging nämlich auch nach Oesterreich, um sich das Land anzusehen, von dem ich gerne erzählte. Sie brachte den letzten Theil des Winters 2021 in Wien zu und blieb dann noch einige Wochen, um auch auf dem flachen Lande sich umzusehen. Sie hatte mit Lydia, der Tochter eines eingewanderten Amerikaners, Freundschaft geschlossen, und diese erleichterte ihr die Nachforschungen, die sie anstellen wollte.
Hier traf sie, ohne es zu wollen, mit Giulietta zusammen und den Theil ihres Reiseberichtes, der sich auf diese Begegnung bezieht, lasse ich hier folgen.
In Höflein angekommen bat ich meine Begleiterin, mich mit den Frauen und Mädchen bekannt zu machen, und wir wanderten daher nach dem Parke, wo zu dieser Stunde lebhaftes Treiben herrschte. Unter einem mächtigen Baume war eine große Anzahl von Damen versammelt und nachdem Lydia sich genannt hatte, stellte sie mich vor: “Miß Lydia West aus Boston.” — Man erinnerte sich, daß im vergangenen Jahre ein Amerikaner meines Namens in dieser Gegend weilte, und ich bekannte, daß er mein Bruder sei und daß ich durch seine Schilderungen bewogen worden war, gleichfalls dieses Land zu besuchen, um es kennen zu lernen und mich insbesondere über die Stellung der Frauen aufzuklären.
Die Vorsteherin der Frauencurie, welche anwesend war, sagte mir alle Aufschlüsse zu, die ich wünschen möge. Ein Mädchen von strahlender Schönheit und stark sinnlichem Gepräge sah mir forschend ins Angesicht, als ich mein Verlangen kundgeben, und, indem sie mir die Hand entgegenstreckte, sagte sie: “Liebe Schwester, gestatte, daß ich dir meinen Namen nenne; ich heiße Giulietta Chiari und will dir helfen, deine Wißbegierde zu befriedigen.” Ich dankte lächelnd und wandte mich anderen Frauen zu.
Als sich nach einer Weile die Gruppe aufzulösen begann, schob Giulietta ihren Arm in den meinen und sagte: “Erlaube jetzt, daß ich dich entführe nach jenem Hain.” — Sie rief einen Knaben, der in der Nähe spielte, und als sich Peterchen langsam erhoben hatte und herangetrippelt war, brachen wir nach dem schattigen Wäldchen auf. Lydia verabschiedete sich von mir und rief mir zu, daß wir beim Abendessen um neun Uhr uns finden und dann beim Einbruche der Nacht heimkehren wollten.
Da mich Giulietta mit sich fortzog, fragte sie: “Sage mir, Schwester Ellen, ist dir mein Name bekannt?” Ich antwortete mit einem ehrlichen nein! und sie sagte, nachdem sie sich umgesehen hatte, um sich zu überzeugen, ob Peterchen seiner “Mama” folge. “So ist dein Bruder doch verschwiegen.” — “Hast du ihn näher gekannt?” — “Gewiß, und was er pflichtgemäß verschwiegen, will ich dir ohne Scheu anvertrauen, denn wir Schwestern haben keine Geheimnisse unter uns.”
Giulietta versprach, mich am nächsten Donnerstage in die Versammlung der Frauencurie in Höflein einzuführen, und schilderte ihre Verfassung und Wirksamkeit. Jeden Donnerstag nach Tische versammelt sich die Frauencurie im großen Bibliothekssaale und ist zu dieser Zeit das ganze Stockwerk Männern und jungen Leuten verschlossen. Die Frauencurie besteht aus allen Mädchen und Frauen, die das achtzehnte Lebensjahr vollendet haben. Sie bestellt eine Vorsteherin und einige Lehrerinnen, welche die Pflicht haben, heranwachsende Mädchen zur geeigneten Zeit in die Geheimnisse des Geschlechtslebens einzuweihen und sie in allem zu unterrichten was erforderlich ist, um sich die Achtung der Männer und den Frieden unter den Frauen zu erhalten. “Innerhalb dieser Grenzen aber lassen wir umso größere Freiheit walten. Auch die staatlichen Gesetze betreffend die Ehe, die Zeugung, die Familie, die Erziehung und die Rechte der Mutter und Ehefrau sind Gegenstand des Unterrichtes. So auch der Inbegriff aller jener Geheimnisse, die es uns erleichtern, den Bedürfnissen der Gesellschaft zu entsprechen.”
“Nun liebe Freundin, haben die Bekenntnisse, die du mir versprochen, eine Beziehung zu dem Frauenleben?”
“Gewiß und sie werden umso größeren Eindruck auf dich machen, weil dein Bruder in meine Erzählungen verflochten ist. Sage ihm auch, wenn du zurückkommst in dein Land, daß ich ihn der Pflicht der Verschwiegenheit entbinde, wenn er dir seinerseits Bekenntnisse machen will, um dir noch bessere Einsicht in unsere Verhältnisse zu gewähren.”
Wir ließen uns abseits vom Wege auf eine Bank nieder und Peterchen, der sich neben einem Bache ins Gras legte, verfiel alsbald in Schlaf.
Ich sagte zu Giulietten mit einem Blicke auf den Knaben: “Bist du denn verheirathet?”
“Nein, der Knabe ist verwaist und ich bin seine Pflegemutter. Das hängt ein wenig mit der Begegnung zusammen, die ich mit deinem Bruder hatte.”
Giulietta erzählte mir ihre Lebensgeschichte; ich bat sie aber, darüber hinwegzugehen, denn darüber hatte mir Julian berichtet, nur hatte er mir keinen Namen genannt.
“Sage mir aufrichtig, liebe Schwester, hat er sich auch der Gunst berühmt, die ihm jene Ungenannte erwiesen?”
“Ich kann diese Frage wahrheitsgemäß verneinen.”
“Nun,” sagte Giulietta, “mir ist es nicht verwehrt, davon zu sprechen, denn es ist nur mein Geheimniß. Höre.”
“An einem heißen Julitage badete ich in einer etwas abgelegenen Bucht des Meeres bei Triest, als ich in einiger Entfernung einen Mann gewahr wurde, der sich in den Fluthen tummelte. Ich war damals gegen meinen Willen frei geworden eines Versprechens, das mich seit zwei Jahren an einen Jugendfreund band. Die Bewerbungen anderer junger Männer, welchen mein Schicksal bekannt war, hatte ich zurückgewiesen, eben weil ich ihnen vorher mit der Hoheit einer für die Ehe geweihten Jungfrau begegnet war und sie nicht den Gedanken fassen sollten, aus meinem Unglücke Vortheil zu ziehen. Aber das Weib regte sich in mir, das Verlangen, zu beglücken und darin selbst mein Glück zu finden, brach zuweilen hervor und die Natur erinnerte mich daran, daß sinnliche Begierden Gewalt über uns haben. Meiner Rechte war ich mir bewußt und so wurde das Verlangen nach den Umarmungen jenes Fremdlings immer stärker. Dein Bruder, jener Fremdling, ist ein Apollo und da er sich mit dem Wasser balgte, bald mit mächtigen Stößen die Fluthen theilte, bald untertauchte, dann wieder emporschnellte, verlor ich mich in Betrachtung, ließ mich vom Wasser tragen und legte meine Wange auf die glatte Fläche, ohne meine Glieder mehr zu bewegen, als nöthig war, um nicht unterzusinken. Nun wurde jener Mann auf mich aufmerksam und wie er errathen haben mochte, daß dort ein Weib bade, wandte auch er seinen Blick nicht mehr von mir. Er näherte sich langsam, nicht ohne mir Zeit zu lassen, mich zu flüchten, und da ich die Gelegenheit nicht ergriff, meine Augen auch nicht von ihm ließen, steuerte er endlich an meine Seite und grüßte achtungsvoll. Er bat um die Erlaubniß, in meiner Nähe zu bleiben, und nun durchmaßen wir die Bucht und schwätzten von unserer Heimath und dergleichen. Julian schlug mir vor, ins weite Meer hinauszuschwimmen, und da ich sah, daß er sich in den Schranken zu halten wisse, die wir den Bewerbungen der Männer setzen, willigte ich ein, sagte aber scherzhaft, ich wolle mich versichern, daß er mich nicht etwa auf der weiten Wasserwüste allein verschmachten lasse, wenn er meine Gesellschaft würde satt haben. Ich band einen Kahn, in welchem ich meine Kleider abgelegt hatte, vom nahen Ufer los, zog die lange Leine hervor und knüpfte sie an seinen linken Fuß. Er lachte und zog das Fahrzeug, als er mit mir ins Meer hinausschwamm, sich nach. Obwohl er nun nur ein Bein zum Schwimmen frei hatte, ging es doch rasch vorwärts, denn Julian ist von herkulischer Kraft und wunderbarer Gewandtheit, was ich in der Erregtheit, die ich fortwuchern ließ, mit Wohlgefallen bemerkte. Bald waren wir soweit ins Meer hinausgekommen, daß wir kaum mehr die Ufer unterscheiden konnten, und Julian regte den Gedanken an, daß wir uns jetzt von den Fluthen tragen lassen und das Gesicht dem Himmel zuwenden sollten. Obwohl mein Schwimmkleid den Oberkörper nicht verhüllte, wies ich diesen Vorschlag nicht zurück und so lagen wir nun eine Weile wie Gatten auf einem endlos weiten Brautbette. Julian verschlang mich mit den Augen, hielt aber immer auf Armeslänge von mir, und so schwelgten wir im wechselseitigen Anschauen. Nun näherte ich mich selbst und schob meinen Arm unter des Gefährten Schultern. Er that desgleichen, aber da wir so verstrickt neben einander lagen, wagte der Genosse dieser süßen Stunde doch nicht, seine Lippen den meinigen zu nähern, und so zog ich ihn jetzt an meine Brust und besiegelte mit einem Kusse das Bündniß, nach dem wir beide verlangten. Und denke, auch jetzt noch beschränkte sich sein Mund auf meine Lippen und darum vergrub ich meine Finger in seine Haare und lenkte ihn sanft nach meinem Busen: Da erfaßte ihn wilde Begierde — und doch, da ich sagte: “Julian, sei vernünftig, laß mich die Zeit wählen,” riß er sich los und wir trennten uns wieder. Nur seine Augen ließen nicht mehr von mir und zu unbefangenem Plaudern konnte ich ihn nicht mehr bringen.”
“Ich war jetzt seiner Selbstbeherrschung gewiß und so forderte ich ihn bald auf, den Kahn heranzuziehen. Wir nahmen in selbem Platz und Julian ruderte mich ans Land.”
“Als wir uns dem Ufer näherten, bat Julian um die Erlaubniß, mir die Dienste einer Zofe zu leisten, und ich erlaubte ihm, mich zu bekleiden.”
“An jenem Abend genoß ich das Liebesglück in seinen Armen; das erste Mal in den Armen eines Mannes!”
“Welcher Sturm des Genießens, welche Leidenschaft! Ich hätte mich wahrlich willig erdrücken lassen. Das Weib fühlt sich in diesem Augenblicke dem Universum verbunden und glaubt, in sich zusammenzufassen alles Liebesglück, das unzählbare Menschen in Aeonen genossen.”
“Eine Woche später trafen wir hier zusammen. — Ich hatte mich von meiner Heimath losgerissen und war am Tage der Eröffnung dieser jungen Gemeinde hier eingetroffen. Der Zufall führte uns auf dem Gelände zusammen. Er warb noch einmal um meine Gunst, indem er sich eines Fingers bemächtigte und ihn zärtlich drückte. Nach kurzem Besinnen erwiderte ich den Druck und gab ihm so meine Einwilligung zu erkennen, ihm wieder anzugehören.”
Während dieser Erzählung hatten wir unseren Ruheplatz verlassen und Giulietta hatte ihren Schützling in ihre Arme genommen. Der hatte ein paarmal im Schlafe aufgeredet, dann lag er wie ein Mehlsack an ihrer Brust, das Gesicht auf ihrer Schulter. Wir betraten Giuliettens Stube und nachdem sie Peter in seinem Bettchen niedergelegt, den Schlummernden entkleidet und ihm zärtlich die Wange geküßt hatte, fuhr sie fort.
“In diesem Stübchen warb dein Bruder wieder um mich. Er war weniger rücksichtsvoll als in Triest. Ich mußte ihn mehr als einmal zurechtweisen.”
“Endlich siegte sein Werben über meine Zurückhaltung und da ich ihm willfahren wollte, entließ ich ihn auf kurze Zeit aus meiner Gegenwart unter dem Vorwande, daß ich nach einer Rose begehrte, die er mir aus dem Garten holen solle.”
“Ich hatte dort eine herrliche Rose gesehen, in deren innerstem Kelche ein Insekt, halbbetäubt vom Dufte, wie taumelnd nach einem Auswege suchte. Es kam mir vor, wie ein verliebter Mann, der seinen Wunsch erfüllt sah und nun nach Freiheit begehrt. Ich wollte es nicht entkommen lassen und meinte, es solle im Uebermaße des Wohlgeruches den Tod finden. So nahm ich ein Stück vom Spinnengewebe, das sich von einem Zweige der Rose zum andern spann, und versperrte ihm alle Auswege. Dieser Rose erinnerte ich mich und Julian sollte sie mir bringen. Als er, schönen Lohnes sicher, davon gerannt war, um die Rose zu holen, bereitete ich mich und mein kleines Gemach vor, ihn zu empfangen. Da er wieder kam und sich an meine Brust warf, wurde er die Gelegenheit gewahr, die ich ihm bot; er bemächtigte sich ihrer und holte sich aus der losen Hülle seine Najade hervor. Da er sah, daß ich unserer ersten Zusammenkunft gedacht, hob er mich mit einem Freudenrufe in seine Arme und bettete mich auf meinem Lager. Noch einmal schwelgten wir im Entzücken des Liebesgenusses. Aber da kam dann eine Enttäuschung. Es bemächtigte sich meiner ein süßes Gewöhnen, ich suchte nach dauerndem Glücke, ich träumte davon, mich immer wieder aufs Neue zu berauschen, ich glaubte, wir sollten uns immer angehören. Er konnte ja hier bleiben oder mich nach Amerika mitnehmen. Ich war mir nicht klar, wie es werden sollte, aber ich wurde für einen Augenblick Sclavin einer Leidenschaft.”
“Als wir uns später im Garten begegneten, mochte er ebenso, wie ich, gedacht haben, was werden solle. Ich glaubte aber zu bemerken, daß seine Neigung zu mir weniger ernst sei; ich zweifelte daran, daß er meine Gunst nach ihrer ganzen Größe zu schätzen wisse, und da nahm ich die Rose aus meinem Haare und entließ das Insekt. Er deutete die symbolische Handlung offenbar richtig, protestirte nicht, und ich war überzeugt, daß er der Freiheit, die ich ihm eröffnete, sich bemächtigen wolle. So schieden wir und ich suchte mein Verlangen niederzukämpfen.”
“Von meinem Fenster sah ich noch, wie er, vorgebeugt und innerlich zerrissen, nach meiner Stube blickte. Aber bald darauf hörte ich auf der Landstraße einen Reiter davon stürmen und ich wurde Herr über meine Schwäche.”
“Und hast du deine Ruhe wieder erlangt, liebe Giulietta?”
“Es hat mich einen Kampf gekostet, aber ich habe deinen Bruder großmüthig freigegeben und der Liebe ganz entsagt. Seit dem Liebesfeste in Triest schien mir, als hätte ich den Gipfel des Glückes erreicht und als ob die zweite Hälfte des Lebens nur noch geringen Werth hätte. Ich hätte damals aus dem Uebermaße des Glückes willig in das Reich der Schatten hinüberschlummern mögen. Und als ich dann sah, daß die Liebe, losgelöst von der reinen Freude des Mutterglückes, nicht dauernd befriedigen kann, beschloß ich, ihr zu entsagen.”
“Kann man das, wenn man vom Kelche der Liebe gekostet?”
“Mir war es möglich, denn ich hatte zweimal mit aller Gluth geliebt und war zweimal um das Glück betrogen worden.”
“Und hast du dich wirklich wiedergefunden?”
“Das habe ich. Mein väterlicher Freund Dr. Kolb pflegt zu sagen, unsere Gesellschaftsordnung sei einem gesunden Organismus zu vergleichen, der einen mächtigen Heiltrieb in sich birgt. Alle Wunden vernarben schnell. Bei mir hat dazu dieser kleine Schatz viel beigetragen.” — Giulietta wies auf ihren schlummernden Schützling und erzählte mir, daß sie den Knaben das erstemal gesehen habe, als sie mit Julian das letztemal im Garten gesessen. Sie habe ihn adoptirt und lebe jetzt nur der Pflicht, einen rechten Menschen aus diesem Kinde zu machen. “Dr. Kolb nennt das einen antiseptischen Verband,” sagte Giulietta lachend.
Es war mittlerweile dunkel geworden und als Giulietta Licht gemacht hatte, sah ich verwundert, daß ihre Stube reizend decorirt war und viele Kunstschätze barg. Eine in Holz geschnitzte Nymphe erkannte ich, da mir Julian davon erzählt. “Ich sehe daß Julian viel an Dich gedacht hat, denn von dieser Nymphe sprach er oft und gerne, und niemals wollte er sagen, wo er dies Meisterwerk gesehen. Aber ich bemerke da vielerlei was er mir wohl würde beschrieben haben, wenn es ihm bekannt gewesen wäre. Du nimmst wohl eine hohe Stellung im Staate ein, da dich solche Pracht umgiebt?”
“Nein, Ellen, ich bin nur Vorsteherin einer Unterrichtsanstalt für die Strohflechterei, in welchem Berufe ich mir wohl große Verdienste erworben habe, weil ich ebenso erfinderisch als ökonomisch bin. Aber diese kleine Schatzkammer verdanke ich nicht meiner Stellung.”
“War Julian nie hier?”
“Doch, unsere Schäferstunde haben wir hier genossen und gerade darum möchte ich die Stube nie vertauschen. Aber ich war erst aus Italien angekommen, was da angesammelt ist, hat sich nach und nach zusammengefunden. Zuerst sandte mir ein gewesener Arzt, Dr. Kolb, der jetzt ein großer Bildhauer ist, diese Broncefigur, eine Venus. Ich habe sie redlich verdient, denn ich stand ihm Modell zu der Marmorstatue, die er auf Wunsch der Kaiserin anfertigte, welche damit den Gemahl zu Weihnachten überraschte. Mit ihrer Erlaubniß hat der Künstler das Werk in verkleinertem Maße copirt und mir diesen reizenden Bronceguß übersandt. Aber das kostbarste in meinem Besitze ist diese Glastafel.”
Sie nahm eine Glastafel vom Fenster und hielt sie gegen das Licht, um mich das merkwürdigste Kunstwerk sehen zu lassen.
“Das hat der Bruder meiner verstorbenen Mutter, Matteo Folco, gemacht. Er ist der berühmteste Glasschleifer des Kontinents und seiner Arbeiten hätte sich der erste Gemmenschneider der alten Welt nicht zu schämen. Die Civilliste hatte ihn angeworben und er bedang sich viele Vortheile aus. Er hat sich und seine Kunst außerordentlich vervollkommt und viele Schüler ausgebildet. Mit fünfundvierzig Jahren wurde er vertragsmäßig in Ruhestand versetzt, und die Civilliste hat ihn bis an sein Ende zu erhalten und ihm alle Vortheile zu gewähren, die er früher genossen hat. Er arbeitet jetzt nur, wenn es ihm Freude macht, und alle seine neuen Werke stehen für dreißig Jahre zu seiner alleinigen Verfügung. Erst nach dieser Zeit fallen sie an die Civilliste. Er mag sie in seinem Besitze behalten, oder Freunden und Verwandten überlassen, oder verdienten Männern widmen, das ist seine Sache. Da ich sein Liebling bin und er gerade mir auch, weil ich Kränkung erlitten, nach seinem Vermögen eine Freude bereiten wollte, hat er mir dies Kunstwerk übersandt. Sieh nur, diese Pracht! Adam und Eva im Paradiese, die Menschheit in ihren Anfängen. Glücklich, in der Hoffnung ewigen Lebens auf dieser Erde; nicht von Sorge, Krankheit, Arbeit oder Schuld bedrückt, Urbilder menschlicher Schönheit. In trauter Gemeinschaft schreiten sie durch das hohe Gras, Adam mit Früchten des Waldes beladen, Eva mit Blumen tändelnd, die beiden Gruppen unseres Reichthums vertretend, das Nützliche und das Schöne. Dem entspricht auch die Riesenkraft des Urvaters und die Anmuth seiner Genossin. Das Paradies zeigt uns den Urwald, die reich bewachsene Flur, die strotzende Ueppigkeit des Pflanzenwuchses und alles Gethier umgibt das Menschenpaar, ihm unterthan. Welche Fülle der Formen und Gestalten hat der Künstler hier in den Bereich seiner Darstellung ziehen können. Herrlich sieht man dort zur Rechten zwischen Bergen in das weite Meer hinaus und in den leicht gekräuselten Wellen spiegelt sich die Sonne, welche eben emporsteigt. Der Rand ist mit farbigen Ranken und Blumen aus gesponnenem Glase umgeben. Die Spiegelscheibe, die Matteo nöthig hatte, könntest Du in Amerika für dreißig Cents kaufen; was aber hat die Kunst des Oheims daraus gemacht! Er selbst hat niemals etwas von dieser Vollendung und diesem Reichtum geschaffen. Der beste Zeichenkünstler in Oesterreich hat ihm das Bild entworfen und die Arbeit von zwei Jahren ist darauf gewendet worden. Ein englischer Lord hat zehntausend Pfund Sterling dafür geboten. Aber mir steht natürlich kein Recht zu, das Werk zu veräußern, wie ich auch kein Geld besitzen darf, und der Civilliste ist es gar nicht feil. Es wäre auch dem Volke gegenüber nicht zu verantworten, wenn man das Meisterwerk außer Landes gehen ließe. Im Gegentheile ist auch die Civilliste eifersüchtig darauf, daß kein Matteo Folco in ihren Sammlungen fehle.”
“Und du verbirgst diesen Schatz neidisch?”
“Nein, das wäre eine Sünde; alles, was schön ist, soll genossen werden. In ganz Europa ist bekannt, daß hier diese Merkwürdigkeit zu sehen ist, und kein Reisender versäumt es, hier abzusteigen.”
“Da müssen dir doch die Besuche lästig werden.”
“Wenn ich alle empfangen müßte, die hierher pilgern, das wäre eine Qual! Aber es hängt von mir ab, wen ich zu meiner Stunde vorlassen will. Das Werk wird meistens in den Stunden besichtigt, die ich in der Schule verbringe. Nur berühmte Männer und schöne Frauen, die ich begünstigen will, lasse ich in den Stunden vor, die ich für den Empfang gewählt habe.”
“Das mag dir viel Anregung bieten.”
“Es wird mir vielleicht noch lästig werden, aber jetzt macht mir der Besuch merkwürdiger Menschen noch viel Vergnügen. Für nächste Woche erwarte ich den Besuch des Kaisers und der Kaiserin. Die Erzherzoge waren alle da; aber den Kaiser haben die Jagden und die Empfänge in der Hofburg bisher abgehalten. Nun hat mich die Kaiserin bitten lassen, Tag und Stunde für den kaiserlichen Besuch zu bestimmen. Ich ließ sagen, daß ich sie am nächsten Sonntage um 12 Uhr erwarte, es müsse aber der Kronprinz mitkommen und mir erlaubt sein, ihn zu küssen. Wir sind nämlich dem Prinzen sehr zugethan, weil er den Jakob aus dem Wasser gezogen.”
“Davon erzählte mir Julian.”
“Er soll ein allerliebster Junge sein und ich freue mich, ihn bei mir zu sehen. Die Kaiserin versprach, den Prinzen mitzubringen, meinte aber, den Kuß sollte ich erlassen. Ihr Sohn sei im vierzehnten Jahre, man wolle ihm die Unbefangenheit bewahren. Aber ich bestehe auf meinen Bedingungen; es wird ihm nicht schaden, wenn er bei Zeiten küssen lernt.”
“Du scheinst mir eine Egoistin zu sein.”
“Ellen, wo denkst du hin! Der Prinz muß es sich zur Ehre rechnen, wenn ihn ein schönes Mädchen küßt, und die Kaiserin hat auch nachgegeben.”
“Bei uns würde man einen Dollar Eintrittsgeld bezahlen.”
“Das kann ich mir denken. Nun aber habe ich doch auch allerhand Vortheile. Man sendet mir mancherlei schöne Sachen aus allen Theilen Europas. Teppiche, Vasen, Broncen, kostbare Möbel, Vorhänge und Tapeten haben sich nach und nach angehäuft. Es ist nicht das Kunstwerk allein, das mir Freunde macht, man will mir, so gut es geht, wettmachen, was ich verloren. Freilich ersetzen mir die zahllosen Tropfen von Liebe, die die Mitmenschen auf mich niederträufeln lassen, das weite Meer des Glückes nicht, das ich einmal geträumt habe, aber ich wäre eine Närrin, wollte ich die Freundlichkeiten zurückweisen. — So hat sich nach und nach alles hier verändert, nur das Bett lasse ich mir nicht vertauschen.”
Und unverwandt den Blick auf diese Lagerstätte gerichtet, wandte sie ihr Antlitz mit einem reizenden Lächeln mir zu und küßte mich beinahe inbrünstig.
“Frachtgut,” sagte sie dann, mich etwas coquett anlachend. —
“Ich will es an die Adresse befördern,” sagte ich darauf. “Aber sage, Giulietta, soll Julian wiederkommen?”
“Um Gotteswillen, nein. Das Meer, das uns zusammengeführt, liegt jetzt zwischen uns und so soll es bleiben. Siehst du, ich denke mir, daß Julian sich nicht entschließen konnte, sein Vaterland zu verlassen, und daß er zu gewissenhaft war, mich zur Expatriirung zu bestimmen. Darin liegt ja doch noch keine Kränkung, wenn man es nicht vermag, dem Geliebten das Vaterland zu ersetzen, das Größte was der Mensch besitzt. Käme er wieder, so begänne vielleicht eine neue Reihe von Enttäuschungen, welchen ich nicht gewachsen wäre. Und andererseits denke ich, wenn ich bei dem mein Glück nicht fand, dem ich das kostbarste Geschenk darbrachte, das ich nicht wieder bieten kann, wie sollte ich bei irgend einem Manne auf jene nie verlöschende Gluth der Leidenschaft rechnen, ohne die mir die Liebe eine Unwürdigkeit scheint.”
Ich stellte jetzt die Frage:
“Hast du der Gesellschaft vergeben?”
“Das habe ich allerdings. Zuweilen träume ich von dem Glücke, das ich mir in jungen Jahren ausgemalt. Mein Giacopo sitzt wieder zu meinen Füßen, er flüstert von unseren Hoffnungen, und rasch zieht Bild um Bild an meiner Seele vorüber. Die Vorbereitung der Trauung, die süße Bangigkeit der Braut, die Hochzeitsfeierlichkeit, die Besitzergreifung vom heißersehnten Glück, die zärtliche Besorgtheit des jungen Gatten; jetzt glaube ich, daß sich ein neues Glück ankünde, ich sehe den Mann frohlocken über meine Botschaft, dann umstehen Frauen mein Bett, bereit, mir beizustehen und jetzt will ich den Sprößling an meine Brust drücken. Da grinst mir ein sieches, unschönes Geschöpf entgegen und mit einem Angstruf werde ich wach. Mache ich dann Licht und sehe den blühenden Schützling neben mir sorglos schlummern, so fühle ich mich wie erlöst.”
“Dr. Kolb pflegt zu sagen: Gut und bös, schön und häßlich streiten sich um die Materie, ohne welche nichts ist. Wir müssen alle Materie für die Schönheit gewinnen, die Erde muß ein Himmel werden. Ich bin dem Schönen zu sehr ergeben, daß ich mich ihm in den Weg stellen möchte.”
Nach einer Pause sagte ich, um Giulietta aus ihren Träumereien zu reißen:
“Julian wird mich fragen, was aus seinen Bekannten geworden ist.”
“Man erinnert sich gerne an ihn und ich kann mir denken, was ihn interessiert. Dr. Kolb hat zwar nicht mit seiner ‘Braut,’ wohl aber mit der ‘Venus’ den ersten Preis errungen, ist Akademiker geworden und hat vom Staate unbeschränkte Mittel angewiesen erhalten, seine Kunst zu pflegen. Er will Tulln nicht verlassen, hat dort aber einen Kreis von Schülern um sich versammelt, die ihn in der Ausführung großer Werke unterstützen. Anna hat noch am Tage der Abreise deines Bruders sich mit Jacob trauen lassen. Da die kaiserliche Familie noch in Bregenz war, nahm diese an den Hochzeitsfeierlichkeiten theil und der Kronprinz selbst überbrachte Anna einen herrlichen Blumenstrauß. Jacob war zur Stunde gesund geworden, denn er wollte wohl noch am selben Tage für Nachkommen sorgen. Und Anna hofft auch, am 7. Mai Mutter zu werden. Jacob ist jetzt sehr stolz. — Die Hochzeitsferien brachten die ‘jungen’ Eheleute auf dem Rigikulm zu; der Kaiser hat den Aufwand zu Lasten der Civilliste übernommen. — Aber Jacob wollte auch mit seiner Anna die ‘Jungfrau’ besteigen. Das hatte einige Schwierigkeiten. Es müssen zwölf gewandte Bergsteiger mit eigenem Geräthe zusammenwirken, um den Verstümmelten auf solche Höhe zu schaffen. Das Geräthe übersandte man von Tulln aus und im Berner Touristenvereine fanden sich auf Empfehlung des Schwestervereines von St. Pölten ein Dutzend junge Männer, die das Wagniß unternahmen und glücklich durchführten.”
“Lori ist zweite Vorsteherin der Krippe in Tulln und hat nach dem Zeugnisse des Arztes eine vollendete Geschicklichkeit und Kenntniß in der Pflege der Neugeborenen erworben, unter welche wohl noch im April ihr eigener Sprößling wird aufgenommen werden. Ihren Mann haben sie zum Tribun erwählt und er zeichnet sich durch Besonnenheit, Festigkeit und persönliche Würde vor allen seinen Amtsgenossen aus.”
“Martin ist Wagenlenker am kaiserlichen Hofe und Selma oberste Verwalterin der Kleiderkammer unserer Kaiserin.”
“Die jüngere Schwester der Lori ist die Braut des Erzherzogs Adolf geworden. Die Hochberg'schen Mädchen sind zur Liebe geschaffen, aber wehe dem Manne, der nicht Treue hielte. Der Erzherzog ist etwas verliebter Natur. Ich sah ihn in den ersten Tagen meines Hierseins beim Verwaltungsbeamten. Er fand später oft einen Vorwand, unsere Montagabende zu besuchen und bald verrieth er sich: er hatte Gefallen an mir gefunden. Obgleich er ein schöner junger Mann ist, wollte ich meinem Vorsatze nicht untreu werden, und ich ermunterte ihn nicht. Als er eines Abends immer nur mit mir tanzte und sich noch einmal um einen Tanz bewarb, willigte ich zwar ein, aber unter der Bedingung, daß er demnächst einen allgemeinen Tanzabend in Höflein besuche und mit allen Mädchen ohne Unterschied tanze. Das sagte er lachend zu, aber er kam nicht mehr zum Montagempfange. Als nun im Dezember die Wintertanzabende begannen und wir im tollsten Tanze begriffen waren, hörten wir auf der beschneiten Landstraße lustiges Schellengeklingel und schon hielt ein Zug Schlitten vor dem Gemeindepalast und Erzherzog Adolf entstieg mit vielen Herren und prächtigen Mädchen den Pelzen und warmen Decken, um an unserem Feste theilzunehmen. Der Prinz begrüßte mich hochachtungsvoll und sagte, er wolle sein Wort einlösen, und so tanzte er denn auch mit allen Mädchen und jungen Frauen, nur nicht mit mir. Er sagte, den jungen Männern habe er Ersatz mitgebracht für das, was sie an ihn und die Herren seiner Begleitung verlören. Die Wiener Mädchen waren durchweg hervorragende Schönheiten der Residenz, allen voran die jugendliche Schwester des Erzherzogs. Sie unterhielten sich vortrefflich, etwas ungezwungener vielleicht, als auf den Bällen in Wien, und Erzherzog Adolf verabschiedete sich am Morgen mit einem Händekuße von mir und sagte, er habe sich Hoffnungen auf meine Gunst gemacht, halte aber seine Bewerbungen für abgelehnt. Ich erwiderte ihm daß ich keinem Manne Gehör schenken würde und meine Zurückhaltung ihn nicht kränken solle. Als die Gesellschaft heimfuhr, stiegen einige junge Männer zu Pferde und geleiteten die Gäste mit Fackeln bis Klosterneuburg. Die Mädchen riefen ihnen zum Abschiede zu, sie hätten sich königlich unterhalten.”
“Ich erzähle mehr als billig von mir, liebe Ellen aber es ist mir, als spräche ich mit Julian.”
“Von Mary Lueger hast du mir noch nichts berichtet.”
“Mary! Sie ist eine Convertitin geworden.”
“Wie soll ich das verstehen?”
“Mary war voll Liebenswürdigkeit und voll Herzlosigkeit. In den ersten Monaten ihrer Ehe spielte sie mit ihren Manne wie die Katze mit der Maus. Lächelnd beobachtete sie seine Werbungen, lächelnd ergab sie sich ihm, lächelnd ruhte ihr forschendes Auge auf ihm, wenn er seine Lust gebüßt hatte. Es wollte sich kein rechtes Glück in der Ehe einstellen. Sie glaubte ihn unzufrieden und mit Tändeleien und Coquetterien führte sie ihren Mann immer wieder zu sich zurück, wenn es schien, er werde gleichgiltig. Es kam zu keiner Aussprache. Es erweckte aber doch einiges Mißbehagen in Marys Gemüth, da sie zu entdecken glaubte, daß Lueger sich unglücklich fühle. Sie war sich klar darüber, daß ihr Mann nicht nur Leidenschaft fühlen, sondern auch erwecken wolle. Sie war aber von Natur kalt und glaubte, da sie seine Frau wurde, es wäre genug, wenn sie den stürmischen Mann gewähren ließe. Sie fühlte aber später doch, die “Lebensart” fordere etwas mehr, und es widerstrebte ihr, eine Dissonanz in ihrem Verkehre mit dem Manne ihrer Wahl aufkommen zu lassen. Aus purer Güte und geselliger Gentilliezza spielte sie jetzt ein wenig die Sinnliche. Sie lächelte weniger, zeigte sich unruhig, schien sich in seinen Armen zu erwärmen, drückte ihm dankbar die Hand und da sie früher mit ihren Reizen Verschwendung trieb, wurde sie zurückhaltend, als wünsche sie den Mann zu größerer Leidenschaft aufzustacheln. Dieser zeigte sich freudig überrascht, die erste Leidenschaft kehrte zurück und je stürmischer er wurde, umso weniger konnte sie es über sich bringen, die Maske fallen zu lassen und einzugestehen, daß sie sich verstellt habe. Im Gegentheil, je glühender der Mann wurde, umso größere Wollust heuchelte die Frau. Da, im vierten Monate der Ehe, löste sich der Bann. Eines Tages, fühlte Mary in den Umarmungen ihres Gatten wirkliche Wollust, ein elektrischer Schlag durchzuckte ihren weißen Leib und sie sah mit Sehnsucht und Verehrung auf ihren Mann. Immer mächtiger wurde ihr Liebesbedürfniß, sie umschlang den Gatten mit einer Gluth, die ihm bisher fremd war, und einmal, da er gleichgiltig schien, warf sie sich vor ihm auf die Kniee und warb in sinnloser Begierde um seine Liebe. Er streichelte ihr erst mitleidig die Haare und da sie nicht müde wurde, seine Sinnlichkeit herauszufordern, zog er sie endlich entzückt in seine Arme und es folgte eine jener süßen Stunden, in denen sich zwei Menschen alles sind.”
“Lori hatte ihre Freude daran, als ihr Mary bekannte, sie sei jetzt von Sinnlichkeit beherrscht, wie jede andere Frau. Es habe ja so kommen müssen, sagte Lori, Kälte sei unnatürlich an einer Frau.”
“Seid ihr so offen gegenseitig?” fragte ich.
“Die Frauen untereinander schenken sich jedes Vertrauen. Uns Unvermählten gegenüber sind sie sonst verschlossen, wie auch wir den verheiratheten Frauen gegenüber eine geschlossene Kaste bilden. Wir tauschen unsere Erfahrungen sonst nur theoretisch aus und lassen Offenheit nur walten, wo sie durch die Gesetze geboten ist, die wir uns selbst gegeben.”
“Welcher Art sind diese Gesetze?” fragte ich.
“Sie zielen darauf ab, die Männer uns unterthan zu erhalten in allem, was die Liebe betrifft. Sie sollen nicht erkalten, aber auch nicht in stumpfe Sinnlichkeit verfallen, es soll ihnen nicht gelingen, Uneinigkeit unter uns zu säen. Kein Ehemann darf Gehör finden, wenn er sich von seiner Frau wendet, ausgenommen, er erwirkt die Scheidung und wird von der Frauencurie schuldlos befunden.”
“Fürchtet ihr nicht die Geschwätzigkeit der Männer, wenn ihr untereinander keine Geheimnisse habt?”
“Wir führen ein strenges Regiment. Es ist vorgekommen, daß ein Unersättlicher sich, um eine Umworbene willfähriger zu machen, auf Gunstbezeugungen berief, die ihm andere Mädchen erwiesen. Das wurde hart geahndet. Ein solcher Rebell wurde für ein halbes Jahr unter Bann gethan und wir kehrten ihm alle den Rücken, bis er seine Strafe abgebüßt hatte.”
“Sollte sich da keine Schwache unter euch finden, die den Verbrecher heimlich begünstigt?” entgegnen ich.
“Das halte ich für unmöglich. Jede einzelne von uns hat heiligen Respect vor der Curie.”
“Und woran ist denn die Vervehmung erkennbar?”
“Wir haben genügende Mittel, uns untereinander zu verständigen, unsere Rache verfolgt den Verbrecher bis an die äußerste Grenze des Reiches.”
“Und wie bist du, eine Unvermählte, hinter die Geheimnisse Marys gekommen?” forschte ich weiter.
“Ich bin exemt” sagte Giulietta. “Ich gelte für eine Philosophin und Gelehrte in Liebessachen, die sich darüber nur aus wissenschaftlichem Interesse informirt, daher ich auch zu Rathe gezogen werde und Anwartschaft habe, zur Vorsteherin gewählt zu werden. Ich vereinige auch eine große Summe von Erfahrungen in mir. Ich bin halb und halb Frau, denn ich war nahe daran, mich zu vermählen. Ich habe die Liebe gekostet und bin dann doch Vestalin geworden. Seither habe ich die Frauenliebe in den edelsten und abschreckendsten Formen zum Gegenstande des Studiums gemacht. In unserer Frauenbibliothek habe ich alles durchforscht, was auf die Liebe Bezug hat; Geschichte, Dichtung, Psychologie und Physiologie habe ich unermüdlich ausgebeutet, um die Frage zu erschöpfen, was Leib und Seele in der Liebe gewirkt, genossen und gelitten haben. Und gerade diese theoretische Befassung mit dem großen Räthsel “Liebe” hat mich gefeit gegen jede Versuchung, meinem Vorsatze untreu zu werden. Ich habe viele Vorträge in der Frauencurie gehalten, und da man erfahren hat, wie sehr meine Wissenschaft und Lehre meinen Schwestern nützlich werden kann, tragen mir alle Bausteine zu für den Aufbau meiner Theorieen. Allerdings habe ich mir das Vertrauen aller erworben, da ich keinen Mißbrauch mache von dem, was man mir mittheilt.”
“Unter diesen Umständen wage ich nicht zu forschen, wie Marys Eheroman weiter verlaufen.”
“Ich rechne darauf, daß du und Julian mich nicht blosstellen werdet. Amerika ist weit und du bist gewiß nicht weniger gewissenhaft, als sich dein Bruder erwiesen hat.”
“Mary und Lueger wurden die verliebtesten Eheleute, die man sich vorstellen kann. Mary, welche vorher kalt wie Eis war, fürchtete, in unersättliche Sinnlichkeit zu verfallen und sich gegen alle anderen Reize des Lebens abzustumpfen. Auch regte sich die Eifersucht, bevor noch ihr Mann ihr den geringsten Anlaß zu Befürchtungen gegeben, und eines Tages, als Lueger mit seiner Frau tändelte, zog sie einen scharfgeschliffenen Dolch hervor und ließ ihn die Inschrift lesen, die darauf eingeprägt war: ‘Jeder, der ein Weib, mit Begierde nach ihr, ansieht, hat schon die Ehe gebrochen mit ihr in seinen Herzen.’ Betroffen sah er auf und seine blonde, gleichmütige, immer freundliche Mary war ganz verändert. Sie küßte ihren Mann und sagte: ‘Ebenso heilig, wie dir die Gattenrechte deiner Brüder sein sollen, muß dir auch das Recht sein, das ich auf dich habe. Gieb mir je Anlaß, an dir zu zweifeln, und, ich schwöre es dir zu, diese Waffe wird das Band lösen, das dich an mich kettet.’ Er umarmte sie stürmisch und versprach ihr Treue auch in Gedanken.”
“Mary wurde nun gewahr, daß sie von einem Fehler in den entgegengesetzten verfallen war. Sie wurde ungesellig, abstoßend gegen andere Männer, sie schloß sich mit ihrem Manne ein, und unsere ‘Medizinschwester,’ wie wir die Frau Doktor nennen, machte ihr Vorstellungen. Die junge Frau wurde bleich, die Augen verloren den Glanz, sie war oft in Gedanken verloren, wenn ihr Mann abwesend war, es drohte Gefahr, daß ihr Nervensystem erschüttert werde, und da rieth ich zu theoretischen Studien über die Liebe. Ich sagte, sie solle ihren Mann auffordern, ihr Geschichtsvorträge über die Liebe und Ehe zu halten. Er sammelte Material und that ihr ihren Willen. Gewöhnt, die Geschichte mit philosophischem Geiste zu erfassen und zu tradieren, wurden diese Vorträge ihm und seiner Frau zu einer heilsamen Belehrung und mittlerweile hatte ich Mary auch unser reichhaltiges Materiale erschlossen, und so hielt auch sie dem Gatten Vorträge, in welchen zu seiner Ueberraschung neue historische Bilder und philosophische Theoremen zu einem Ganzen verwebt waren, wobei Mary aber gewissenhaft allem auswich, was zu unseren Geheimlehren gehört. Die Eheleute vermieden es, die Folgerungen auszusprechen, die sie aus der Wissenschaft auf das eigene Eheleben zogen, aber Erkenntniß macht weise, und sie fanden von selbst den Weg zu der Ausgeglichenheit im Leben, welche zu dauerndem Glücke erforderlich ist.”
Nun that sich die Thüre auf und ein paar Prachtmenschen traten ein. Giulietta erhob sich: “Professor Lueger und Frau; Miß Ellen West.” Die Beiden standen eine Weile vor mir; Mary, sich an den Arm ihres Mannes hängend und den Kopf in zärtlicher Vertraulichkeit an seine Schulter gelehnt, betrachtete mich und sagte dann, mir die Hand entgegenstreckend: “Wie ähnlich unserem Freunde Julian. Wie geht es ihm und was macht Mr. Forest, der stumme Begleiter?” Da ich Antwort geben wollte, kamen Dr. Kolb und Lori. Ich erkannte sie nach den Medaillons, die ich gesehen, und rief erfreut ihre Namen, bevor Giulietta sie mir vorgestellt hatte. “Ich habe, bevor wir uns in das Wäldchen verloren, Auftrag gegeben, die Freunde für den Abend zu mir zu bitten; sie würden Julians Schwester bei mir finden,” erklärte sie. “Sie haben ihre Verabredungen für den Abend gerne fahren lassen, nur Zwirner ist durch Amtsgeschäfte verhindert. Macht es euch bequem, wir werden uns mit Stühlen versorgen müssen!”
Eben kam Lydia, die einige Bekannte aufgesucht hatte, und von Giulietta geladen worden war, und dann ein hübsches, halbwüchsiges Mädchen, mit dem Giulietta einiges bei Seite zu verabreden hatte. Bald darauf brachte man ein paar Tischchen und Stühle und während wir Frauen Platz nahmen, lud Giulietta die Männer ein, sich ein Tabouret in die Fensternische zu rücken; sie wisse, daß die Freunde das Schachspiel lieben, sie möchten ein Match machen.
Da Mary, die neben mir saß, bemerkte, daß mein Auge teilnahmsvoll auf Lori gerichtet war, flüsterte sie mir ins Ohr: “Ich habe auch seit ein paar Monaten Hoffnung auf Nachkommenschaft.” Die böse Frau hatte ein halbes Jahr gegen ihren Beruf gesündigt, war aber, wie in allem anderen, auch darin zur Pflicht zurückgekehrt. “Ich necke meinen Mann damit, daß ich ihm drohe, den Schlingel, wenn es ein Knabe ist, Boanerges zu taufen, denn er wird gewiß ein großer Redner vor dem Herrn. Die Luegers kommen immer mit viel Geschrei auf die Welt.”
Mittlerweile — Giulietta hatte mit Lori geplaudert — kam das Mädchen von vorhin mit einer großen Last von nützlichen und angenehmen Dingen. Der Oesterreicher kann in der Regel seine Mahlzeiten einnehmen, wo es ihm beliebt. Unsere Bewirthung machte also Giulietten keine Auslagen. Aber in Fällen, wo Fremde oder auswärtige Freunde irgendwo zu Gaste sind, pflegt die Verwaltung auch ein übriges zu thun, so weit die Vorräthe reichen. Es waren also viele köstliche Dinge gebracht worden. Den großen Samowar füllte Giulietta mit Wasser aus der Leitung und dann ging sie daran, den Punsch zuzubereiten, der uns in fröhliche Stimmung versetzen sollte. Dazwischen hatte Giulietta mit Peter zu thun, der aufgewacht war. Sie kleidete ihn an, rückte ihn im Kinderstühlchen an unseren Tisch, ließ ihn seine schwierigsten Worte sagen und das Bilderbuch erläutern und ging dann wieder an ihre Arbeit. Wir plauderten eine Weile und dann rief Giulietta: “Fertig! Laßt jetzt die Königin in Bedrängniß allein auf Rettung sinnen und kommt herüber, wir brauchen Männer, die uns den Hof machen.”
Die Herren übersiedelten zu uns und während wir uns ans Genießen machten, warf Dr. Kolb die Frage auf, was der Sommer bringen solle.
“Da wir jetzt so gute Freunde geworden sind, lieber Professor, so plane ich für den Sommer Reisen und Ausflüge mit dir. Ich habe bei der Hofcentralverwaltung angefragt; man stellte mir für das Frühjahr die Wahl zwischen Gödöllö, Abbazzia und Miramar frei, im Hochsommer ein Schloß in den Karpathen oder Amras. Was sagst du zu Amras? Es hat eine reizende Lage auf dem Mittelgebirge; der Garten, den Erzherzog Karl Ludwig anlegen ließ, ist jetzt mit uralten Bäumen bewachsen, und außerordentlich poetisch ist der alte Park in den Bergen und Schluchten hinter dem Schlosse mit zahllosen Brücken und Grotten und einem verwirrenden auf und ab wohlgepflegter Wege, die oft einer tief unter dem anderen sich kreuzen.”
“Ich glaube,” sagte Mary, “du machst die Rechnung ohne den Wirth, Doktor. Willst du mit meinem Manne sein, so mußt du dir das alles aus dem Kopfe schlagen.”
“Ich wüßte nicht, Mary,” sagte der Professor “daß wir andere Pläne hätten.”
“Deine kleine Frau hat schon an den Sommer gedacht.”
“Laß hören, ich bin neugierig.”
“Vor allem kannst du ja nicht über deine Zeit verfügen, wie Dr. Kolb, du mußt deine Vorlesungen pünktlich einhalten, kein Tag wird dir geschenkt und zum ersten September hast du wieder einzutreffen. Für die Ferien habe ich meinen Plan festgelegt — das heißt, wenn mein gnädiger Herr mir huldvoll beistimmen will, — und Dr. Kolb rathe ich, im Frühjahre nach Schottland oder den schwedischen Fjords zu reisen und im Juni das Nordkap zu besuchen, der Mitternachtssonne wegen; vielleicht interessieren ihn diese Naturschönheiten auch, wenn er sich schon sattgesehen an den Herrlichkeiten, die er an seinen Modellen zwischen dem Kinn und den Knöcheln zu suchen gewöhnt ist.”
“Jeder bleibe bei seinem Leisten,” sagte Dr. Kolb lachend, “die Mitternachtssonne gebührt den Malern.”
“Und im Herbste schicke ich unseren Doctor auf eine Studienreise nach Griechenland und Kleinasien.”
“Das läßt sich hören,” sagte dieser, “und was ist's mit den Ferienplänen?”
“Ich glaube,” sagte Mary, “mein Mann könnte sich nicht auf sechs Wochen von seiner armen Frau trennen.”
“Bewahre; du mußt mitkommen, sage nur wohin du willst.”
“O bitte, das geht nicht so, deine Frau hat ein Amt.”
“Ich weiß, Frau Bibliothekarin, aber es gibt ja Urlaube.”
“Ich habe mit dem Verwaltungsbeamten gesprochen, aber er will nur von vierzehn Tagen wissen. Er sagt, ich hätte nicht mehr Anspruch, und” — sagte der Schelm, wie zögernd und nachdenklich vor sich hinblickend, — “mein Einfluß reicht nicht so weit, einen österreichischen Beamten zu verführen.”
“Vierzehn Tage, das geht nicht, was fangen wir mit vierzehn Tagen an!”
“Deine kluge Frau hat alles bedacht. Es wird vielleicht meinem Herrn Gemahl belieben, sich der Tage zu erinnern, die er mit seiner Braut in Königstetten verbrachte. Die Hochbergs residieren heuer wieder dort, ihre zweite Tochter vermählt sich und der einzige Sohn ist bei seinem Regimente in Sibirien; da wollen die alten Leute den Sommer in der Nähe Loris verbringen und bis dahin haben sie ja auch ein Enkelchen in Tulln.”
“Du hast recht, ich werde mit der Fürstin sprechen; wir lassen uns dein Zimmerchen zum ehelichen Gemache umgestalten. Weißt du noch, wie ich dir dort zuweilen vorlesen durfte? den wilden Jäger, Ekkehard —” “— und was ich dir losem Werber anderes vorzulesen verwehrte.” “Das stimmt, Gestrenge, — und wie ich im übrigen mit unverzeihlicher Härte behandelt wurde.” — “Ja;” sagte Mary, “aber du sollst heuer dort allein wohnen.” “Was soll das heißen?” “Scheidung von Tisch und Bett, mein Lieber,” sagte Mary lachend. “Divorçons!” “Eine neue Variante,” sagte Lueger schmunzelnd. Mary verrieth nur unmerklich, daß das Wort ihre Heiterkeit errege, und wir blickten so harmlos, wie nur immer möglich. Lori warf nun ein: “Es wird nicht zu hart ausfallen.” “Siehst du,” erklärte jetzt Mary, “ich habe allerlei ausgebrütet. Du sollst deine Ferien haben und ich will dir die Kette etwas verlängern, aber aus den Augen laß ich dich nicht. Ich werde in Tulln wohnen.”
“Und die Bibliothek in Wien besorgen? Wie reimt sich das zusammen?”
“Frage Lori.”
“Wenn du einverstanden bist, guter Professor, so tauscht Mary für die Ferienwochen mit der Bibliotheksverwalterin in Tulln. Ich habe das auf ihren Wunsch ins Reine gebracht. Es ist eine ziemlich alte Wittwe, die den Wunsch hat, einmal Wien recht nach Herzenslust zu genießen. Ihre Tochter ist dort verheirathet und außerdem haben wir Veranstaltungen getroffen, daß ihr alle möglichen Annehmlichkeiten bereitet werden.”
“Das wäre ja vortrefflich, die Verwaltung wird das gewiß erlauben.”
“Hat schon!” sagte Mary.
“Aber jetzt sehe ich nicht ein, wozu die Trennung,” sagte Lueger. “Bleibe bei mir in Königstetten, der Fürst läßt dich täglich nach Tulln fahren und im Wagen zurückbringen.”
“Ich danke schön,” sagte Mary, “du weißt, in welchem Zustande ich mich befinden werde zu jener Zeit. Meinst du, die schöne Mary hat Lust, unter den Damen in Königstetten zu erscheinen mit verzerrtem Gesichte und entstelltem Leibe? — Das nicht. Aber vielleicht wird es,” sagte sie mit heuchlerischer Miene, die Arme über der Brust gekreuzt und das Haupt demüthig vor ihrem “Herrn” gesenkt, “meinem Gebieter gefallen, einmal nächtlicher Weile sich aus dem Schlosse wegzustehlen und seine “Magd” zu Tulln aufzusuchen.”
“Vortrefflich! Bei der eigenen Frau fensterln!” lachte der Professor.
“Und wenn sich eine Vermummte abends im Schlosse einschleicht, beim Professor eindringt und demüthig an der Thüre stehen bleibt?”
“Dann wird sie der Professor nicht wieder fortlassen, bis die Lerchen zu schlagen anfangen.”
“Und wenn die Schwestern aus dem Schlosse mir dann klatschen kommen, das wird ein “Jux” werden.”
“Die Sommerpläne wollen wir uns überlegen,” sagte der Professor.
Schweigend hatte man den letzten Reden Marys zugehört und Dr. Kolb war aufgestanden, um einige ihm noch unbekannte Kunstgegenstände zu betrachten. Giulietta brachte das Gespräch plötzlich auf ein anderes Thema und Mary nahm daran unbefangen, aber etwas ernst theil. Peter war nach seinem Mahle wieder eingeschlafen und von Giulietta zu Bette gebracht worden.
Da es Zeit zum Aufbruche war, stellte man noch einige Fragen an mich, wie es Julian gehe, was sein Beruf wäre, ob er bald heirathen würde und ich sollte Vergleiche anstellen zwischen Oesterreich und Amerika. Ich sagte, ich sei zu patriotisch, als daß ich Vergleiche ziehen möchte, die meinem Vaterlande nicht zum Vortheile gereichen könnten, und man drang nicht weiter in mich. Die Kleine kam wieder und sagte, der Verwaltungsbeamte habe uns Wagen gesandt, weil wir den letzten Zug versäumten, und als wir uns von Giulietta verabschiedet hatten und die Treppe hinabgestiegen waren, standen zwei Wagen bereits vor dem Hause. Höflein ist halbwegs zwischen Wien und Tulln gelegen und wir hatten zwei Stunden scharfen Fahrens vor uns. Es war nur ein junger Mann da, die Pferde zu lenken, und da Dr. Kolb seine Dame nicht verlassen durfte, übernahm jener dieses Gefährte und bat Lueger, unseren Wagen zu fahren. Mary wollte Protest einlegen; die Nachtluft sei gefährlich; aber der Professor war gut versorgt und mußte sich fügen, wenn wir nicht hier bleiben wollten. Es war niemand zu finden, dem man die Wagenlenkung hätte übertragen können.
Der junge Mann gab noch seine Weisungen, nach welchem Stalle Pferde und Wagen zu bringen seien, und wir nahmen Platz.
Mary sagte: “Jetzt können wir englisch sprechen.” Ich nahm dankbar an und erwähnte, daß wir einen recht frohen Abend verbracht hätten. “Wenn ich mich nur nicht gegen das Gefühl meiner Schwestern vergangen hätte,” sagte Mary unbefangen. “Du hättest Lori nicht an ihr Aussehen erinnern sollen,” sagte Lydia. “Das war es wohl nicht; Lori hat wohl selbst das Gefühl, daß sie jetzt nicht viel unter fremde Leute gehen möchte. Aber man hat gewiß gefunden, daß ich zu frei geredet.” “Seid ihr so streng?” “Es ist schwierig, die richtige Linie einzuhalten und nicht langweilig zu werden. Man findet, man dürfe die Männer nicht an leichtfertige Reden gewöhnen; sie würden nur zu leicht in Rohheit verfallen. Ich bin schon einigemale getadelt worden. Auch sollen Eheleute alles aus dem Spiele lassen, was an ihr vertrautes Leben erinnert.” “Ich habe aber schon sehr vertrauliche Mittheilungen aus Frauenmund hierzulande gehört.” “Das mag sein, zu zweien oder in einer Curiatsversammlung. Gewiß nicht vor Männern oder aus muthwilligem Scherze.” “Das ist wohl richtig. Wird das Vorkommniß Folgen haben?” “Ich glaube, unsere Vorsteherin wird mir Vorstellungen machen, aber das geschieht mit größter Schonung.” “Wer wird ihr denn davon Mittheilung machen?” “Giulietta. Es war ja ihr Territorium und sie ist eine Haarspalterin.” “Führt das nicht zu Verdruß zwischen ihr und dir? Eine Denunciation!” “Das haben wir unter uns abgemacht; in der Curie darf alles zur Sprache gebracht werden und niemand darf eine Beschwerde, wenn sie auch ungerecht befunden wird, nachtragen.” “Die Geheimnisse des Ehelebens sind doch gewiß unantastbar,” sagte ich inquisitorisch. “Nicht so ganz unbedingt, ausgenommen sie bleiben eben unentdeckt.” “Was gehen die die Curie an?” “Ich will dir von meinen Erlebnissen erzählen und du magst daraus entnehmen, welche Gewalt die Curie über uns hat. Ich wollte keine Kinder haben. Ich war zu eitel und es fehlte mir an Muth und Selbstverleugnung. Zum mindesten wollte ich Frist haben. Das wurde mir nun von der Vorsteherin vorgehalten. Sie sagte, ich hätte auf die Ehe verzichten sollen, wenn es mir an Standhaftigkeit fehle. Mein Mann habe das Recht, zu fordern, daß ich ihm Kinder schenke, und auch die Gesellschaft rechne darauf. Ich brauchte Ausflüchte und schützte Zufall und Schwäche vor. Die Vorsteherin ließ sich aber nicht irre machen. Die Frau Doctor habe mir einige Besuche gegen meinen Willen gemacht, die Ursache meiner Unfruchtbarkeit sei nicht zweifelhaft. Diese Angelegenheit wurde wiederholt erörtert, immer mit großer Schonung, und die würdige alte Frau hatte mehrere Monate Geduld. Da vollzog sich dann ein Umschwung in meinem Gemüthe; mein Mann sprach wiederholt von seiner Hoffnung, Vater zu werden, und so — wurde er es auch,” sagte Mary mit reizendem Lächeln, “das heißt in spe.” “Entstehen aus solchen Einmengungen dritter Personen keine Mißhelligkeiten?” “Wir sind von früher Jugend daran gewöhnt, uns der Frauencurie zu unterwerfen, und die Vorsteherin ist immer eine Frau, die sich die Liebe und das Vertrauen aller zu erhalten weiß. Sie schont auch die Empfindlichkeit auf das sorgfältigste und wir haben uns unserer kleinen Fehler nicht zu schämen, weil niemand davon frei ist.” “Diese Institution erinnert an die Beichte,” sagte ich. “Doch mit einem sehr wichtigen Unterschiede. Wir werden zu keiner Selbstanklage verhalten, wir werden nicht von einer ordinirten Person, sondern von einer selbstgewählten Vorsteherin beraten und vielleicht zuweilen getadelt und es darf sich kein Mann in Dinge mischen, welche ihm wahrlich Scheu und Ehrfurcht einflößen sollten.” “Es kann aber doch vorkommen, daß die Vorsteherin nicht das Vertrauen aller Schwestern ihrer Gemeinde hat.” “Gewiß, dann bezeichnet man eine Schwester der Vorsteherin als Vertraute und diese bedient sich ihrer als Vermittlerin.”
Eben hielt der Wagen vor meinem Wohnhause und ich verabschiedete mich.
Nachwort.
Ich folge dem Beispiele Tolstois, wenn ich, wie er in der Kreuzersonate, dem vorstehenden Buche ein Nachwort folgen lasse. Denn es entspricht unserer Zeit, die an der Wende einer neuen Weltordnung angelangt ist, daß eine Vision vorangeht und ihre Deutung nachfolgt.
Meine Vision wendet sich nicht nur gegen Bellamy und Michaelis, sondern auch gewissermaßen gegen Tolstoi und ganz besonders gegen seinen sonderbaren Posdnyschew. Tolstoi hat zwar den barbarischen Reinheitsfanatismus seines Helden im Nachworte gemildert, aber er findet das Ideal des Christenthums nicht in der Menschenliebe, sondern in der Vergeistigung und Entmaterialisirung des Menschen. Er sagt mit Recht, das Christenthum setze ein Ideal, das in seiner Vollkommenheit nie erreichbar sein wird, uns aber darum doch immer vorzuschweben hat. Dessen nächste Wirkung muß, wie ich meine, sein, uns über den das Christenthum überwuchernden Pharisäismus hinüberzuhelfen. Das christliche Ideal ist aber im Sinne Tolstois nicht die Liebe, sondern die Askese, wenn auch nicht die Askese im gottesdienstlichen Sinne, so doch die Askese im Sinne einer unnöthigen Verleugnung der thierischen Natur des Menschen. Nach Tolstoi hätte Christus gesagt: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, dich selbst aber hasse.”
Hierin ist Leo XIII. Tolstoi weit überlegen, denn in seiner Encyklika de conditione opificum, die in der Erörterung der socialen Frage herzlich unbedeutend ist, sagt Leo XIII. doch, daß der Mensch auch Thier sei, und zwar, daß die thierische Natur in ihrer Ganzheit und Vollkommenheit zum Wesen des Menschen gehöre (Absatz 4). Und das entspricht auch ganz der Lehre Christi. Christus hat dem Menschen, der ißt und trinkt, volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Pharisäer waren es, die Christus einen Fresser und Weinsäufer schalten und Christus antwortete darauf: “Jawohl, des Menschen Sohn ißt und trinkt.” Er vergab sogar der öffentlichen Sünderin. “Ihr werden viele Sünden verzeihen werden, denn sie hat viel geliebt.”[P] Johannes sagt von ihm: (11, 5.) “Jesus aber liebte die Martha und ihre Schwester Maria und den Lazarus.” Christus sagte: Meine Lehre ist in Wahrheit Brod und Wein, Nahrung und Getränke, und nicht im mystischen Sinn. Er setzte das gesellige Abendmahl als einzige religiöse Handlung ein und seine Anforderung geht schließlich nur auf wirthschaftliche Arbeit, denn wenn er beim letzten Gerichte verdammend ruft: Ich war hungrig und du hast mich nicht gespeist, ich war durstig und du hast mich nicht getränkt, ich war ein Fremdling und du hast mich nicht beherbergt, ich war nackt und du hast mich nicht bekleidet, ich war krank und im Gefängnisse und du hast mich nicht besucht, — so sagt Christus doch nichts anderes, als daß der Mensch gerade als Thier Forderungen an den Menschen zu stellen und daß dieser gerade als Thier und Arbeiter Schulden zu zahlen hat, und diese wirthschaftlichen Verpflichtungen sind es, die den wahren Cultus des Christenthums ausmachen. Der Gottesdienst geht bei Christus in Menschendienst, der Menschendienst in Arbeit auf und diese Anforderungen setzen gerade die Fortdauer des thierischen Menschen mit seinen thierischen Bedürfnissen bis ans Ende der Zeiten voraus und dort ist das Ideal des Christenthums gewiß nicht zu suchen, wo es Tolstoi zu finden glaubt.
Wenn Christus sagt: Mann und Weib sind zwei in einem Fleische, so gibt er der Geschlechtsliebe einen gerade wegen der materiellen Fassung charakteristischen Ausdruck und bestätigt die Berechtigung der Animalität auch in der Liebe, und da er sagt, jener, die viel geliebt, wird auch viel vergeben werden, bestätigt er weiter, daß auch darin sich die Nächstenliebe bekunden kann und immer wird.
Sagt er: ‘Nicht was zum Munde eingeht, sondern was zum Munde herausgeht, verunreinigt den Menschen, denn was zum Munde hineingeht, kommt in den Magen und nimmt seinen natürlichen Ausgang, aber, was zum Munde herausgeht, kommt aus dem Herzen und verunreinigt den Menschen,’ so sagt Christus damit ganz offenbar, nicht durch die Paarung verunreinigt sich der Mensch, sondern durch die Paarung ohne Liebe. Posdnyschew sucht die Dissonanz am unrechten Orte; nicht die Verunreinigung durch einen sinnlichen Genuß ist abscheulich, sondern die Fälschung der Liebe darin, daß man nur eigene Befriedigung sucht, nicht zugleich, ja mehr noch, die des anderen. Ich habe nicht ohne Grund, und ohne Zögern, Julian West sagen lassen, daß die Oesterreicherin der Zukunft dem Fremden gegenüber Gastfreundschaft gewährt, und niemand wird mich überzeugen, daß darin Frivolität liegt, oder, daß ich darin den Boden des Christenthums verlassen habe. Weßhalb sollen wir härter sein gegen die Oesterreicherin, die nicht gebunden ist, als Christus gegen die Ehebrecherin?
Aber eine egoistische Liebe, eine Liebe, die mit Geld bezahlt und sich mit Geld bezahlen läßt, eine Liebe, die nicht fragt, welchen Schaden wirst du davon haben, oder ob ein Herz davon brechen wird, mit einem Worte der Egoismus in der Liebe, dessen Abscheulichkeit Posdnyschew richtig erkannt hat, eine solche Liebe ist dem Christenthume, der Nächstenliebe zuwider.
Allerdings ist eine Askese aus Menschenstolz, wie sie Tolstoi imaginirt, edler, als eine Askese aus pietistischem Hasse gegen das Fleisch. Aber Reinlichkeit ist nicht Reinheit und das hat Christus classisch gelehrt mit dem, was er vom Händewaschen sagt. Die bloße Paarung ohne alle Liebe ist vielleicht um ein Geringes unästhetischer, als gieriges Essen, oder unmäßiges Trinken, aber die Liebe, angetrieben von dem Verlangen, zu beglücken, ist gewiß nicht unrein und der Instinkt, der uns lehrt, uns zurückzuziehen, wenn wir lieben, und unser Glück vor anderen zu verbergen, zeugt keineswegs von schlechtem Gewissen oder davon, daß wir einer bloß verzeihlichen Schwäche opfern, sondern er weist uns darauf hin, ganz und gar in der Geliebten aufzugehen. Und ich sage in meinem Sinne absichtlich: der Geliebten, denn wehe der Frau, die aufhörte, die Geliebte zu sein.
Auch August Bebel in seinem kostbaren Buche: “Die Frau und der Socialismus”, verkennt das Christenthum, wenn er lehrt, das Christenthum predige die Verachtung der Frau, es verlange Enthaltsamkeit und Vernichtung des Fleisches.[Q] — Christus, der dem Weibe volle Gleichberechtigung zuerkannte, da er, über Moses hinausgehend, auch dem Weibe ein Recht auf Gattentreue zusprach, Christus, dem so viele Frauen nachfolgten, bei dessen Kreuzigung nur Frauen ausharrten, der der Ehebrecherin selbst keine andere Zurechtweisung ertheilte, als: “Geh' und sündige nicht mehr,” dessen Freundschaft zu Maria und Martha eine so menschlich edle war, soll Verachtung der Frauen gepredigt haben, und er, dessen Schlußlehre war: “Gebt den Menschen zu essen und zu trinken, kleidet sie, beherbergt sie und besucht sie, wenn sie krank sind, anderen Gottesdienst gibt es nicht” — er soll Vernichtung des Fleisches gefordert haben, als ob nicht gerade dessen Erhaltung allein das Endziel jener Werke nicht der Liebe, sondern der christlichen Gerechtigkeit, der productiven Arbeit wäre? Dabei will ich aber nicht unterlassen, zu bemerken, daß im Sinne Christi jener uns ernährt, kleidet und beherbergt, der seine Hände rührt, nicht der Parasit, der blos seinen Beutel aufmacht. Christus wird verlästert von jenen, die ihn einen Asketen schelten. Noch einmal, er lehrt, daß der Menschensohn ißt und trinkt. Gewiß ist, daß er sagt: “Geht alle hin, verlasset Güter und Häuser, Weiber und Kinder um des Himmelreiches willen,” aber er fügt hinzu, “dann werdet ihr hundert Güter und Häuser, und hundert Kinder haben und das ewige Leben dazu.”
Mein Roman zeigt, daß, wer alles verläßt in dem Sinne, wie es Christus versteht, nämlich zur Begründung des Collectivismus, reicher wird und nicht ärmer, und ein Bild dafür ist der verstümmelte Jacob, der mehr Beine hatte, als irgend einer seiner Volksgenossen. Christus fordert, daß wir das Himmelreich suchen, aber er lehrt, daß die Aufgabe des Himmelreiches sei, Nahrung, Kleidung und Wohnung nach Gerechtigkeit zu vertheilen[R], daß es also eine irdische und höchst praktische Einrichtung ist. Das Christenthum ist helle Freude am Leben, das Christenthum ißt und trinkt nicht nur, es liebt auch, und die Aesthetik des Christenthums ist nicht Enthaltsamkeit sondern göttergleiche Mäßigkeit und vor Allem Gerechtigkeit gegen unsere Tafelgenossen.
Auch Paulus, leider neben Johannes der erste Dogmatiker, versteht das Christenthum in meinem Sinne. Auch er ist liberal gegen die animalische Natur des Menschen und sagt im ersten Briefe an die Corinther 6, 12: “Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll die Herrschaft über mich erhalten,” und nach diesen Grundsätzen lasse ich die Oesterreicher der Zukunft leben; diese Lehre des Paulus ist nicht pietistisch, sondern philosophisch.
Wie thöricht es ist, das helle, lebensfreudige Christenthum der Askese anzuklagen, zeigt Paulus an die Colosser 2, 20. 21. 22. 23. Paulus spottet über die pharisäische Lehre: “Rühret nicht an, kostet nicht, tastet nicht an,” und tadelt, “den selbstgewählten Dienst und die Verdemüthigung und Nichtschonung des Lebens, dem man keine Ehre gibt zur Sättigung des Fleisches.”
Askese zu üben ist ganz und gar nicht christlich und Askese zu fordern geradezu unchristlich.
Irregeführt ist Bebel durch das, was Christus von der Ehe sagt, indem dieser bestätigt, daß es nicht gut heirathen sei. Allein Christus sprach in Räthseln und gerade an diesem Orte erklärte Christus, daß er nicht sagen könne, was er denke. “Wenige verstehen dieses Wort” und “wer es fassen kann, der fasse es.” Es ist also gewiß gerade diese Lehre Christi am wenigsten wörtlich zu nehmen und Bebel nimmt sie gerade so brutal wörtlich, wie die russischen Skopzen. Ich glaube, daß Christus nicht im entferntesten meinte, alle sollen verschnitten sein, und daß er unter Verschneidung zwar eine Entsagung, aber keine asketische Entsagung verstand. Ich glaube, Christus meinte, daß sein “Reich” unmöglich sei, wenn alle Familien gründen wollen, er setzte voraus, daß viele, aber keineswegs, daß alle dem Familienglücke entsagen würden, damit das “Reich” bestehen könne. Die Entsagung betrifft also die Zeugung, nicht die Liebe. Auch ich glaube, daß der sociale Staat unmöglich ist, wenn nicht ein großer Theil des Volkes der Familie gänzlich entsagt. Ob aber diese Annahme richtig ist, wird erst die Erfahrung zeigen, wenn die neue Ordnung wird eingeleitet sein. Alle Beobachtungen unter den heutigen Verhältnissen sind trügerisch. Aber die Beschränkung der Zeugung war zu allen Zeiten und bei allen Völkern bekannt und selbst bei jenen, die noch im Naturzustande leben, wie Azara von Wilden in Südamerika berichtet. Es giebt zwingende Verhältnisse, die alle Theorie und aprioristische Moral zu Schanden machen und darum möge man ein endgiltiges Urtheil über vieles aufschieben, was ohne Anstellung vielfältiger Beobachtungen nicht beurtheilt werden kann.
Malthusianismus scheint gewiß verwerflich zu sein, aber eine Propagation bis an die Grenze der von der Natur gebotenen Möglichkeit halte ich für ein Absurdum. Doch wir brauchen Erfahrungen, die unter der heutigen Weltordnung nicht gesammelt werden können.
Auch darüber hat sich Bebel in seinem Buche: “Die Frau und der Socialismus” ausgesprochen, aber seine Lehre halte ich, ich halte sie für eine irrthümliche. Wenn er Spencer citirt, der sagte: “Immer und überall sind Vervollkommnung und Fortpflanzungsfähigkeit einander entgegengesetzt,” so bleibt noch immer die Frage, ob Spencer nicht hätte sagen müssen: “Immer und überall sind Vervollkommnung und Fortpflanzungswille einander entgegengesetzt,” denn aus der thatsächlichen Vermehrung eines Volkes auf dessen Fortpflanzungsfähigkeit zu schließen, ist absurd. Was bisher aber alle Sociologen übersehen zu haben scheinen, ist das, daß es sich nicht darum handelt, wieviele Menschen die Erde und, da man doch nicht die Auswanderung zur Regel machen kann, wieviele Menschen die heimathliche Erde ernähren kann. Nicht die Erde ernährt die Menschen, sondern die produktive Bevölkerung und der Mensch lebt ja nicht allein vom Brode. Die Frage ist daher, wie viele Kinder ein Erwachsener erziehen und verpflegen kann. Mit Hilfe von ausgebeuteten Lohnsklaven allerdings kann man auch zehn und zwanzig erziehen und ernähren, aber jeder für sich? Können wir, wenn die Kinder sich verdreifachen, sie erziehen und ihnen Häuser bauen? Da von sechs Kindern, die geboren werden könnten, nur eins geboren wird[S], so muß doch ein anderer Factor auf die Zahl der Geburten einwirken, als blos die Begrenztheit des natürlichen Zeugungsvermögens. Da liegt ein noch ungelöstes Räthsel und eine Seite der Frage, die noch nicht ins Auge gefaßt worden ist.
Damit widerlegt sich auch, was Bebel mit Berufung auf Liebig Seite 259 und 260 ausführt. Denn durch rasche Vermehrung der Geburten vermehren sich vorerst nur die Zehrer, aber nicht die arbeitenden Hände, und ohne diese vermehrt sich ja auch die Bodenrente nicht, noch weniger aber vermehren sich die Wohnhäuser.
Oswald Schmidt, Leipzig-Reudnitz.
Verlag von E. Pierson in Dresden und Leipzig.
Werke Oesterreichischer Autoren.
Ludwig Anzengruber.
Stahl u. Stein. M. 2.—.
Heimg'funden. M. 1.50.
Der Fleck auf der Ehr'. M. 1.50.
Herm. Bahr.
Die Ueberwindung des Naturalismus. M. 4.50.
Russische Reise. M. 2.—.
C. Binder-Krieglstein.
Vilagos. Histor. Trauerspiel. M. 2.—.
Vor dreißig Jahren. M. 1.—.
Geschichten zum Nachdenken. M. 3.—.
M. Brée.
Wo die letzten Häuser stehen. M. 3.—.
Marco Brociner.
Rauschgold. M. 3.—.
Alex. Engel.
Buch der Eva. M. 2.—.
R. von Fels.
Agramer Schreckenstage. Novellen. M. 3.—.
Und doch — abergläubisch. M. 2.—.
Das äußerste Mittel. M. 3.—.
F. Flemming.
Unser Hans. M. 3.—.
Vier Novellen und Erzählungen. M. 3.—.
Otto Fuchs.
Görbersdorfer Novellen. M. 3.—.
Haschisch. M. 3.—.
Balduin Groller.
Leichtlebiges Volk. M. 3.—.
Unter vier Augen. M. 3.—.
Wenn man jung ist. M. 3.—.
Vom kleinen Rudi. M. 2.—.
Karl Guntram.
Viola Tricolor. M. 3.—.
Adolf Herzog.
Aus der Lebensschule. 2 Bde. M. 5.—.
Theodor Hertzka.
Freiland. Ein soziales Zukunftsbild. 7. Aufl. M. 2.—.
Sozialdemokratie und Sozialliberalismus. M. 1.—.
Rudolf Graf Hoyos.
Neue Gedichte. geb. M. 3.50.
Königsbrun-Schaup.
Der Mond. Gedicht. M. 2.—.
Tausendlust. Erzählung. M. 2.—.
Gedichte. M. 2.50.
M. Kolloden.
Helene. Den Tod erkämpft. M. 3.—.
P. M. Lacroma.
Dosta von Drontheim. M. 1.50.
Die Modelltini. M. 2.—.
Bagatellen. M. 2.—.
Herm. Loewenthal.
Aquarelle aus Oesterreich. M. 2.—.
Friedrich Elbogen.
Das Geständnis. M. 1.—.
Rudolf Lothar.
Der verschleierte König. M. 1.—.
Der Werth des Lebens. M. 2.—.
Cäsar Borgia's Ende. M. 1.—.
George May.
Das Modell. M. 3.—.
Gustav Morgenstern. Miza. Ein Reise- und Liebesgesang. M. 2.—.
A. Müller-Guttenbrunn.
Frau Dornröschen. M. 3.—.
Dramaturgische Gänge. M. 3.—.
Dr. Josef v. Neupauer.
Oesterreich im Jahre 2020. Roman. M. 4.—.
I. Graf Orsini-Rosenberg.
Ein Nachkomme Gottfrieds von Bouillon. M. 2.—.
Der neue Hofmeister. M. 3.—.
H. Pohlidal.
Psyche. Sensitive Novellen. M. 2.—.
Clara Schreiber.
Eva. M. 3.—.
Seeger an der Lutz.
Ulrich von Hutten. M. 2.—.
Auf freier Flur. M. 1.50.
Rudolf Sperling.
Lieder eines einsamen Spatzen. Geb. M. 4.—.
Vor dreitausend Jahren. M. 1.—.
Donat von Stauffenburg.
Lieutenants Leben und Lieben. M. 3.—.
Unter dem schwarzgelben Banner. M. 2.—.
A. G. von Suttner.
Anderl. 2 Bde. M. 6.—.
Kinder des Kaukasus. 2 Bände à M. 3.—.
Um jeden Preis! M. 5.—.
Bertha von Suttner.
Die Waffen nieder. 2 Bde. M. 6.—.
Schriftsteller-Roman. M. 3.—.
Erzählte Lustspiele. M. 3.—.
Dr. Hellmuts Donnerstage. M. 3.—.
Verkettungen. M. 3.—.
Ein Manuscript. M. 4.—.
Inventarium einer Seele. M. 4.—.
Eva Siebeck. M. 5.—.
Die Tiefinnersten. M. 5.—.
Trente-et-Quarante. M. 5.—.
Oscar Teuber.
Im Kreuzgang. M. 2.—.
Carl Baron Torresani.
Aus der schönen wilden Lieutenantszeit. M. 8.—.
Schwarzgelbe Reitergeschichten. M. 4.—.
Mit tausend Masten. M. 3.—.
Auf gerettetem Kahn. M. 4.—.
Die Juckercomtesse. M. 4.—.
Der beschleunigte Fall. 2 Bde. M. 10.—.
Oberlicht. M. 5.—.
E. Wahlheim.
Aus freier Wahl. M. 3.—.
Ihr Wille. M. 3.—.
W. von Wartenegg.
Schloß Winikstein. M. 3.—.
Julius Weißstein.
Gezählt, gewogen — zu leicht befunden. M. 1.—.
Oskar Welten.
Nicht für Kinder. M. 3.—.
J. Wintern.
Wie einst im Mai. M. 2.—.
Victor Wodiczka.
Bellicosus. 2 Bde. M. 6.—.
Oswald Schmidt Leipzig-Reudnitz.
Fußnoten:
[A] Nach dem spezifischen Gewichte des Goldes von 19,32 und dem österreichischen Gesetze vom 2. August 1892 R. G. Bl. No. 126 hat ein Cubikdecimeter puren Goldes einen Werth von 63369,60 Kronen und wurde der österreichische Finanzminister mit Gesetz vom selben Tage R. G. Bl. No. 130 ermächtigt, ein Golddarlehen von 183,456,000 alten österreichischen Goldgulden oder 4369 Millionen Kronen für Valutazwecke zu kontrahiren. Feingold in dieser Menge ergibt eine kreisrunde Säule von ein Meter Durchmesser und 9,23475 Meter Höhe.
Die Zinsen des erwähnten Darlehns wurden auf neun Millionen Gulden veranschlagt und müssen durch den Export von Brodfrüchten und Schlachtvieh aufgebracht werden, entziehen daher dem Vaterlande die Nahrungsmittel für 50000 gut genährte oder 200000 kümmerlich genährte Menschen.
Auch in Peru zur Zeit seiner Eroberung durch Pizarro galt das Gold für werthlos, weil es nicht zu Geld ausgemünzt wurde. Man deckte die Paläste mit Goldplatten ein und die Soldaten trugen goldene Rüstungen.
[B] “Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887” von Bellamy, Universalbibliothek Nr. 2661, 2662, und “Ein Blick in die Zukunft” von Richard Michaelis, U.-B. Nr. 2800.
[C] Matthäus 13, 52.
[D] Jesaias 66, 1. Apostelgeschichte 7, 48. 49.
[E] Matthäus 6, 6.
[F] Matthäus 11, 14. und 17, 12.
[G] Matthäus 25, 34-45.
[H] Jesaias 65, 17. 20. 21. 22. 23.
[I] Petrus II, 3, 13. Jesaias betrachtete die noch heute geltende Wirthschaftsordnung als eine verderbliche und solche, die auf Ausbeutung der Menschen durch die besitzenden Klassen beruht und er weissagt eine künftige andere und bessere Gesellschaftsordnung. Daraus, nämlich aus der Erkenntniß der Ungerechtigkeit der Besitzherrschaft erklärt sich der Kampf Christi gegen die Reichen und die Begriffe “diese Welt” und die “andere Welt” bezeichnen den Gegensatz der herrschenden und der künftigen Weltordnung.
[J] Ein Rückblick. — Seite 104.
[K] Ein Blick in die Zukunft. — Seite 27.
[L] Johannes 7, 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. Marcus 3, 21. Matthäus 13, 57. 58., Marcus 6, 4. Matthäus 12, 46. 47. 48. 49. 50. Marcus 3, 31. 32. 33. 34. 35. Lucas 8, 19. 20. 21., besonders die Apostelgeschichte 1, 14. — Es ist merkwürdig, daß Christus nach der Hochzeit zu Kanaan und einem kurzen Besuche in Kapharnaum niemals mehr mit Maria zusammen war und diese immer mit den “ungläubigen” Brüdern ging, auch nach dem Tode Christi mit den Brüdern zugleich auftrat, und die Art, wie Christus jeder Erinnerung an Maria auswich, ist in Matthäus 12, 50. Marcus 3, 35. Lucas 8, 21. einerseits und Lucas 11, 28. andererseits in eine eigenthümlich indirecte Form gekleidet, was mit dem Satze übereinstimmt, daß ein Prophet nirgends weniger gelte, als in seinem Hause und in seiner Verwandtschaft. — Lucas 11, 28. läßt keine andere Deutung zu, als Maria könne nicht selig gepriesen werden, weil sie das Wort Gottes nicht höre und dasselbe nicht beobachte. Dann stimmt es genau mit jenem anderen Worte “wer ist mir Mutter und Brüder, nicht Maria ist meine Mutter und nicht ihre Begleiter sind meine Brüder, sondern jene sind es, die den Willen Gottes thun.” Siehe noch Matthäus 27, 55. 56. Marcus 15, 40. 41. Lucas 23, 49. — Dagegen muß man offenbar annehmen, daß Johannes 19, 25. 26. 27. nicht historisch richtig, sondern nur bildlich zu nehmen ist, was schon daraus hervorgeht, daß ja Johannes nach dem Zeugnisse der Synoptiker entflohen war. Matthäus 28, 10. Marcus 16, 9. Lucas 23, 55. 56. und 24, 1. 2. 9. 10. — Johannes 20, 2. 4. und 8. zeigt deutlich das Motiv, welches die abweichenden Berichte dieses Evangelisten erklärt. Siehe auch Johannes 13, 23. dann 18, 15. 16. 19, 27. al. 2, 21, 20. 23.
[M] Wie aus Morgan “Die Urgesellschaft” hervorgeht, ist ursprünglich die Mutter das Haupt der Familie und die weibliche Abstammung für die Verwandtschaft entscheidend gewesen und erst mir Einführung des Sondereigenthumes wurde die Abstammung von väterlicher Seite entscheidend. Die Rückkehr zum Gesammtbesitze muß naturgemäß wieder den Einfluß der Mutter zum entscheidenden in der Familie und im Erziehungswesen machen.
[N] Michaelis, Ein Blick in die Zukunft, Seite 83.
[O] Die Civilliste war in Oesterreich mit einem Prozent vom Gesammtproducte oder, was dasselbe war, vom Arbeitsaufwande, durch das Volk bewilligt worden und da 55% der Bevölkerung produktiv waren, das Volk somit 22 Millionen Arbeiter stellte, war die Civilliste gleich 220 000 Arbeitsjahren, daher der gedachte Bau, dessen Herstellung sich auf drei Jahre vertheilte, nur einen geringen Theil der öffentlichen Bauten bildete, die die Civilliste auf sich nahm. Sie war für Hof und Adel ausgeworfen und diente den Volksinteressen.
[P] Lucas 7, 47.
[Q] Seite 41 der 10. Auflage.
[R] Matthäus 6, 33.
[S] Nach der Volkszählung der im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder Oesterreichs betrug am 31. Dezember 1880 die Zahl der Frauenspersonen im Alter von 15 bis 45 Jahren 5 123 884 und im Jahre 1882 die Zahl der Geburten 873 522. Bliebe aber selbst dieses Geburtenprocent von nur vier zu hundert der Gesammtbevölkerung (circa 22 Millionen) constant und würde die Sterblichkeit, was erwartet werden muß, wenn eine rationelle Ernährung und Pflege aller Volksgenossen eintritt, auf 1.5 % sinken, also der Jahreszuwachs auf 2.5 % steigen, so würde sich die Bevölkerung in circa 30 Jahren verdoppeln, in 60 Jahren aber vervierfachen. Wer wird die erforderlichen Wohnhäuser bauen? Kann die Arbeit dieser Vermehrung folgen, dann allerdings wird sie zum Segen werden. Je enger wir wohnen können, um so beglückender der Communismus.
Notizen des Bearbeiters:
Inhaltsverzeichnis eingefügt.
Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurden nicht verändert.