Wände und Decke, Vorhänge und Teppiche.

Zu den schweren geschnitzten Kassetten-Decken altdeutscher Stuben passte dunkles Getäfel der Wände und die Ledertapete. Wo man sie heute noch im Bürgerhause vorfindet, ist sie nicht dem modernen Gefühl, sondern einer posthumen Butzenscheibenromantik, die noch immer nicht ausgestorben ist, entsprungen. Wie es noch Wotansenkel im schwarzen Salonrock gibt, die wie die alten Deutschen »immer noch eins trinken«, so gibt es eine große Kategorie, die in ihrer Gefühlsweise bei Hans Sachs stecken geblieben ist und Räume liebt, »wo selbst das liebe Himmelslicht trüb durch gemalte Scheiben bricht«. Die Sache gehört ins Museum, wo man sie billig bewundern mag. Im Alltag und im grellen Licht der Gegenwart sind solche abgestorbenen Lebensformen immer von Übel. Abgesehen davon, daß in Mietswohnungen eine solche pompöse Sache nur auf den Schein berechnet sein kann und eine Lüge ist, weil in solchen Wohnungen, wo wir eigentlich immer auf dem Sprung stehen, nichts von Ewigkeitsdauer geschafft werden kann, außer was sich leicht fortschaffen, auf einem Möbelwagen verpacken und in einer neuen Wohnung ebenso leicht und gefällig wieder aufstellen läßt. Auf ein gewisses Nomadentum ist unser Leben in Mietswohnungen gestellt. Aus ökonomischen, sozialen und hygienischen Gründen ergibt sich die neue Ästhetik, die für unsere Wohnung glatten und weißen Verputz an Wänden und Decke verlangt, die je nach Geschmack mit schablonirter Malerei oder Tapete bedeckt wurden. Damit war aber zugleich ein freier Spielraum für die gefährlichsten Ausschweifungen der künstlerischen Phantasie unserer Tapezierer- und Zimmermalerjünglinge gegeben. »Vernunft ward Unsinn, Wohltat Plage.« Das Ungeheuerlichste, Wahnwitzigste ward Mode, wenn es unter der Flagge einer falschen »Sezession« segelte. Auch diese Modekrankheit mußte überstanden werden und schließlich setzte sich die Arbeit ernster und tüchtig vorwärts strebender Künstler beim Publikum durch. Große Firmen der Tapeten-, Teppich- und Textilbranche suchen die Entwürfe solcher Künstler zu erwerben und Geschmackvolles in den Handel zu bringen. Heute spürt man im großen Publikum schon ein erfreuliches Bestreben nach vornehmer Einfachheit, das nur des Entgegenkommens künstlerischer und industrieller Kreise bedarf, um zu einer allgemeinen Niveauerhöhung des Geschmacks zu führen. Man zieht es vor, die Wände und Decke entweder einfach zu weißen oder färbig zu streichen und einen hübschen Fries aufzusetzen oder mit entsprechender Tapete zu bekleiden. Bei der Wahl der Farbe wird Bedacht genommen, daß zur Farbe der Möbel die Wände und Decke einen komplementären Gegensatz bilden, der die Möbelstücke hervorhebt und mit diesen, was die farbige Erscheinung betrifft, ein harmonisches Ganzes darstellt. Dem Dessin von Tapeten oder schablonierten Wänden steht man mit Recht mißtrauisch gegenüber, weil es sehr viel Takt erfordert, das Rechte zu finden, das diskret genug ist, als Hintergrund von Möbel und Bildern nicht unruhig und anspruchsvoll zu wirken und die Harmonie zu stören. Im allgemeinen gilt auch für die gemusterten Wandflächen die Regel, daß sie in Farbe und Zeichnung als bloße Fläche und Untergrund, der für sich allein keine Geltung beanspruchen darf, zu wirken hat. Daß man die hellen Farben vorzieht, ist in dem modernen hygienischen Bedürfnisse begründet, das nach Licht und Luft heischt, die in der Stadt kostbare Güter sind. Aus diesem Grunde hat man die Stoffgardinen durch Vorhänge aus leichtem dünnen Zeug ersetzt, indischer Seide oder Leinen mit Aufnäharbeit, daran sich der Kunstfleiß der Hausfrau zeigen mag. Für Aufnäharbeit geben die Leistungen moderner Künstler und Kunstschulen glänzende Vorbilder. Man wählt natürlich auch für diese leichten Vorhänge helle Farben, entweder weißes Leinen, oder, wenn es sich um durchsichtige Gaze oder indische Seide handelt, auch orange Farbe, die einen goldenen Schein ins Zimmer legt. Die Vorhänge hängen in geraden, schlichten Linien herab, sind seitlich zu ziehen und laufen in Ringen offen an einer Messingstange.

Decke mit Schnürlarbeit von Mizzi Ebers
(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Decke mit Schnürlarbeit von Paula Roth
(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Perlenstickerei auf Leinen von Minka Podhayska
(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Perlenstickerei auf Tüll mit Applikation von Minka Podhayska
(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Auch der Teppich ist auf diese anheimelnde einfach vornehme Gesamtwirkung gestimmt. Es ist aber durchaus nicht »stilwidrig«, in einem solchen Raum einen echten Perserteppich aufzubreiten. Überhaupt was ist Stil? Wenn irgend ein antikisierender in Holz geschnitzter Fries, bald auf Schränken und Betten aufgetragen und auseinandergezerrt und dann wieder auf Nachtkästchen schmal zusammengedrängt wird, so nennt man das im Möbelhändlerverstande »stilgerecht«. Wenn aber jemand in seiner Wohnung heterogene Dinge zusammenträgt, die ihrer Entstehung nach, räumlich und zeitlich, sehr getrennt sein mögen, aber durchaus echt sind, so ergibt sich vermöge dieser Echtheit eine gewisse Einheit und diese Einheit kann man füglich Stil, vielleicht den einzig wahren und naturgemäßen Stil nennen. Darum beleidigt es unser Empfinden nicht, wenn wir in der neuen Wohnungs-Ausstattung einen echten Perser und an den Wänden gar echte Gobelins vorfinden. Die orientalischen Teppiche haben schöne geometrische Muster und die liegen uns ästhetisch wahrhaft näher, als alle plumpen Pflanzenstilisierungen, die man in der wohlfeilen Teppichfabrikation antrifft. Überdies hat die Moderne auch passende Teppiche geschaffen, die in ruhigen Farben gehalten sind, eine strenge geometrische Zeichnung oder irgend eine phantasievolle Linienführung aufweisen und die Stimmung solcher Räume harmonisch abschließen, Teppiche von Kolo Moser, Josef Hoffmann, Josef Olbrich, Leopold Bauer, Peter Behrens, Max Benirschke u. v. a.

Decke mit Kreuzstich von Elisabeth Toffler
(Kunstschule für Frauen u. Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Decke mit Bändchenarbeit von Paula Roth
(Kunstschule für Frauen u. Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Vitrage mit Stilstich von Paula Roth
(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).

Die weiblichen Handarbeiten, die in diesem Zusammenhange erwähnt werden müssen, bedürfen gleichfalls einer künstlerischen Reform. Hier sollte eigentlich der Ausgangspunkt der häuslichen Kunstpflege sein. Leider hat auf diesem Gebiete die Schablone jede Regung von Selbständigkeit und Geschmack erstickt. Die Arbeit ist zu einer ermüdenden, tötlich langweiligen Übung, zum bloßen mechanischen Ausnähen von allerlei Lappen herabgesunken und rechtfertigt die Verachtung, mit der die radikal Gesinnten die geistlose Beschäftigung ablehnen. Trotzdem sind sie nicht zu entbehren. Sie werden wieder ein Segen sein, wenn die rein mechanische Handarbeit zur künstlerischen Arbeit geadelt ist, was der Fall sein wird, wenn die »handarbeitenden« Frauen die Muster, die sie ausführen, selbst entwerfen auf Grund klarer Kenntnis der Technik, des Materials und des Zweckes.

Leinentischläufer mit Knoten und Stilstich von Paula Roth
(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).