Die Küche.
In einem Lobliede an die Küche meint Gilles Corrozet (1534), daß es eine schöne Sache sei um ein geschmücktes Haus, um eine behagliche Stube, um den wohlbestellten Speicher und Keller, daß aber ein Haus trotzdem nichts Erquickliches böte, wenn man nicht auch eine gute Küche sehe, die gute Küche, wo die freundlichen Götter Diana, Ceres und Bachus ihre gesegneten Gaben niederlegen, wo der freundliche, Zufriedenheit und Wohlbehagen spendende Hausgeist im Winkel am Herde tront und leibliche Stärkung und Mehrung der Daseinsfreude verheißungsvoll winken.
Küche von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.
Der gute Corrozet ist ein praktischer Idealist; wer auf guten Tisch hält, (und wer tut das nicht) muß vor allem auf gute Küche halten, und darum gibt er seinen Zeitgenossen eine umständliche, in zierliche Reime geflochtene Darstellung einer ganzen Kücheneinrichtung, in der er auch nicht »die Lichtschneutzen« vergißt und daraus man leicht ersehen kann, welche hervorragende Wichtigkeit die Küche im damaligen Haushalt besaß. Sie ist die Urzelle des Hauses, aus der die anderen Räume erst nach und nach hervorgegangen sind. Noch im XVIII. Jahrhundert vollzog sich auf den seigneuralen Gütern Frankreichs das Leben vorzugsweise in der Küche, während die übrigen Gemächer des Hauses als bloße Repräsentationsräume nur gelegentlich benützt wurden.
Küche von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.
Sicherlich ist die Küche der am frühesten und am vollkommensten ausgebildete Teil des Hauses gewesen. Über deren Einrichtung läßt uns auch die »Nürnberger Haushälterin« nicht im Zweifel, die im Jahre 1716 über das deutsche Bürgerhaus schrieb: »Von einer wohlgebauten Küche wird vornehmlich gefordert, daß sie nicht allzuweit von der Esstube entfernt seye, damit nicht im Winter das Essen, wenn es weit getragen werden muß, kalt auf den Tisch gebracht werde.« Man darf sich hierbei wohl nicht eine Stadtwohnung mit gedrängten Räumen vorstellen, sondern ein weitläufiges altdeutsches Bürgerhaus, wo möglicherweise die Küche, wie in den heutigen Landhäusern und Villen, im Untergeschoß gelegen war. Daher die Mahnung der »Nürnberger Haushalterin«, die zu ihrer Zeit die vortreffliche Einrichtung von Speiseaufzügen nicht gekannt haben dürfte.
Porzellanservice von Frl. Jutta Sicka.
Porzellanservice von Frl. Jutta Sicka.
Gegenüber den alten Küchen, so vollkommen sie auch mit Gerätschaften versehen sein mochten, haben die heutigen, von modernen Architekten eingerichteten Küchen entschieden bedeutende Vorzüge aufzuweisen. Das Gebot der Zweckmäßigkeit und sanitäre Rücksichten erfordern, daß die Küchen hell seien, in modernen Landhäusern legt man daher die Fenster breit und ziemlich hoch an, selbst wenn dies nicht durch die tiefe Lage des Raumes im Souterrain erforderlich sein sollte, damit die Wandflächen für die Kücheneinrichtung gut ausgenützt werden können. Unter diesen Fenstern befinden sich in der Regel die Schränke mit möglichst viel Laden und Stellagen, die mit Glastüren verschlossen sind. In der Mitte der Wand, unterhalb der Fenster finden wir häufig den Anrichtetisch, in seinen Unterteilen als Schrank ausgenützt und von einem Gesims mit verschließbaren Fächern gekrönt. Auf der gegenüberliegenden Seite steht der Herd. Im Gegensatz zur Küche von einst, die man erst dann für schön erachtete, wenn das blitzblanke Messing- und Kupfergeschirr, die bunten Töpfe aus Steingut und Porzellan, die Zinn- und Blechgefäße an Wänden und offenen Stellagen zum Entzücken der Hausfrau prangend ausgestellt waren, liebt man es heute, jegliches Küchenrequisit in den Schränken abzuschließen und hat damit vollkommen recht. Denn so kann das Geschirr von Staub und Fliegenunrat frei gehalten werden und man erspart ein Übermaß von Reinigungsarbeit. Nur das Kupfergeschirr läßt man frei hängen. Eine solche Küche sieht aber auch appetitlich genug aus, namentlich, wenn die Wände weiß verkachelt sind, wie das neuestens oft der Fall ist. Bis zu einer gewissen Höhe wenigstens sollen die Wände verkachelt sein, soweit eben spritzendes Wasser reicht. An Stelle der Kacheln werden auch dünne Marmorplatten verwendet und zwar nur weiße, weil es aus begreiflichen Gründen Grundsatz ist, daß weiß vorherrsche. Darum werden sämtliche Holzgegenstände, also die ganze Kücheneinrichtung weiß lackiert, wobei man den Vorteil hat, durch einfaches Abwaschen jeden Schmutz leicht zu entfernen. Daß man auf weiß jede Unreinlichkeit sofort sieht, ist nur ein Vorzug, denn sie soll nirgends und am allerwenigsten in der Küche geduldet werden. Will man durchaus ein Ornament, so soll es nur ein Flachornament sein, aufschablonirt und sparsam angewendet. Jede Schnitzerei ist zu verpönen, sie wirkt nur als Staubfänger. Im Übrigen hat man Bedacht auf gradlinige einfache Formen ohne Gesimse, und auf einfache ungeteilte Holzflächen, die durch bloßes Abwischen rein gehalten werden können. Die Küchenmöbel sollen mit ihrer Fläche bis auf den Fußboden herabgehen und auf diesem ohne Füße fest aufstehen, damit sich unterhalb der Schränke keine unkontrollierbaren Schmutzwinkel bilden können. Dagegen tut man gut, die Stuhl- und Tischflächen, die oft gerieben werden müssen, überhaupt nicht zu streichen, sondern bloß fein gehobelt im ursprünglichen Holzton stehen zu lassen, und so einzurichten, daß sie abnehmbar sind. Auf diese Art können sie am besten gewaschen und gerieben werden, wovon das Holz bald ein blühweißes Aussehen bekommt. In Bezug auf den Fußboden hat man auch zu bedenken, daß in Küchen immer Wasser verschüttet wird, und daß er mit Wasser abgeschwemmt und solcherart leicht gereinigt werden soll. Darum wird man den Steinboden dem bisherigen Brettelboden vorziehen. Der Steinboden aber bedeutet einen Angriff auf die Gesundheit der Köchinnen, die ohnehin meistens gichtisch sind. Da bietet denn das Xylolith einen Ausweg. Xylolith ist ein Kunststein, der auf Holz aufgetragen wird, nicht so hart wie Naturstein ist, aber sonst alle seine Vorzüge aufweist und noch mehr. Er ist nämlich schon in allen Farben zu haben und man kann ihn nach seinem persönlichen Geschmack wählen. Zu dem blinkenden Weiß der Wände passt sehr gut ein roter oder blauer Xylolithboden.
Theeservice aus Silber von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.
Die Französin des XVIII. Jahrhunderts mußte ihr Paradebett haben, die deutsche Frau ihre Prunkküche. Das kennzeichnet zur Genüge den Unterschied zweier Nationen. Heute existiert beides nicht mehr. Vieles wird heute fertig ins Haus gebracht, was einst im Hause erzeugt werden mußte. Selbst der Kohlenherd ist in Gefahr verdrängt zu werden. Gas und Elektrizität, Centralversorgung, spielen eine immer größere Rolle.
Wenn auch die Küche heute nicht so umfangreich ist, wie die altdeutschen Küchen waren, so bildet sie doch noch immer eine Macht im Hause, von der das Glück im Heimwesen zum großen Teil abhängt. An ihr sieht man, was die Hausfrau ist oder was sie nicht ist. Es gibt Köchinnen, die einen Dienstort verlassen, wenn ihre Werkstätte, die Küche, nicht der Würde und Bedeutung des Raumes entsprechend ausgerüstet ist. Die schlechtesten Köchinnen sind das sicherlich nicht.
Vasen von Prof. Moser, ausgeführt von Bakalowits Söhne, Wien.