5. Schaffensjahre.

Luise Otto-Peters hatte 1848 den deutschen Frauen zugerufen: „Dem Reich der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen!“ Aber anscheinend war der Ruf, ohne ein Echo zu finden, verhallt, und erst Anfang der sechziger Jahre fanden sich in Leipzig die Frauen zusammen, die erkannten, daß es für die Frauen selbst zuerst ein Reich der Freiheit zu suchen galt, um die Frau aus der engen Gebundenheit jahrhundertalter Vorurteile zu erlösen. Zu diesen Frauen: Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, gesellte sich noch Henriette Goldschmidt. Sie gründeten zusammen im Februar 1865 zuerst einen Frauenbildungsverein. Henriette Goldschmidt selbst stand so wenig unter einem persönlichen Druck, wie die beiden anderen Frauen; ihr Mann ließ ihr völlige Handlungsfreiheit und gerade darum empfand sie besonders tief das Unwürdige, das in der Stellung der Frau lag, die von jeder Teilnahme am öffentlichen Leben ausgeschlossen war. Mit ihrer Schwester Ulrike (diese hatte inzwischen den Juristen Wilhelm Henschke geheiratet, nachherigen Präsidenten am Kammergericht in Berlin) hatte sie schon manchmal von der Enge gesprochen, in der viele Frauen leben mußten, besonders von der mangelhaften Vorbildung der Frauen zu ihrem eigentlichen Berufe der Mutterschaft.

Aber gerade weil Henriette Goldschmidt in einer harmonischen Ehe lebte und durch ihren Mann alle geistige Förderung erfuhr, ging sie anfangs nicht ganz mit den beiden anderen Frauen mit. Sie selbst erzählte, daß sie entrüstet heimgekommen sei, als die Gründung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ beraten wurde, weil Luise Otto-Peters es abgelehnt hatte, Männer in den Vorstand zu wählen. Ihr Mann antwortete gelassen, dies wäre ganz richtig, denn wollten die Frauen selbständig werden, dann müßten sie vor allem auch selbständig ihren Weg zu finden suchen. Die Erkenntnis von der Wahrheit dieses Wortes kam der temperamentvollen Frau auch bald, und sie schloß sich enger an die beiden Frauen an, die am 18. Okt. 1865 nach Leipzig eine Konferenz deutscher Frauen einberufen hatten und trotz des geringen Interesses, das diese Versammlung fand, den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ gründeten und die Herausgabe eines Frauenblattes unter dem Titel: „Neue Bahnen“ beschlossen. Die neuen Ideen sollten durch Schriften und Vorträge verbreitet werden. Auguste Schmidt war schon eine geschulte Rednerin, Henriette Goldschmidt dagegen hatte noch nicht öffentlich gesprochen; ihr erster Vortrag war eine politische Aufklärung der Frauen. Sie erzählt davon: „Wir hatten bei unserer Übersiedelung nach Leipzig nur an die Rückkehr nach Deutschland gedacht, und da wir uns als Preußen fühlten, hatten wir keine Veranlassung, zu einem anderen Staate überzutreten. Der Krieg 1866 brach aus und brachte preußische Einquartierung. Ich hatte in meiner Wohnung keinen Platz und sagte zu meinem Hausmädchen, daß wohl die Hausmannsleute die Soldaten aufnehmen könnten. ‚Ach,‘ antwortete dieses, ‚wir können diesen Leuten die preußischen Soldaten nicht anvertrauen, die sind zu bissig.‘ Dabei erfuhr ich von ihr, daß sie selbst Preußin sei und ihr Bruder im preußischen, ihr Bräutigam aber im sächsischen Heere diene. Während ich noch über diese traurige Sachlage nachdachte, besuchte mich Luise Otto-Peters und forderte mich auf, einen Vortrag im Frauenbildungsverein zu halten. Als ich sie zögernd fragte, worüber ich eigentlich sprechen sollte, antwortete sie in ihrer sächsischen Mundart: ‚Nu, was Ihnen der Gänius eingibt.‘ Und ich sagte ihr zu und zu mir: Sprich von der politischen Lage Deutschlands und erkläre den Frauen aus dem Volke, soviel du es vermagst, die Ursachen dieses Bruderkrieges.

Es ist mir beim Niederschreiben dieser Zeilen ein eigentümliches Gefühl, daß mein erstes öffentliches Wort an die Frauen sich auf eine der politischen Fragen bezog, die mich früher beschäftigten, ehe ich an eine Frauenfrage und an die Erziehungsfrage dachte. Ich hielt meinen ersten Vortrag und schloß mit den Worten: ‚Nicht mit zu hassen – mit zu lieben sind wir Frauen da.‘“

Diesem ersten Vortrag schlossen sich bald andere an, die paar Frauen in Leipzig begannen ihre Kreise weiter und weiter zu ziehen, und die Schar der Anhängerinnen wuchs. Aus den Erzählungen einer freilich unberühmten, aber sehr gescheiten Frau weiß die Schreiberin dieses kurzen Lebensbildes, daß die Werbekraft der Reden Henriette Goldschmidts sehr groß war. Sie sprach so gut, mit einem so hinreißenden Feuer, daß in Leipzig das Gerücht entstehen konnte, sie schriebe für ihren Mann, der selbst ein guter und geistvoller Redner war, die Predigten nieder. Sie selbst gab bescheiden Auguste Schmidt den Preis, diese wäre in hervorragender Weise des Wortes mächtig gewesen. Übrigens galt ihre größte verehrendste Liebe Luise Otto-Peters, zu deren fünfundzwanzigjährigem Schriftstellerinnenjubiläum sie einen Vortrag hielt (erschienen 1868 bei Matthes in Leipzig).

Von ihren ersten Vorträgen, die gedruckt wurden, seien im Anschluß genannt: „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ (1870), „Die Frau im Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben“ (1874 bei Amelang).

Zusammenhänge suchen, das war Henriette Goldschmidts stetes Bestreben, und alle ihre Vorträge haben etwas von diesem Suchen nach der großen Einheit in allen Erscheinungen. Immer war es auch die Idee, die sie packte, und mit noch jugendlich unerschöpfter Hingabe an die Idee der Frauenbewegung leistete sie ihre Werbearbeit. Die Geschichte dieser Werbearbeit ist in anderen Schriften schon niedergelegt und es ist hier nicht die Stelle, um Stadt für Stadt anzugeben, die die begeisterten Frauen friedlich zu erobern suchten. Es war nicht immer nur Erhebendes, was sie erlebten, auch starke Abwehr, Unverständnis wurden ihnen zuteil, es fehlte auch nicht an tragikomischen Szenen, die die alte Frau noch lebhaft zu schildern wußte. So setzte der Wirt in einer damals noch kleinen Stadt die mutigen Pionierinnen mit einer – Kunstreitergesellschaft, die im gleichen Ort gastierte, zusammen, weil er dies vermutlich für eine besonders passende Gesellschaft hielt. Da es schwer war, eine Aussprache in Fluß zu bringen, die Frauen sich meist scheuten, ihre Ansichten öffentlich zu sagen, hatten sich die Leipziger Veranstalterinnen bei einem auswärtigen Frauentag vorgenommen, aus ihrem Kreise selbst Fragen aufzuwerfen. Eine Weile hörten die Zuhörerinnen das mit an, endlich verließ eine Anzahl den Saal, sie sagten, „die sind sich ja selbst nicht einig, zu was sollen wir uns den Streit anhören.“

Der Krieg von 1870/71 fiel in die erste Zeit des Werbens und Kämpfens. Über diese Zeit hat Henriette Goldschmidt einige kurze Anmerkungen gemacht, es heißt da: „Deutschland unter Preußens Führung – der Staat, dessen ruhmreiche Geschichte ihm ein Recht zu dieser Stellung an Deutschland gab, es war, als stiege die Erfüllung, ‚schönste Tochter des größten Vaters‘, endlich zu uns nieder.“ Und weiter schildert sie ihre Arbeit in dem Kriegswinter: „Den Aufschwung, den die Volksseele erhalten, fühlten auch die Frauen. Er stärkte auch unsere Kraft für weitere Kämpfe auf unserem Arbeitsfelde. Es war im Kriegswinter 1870/71 und die Sorge um unseren zweiten Sohn, der als Arzt im Felde stand, machte auch mich ruhelos. Da faßte ich zur Ablenkung den Entschluß, eine zusammenhängende Reihe von Vorträgen über die Stellung der Frau in den alten Kulturländern zu halten. Ohne rechtes Bewußtsein der Kühnheit dieses Vorhabens, nicht geschützt durch die Tendenz unseres Vereins und seiner Bestrebungen, wagte ich es, in einer Kulturstadt wie Leipzig wissenschaftliche Vorträge zu halten, ohne eingehende Studien gemacht zu haben.“

Henriette Goldschmidt erarbeitete sich das Wissen für ihre Vorträge, sie vertiefte sich in das Frauenleben der Vergangenheit, fand nicht überall Verbesserung in der Gegenwart, sondern eher eine Niedrigerstellung der Frau bei manchen Völkern. Ihre Vorträge fanden großen Anklang, das stärkte ihre Zuversicht und ihren Mut, und sie hatte die Kühnheit, Forderungen aufzustellen in ihren weiteren Vorträgen, wie sie damals noch ganz ungewöhnlich waren, so den in der Einführung wiedergegebenen Ruf nach „Müttern der Stadt“; sie war es aber auch, die zuerst davon sprach, jede Frau hätte die Pflicht, ein Jahr dem Staate zu dienen und soziale Arbeit zu leisten.

In der gleichen Zeit, da Henriette Goldschmidt an ihren Vorträgen schrieb, fand sie ihr zweites großes Arbeitsgebiet, eins, das sich ihr innerlich stets mit ihrer Pionierarbeit in der Frauenbewegung verband, weil es sich auf die Erziehung der Frau zu ihrem mütterlichen Beruf bezog; denn Henriette Goldschmidt hielt von Anfang an den erziehlich mütterlichen Einfluß der Frau für das Besondere, was die Frau ihrer innersten Veranlagung nach im Staatswesen zu leisten hatte. Sie schreibt: „Während meiner Arbeit an den Vorträgen wurde ich immer mehr in der Meinung bestärkt, daß die Frauenfrage nur im Zusammenhang mit dem Familien- und Volksganzen betrachtet werden müsse. Durch ein paar Zufälligkeiten nun, die im Leben eines jeden Menschen eine bedeutsame Rolle spielen, wurde ich der Aufgabe zugeführt, die meinem Leben die Richtung geben sollte.

Auf einem Wege in Leipzigs Straßen kam ich in eine Gasse in der Nähe der Weststraße an ein kleines Haus, dessen Parterre die Inschrift: „Kindergarten“ trug. Ich hatte wohl in Gesprächen manchmal, wenn auch selten, etwas von Kindergärten, Fröbelschen Beschäftigungen reden hören, ohne der Sache besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Doch blieb ich einen Augenblick vor dem Hause stehen, klingelte und stieg einige Stufen hinunter in einen kellerartigen Raum. Denn wo hätte damals ein Kindergarten anders ein Lokal finden können als in einem irgendwie ungehörigen Raum? Eine junge Dame trat mir entgegen, freudig überrascht, daß jemand es der Mühe für wert hielt, sich nach dem Kindergarten zu erkundigen. Es war noch früh morgens, die Kleinen waren noch nicht da und die Kindergärtnerin hatte Zeit, mir die Fröbelschen Beschäftigungsmittel zu zeigen. Sehr erstaunt sah ich sie an – ich fühlte, hier ist ein Plan, ein System, eine Methode – bald aber kamen die Kleinen, die Kindergärtnerin stellte sie im Reigen auf und spielte mit ihnen einige Bewegungsspiele. Hier fühlte ich nicht nur den Rhythmus, den Takt, die Harmonie, – ich fühlte mit den Kindern die Freudigkeit, die sie beseelte – ‚Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium‘.

Sehr nachdenklich ging ich nach Hause, holte mir die Fröbelschen Schriften aus der Universitätsbibliothek, und in den Schriften Friedrich Fröbels fand ich nicht nur den Plan für die Praxis des Kindergartens theoretisch begründet – es war mir, als wehte ein Hauch des Geistes aus seinen Worten in meine Seele, als erschaute ich einen Schöpfungsakt, der ein neues, noch nicht dagewesenes Gebilde vor meinen Augen entstehen ließ. Andacht erfüllte mich für das große Geheimnis der schöpferischen Urkraft, die ihr ‚Es werde‘ der Welt verkündet.“

Eine Offenbarung war Henriette Goldschmidt die Bekanntschaft mit Fröbels Ideen, und sie hat oft es wieder und wieder gesagt, das Fröbelsche Wort von der Menschheit pflegenden Bestimmung des Weibes, um derentwillen die Frau die gleiche geistige Durchbildung wie der Mann erhalten müsse. Sie ist darin nicht immer voll verstanden worden, und vielleicht geht erst in der Not und Verrohung unserer Zeit das volle Verstehen auf für die Wichtigkeit einer gemeinsamen Familien- und Volkserziehung, einer vertieften Durchbildung der Frauen aller Stände zu ihrem mütterlichen Berufe, und zwar einer Ausbildung vor oder nach einer Berufsschulung, sofern die Berufsbildung sich nicht auf den Erziehungsberuf gründet, weil sich der erziehliche Einfluß der Frau durchaus nicht allein auf die Familie, sondern auf das Volksganze erstrecken soll.

In dieser Zeit ihrer Beschäftigung mit Friedrich Fröbels Schriften las Henriette Goldschmidt einen Aufruf in der Zeitung von einem Mann, der alle einlud, die sich für die Kindergartenfrage interessierten. Sie ging hin, meinte in eine große Versammlung zu kommen und fand nur wenige Kindergärtnerinnen, die sich in Klagen über die Schwierigkeit ihres Berufes ergingen. Das war der Anstoß, der Henriette Goldschmidt veranlaßte, den Verein für „Familien- und Volkserziehung“ in Leipzig zu gründen; am 10. Dezember 1871 fand die Gründung mit etwa 150 Mitgliedern statt. Im Herbst 1872 konnte dann der Verein seinen ersten Volks-Kindergarten in der Querstraße eröffnen. Der Aufbau des Vereins vom Kindergarten bis zur Hochschule, die Gliederung der einzelnen Anstalten zu schildern, sei dem zweiten Teil dieser kleinen Schrift vorbehalten.

Henriette Goldschmidt hatte mit dieser Gründung sich nicht abseits von ihren Kolleginnen gestellt, denn ihr schmolz eben immer Frauenfrage und Erziehungsfrage zur Einheit zusammen, aber sie hatte doch ihren besonderen Weg eingeschlagen. Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt wurden wohl Mitglieder des Vereins, aber es war doch kein eigentliches Mitarbeiten von ihrer Seite. Sie verloren aber Henriette Goldschmidts Arbeitskraft auch nicht; die damals beinahe fünfzigjährige Frau stand auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit. Sie war ihrem Manne weiter die verständnisvolle Gefährtin, an dem Ergehen und Ins-Leben-Treten der drei Söhne nahm sie echt mütterlichen Anteil; mit ihrer Schwester Ulrike, die in Berlin die „Viktoria-Fortbildungsschule“ ins Leben rief, verband sie mehr als schwesterliche Zuneigung: eine auf gleichen Lebensansichten beruhende Freundschaft war es.

Sie baute ihren Verein weiter aus; hielt Vorträge, so sechs unter dem Titel: „Ideen über weibliche Erziehung“, die sie später, als sie die 80 schon überschritten hatte, zu ihrem Buch erweiterte: „Was ich von Fröbel lernte und lehrte.“ Sie erteilte in dem bald darauf gegründeten Seminar für Kindergärtnerinnen Unterricht, unternahm Vortragsreisen für den Allgemeinen Deutschen Frauenverein und verstand es weiter, in ihrem Hause eine geistig belebte Geselligkeit zu pflegen. Dabei kam es der kleinen zierlichen Frau zugute, daß sie eine eisenfeste Gesundheit besaß. Sie erzählte, daß sie um vier Uhr früh schon aufgestanden sei, um für sich zu arbeiten – am Waschtisch schrieb sie ihre ersten Vorträge, da sie selbst keinen Schreibtisch besaß. Abends hat sie es einmal fertig gebracht, ihrem Manne nach einem reichen Arbeitstag fünf Stunden hintereinander vorzulesen.

Bei der Arbeit an ihren Vorträgen erkannte Henriette Goldschmidt mehr und mehr die Lücken in ihrer Ausbildung, und mit eisernem Fleiß strebte sie, diese auszufüllen. Sie studierte – sie las nicht nur die großen Pädagogen, vertiefte sich in Goethe, Kant, Humboldt, Schelling, Hegel, Fichte; sie las Geschichte und Literaturgeschichte, suchte auf jedem Gebiet ihr Wissen zu erweitern, ihr außerordentliches Gedächtnis kam ihr zur Hilfe, sie schrieb ganze Bücher voll von Aussprüchen nieder, schrieb oft ihre eigenen Gedanken dazu; so steht da z. B. unter dem Worte Herbarts: Geschichte, die man lernen soll, ist ganz verschieden von Geschichte, aus der man lernen soll: „Zunächst muß man Geschichte lernen, später erst in einem Alter, wo man Geschichte kennt, läßt sich aus ihr lernen.“ Oder sie stellt sich selbst nachdenkliche Fragen wie: „Hat es Sinn, die Kraft zu rühmen und im Gefühl der Schwäche mit sich zufrieden zu sein?“

Es war ein geistiges Erarbeiten, ein Ringen um Wissen, das diese Frau auch im Alter nicht verlor, sie war immer im besten Sinne eine Arbeiterin an sich selbst, so wie sie eine Arbeiterin für andere war. Ihr Geist ging weite Wege, aber sie wußte auch das Schöne zu genießen, das sich ihr darbot, ohne dabei je um eines Genusses willen ihre freiwillig auf sich genommene Arbeitsverpflichtung zu versäumen. Sie erzählte, daß sie einmal auf einer Reise nach Gastein, bei der ihr Mann sich unwohl fühlte, sich selbst Vorwürfe gemacht habe über die unbeschreibliche Freude, die sie beim Anblick der großen Natur ergriff. Überhaupt war es die große Natur, deren Anblick sie begeisterte, sie sagte selbst, für das Idyll hätte sie nicht so viel Sinn. So stand ihr auch Goethe weniger nahe, so tief sie sich in ihn eingelebt hatte, als Schiller, dessen schwungvolle glänzende Sprache sie immer wieder begeisterte.

Das schönste Land war ihr die Schweiz; Italien, das sie erst in späteren Jahren kennen lernte, gab ihr weniger, freilich machte sie die Reise aber auch unter für sie äußerlich ungünstigen Umständen, bedrückt durch eine lange Krankheit einer Enkelin. Den stärksten Eindruck als Stadt hinterließ ihr Paris, das sie in Begleitung ihres Mannes und einer Schwestertochter Ende der siebziger Jahre aufsuchte. Auch hier war es wieder ihr nach Verbindung forschender Geist, der sie antrieb, die Gräber Heines und Börnes zu sehen. Sie schreibt über den Besuch des Père la Chaise und Börnes Grab: „Nun aber noch einen Weg zu den ‚Träumen meiner Jugend‘: ‚Börnes Grab, gesegnet seist du mir!‘ Ein wundervolles Reliefbrustbild mit einem so schönen und sinnigen Ausdruck wie keines der mir bekannten Bilder schmückt seine Grabstätte. Wie gut, daß ich nicht früher meinen Baedeker gelesen, als auf dem P. la Chaise. Meine Nichte, die eigentlich eine preußische Obertribunalratstochter und kein Judenmädchen aus Krotoschin ist, hat dennoch das reiche, unsagbar kampfreiche Leben ihrer Mama so in sich aufgenommen, daß sie auch mit mir die ganze Bedeutung fühlte, die für mich in dem Anblick dieser Grabstätte lag. Schon des Morgens sagte sie: Wir nehmen ein Bukett für Börne mit, – und als sie ein sehr schönes von Heliotrop und gelben Rosenknospen in einem großen Papier ohne die bei uns so beliebten Spitzenmanschetten, die ich in Paris gar nicht gesehen, brachte, sagte sie: Tante, schreib’ doch was hinein. – Ich schrieb etwas von der Verbrüderung des französischen und deutschen Volkes, die er geträumt und die doch zur Wahrheit werden müsse – und als ich an seinem Grabe stand, da sah ich unter einer Büste, die von David d’Angers herrührt, Frankreich und Deutschland sinnbildlich dargestellt, durch die Freiheit vereinigt. – So stand’s im Baedeker und so hatte ich es dem Künstler nachgefühlt. Neben den Statuen, Frankreich und Deutschland in schönen Frauengestalten, sind neben der französischen die Namen der französischen Dichter: Voltaire, Rousseau, Lamennais – neben der deutschen: Lessing, Herder, Schiller, Jean Paul, eingraviert. – Ich wollte in die Nische das Bukett legen, konnte es aber nicht erreichen. Ein gewöhnlicher Arbeiter in der Bluse, der dort beschäftigt war, trat heran und legte es hin: C’etait un poète allemand – je le sais – il nous a tant aimé. –“

Henriette Goldschmidts Reisewünsche blieben aber in der Hauptsache unerfüllt, von ihrer Kindheit an sehnte sie sich, Palästina und Amerika zu sehen: die Heimat ihres Volkes und das Land der Freiheit; sie kam nicht hin; die bescheidenen Verhältnisse, in denen sie nach ihrer Verheiratung lebte (ihr Vater hatte den größten Teil seines Vermögens verloren), und die Großzügigkeit, mit der sie ihre Kraft und ihre Arbeit für ihre Ziele dahingab, gestatteten ihr den Luxus solcher Reisen nicht. Aber das Reisen an sich blieb ihr stets ein Genuß, sie scheute auch im hohen Alter die Anstrengung nicht; 1913 reiste sie zum letztenmal für einige Sommerwochen nach Friedrichroda. Wie wenig sie Ermüdung fühlte, beweist ein Wort, das die beinahe 79jährige Frau sprach, als sie von einem Frauentag in Köln heimkehrte. Sie war die Nacht über gefahren – nicht etwa im Schlafwagen – hatte in Köln anstrengende Tage durchgemacht und sagte heiter, als sie aus dem Zuge stieg: „So eine Nachtfahrt ist doch recht erfrischend.“

Nachdem sie 1906 aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins ausgetreten war – Luise Otto-Peters starb 1892, Auguste Schmidt folgte ihr 1902 – gedachte sie ihre Arbeitskraft nun ausschließlich ihren Anstalten zu widmen, sie dachte an einen leisen Abbau ihrer Tätigkeit, sah die von ihr gegründeten Anstalten damals in den festen, sicheren Händen von Dr. Agnes Gosche; aber es kam noch einmal eine große Arbeitswelle, in die sich Henriette Goldschmidt mit ganz jungem Eifer stürzte.

Nach ihrem 80. Geburtstag war sie schwer erkrankt, sie meinte, nun käme das Alter, als sie plötzlich das Ziel, das sie bisher nicht erreichen konnte, die Gründung einer Hochschule für Frauen – ähnlich, nur erweitert, wie sie einst Malvida von Meysenbug gedacht hatte – mit der Tendenz „dem mütterlich-erziehlichen Beruf der Frau die wissenschaftliche Weihe zu geben,“ erreichbar vor sich sah. Ein Leipziger Freund, Geheimrat Hinrichsen, stellte die Mittel zur Verfügung, und, obwohl schon im fünfundachtzigsten Jahre stehend, begann Henriette Goldschmidt noch einmal so ruhelos und zielbewußt zu arbeiten wie in der Jugend. Sie fand in Dr. Johannes Prüfer einen tatkräftigen umsichtigen Helfer, und so konnte am 29. Okt. 1911 die Hochschule eröffnet werden. – Es war erreichte Lebenshöhe, wie sie wenigen Menschen beschieden ist.

Da Henriette Goldschmidt ganz und gar Autodidaktin war, sich selbst zu dem gemacht hatte, was sie war, ist es begreiflich, daß in ihrer Arbeitsweise auch eine gewisse Eigenwilligkeit lag, nicht immer ganz bequem für ihre Mitarbeiter. Sie hatte dabei aber immer nur das Werk an sich vor Augen; sie lebte nur – war es der Allgemeine Deutsche Frauenverein oder der Verein für Familien- und Volkserziehung – den Zielen, die sie sich gesteckt hatte. Da wurde ihr manchmal als Eigenwille ausgelegt, was im Grunde doch nur selbstlose Hingabe an das Werk war. Freilich war sie, wie es Menschen sind, die ihr Leben selbst gemodelt haben, die nicht nur aus sorgsam bereitgehaltenen Gefäßen trinken, sondern an die Tiefen der Quellen hinabsteigen, nicht immer nachgiebig. Sie ging wohl in Besprechungen bei Fragen, die ihr für das Ganze belanglos erschienen, rücksichtslos zur Tagesordnung über, aber sie war doch keine Natur, die nur Jasager wollte, im Gegenteil würdigte sie ein freies Neinsagen. Sie schätzte einen logisch begründeten Widerspruch sehr, gab viel jüngeren Menschen nach, wenn sie die Gegengründe einsehen konnte, und besaß die Größe, die nicht viele Menschen haben, begangene Fehler einzugestehen. Da wurde es ihr auch zum Beispiel ihrer jüngeren Freundin, ja selbst ihrem Hausmädchen gegenüber nicht schwer, den ersten Schritt zur Verständigung zu tun und von ihrem Irren zu sprechen. Dieser große Zug ihres Charakters war es zumeist, der ihr im hohen Alter neben ihrem reichen Wissen das gab, was man als „weises Darüberstehen“ bezeichnen kann.

Es ging, besonders in ihren Altersjahren, in denen die intensive Tagesarbeit sie nicht mehr wie sonst vollkommen in Anspruch nahm, selten jemand von ihr, dem sie nicht in kurzem Gespräch etwas gab. Ihre Briefe trugen bis zuletzt das persönliche Gepräge ihres Geistes, die Anmut im Ausdruck, die aus einer vergangenen Zeit stammte und die etwas an die Frauen der Romantik erinnerte.

Innere Treue, die man nicht mit äußerlichem Darandenken verwechseln muß, gehörte zu Henriette Goldschmidts besonderen Eigenschaften, so blieb sie auch im tiefsten Grunde den führenden Geistern treu, denen sie, wie sie erkannte, ihre innere Entwicklung verdankte. Zu ihnen gehörte besonders Friedrich Fröbel, und um ihn hat sie gelitten, wie wohl wenige um Meister leiden. Sie sagte manchmal tief schmerzlich von den neuen Frauen in der Frauenbewegung: sie verstehen die „alte Fröbeltante“ nicht, und sie hatte damit nicht ganz unrecht. So richtig in ihrem Wollen ist Henriette Goldschmidt nicht immer verstanden worden. Selbst nicht von den Fröbelianern, weil sie zu sehr in allem die Idee, die dem Fröbelschen System zugrunde liegt, betonte, und manches darum als nichtig abtat, was anderen eben gerade als wichtig erschien. Sie selbst hatte durchaus kein Talent zur Kindergärtnerin, hätte es nie werden können. Verstanden hat sie darin Berta von Mahrenholtz-Bülow, die Henriette Goldschmidt den Apostel Fröbels nannte, und auch Frau Dr. Jenny Asch in Breslau.

Berta von Mahrenholtz-Bülow, geb. 1810, die noch in regem Verkehr mit Friedrich Fröbel selbst gestanden hatte und dessen Ideen weit über Deutschland hinaus Verbreitung gab, hatte 1849 in Bad Liebenstein Fröbel zum erstenmal mit den dortigen Kindern spielen sehen und gleich das Wort gesagt: „Der Mann wird ein ‚alter Narr‘ von den Leuten genannt! Vielleicht ist er einer von den Menschen, die von ihren Zeitgenossen bespöttelt und gesteinigt werden und denen die Nachwelt Denkmäler errichtet.“

Es kann hier bei dem kleinen Umfang der Schrift nicht auf das nähere Verhältnis zwischen den beiden Frauen eingegangen werden; Henriette Goldschmidt hat der Frau, die sie ihre Lehrerin nannte, in Vorträgen und in der Schrift: „Berta von Mahrenholtz-Bülow, Leben und Wirken“ (Hamburg 1896) ein Denkmal gesetzt. Wie sehr die Ideengänge der beiden Frauen zusammenklangen, beweist das Wort von Berta von Mahrenholtz: „Mit der Erhebung des Kindeswesens ist auch die Erhebung der Frau vorhanden. Mit dieser Weihe der Erzieherin der Menschheit ist alles verknüpft, was die Frau einsetzt in das volle Recht der Menschenwürde.“ Henriette Goldschmidt aber prägte sich als Leitwort für ihre Arbeit: „Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau.“ Und diesem Worte folgte sie, es beherrschte zuletzt ganz ihr Tun, und sie überwand in der festen Zuversicht, den richtigen Weg zu gehen, auch Schwierigkeiten, sie war ganz eins mit ihrer Idee, hatte wirklich aus den vielen Wegen, die sich nach und nach, anfangs langsam, dann immer rascher den Frauen auftaten, den Weg gefunden, der ihrer Veranlagung, ihrer ganzen Geistes- und Gemütsrichtung entsprach.