Ästhetik des Eßtisches.
Es war eine geistreiche Dame, die bei einem Diner, das sie für eine große Gesellschaft veranstaltete, folgendermaßen verfuhr: Nach dem Grundsatze, den die Römer schon kannten, daß eine Tischgesellschaft nicht weniger als die Zahl der Grazien und nicht mehr als die Zahl der Musen betragen sollte, verteilte sie die zahlreichen Gäste an ebensoviele Tische als nötig waren, um die gesegnete Zahl herzustellen. Und sie stimmte jeden Tisch auf eine andere Farbe. Sie hatte sich mit den Damen ins Einvernehmen gesetzt, und sie mußten ihre Toilette der Farbe ihres Tisches anpassen. Selbst die Tischtücher mußten Farbe bekennen, und man sah die ganze Skala des Regenbogens vertreten, ja sogar ein schwarzes Tischtuch war vorhanden. Die Blumen wurden dementsprechend gewählt und verteilt. Die geistreiche Dame hatte von ihrer meisterhaften Anordnung eine außerordentliche Wirkung erwartet und die Wirkung war außerordentlich. Sie war nämlich außerordentlich geschmacklos. Sie war so geschmacklos, daß man wirklich sehr geistreich sein muß, um dergleichen einmal begehen zu dürfen. Sie hat es sicherlich nicht wieder getan. Die feine Lehre war daraus zu ziehen, daß für das Gedeck nur eine Farbe existiert, die den Glanz der Frische und der Appetitlichkeit gewährt, das festliche Weiß, als der richtige Grundton, davon sich das Silber, Krystall, Porzellan und die freudigen Farben der Blumen schön und erquicklich abheben und zugleich ein Schmaus für das Auge sind. Die ästhetische Befriedigung ist ein wesentlicher Bestandteil der Tafelfreude. Nebst dem feinen weißen Linnen, das manche Frauen, wie namentlich in früherer Zeit, hüten wie Silber, ist es die Blume, welche dem gedeckten Tisch den Adel künstlerischer Schönheit verleiht. Wie bei allen Dingen, kommt es auch hiebei nicht auf die Kostbarkeit oder Seltenheit der Blumen an, sondern auf die Art, wie sie verwendet werden. Gerade unsere einfachen heimischen Blumen, mit schlichter Treuherzigkeit Bauernblumen genannt, können, klug gebraucht, zu den feinsten Wirkungen gebracht werden, und man erinnere sich nur daran, was Lichtwark über den Löwenzahn als Tischblume sagt. Der vielverachtete Löwenzahn, der den ganzen Tisch auf Gelb stimmt, könnte eine unvergleichliche Tischblume abgeben. Mit gelben Blumen näht die Hausfrau gerne ihren Tischläufer aus, und eine unbewußte Anerkennung liegt darin, daß Gelb auf weißem Tischzeug besonders schön steht. Aber gerade hier ist viel Takt in der Anwendung erforderlich. Streublumen sind sehr beliebt, aber sie sehen alsbald welk aus, verursachen häßliche Flecken und eine krause Unordnung am Tisch, die ihr freundliches Aussehen von früher bald ins Gegenteil verwandelt. Ein Künstler hatte den glücklichen Einfall, die Schnittblumen in kleinen würfelartigen Glasgefäßen, die in regelmäßigen Abständen eine Reihe in der Mitte des Tisches bildeten, aufzustellen, und er hat damit das Rechte getroffen. Heute bekommt man zu diesem Zwecke kleine Glasgefäße mit dreieckiger Basis, die man in beliebiger Weise zu Gruppen mit hoch- und kurzstengeligen Blumen vereinigen kann. Hohe Blumen- und Fruchtaufsätze, welche die einander gegenübersitzenden Personen den Blicken entziehen, haben sich als unzweckmäßig und geschmacklos überlebt.
Tafelaufsatz und Blumengefäße von Baronesse Falcke, ausgeführt von Bakalowits Söhne, Wien.
Speisezimmer von der Vereinigung „Wiener Kunst im Hause“.
Entwurf von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.
Speisezimmer von Arch. Alois Hollmann.
Die Reform des Tafelgedeckes beginnt schon bei der Serviette. Sie hat heute noch eine Form, die ihre Gebrauchsart längst überlebt hat. Kein Mensch von Lebensart wird sie heute noch mit einem Zipfel unter dem Kinn in den Kragen stecken. Man legt sie heute einfach über den Schoß. Die zweckentsprechende Form sollte demnach jene sein, welche etwa das Handtuch besitzt: ein längliches Rechteck. Daß die Serviette weich und lind sei, wird zwar in der Theorie immer verlangt, aber die Praxis kennt nur damastene Servietten, die anfangs bocksteif sind und nach längerem Gebrauch abhaaren. Die Zeiten sind wirklich vorüber, wo Linnen dem Silber gleichgestellt war.
Zimmerecke von Arch. Franz Exler.
Über das Glas wäre manches zu sagen. Gewöhnlich sitzt das Glas wie ein Blumenkelch auf hohem dünnen Stengel, was zwar anmutig anzusehen, aber in sehr hohem Maße unpraktisch ist. Erstens wird die Standfestigkeit gering, bei leiser Berührung fällt das Glas um, und zweitens ist der Stengel beim Reinigen allzuleicht abzudrehen. Aber auch dickes Glas ist nicht zu empfehlen, weil nicht gut daraus zu trinken ist. Zwischen Lippe und Flüssigkeit soll sich so wenig Glaswand befinden als immerhin möglich. Aus dieser Voraussetzung ergibt sich die organische Form des Trinkglases von selbst; es müßte einen starken, feststehenden, starkwandigen Fuß und Stengel haben und müßte gegen den Rand ganz dünn verlaufen, um als angenehmes Glas empfunden zu werden. Handsam soll das Glas sein und mundgerecht. So einfach die Lösung scheint, ich habe ein solides Glas noch nicht gefunden.
Speisezimmer von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.
Buffet von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.
Dem Glase steht das Porzellan zunächst. Ich weiß, daß die meisten Leute buntbemaltes Geschirr lieben. Es macht zwar nicht viel aus, ob das Geschirr bemalt ist oder einfach weiß, nur ist zu bedenken, daß die Bemalung häufig Schäden des Porzellans verdecken muß. Reliefartiger Dekor am Tellerrand ist im höchsten Grade unzweckmäßig, aber alles Unzweckmäßige ist am häufigsten anzutreffen. Ganz weißes Geschirr ohne bunte Streifen ist sehr vornehm in der Wirkung, aber merkwürdigerweise selten im Gebrauche zu finden.
Standuhr von Arch.
Prof. Joseph Hoffmann.
Standuhr von Arch.
Max Benirschke.
Und nun das Silber. Es ist ja heute noch der Stolz jedes wohlhabenden Hauses, der wohlgehütete Schatz, den man nur zu besonderen Festtagen oder zu Ehren eines Gastes zu verwenden wagt. Die Silberlöffel im Alltag zu gebrauchen, würde der Mehrzahl der Hausfrauen als beispiellose Verschwendung erscheinen. Ich weiß wirklich nicht aus welchem Grunde. Gerade für den Alltagsgebrauch ist echtes Edelmetall wie Silber allein zu verwenden, weil es widerstandsfähiger und sauberer zu halten ist als billiges Zeug, das oftmals erneuert werden muß, immer übel aussieht und zuguterletzt viel höher zu stehen kommt als Silber. Der wahrhaft ökonomische Sinn wird sich immer nur des letzteren bedienen. Gewöhnlich aber ist für die Hausfrau das Silberzeug bloß Gegenstand des platonischen Genusses, ohne weiteren Daseinszweck, als »still im eigenen Glanz zu ruhen«, und als Brautgeschenke gefühlsame Erinnerungen der Hausfrau zu bewahren. Den Kranz so frommer Tugenden aber wollen unsere ungeweihten Hände nicht zerreißen. Sprechen wir lieber von der Form, die das Silberzeug erhalten hat. Die Liebe der Künstler hat sich ja dem Silber in besonderem Maße zugewendet, und gerade in den letzten Jahren ist viel an dem Tafelbesteck probiert worden. Bei der heutigen Art, Messer und Gabel leicht zu halten, hat das Besteck auch jene Leichtigkeit und Zierlichkeit erhalten, die man ihm wünschen mag. Jedermann hat sich schon über die Gabel geärgert, die absolut keine Sauce fassen will. Als aber Oberbaurat Otto Wagner sein Reformbesteck ausstellte, gab es dennoch eine kleine Erschütterung. Man ist die alte Form schon so gewöhnt, daß die wenigsten Menschen einsehen wollen, daß es da noch etwas zu reformieren gibt. Da gab aber eines Tages ein einarmiger General den Anstoß zu einer Revolution. Der wollte eine Gabel, mit der er nicht nur spießen, sondern auch schöpfen und nötigenfalls auch schneiden konnte. Die Gabel wurde gefertigt; sie besaß eine flache löffelartige Form mit drei kurzen Zinken, so daß man damit bequem spießen und zugleich Sauce fassen konnte.
Diese Gabel ist sicherlich der reformierteste Teil des Reformbesteckes. Sie dürfte allgemeine Annahme finden, denn auch von der hygienischen Seite her ist ihr Angenehmes wegen ihrer leichten Reinbarkeit nachzusagen.
In den Ansprüchen, die wir in ästhetischer Hinsicht an den Eßtisch stellen, prägt sich ein guter Teil unserer Erziehung und unserer persönlichen Kultur aus. Die Mahlzeiten sind Feste des Leibes, die bei Homer, der von seinen Helden getreulich berichtet, wann sie die Hände zum lecker bereiteten Mahle erhoben, eine Art fröhlicher Gottesdienst werden. Der Adel der Form kommt später hinzu. Es genügt dem Kulturmenschen nicht, daß das Mahl lecker bereitet sei. Die schöne Form ist nicht zu entbehren. Sie ist das halbe Essen. Die ästhetische Forderung wird geradezu zur körperlichen. Eine gewisse absolute Schönheit des Eßtisches hat sich herausgebildet, die sich mit Einfachheit wohl verträgt und die nur eine Verschiebung hinsichtlich der Kostbarkeit verträgt. Diese ist aber sicherlich zu entbehren. Eine Sehnsucht nach Schönheit geht durch unser Zeitalter. Wenn nichts fruchtet, will man wenigstens »in Schönheit sterben«. Das ist gewiß sehr edel, aber anmutsreicher ist: »in Schönheit leben«. Und dazu gehört: »in Schönheit essen«.