1. Jugend.

Zwischen dem Weimar des Jahres 1825 und dem deutsch-polnischen Städtchen Krotoschin von damals, welche ungeheure, geistige Entfernung! In der kleinen Provinzstadt spürten wohl nur wenige den Hauch des Geistes von Weimar; es war ein richtiges Philisternestchen, in dem am 23. November 1825 Henriette Benas als sechstes Kind eines jüdischen Kaufmanns geboren wurde. Das wohlhabende Haus, in dem sie aufwuchs, war durch die kühle Strenge der unmütterlichen zweiten Frau des Vaters der hellen Wärme einer echten Heimstätte beraubt worden. Es ist bezeichnend für die geistige Wertung des Fraueneinflusses in damaliger Zeit, daß der geistig hochstehende Vater, von dem die Tochter sagte, er hätte seinen Kindern „die Anregung für die Auffassung der Lebensverhältnisse über das ewig Gestrige hinaus gegeben“, die zweite Frau wählte, weil sie nicht lesen und schreiben konnte, seinen fünf mutterlosen Kindern also eine fürsorgliche Mutter sein würde, deren Geist nicht durch überflüssige Lektüre abgelenkt werden würde. Trotz ihrer Unbildung besaß die Frau aber eine gewisse Würde des Wesens, sie war sich ihrer Stellung als Hausfrau bewußt, und der Haushalt mit allen seinen Verzweigungen nahm, nicht immer zur Freude der Kinder, ihr ganzes Denken in Anspruch, und sie verlangte dies gleichfalls von den heranwachsenden Töchtern. Henriette schrieb später von dem Einfluß der Stiefmutter: „Leider war unsere Stiefmutter keine mütterliche Natur, und wie alle Vorurteile genährt und gestaltet werden durch die Gedankenlosigkeit der Menschen, so wurde auch dies schwierige Verhältnis der Stiefmutter durch liebevolle Verwandte und Freunde für uns Kinder unnötig bedrückend gemacht. Es entwickelten sich nach und nach alle die Unstimmigkeiten, die in solchem Verhältnis gang und gäbe sind. Ich kann nicht behaupten, daß ich im Verkehr mit meiner Stiefmutter mich als prädestiniert für eine Schülerin Fröbels betrachten kann, doch hatte das Mißverhältnis einen Kampf in mir erzeugt, der mein Wesen, vielleicht mein Leben hätte vernichten können.“

Von ihren Vorfahren wußte Henriette Goldschmidt-Benas nicht allzuviel; an ihre eigne Mutter erinnert sie sich nicht mehr, sie war etwas über fünf Jahre alt bei deren Tode. Den tiefsten Eindruck hat auf ihr Kindergemüt das Schicksal ihres Großvaters gemacht. Sie schrieb von ihm: „Vor meinem geistigen Auge steht mein Großvater so, wie er aus den Erzählungen seiner Frau und seiner Kinder hervortrat. Ich selbst lernte ihn infolge seines frühen Todes nicht kennen. Er war in Krotoschin geboren, wurde, wie es damals üblich war, mit achtzehn Jahren verheiratet und entschloß sich, seine Heimat, Frau und Kind zu verlassen, um sich eine umfassendere Bildung zu verschaffen; seine einzigen Vorkenntnisse waren die des hebräischen Schrifttums. Er wandte sich zuerst nach Berlin an Moses Mendelssohn, den bekannten Philosophen ..... Mein Großvater suchte ihn auf und erhielt durch seine gütige Vermittlung die Stelle eines Hauslehrers in Fridericia in Dänemark. Im Hause eines begüterten Glaubensgenossen, namens Rée, wurde er Lehrer des Hebräischen und blieb mehrere Jahre in dessen Hause. Er nahm teil an dem wissenschaftlichen Unterricht seiner Schüler und hatte somit Gelegenheit, sich ein gründliches Wissen anzueignen. Ja, bei einem Besuche des Königs von Dänemark in Fridericia erhielt er den Auftrag von der dortigen jüdischen Gemeinde, den König in französischer Sprache zu begrüßen. Daß es ihm schwer fiel, das Land und die Verhältnisse, die ihn zum Manne gereift hatten, zu verlassen, ist begreiflich, aber seine Frau war nicht zu bewegen, von Krotoschin fortzugehen, und so mußte er sich entschließen, in seine ihm fremd gewordene Heimat zurückzukehren.“

Dieser Großvater, der in seinen letzten Lebensjahren immer weiß gekleidet ging, stand seiner Frau wie ein höheres Wesen vor Augen, und die Ehrfurcht vor der Weisheit des Mannes ging auch auf die Enkelkinder über. Die Großmutter selbst mit ihrer liebevollen Güte lebte noch lebendig in der Erinnerung der Enkelin. Von den Kindern blieb nur der Vater Henriettes in Krotoschin. Henriette war Art von seiner Art, war es innerlich und wohl auch äußerlich, denn noch in späteren Lebensjahren erinnerten die Greisin selbst manche ihrer Bewegungen an den Vater. Dieser, ein sehr lebhafter, fortschrittlich gesinnter Mann, pflegte manchmal zu sagen, wenn seine Kinder allzu leidenschaftlich in politischen Fragen Partei nahmen: „Ich habe doch sonderbare Kinder!“

Daß er selbst in seiner Art Vorbild der Kinder war und erheblich in seinem Wesen von dem seiner Mitbürger abstach, kam ihm dabei kaum zum Bewußtsein. Seine Tochter schildert ihn im Anschluß an den aus Kaufleuten bestehenden jüdischen Teil der Bevölkerung Krotoschins:

„Meinem Vater sagte der Kleinkram des dortigen Geschäftslebens wenig zu, er konnte sich nicht beschränken, an den zwei Markttagen der Woche von den Bauern Getreide zu kaufen und an den Müller zu liefern, er trat in Beziehung zu Geschäftshäusern in Stettin, Berlin und Hamburg. So waren seine Unternehmungen als Kaufmann großzügiger Natur. Da seine Jugend in den Anfang des 19. Jahrhunderts fiel, erlebte er die Befreiungskriege mit, und sein Sinn blieb stets der Geschichte und den politischen Erscheinungen der Gegenwart zugewendet. So verfolgte er, der überaus beschäftigte Kaufmann, mit wärmster Anteilnahme und lebhaftestem Interesse die innere Bewegung der vierziger Jahre, die auf allen Gebieten des Geisteslebens die Gemüter ergriff.“

Neben dem Vater, der Stiefmutter und den Geschwistern (vier waren zwischen ihr und der zehn Jahre älteren Schwester noch im frühesten Kindesalter gestorben), mit denen die junge Henriette innige Liebe verband, waren es noch einzelne Gestalten, die schattenhaft in der Erinnerung der alten Frau auftauchten. Vor allem war es eine Tante Ninon, an die sie sich lebhaft erinnerte. Diese Tante Ninon hatte offenbar ein großes schauspielerisches Talent besessen, sie wußte ganze Rollen auswendig, mimte sie den Kindern vor und fesselte die kleine Schar auch immer wieder durch phantastische Erzählungen von einer Reise nach – Breslau. Dann lebte noch ein greiser Onkel in der Erinnerung der alten Frau fort, der noch mit etwa neunzig Jahren zu sagen pflegte, wenn jemand vom Tode sprach: „Zu was brauche ich mich zu sputen auf das, was mir so gewiß ist.“

Ganz frühe Kindheitserinnerungen knüpften sich noch an einen Brand, bei dem eine Anzahl Häuser vernichtet wurde, und der ihrem Vater, der sie selbst aus seinem gefährdeten Hause trug, beinahe Freude bereitete, da er in seinem Optimismus bereits an Stelle der engen, ungesunden, winkeligen Quartiere neue helle Heimstätten erstehen sah.

Sonst hatten sich ihr die frühen Kindheitserinnerungen durch ihr reiches späteres Erleben ziemlich verwischt; lebhaft gedachte sie noch eines Gartens, in dem die Kinder für wenige Pfennige so viel Beerenobst essen durften, wie sie wollten, und dabei manchmal des Guten etwas zuviel taten. Es ist bezeichnend für das Kindheitserinnern, daß diese beiden zeitlich auseinanderliegenden, ganz verschiedenen Tatsachen den stärksten Eindruck hinterlassen haben.

Die Schule vermittelte der jungen Henriette nur geringe Bildungswerte, sie war aber dennoch die Ursache, daß die Greisin, schon fast neunzig Jahre alt, einige kurze Aufzeichnungen machte. Zur Eröffnung der Hochschule für Frauen in Leipzig 1911 sandte nämlich der Direktor der Töchterschule in Krotoschin einen Glückwunsch, verbunden mit einer Einladung zum fünfundsiebzigjährigen Jubiläum der Schule, zu deren ersten Schülerinnen die junge Henriette gehört hatte. Sie schrieb davon später nieder:

„Dieser Rückblick auf die lange hinter mir liegende Vergangenheit brachte mir den Weg zum Bewußtsein, den ich zurückgelegt. Nur einem inneren Drange folgend, bin ich von der kleinen Stadt in der Provinz Posen in die deutsche Kulturwelt hineingewachsen. Ohne einen anderen Unterricht als den dürftigen einer Elementarschule und den Besuch eines Jahreskursus in einer, aus einer Klasse bestehenden Töchterschule, bin ich zur Gründung einer Hochschule für Frauen gelangt in einer der anerkanntesten Kulturstädte des Vaterlandes.

Mit vierzehn Jahren hatte ich meine Schulzeit beendet. Eine große Bereicherung hat sie mir nicht gebracht, dennoch ist sie natürlich nicht ohne Einfluß auf meine innere Entwicklung gewesen, brachte sie mich doch in Beziehung zu Mitschülerinnen aus einem anderen, als dem gewohnten Lebenskreise. Zum erstenmal trat ich Töchtern aus dem deutschen Beamten- und Offizierstand nahe, empfand zum ersten Male, daß diese sich in bevorzugter Stellung den jüdischen Mitschülerinnen, also auch mir gegenüber zu befinden glaubten, und es kam zu kleinen Zwistigkeiten zwischen uns. Einen Streit hatte ich mit einer adeligen Majorstochter, die das vertrauliche Du, das wir fast alle untereinander gebrauchten, auch bei mir anwendete, sich aber berechtigt fühlte, sich von mir den gleichen Gebrauch ihr gegenüber zu verbitten. Ich war darüber derartig entrüstet, daß ich den Eintritt des Lehrers überhörte, so daß er Zeuge des Streites wurde. Zur Ehre dieses Lehrers sei erwähnt, daß er sich meiner, der Herausgeforderten, annahm und das junge Fräulein von Soundso in seine Schranken zurückwies. So jung ich damals war, so hatte ich doch in einer Zeit und in Verhältnissen, in denen es als selbstverständlich galt, die Juden nach Belieben zu behandeln, so viel Persönlichkeitsgefühl, um gegen solche mich beleidigende Behandlungsweise gewappnet zu sein!“

Das starke Gerechtigkeitsgefühl, das leidenschaftliche Temperament rissen die junge Henriette auch manchmal zu unbedachten Äußerungen hin. An den Wortlaut des Streites mit einer Mitschülerin aus einer anderen Gesellschaftsschicht erinnerte sie sich nicht mehr genau. An eine Szene aber dachte die Greisin noch mit heiterem Lachen. Der Lehrer wandelte in der Klasse auf und ab, und stieß von Zeit zu Zeit tiefe Seufzer aus und jedesmal sagte er, vor Henriette Benas stehenbleibend, dumpf: „Wem gelten diese Seufzer? Dir, Benas, gelten sie!“ Die Szene machte einen tiefen Eindruck auf die junge Henriette, noch schluchzend trat sie mit der Freundin den Heimweg an und sagte zu dieser, auch einem Jettchen: „Du wirst sehen, daß ich nie mehr im Leben lachen werde.“ Sie hat dann freilich das gute herzbefreiende Lachen wieder gelernt, hat es bis in ihr Alter sich bewahrt und pflegte später lobend von einem Menschen zu sagen: „Er hat so ein gutes Lachen.“

Übrigens blieb sie mit dieser Freundin bis zu deren Tode in tiefster Zuneigung verbunden, und als sich die alten Damen, so um die Wende ihres achtzigsten Lebensjahres herum, endlich einmal wiedersahen, da standen die kleine Stadt, das ganze Leben von damals vor beiden auf, und herüber und hinüber tönte die Frage. „Jettchen, weißt du noch? – Jettchen denkst du noch an unseren sächsischen Klavierlehrer, der immer verlangte, ich sollte mit mehr „Gefiehl“ spielen.“ Jettchen hin, Jettchen her, es war die gute alte Biedermeierzeit, die vor beiden aufstand.

Der große Weise von Weimar lebte noch, als die junge Henriette zum ersten bewußten Leben erwachte, doch seine Sonne stand nicht über ihrer Jugend, ihr kam der Glanz von seinem frühe dahingegangenen Freund, von Schiller. Dieser verklärte ihr Leben, und der Glanz blieb hell, verblich nicht bis zu ihrer Todesstunde; Schiller war und blieb „ihr“ Dichter. Als sie mit 94 Jahren einen Unfall erlitt und sich in ihrer Wohnung eine schwere Kopfverletzung zuzog, die mehrfach genäht werden mußte, fürchtete der treue Arzt nach der Aufregung und dem großen Blutverlust Fieber. Ihre im Hause wohnende jüngere Freundin übernahm die Nachtwache, und als sie an das Bett der Kranken trat, sah diese mit großem tiefen, aus schönen Weiten kommenden Blick zu ihr auf und sagte: „Mein Kind, eben habe ich mir die Ideale von Schiller vorgesagt, wie schön sind sie doch!“

Die junge Henriette lernte ihren Schiller nicht durch Literaturunterricht kennen, sie las, sie erlebte ihn. Als Elfjährige fand sie den Weg zu ihm. Da die Mutter Lesen abends bei Licht für überflüssig hielt, saß sie im Mondenschein auf dem kleinen engen Haushof und las mit klopfendem Herzen, das Buch dicht vor die Augen haltend. Sie trank des Dichters Worte in sich hinein, und sie war Johanna, sie war Maria Stuart, sie lebte und litt mit den Gestalten seiner Werke und einmal ergriff sie sogar im Eifer eine Stange, die auf dem Hofe stand, und rief mit lauter Stimme über den Hof: Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften!

Ein so großes Verstehen der Werke unsrer schöpferischen Pädagogen sie später als Henriette Goldschmidt zeigte, und so viel sie in ihrer Arbeit der Jugend diente, auch einer unserer besten von den älteren Jugendschriftstellerinnen, Emma Wuttke-Biller freundschaftlich nahe trat, so hielt sie doch lange Schillers Werke für die geeignetsten Jugendschriften. Sie fand, die Jugend, die Schiller besaß, brauche keine anderen Bücher. Ihren drei Stiefsöhnen las sie in Krankheitstagen besonders gern Schiller vor, und der eine, damals zehnjährig, fragte sie einmal: „Mutter, warum ist es denn Unrecht, daß Don Carlos seine Mutter liebt, ich liebe dich doch auch!“ Die Begeisterung für Schiller fand auch bei den Geschwistern Widerhall, besonders wurde die fünf Jahre jüngere Schwester Ulrike bald die vertrauteste Freundin der jungen Henriette. Das hochbegabte Mädchen teilte ihre geistigen Interessen frühe, während die anderen Schwestern etwas außerhalb standen, die älteste hatte sehr frühe geheiratet, eine andere Schwester aber war schon als Kind schwer krank. Mit dem Bruder dagegen waren die Schwestern innig vertraut, dennoch fand er sich manchmal zurückgesetzt, und den Vorzug, der einzige Sohn im Hause zu sein, nicht recht gewürdigt. Er klagte dann wohl: „Ich bin doch euer einziger Bruder, den ihr habt.“

In dies herzliche Geschwisterleben fiel ein schwerer, dunkler Schatten, als die älteste Schwester, noch nicht dreißigjährig, während einer Typhusepidemie starb. In ihren Aufzeichnungen schreibt die Greisin darüber: „Meine Schwester hinterließ drei Kinder, deren jüngstes noch bei der Amme war. Wir Geschwister waren tief erschüttert, tiefer und nachhaltiger, als es sonst die Natur solch jungen Geschöpfen gestattet. Mir, der nunmehr ältesten Schwester, fiel die Sorge um die kleinen Nichten zu, während für den Haushalt des Schwagers eine ältere Verwandte eintrat. Es ist bei solch traurigem Familienereignis wohl die beste und einfachste Lösung, wenn die zweite Schwester den Schwager heiratet und die Mutter ersetzt. Mein Schwager war ein gebildeter Mann, er stand vor dem Abschluß seines Studiums, als er meine Schwester kennen lernte. Da entschloß er sich zu verzichten und trat in das Geschäft meines Vaters ein. Wir lebten in gutem geschwisterlichem Verhältnis miteinander und als er nach Ablauf des Trauerjahres mit meinem Vater über die Verbindung mit mir sprach, sagte dieser: „Sie können ja mit meiner Tochter über die Verbindung selbst reden, ich glaube, Sie verstehen sich gut miteinander.“

Und auch ich glaubte es, die ich nur von dem Wunsche beseelt war, die verwaisten Kinder vor dem Schicksal einer anderen Stiefmutter zu bewahren. Es dauerte ziemlich lange, ehe ich mir klar wurde, daß mein Gefühl für die Kinder sich nicht auf den Vater übertragen ließ. Und so kämpfte ich in jungen Jahren einen harten Kampf, dessen Bedeutung ich erst viel später erkannte. Es war ein Kampf des unbewußten Gefühlslebens, das sich zu behaupten suchte, trotz des eigenen Widerstandes. Dieser Abschnitt meines Lebens könnte in einer Biographie einen Raum einnehmen, der für die Kenntnisse des Seelenlebens wertvollen Stoff lieferte.“

Die bald sich zeigende Eifersucht des Schwagers, der die junge, ungewöhnlich reizvolle Schwägerin mißtrauisch überwachte, war der tiefste Grund dieser immer mehr wachsenden Abwehr. Die junge Henriette fühlte, von ihrem inneren Leben sollte Besitz ergriffen werden, und sie wehrte sich mit aller Kraft dagegen; sie spürte es, nur der Mann, der ihrer eigenen Natur gerecht wurde, der ihr den Eigenwert ihres inneren Menschen ließ, konnte der sein, dem sie sich einmal zu eigen gab. So hatte sie schon mehrfach Bewerber abgewiesen und so fand sie auch hier den Mut des Neinsagens in diesem schweren seelischen Konflikt. Sie selbst bekannte: „Ihn zu überstehen half mir die revolutionäre Bewegung der vierziger Jahre, das Jahr 1848.“

2. Die Bewegung der vierziger Jahre.

In vielen Dingen hatte der Kaufmann Benas in Krotoschin sehr moderne Anschauungen, so verlangte er, damals etwas ganz Ungewöhnliches, von seinen Töchtern, sie sollten jeden Tag spazieren gehen. Und da die Auswahl der Spaziergänge gerade nicht groß war, gingen die beiden Mädchen Henriette und Ulrike beinahe täglich die Landstraße entlang, die nach Zduny führte. Den Reiz der großen Weite, die dem freien Blicke keine Grenzen zu geben scheint, hatte man damals noch wenig erkannt, die beiden Schwestern fanden daher ihren täglichen Weg einförmig genug. Die junge Ulrike rief da manchmal verzagt: „Und von hier aus soll man eine Weltanschauung bekommen?“

Sie gab damit einer Sehnsucht Ausdruck, die über das allgemeine Mädchensehnen jener Tage weit hinausging. Aber in den Schwestern war damals doch schon eine Weltanschauung im Werden, sie bildete sich an der Bewegung der vierziger Jahre. In dem väterlichen Hause wurden viel politische Gespräche geführt, und Henriette schrieb davon später nieder: „Das Jahr 1848 fand uns nicht unvorbereitet für die Erkenntnis seiner Bedeutung. Bereits im Jahre 1847 hatte Friedrich Wilhelm IV. das Patent vom 3. Februar erlassen, durch welches die sonst einzeln tagenden Landtage als vereinigter Landtag nach Berlin berufen wurden. Einige Rechte wurden eingeräumt, die ihm einen parlamentarischen Charakter geben sollten. Die Veröffentlichung der Reden der Abgeordneten war von weittragenden Folgen. In Krotoschin, das keine Zeitung besaß, wurde die Breslauer Zeitung jeden Abend von der Post geholt und am anderen Morgen vom Vater am Familientische vorgelesen. Wir hörten mit die Reden der damaligen Abgeordneten Vincke, Beckerath, Hansemann u. a., und Begeisterung erfüllte uns für die Redner. Die Verhandlungen betrafen meist Fragen, die außerhalb der Sphäre unseres Verständnisses lagen – aber die Art der Behandlung erhob sie in das Gebiet des allgemein Menschlichen, das auch politischen Fragen nicht fehlt.

Das Hauptinteresse erregten natürlich die Verhandlungen über die Emanzipation der Juden. Das war eine Menschheitsfrage, die den Herzpunkt unseres Fühlens und Denkens bezeichnete. Diese Frage wurde von den freisinnigen Abgeordneten, losgelöst vom konfessionellen, nationalen Standpunkt, von dem ehemals noch ungekannten, neuesten Standpunkt, rein menschlich behandelt. Vincke, der damals das Wort prägte: Von einem christlichen Staat dürfte man nicht reden, das hieße ein Haus bauen wollen und die Steine dazu vom Mond holen. – Beckerath, der in schmerzlichem Mitgefühl die Ungerechtigkeit schilderte, die die Juden seit Jahrhunderten erlitten, – es waren unauslöschliche Eindrücke, die diese Redner uns gaben. Das war im Jahre 1847! In demselben Jahr lasen wir täglich einige Stunden „Die Weltgeschichte von Rotteck und Welcker“ ohne zu ahnen, wie bald die Stimmen der Geschichte, der Zeit, in der wir lebten, sich vernehmen lassen würden.“

In diese Zeit fiel eine Reise, die die junge Henriette als Begleiterin ihres Vaters unternahm, die erste Strecke wurde im eignen Wagen zurückgelegt, dann stiegen die Reisenden in die Postkutsche. Ein junger Mann stieg in Schmiedeberg in Schlesien zu ihnen, und während der Vater schlief, begann zwischen den beiden jungen Menschen ein seltsames Wechselgespräch. Sie redeten nicht von der Sommernacht draußen, nicht von dem, was sonst wohl junge Menschen zusammen plaudern, von dem Schreiben sprachen sie, das Georg Herwegh an den König Friedrich Wilhelm IV. gerichtet hatte nach dem Verbot seiner Schriften. Von dem, der die Gedichte eines Lebendigen geschrieben, sprachen sie beide, von ihm, der alle nach Freiheit sehnsüchtigen Herzen entflammt hatte. Draußen verging die Sommernacht, der Vater schlief ruhig weiter, aber den jungen Menschen schlugen die Herzen heiß. Der Mann kannte die Gedichte auswendig, und da erlebte die junge Henriette wieder einen Dichter ganz tief im Herzen, sie rief endlich aus: „Hätte ich doch die Gedichte!“ und ihr Reisegefährte, glücklich, ihr diesen Wunsch erfüllen zu können, legte ein schmales Bändchen in ihre Hand. Davon schrieb noch später die Greisin: „Ich darf wohl sagen der ‚Lebendige‘, dessen Wirkung auf seine Zeitgenossen eine wahrhaft lebenerweckende war, hat kaum eine so bewegt, als mein junges, nach Freiheit begehrendes Mädchenherz. Der Funken, der so schnell zündete, hat während meines langen Lebens seine leuchtende und wärmende Kraft bewahrt. Noch wenn ich nach Jahrzehnten mit meinem Manne durch Thüringens Wälder zog, marschierten wir nach dem Rhythmus des Herweghschen Liedes:

„Eure Tannen, eure Eichen

Habt die grünen Fragezeichen

Deutscher Freiheit ihr gewahrt?

Nein, sie soll nicht untergehen!

Doch ihr fröhlich Auferstehen

kostet eine Höllenfahrt!“

Ja, noch viel später, als sie die 90 schon überschritten hatte, konnte die Greisin wohl eins der Herweghschen Gedichte mit starker, ganz junger Stimme sagen, und in den Augen lag der Glanz jenes Erlebnisses.

Und der junge Reisegefährte?

In den Erinnerungen heißt es von ihm: „Mein Reisegefährte war Julius Behrens, evangelischer Theologe, der aber damals schon entschlossen war, die Theologie mit der Politik zu vertauschen. Er war es, der später als der „rote Behrens“ bekannt wurde und in der ersten Kammer, nach der Revolution, den Antrag auf Anerkennung der Revolution von seiten der preußischen Regierung gestellt hatte. Ich habe ihn in den fünfziger Jahren in Berlin nochmals wiedergesehen, aber die Reaktion war damals schon in vollem Gange, so daß er in sehr gedrückter Stimmung war und den Entschluß gefaßt hatte, nach Australien zu gehen, den er später auch ausgeführt hat. Mein Onkel, bei dem ich in Berlin wohnte, war einigermaßen entsetzt über meine Bekanntschaft mit dem „roten Behrens“, die allerdings eine Aufregung nach sich zog. Man hatte nämlich bei ihm, dem politisch Geächteten, eine Haussuchung abgehalten und dabei einen Brief von mir gefunden, der sich auf eine Erkundigung eines Berichterstatters über die Verhältnisse der Provinz Posen für die Nationalzeitung bezog. So kam auch ich ganz unverdienter Weise zu der Ehre einer Haussuchung, der man in damaliger Zeit sehr leicht teilhaft werden konnte.“

Mit den „Gedichten eines Lebendigen“ als Reiseergebnis kehrte die junge Henriette nach Krotoschin zurück. In dem kleinen Nest waren es mehr oder weniger Seifenblasen, die die Revolution erzeugte. Nur die Juden dort wurden durch die polnische Frage ganz besonders erregt. „Mein Vater,“ schrieb Henriette Goldschmidt, „empfand den Segen der Kultur, den die preußische Regierung der Provinz Posen gebracht. Als der Aufstand 1848 ausbrach, fühlte er sich als preußischer Bürger, ja – wir müssen im Geist jener Zeit sagen, als preußischer Untertan.“ Daß dies nicht buchstäblich zu nehmen ist, sehen wir daraus, daß er sich einen Majestätsbeleidigungsprozeß zuzog.

Der Anlaß war eine Volksversammlung, bei der er das Wort ergriff, um einen Protest zu veranlassen gegen das Reaktionsministerium, das Friedrich Wilhelm IV. an Stelle des März-Ministeriums berufen wollte. Er tat es leidenschaftlich und heftig, denn das Wort sorgsam und vorsichtig abwägen, war seine Sache nicht.“ Der Prozeß verlief ergebnislos im Sande, übrigens nahm ihn der Vater Benas sehr gelassen hin. Es gab damals Petitionen über Petitionen, jeder Stand petitionierte, und die beiden politisch so stark erregten Schwestern wollten auch eine Petition erlassen, im gleichen Sinne wie der Vater gesprochen hatte. Sie schrieben sie nieder, da aber damals die Frauen keinerlei öffentliche Rechte hatten, mußten sie schon die Unterschriften von Männern dazu haben. Henriette Goldschmidt erzählt: „Da wir in einer Stube im Parterre unseres Hauses wohnten, riefen wir vom Fenster aus alle vorübergehenden Männer herein und baten sie, die Petition zu unterschreiben. Wir bekamen eine stattliche Anzahl Unterschriften und sandten die Petition auch nach Berlin. Da unsere Stube durch die vielen Männerstiefel recht unsauber geworden war, baten wir die Mutter, sie scheuern zu lassen, denn wir hatten viele dienstbare Geister im Hause. Sie aber sagte: Ihr könnt sie selbst scheuern, ich habe für solche Sachen keine Bedienung.“ Den Schwestern erschien es nicht allzu schwer, dies Opfer für ihre politische Meinung zu bringen. „Wir schürzten unsere Röcke und scheuerten darauf los. Die Glieder taten weh ob der ungewohnten Arbeit, aber wir lachten und sagten: Wenn man eine Nacht durchtanzt, hat man auch Gliederschmerzen.“

Die jungen Revolutionärinnen haben dann noch einmal herzhaft gelacht in dem tollen Jahr, sie übten eine Schelmerei aus, freilich dazu nur von ihrem Gerechtigkeitsgefühl getrieben; auch davon erzählte die Greisin, immer noch ein wenig mit dem Lachen und dem Glanz in den Augen der für Recht und Freiheit begeisterten Jugend: „Es gab in der Provinz Posen Aufstand und auch in Krotoschin rückte Militär ein. So kam es, daß preußische Offiziere auch in jüdische Familien einquartiert wurden und sich ein gemütlicher Verkehr zwischen den Offizieren und ihren Quartiergebern bildete. Die deutsche Beamtenwelt Krotoschins hatte eine gesellige Vereinigung, Ressource genannt, gegründet und diese veranstaltete einen Ballabend zu Ehren der preußischen Offiziere. Diese sprachen recht angeregt bei ihren Wirten von dem bevorstehenden Vergnügen in der angenehmen Erwartung, mit den jungen Töchtern des Hauses tanzen zu dürfen. Das war eine große Verlegenheit für die guten Kinder, denn sie schämten sich zu gestehen, daß sie keinen Zutritt zu diesem Balle hatten. Wir hörten von andrer Seite, der Vorstand der Ressource hätte in einer Sitzung die Frage aufgeworfen, ob Juden in die Gesellschaft aufgenommen werden sollten. Das Jahr 1848 klopfte mit dieser Frage an die Tore einer neuen Zeit, denn bis dahin dachte niemand an die Möglichkeit, daß Juden zu den Beamten- und Offizierskreisen Zutritt bekämen. Wir hörten nun, daß der Vorsitzende der Gesellschaft sich entschieden gegen die Aufnahme der Juden ausgesprochen hätte. Obgleich die Sache mich persönlich gar nicht berührte, da unser Haus keine Offiziere beherbergte, kränkte meine junge Schwester und mich das Vorkommnis tief und wir beschlossen, dem besagten Herrn Vorsitzenden einen Schabernack zu spielen. Eine große Schlafmütze wurde aus Papier gefertigt, ein dicker Zopf von Stroh geflochten, beides in eine Kiste gelegt und obenauf ein Schreiben: ‚Die Schlafmütze und den Zopf, die Deutschland abgeworfen, senden wir Ihnen zum morgenden Ballabend. Die Gesellschaft ist vorbereitet, Sie in diesem Schmucke zu begrüßen!‘

Die Urheber wurden entdeckt, und der betreffende Herr wandte sich an meinen Vater, der dadurch die Geschichte erfuhr. Dieser nahm die Sache nicht sonderlich schwer, ja im Grunde leitete ihn wohl bei seiner Beurteilung das gleiche Gefühl wie seine Töchter, ähnliche Empörung für eine offenbare Ungerechtigkeit. Und in dem Brausen und Fluten der Zeit, die damals über Deutschland dahinzog, wurde leicht ein törichter Mädchenstreich vergessen.“

Von dem gewaltigen, ihr innerstes Wesen aufwühlenden Eindruck, den diese Zeit aber auf Henriettes ganzes Leben und das Gleichgesinnter gemacht, heißt es in ihren Erinnerungen: „Wie mächtig das Jahr 1848 die Zeitgenossen erregte, zeigt die Nachwirkung, die es ausübte. Kein späteres Ereignis, selbst nicht der Krieg von 1870/71 hat eine gleiche Erschütterung hervorgerufen. Meine beiden Kolleginnen Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, namentlich die erstere, waren gleich mir der Überzeugung, daß die Frauenbewegung der politischen Bewegung jener Zeit ihre Entstehung verdankt.“

Die Bewegung ebbte ab, die Reaktion der fünfziger Jahre trat ein. Fast gleichzeitig verlor Henriette Benas die Heimat. 1850 siedelte die Familie, gar nicht zur Freude der Kinder, nach Posen über. Sie fühlten sich dort fremd und entwurzelt, und die Schwestern blieben auch fremd in der so viel größeren Stadt. Nur einen kleinen Nachklang des Jahres 1848 gab es noch, die erstmalige Teilnahme an einer sozialen Arbeit. „In Posen habe ich mich“, erzählt Henriette Goldschmidt, „zum erstenmal an freiwilliger sozialer Hilfsarbeit beteiligt. Ein alter Herr hatte die Idee, einen Verein zu gründen für ‚Frauen und Jungfrauen‘, die sich armer Kinder nach den Schulstunden annehmen sollten, ihre Schularbeiten beaufsichtigen, ihnen Handarbeitsunterricht erteilen, ihnen überhaupt Schutz und Pflege angedeihen lassen.“ Die junge Henriette interessierte sich lebhaft für diese Gründung, nicht ahnend, daß sie damit etwas tat, das mit ihrer späteren Lebensarbeit in tiefstem innerem Einklang stand. „Zuerst sollten eine Anzahl junger Damen Mitglieder für diesen Verein werben“, schreibt sie. „Ich unterzog mich in Begleitung eines anderen jungen Mädchens dieser Mission. Wir trugen damals Schuhe, die mit Bändern zusammengebunden waren, die sich leicht lösten. So mußte bald meine Begleiterin stehenbleiben, um wieder zu binden, bald mußte sie warten, weil ich dasselbe vorzunehmen hatte. Ob dieses öfteren Stehenbleibens wurde ich ungeduldig und sagte: Warum können wir nicht, wie die Männer mit Gummieinsatz die Schuhe festhalten?

Da sah mich meine Begleiterin verwundert an und sagte: ‚Was Sie für Ideen haben, Sie werden wohl noch einmal eine Revolution machen!‘ Ich erwiderte lachend, daß diese ja schon gewesen sei.“ Doch hat sie später bei dem Kampf um das Recht der Frau oft an das prophetische Wort denken müssen!

Aber ehe Henriette Benas diesen Kampf begann, ehe die in den vierziger Jahren gesäte Saat reifen konnte, trat erst noch eine große Veränderung in ihrem Leben ein, sie wurde Frau, folgte einem Gatten in die wirkliche Fremde, sie, die Freiheitssehnsüchtige, kam in Europas unfreiestes Land, nach Rußland, und mit dem Gatten zugleich waren es drei mutterlose Kinder, die ihre Sorge und Liebe verlangten, die sie treu an ihr Herz nahm.

3. Die ersten Ehejahre in Warschau.

Henriette Benas heiratete im Jahre 1853 einen Verwandten, den Prediger an der deutsch-jüdischen Gemeinde in Warschau, Dr. Abraham Goldschmidt. Diesmal brauchte es keiner schweren Überlegung, sie fühlte rasch heraus, dieser Mann war ihr geistesverwandt, und in einer langen, beide Gatten beglückenden Ehe hat sie niemals den Schritt bereut, der sie, wie sie es später oft nannte, nach Halbasien führte.

Der Mann ihrer Wahl, ein Neffe ihres Vaters, stammte aus einer kinderreichen, in bescheidenen Verhältnissen lebenden Familie. Auch seine Studien erstreckten sich zuerst wie die des Großvaters auf das Hebräische, doch auch wie dieser strebte er weiter und suchte sich deutsche Geistesbildung anzueignen. Er ging nach Breslau, um dort zu studieren. Er ging im wahrsten Sinne des Wortes, denn seine beschränkten Mittel reichten nicht zu einer Postfahrt aus. Kümmerlich genug mußte er sich durchschlagen, es gelang ihm aber doch, das Gymnasium zu besuchen, sich weiterzubilden, und nach einigen Jahren erhielt er eine Anstellung an der jüdischen Elementarschule in Krotoschin. Damals wurde kurze Zeit die junge Henriette seine Schülerin, und von diesem Lehrer hörte sie auch die erste Predigt in deutscher Sprache. Es war bei einem Besuche, den er seiner Mutter in Krotoschin machte, als man ihn aufforderte, in einem sehr dürftigen Betsaal eine deutsche Predigt zu halten. Zu dieser nahm der Vater Benas seine kleine Tochter mit, er stellte diese auf seinen Sitzplatz, damit sie in dem überfüllten Saal geschützt blieb. Die Erinnerung an dies Ereignis hielt sie fest, und als nach Jahren der Vetter, ein gereifter Mann, vor sie trat – er hatte in Breslau weiterstudiert, war jetzt Prediger in Warschau, hatte geheiratet und seine Frau verloren – gab sie ihm nach kurzem Sichkennenlernen das Jawort; es schreckte sie nicht, daß sie gleich die schwere und verantwortungsvolle Pflicht auf sich nahm, drei Knaben zu erziehen, von denen der älteste zehn Jahre alt war[1].

Dr. Goldschmidt war ein freigeistiger Mann, dem jede Orthodoxie fernlag, zu ihm konnte seine Frau auch das Wort sagen: „Meine Erzväter sind Schiller, Lessing und Goethe.“

Henriette Goldschmidt hat sich dabei immer zum Judentum bekannt, zu der monotheistischen Weltanschauung. Sie sagte davon: „Wenn auch der Kultus im Lauf der Jahrhunderte verschiedene Formen angenommen hat, so ist doch der innerste Gedanke in der Gesamtheit derselbe geblieben. Das Grundprinzip, der Einheitsgedanke, der Monotheismus bleibt unangetastet. Diese Bemerkung erklärt auch meinen eigenen Standpunkt. Ganz und gar erfüllt von dem, was der deutsche Geist gezeitigt hat, und begeistert von den Idealen, die der deutsche Genius zu gestalten strebt, ist mir die Tradition meiner Väter heilig geblieben. Die Einheitsidee alles Seins ist als religiöse Idee Monotheismus.“

In dieser Grundanschauung fanden sich die Gatten, und Henriette Goldschmidt-Benas hat daran festgehalten. Auch hier zeigte sich die gerade Linie, die durch ihr ganzes Leben geht, dieses unverrückbare Sich-selbst-treubleiben. Bei dieser Denkungsart mußte es später die Greisin, die von jeher allen Auswüchsen des Judentums ganz fern stand, tief schmerzen, als sie den wachsenden Antisemitismus der Kriegsjahre noch erlebte, wie sie ihn schon in den siebziger Jahren erlebt hatte. Ihr reiner, hoher, nur dem Geistigen zugewandter Sinn konnte diese Bewegung einfach nicht verstehen. Zu einer jüngeren Freundin sagte sie einmal, es war kurz vor ihrem Tode bei einer Auseinandersetzung über die Gründe, die zum Antisemitismus führen können, ganz still und feierlich wie ein Gebet das Goethesche Wort:

Gottes ist der Orient!

Gottes ist der Okzident!

Nord- und südliches Gelände

ruht im Frieden seiner Hände.

Nur an eines Mannes Seite, der so vollkommen die gleiche Einstellung zur Welt hatte, konnte Henriette Benas das Leben in Warschau ertragen. Sie schrieb: „An unserem Verlobungstage sagte mein Bräutigam zu mir, wenn ich nicht die Hoffnung hegte, nach Deutschland zurückzukehren, würde ich nicht dein Schicksal an das meine gekettet haben! Die Bedeutung dieses Ausspruches habe ich erst während meines Aufenthaltes in Warschau erkannt!“

Es war noch das Rußland unter dem Zaren Nikolaus I., von dem man in Deutschland sang:

Gott schütz’ uns vor dem Frankenkind

Und vor dem Zaren, deinem Schwager.

Zaristische Tyrannei und in dies Land ein junges Weib, in dessen Herzen die Lieder der vierziger Jahre bluteten. Sie sang wohl mit heller Stimme in ihrer Stube Herweghsche Lieder, innerlich noch ganz in dieser großen Bewegung lebend.

Als sie mit ihrem Gatten die russische Grenze passierte und beide sahen, wie ein Beamter einfach ganze Seiten eines Buches schwarz überstempelte, sagte der Mann leise zu seiner jungen Frau: „Wenn die wüßten, welche Bibliothek ich in dir über die Grenze bringe!“ Sie berichtet über ihren ersten Eindruck in Warschau: „Ich kam aus der Hauptstadt der polnischen Provinz Posen, die Preußen einverleibt war; so ganz fremdartig hätten mich die Verhältnisse nicht berühren sollen, und doch war mir alles so fremd und unheimlich. Zunächst in Rücksicht auf die jüdische Bevölkerung, die unter einem besonderen Drucke lebte. Die preußische Regierung war bestrebt, die Kultivierung des Landes und aller seiner Bewohner im Sinne des fortgeschrittenen Geistes seines Staats- und Volkslebens zu beeinflussen. So war es mir in dem großen glänzenden Warschau, als wäre ich in einem Traumlande; ich fühlte mich um Hunderte von Jahren in einen gewesenen Zustand versetzt. Unheimlich war es mir bei jeder Berührung mit den äußeren Verhältnissen zumute, und am liebsten würde ich mit Mann und Kindern zurückgewandert sein und wäre es auch nach Krotoschin gewesen.“

Aber Mann und Kinder bildeten bald das unlösbare Band, das die junge Frau in der Fremde hielt. Die drei Kinder, drei begabte gutartige Knaben, schlossen sich bald mit großer Liebe an die lebhafte geistvolle zweite Mutter an. Eine kleine Geschichte zeigt, wie innig dieses Verhältnis war; der jüngste Sohn Benno, den die Neunzigjährige noch „mein Bennochen“ nannte, trug noch Kleidchen, als ihm Henriette Goldschmidt Mutter wurde. Bald darauf aber sollte er in Höslein gehen, die älteren Brüder spöttelten schon über das „Mädchen“, da sagte die junge Stiefmutter einmal: „Ach, es gefällt mir gar nicht, daß du nun auch schon ein großer Junge in Hosen sein wirst“, und der Kleine antwortete treuherzig: „Wenn’s dir lieber ist, Mamachen, kann ich ja noch ein Mädchen bleiben.“

Diesen starken inneren Anhalt an Mann und Söhne brauchte die junge Frau aber auch. Im Hause saß ihr der Unfriede. Die Mutter der verstorbenen, liebenswürdigen und begabten Frau tat der zweiten Gattin, wie es in alten Volkserzählungen heißt, wirklich alles gebrannte Herzeleid an. Sie erschwerte ihr das Leben in dem düsteren Hause der engen Gasse, und draußen lauerte das Grauen; denn die Aussicht, die Henriette Goldschmidt hatte, wenn sie einmal an das Fenster trat, war das Gefängnis. Die Prügelstrafe war damals ein Hauptbesserungsmittel des zaristischen Rußland, und das Schreien der armen Opfer gellte in die düstere Wohnung hinein.

Glücklicherweise gab es ein schönes geistiges Miteinander der Gatten; in Dr. Goldschmidts Bücherei standen die deutschen Klassiker, stand manch verbotenes Buch der vierziger Jahre. Gleichgesinnte Freunde fanden sich und an manchem Abend ertönten hinter fest verschlossenen Fenstern die deutschen Freiheitslieder. Da wurden mit verteilten Rollen Schillers Werke gelesen und alles in allem, trotz den schweren äußeren Verhältnissen, brachte das Leben in Warschau Henriette Goldschmidt doch auch wieder innere Bereicherung. Eine harte Schule hat sie es selbst genannt. „Einen Höllentraum konnte man mein Leben in Warschau nennen und wiederum ein harmonisch schönes Leben. Daß aber diese Mischung den Wunsch in mir rege erhielt, den Boden zu verlassen, auf dem ich niemals heimisch werden konnte, war natürlich.“

Noch die Greisin hegte eine Abneigung gegen Warschau, und als einmal jemand die Schönheit der Stadt rühmte, sagte sie mit leisem Lächeln: „Sie haben aber nicht unter Nikolaus I. gegenüber dem Gefängnis gewohnt.“ Dieser Eindruck blieb ihr unauslöschlich, und immer sagte sie, längst vor dem grauenvollen Schicksal Rußlands: Man müßte dies Land zerschlagen, ein solches Riesenland unter einem Herrscher ist eine Unnatur. Sie müßten dort jedesmal ein Genie, einen Titanen als Herrscher haben, wenn es einigermaßen erträglich sein sollte. Und sie führte oft das bittere Wort ihres Mannes an: „Es ist furchtbar, in einem Lande zu leben, in dem man sein Recht nur durch das Unrecht der Bestechung erlangen kann!“

Nach reichlich fünfjährigem Aufenthalte schlug der Familie die Stunde der Erlösung. In den Erinnerungen heißt es: „Und wie ein Wunder erschien es mir, als nach fünf Jahren meines Aufenthaltes in Warschau mein Schicksal die Wendung nahm, nach der auch mein Mann sich sehnte. Es war das bedeutendste, folgenreichste Ereignis meines Lebens, als er den Entschluß faßte, die Stellung eines Predigers bei der israelitischen Gemeinde in Leipzig zu übernehmen. Als wir die Grenze überschritten hatten, das unter dem zaristischen Drucke seufzende Land hinter uns liegen sahen, war es mir, als hörte ich das erste Bundeswort am Sinai: ‚Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich geführt hat aus Ägypten, dem Lande der Knechtschaft, in ein freies Land!‘“

4. Die ersten Jahre in Leipzig.

Es ist Henriette Goldschmidt immer bedeutungsvoll erschienen, daß sie gerade im Schillerjahr 1859 nach Deutschland zurückkehren konnte. Freilich in einem wirklich freien Lande lag Leipzig, in das die Familie gerade im Trubel der weltberühmten Messe einzog, auch nicht. Aber befreit fühlten sich die Gatten mit ihren drei Söhnen doch, es war das ein andres Atmen; Henriette Goldschmidt schrieb darüber: „Zwar ein Land der Freiheit konnte man Deutschland am wenigsten in den fünfziger Jahren nennen, denn dem Jahre 48 folgte die Zeit der Reaktion auf dem Fuße. Jede freie Regung wurde unterdrückt, die besten Männer wurden als Verbrecher ins Gefängnis gesetzt oder sie entzogen sich dem durch die Flucht ins Ausland. Doch nicht schlaff und feige ließ man die Machthaber gewähren; der Kampfplatz, den das Jahr 1848 geschaffen hatte, blieb nicht ohne Kämpfer. Nur die Waffe wurde gewechselt, mit der Waffe, die das Volk von ‚Gottes Gnaden‘ erhalten, mit den Worten seiner Denker und Propheten führte es den Kampf.“

1859 rüstete sich ganz Deutschland, Großstädte und Kleinstädte, ja selbst einsame Landgemeinden zur Jubelfeier von Schillers hundertstem Geburtstag. Und wenn es auch da und dort etwas wie in Raabes Dräumling damit aussah, echte, aus dem Herzen quellende Begeisterung war es doch überall. Henriette Goldschmidt hat den Jubel des Jahres tief innerlich empfunden; sie konnte wohl später mit heiterem Lachen von dem Jüngling erzählen, der bei einer Feier pathetisch ausgerufen hatte: „Wir winden ihm einen Lorbeerkranz aus Veilchen und Rosen,“ und von dichterischen Entgleisungen wie dem Vers:

„Schillers Glocke, Schillers Locke,

Schillers Faust und Schillers Tell“ –

Aber doch war ihr Herz, ihr ganzes Sein erfüllt von dem Erleben dieses Jahres, sie tauchte hinein wie in eine Kraftquelle nach der trüben äußeren Gebundenheit ihrer Warschauer Tage. „Wer damals jung und doch alt genug war“, schreibt sie, „um die Zeichen der Zeit zu verstehen, der mußte am 10. November 1859 den Nachklang des 18. März vernehmen. Es war der deutsche Volksgeist, dem eine Begeisterung für Völkerfreiheit, Menschenliebe, für alles Ideale entströmte, die jeder Beschreibung spottet.

Dem Dichter des hohen Liedes ‚An die Freude‘ galt das Fest – ihm, der selbst freudetrunken in dem Glauben an die Verwirklichung seiner Ideale uns alle mit diesem Zaubertranke berauschte. Es war ein Rausch in dem Sinne, daß er zeigte, was der Trunkene fühlt und denkt. Viele der Männer, die 49 im ersten deutschen Parlament gesessen, waren Festredner bei den öffentlichen Versammlungen. Jakob Grimm und neben ihm die ‚wahrhaft Edlen‘ der Nation gaben Zeugnis von dem Zusammenhang des Volksgeistes mit seinem dichterischen Genius. Man hörte weniger Literarisches, man fühlte nur den Verkünder, den Propheten, den Erlöser, der dem von der Reaktion zurückgedrängten Streben nach Freiheit Worte verliehen hatte.

Als ich in mitternächtiger Stunde des 9. November auf dem Marktplatz in Leipzig mit nur wenigen Bekannten stand und die Hülle von dem hochaufgerichteten Standbild Schillers fiel, da war es mir, als hörte ich die Worte des jetzt längst vergessenen Dichters Karl Beck:

‚Lächle nur, du Mann im Leichenhemde –

Die Freiheit naht – des Frühlings Herrlichkeit –

sie ist dein Zaubermädchen aus der Fremde‘.“

Mit Mann und Söhnen ging Henriette Goldschmidt auf die Leipzig umgebenden Dörfer, die Feiern des Volkes zu sehen; sie erlebte Großes, Erhebendes, sah heiter über unfreiwillige Entgleisungen hinweg, und als Rest blieb ihr doch das große tiefe Erleben. –

Sie feierte Schillers Geburtstag noch bis in ihre hohen Altersjahre hinein, ihr war der 10. November immer ein Abglanz von 1859, sie erlebte aber noch wehmütig ein Abebben der großen Begeisterung. Als ihr an einer dieser Feiern der Urenkel Schillers vorgestellt wurde, kam die Greisin ganz erschüttert von der großen Ähnlichkeit dieses Nachkommen mit „ihrem Schiller“ heim. Auch die Freude erlebte sie, daß die deutschen Frauen sich zusammentaten und zum 100. Todestage Schillers für die Schillerstiftung in Weimar sammelten und dieser über eine viertel Million zuführten. Sie war 1905 mit in Weimar als Ehrenvorsitzende des Schillerverbandes deutscher Frauen und saß bei Tisch neben dem – russischen Gesandten. Und wie Henriette Goldschmidt immer die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen zu suchen pflegte, so erfaßte sie auch gleichsam die Schillerfeier von 1859 symbolisch, sie gibt ihren Eindruck in Beziehung zu ihrem Leben in den Worten Ausdruck: „Die Hundertjahrfeier von Schillers Geburtstag war für mich keine Episode, sie war ein Erlebnis. Zum ersten Male war ich als Bürgerin in einer wirklich deutschen Stadt. Ich hatte den Boden gefunden, der mir geliebter Nährboden gewesen war von Kindesbeinen an, ich fühlte den Pulsschlag des Geistes, der mich beseelte.“

Der hohe Aufschwung des Jahres, das sie nach Deutschland zurückgeführt hatte, hallte in Frau Henriette nach, und sie lebte sich rasch in die neuen Verhältnisse ein. Leipzig wurde ihr wirklich Heimat, sie wurde die Stadt ihres Wirkens, die sie nur noch für kurze Reisewochen verlassen hat. Zwischen dem Leipzig von damals und der etwa zehnmal größeren Stadt von heute war freilich ein gewaltiger Unterschied; die Greisin aber meinte oft, es wäre nur ein äußerlicher, ein auf Umfang und Zahl der Bewohner sich beziehender Unterschied. Von dem Leipzig ihrer ersten Wohnjahre schreibt sie dankbar: „Leipzig war im Jahre 1859 noch eine recht kleine Großstadt, aber sie gehörte zu den bekanntesten Städten des In- und Auslandes. Es war eine Stimmung in ihr für die Lösung politischer, sozialer und kultureller Fragen. So kamen wir bald über den Kreis unserer damals kleinen Gemeinde hinaus in Beziehung zu anderen Kreisen. Ich fand das Wort: ‚Mein Leipzig lob’ ich mir, es bildet seine Leute‘ bestätigt. Während der ersten Tage unseres Aufenthaltes, in denen die Wohnungsnot so groß war, daß wir einige Zimmer, die für Meßfremde bestimmt waren, bewohnen mußten, verlangte die Aufwartefrau eines Tages eine Bürste von mir und anderes Gerät. Ich war betrübt, daß ich ihr damit noch nicht dienen konnte und sie sagte, meine Situation begreifend, mir Trost zusprechend: ‚Es wird Sie schon in unserem Leipzig gefallen, Leipzig ist die Stadt der Humanität.‘

Ich lief zu meinem Manne und fragte ihn: ‚Wovon wirst du sprechen, wenn die Scheuerfrau in Leipzig von Humanität spricht?‘ Ein zweites Wort, das eines Dienstmannes, sei noch erwähnt. Ich übergab ihm eine Anzahl von Dichter- und Denkerbüsten zur Ausschmückung eines Saales mit der Mahnung, recht vorsichtig zu sein; da sagte der Mann einigermaßen verletzt zu mir: ‚Ich werde schon vorsichtig sein, denn das sind jetzt unsere Heiligen.‘“

Ja selbst die größere Enge der Stadt war nach Warschau Henriette Goldschmidt sympathisch. Mann und Söhne – eigene Kinder blieben ihr versagt – teilten ihre Gefühle, auch sie lernten die Stadt bald als Heimat lieben.

Die ersten Jahre in Leipzig waren Lehrjahre für Henriette Goldschmidt; losgelöst von den östlichen Verhältnissen, begann sie nun in Mitteldeutschland Wurzel zu fassen und lernte vieles von einem anderen Gesichtswinkel aus anschauen. Manches, was ihr in Warschau nur eine Unfreude gewesen war, lernte sie jetzt als Genuß kennen, so Theater- und Konzertbesuche. Sie ist dann in der intensiven Arbeit ihrer späteren Jahre oft um diesen Genuß gekommen, brachte ihn ihrem Schaffen als Opfer dar; aber besonders der Besuch einer Gewandhausprobe blieb ihr noch bis in die letzten Lebensjahre, auch als sie schon die Neunzig überschritten hatte, eine tiefe Erbauung.

„Still bewegt“ nannte Henriette Goldschmidt später die Jahre des Einlebens. Es fand sich bald ein Kreis im demokratischen Geiste gleichgestimmter Menschen zusammen, dazu gehörten Professor Heinrich Wuttke und seine geistvolle Frau Emma, geb. Biller, auch Professor Roßmäßler; die Söhne brachten ihre jungen Freunde mit. Von auswärts kamen Gäste, deren Namen Klang und Ruf hatten. Adolf Stahr und Fanny Lewald kamen, Gutzkow war einmal ein etwas schweigsamer Gast, und mit Berthold Auerbach schloß das Ehepaar Freundschaft, sie verlebten gemeinsam ein paar schöne Sommermonate in Bad Kösen. Die Tischrunde bei Goldschmidts erfreute sich allgemeiner Beliebtheit unter den Freunden des Hauses, es ging damals und später immer noch einfach dabei her. Zu Festlichkeiten buk Frau Henriette wohl selbst einen Kuchen, und noch als Greisin erzählte sie von einer sogenannten Linzer Torte, die ihr immer besonders gut geraten sei. Sie war in diesen ersten Jahren in Leipzig nur Hausfrau und Mutter, war aber in allem auch die verständnisvolle Kameradin ihres Mannes und war wie einst seine Schülerin, so nannte sie sich selbst.

Wie sehr die Gatten aneinander Anteil nahmen, beweist eine kurze Notiz in den hinterlassenen Bruchstücken der Aufzeichnungen: Da heißt es aus den siebziger Jahren: „Mein Mann hatte die Einladung zur Einweihung des Lessing-Denkmals in Kamenz erhalten und folgte ihr mit Freuden. Professor Wuttke hatte die Festrede übernommen und forderte meinen Mann auf, auch das Wort zu ergreifen. Obgleich unvorbereitet, sprach er, erfüllt von Verehrung und Dankbarkeit für den Dichter, der unser war von Kindheit an, in so begeisternder Weise, daß die ganze große Versammlung ihm zujauchzte. Diesen Moment nicht mit erlebt zu haben, ist mir lange Zeit schmerzlich gewesen.“ Doch Henriette Goldschmidt war kein Mensch, der sich mit dem Nurlernen begnügte, sie war im tiefsten Grund eine schöpferische Natur, war auf das Tun gestellt. Sie war auch zu sehr Eigenmensch, um nur in der Familie aufzugehen. Obwohl sie immer einen starken Familiensinn besessen hat, und so sehr sie immer ihre Stiefsöhne und später deren Kinder und Kindeskinder, ebenso die Kinder ihrer Geschwister als ihr zugehörig betrachtete, mit wie warmer Liebe sie auch alle umfing und wie glücklich sie sich auch in dem Leipziger Freundeskreis fühlte, ihre Natur verlangte die Tat. Das Hausfrauenleben allein erfüllte sie nicht, in ihr schlummerten Kräfte, die nach einer anderen Betätigung suchten, und in dieser Zeit des inneren Vorwärtsdrängens, des seelischen Unausgefülltseins lernte sie Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt kennen. Sie begann über die Stellung der Frau im Leben tiefer nachzudenken, und nicht viel später las sie die Schriften Friedrich Fröbels, lernte aus seinen Erziehungsideen und beides floß ihr zusammen, wurde ihr eine Einheit, sie fand den Weg dazu kraft ihres immer die gerade Linie suchenden Wesens, und so verschmolzen sich ihr in den kommenden Jahrzehnten anscheinend getrennte Ziele zu ihrem einen großen Lebensziel.