6. Ausklang.

Auch dunkle Schatten sind über den Lebensweg von Henriette Goldschmidt geglitten; der Vater verlor einen großen Teil des Vermögens, eine Schwester war immer leidend, 1889 starb ihr Mann, Dr. Goldschmidt, nach langem Leiden, treu von ihr gepflegt. Eine wirklich glückliche Ehe riß damit auseinander, und nach einigen Jahren erlebte die vereinsamte Frau den großen Schmerz, den ältesten, geliebten Stiefsohn Julius ganz plötzlich zu verlieren. Auch die geliebte Schwester und Gesinnungsgenossin Ulrike starb vor ihr. Sie stand aber damals noch mitten in der Arbeit, und die Arbeit trug sie immer wieder aus dem Leidenstal empor.

Bei einem Alter, wie es Henriette Goldschmidt erreicht hat, bei dieser Intensivität des Lebens fragt man sich unwillkürlich, wann begann diese Frau die hohe Altersgrenze zu überschreiten, wann konnte man von wirklichem Altwerden sprechen? Denkt man dieser Frage nach, so kommt wohl allen denen, die sie wirklich genau gekannt haben, und das sind zuletzt nur wenige gewesen, die Antwort: Bei Ausbruch des Weltkrieges. Nicht erst, als die Entbehrungen des Krieges begannen, sondern in den ersten Augusttagen von 1914. Für Henriette Goldschmidt brach da das hohe Ideal der Völkerversöhnung, an das sie, eine überzeugte Pazifistin, stets geglaubt hatte, zusammen. Sie sah nicht mehr eine friedlich fortschreitende Entwicklung aller Völker vor sich, sie sah die gewaltsame Zertrümmerung eines hohen Standbildes.

Von da an wurde sie alt.

Sie leitete noch eine Weile den Verein für Familien- und Volkserziehung, dann legte sie den Vorsitz nieder. Wohl wohnte sie noch weiter den Sitzungen des Vorstandes bei, zeigte bis zuletzt Interesse an allen Anstalten, aber es war doch ein langsames, vielleicht nur den Eingeweihten spürbares Sichloslösen von ihrer Lebensarbeit.

Dazu kam Kummer in der Familie. Die Tragik des hohen Alters, das Überleben einer jüngeren Generation blieb auch ihr nicht erspart. Ihr zweiter Sohn starb, liebe Freunde gingen dahin. Ihren neunzigsten Geburtstag beging sie aber doch noch in einem großen Freundeskreis. Ihr jüngster Sohn, Enkelkinder und vor allem die geliebten Nichten kamen, ihre Pflegetochter Julia, die Tochter ihres Bruders, und die Töchter ihrer Schwester Ulrike, von denen die ältere, Margarete Henschke, die von ihrer Mutter gegründete Viktoria-Fortbildungsschule in Berlin weiterführt. An diesem Tage war es wirklich, wie es ein Künstler gesagt hatte: „Es kann in wenigen Stunden in diesem Gesicht ein Unterschied von vierzig Jahren sich zeigen.“

Mit der ihr eignen geistvollen Anmut beantwortete sie die Glückwünsche der zahlreichen Abordnungen. Von früh bis abends war es ein Kommen und Gehen, sie erfuhr tiefste Liebe, ebenso Anerkennung von Behörden und Vereinen, es war wirklich noch einmal, trotz des Krieges, ein Tag voll Sonne in ihrem Leben. Selbst die greise Großherzogin von Baden sandte ihre Glückwünsche.

Aber dann senkten sich die schwarzen Schatten tiefer. Das Schicksal Deutschlands, die lange Dauer des Krieges bedrückte sie tief. Nicht die Entbehrungen, die der Krieg mit sich brachte, lasteten auf ihr, sie sah des Vaterlandes Zukunft dunkel verhüllt, sagte oft: „Es sind zu viele gegen uns.“ Oft sagte sie auch: „Wenn alle diese ungezählten Millionen, diese angesammelte Kraft für den Ausbau sozialer Einrichtungen verwendet werden würde, wie glücklich könnten viele, viele leben!“

Und dann kam die trübe Wendung in Deutschlands Schicksal. Und kurz vor dem Ausbruch der Revolution erlebte die alte gütige Frau noch den herbsten Schmerz, der ihr werden konnte, sie verlor die geliebte Pflegetochter Frau Dr. Julia Kalbfleisch an der Grippe.

In den ersten Stunden nach dem Eintreffen der Nachricht war es wie ein Aufbäumen der alten Kraft gegen das unbarmherzige Schicksal; es lohte im Schmerz noch einmal das alte Feuer der Jugend auf, dann wurde Henriette Goldschmidt still und gelassen. Und die Revolution, die wenige Tage später ausbrach, zog sie wieder, wie vielfach große politische Ereignisse es getan, von ihrem Ich ab, und noch einmal war es das große Weltgeschehen, das sie in tiefster Seele erschütterte.

Aber der Glanz von Achtundvierzig lag für sie nicht auf den trüben Novembertagen von 1918, die Deutschland, die das von ihr so heiß geliebte Vaterland der Willkür der Feinde preisgaben. Ihr waren diese Tage keine Erhebung, denn sie sah in ihnen keinen Fortschritt, sie verstand ihre Ursachen, aber sie erblickte keinen Aufschwung.

Und als sie sah, wie langsam so vieles verworfen wurde, das mit innerster Hingabe in freiwilliger selbstloser Arbeit aufgebaut worden war, ergriff sie Angst um den Bestand ihres Lebenswerkes. Da war es ihr eine trostreiche Freude, daß gerade in dem Revolutionswinter es dem Verein für Familien- und Volkserziehung gelang, in einem eignen Hause ein Kindertagesheim zu eröffnen, das ihren Namen trug. Sie sah darin ein Vorwärtsschreiten; den Grundstock hatte eine Sammlung zu ihrem 90. Geburtstag ergeben, Freunde hatten weiter geholfen, so konnte denn in dem trüben Winter 1918/19 das Heim für neunzig Kinder seine Pforten auftun.

Auch die Freude ward ihr noch zuteil, daß die Leitung der Anstalt, die am stärksten ihre persönliche Prägung trug, der Fröbel-Frauenschule, wenn auch nur für wenige Jahre in die Hände ihrer Lieblingsschülerin, Marie Luise Schumacher, überging.

An Sonntagnachmittagen sammelten sich um ihren Tisch noch immer liebe Freunde, die Tochter ihres Bruders wohnte zu ihrer Freude in Leipzig, ein Freund aus alter Zeit saß noch allsonntäglich in dem behaglichen altmodischen Zimmer; im Hause lebten noch immer Menschen, die sich ihr zugehörig fühlten. Das Haus, es heißt jetzt „Henriette-Goldschmidt-Haus“, in der Weststraße in Leipzig, gehörte dem Verein, und sie war, wie sie früher scherzend sagte, lange Jahre in der schwierigen Stellung, Mieterin und zugleich Hauswirtin zu sein. Eine alte treue Hausmannsfrau hatte einmal gesagt: „Bei uns ist alles wie eine Familie“. So war es auch, die kleine weißlockige Frau war des Hauses Seele und Mittelpunkt.

Kurz vor ihrem 94. Geburtstag erlitt Henriette Goldschmidt einen schweren Unfall in ihrer Wohnung, sie erholte sich aber überraschend schnell und verlebte das Weihnachtsfest, zu dem wieder die Nichten aus Berlin gekommen waren, heiterer als im vergangenen Jahre. Es war eine große Sonnensehnsucht in der alten Frau lebendig. Wie oft stand sie am Fenster neben ihrem Schreibtisch und sah still in die sinkende Sonne, still und feierlich sah sie den Glanz am Himmel kommen und vergehen.

Ein sonniger Januartag lockte sie zum erstenmal wieder ins Freie, und sie war über den Spaziergang und die helle Schöne an dem Tag fast kindlich froh. Doch schon in der Nacht stellte sich Fieber ein, und wenige Tage später, in der ersten Frühe des 30. Januar 1920, starb Henriette Goldschmidt, starb ein großer, gütiger, warmherziger Mensch.

Ein sanftes, fast heiteres Hinübergehen war es in die unbekannte Weite, in ihren Krankheitstagen, die schmerzlos waren, ließ sie sich noch Börne vorlesen und besprach noch die politischen Ereignisse des Tages.

Es war eine seltene Lebensvollendung. An ihrem Sarg sprach als letzte ihre Lieblingsschülerin das Goethewort, das sie besonders liebte und wenige Tage vorher selbst ausgesprochen hatte, und das in dem Einklang steht zu ihrem ganzen Wesen, wie sie ihn in allen Erscheinungen des Lebens zu finden suchte:

„Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,

die Sonne stand zum Gruße der Planeten

bist alsobald und fort und fort gediehen

nach dem Gesetz, wonach du angetreten.

So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,

so sagten schon Sybillen, so Propheten;

und keine Zeit und keine Macht zerstückelt

geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“


Henriette Goldschmidts Schaffen


1. Die geistigen Grundlagen ihrer Arbeit.

a) Anfänge der Frauenbewegung.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts setzte in der deutschen Frauenwelt eine Bewegung ein, die im Jahre 1865 zur Gründung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ führte. Außer Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt hat wohl kaum eine andere der damaligen Frauen von Anfang an die hohe Bedeutung der neuen Bewegung für unsere Gesamtkultur so scharf erkannt wie Henriette Goldschmidt. Kaum eine andere aber hat sich auch so begeistert in den Dienst der neuen Ideen gestellt wie sie.

Vor allem war es ein Gedanke, der sie erfüllte, ein Gedanke, den der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ auch mit in sein Programm aufgenommen hatte und den Henriette Goldschmidt bis ans Ende ihrer Tage immer und immer wieder zum Ausdruck brachte, nämlich der: Die Arbeit ist die Grundlage unserer Kultur, die Arbeit ist daher Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechts. Alle Hindernisse müssen beseitigt werden, die dem im Wege stehen. – Also in vollem Umfange die schaffende Mitarbeit der Frau an unserem Kulturleben zu ermöglichen, das ist das hohe Ziel, das ihr vorschwebte.

Um das zu erreichen, war es zunächst nötig, der Frau die Rechte zu verschaffen, die die Voraussetzungen für diese Mitarbeit sind, die Rechte, die der Mann von jeher besessen hatte, die aber der Frau bis dahin vorenthalten worden waren. Es seien hier nur genannt: das Recht zum Besuch aller Lehr- und Bildungsanstalten einschließlich der Universität, das Recht zur Übernahme öffentlicher Ämter, das aktive und passive Wahlrecht in Gemeinde, Kirche und Staat u. dgl. Für all das hat Henriette Goldschmidt mit gekämpft. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang nur ihr temperamentvoller Vortrag über „Rechte und Pflichten der Frauen in Gemeinde und Staat“, den sie 1873 auf der Stuttgarter Generalversammlung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ hielt. Im Jahre 1875 sprach sie in Gotha über das gleiche Thema unter Beschränkung auf das Gemeindeleben und verlangte hier die Mitwirkung der Frau bei der Sittenpolizei, in Armen- und Arbeitshäusern, Gefängnissen usw. Aber sie hat ihrem Geschlecht diese Rechte nicht erringen wollen um dieser Rechte selbst willen – nicht „weil der Mann sie hat, muß die Frau sie auch haben“ – nicht Selbstzweck war ihr der Kampf ums Frauenrecht, sondern, wie den besten der Führerinnen der Frauenbewegung, war ihr dieser Kampf ums Recht stets nur Mittel zum Zweck, nur Vorbedingung für die Verwirklichung jener großen Idee der Mitarbeit der Frau an der Kultur der Menschheit.

Ihr war die Frauenfrage in erster Linie eine Kulturfrage. Es war daher kein Zufall, daß ihr erster öffentlicher Vortrag in Leipzig (1867) dies schon im Titel zum Ausdruck brachte. „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ lautete das Thema. Insbesondere war es die Stellung der Frau innerhalb der bürgerlichen Gemeinde, die sie in dem Vortrage behandelte, und sie wies vor allem auf die unberechtigte und schädliche „Nichtbeachtung der Kräfte der Frau“ hin. Ihr damaliger Vortrag gipfelte in den Worten, die sie seitdem oft und gern wiederholt hat: „Wir haben wohl Väter der Stadt, wo aber sind die Mütter?“

„Wo sind die Mütter?“ schreibt sie in ihrem letzten Aufsatz, den sie anderthalb Jahr vor ihrem Tode verfaßte[2], „Wo sind die Mütter? Hier ist der Schlüssel für meine Stellung in der Deutschen Frauenbewegung.“

Die „Hälfte der Menschheit“ – das gesamte Frauengeschlecht – war bisher von der bewußten Mitarbeit an der Kultur ausgeschlossen. Was ist Kultur? – Der Niederschlag, das Ergebnis der unaufhörlich schaffenden und gestaltenden Kräfte der menschlichen Seele. Die Kultur ist das Schöpfungswerk der Menschheit, die äußere Darstellung ihres innersten Wesens. Da bisher die Kulturarbeit fast ausschließlich vom Mann geleistet wurde, trägt sie vorwiegend männliche Züge, sie ist fast ausschließlich ein Ausdruck, ein Abbild der männlichen Seele. Die spezifisch männlichen Seelenkräfte haben sich in ihr ausgewirkt. Das wird uns im allgemeinen gar nicht bewußt, weil wir es nicht anders kennen. Bei einigem Nachdenken aber wird man sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß die männliche Seele nicht das Ganze der Menschheit darstellt. Jedem Geschlecht sind Grenzen gezogen. Das Ganze der Menschheit ergibt sich erst aus männlicher und weiblicher Seele zusammen. Die Idee einer vollkommnen Menschheitskultur verlangt daher mit innerer Notwendigkeit die ungehemmte Entfaltung der männlichen und weiblichen Seele, die gleichberechtigte Mitarbeit beider Geschlechter an der Kultur. Erst dann werden die feinsten und tiefsten Anlagen und seelischen Möglichkeiten, die in der Menschheit schlummern, sich im Leben darstellen, das Leben erhöhen und veredeln.

Das spezifisch Weibliche nun, das es zu entfalten und zu stärken gilt, erblickt Henriette Goldschmidt in dem Pflegesinn, in dem mütterlichen Instinkt, der sich helfend und schützend allem Werdenden, allem Schwachen und Kranken zuwendet. Hier unterscheidet sich die weibliche Seele am stärksten von der männlichen. Dem weiblichen Geschlecht diese seine Eigenart zum Bewußtsein zu bringen, ist die nächstliegende Pflicht der Führerinnen. Und dann Freiheit für die Betätigung dieses Instinkts! Ungeahnte Kräfte werden sich dann aus der weiblichen Seele heraus entwickeln, und unsere Kultur wird reicher und schöner denn je. Henriette Goldschmidt glaubte an den Genius der Menschheit, wie nur je ein Idealist an ihn geglaubt hat.

Die Frauenfrage war ihr daher für den Augenblick die wichtigste Kulturfrage überhaupt, ein bedeutsamer Schritt in der Gesamtentwicklung des Menschengeschlechts, der Anfang einer neuen Kulturepoche. Nicht daß sie geglaubt hätte, diese andere Zeit müsse oder könne bereits morgen oder übermorgen beginnen. Dazu war sie zu klug und besaß zu viel Einsicht in historisches Geschehen. Aber den Glauben hatte sie an eine bessere – ferne Zukunft.

Wie sie zur Frauenfrage stand, kann man am besten erkennen, wenn man sie einmal selbst hört, und zwar nicht nur in einigen herausgerissenen Zitaten, sondern in größerem Zusammenhang. Darum sei im folgenden ein geschlossener Gedankengang – unter Weglassung unwesentlicher Einschaltungen – wiedergegeben aus der Rede „Die Frauenfrage innerhalb der modernen Kulturentwicklung,“ die Henriette Goldschmidt am 27. September 1877 auf dem Frauentag in Hannover gehalten hat. Die Rede ist nur in wenig Exemplaren noch vorhanden, verdient aber vor völliger Vergessenheit bewahrt zu werden, zumal sie zu dem Reifsten und Schönsten gehört, was uns Henriette Goldschmidt hinterlassen hat:

„Wie eine höhere als menschliche Macht in allen Ereignissen wirkt, so liegen jeder menschheitlichen Frage tiefere Ursachen zugrunde, als die äußerlich wahrnehmbaren. Das Gesetz über uns und das Gesetz in der Geschichte leitet, ja gebietet uns und wir befolgen nur die Gesetze, wir beherrschen sie nicht. Wie wäre es sonst möglich, daß einige Frauen ohne Rang und Reichtum, ohne glänzende Namen eine anregende Kraft ausgeübt hätten, die eine so hochbedeutsame Frage für ganz Deutschland in Fluß gebracht? Wie wäre es zu erklären, als aus einem inneren Gesetze, das uns oft gegen unsern eigenen Willen, gegen unsere Neigung ergreift, daß Frauen, die nie daran gedacht, ihren häuslichen Wirkungskreis zu verlassen, sich plötzlich gedrängt fühlen, hinauszutreten und sich und ihren Namen dem unzuverlässigen, wenigstens dem unberechenbaren Urteile der Menge preiszugeben? Ja, wie wäre das größere Wunder zu erklären, daß diese Frauen nicht dem Fluche des Spottes und der Verkennung anheimfielen, sondern daß sie in Städten persönlich ganz unbekannt, Schutz und Schirm in der Heiligkeit der Sache fanden, die sie vertreten?! Ja, nicht nur Schutz und Schirm, empfängliche Herzen, begeisterungsvolle Teilnahme kam uns überall, im Süden und Norden unseres Vaterlandes entgegen, und an jedem Orte, an dem der Allgemeine deutsche Frauenverein bisher tagte, hat er eine Stätte errichtet, an welcher sittlich ernste, von Menschenliebe erfüllte Genossinnen im Dienste der Frauenbildung und Frauenarbeit tätig sind.

So sehr man sich bemüht hat und so sehr man noch bemüht ist, gerade die Frauenfrage im Gegensatz zu unsern natürlichen und Kulturbedingungen hinzustellen, so ist doch nichts destoweniger dasselbe Gesetz in ihr tätig, das alle menschlichen Verhältnisse bestimmt. Dieses Gesetz, das unsere allgemeinen und besonderen Verhältnisse regelt, dürfen wir wohl das Gesetz fortschrittlicher Entwickelung nach den gegebenen natürlichen Bedingungen nennen:

Die Natur hat für alle Wesen das Gesetz des Seins, der Existenz gegeben. Aber wenn selbst Naturwesen sich stetig entwickeln, wie sollen wir als Menschen nicht in einem höheren Sinne einer Fortentwickelung bedürfen! Und die Geschichte belehrt uns, daß wir uns in einer fortschreitenden Entwickelung befinden. Diese Entwickelung ist abhängig von der Kultur der Zeit, des Volkes und von tausend unberechenbaren Einflüssen. Ist es auch unmöglich, selbst die erkennbaren Faktoren in einem Vortrage zu kennzeichnen, so glauben wir nicht zu irren, wenn wir auch hier alle Einzelerscheinungen auf ein Gesetz zurückführen, das sich im Laufe der Jahrhunderte erkennbar herausgearbeitet hat und unsere Entwickelung bestimmt. Im Gegensatz zu der Auffassung der antiken Kulturvölker heißt das Gesetz moderner Kulturentwickelung: „Das Recht der Persönlichkeit nach individueller Freiheit.“

In der antiken Welt fand der Einzelne in der Familie, in der Gemeinde, im Staate die Würde seiner Persönlichkeit. Der Einzelne hatte nur Wert und Bedeutung im Zusammenhange mit der Familien- und Volksgenossenschaft.

In Griechenland und Rom war es der Staat, der dem Einzelnen Wert und Gepräge verlieh, der Staat, dem jeder Bürger seine Persönlichkeit ganz und voll hingab: im biblischen Altertum das Volk und sein Verhältnis zu Gott, die religiöse Idee, die dem Einzelnen zur idealen, ihn erfüllenden Lebensaufgabe wurde. Aus diesem Prinzip ergab es sich mit Notwendigkeit als eine Pflicht gegen Volk und Staat und Gott, eine Familie zu begründen, und mit dieser Pflicht wurde es umso strenger genommen, je stärker das Volksbewußtsein war. Erst in den späteren Zeiten des kaiserlichen Rom, in den Zeiten des Verfalls der Sitten und der altrömischen Geschlossenheit des Lebens begann auch die Ehelosigkeit.

Diese Auffassung bestimmte auch die Stellung der Frau in der alten Welt. War der Mann nur im Zusammenhang mit dem Familien-, Volks- und Staatsganzen eine Persönlichkeit, wie sollte die Frau sich anders als im Zusammenhange mit der Familie denken können? Im Familienverband waltete ja überdies noch sichtbarer als im Staatsverband die unbezwingliche Macht der Naturgesetze, und naturbestimmt für die Ehe, für die Familie dachte man sich nicht nur die Frau, sondern auch den Mann. Ja, die Strenge der Verpflichtung zur Heirat, zur Begründung einer Familie richtete sich nur gegen den Mann, und Strafen gegen unverheiratet gebliebene Männer waren in allen antiken Kulturstaaten festgestellt.

Wurde demnach das eheliche Verhältnis als ein Pflichtverhältnis aufgefaßt, so ergab es sich von selbst, daß die Neigung eine untergeordnete Rolle spielte, ja, fast gar nicht in Betracht kam. Während – und ich erlaube mir, diesen Punkt ganz besonders Ihrer Beachtung zu empfehlen – während unsere Dichtungen es fast ausschließlich mit den Konflikten des Herzens in Rücksicht auf die Gattenwahl zu tun haben, erzählen uns die Dichtungen des so hoch kultivierten griechischen Volkes wenig oder nichts von einem Konflikt des in unserer Zeit so eigenwillig gewordenen Herzens der Jugend gegen die von den Eltern oder Vormündern bestimmte Gattenwahl. Die griechischen Tragödien, diese Meister- und Musterwerke, haben es mit den erschütterndsten Kämpfen innerhalb der Familie, nicht mit dem Liebesleben und -leiden jugendlicher Gemüter zu tun. In unserer Zeit hat die Ehe nicht das Zwingende eines Natur-, Staats- oder Religionsgesetzes, sie wird nicht im Interesse einer zu gründenden Familie geschlossen, sie soll ein freies Bündnis zweier Menschen in Liebe sein, durch nichts bestimmt als durch die eigene freie Entschließung.

Wir sehen, durch welche Gegensätze wir uns durchkämpfen müssen. Aus der idealen Auffassung des Verhältnisses der Geschlechter, aus der freien Entfaltung des Gemütslebens, wie sie das Altertum nicht kannte, ergibt sich eine Frage von so materieller Art, von so prosaischem Charakter, wie sie gleichfalls das Altertum nicht kannte. Denn war Mann und Frau naturbestimmt für die Ehe, war namentlich das Leben der Frau nur denkbar in der Familie, so war bei der Einheitlichkeit und Geschlossenheit des antiken Lebens die Notwendigkeit anerkannt, daß die Familie der verlassenen Waise, der verwitweten Frau die Existenz verbürgte. Der Pater familias im alten Rom, der Patriarch, der Familienvater nach biblischer Anschauung und deshalb bei den Juden bis in die neueste Zeit, hatte Verpflichtungen gegen die Familienglieder, verwitwete Frauen, verwaiste Kinder, die ihn nicht mit Unrecht zu dem bestimmenden Mittelpunkte ihres Familienkreises machten.

Das ist in unserer Zeit anders geworden: Kein Familienhaupt ist der bestimmende Mittelpunkt für einen größeren Familienkreis. Sein Recht ist kein absolutes, selbst in dem engen Kreis seiner mündig gewordenen Söhne und Töchter. Und nur wenige Väter sind selbst in der Lage, über ihren Tod hinaus ihre eigenen Kinder materiell zu versorgen.

Wir sehen, auch dem hellstrahlenden Lichte unserer modernen Kultur fehlen die Schatten nicht, die ja das Licht begleiten. Wenn diese Schatten sich nur nicht zu drohenden Gespenstern aufrichteten, die von zwei Seiten nach uns zielen. Von der einen Seite die oft selbstgewählte, oft auch unfreiwillige Ehelosigkeit, von der andern die Unmöglichkeit, in den gegebenen Familienverhältnissen Sicherheit gegen die Not des Lebens zu finden.

Vielleicht gibt es keine einzige noch so weit gehende Forderung in bezug auf Frauenemanzipation, die sich mit der bereits vollbrachten an Kühnheit und Gefahr vergleichen ließe; sie schließt die gefährlichste Freiheit in sich, die Freiheit des Herzens. Wenn man die freie Wahl des Gatten oder gar den Verzicht auf die Ehe den Einzelnen überläßt, so ist wenigstens das letztere eine Freiheit, die sich über die Naturgesetze erhebt. Und es wird nicht mehr als eine Kühnheit erscheinen, die Formen für die gesellschaftliche Stellung zu bestimmen, da diese doch nicht die absolute Gültigkeit von Naturgesetzen beanspruchen können.

Hier sehen wir den Keim der Frauenfrage als Kulturfrage: hat man es prinzipiell zugegeben, daß die Gattenwahl sowie der Verzicht auf die Ehe auch von dem Willen der Jungfrau abhänge, so können tausend Fälle eintreten, wo diese Gattenwahl unmöglich ist. „Sie hat das Ideal ihres Herzens nicht gefunden,“ sie hat sich in dem Erwählten getäuscht; oder sie ist nicht begehrt worden.

Der Schatten, den das Licht unserer Kultur wirft, richtet sich vorzüglich gegen unser Geschlecht.

Die moderne Kultur hat das Recht der Persönlichkeit, das Recht auf eigene Existenz dem Manne in höherem Grade zuteil werden lassen, als die antike Kultur.

Wie aber gestaltet es sich für die Frau? Es ist ein hartklingendes Wort, das ich jetzt aussprechen muß: Unsere moderne Kultur hatte bisher durch die Befreiung des Einzelnen von dem Zwange der geschlossenen Familienhaftigkeit, wo in des Wortes wirklicher Bedeutung einer für den andern haftete – ich sage, unsere Kultur hat durch die Aufhebung dieser geschlossenen Familienzusammengehörigkeit das Urrecht jedes Wesens, das Recht der Existenz, dem weiblichen Geschlechte eher gefährdet als gewährt.

Denn da der Mann die Existenzverhältnisse repräsentiert, so ist es selbstverständlich, daß diejenigen Mädchen, die nicht heiraten, ohne Existenzmittel bleiben. Das Schutzverhältnis aber, das die alte Zeit dem weiblichen Geschlechte gewährte, ist in unserer Zeit nicht vorhanden, kann nicht vorhanden sein. Und nun ziehen wir noch einen, den wichtigsten Faktor in Betracht. – Wohl nicht mit Unrecht nennt man die Gegenwart das Zeitalter der Volkswirtschaft, und wir müssen, wenn auch in den knappsten Umrissen, zeigen, wie existenzbedrohend die moderne Kultur nicht nur im Gegensatze zur antiken, sondern auch zur mittelalterlichen unserm Geschlechte geworden. Die Fortschritte der Industrie, die Anwendung der Maschinen und Dampfkraft hat die weibliche Arbeit, die Handarbeit der Frau überflüssig gemacht. So wenig poetisch es auch klingen mag, es muß gesagt sein: Der Mann heiratete sonst in seiner Frau eine Gehilfin, die durch ihre Arbeit nicht nur das Haus verschönte, sondern es mit erhielt. Um es volkswirtschaftlich auszudrücken: „Die Äußerung der produktiven Arbeitskraft ist den Frauen im Hause genommen.“

Haben wir den Keim der Frauenfrage in der größern gemütlichen und geistigen Bildung zu einer sich selbst bestimmenden Persönlichkeit gefunden, so ist dieser Keim mächtig zur Entfaltung gelangt durch die einseitige Art dieser Bildung, die, weit entfernt die Mittel zur Selbständigkeit zu bieten, die Gefahr der Brotlosigkeit vermehrte. Die Handarbeit wurde zur Spielerei; man verfeinerte so lange, bis man zu der Meinung kam, die Frau sei zu einer wirklichen Arbeit von Natur aus gar nicht bestimmt. Das Wort: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ beziehe sich nicht auf die Frau.

Und nicht nur die Frauen, auch Männer und wohlwollende, einsichtige Männer halten ein Ideal von Weiblichkeit fest, das sich leider durch eine einseitige Richtung unseres dichtenden Volksgeistes unserer bemächtigt hatte und in der sogenannten romantischen Periode seinen Höhepunkt erreichte. Wie soll man es sich sonst erklären, daß Frauen die Freiheit in bezug auf ihre Persönlichkeit soweit ausdehnen können, daß sie in geselligen Zerstreuungen, in dilettantischen Kunstübungen und Kunstgenüssen, in der Sorge um ihre Toilette sich vollständig ausleben und dabei doch das befriedigende Gefühl haben, ihren weiblichen Beruf zu erfüllen? Ich nannte die Freiheit des Herzens eine gefährliche Freiheit, eine kühnere Emanzipation als jede andere. Wie aber soll man die Emanzipation von der Pflicht der Arbeit nennen? Man faßt ja das Wort „Emanzipation“ als gleichbedeutend mit Selbständigkeit, mit dem Rechte der Selbstbestimmung auf, und diejenigen Frauen, die das Selbstbestimmungsrecht über ihre Zeit, über ihre Kräfte für den Müßiggang benutzten, wären nicht emanzipierte Frauen? Wohl ist es leider keine Erziehung zur Selbständigkeit, aber zur Selbstheit, zum Egoismus, wenn die Jungfrau sich berechtigt glaubt, ihre Zeit zu verträumen, zu verspielen, zu vertanzen, zu verputzen? Wenn sie für den Schein erzogen, dem Manne gegenüber auf ihren Schein besteht und es als schuldigen Tribut für ihre Weiblichkeit fordert, ihr die Mittel zu solch’ müßigem Traum- und Genußleben zu verschaffen?

Bedenkt man diese Tatsache recht: von der einen Seite die Wertlosigkeit der sonst so wertvollen wirtschaftlichen Arbeiten, von der anderen Seite aber die gesteigerten Ansprüche, die gerade unsere Kultur mit ihrem gesteigerten Kunstfleiß erzeugt hat, so wird man sich nicht wundern, daß die Ehelosigkeit in den höheren, gebildeten Gesellschaftskreisen überhand genommen. – So teile ich aus einer Statistik vom Jahre 1864, also vor den beiden letzten großen Kriegen folgendes Verhältnis mit: In Preußen betrug damals die Zahl der unverheirateten Mädchen im Alter von über 16 Jahren 1 827 441; es scheint allerdings, als ob ein Alter über 16 Jahre keinen Maßstab bietet, da es ja die Heiratsmöglichkeit in sich schließt. Wenn aber in Preußen die Zahl der unverheirateten Männer im Alter von über 24 Jahren nur 976 000 betrug, so ist für die Million achtmalhunderttausend Mädchen kaum die Hälfte der Ehestandskandidaten vorhanden.

In welchem Lichte muß diesen statistischen Zahlen, diesen unleugbaren Tatsachen gegenüber, die Meinung sich befinden, die in hochtönenden Worten so oft in die Welt hinausgerufen wird: „Die Bestimmung des Mädchens ist die, zu heiraten; ihre Lebensaufgabe beziehe sich auf den Kreis ihrer Familie, ihres Hauses.“ Nochmals sei es wiederholt: Wenn die alten Kulturvölker diese Anschauung festhielten, so war sie in der Natur ihrer Verhältnisse begründet, für unsere Kulturverhältnisse klingt sie wie eine bittere Ironie.

Noch dunkler und trüber fast sind die Schatten, die unsere Kultur begleiten, wenn wir den Blick auf die verwitweten Frauen richten. Hier zeigen sich in Rücksicht auf die Lebensdauer der beiden Geschlechter ganz merkwürdige Unterschiede. Unsere moderne Kultur verbraucht ein gut Teil männlicher Arbeitskraft. Das Militärwesen, das Maschinenwesen mit den gesteigerten Ansprüchen an Menschenkraft vernichtet viele Männer in der Blüte der Jahre. Ich entnehme auch die folgenden Notizen einer Statistik aus dem Jahre 1864, weil ich die Kriegsjahre mit ihren Folgen mir lieber als Ausnahmezustände denken will; also 1864 gab es in Preußen rund 700 000 Witwen und dagegen 259 400 Witwer, in Leipzig allein gab es damals 5059 Witwen und 1098 Witwer. Interessant ist folgende Tatsache, die ich vor einigen Jahren aus Preußen verzeichnet fand: Von dem Geschlechte, über welches die Stürme der ersten französischen Revolution brausten, sind 160 Männer am Leben, dagegen 307 Frauen. Im Jahre 1871 lebten 8 Frauen im Alter von beinahe 100 Jahren und nur 1 Mann. – Vom 50. Jahre tritt die Erscheinung auf, daß die Sterblichkeit der Männer größer ist als die der Frauen, und so gestaltet sich die spätere und gewiß die schwerere Hälfte des Lebens sehr zu Ungunsten des weiblichen Geschlechts, und die Statistik mit ihren trockenen Zahlen sagt uns nichts anderes, als unser Dichter Jean Paul: „Das Weib vereinsamt mit den zunehmenden Jahren“. Und nicht nur der Tod, auch das Leben raubt der Frau früher als dem Manne den betrüglichen und doch oft erheiternden Schein des Daseins. Wie viele Hilfsquellen findet der einsame Mann außerhalb des Hauses, wie wenige die alternde, einsame Frau!

Auch hier ist es Doppelbild der geistigen und materiellen Not, das uns entgegenstarrt, erzeugt durch die unausbleiblichen Folgen einer Kulturentwicklung, die den Einzelnen auf sich selbst gestellt, und die ganze Hälfte des Menschengeschlechts nicht mit den Mitteln ausrüstete, die zur Selbständigkeit gehören. Denn ist es nötig, das Bild des materiellen Elends, der quälenden Sorge um des Lebens Notdurft, das uns so oft gerade in den Witwen entgegentritt, zu entrollen?

Wenn wir die Schatten in Umrissen zeichnen, die unsere Frage als eine Kulturfrage erscheinen lassen, so müssen wir, so schwer es uns auch fällt, auf die unheimlichste Gestalt unser Augenmerk richten, die namentlich in großen Städten ein nicht nur gespenstisches, sondern offenes Wesen treibt. Ich werde hier keine Zahlen nennen, ich vermag es nicht, deutlich zu sprechen, und doch muß ich darauf hindeuten, als den wundesten Punkt unserer Kulturzustände: Neben den einsamen Mädchen, die in kümmerlicher Weise ihren Lebensunterhalt gewinnen, neben den bleichen, kummervollen Witwen gibt es noch andere Gestalten: Sie sehen nicht bleich aus, weil die Schminke den Moder bedeckt, sie schleichen nicht dürftig und kummervoll einher, weil Seidengewänder das Elend verhüllen, aber sie werfen den dunkelsten Schatten auf unsere lichtvolle Kultur. Der Genius der Menschheit wendet sich errötend von ihnen ab. Dürfen wir uns aber abwenden, wenn wir bedenken, daß es eine bestätigte Tatsache ist: „Der größte Teil dieses elendesten Elends stammt aus materieller Not und schlechter Erziehung.“

Betrachten wir die Schäden, die Krankheiten, die Auswüchse an dem so stattlich prangenden Baum unserer Kultur, so sind wir wohl berechtigt zu sagen: Es ist hohe Zeit, Hand anzulegen, es ist hohe Zeit, sich Klarheit über die Verhältnisse zu verschaffen. Es ist für unser Geschlecht die Zeit gekommen, in der wir einsehen, daß wir den Schein einer Freiheit, das Spielen mit Empfindungen aufgeben müssen. Wir sind in Übereinstimmung mit unserem Schöpfer, mit unserem Gewissen, mit uns selber, wenn wir das Urrecht jedes Geschöpfes, das Recht auf Existenz für uns in Anspruch nehmen. Jedem Wesen hat die gütige Natur die Mittel zu seiner Existenz gegeben – und uns sollten sie versagt sein? Gebraucht jedes Naturwesen seine Kräfte zu seiner Selbsterhaltung, so ist das Recht auf menschenwürdige Existenz gewiß das Urrecht jedes in Gottes Ebenbilde geschaffenen Wesens. Menschenwürdig ist es aber, die Kräfte, die wir besitzen, zu entwickeln, zu gebrauchen, nicht nur um unsertwillen, um unserer Mitmenschen willen, um der Gesamtheit willen.

Wir wollen die gesunden Kräfte des Volkes in unsern Töchtern entwickeln, wir wollen ihnen Gelegenheit zur Entfaltung ihrer geistig sittlichen Anlagen geben und zwar allen, nicht nur den Armen, auch den Wohlhabenden; denn auf dem Gebiete geistiger Arbeit ist der Gebende so reich und so arm wie der Empfangende, hier sind alle gleich bedürftig.“

Die Lösung der Frauenfrage ist für Henriette Goldschmidt – hier weiß sie sich eins mit allen großen Führerinnen der Frauenbewegung – im Grunde nur möglich durch gründliche Reform der gesamten Frauenbildung. Es war daher kein Zufall, sondern es lag in der Natur der Sache, daß damals fast alle großen Frauentagungen beschlossen, „anstatt mit der Fassung von Resolutionen, mit der Gründung eines Frauenbildungsvereins, der es für seine vornehmste und erste Aufgabe hielt (in der betreffenden Stadt), Fortbildungsschulen für Mädchen zu errichten.“ Jeder, der die Mädchenschulverhältnisse der damaligen Zeit einigermaßen kennt, wird wissen, wie notwendig das war. Es gab damals außer der Volksschule und der meist in Privathänden ruhenden sogenannten höheren Töchterschule nur noch eine einzige Bildungsstätte, das war das Lehrerinnenseminar.

Also eine ungeheure Aufgabe galt es – und gilt es noch heute – zu lösen: die Schaffung eines dem innersten Wesen des weiblichen Geschlechts adäquaten und doch vielgestaltigen, in allen seinen Teilen zu wirtschaftlicher Selbständigkeit bzw. zu fruchtbarer Mitarbeit an unserer Kultur führenden Frauenbildungswesens. Vieler Jahrhunderte hatte es bedurft, um das Männerbildungswesen zu seiner jetzigen Höhe zu bringen. Wenn naturgemäß von diesen Einrichtungen auch vieles ohne weiteres der Frauenbildung dienstbar gemacht werden konnte, so war damit doch das letzte und feinste noch nicht erreicht, was Henriette Goldschmidt vorschwebte: die Bereicherung unserer Kultur durch die Entfaltung der tiefsten spezifisch weiblichen Seelenkräfte.

Aber mochte das Ziel auch noch so fern sein! Henriette Goldschmidt behielt es fest im Auge, und so konnte sie denn ihre oben zitierte Rede in Hannover mit den rührend-bescheidenen und zugleich zuversichtlich-trotzigen Worten schließen – die zugleich ein wundervolles Bild ihrer klaren und starken Seele entrollen:

„Der Kraft des schöpferischen Tuns bewußt, mit Demut und Hingebung der Stimme des Geistes lauschend, die durch die Jahrtausende tönt, handelnd und gehorchend, so vollzog sich und so vollzieht sich der ewige Prozeß des Lebens. Und innerhalb dieses Prozesses stehe auch fortan – ihre Aufgabe bewußtvoll als eine Kulturaufgabe für unser Menschengeschlecht erfassend – die Frau!“

b) Friedrich Fröbel.

Neben der Frauenbewegung war es Friedrich Fröbel, der dem Denken und Wollen Henriette Goldschmidts die entscheidende Richtung gab. –

Mußte Henriette Goldschmidt dadurch nicht innerlich zerrissen, nach zwei ganz verschiedenen Richtungen hingelenkt werden? Nein! Im Gegenteil, beide verschmolzen in ihr zu einer wundervollen Einheit. Nur dadurch wurde Henriette Goldschmidt das, was sie uns jetzt ist, daß einesteils das Bildungs-Problem der Frauenbewegung, die Frauensehnsucht ihrer Zeit in ganzer Stärke in ihr lebendig war und daß sie andernteils in Fröbels Ideen die Lösung des Problems, die Erfüllung dieser Sehnsucht fand.

Friedrich Fröbel war nicht nur der Gründer der Kindergärten, als den ihn die Welt fast ausschließlich kennt, sondern er war ein Pädagog ganz großen Stils, ein Kulturpädagog ersten Ranges. Die meisten Menschen denken bei dem Wort „Pädagog“ immer nur an „Lehrer“, und sie meinen, ein „großer Pädagog“ sei ein Mann, der einige neue Methoden ersonnen hat, durch deren Anwendung man den Kindern zahlreichere Kenntnisse vermitteln oder ihnen mindestens das Lernen erleichtern kann. Von solchem Schlag war Fröbel nicht. Sein Blick war auf Höheres gerichtet.

Der Menschheit und ihrer Entfaltung galt all sein Sinnen. Unter Menschheit ist aber hier nicht die Gesamtheit der lebenden Menschen zu verstehen, sondern es heißt hier soviel wie Menschentum. Es ist das Geistige, das im Menschengeschlechte lebt und schafft, das in ihm sich auswirkt. Es sind die spezifisch menschlichen Kräfte und Fähigkeiten, die im Unterschied zu allen anderen Kreaturen gerade dem Menschen eigen sind. Es ist das, was allen Menschen gemeinsam ist und seit Jahrtausenden gemeinsam war.

Es drängt nach Darstellung, nach Gestaltung, nach Objektivierung. Alles Menschentum, alle Menschenleistung ist eine Äußerung dieses Geistigen. Sitte und Recht, Kunst und Wissenschaft, Technik und Industrie, kurz alles, was wir Kultur nennen, ist dieser Quelle entsprungen. Die Menschheit ist Ursprung und Schöpfer der Kultur – wie die Gottheit Ursprung und Schöpfer der Natur und der Menschheit ist. Menschheit und Kultur verhalten sich zueinander wie Idee und Verwirklichung.

Der tiefste Wesenszug der Gottheit und damit auch der Menschheit ist der Schöpferwille und die Schöpferkraft, der Drang und die Fähigkeit, sich (d. h. Geistiges) im Stofflichen, im Materiellen darzustellen, sich gleichsam zu objektivieren, der formlosen Masse Gestalt zu geben. Stoff an sich ist formlos. Erst durch die Verbindung des Geistigen mit Stofflichem entsteht die Form. Materie sich selbst überlassen, ist Chaos, erst durch die Verbindung mit dem göttlichen Geist wird sie zum Kosmos.

Je reiner und unverletzter sich das Geistige im Stofflichen darstellen kann, um so vollkommener wird das Werk. Durch das Gestalten, durch das Ringen mit der Materie entwickelt sich das Geistige immer höher. „Alles Innere wird von dem Innern an dem Äußern und durch das Äußere erkannt. Das Wesen, der Geist, das Göttliche der Dinge und des Menschen, wird erkannt an seinen, an ihren Äußerungen“ (Fröbel).

Die Entwicklung der Menschheit hängt also davon ab, daß sie sich ungehemmt und frei entfalten, darstellen, objektivieren kann.

Dazu gehört dreierlei:

Erstens muß sie sich in ihrem innersten Wesen rein erhalten. Das geschieht, wenn sie sich stets ihres göttlichen Ursprungs bewußt bleibt. Darum setzt Fröbel an den Anfang seiner „Menschenerziehung“ (1826) das tiefsinnige Wort, das Henriette Goldschmidt nie ohne innere Ergriffenheit zitieren konnte: „In allem ruht, wirkt und herrscht ein ewiges Gesetz. Es sprach und spricht sich im Äußern, in der Natur, wie im Innern, in dem Geiste, und in dem beides Einenden, in dem Leben, immer gleich klar und gleich bestimmt dem aus, den entweder von dem Gemüte und Glauben aus die Notwendigkeit erfüllt, durchdringt und belebt, daß es gar nicht anders sein kann, oder dem, dessen klares ruhiges Geistesauge in dem Äußern und durch das Äußere das Innere schaut, und aus dem Wesen des Innern das Äußere mit Notwendigkeit und Sicherheit hervorgehen sieht. Diesem allwaltenden Gesetze liegt notwendig eine allwirkende, sich selbst klare, lebendige, sich selbst wissende, darum ewig seiende Einheit zu Grunde. Dieses wird auf gleiche Weise wieder so wie sie – die Einheit selbst – entweder durch Glauben oder durch Schauen lebendig, gleich er- und umfassend erkannt, so daß sie auch von einem still achtsamen menschlichen Gemüte, von einem besonnenen klaren menschlichen Geiste von jeher sicher erkannt ward und immer davon erkannt werden wird.

Diese Einheit ist Gott.

Alles ist hervorgegangen aus dem Göttlichen, aus Gott, und durch das Göttliche, durch Gott einzig bedingt; in Gott ist der einzige Grund aller Dinge.

In allem ruht, wirkt, herrscht Göttliches, Gott.

Alles ruht, lebt, besteht in dem Göttlichen, in Gott und durch dasselbe, durch Gott.

Alle Dinge sind nur dadurch, daß Göttliches in ihnen wirkt.

Das in jedem Dinge wirkende Göttliche ist das Wesen jedes Dinges.

Die Bestimmung und der Beruf aller Dinge ist: ihr Wesen, so ihr Göttliches, und so das Göttliche an sich entwickelnd darzustellen, Gott am Äußerlichen und durch Vergängliches kundzutun, zu offenbaren.“ –

Zweitens muß sich die Menschheit dieser ihrer Bestimmung bewußt werden. Darin erblickt Fröbel die besondere Bestimmung, den besonderen Beruf des Menschlichen. Die übrigen Geschöpfe entfalten ihr Wesen nur einem dunklen Drange folgend, der Mensch soll es mit Bewußtsein tun. Dadurch erhebt er sich über alle anderen Kreaturen. Dadurch nähert er sich der Gottheit.

Drittens braucht die Menschheit, um sich ungehemmt und frei entfalten zu können: Stoff, Gelegenheit, Möglichkeit zur Betätigung. Das Bewußtsein ihres göttlichen Ursprungs und das Erkennen ihrer Bestimmung allein genügt noch nicht zur Höherbildung. Das allein ist noch keine Entfaltung und Entwicklung. Arbeit muß dazukommen, Arbeit und Schaffen am Materiellen, am „Äußeren“. Dadurch gewinnt die Arbeit bei Fröbel einen ganz neuen Sinn. Sie ist nicht mehr wie im „Alten Testament“ Strafe für die im Paradies begangene menschliche Sünde („Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“), sie ist auch nicht nur unangenehme Notwendigkeit zur Erhaltung des Körpers (wie die meisten Menschen glauben), sondern sie ist Mittel zur Entfaltung des Geistigen. Sie ist der stärkste und unentbehrlichste Kulturfaktor überhaupt. „Erniedrigend ist der Wahn“, hat Fröbel daher einmal geschrieben, und Henriette Goldschmidt hat dieses Wort oft und gern zitiert, darum sei es noch hierher gesetzt, „erniedrigend ist der Wahn, als arbeite, wirke und schaffe der Mensch nur darum, seinen Körper, seine Hülle zu erhalten, sich Brot, Haus und Kleider zu erwerben; nein – der Mensch schafft ursprünglich nur darum, damit das in ihm liegende Geistige, Göttliche sich außer ihm gestalte und er so sein eigenes göttliches Wesen und das Wesen Gottes erkenne. Das ihm dadurch kommende Brot, Haus und Kleid ist unbedeutende Zugabe.“

Mit diesem weiten Blick tritt nun Fröbel an das Erziehungsproblem heran. Erziehung kann ihm – nach dem Vorangegangenen – nichts anderes sein als:

1. Hinlenken des Blickes der Menschen auf den ewigen Ursprung alles Seins und Pflegen des Gefühls des inneren Verbundenseins mit dem Göttlichen,

2. Anregen und Hinführen zur Selbstbesinnung über das Wesen und die Bestimmung des Menschen, und

3. Anleiten zu schaffendem Gestalten, zu produktiver Arbeit.

Das ist Kulturpädagogik im eigentlichen Sinne; denn sie entfaltet und stärkt alle schöpferischen menschlichen Kräfte, die die Kultur bauen, die überhaupt erst Kultur möglich machen.

Die Menschheit und ihre Entfaltung, die Menschheit und ihre „Darlebung“ in der Kultur, die Steigerung der Menschenkraft, die Erhöhung seiner Kulturleistung, das ist das große Ziel, das ihm vorschwebt.

Erziehung der Menschheit, nicht des Einzelnen!

Natürlich muß die praktische Erziehungsarbeit am einzelnen Kinde, am einzelnen Menschen erfolgen. Aber sie ist nicht Selbstzweck. Es kommt Fröbel nicht darauf an, daß dieses oder jenes Individuum um seiner selbst (oder um seiner Eltern) willen so oder so entwickelt werde, sondern es kommt ihm im Grunde nur auf die Pflege des Göttlichen in jedem Wesen, gleichsam auf die Menschheit im Menschen an. Wenn je ein Pädagog, so betrachtet Fröbel die Erziehungsarbeit sub specie aeternitatis.

Am reinsten und noch völlig „unverletzt“ tritt uns die Menschheit im Kinde, im kleinen Kinde, entgegen. Die Welt mit ihren Gefahren des Materiellen hat hier noch keinen Schaden getan. Alles kommt nun darauf an, daß diese Reinheit und Unverletztheit der Menschheit bewahrt bleibt. Das kann nur geschehen durch angemessene bewußte Pflege. Darum ist die früheste Behandlung des Kindes so wichtig. Ist die Menschheit im einzelnen Individuum erst einmal verdorben und verkümmert, dann ist es zu spät. Ein solches Individuum scheidet dann als Träger des Geistigen aus. Es wird seine Bestimmung nicht erfüllen.

Es gilt also die Menschheit zu pflegen in den Kindern. Das ist das erste und wichtigste Stück der Fröbelschen Pädagogik.

Das ist keine Erziehung im landläufigen Sinne, keine „bewußte und planvolle Einwirkung des Mündigen auf den Unmündigen“, sondern es ist eben nur ein – Pflegen.

Das Bild des Gärtners schwebte Fröbel dabei vor. Der Gärtner will auch nicht aus den ihm anvertrauten Pflänzchen alles Mögliche machen, was er sich in den Kopf gesetzt hat, sondern er will nur dafür sorgen, daß jedes Pflänzchen seiner Eigenart gemäß sich voll entwickeln und entfalten, daß es also sein Wesen (d. h. das in ihm wirkende Göttliche) rein und unverletzt darstellen, „darleben“ kann. Alles Schädliche, das von außen diese Entwicklung stören könnte, muß er fernhalten, aber er muß den Pflanzen geben, wessen sie zu ihrer Entwicklung bedürfen. Er muß seine Schützlinge – pflegen.

Ganz ebenso – meint Fröbel – ist es in der ersten Erziehung. Hier gilt es auch nur, die Kleinen und damit die in ihnen wirkende Menschheit zu pflegen, das kostbare Gut vor Beschädigung zu hüten, ihm die Möglichkeit zu geben, sich rein und unverletzt zu entfalten. Wir brauchen daher für die ersten Lebensjahre der Kleinen noch nicht eigentliche Erzieher und Erzieherinnen, sondern wir brauchen Kinderpfleger und Kinderpflegerinnen – oder wie Fröbel seit 1840 diese so treffend nannte: Kindergärtnerinnen. Eine Kindergärtnerin ist keine Erzieherin im üblichen Sinne, sie ist nur eine Hüterin und Pflegerin der „Menschheit in der Kindheit“. Sie bedarf keines strengen pädagogischen Willens (wie der spätere eigentliche Erzieher), sondern sie bedarf nur jener feinen Gärtnergesinnung. Die erste Erziehung soll ja nach Fröbel nicht eigentlich „vorschreibend, bestimmend und eingreifend“ sein, sondern „nachgehend, nur behütend und schützend.“ Denn „das Wirken des Göttlichen ist in seiner Ungestörtheit notwendig gut, muß gut, kann gar nicht anders als gut sein. Diese Notwendigkeit muß voraussetzen, daß der noch junge, gleichsam erst werdende Mensch, wenn auch noch unbewußt gleich einem Naturprodukt, doch bestimmt und sicher das Beste an sich und für sich will, und zwar noch überdies in einer ihm ganz angemessenen Form, welche darzustellen er auch alle Anlagen, Kräfte und Mittel in sich fühlt. So eilt die junge Ente nach dem Teiche und auf und in das Wasser, während das junge Hühnchen in der Erde scharrt und die junge Schwalbe im Fluge ihr Futter fängt und fast nie die Erde berührt. Pflanzen und Tieren, jungen Pflanzen und jungen Tieren geben wir Raum und Zeit, wissend, daß sie sich dann den in ihnen, in jedem Einzelnen wirkenden Gesetzen gemäß schön entfalten und gut wachsen; jungen Tieren und jungen Pflanzen läßt man Ruhe und sucht gewaltsam eingreifende Einwirkungen auf sie zu vermeiden, wissend, daß das Gegenteil ihre reine Entfaltung und gesunde Entwicklung störe; aber der junge Mensch ist dem Menschen ein Wachsstück, ein Tonklumpen, aus dem er kneten kann was er will.“ Darum mahnt Fröbel: „Menschen, die ihr Garten und Feld, Wiesen und Hain durchwandelt, warum öffnet ihr euren Sinn nicht, das zu hören, was die Natur in stummer Sprache euch lehrt: sehet an die Pflanze, die ihr Unkraut nennt und die in Druck und Zwang herauf gewachsen, kaum innere Gesetzmäßigkeit ahnen läßt, sehet sie im freien Raume, auf Feld und im Beet, und schaut, welch eine Gesetzmäßigkeit, welch ein reines inneres, in allen Teilen und Äußerungen übereinstimmendes Leben sie zeigt: eine gestaltete Sonne, ein strahlender Stern der Erde entkeimt. So könnten, Eltern! eure Kinder, denen ihr frühe Form und Beruf wider ihre Natur aufdringt, und die darum in Siechheit und Unnatürlichkeit um euch wandeln, auch schön sich entfaltende und allseitig sich entwickelnde Wesen werden.“

Was wir also brauchen für unsere Kleinen, ist gleichsam ein Garten der Kindheit, in dem die jungen Geschöpfe heranwachsen können, gepflegt und behütet von treuen Gärtnerinnen. Was wir brauchen, sind Kindergärten, d. h. Stätten, in denen unsere Kleinen ihrem innersten Wesen entsprechend sich entfalten, an denen sie ihr Göttliches – die Menschheit – „darleben“ können.

Wie kann das geschehen?

Der tiefste Wesenszug der Gottheit – und daher auch der Menschheit – ist, wie oben bereits erwähnt, der Schöpferwille, der Gestaltungsdrang. Im frühen Kindesalter äußert sich dieser als Tätigkeits- und Beschäftigungstrieb. Nie wieder im Leben ist dieser Drang nach Bewegung und Tätigkeit so stark wie in diesen frühen Jahren. Schon der alte Pädagog Comenius hatte das erkannt und in seinem „Informatorium der Mutter Schul“ (1632) geschrieben: „Die Kinder tun gern allezeit etwas, denn das junge Blut kann nicht lange still stehen, und solches ist sehr gut. Darum soll man es ihnen auch nicht wehren, sondern vielmehr Anlaß geben, daß sie immer etwas zu tun haben. Laß sie Ameislein werden, welche immer herumkriechen, tragen, schleppen, einlegen, umlegen“ usw.

Die bewußte Pflege dieses stärksten aller kindlichen Triebe, des Tätigkeits- und Beschäftigungstriebes war für Fröbel der Anfang wahrer Menschenerziehung. Er erblickte darin reinste Darlebung der Menschheit in der Kindheit. „Menschheitspflege und Kindheitspflege,“ schrieb er einmal „wohnen in einem Tempel.“

Fröbel begnügte sich nun aber nicht damit, die Pflege des Tätigkeitstriebes zu fordern, sondern er wollte zugleich Wege weisen, wie der Tätigkeitstrieb gepflegt werden könne, er wollte den Kindern Material in die Hand geben, an dem sich ihre inneren und äußeren Kräfte entfalten würden. So schuf er:

1. seine „Mutter- und Koselieder. Dichtung und Bilder zur edlen Pflege des Kindheitlebens. Ein Familienbuch“ (1844). Mit 50 großen Kupfern von Friedrich Unger[3];

2. seine Gabenreihe (Ball – Kugel, Würfel, Walze – Baukästen) mit den dazu gehörigen „Anleitungen“ (für die Erwachsenen);

3. seine zahlreichen sonstigen Beschäftigungen (Legetäfelchen, Flecht- und Faltarbeiten, Ausstech- und Ausnähblätter u. dgl.).

Es würde zu weit führen, im einzelnen zu zeigen, wie Fröbel sich diese neue Kindheitpflege in Familie und Kindergarten dachte. Auf die einzelnen Maßnahmen kam es ihm dabei auch gar nicht zu sehr an, als vielmehr auf den Geist, in dem das Ganze aufgefaßt und ausgeübt wurde.

Und da setzte er seine ganze Hoffnung auf die Frauenwelt.

In dem mütterlichen Instinkt, in dem angeborenen Pflegesinn des Weibes sah er die gott- und naturgewollte Grundlage echter Kindheitpflege. „Kinderleben und Kinderliebe, Kinderleben und Frauensinn,“ schreibt er einmal, „überhaupt Kindheitpflege und weibliches Gemüt trennt nur der Verstand. Sie sind ihrem Wesen nach eins. Denn Gott hat das leibliche wie das geistige Fortbestehen des Menschengeschlechts durch die Kindheit in das Frauenherz und -gemüt, in den echten Frauensinn gelegt.“

Freilich, diese Einigung von Kindheit und Frauenleben, die früher wohl bestand, ist durch die Riesengewalt äußerer Verhältnisse und die wirtschaftlichen Nöte der Zeit vielfach verloren gegangen. Weil sie sich ihres innersten Wesens, ihrer eigentlichen Bestimmung nicht bewußt waren, darum haben die Frauen diese Einigung viel zu leicht aufgegeben. Aber die unnatürliche Trennung zwischen Frauenleben und Kindheit, zwischen Weiblichkeit und Kinderleben hat dazu geführt, daß allmählich das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit von „Kinderleben und Frauensinn“ erwacht ist und das Streben, diese natürliche Einheit wieder herzustellen. „Der ersten Kindheitpflege muß das Frauenleben wieder ganz zugewandt werden; Frauenleben und Kindheitpflege muß allgemein wieder geeint, weibliches Gemüt und sinnige Kinderbeachtung muß wieder ein Einiges werden.“ (Fröbel.)

Was das weibliche Geschlecht bisher rein instinktiv getan, nur seinem Naturtriebe folgend – also im Grunde passiv –, das soll und wird es in Zukunft bewußt ausüben, aus höherer Einsicht, aus eigenem Willen – also im Grunde aktiv. Dadurch wird das bisherige natürliche Tun der Frau zur Kulturleistung. Denn alles natürliche Tun beruht auf dem Instinkt, alle Kulturleistung aber auf dem Bewußtsein und dem Willen des Menschen.

Diese Kulturleistung des weiblichen Geschlechts ist aber nur möglich, wenn es zuvor seine „menschheitspflegende Bestimmung“ erkannt, d. h. wenn es im einzelnen Kinde nicht mehr nur das seelisch-körperliche Einzelwesen erblickt – was das Kind natürlich zunächst ist – sondern darüber hinaus in jedem Kinde das ewig Geistige, die Menschheit (in dem oben dargelegten Sinne) und damit Göttliches ahnt.

Damit ändert sich die ganze Stellung der Frau zum Kinde und zur Menschheit.

Sie ist nicht nur mehr Hüterin eines Einzelgeschöpfes, sondern Priesterin des Ewigen: sie pflegt Unvergängliches – Göttliches – in ihrem Kinde. Der natürliche Pflegesinn des Weibes – der tiefste Wesenszug ihres Geschlechts – erhält dadurch eine viel umfassendere Bedeutung, ein viel höheres Ziel. Er wird gleichsam zu einer Kulturnotwendigkeit.

Das hatte Henriette Goldschmidt klar erkannt: Wenn die Frauenbewegung kulturfördernd in großem Stil werden will, muß sie diese ihre tiefste Kulturaufgabe erkennen und in Angriff nehmen. Hier sind die starken Wurzeln ihrer Kraft; denn hier steht sie auf ureigenstem Boden. Hier ist dem weiblichen Geschlecht als Ganzem eine Möglichkeit zur Höherentwicklung „von seinem Wesen aus“ gegeben. Mögen einzelne begabte Frauen auch auf anderen Kulturgebieten Großes leisten, das weibliche Geschlecht als Ganzes wird nur in der Auswirkung und Vergeistigung seiner mütterlichen Instinkte, seines angeborenen Pflegesinns Eigenartiges und den Kulturtaten des männlichen Geschlechts (wieder als Ganzes genommen) Gleichwertiges schaffen können.

Die Pflege der Menschheit in der Kindheit, also das Erhalten und Behüten, das Üben und Starkmachen der eigentlichen kulturschaffenden Kraft ist sowohl vom Standpunkt der Menschheit als auch vom Standpunkt der Kultur unentbehrlich und daher jeder anderen Kulturarbeit gleichwertig.

In diesem tiefen und umfassenden Sinne muß das Lieblingswort Henriette Goldschmidts verstanden werden, das sie Fröbel entnommen hat und von dem sie wünschte, daß es in ihrer Anstalt unter ihre Büste gesetzt würde, da es besser als jedes andere zum Ausdruck brächte, was sie erkannt und gewollt habe, das Wort:

„Es ist das Charakteristische der Zeit, das weibliche Geschlecht seiner instinktiven passiven Tätigkeit – als Glied der Menschheit – zu entheben und es von seinem Wesen aus, und um seiner menschheitpflegenden Bestimmung willen, ganz zu derselben Höhe wie das männliche Geschlecht zu erheben.“

Aus diesem Geist, aus diesem Glauben heraus ist auch das andere Wort entstanden, das Henriette Goldschmidt einmal in einer glücklichen Stunde geprägt und dann oft und gern wiederholt hat, das Wort, das fast schon zum „geflügelten“ geworden ist:

„Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau.“

Auch dieses Wort weist in die Zukunft.

Viele verstehen es so, als habe Henriette Goldschmidt einfach konstatieren wollen: Der Erziehungsberuf sei der Kulturberuf der Frau. Nein! Der Erziehungsberuf, wie er von den allermeisten Menschen jetzt noch aufgefaßt und geübt wird, ist noch kein Kulturberuf. Er ist noch eine „instinktive, passive Tätigkeit.“ – Aber er soll ein Kulturberuf, er wird der Kulturberuf der Frau werden.

Henriette Goldschmidt hat dieses Wort zunächst den suchenden und gebildeten Frauen zugerufen, die ihre Kräfte in den Dienst der Kultur stellen möchten, ohne bereits ein klares Ziel für ihre Arbeit zu haben. Denen will sie mit diesen. Wort sagen: Sucht das Ziel nicht draußen, sondern in euch selbst! Erkennt die menschheitpflegende Bestimmung des weiblichen Geschlechts und weiht eure Kräfte einer Arbeit, die euerm innersten Wesen gerecht wird! Die Frau kann „als Glied der Menschheit“ nichts Höheres vollbringen, als ihren Erziehungs- und Pflegeberuf als Kulturberuf aufzufassen und auszuüben.

Freilich, die Frauenwelt wird und kann diesen Weg nur gehen, wenn ihre Führerinnen sich zu diesem Ziel bekennen und wenn sie die Bildung des weiblichen Geschlechts in diesem Sinne gestalten. Friedrich Fröbel bezeichnete am Ende seines Lebens seinen für Marienthal entworfenem Plan einer in dieser Art gedachten Bildungsanstalt für das weibliche Geschlecht als die letzte Konsequenz seines Grundgedankens.

Die Errichtung einer solchen Bildungsstätte war auch für Henriette Goldschmidt die letzte Konsequenz ihrer inneren Entwicklung, die Synthese ihrer aus der deutschen Frauenbewegung und aus der Fröbelschen Pädagogik entwickelten Ideen.

2. Ihr Wirken für die Kindergartensache.

a) Petition an die deutschen Regierungen.

Fast 50 Jahre hat Henriette Goldschmidt im Dienste der Kindergartensache gestanden. Sie hat zahllose Vorträge über die Idee des Kindergartens gehalten, hat jahrzehntelang intensiv im „Deutschen Fröbelverband“ mitgearbeitet, hat in Leipzig vier große Volkskindergärten geschaffen, die noch heute als städtische Anstalten blühen. Aber über all das soll hier nicht ausführlich gesprochen werden. So verdienstvoll es natürlich war, es unterschied sich doch nicht wesentlich von der gleichen Arbeit geistesverwandter Frauen in anderen Städten. Hier sei nur von dem berichtet, was sie mehr geleistet hat als die andern.

Da ist in erster Linie die Petition des „Bundes deutscher Frauenvereine“ an die deutschen Regierungen zu nennen. Pfingsten 1897 hatte Henriette Goldschmidt auf der Generalversammlung des Bundes den Antrag gestellt, eine Petition an die deutschen Regierungen wegen „Einordnung der Fröbelschen Erziehungs- und Bildungsanstalten (Kindergärten und Seminare für Kindergärtnerinnen) in das Schulwesen der Gemeinden und des Staates“ zu richten. Der Antrag fand die Zustimmung des Bundes, und die „Erziehungskommission“ wurde beauftragt, die Petition auszuarbeiten. Die eigentliche Arbeit hatte Henriette Goldschmidt zu leisten, die die Vorsitzende dieser Erziehungskommission war. Aus dem Briefwechsel Henriette Goldschmidts mit ihrer Freundin, Frau Jenny Asch in Breslau[4], wissen wir Näheres über die Schwierigkeiten, unter denen diese Petition zustande kam: Einige Mitglieder der Kommission standen der ganzen Sache kühl gegenüber, andere wohnten auswärts (z. B. Eleonore Heerwart in Eisenach, Martha Back in Frankfurt a. M.), der Vorsitzende des „Deutschen Fröbelverbandes“ (Prof. Dr. Eugen Pappenheim in Berlin) war überhaupt gegen die Eingabe. Schließlich blieb Henriette Goldschmidt nichts anderes übrig, als die Petition selbst auszuarbeiten und dann den übrigen Mitgliedern der Kommission zur Billigung zuzuschicken. Im November 1898 sandte dann der Vorstand des „Bundes deutscher Frauenvereine“ die Petition an die Regierungen ab.

Henriette Goldschmidt hatte auf einen raschen Erfolg dieser Eingabe kaum allzu große Hoffnungen gesetzt. Sie wollte damit nur die ganze Angelegenheit überhaupt in Fluß bringen. Daß sich nicht alles, was sie darin forderte, in kurzer Zeit werde verwirklichen lassen, das wußte sie. Wenn die Regierungen nur überhaupt anfingen, der Kindergartensache näher zu treten, das genügte zunächst schon. Zehn Jahre später zeigten sich die ersten Spuren: 1908 im Lehrplan der preußischen Frauenschulen, 1911 in den Prüfungsbestimmungen für Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen. Wenn naturgemäß zwischen 1898 und 1908 auch noch andere maßgebende Persönlichkeiten in dieser Richtung auf das preußische Kultusministerium eingewirkt haben mögen, so ist doch die Tatsache nicht zu leugnen, daß Henriette Goldschmidt den ersten mutigen Schritt in dieser Sache getan hat und daß daher ihre Petition von 1898 ein Markstein in der Geschichte des deutschen Kindergartenwesens bleiben wird.

Damit dieses historisch bedeutsame Schriftstück nicht so schnell der völligen Vergessenheit anheimfällt, sei es nachstehend im Wortlaut wiedergegeben, zumal es auch in Einzelheiten überaus charakteristisch für Henriette Goldschmidt ist:

„Das Gesuch betrifft das für unsere Familien- und Volkserziehung so wichtige Gebiet der Kindergärten und Seminare für Kindergärtnerinnen.

Beide Anstalten verdanken ihr Entstehen bekanntlich dem jüngsten schöpferischen deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel. Auf die Initiative von Männern und Frauen (Diesterweg, Frau von Mahrenholtz-Bülow, Johanna Goldschmidt u. a. m.), die noch unmittelbar unter dem Einflusse des Meisters standen und von seinen Ideen begeistert waren, ist die Errichtung von Kindergärten und Seminaren zurückzuführen.

Dieser selbstlosen Hingabe und opferwilligen Arbeit für die Realisierung des Fröbelschen Erziehungswerkes folgte eine Privattätigkeit einzelner Personen, die unter eigener Verantwortlichkeit Kindergärten und Seminare für Kindergärtnerinnen errichteten, ohne eine andere Kontrolle als die ihrer eigenen Gewissenhaftigkeit. Die Folge davon ist, daß Erziehungsstätten, die sich auf die wichtigsten Lebensalter – auf die Kindheit beider Geschlechter und auf das jungfräuliche Alter – beziehen, den Charakter industrieller Unternehmungen angenommen haben. Kindergärten und Seminare für Kindergärtnerinnen unterliegen bisher dem Gewerbe- und nicht dem Schulgesetze.

Welch eine große Schädigung der Sache dieser Umstand mit sich führt, das kann hier nicht erörtert werden. Hinweisen wollen wir darauf, daß Erziehungsstätten für das erste Kindesalter nur einer früheren, nicht einer niedrigeren Stufe unseres Lebens dienen als die Volksschulen. Wie aber die Errichtung einer Schule ohne Befähigungsnachweis unstatthaft ist, so dürfte mit gleichem Rechte die Gründung eines Kindergartens ohne Befähigungsnachweis unstatthaft sein. Dasselbe, nur in verschärfter Form, gilt für die Errichtung von Seminaren für Kindergärtnerinnen.

Diese Anstalten sind bestimmt, Erzieherinnen zu bilden und haben daher eine Aufgabe zu erfüllen, welche derjenigen der Seminare für Lehrerinnen kaum nachsteht.

Bezieht sich daher unser Gesuch zunächst darauf, daß die genannten Anstalten der Willkür enthoben und einer behördlichen Kontrolle unterworfen werden, so beschränkt es sich nicht darauf.

Es wird im allgemeinen zugegeben, daß die Grundlagen der Charakterbildung im Kinde geschaffen sind, wenn dasselbe in die Volksschule eintritt. Die hochwichtige erzieherische Aufgabe, welche dem vorschulpflichtigen Alter zugewiesen ist, wird zur Stunde lediglich dem Zufall überlassen. – Die weitaus größere Zahl der Eltern hat für die Lösung derselben entweder keine Zeit oder kein Verständnis, oder keine Neigung. Es erscheint demgemäß dringend geboten, die Erziehung des heranwachsenden Geschlechtes im vorschulpflichtigen Alter von Staats wegen im Interesse des Staates sicherzustellen. Weder Vereine, noch private Unternehmungen sind imstande, eine Aufgabe zu lösen, die sich auf die gesamte Bevölkerung bezieht – sie konnten nur die notwendige Vorarbeit leisten. – Weil aber die Erziehung der Kinder im vorschulpflichtigen Lebensalter für die Zukunft des heranwachsenden Geschlechtes, also für unser Volk und den Staat, von höchster Bedeutung ist, bitten wir eine hohe Regierung, hochdieselbe wolle durch ein besonderes Gesetz oder durch eine Novelle zum Schulgesetze die Frage der Kindergärten einer Regelung unterziehen, und zwar wolle hochdieselbe in dem erbetenen Gesetze anordnen, daß innerhalb eines festzustellenden Zeitraumes jede Gemeinde in Verbindung mit ihrer Volksschule einen oder mehrere Kindergärten zu errichten habe, zu dessen Besuche alle Kinder mindestens zwei Jahre vor ihrem Eintritt in die Volksschule verpflichtet sind. Diese Kindergärten bitten wir den staatlichen Schulaufsichtsbehörden zu unterstellen.

Auch wenn die hohe Regierung nicht für baldigen Erlaß eines derartigen Gesetzes sich entschließen könnte, wird sich hochdieselbe nicht verschweigen dürfen, daß die derzeitige Ausbildung der Kindergärtnerinnen nicht immer der Bedeutung entspricht, welche die erzieherische Tätigkeit erfordert. Wir fühlen uns deshalb verpflichtet, eine hohe Regierung gehorsamst zu bitten:

Hochdieselbe wolle anordnen, daß die Seminare für Kindergärtnerinnen der staatlichen Prüfung unterstellt und daß die Abgangsprüfungen der Seminaristinnen vor einer vom Staate eingesetzten Kommission abgelegt würden. Außerdem ersuchen wir aber die hohe Regierung, mit der Errichtung staatlicher Anstalten für die Ausbildung von Kindergärtnerinnen vorgehen zu wollen.

Angesichts der Übelstände, welche auf diesem so hochwichtigen Gebiete vorhanden, bitten wir ferner eine hohe Regierung:

Hochdieselbe wolle gütigst anordnen, daß nach einem gewissen Zeitraum, dessen Dauer dieselbe bestimmen wolle, die Lehrerinnen an Kindergärten vor einer staatlichen Kommission ihre Prüfung bestanden haben müssen.

So lange, als die hohe Regierung noch nicht die Errichtung von Kindergärten im Anschluß an die Volksschule durch die Gemeinden angeordnet hat, bitten wir:

Eine hohe Regierung wolle die bestehenden privaten, von Vereinen, sonstigen Korporationen oder Einzelnen errichteten und erhaltenen Kindergärten unter die Aufsicht der staatlichen Behörde stellen.

Schließlich geben wir uns der Hoffnung hin, daß nach der Einführung der gesetzlich angeordneten Gemeinde-Kindergärten die Leiterinnen derselben, ebenso wie die Lehrerinnen das Recht auf Pensionsbezug erlangen.

Wir glauben einer Frage des Staatswohles von hoher Bedeutung zu entsprechen, wenn wir uns gestatten, die Aufmerksamkeit einer hohen Regierung für dieselbe zu erbitten. Es handelt sich um eine sorgfältige naturgemäße Erziehung großer Massen von Kindern zu einer Zeit, die für die Richtung des Gemütslebens, für die Charakterbildung ausschlaggebend ist.

Wir gestatten uns, auf die Begleitschrift zu verweisen, welche die wesentlichsten Punkte der Begründung der Petition enthält und geben uns der Hoffnung hin:

Eine hohe Regierung werde unser Gesuch einer wohlwollenden Prüfung unterziehen und uns gütige Genehmigung unserer Bitten zuteil werden lassen.

Leipzig, November 1898.

Der Vorstand des Bundes deutscher Frauenvereine.
Auguste Schmidt, Vorsitzende.

Henriette Goldschmidt,
Vorsitzende der Erziehungskommission des
Bundes deutscher Frauenvereine.“

Ein reiches Programm! Jeder einzelne Punkt desselben beweist, wie gründlich Henriette Goldschmidt die Kindergartenarbeit kannte, wie sehr die Mißstände auf diesem Gebiet sie schmerzten und wie sie auf Besserung sann. In der dieser Petition beigefügten „Begleitschrift“ geht sie noch ausführlicher auf alle diese Einzelheiten ein. Es würde zu weit führen, auch den Inhalt dieser Begleitschrift hier wiederzugeben.

Nur darauf sei noch ausdrücklich hingewiesen: Für Henriette Goldschmidt ist der Kindergarten – wie übrigens auch für Fröbel – nicht eine Einrichtung der Not. Er ist in erster Linie eine pädagogische Anstalt. Die Kleinkinderbewahranstalten Oberlins entstanden aus wirtschaftlichen und sozialen Notständen heraus, der Kindergarten Fröbels aber verdankt seine Existenz einer pädagogischen Idee (vgl. [S. 93 ff.]). Das darf man nie aus dem Auge verlieren.

b) Streitschrift gegen K. O. Beetz.

Die Eingabe des „Bundes deutscher Frauenvereine“ an die deutschen Regierungen veranlaßte den damaligen Schuldirektor in Gotha K. O. Beetz zur Veröffentlichung einer Gegenschrift: „Kindergartenzwang! Ein Weck- und Mahnruf an Deutschlands Eltern und Lehrer“ (Verlag Emil Behrend in Wiesbaden 1900). In scharfsinniger und temperamentvoller Weise greift Beetz in diesem Schriftchen den Kindergarten und die Eingabe des Bundes an. Man spürt es beim Lesen dieser Broschüre, daß hier nicht nur „irgend jemand“ seine Meinung äußert, sondern ein Pädagog von ausgeprägter Eigenart und nicht gewöhnlicher Begabung. Manches in seinen Ausführungen ist prachtvoll. Das Ganze stilistisch gewandt und glänzend geschrieben. Jedenfalls der geistvollste Angriff, der je gegen den Kindergarten geführt worden ist.

Um so größer war die Gefahr, die von dieser Schrift ausgehen mußte. Denn daß Beetz trotz alles Scharfsinns die Ideen Fröbels nicht richtig erkannt und daher das Wesen des Kindergartens falsch aufgefaßt hatte, das konnte höchstens ein Kenner, keinesfalls aber das große Publikum merken. Es war daher dringend nötig, daß der Beetzschen Schrift entgegengetreten wurde. Unbegreiflich ist es, daß dies nicht von der in erster Linie in Frage kommenden Stelle, vom damaligen Vorstand des „Deutschen Fröbelverbandes“ sofort geschehen ist.

Da kein andrer Zeit oder Mut fand, den schweren Angriff auf Fröbel und sein Werk abzuwehren, trat nochmals Henriette Goldschmidt auf den Plan. Und sie schrieb eine Schrift, die in der Geschichte des Kindergartenwesens stets einen Ehrenplatz einnehmen wird: „Ist der Kindergarten eine Erziehungs- oder Zwangsanstalt? Zur Abwehr und Erwiderung auf Herrn K. O. Beetzs ‚Kindergartenzwang‘!“

Mit feinem Spott leitet sie ihre Streitschrift ein: „Kindergartenzwang! Gleich einem Posaunenruf, vor dem die mühsam aufgebauten Fröbelschen Erziehungsstätten niederstürzen müssen, ertönt die Stimme des Herrn Schuldirektor Beetz:

Gefahr ist im Verzuge – Gefahr für die Grundvesten der Gesittung, Gefahr für unser Familien- und Volksleben, Gefahr für den Staat! Alle Mann auf Deck! Eltern, Lehrer, Staatslenker! Die Kindergärten vernichten die Grundlagen jeder menschenwürdigen Gemeinschaft – sie vernichten das Familienleben!“

Freilich, Herr Beetz ist nicht der erste, der dem Kindergarten solche gefährlichen Dinge zutraut. Der preußische Kultusminister von Raumer sah in der Zeit der preußischen Reaktion im Kindergarten das gleiche Gespenst und verbot daher 1851 die Kindergärten für die ganze preußische Monarchie. Ungefähr zehn Jahre hat dieses unsinnige Verbot bestanden[5]. Dann fiel es, wie so manche Fessel jener bösen Zeit.

Es würde zu weit führen, hier das Duell Beetz-Goldschmidt bis ins Einzelnste – bis auf jeden Hieb und Gegenhieb – zu verfolgen. Nur auf einige wichtige Punkte sei kurz eingegangen.

Beetz hatte im Hinblick auf Fröbels Ideen u. a. ausgeführt: „Der Entwicklungsgang des Menschengeistes gründet sich auf unveräußerliche Naturgesetze, die aus eigner Kraft der Verwirklichung zustreben. Wir können diesen Prozeß durch naturgemäße Eingriffe fördern, durch widernatürliche aufhalten, überhasten, schädigen. Ihm nach Willkür und gegen sein Wesen ein Tempo, eine Richtung aufzwingen, ein Ziel stecken zu wollen ist verkehrt und rächt sich an der Menschheit selbst.“

In dieser allgemeinen Fassung zweifellos ein sehr beachtlicher Einwurf!

Schlagfertig antwortet Henriette Goldschmidt: „Wer bestreitet, daß der Entwicklungsgang des Menschengeistes sich auf unveräußerliche Naturgesetze gründet? Aber wer weiß es nicht, daß es unsere Aufgabe ist, diesen Gesetzen nachzugehen, sie zu erforschen, um aus ihnen die Erkenntnis für die Erziehung zu gewinnen? Und so würde es uns folgerichtiger erschienen sein, wenn Herr Beetz dem Satze: ‚Wir können den Prozeß (der Entwicklung) durch naturgemäße Eingriffe fördern, durch widernatürliche überhasten, aufhalten, schädigen‘ hinzugefügt hätte: Deshalb wäre es so hochwichtig, daß die Frauen, die Mütter, für die Erziehungsaufgabe vorbereitet würden, damit sie fördernd, nicht hemmend, nicht schädigend einwirken; denn die Unkenntnis, die jetzt noch in Rücksicht auf den mütterlich-erziehlichen Beruf des weiblichen Geschlechtes herrscht – rächt sich an der Menschheit selbst.“

Es hätte weiter gesagt werden können, daß Fröbel dem Entwicklungsgange des Menschengeistes ja eben gerade nicht „nach Willkür“ oder gar „gegen sein Wesen“ Tempo und Richtung aufzwingen und ein Ziel stecken will, sondern daß – außer Pestalozzi – wohl kein anderer Pädagog so heiß gerungen hat um die Erkenntnis des innersten Wesens des Menschengeistes – der Menschheit und der Gottheit – wie gerade Fröbel. Wie ernst es Fröbel in dieser Beziehung nahm, dafür nur ein Beispiel! Als junger Mann schrieb er einmal einem Freunde ins Stammbuch: „Dir gebe das Schicksal bald einen sicheren Herd und ein liebendes Weib; mich treibe es rastlos umher, und lasse mir nur so viel Zeit, um mein Verhältnis zu meinem inneren Sein und zur Welt gehörig zu erkennen.“ – Wenn je einer tiefe Blicke ins Innerste der Menschennatur getan hat, dann war es Friedrich Fröbel. Jeder, der Fröbels Schriften wirklich studiert – nicht nur einmal flüchtig gelesen – hat, muß dies bestätigen. Und Fröbels Ideen standen durchaus in Übereinstimmung mit der Philosophie seiner Zeit (Schelling, Krause!). Gewiß kann man über das innerste Wesen der Menschennatur verschiedener Meinung sein, und unser menschliches Wissen wird auch hier, wie in so vielen anderen Dingen, ewig Stückwerk bleiben, aber „Willkür“ und Unnatur kann man den Fröbelschen Ideen in dieser Beziehung nicht vorwerfen. Dieser Angriff der Beetzschen Schrift kann nicht scharf genug zurückgewiesen werden.

In einem weiteren Kapitel hat Beetz dann mit feinem Geschick die große Bedeutung der Familie für das Leben des Einzelnen und des Staates dargelegt; er hat dabei goldene Worte gefunden und damit die Familie in das hellste und schönste Licht gerückt. Er tut es aber nur, damit um so dunklere Schatten auf den Kindergarten fallen. Die Abwehr Henriette Goldschmidts gerade auf diesen gefährlichsten Vorstoß des Gegners bildet den Höhepunkt ihrer Schrift. Sie geht hier – der alten Weisheit folgend: „Die beste Parade ist der Hieb!“ – gleichsam selbst zum Angriff vor und stellt dabei die innere Notwendigkeit des Kindergartens dar. Wir hören sie auch hier wieder am besten selbst:

„In dem vierten Kapitel ‚Kindergartenzwang und Familie‘ stellt Herr Beetz der Familie den Kindergarten als feindliche Macht gegenüber und bedient sich hier einer Waffe, die zur Vernichtung der Kindergärten führen soll. Denn wer wird, wenn von beiden Potenzen die Rede ist, Familie oder Kindergarten, die Familie nicht als die wichtigere anerkennen?, wer wird, wenn es sich in der Tat um eine Schädigung des Familienlebens durch den Kindergarten handelte, nicht dem letzteren den Garaus machen wollen? Wie sehr stimmen wir mit Herrn Beetz überein, daß ‚die Familie das Produkt natürlicher Kräfte ist, daß, wenn die Menschheit heute wieder ihren großen Kulturlauf anträte, die erste Errungenschaft genau wie zum erstenmal die Bildung der Familie sein würde‘? Diese Tatsachen erfahren meine Schülerinnen in der ersten Unterrichtsstunde der Fröbelschen Erziehungslehre. Und all die schönen wohlgefügten Sätze der Schilderung der Familie und ihres Einflusses hätte Herr Beetz noch illustrieren können durch folgenden Ausspruch Friedrich Fröbels über die Familie:

‚Familienleben! Wie so hochwichtig bist du! Du bist das Heiligtum der Menschheit, du bist das Allerheiligste der Pflege des Göttlichen. Familie! lasse es uns unumwunden und offen aussprechen, du bist mehr als Schule und Kirche und mehr noch als alles, was das Bedürfnis als Schutz des Rechtes und des Eigentums hervorrief. Familie! wo du nicht den Geist der Sinnigkeit und Sittlichkeit, des Beachtens und Nachdenkens in die Schulen bringst, da sind sie, und seien sie noch so gefüllt, leer wie ein unfruchtbares Ei, aus dem sich nie neues und frisches Leben entwickelt. Familie! was sind ohne dich Altar und Kirche, wo du ihnen nicht die Weihe gibst und Seele, Herz, Gemüt und Geist, Tun und Leben all der Deinen zum Altar und Tempel des lebendigen Gottes erhebst.‘“ –

Dann wendet sich Henriette Goldschmidt den Einzelheiten des Beetzschen Angriffes zu. Der Kindergarten entfremde die Kinder der Familie, das Haus sei die einzige Stätte, an der eine wirkliche Erziehung des Kindes möglich sei, behauptet der Gegner. Darauf erwidert die Verteidigerin sehr richtig:

„Bedeutet eine 3 oder 4 Stunden dauernde Abwesenheit vom Elternhause eine Entfremdung von der Familie, so dürfte die Schulzeit, die mit dem sechsten Lebensjahre beginnt, doch ebensowohl schädlich auf die Innigkeit des Familienlebens wirken. Das wird Herr Beetz als ‚Schulmann‘, der die sittlich und geistig bildenden Einflüsse der Schule mit Recht hoch veranschlagt, nicht zugeben. Der Kindergarten aber kann sich mit Rücksicht auf den sittlich bildenden, geistig entwickelnden Einfluß mit der Schule messen: seine Spiele, Liedchen und Beschäftigungen geben Gelegenheit, Sinn und Gemüt des Kindes auf das Familienleben zu lenken. Der Kindergarten entläßt die Kinder keinen Tag, ohne sie auf die Fürsorge der Mutter, auf das von ihr bereitete Mittagbrot usw. hinzuweisen: der Kindergarten festigt das Band, das Eltern und Kinder umschlingt.

Ob jede Mutter, auch die, die ohne genügende Hilfskräfte des Morgens die Wirtschaft zu besorgen, die Kleinen zu waschen – und anzuziehen – vielleicht noch ein Kleines zu pflegen und ihm Nahrung zu reichen hat – ob jede dieser nach Tausenden zählenden Mütter wirklich die körperliche und seelische Kraft hat, trotz dieser aufreibenden Obliegenheiten sich die innere Ruhe und Harmonie zu erhalten, um den Kindern ein erziehliches Vorbild sein zu können? Wieviel wird an Kindern durch die erklärliche Aufregung, die sich der Frau bei Erfüllung von Pflichten bemächtigt, ‚die hundert Männer verbunden nicht ertrügen‘, gesündigt! Ich spreche nur von den mittleren, noch nicht von den unteren Ständen der Bevölkerung, ich spreche nur von normalen Verhältnissen – nicht von denen, wo die Mutter leidend, der Vater ungeduldig, das Verhältnis der Ehegatten zueinander das Gemüt der Kinder in der schlimmsten Weise beeinflußt. Solchem Einflusse die Kinder täglich auf einige Stunden entziehen, ist eine Wohltat in seelischer Beziehung.“ –

Beetz hatte ferner behauptet, eine Mutter brauche keine pädagogische Führung und Belehrung. Es genüge, wenn sie sich von ihrem Instinkt leiten lasse. Hier war der schwächste Punkt des Gegners. Geschickt führte daher Henriette Goldschmidt hier ihren stärksten Gegenschlag, indem sie mit feiner Ironie schrieb:

„Redensarten wie die, ‚die Mutter erzieht mit dem Herzen, sie ist in ihrem dunkeln Drange sich des rechten Weges bewußt, sie ist zur Erzieherin geboren‘, gewinnen nicht an Bedeutung, wenn sie ein ‚Schulmann‘ ausspricht. Alle diese Redensarten von der Unfehlbarkeit des Instinktes der Frau schaffen die Tatsache nicht aus der Welt, daß der weitaus größere Teil der Mütter – auch aus den höheren Gesellschaftskreisen – es nicht versteht, sich mit den Kleinen zu beschäftigen. Die Frauen engagieren die Kindergärtnerinnen nicht aus Menschenfreundlichkeit, sie fühlen, und zwar oft recht schmerzlich, daß ihr ‚Instinkt‘ nicht ausreicht und daß die Kindergärtnerin sich mehr Verständnis und Geschick, ja sogar mehr Geduld für den Verkehr mit den Kleinen angeeignet hat, als sie, die gewiß gern ihre Kinder mit dem ‚Herzen‘ erziehen möchten.

Es ist eine bereits populär gewordene wissenschaftlich begründete Erfahrung, daß der Instinkt um so sicherer leitet, je niedriger das Geschöpf auf der Stufenleiter der Naturwesen steht. Unfehlbarkeit des Instinkts ist das Kennzeichen niederer Organismen.

Ganz gewiß mag in früheren Jahrhunderten, in denen die Frau als Gattungswesen ihr Dasein innerhalb der Aufgabe, die ihrem Geschlechte als solchem zufiel, lebte, einen sicheren Instinkt für die Pflege und Erziehung, namentlich des ersten Kindesalters gehabt haben. Instinkte verlieren an Kraft bei fortschreitender Entwicklung.

Ich würde Herrn Beetz ersuchen, von Zeit zu Zeit in meine Sprechstunde zu kommen, um zu erfahren, wie sicher die Frauen von ihrem ‚Instinkte‘, von ihrem ‚dunkeln Drange‘, von ihrem ‚Herzen‘ bei der Erziehung ihrer Kinder geleitet werden. Die Kindergärtnerinnen, die in Familienstellung sich befinden, erzählen allerdings noch etwas mehr, als man durch einen Blick auf die Straße wahrnehmen kann: den sinnlosen Luxus, die Glacéhandschuhchen, die Schnürstiefelchen, die Spitzenhäubchen, die Federhüte, die Kindergesellschaften, die Kinderbälle – die kostbaren Puppen, die Modelle für Balldamen sein können, samt all dem Trödel, der nicht nur Leib und Seele des einzelnen Kindes schädigt, der einen Keim für den Standeshochmut in seine unschuldige Seele bringt, wohl geeignet, die Kluft zu vergrößern, die die Glieder einer Volksfamilie voneinander trennt.

Die Frau aus dem Volk steht allerdings der Kindesnatur näher, als die durch alle Sprachen und Künste gebildete Mutter: jene befindet sich näher der primitiven Entwicklungsstufe des Kindesalters. Weil aber dem so ist und kein Zurückkehren zu dem Standpunkte des bloßen Natur- und Gattungslebens möglich – deshalb muß die Frau auf dem Wege der Kultur zu der Erkenntnis der Natur und ihrer Aufgabe als mütterliche Erzieherin gelangen.

Nur auf dem Wege wissenschaftlicher Erkenntnis ist es heutzutage der Frau möglich, zu den natürlichen Bedingungen des Lebens zurückzukehren.

In diesem Sinne können wir die Erscheinung Friedrich Fröbels eine providenzielle nennen: Er zeigt uns den Weg, den wir zu beschreiten haben, ‚um von dem instinktiven, passiven Sein zu einem bewußten – und zu ganz gleicher Höhe wie das männliche Geschlecht zu gelangen‘.

Hier ist auch der Grund für das Verständnis vorhanden, mit dem die denkenden Frauen die Erscheinung Fröbels begrüßten. Sie anerkannten und anerkennen, daß echte Kultur keinen anderen Zweck habe, als uns unser eigentliches Wesen und unsere Aufgabe als Menschen besser verstehen zu lehren; auch sie wissen, daß kein Wort so sehr das dem Menschen Angemessene ausdrückt, als das Wort ‚natürlich‘.

Und so beginnt der Prozeß sich zu vollziehen, der zu einem wahren Fortschritt der geistigen und seelischen Entwicklung des weiblichen Geschlechtes führen wird: zur Erkenntnis ihres natürlichen Berufs.

Für den, der seit Beginn der Frauenfrage innerhalb derselben nicht nur tätig ist, sondern auch in objektiver Weise diese Bewegung beobachtet, für den muß die Tatsache hochbedeutsam erscheinen, daß auch diejenigen Führerinnen dieser Bewegung, die seitab von der Fröbelschen Pädagogik stehen, seit einer Reihe von Jahren nichts so sehr betonen, als die Mütterlichkeit der Frau. Es zeigt sich auch hier die Weisheit des Kinderfreundes Fröbel, der zwar kein philosophisches System über das ‚Unbewußte‘ geschrieben, der aber die Bedeutung unbewußt aufgenommener Eindrücke tiefer erkannt hat, als es vor ihm geschehen. Ich stehe nicht an, es auszusprechen, daß die jetzt allseitig so sehr betonte Forderung der Frauen, das Muttergefühl für unsere sozialen Aufgaben in Tätigkeit zu setzen, zu einem großen Teile auf die unbewußt aufgenommenen Ideen Fröbels zurückzuführen ist, wie denn auch die Frau, die als erste – in jedem Wortverstande – die Bedeutung Fröbels erkannt und seine Jüngerin geworden, es ausgesprochen: ‚Die erziehliche Mission, zu welcher Fröbel das weibliche Geschlecht aufruft, wendet sich unmittelbar an die Seite der weiblichen Natur, die den Kernpunkt seines Wesens ausmacht: an die Liebe, die heiligste Liebe, die der Mutter. Diese neue Erziehung soll den weiblichen Genius entfesseln, ihn erheben zur geistigen Mutter der Menschheit. – Die Liebe zur Menschheit soll dem weiblichen Geschlecht zum Kultus werden in der Pflege der Kindheit, in der Pflege des Gottesfunkens, den die Kinderseele birgt‘ (Bertha von Mahrenholtz-Bülow).“ –

Die beiden Schriften von Beetz und Goldschmidt wurden in den Fachkreisen vielfach besprochen. Viele Lehrer und Lehrerinnen wurden dadurch veranlaßt, sich mit der Frage des Kindergartens eingehender zu beschäftigen, um Stellung in dem Streit nehmen zu können. So hat also durch die Entgegnung Henriette Goldschmidts der Angriff des Direktors Beetz im Grunde zur Klärung der Kindergartensache wesentlich beigetragen. Jeder, der die Angelegenheit objektiv prüfte, mußte jetzt zu der Überzeugung kommen, daß die Vorstellung, wie sie Beetz und viele andere Schulmänner vom Kindergarten hatten, unrichtig ist. Die Idee des Kindergartens ist viel größer, als die meisten ahnen. Nicht Sonderanstalten wollte Fröbel schaffen, Sonderanstalten, die neben Schule und Familie ein getrenntes, ein Sonderdasein führten, sondern die gesamte früheste Erziehung wollte er durch die Idee seines Kindergartens auf eine natürliche Grundlage stellen. Gewiß hat Fröbel in vielen Städten Kindergärten als besondere Anstalten gegründet und gewiß müssen in jedem Ort solche Einrichtungen geschaffen werden, das gehört mit zur Idee seines deutschen Kindergartens. Diese einzelnen Kindergartenanstalten sind aber noch nicht die eigentliche Verwirklichung der Idee. Sie sind nur ein Teil der Verwirklichung, sie sind in der Hauptsache nur Mittel zur Verwirklichung der Idee. Als Teil der Verwirklichung muß man sie ansprechen, soweit sie die Familienerziehung ergänzen, d. h. soweit sie Kindern, die in der Familie nicht den für die kindliche Entwicklung nötigen Kreis gleichaltriger Geschwister haben, Kameraden und Gemeinschaftsleben bieten, bzw. indem sie Kindern, die daheim infolge wirtschaftlicher und sonstiger Nöte keine Erziehung genießen können, diese geben. Als Mittel zur Verwirklichung der Idee sind sie dort anzusehen, wo sie Pfleg- und Anschauungsstätten der neuen Erziehungsgesinnung sind. Gerade dieser Gedanke war Fröbel besonders wichtig. In jeder – auch der kleinsten – Gemeinde sollte neben Kirche und Schule ein Kindergarten bestehen – weniger unmittelbar der Kinder, als vielmehr der Frauen und Mütter wegen. Zu ihm sollten die heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen kommen – getrieben von ihrem mütterlichen Instinkt, von dem ihnen angeborenen Pflegesinn, von der höheren Liebe zur Kindheit, um sich hier – als Gärtnerinnen an der Kindheit – zu betätigen, um nach dem Vorbild und unter der Anleitung einer echten Kindergärtnerin tätig zu sein und zu lernen, dadurch ihr Edelstes zu stärken und zu entfalten, sich dadurch ihres Frauen- und Muttertums immer klarer bewußt und auf diese Weise in höherem und geistigerem Sinne Mutter zu werden.

Hier liegt für Henriette Goldschmidt der Kernpunkt der ganzen Frage: Die Entfaltung des innersten weiblichen Wesens, die Erhebung ihres bisherigen instinktiven passiven Tuns zu wirklicher, zu bewußter schöpferischer Kulturleistung ist nur möglich mit Hilfe des Kindergartens. Sie sieht keinen anderen Weg. Hier allein bietet sich dem weiblichen Geschlecht Gelegenheit, durch Tun und Arbeit (an den Kindern) seine ureigensten Kräfte und Anlagen zur Entwicklung zu bringen und im steten Hinblick auf die Idee Fröbels sich des ewigen Wesens der Frau und ihrer tiefsten Bestimmung bewußt zu werden.

Der Frauenwelt dieses hohe Ziel für die Entwicklung gesteckt und ihr im Kindergarten zugleich den Weg zu diesem Ziel gezeigt zu haben, das ist – nach Henriette Goldschmidts Meinung – die große historische Mission Friedrich Fröbels gewesen.

Wer von der Verwirklichung dieser Idee einen Zusammenbruch der Familie befürchtet, wie dies Beetz tut, der kann die Idee in ihrer ganzen Größe nicht erfaßt haben. Wenn irgend etwas, so ist Fröbels Idee des Kindergartens ein Schritt zur Vergeistigung und Erhöhung des Menschengeschlechts.

„Baut das Haus zum frohen Kindergarten!“ hatte Fröbel den Müttern zugerufen. Das sollte nicht heißen – wie das später fälschlicherweise oft ausgelegt wurde – „sammelt Gelder, damit wir das Haus für einen Kindergarten bauen können“, sondern Fröbel meinte damit: Macht euer Haus, macht jedes Haus zu einem Kindergarten! Jede Familienstube ein Garten der Kindheit! Jede Mutter in diesem Sinne eine Kindergärtnerin, ausgezeichnet durch Liebe und echten Pflegesinn, ihren Beruf bewußt als Kulturberuf ausübend, geadelt von der Erkenntnis, daß Geistiges, daß Göttliches ihrer Obhut und Pflege anvertraut ist. Wenn man sich in Fröbels sinnigstes und eigenartigstes Werk vertieft, in seine „Mutter- und Koselieder“, dann wird einem das Ideal dieser Mutter deutlicher.

Wo ein Weib dieser Art wirkt, sei es in der Familie, sei es in einer besonderen Anstalt für Kinder – in einer Kleinkinderbewahranstalt, in einem Waisenhaus, in einer Schule – da ist ein wirklicher Kindergarten.

Und überall, wo Kinder sind, da sollte ein solcher Garten der Kindheit entstehen. Das ist Fröbels sehnlichster Wunsch. Darum ruft er: „Baut das Haus zum frohen Kindergarten!“ – Können daran unsere deutsche Familie und unser Volk zugrunde gehen, wie Beetz befürchtet? Das Gegenteil würde eintreten. Darum sollten wir alles tun, um möglichst viele solcher Mütter zu erhalten. Damit führt Fröbels Kindergartenidee hinüber ins Gebiet der Frauenbildung.

3. Ihre Reform der Frauenbildung.

a) Kindergärtnerinnen-Ausbildung.

Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich mit Notwendigkeit, daß zunächst echte Kindergärtnerinnen herangebildet werden müssen, die in der Frauenwelt dann gleichsam als Sauerteig wirken können. Denn erst, wenn in jeder Gemeinde eine von wahrer Gärtnergesinnung erfüllte gebildete Frau als Leiterin des Kindergartens tätig ist, erst dann ist ja die Voraussetzung dazu erfüllt, daß alle heranwachsenden Mädchen und jungen Mütter der Gemeinde an ihrem Vorbild und in ihrer Art sich bilden zu wahren Pflegerinnen der Kindheit.

Diese Notwendigkeit hatte schon Fröbel erkannt. Daher bemühte er sich bereits seit 1839, in besonderen Kursen (in Blankenburg, Keilhau, Dresden, Hamburg und zuletzt in Marienthal bei Liebenstein) Mädchen und Frauen zu solchen wahren Kindheitpflegerinnen heranzubilden. Nach seinem Tode setzten seine Freunde (bes. Wilhelm Middendorff), vor allem auch seine zweite Frau (Louise Fröbel), diese Arbeit fort. Später entstanden in vielen Städten Deutschlands besondere „Seminare für Kindergärtnerinnen“. Die preußische Regierung gliederte 1911 solche Ausbildungskurse für Kindergärtnerinnen sogar in die allgemeine Frauenschule ein und erließ besondere Vorschriften für die staatliche Prüfung der Kindergärtnerinnen. Andere deutsche Staaten folgten, z. B. Sachsen 1918.

Auch Henriette Goldschmidt hatte in Leipzig ein solches Seminar für Kindergärtnerinnen gegründet, und zwar bereits im Jahre 1872. Es war eine der ersten derartigen Anstalten in Deutschland. Und zweifellos eine der besten.

Der Ausbau der Kindergärtnerinnen-Seminare stieß auf große Schwierigkeiten. Er war viel schwerer als der einige Jahrzehnte vorher erfolgte Ausbau der Lehrerinnenseminare. Denn bei diesen letzteren war bereits das Vorbild der Lehrerseminare vorhanden und ein Stab vorzüglicher Seminarlehrer, die den Unterricht in sachgemäßer Weise übernehmen konnten. Beim Kindergärtnerinnenseminar fehlte beides. Wie bei jeder völligen Neuschöpfung war auch hier zunächst nur ein chaotischer Zustand vorhanden, aus dem sich erst ganz allmählich festere Formen heraus entwickelten. Daß sich dieser Klärungs- und Gestaltungsprozeß vollzog, daß mehr und mehr die frühere „vom Zufall, von der Gunst oder Ungunst der Verhältnisse abhängige Bildnerei der Kindergärtnerinnen“ einem geordneten systematischen Lehrgang wich, das ist in erster Linie ein Verdienst Henriette Goldschmidts. Sie übte strenge Kritik an sich und anderen. Noch 1909 erklärte sie auf der Hauptversammlung des „Deutschen Fröbelverbandes“ in Magdeburg – also vor den versammelten Leiterinnen der Kindergärtnerinnen-Seminare Deutschlands: „Gestehen wir es uns offen, unsere Seminare, die Fachschulen, die einer Anzahl von jungen Mädchen, die öfter der Not gehorchen als einem inneren Drange, die Vorbereitung zur Kindergärtnerin geben, entsprechen nicht der Idee Fröbels, das weibliche Geschlecht um seiner menschheitpflegenden Bestimmung willen zu ganz gleicher Höhe wie das männliche zu erheben.“ –

Man hatte in der Ausübung des Kindergärtnerinnenberufs eine Erwerbsquelle entdeckt und Seminare aus diesem Grunde ins Leben gerufen. Gewiß hat Fröbel dadurch, daß er einen neuen Beruf für Frauen geschaffen hat, eben den Beruf der Kindergärtnerin, unendlich viel für die „Brotfrage“ des weiblichen Geschlechts getan, aber die Seminare dürfen nicht dieser Brotfrage wegen gegründet werden, sie müssen vielmehr stets der Tatsache eingedenk bleiben, daß sie einer großen Idee entsprungen sind. Verlieren sie diese aus den Augen, dann sinken sie zu einer gewöhnlichen Fachschule herab, in der man sich begnügt, die Schüler äußerlich auf den zukünftigen Beruf zuzustutzen. Diese äußerliche Abrichtung ist aber nirgends gefährlicher als gerade hier, wo es sich darum handelt, Trägerinnen einer neuen Frauenkultur heranzubilden. Für viele Berufe mag es genügen, die Schüler in äußerer Technik zu schulen, für den Beruf der Kindergärtnerin genügt es nicht. In ihr muß der innere Sinn für die Bestimmung des weiblichen Geschlechts geweckt sein, sie muß das spezifische Wesen der Frau erkannt, innerlich erlebt haben, sie muß im Kinde die Kindheit, das Göttliche ahnen: wie kann sie sonst Pflegerin der Kindheit werden? wie kann sie sonst Mädchen und Frauen zum Bewußtsein ihrer menschheitpflegenden Bestimmung verhelfen?

Es genügt also nicht, daß die zukünftige Kindergärtnerin auf dem Seminar in die Handhabung der Fröbelschen Gaben und Beschäftigungen eingeführt wird. Sie muß tiefer eindringen. Also nicht nur enge Berufs- und Fachbildung, sondern allgemeine Vertiefung in Menschen- und Welterkenntnis.

Das hat Henriette Goldschmidt tief empfunden. Und sie hat sich bemüht, dies durch zeitliche Ausdehnung der Lehrgänge und durch Aufnahme allgemeinbildender Fächer in den Lehrplan zu erreichen. Freilich in vollem Umfange ist ihr die Lösung des schwierigen Problems noch nicht gelungen. Dessen war sie sich auch vollkommen bewußt.

Am ehesten noch hoffte Henriette Goldschmidt den inneren Sinn der Schülerinnen erschließen zu können durch die kulturhistorische Begründung, die sie der Fröbelschen Pädagogik gab. Sie ging dabei aus von dem Wort Fröbels: „In der Entwicklung des inneren Lebens des einzelnen Menschen spricht sich die geistige Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechts aus, so daß das gesamte Menschengeschlecht als ein Mensch angeschaut werden kann, da in ihm die Entwicklungsstufen des Einzelnen nachzuweisen sind.“ Also: Die Entwicklung des Einzelnen gleicht der Entwicklung der Gesamtheit, oder wie Karl Lamprecht es einmal ausgedrückt hat: „Der heutige Stand der Wissenschaft läßt keinen Zweifel mehr daran bestehen, daß die Entwicklung des Einzelmenschen nicht nur physisch, sondern auch psychisch im allgemeinen analog der Entwicklung der Rasse verläuft. Die natürliche Konsequenz dieser Tatsache ist, daß, um die Entwicklung der Rasse zu verstehen, es nötig ist, die Wissenschaft der Entwicklung des Einzelmenschen zu Hilfe zu nehmen und umgekehrt. Insbesondere kommt hier in Betracht der seelische Werdegang des Kindes, in vielen Punkten verläuft er parallel zu jenen Zeiten der Kulturgeschichte, die man als Prähistorie bezeichnet, nicht minder weist er Merkmale auf, die auch den Kulturen der heute noch auf niedrigen Entwicklungsstufen stehenden Naturvölker eigentümlich sind.“

Dieses biogenetische Grundgesetz, wie man es in der Wissenschaft genannt hatte, spielte in der Pädagogik bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Rolle. Der Leipziger Universitätsprofessor Ziller wollte die Verteilung des Lehrstoffes für die Volksschule auf Grund dieses Gesetzes vornehmen. Er meinte damit dem jeweiligen Fassungsvermögen der Kinder am besten Rechnung zu tragen. So kam er zu seinen bekannten acht „Kulturstufen“. Den gesamten Unterricht während eines Schuljahres gruppierte er um ein wertvolles Kulturerzeugnis, das ungefähr der geistigen Reife der Kinder des betreffenden Jahrgangs entsprach, und zwar hatte er ausgewählt:

für das erste Schuljahr:zwölf Märchen der Gebrüder Grimm,
für das zweite Schuljahr:Robinson,
für das dritte Schuljahr:die Geschichten der biblischen Patriarchen,
für das vierte Schuljahr:die Geschichte von Moses usw.

Es ist hier nicht der Ort, die Richtigkeit des biogenetischen Grundgesetzes nachzuprüfen oder die Berechtigung seiner Anwendung auf die praktische Erziehungs- und Unterrichtsarbeit zu erörtern. Uns interessiert hier nur die Art und Weise, wie Henriette Goldschmidt mit Hilfe dieses Gesetzes die zukünftigen Kindergärtnerinnen in das Verständnis der Fröbelschen Pädagogik einführte. Hören wir sie selbst! – In ihren „Ideen über weibliche Erziehung“ (1882) gibt Henriette Goldschmidt einige Andeutungen darüber, wie sie sich diesen Unterricht denkt. Sie schreibt: „Die Freiheitsgeschichte des Menschen, sowie die unstreitige Ursache der Ungleichheit und aller aus ihr resultierenden Übel hat mit dem Bebauen des Bodens begonnen. Das erste Korn, von Menschenhand in die Erde gelegt, enthielt auch den Kern ‚mit der Frucht geschwellt‘, die unser vielgestaltiges Kulturleben birgt. Der Ackerbau bedingt den festen Wohnsitz, der feste Wohnsitz ermöglicht ein inniges vertrauliches Familienleben. Der Kranke, der Schwache, der Alte, das Kind, jetzt sind sie nicht die Last, die auf Streifzügen gar nicht mitgenommen werden konnten, deren Tötung als Wohltat betrachtet wurde – sie können in den Räumen versorgt, gepflegt, behütet werden, die eine bestimmte Umgrenzung, eine Wohnung bilden. Tugenden der Geduld, der Nachsicht werden entwickelt, Neigungen werden zu Empfindungen, Liebe verbindet sich mit Treue und wird zu edler Gesinnung. Die Frau wird schon dadurch zur Gehilfin des Mannes, wenn die Speise nicht mehr roh, sondern zubereitet genossen wird. Der Wohnungsraum, der Kochtopf, das sind die wichtigsten Bedingungen für die Kultur. Alles andere ergibt sich bei einigem Nachdenken von selbst. Dem Familienleben folgt das Gemeinde-, das Volks- und Staatsleben. Der Ackerbau erfordert Werkzeuge. Es entsteht der Handwerkerstand, es folgt der Handels-, Kaufmannsstand, ‚der Güter zu suchen ausgeht, an dessen Schiff das Gute sich knüpft‘. Die religiöse, die wissenschaftliche, die künstlerische Bildung gewinnt die ersten Anregungen, die ersten Anschauungen durch die Beobachtung und durch die Beschäftigung mit der Natur und schreitet fort zur Ahnung, zur Erkenntnis des Göttlichen – zu dem ‚über Zeit und Raum thronenden höchsten Gedanken.‘

Haben wir mit diesem Ausgangspunkte, den wir als den kulturgeschichtlichen bezeichnen, einen festen Punkt für die Erziehung des Einzelnen in unserer Zeit gewonnen? Was hilft uns die Erkenntnis von dem naturgemäßen Ausgangspunkte der Kultur der Gesamtheit in Rücksicht auf die Erziehungsaufgabe im einzelnen? Entwicklung bedeutet ja bei dem Menschen nicht Wiederholung derselben Stadien wie bei Naturwesen, wozu nützt es uns, auf die primitiven Stufen zurückzugehen? Wir werden nicht jedes Kind erst Ackerbau treiben lassen, damit es den richtigen Ausgangspunkt für die Kultur empfängt. Gewiß, so wenig ‚Entwicklung‘ bei dem Menschen Wiederholung derselben Stadien bedeutet, so wenig können wir uns von den allerersten Bedingungen unserer Existenz so loslösen, daß wir nicht mit ihnen anfangen müßten. Die ersten Kulturstufen können niemals von den folgenden ganz überwunden werden, sie sind auch für die nächsten zu benutzen. Jeder Mensch fängt noch heute als ein Kind an und deshalb als ein ‚Naturwesen‘, und so steht das Kind bei seiner Geburt viel näher dem Zustande der Naturvölker als dem seiner gebildeten Eltern. Wir werden demnach, wenn wir an die Erziehung des Kindes herantreten, es als ‚Naturwesen‘ zu achten und zu beachten haben und zunächst die Bedingungen erfüllen, auf die es als Naturwesen ein Recht hat. Die Existenz um der Existenz willen, ist das Recht des Geschöpfes. Doch wir werden diesen Bedingungen in der Erkenntnis zu entsprechen suchen, die wir aus der Beachtung eines naturgemäßen sittlich-geistigen Entwicklungsganges gewannen. Wir sehen, daß auch die sittlich-geistigen Einflüsse durch die verschiedene Art der Befriedigung der Nahrungsbedürfnisse bedingt sind, und wir werden folgerichtig schließen, daß die sittliche Gewöhnung des Kindes schon hier, bei der Verabreichung von Nahrung zu beginnen hat.“ (S. 53 ff.)

„Das Eleusische Fest“ von Schiller diente ihr meist als Ausgangspunkt für diese kulturhistorischen Besprechungen. In ihrer größeren Schrift „Was ich von Fröbel lernte und lehrte“ hat sie sich über diesen wichtigen Teil ihres Unterrichts weiter verbreitet.

b) Allgemeine Frauenbildung.

Friedrich Fröbel hatte sich die Veredelung des bisherigen instinktiven Tuns der Frau zu einer bewußten Kulturleistung, also die kulturelle Höherentwicklung des weiblichen Geschlechts „von seinem Wesen aus“ nur mit Hilfe der Kindergärtnerinnen in den, bzw. durch die Kindergärten gedacht. Darum erblickte er in der Ausbildung von echten Kindheitspflegerinnen seine wichtigste Aufgabe.

Henriette Goldschmidt ging in dieser Beziehung über Fröbel hinaus. Sie faßte die Aufgabe weiter. Zwischen Fröbel und ihr lag eben – schon rein zeitlich betrachtet – der Anfang der deutschen Frauenbewegung. Von einer neuen, von einer umfassenden Frauenbildung allein erwartete man einen Aufstieg des weiblichen Geschlechts. Diese Gedanken hatten in Henriette Goldschmidt begeisterten Widerhall gefunden. Zu ihrer Verwirklichung beizutragen, galt ihr als heiligste Pflicht.

Um das ganz zu verstehen, muß man bedenken, daß die Mädchen damals noch vom Besuch öffentlicher höherer Schulen ausgeschlossen waren. Es gab für sie nur private – zum Teil recht minderwertige – Fortbildungseinrichtungen.

Durch das berechtigte Streben der Frauen, nicht eine schlechtere Bildung zu erhalten als die Männer, entstand die Gefahr, die für Knaben bestimmten Schulen sklavisch nachzuahmen. Nicht alle Vorkämpferinnen für Frauenbildung sind dieser Gefahr entronnen. Henriette Goldschmidt dagegen erkannte von vornherein, daß es ein Widerspruch wäre, mit den bisherigen (also auf Männer zugeschnittenen) Schuleinrichtungen und Unterrichtsmethoden das tiefinnerste Wesen des Weibes entfalten, den mütterlichen Instinkt zum Bewußtsein erheben zu wollen. Dadurch erhielt ihr Wirken für Frauenbildung die starke, spezifisch weibliche Note. Schon 1871 konnte sie daher in einem in Kassel gehaltenen Vortrage über „die Frau im Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben“ jede Nachahmung der Knaben- und Männerbildungsanstalten ablehnen und erklären: „Nur durch ein ganz verändertes Prinzip der Erziehung kann die Umbildung unseres Geschlechtes vor sich gehen.“

In Fröbels Pädagogik fand sie diesen neuen Weg. Sie spürte in seiner Idee, den Erziehungsberuf der Frau zu einem Kulturberuf zu erheben, die Keimkraft einer neuen Epoche der Menschheit sich regen. „Zum ersten Male,“ schrieb sie 1909, „erhielten die Frauen (durch Fröbel) nicht nur guten Rat und gute Lehren als Brosamen von der bisherigen wissenschaftlichen Pädagogik, sondern eine Lehre in systematischer Form, eine neue Lehre von einem neuen Quellpunkte aus, aus einer neuen Erkenntnis.“

Anders also sollte der Bildungsgang des Weibes sein als der des Mannes, andersartig aber nicht minderwertiger, nicht „leichter“, nicht „bequemer“, nicht „oberflächlicher“. Im Gegenteil! An Arbeit, an harte Arbeit soll das weibliche Geschlecht sich gewöhnen. Das fand damals – besonders bei den Frauen der höheren Schichten – noch viel Widerspruch. Aber in ihrem tiefsinnigen Vortrag „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ (1870!) zerstreute sie diese Bedenken mit folgenden feinen und klugen Worten: „Die Arbeit, die sich segensreich bewährt auf allen Gebieten des Lebens, die Ausbildung des Geistes, die bei unsern Männern die Gemütsinnigkeit steigert, sollte für die Frau gefährlicher sein als die Ausbildung des Phantasie- und Genußlebens? Ich meine, selbst die weitgehendste wissenschaftliche Ausbildung, selbst eine einseitigste Berufsbildung stellt uns auf den Boden der Pflicht und bildet den Menschen. Denn arbeiten muß der ganze Mensch, weder die Phantasie allein, noch das Herz allein. In der Arbeit kommt Herz und Geist zur Durchdringung, zur Übereinstimmung, zur Einheit; die Arbeit schafft den Charakter, und Charakter sollen auch unsere Frauen haben, nicht willenlose Schwärmerei, nicht Phantasterei, nicht lethargisches Genußleben.“

Die wichtigste Sorge ist ihr nur, daß die Bildung des weiblichen Geschlechts auch Früchte trage, daß sie zu positiven Leistungen führe. Sie hat ein sehr richtiges Gefühl dafür, daß nämlich durch die den Frauen eingeräumten Rechte auf Bildung dem weiblichen Geschlechte auch Pflichten erwachsen, daß man von ihm nun eine tatsächliche Bereicherung bzw. Veredelung unseres Kulturlebens erwarten wird. Ob die Frau, soweit sie in Schule und Beruf in den Bahnen des Mannes wandelt, zu fruchtbarer Kulturarbeit sich wird erheben können, erscheint ihr mindestens zweifelhaft. Wenn sie dagegen „von ihrem Wesen aus“, innerhalb ihrer Bestimmung sich ungehemmt entfalten kann, dann wird sie Kulturleistungen hervorbringen, Kulturleistungen, deren der Mann nicht fähig ist. Das ist Henriette Goldschmidts fester Glaube.

Es kommt also alles darauf an, die Frauenbildung naturgemäß zu gestalten, sie zu gründen auf das Wesen, auf die Natur des Weibes. Darum ist ihr „der Pflegesinn des Weibes, seine seelische Besonderheit, seine ihm eigentümliche Aufgabe“ Mittelpunkt für den Lehrplan und Ziel aller höheren weiblichen Fortbildung (nach Verlassen der Schule!). Pflegen und Erziehen muß dem weiblichen Geschlechte nicht nur als wichtigste, sondern zugleich als schönste Aufgabe des Lebens erscheinen.

Die Entfaltung dieses idealen Sinns denkt sich Henriette Goldschmidt nicht nur mit Hilfe der Fröbelschen Pädagogik – wenn auch durch sie in erster Linie –, sondern auch durch Einführung in die Ideenwelt unserer Klassiker. Sie hat erkannt, daß es von großem erziehlichen Einfluß ist, wenn „unsere Jugend ihre Ideale durch die Erkenntnis der Ideale unserer Klassiker läutert“. In diesem Sinne schreibt sie in ihren „Ideen über weibliche Bildung“ (1882): „Ich bin mir bewußt, daß meine Ansichten dem Geiste einer Zeit verwandt sind, die unmittelbarer unter dem Einflusse unserer klassischen Literatur, eines Herder, Lessing, Schiller sich befand, als die unsrige. Mag eine gelehrte Jugend lächeln über die Träume einer idealistisch gestimmten Vergangenheit. Wir leben der Überzeugung, daß das deutsche Volk mehr als einmal im Laufe seiner Entwicklung zurückkehren wird zu den Idealen jener Zeit, und daß es auch aus dem Drucke unserer pessimistisch-materialistisch gestimmten Gegenwart, die ihren Gegensatz in einem romantisch sinnlich-übersinnlichen Rausche sucht, erwachen muß bei dem Morgenlichte jener einzigen Zeit, die unsere Dichter und Denker heraufgeführt. In diesem Sinne und im Zusammenhange mit den großen Pädagogen außerhalb der Schule hat sich mir das Verständnis der Fröbelschen Erziehungslehre erschlossen, und in diesem Sinne möchte ich zu ihrem Verständnis anregen.“ (S. 26.)

Damit ist in allgemeinen Zügen der Charakter einer höheren Fortbildungsschule für Mädchen bzw. Frauen gezeichnet, wie sie Henriette Goldschmidt vorschwebte. Der Kindergarten und die Arbeit in ihm ist das Fundament, auf dem sie aufgebaut ist. Jedes heranwachsende Mädchen sollte durch ihn hindurchgehen! Eine Art weibliches Dienstjahr schwebt ihr vor. In unseren Tagen wird viel von einem „Freiwilligenjahr der Frau“ geredet. Da ist es nicht uninteressant, festzustellen, daß dieser Gedanke nicht so funkelnagelneu ist, wie manche glauben. Bereits 1868 hat Henriette Goldschmidt auf der Generalversammlung des „Allgemeinen deutschen Frauenvereins“ in Braunschweig dieser Idee mit folgenden Worten Ausdruck verliehen: „Die Männer zahlen ihre Schuld dem Vaterlande, indem sie es gegen den Feind verteidigen, und indem sie die Bürger gegen Gefahren schützen. Vertreter des Volks, wir Frauen verlangen eine gleiche Last! Alle jungen Mädchen müßten, ehe sie heiraten, wenigstens ein Jahr lang täglich mehrere Stunden in den Hospitälern zubringen, in den Wohltätigkeitsanstalten, in allen Orten, die zum Schutz der Unglücklichen gestiftet sind. Hier müßten sie die augenblickliche und natürliche Erregtheit ihres weichen Herzens, die vorübergehend und deshalb unfruchtbar ist, in ein tätiges Gefühl verwandeln. Die Frauen müßten auch den Eid der Treue leisten, und zwar nicht dem Staat, sondern Gott und den Armen – und nachdem sie ihre Pflicht getan haben, ebensogut und ebenso stolz wie der Soldat sagen können: ‚Ich habe gedient‘.“ –

Später wollte sie dieses „Dienstjahr“ ausschließlich auf dem Gebiete der Erziehung abgeleistet wissen. So schrieb sie 1918: „Das Dienstjahr für die weibliche Jugend sei ein Lehrjahr in einer gutgeleiteten Fröbelschule.“ Und sie fügt hinzu, warum sie gerade den Kindergarten für die geeignetste Stätte zur Ableistung der weiblichen Dienstpflicht hält: Der „Schrei nach dem Kinde“ ertönt jetzt lauter denn je. „Hier, im Kindergarten, ist die Stätte, wo der Wille zum Kinde in der keuschesten Weise in den jugendlichen Gemütern erweckt wird und das mütterliche Gefühl in einer unserer Kultur gemäßen Weise sich betätigt.“

Jedenfalls soll die heranwachsende weibliche Jugend zu der Erkenntnis geführt werden, daß die Erziehungsaufgabe eine wichtige allgemein menschliche Angelegenheit ist, insbesondere eine Pflicht des weiblichen Geschlechts, auf deren Ausübung man sich vorbereiten muß. Daß in dieser Beziehung bisher eine Lücke in unserem Schulwesen bestand, brachte Henriette Goldschmidt ihren Lesern bzw. Hörern gern dadurch zum Bewußtsein, daß sie ein Wort des Philosophen Herbert Spencer zitierte, nämlich folgendes: „Wenn durch irgendeinen Zufall keine Spur von uns bis auf die ferne Zukunft erhalten bliebe, außer einem Haufen unserer Schulbücher oder einigen Prüfungsheften der Schule, so könnten wir uns ausmalen, in welche Verlegenheit ein Altertumsforscher jener Periode käme, in ihnen keine Zeichen zu finden, daß die Schüler jemals möglicherweise Eltern werden würden. Wir können uns vorstellen, daß er folgendermaßen schließt: Dies muß der Schulplan für die ehelosen Stände gewesen sein ... ich finde nicht die geringste Berücksichtigung der Kindererziehung. Sie konnten nicht so töricht sein, für diese schwerste aller Verantwortlichkeiten jeglichen Unterricht zu unterlassen. Offenbar also war dies der Schulkursus eines ihrer Klosterorden.“

Die Verwirklichung ihrer Ideen über allgemeine weibliche Höherbildung versucht sie in ihrem, 1878 gegründeten, „Lyzeum für Damen“ in Leipzig (jetzt „Fröbel-Frauenschule“). – 1911 hat sie in ihrer Denkschrift „Vom Kindergarten zur Hochschule für Frauen“, unter Anlehnung an das 1878 erschienene erste Programm dieser Anstalt, das Wesen dieser neuartigen höheren Frauenbildungsstätte in folgender Weise dargelegt:

„Das Lyzeum will der Idee dienen; ‚das instinktive passive Tun der Frau‘ auf ihrem eigensten Gebiete in ein bewußtes zu wandeln: es will die weibliche Jugend der wohlhabenden, der gebildeten Stände mit dem Wissen und Können ausstatten, das der Erziehungsberuf innerhalb der eigenen Familie erfordert. Der Erziehungsberuf der Frau ist als gleichwertig der Berufsbildung des Mannes zu betrachten, er bedarf der Vorbereitung.

Kein Mann beschränkt sich, darf sich auf diejenige Wissenschaft beschränken, die seine Fachbildung erheischt. Der Arzt studiert nicht nur Naturwissenschaften, der Jurist nicht nur Rechtswissenschaft, der Geistliche nicht nur theologische Schriften usf., – sondern ein jeder lernt sein besonderes Fach erst recht kennen, wenn er durch das Studium der Geschichte, Literatur, Philosophie usw. Klarheit über die Stellung gewinnt, die seine Spezialwissenschaft innerhalb der Gesamtwissenschaft einnimmt.

Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, hat das Lyzeum in seinem Lehrplan: Geschichte, Literatur, Kunstgeschichte, Mathematik, Naturwissenschaften und die Fortführung des fremdsprachlichen Unterrichts aufgenommen.

Das Lyzeum wäre aber keine höhere Lehranstalt für die weibliche Jugend, wenn nicht Erziehungslehre, Geschichte der Erziehung, Gesundheitslehre, Psychologie den Mittelpunkt des Planes bildeten.

Das Lyzeum wäre keine höhere Lehranstalt im Sinne und Geiste unserer neuen Pädagogik, wenn es sich mit theoretischen „anschauungslosen Definitionen“ begnügte. „Erziehung“ verlangt: „Willen und Können.“ Dieses Wollen und Können ist durch Fröbels Lehre und Methode gegeben: die letztere verlangt künstlerische Übungen, das Zeichnen, das Tonen usw. – Gymnastik und Gesang.

Das Lyzeum wäre aber auch keine höhere Lehranstalt im Sinne und Geiste unserer auf soziale Hilfsarbeit gerichteten Zeit, wenn es die weibliche Jugend nicht zu solcher Hilfsarbeit erzöge. Das Lyzeum steht in Verbindung mit den Volkskindergärten und gibt den jungen Mädchen Gelegenheit zum Verkehr mit den Kindern des Volkes, – zur Dienstleistung für dieselben. Es bahnt den Weg zum Verständnis und zur Würdigung der sogenannten untern Stände und zur Versöhnung der schroffen Gegensätze innerhalb der verschiedenen Glieder der Volksfamilie.

Das Lyzeum ist bestrebt:

1. die Kluft überbrücken zu helfen, welche zwischen männlichem und weiblichem Geistesleben, namentlich in den höheren Ständen vorhanden ist,
2. das instinktive, passive Tun der Frau in ein bewußtes zu wandeln, damit sie den mütterlichen Erziehungsberuf in seiner ganzen Bedeutung und Verpflichtung erkenne,
3. in der weiblichen Jugend das Gefühl und das Gewissen zu erwecken für unsere sozialen Notstände, – sie aufzurütteln aus dem trägen Genußleben, in dem mehr Kräfte verbraucht werden als in der angestrengtesten Tätigkeit.

In aller Kürze haben wir die idealen, die humanen Ziele des Lyzeums bezeichnet.

Das Lyzeum wäre aber keine höhere Lehranstalt im Sinne und nach den Forderungen unserer auf die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau gerichteten Zeit, wenn es nicht zur Lösung der so brennend gewordenen Erwerbsfrage beitragen könnte.“

Die Berufe, für die das Lyzeum vorbereitet, sind:

a. Erzieherin in der Familie,
b. Leiterin von Kindergärten und ähnlichen Anstalten,
c. Lehrerin der Fröbelschen Pädagogik an Kindergärtnerinnenseminaren.

Henriette Goldschmidt erkannte aber bald, daß in dem engen Rahmen eines „Lyzeums für Damen“ ihre große Idee nicht volle Verwirklichung finden konnte. Darum erhob sie fast jedes Jahr in den Programmen des Lyzeums den Ruf:

„Das Lyzeum soll zu einer Hochschule sich gestalten, an der wissenschaftlich tüchtige Männer und Frauen unserer weiblichen Jugend zu dem schwierigsten, verantwortlichsten und idealsten Berufe, dem der Erziehung des Geschlechtes der Zukunft die Weihe der Wissenschaft geben.“

Der Gedanke einer Hochschule für Frauen war nicht neu. Bereits im Dezember 1849 war der Plan, solche Hochschulen zu gründen, in Hamburg aufgetaucht, und zwar in Fröbelkreisen. Es bildete sich damals in der Hansestadt ein „Allgemeiner Bildungsverein deutscher Frauen“, aus dessen Statuten in diesem Zusammenhang folgendes interessiert:

„1. Zweck: Verbreitung humaner Bildung ohne Rücksicht auf konfessionelle Unterschiede.

2. Bildungsmittel: Hochschulen für das weibliche Geschlecht, Kindergärten, Verbindung der Erziehung der Familie mit dem Unterricht der Schule, Armenpflege, Krankenpflege.

3. Stellung: Hamburg ist vorläufig der Sitz des Zentralvereins, welcher zur Förderung der allgemeinen Zwecke sich mit allen deutschen Frauenvereinen in Verbindung setzt. Diese schließen sich dem Zentralverein an, indem sie sich zu regelmäßiger Unterstützung der gemeinsamen Zwecke verpflichten.

4. Das erste gemeinsame Unternehmen ist die Stiftung einer Hochschule für Mädchen in Hamburg in Verbindung mit der Beförderung der Kindergärten.“

Im Januar 1850 wurde die neue Anstalt eröffnet. Ein Neffe Friedrich Fröbels: Carl Fröbel war ihr erster Rektor. Ihm zur Seite stand ein Verwaltungsausschuß, dem folgende Frauen angehörten: Emma Isler geb. Meyer, Bertha Traun geb. Meyer, Elise Bieling geb. Ström, Mathilde Seybold geb. Mohrmann, Henriette Salomon geb. Goldschmidt, Emilie Wüstenfeld geb. Capelle.

Auch Friedrich Fröbel, der während des Winters 1849/50 in Hamburg weilte und pädagogische Vortragskurse abhielt, unterstützte die junge Anstalt. Zur Charakterisierung der Hamburger Frauenhochschule sei aus dem ersten Programm derselben noch folgendes mitgeteilt:

„Die Anstalt soll erwachsenen Mädchen nach vollendetem Schulkursus eine weitere Ausbildung gewähren, die alles umfaßt, was das praktische, gesellige und geistige Leben in seinen höchsten Sphären von gebildeten Frauen verlangen kann.

Die eigentlichen Schülerinnen, von welchen eine Ausbildung nach allen drei Richtungen gewünscht wird, wohnen als Pensionärinnen in dem Pensionshause der Anstalt, welchem Professor Carl Fröbel und seine Frau Johanna Fröbel geb. Küstner vorstehen. Wenn die Zahl der Pensionärinnen zwanzig übersteigt, wird ein zweites Pensionshaus errichtet.

Zur Übung für das praktische Leben werden die Schülerinnen auf möglichst zweckmäßige Weise mit den Haushaltsgeschäften und der dazu nötigen Buchhaltung vertraut gemacht. In dem zur Anstalt gehörenden Kindergarten lernen sie die erziehende Beschäftigung und naturgemäße Behandlung der Kinder kennen.

Für das gesellige Leben bieten außer der Anstalt die Familien des Bildungsvereins und andere die den Schülerinnen wünschbaren Gelegenheiten dar.

Der wissenschaftliche Unterricht wird in halbjährliche Lehrkurse eingeteilt und zum Teil in Vorträgen, zum Teil an Übungen geknüpft.

Auch außer der Anstalt wohnende Mädchen und Frauen werden zur Teilnahme an den Lehrkursen als Hochschülerinnen oder als Zuhörerinnen einzelner Vorlesungen zugelassen.“

Der erste Lehrplan der Hamburger Frauenhochschule umfaßte: Einleitung in die Philosophie, Erziehungslehre, Erklärung der Gedichte Schillers, Geschichte der Religionen, Englisch, Französisch, Geschichte, Geographie, Literatur, Sprachlehre, Formenlehre, Zeichnen, Gesang, Übungen im Kindergarten.

Außerdem war den Hochschülerinnen Gelegenheit gegeben, an den außerhalb der Anstalt stattfindenden Vorträgen Friedrich Fröbels teilzunehmen.

Es herrschte ein frisches, geistig reges Leben in der jungen Frauenhochschule. Malvida von Meysenbug, die die Anstalt damals besuchte, erzählt anschaulich davon in ihren berühmten „Memoiren einer Idealistin“:

„Ich war keine junge Schülerin mehr, ich war ein gereiftes Wesen, das aus den Konflikten des Daseins zu der einzig wahren Zuflucht flüchtete, zu einer edlen nutzbringenden Tätigkeit. Ein eigenes, beinahe feierliches Gefühl erfaßte mich, als ich die Schwelle des Hauses, in welchem ich ein neues Leben beginnen wollte, überschritt.“ Und dann schildert sie ihr Bekanntwerden mit Fröbels pädagogischem System: „Ich hatte bereits davon reden hören, sah es hier zuerst in der Praxis (in dem Kindergarten der Hochschule!) und war entzückt davon. Psychologisch tief und geistvoll fand ich alle Grundsätze, welche Fröbels System zugrunde liegen und worin sein eigentlicher Wert besteht. Meine erste Bekanntschaft mit diesem System war eine wahrhaft beglückende.“

Die Hochschülerinnen wurden aber nicht nur in das Reich des Geistes eingeführt, sondern sie mußten auch häusliche Arbeiten verrichten. Malvida von Meysenbug erzählt z. B. u. a.: „Einmal in der Woche standen wir im Garten fröhlich um einen Waschtrog, und während die Hände Wäsche rieben, besprachen wir Gegenstände aus den Vorträgen oder sonst wichtige Fragen. Wir taten die gröbere Arbeit, weil es zum Vorteil der Anstalt diente, die unser allerhöchstes Interesse war, und wir fühlten uns dadurch nicht gedemütigt. Viele der begabtesten Schülerinnen, denen bisher jede häusliche Beschäftigung ein Greuel war, suchten diese jetzt mit der geistigen Arbeit zu vereinen. Die Leichtsinnigen wurden ernst, die Faulen fleißig. Es war eine Strömung, die sie alle zum Guten fortriß.“

Der jungen Anstalt war aber nur ein kurzes Dasein beschieden. Sie fiel der – nach der Revolution von 1848 – einsetzenden Reaktion zum Opfer. Die Beziehungen der Hamburger Frauenhochschule zu den freireligiösen Gemeinden genügten den Gegnern, die Anstalt durch gedruckte Pamphlete zu verdächtigen. Sie wurde „als ein Herd der Demagogie dargestellt, wo unter dem Mantel der Wissenschaft revolutionäre Pläne geschmiedet würden.“ Viele Eltern wurden dadurch irre gemacht und erlaubten ihren Töchtern nicht den Besuch der Schule. Der Mangel an Hörerinnen brachte die Anstalt in finanzielle Schwierigkeiten, und sie mußte geschlossen werden.

Vielleicht wäre es gelungen, die Hamburger Frauenhochschule zu erhalten, wenn man sich dazu hätte entschließen können, dem damals herrschenden Geist der Reaktion Zugeständnisse zu machen. Aber das wollte man nicht. „Man fand es besser, die Verwirklichung der Idee der Zukunft zu überlassen, als einen Kompromiß mit der alten Welt zu machen.“ Die Stimmung, die damals bei den Freunden der Anstalt herrschte, bringt Malvida von Meysenbug in den Worten zum Ausdruck: „Die Erfahrung war gemacht, ein Resultat war gewonnen. Der Gedanke, die Frau zur völligen Freiheit der geistigen Entwicklung, zur ökonomischen Unabhängigkeit und zum Besitze aller bürgerlichen Rechte zu führen, war in die Bahn zur Verwirklichung getreten: Dieser Gedanke konnte nicht wieder sterben. Wir zweifelten nicht, daß viele von denen, welche seine erste Inkarnation in unserer Hochschule gesehen hatten, noch seinen völligen Triumph sehen würden, wenn nicht in Europa, so doch in der neuen Welt.“

Diese Hoffnungen erfüllten sich – durch Henriette Goldschmidt.

Eine der Mitbegründerinnen der Hamburger Frauenhochschule – und zugleich eine der geistig bedeutendsten Frauen jener Kreise – Emilie Wüstenfeld – stellte gleichsam die Verbindung zwischen Hamburg und Henriette Goldschmidt dar. Die beiden Frauen kannten sich persönlich und Henriette Goldschmidt nannte später Emilie Wüstenfeld „ihre liebe Gesinnungsgenossin“, da diese, ebenso wie sie selbst, „eine Reform der Erziehung des weiblichen Geschlechtes, eine neue Grundlage für die Fortbildung der erwachsenen weiblichen Jugend als notwendigen Ausgangspunkt für den Eintritt der Frau in die Kulturarbeit der Zeit für notwendig hielt,“ vor allem aber war sie Henriette Goldschmidt deshalb eine „liebe Gesinnungsgenossin“, weil Emilie Wüstenfeld Henriette Goldschmidts Überzeugung teilte, „daß dieser Ausgangspunkt in der glücklichsten Weise in der Pädagogik Fröbels vorhanden“ sei.

Das also war die historische Grundlage für Henriette Goldschmidts Idee einer Frauenhochschule.

Im Jahre 1910 endlich – sie war inzwischen 84 Jahre alt geworden – erhielt Henriette Goldschmidt eine große Stiftung zur Verwirklichung ihres Gedankens.

Und nun ging sie ans Werk.

Bereits im Oktober 1911 konnte die neue Anstalt in ihrem stattlichen Heim zu Leipzig eröffnet werden.

Klarer und zielsicherer als einst die Hamburger Frauenhochschule wollte die Leipziger Anstalt den großen Gedanken Fröbels verwirklichen, den Gedanken, das weibliche Geschlecht seiner instinktiven Tätigkeit zu entheben und es von seiten seines Wesens und seiner menschheitpflegenden Bestimmung ganz zu derselben Höhe wie das männliche Geschlecht zu erheben. – Das erste (von Henriette Goldschmidt entworfene) Programm der neuen Anstalt verkündete daher: „Die Hochschule will

1. der Frau für die Ausübung des mütterlichen Erziehungsberufes eine auf gründlicher Einsicht beruhende Vorbereitung geben und
2. die Frau befähigen, sich den mannigfaltigen gemeinnützigen Aufgaben, die ihr innerhalb der Gemeinde des Staates und der Gesellschaft erwachsen, mit weitem Blick und mit vollem Verständnis für die Bedürfnisse der Gegenwart zu widmen.“

Zu diesem Zweck wurde die regelmäßige Abhaltung „freier Vorlesungen“ ins Auge gefaßt, und zwar wurden drei Gruppen gebildet, nämlich

I. Vorlesungen für allgemeine Bildung,
II. Pädagogische Vorlesungen,
III. Sozialwissenschaftliche Vorlesungen.

Das Programm sah für die verschiedenen Gruppen im einzelnen vor:

„I. Vorlesungen für allgemeine Bildung.

A. Philosophische Vorlesungen.

1. Einleitung in die Philosophie,
2. Geschichte der Philosophie,
3. Darstellung der Philosophie einzelner hervorragender Denker,
4. Allgemeine Psychologie,
5. Ethik,
6. Ästhetik.

B. Geschichtliche Vorlesungen.

Vorlesungen

1. aus Kulturgeschichte,
2. aus solchen Abschnitten der politischen Geschichte, die zum Verständnis der Gegenwart dienen,
3. aus Literaturgeschichte,
4. aus Kunstgeschichte.

C. Naturwissenschaftliche Vorlesungen.

Vorzugsweise sind Vorlesungen über Fragen der Biologie in Aussicht genommen. Doch sollen auch Geologie, Physik und Chemie in den Umkreis der Vorlesungen gezogen werden.

II. Pädagogische Vorlesungen.

1. Kinderpsychologie,
2. Vorlesungen aus der Geschichte der pädagogischen Bewegungen, besonders des 18. und 19. Jahrhunderts und der Gegenwart,
3. Geschichte der Erziehung des weiblichen Geschlechts,
4. Erziehungsprobleme,
5. Gesundheitspflege in Haus und Schule.

III. Sozialwissenschaftliche Vorlesungen
(einschl. Staats- u. Rechtswissenschaft).

1. Vorlesungen allgemeineren national-ökonomischen Charakters,
2. Geschichte der Frauenbewegung,
3. Die soziale Arbeit der Frau,
4. Die Stellung der Frau im Recht,
5. Geschichte der politischen Parteien der neuesten Zeit,
6. Einführung in die Staatswissenschaft.“

Neben diesen freien Vorlesungen, die für alle nach Bildung strebenden Frauen zugänglich sein sollten, die das 18. Lebensjahr vollendet hatten, waren Studienkurse zur Ausbildung auf bestimmte Frauenberufe vorgesehen. Der Eintritt in diese Studienkurse setzte eine sachgemäße Vorbildung voraus. Es wurden eingerichtet:

I. Studienkurse für Lehrerinnen der pädagogischen Fächer an Kindergartenseminaren, Frauenschulen und anderen Lehranstalten und
II. Studienkurse für soziale Berufstätigkeit.

Das war die Anstalt, die 1911 als „Hochschule für Frauen“ in Leipzig eröffnet wurde, die Anstalt, die nach Henriette Goldschmidts eigenen Worten die Krönung ihres Lebenswerkes darstellte und über deren Pforte ihr Lieblingswort leuchtete:

‚Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau‘.


Die Nachwirkung und Fortentwicklung ihrer Ideen an der Leipziger Hochschule für Frauen.

Zehn Jahre hat die Anstalt als „Hochschule für Frauen“ bestanden. Der im Voranstehenden abgedruckte Plan von 1911 wurde im Laufe dieser Jahre vielfach abgeändert und erweitert. Aber die treibende Kraft für all diese Reformen war nicht eigentlich mehr Henriette Goldschmidt, sondern die Initiative ging jetzt aus von den verschiedenen Vertretern der einzelnen Hauptfächer, die ihr Lehr- und Arbeitsgebiet – zum Teil auf Anregungen von außen – erweitern und ausbauen mußten. Eine ausführliche Darstellung dieser Entwicklung gehört daher nicht in eine Biographie Henriette Goldschmidts. Immerhin wird es den Lesern erwünscht sein, die Nachwirkung und allmähliche Realisierung der Goldschmidtschen Ideen wenigstens in großen Zügen kennen zu lernen. Darum seien im folgenden aus der Geschichte der Leipziger Frauenhochschule die wichtigsten Daten angegeben:

Im Winter-Semester 1911/12 wurde die „Hochschule für Frauen“ als Anstalt des „Vereins für Familien- und Volkserziehung“ mit zusammen 898 Hörerinnen und Studierenden eröffnet. Sie umfaßte damals drei Abteilungen, nämlich

a. die Allgemeine Abteilung (in erster Linie für Hörerinnen bestimmt),
b. die Pädagogische Abteilung (bestimmt zur Ausbildung von Lehrerinnen der Fröbelschen Pädagogik an Kindergärtnerinnenseminaren, Frauenschulen usw.),
c. die Sozialwissenschaftliche Abteilung (bestimmt zur Ausbildung von beruflichen und ehrenamtlichen Kräften für das gesamte Gebiet der sozialen Arbeit).

Im Sommer-Semester 1913 traten neu hinzu besondere Kurse zur Fortbildung staatlich geprüfter und in längerer Praxis bewährter Krankenschwestern für leitende Posten (Oberinnen, Oberschwestern, lehrende Schwestern). Im Herbst 1916 wurden diese Kurse in eine selbständige Abteilung umgewandelt.

Ostern 1914 wurde der umfangreiche, mit allen Einrichtungen moderner Unterrichtstechnik ausgestattete Erweiterungsbau in Benutzung genommen. (Königstr. 18/20).

Vom Sommer-Semester 1914 an wurde – nachdem die dazu nötigen Laboratorien in der Anstalt geschaffen worden waren – die Naturkundliche Abteilung ausgebaut, die der Ausbildung technischer Assistentinnen für medizinische und industrielle Laboratorien dient.

Im Winter-Semester 1916/17 erfolgte die rechtliche und finanzielle Loslösung der Hochschule vom „Verein für Familien- und Volkserziehung“ und ihre Umwandlung in eine selbständige, dem sächsischen Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts unmittelbar unterstellte rechtsfähige Stiftung.

Ostern 1917 wurden Lehrgänge zur Ausbildung staatlich geprüfter Jugendleiterinnen an die Anstalt angegliedert.

Seit Sommer-Semester 1917 wurden allmählich für alle Abteilungen (mit Ausnahme der Allgemeinen Abteilung) staatliche Prüfungen eingerichtet.

Am 1. April 1921 löste sich der „Verein für Familien- und Volkserziehung“ auf und vermachte der Hochschule neben seinen Grundstücken und sonstigen Vermögenswerten seine sämtlichen Anstalten (Fröbel-Frauenschule, Seminar für Kinderpflegerinnen, Henriette-Goldschmidt-Kinderheim und drei Volkskindergärten).

Am 1. Oktober 1921 ging die Stiftung „Hochschule für Frauen“ mit ihren gesamten Anstalten in den Besitz der Stadt Leipzig über unter gleichzeitiger Umgestaltung und Verschmelzung der verschiedenen Lehranstalten zu einem „Sozial-pädagogischen Frauenseminar“, bestehend aus folgenden Abteilungen:

1. Frauenhochschulkurse (bisherige Allgemeine Abteilung).
2. Wohlfahrtsschule (zur Ausbildung von Wohlfahrtspflegerinnen und sonstigen Sozialbeamtinnen auf Grund der staatlichen Prüfungsordnung von 1921).
3. Ausbildungsanstalt für Jugendleiterinnen (Lehrbetrieb und Prüfung geregelt nach den staatlichen Bestimmungen Sachsens vom 6. Februar 1918).
4. Oberinnen-Lehrgang zur Fortbildung staatlich geprüfter Krankenschwestern für leitende Stellungen in der Krankenpflege (mit staatlich genehmigter Prüfungsordnung von 1917).
5. Lehranstalt für technische Assistentinnen (mit staatlich genehmigter Prüfungsordnung vom 15. Oktober 1917).
6. Fröbel-Frauenschule bzw. Kindergärtnerinnenseminar (Lehrbetrieb und Prüfung geregelt nach den sächsischen Bestimmungen vom 6. Februar 1918).
7. Seminar für Kinderpflegerinnen (ohne staatliche Prüfung).
8. Soziale Anstalten bzw. Übungsstätten (Henriette-Goldschmidt-Kinderheim, 3 Volkskindergärten und eine Kinderlesehalle).

Es ist häufig die Frage aufgeworfen worden, warum die Umwandlung der Frauenhochschule in ein sozial-pädagogisches Frauenseminar erfolgt sei.

Die Umwandlung hat sich in Wirklichkeit allmählich ganz von selbst vollzogen.

Der Entfaltung des innersten Frauentums im Sinne der Fröbel-Goldschmidtschen Idee der allgemeinen Höherbildung des weiblichen Geschlechts „um seiner menschheitpflegenden Bestimmung willen“ (vgl. [S. 146 ff.]) sollte die Anstalt ursprünglich dienen. Dieser hohen Kulturaufgabe wegen war bei der Gründung der Name „Hochschule für Frauen“ gewählt worden. Man hatte geglaubt, daß zahlreiche Frauen rein um dieser Idee willen die Anstalt besuchen würden.

Aber die Entwicklung verlief anders.

Die große Idee der Anstalt wurde nur von ganz wenigen richtig verstanden. Diese wenigen konnten sich meist aus wirtschaftlichen Gründen nicht eine hochschulmäßige Weiterbildung leisten, die nicht mit Sicherheit unmittelbaren praktischen Nutzen versprach. Die Verhältnisse in unserem Vaterlande haben es nun einmal mit sich gebracht, daß jetzt die meisten Frauen eine gründliche Ausbildung für bestimmte, wirtschaftliche Sicherheit bietende Berufe suchen müssen. Dieses immer stärker hervortretende Bedürfnis nach solcher Berufsbildung bestimmte mit Recht in der Folge mehr und mehr den weiteren Ausbau der Anstalt (vgl. [S. 170–172]). Die ursprüngliche Idee wurde dadurch allmählich in den Hintergrund gedrängt und schließlich ganz vergessen.

Man beschränkte sich bei der Auswahl der Berufe, für die die Frauenhochschule vorbereiten sollte, bewußt auf spezifische Frauenberufe, also auf solche, die den Frauen Gelegenheit geben, ihre ursprüngliche Naturanlage zu entfalten. Es kamen da in erster Linie in Frage die uralten Domänen der Frauenarbeit: Kinderpflege, Wohlfahrtspflege und Krankenpflege. Zwar konnte man sich auch auf anderen Schulen dafür ausbilden. Die Hochschule aber beabsichtigte, für diese wichtigen Arbeitsgebiete gründlicher und umfassender, eben hochschulmäßiger vorzubereiten, als dies anderswo geschah. – Aber auch dieser Gedanke ließ sich nicht dauernd verwirklichen, da inzwischen der Staat nach und nach für alle in Betracht kommenden Frauenberufe allgemeinverbindliche Ausbildungs- und Prüfungsvorschriften erließ, denen sich naturgemäß auch die Frauenhochschule anpassen mußte, was Erleichterungen ihrer bisherigen Aufnahme- und Prüfungsvorschriften sowie Kürzungen ihrer Studienpläne nötig machte.

So war denn die Anstalt im Jahre 1921 tatsächlich bereits eine Berufsschule für Frauen geworden, die in äußeren und rechtlichen Beziehungen (Aufnahmebestimmungen, Dauer der Ausbildung, Kosten, Prüfungen und Anstellungsmöglichkeiten) mit entsprechenden anderen Anstalten in Deutschland übereinstimmte. Es war daher nur eine letzte Konsequenz dieser Entwicklung, daß beim Übergang der Anstalt an die Stadt Leipzig dies auch im Namen der Schule zum Ausdruck gebracht wurde. Es wäre innerlich unwahr gewesen, wenn der Name „Hochschule“ beibehalten worden wäre, nachdem die Entwicklung außerhalb und innerhalb der Anstalt sich im Laufe eines Jahrzehnts anders vollzogen hatte, als man bei der Gründung der Frauenhochschule anzunehmen berechtigt gewesen war.

Im gewissen Sinne aber besitzt das Leipziger Sozial-pädagogische Frauenseminar auch nach seiner Anpassung an die gegenwärtigen Zeitverhältnisse noch eine gewisse Eigenart, und zwar unterscheidet es sich durch folgendes von allen ähnlichen Anstalten:

1. Die Anstalt hat sich in gewissem Umfang die früheren guten Beziehungen der Frauenhochschule zur Universität Leipzig bewahrt, wodurch die Vielseitigkeit und Qualität des Lehrkörpers und damit das Niveau sowie der vorwiegend akademische Charakter des Unterrichtsbetriebs in den höheren Abteilungen des Sozial-pädagogischen Frauenseminars sichergestellt ist.

2. Die Anstalt vermeidet bewußt die Einstellung auf die Fachausbildung für nur einen Frauenberuf, wie das die sonstigen Fröbelseminare, sozialen Frauenschulen u. dgl. tun. Die bisherige zehnjährige Erfahrung hat gezeigt, wie vorteilhaft es für die Erweiterung des Gesichtskreises der Schülerinnen ist, wenn sich an derselben Bildungsstätte Lehrer und Schülerinnen mit den verschiedensten geistigen Interessen und Berufszielen zusammenfinden. Aus diesem Grunde wird neben gründlicher theoretischer und praktischer Fachausbildung Gelegenheit geboten zu umfassender allgemeiner Fortbildung der Schülerinnen nach eigener Wahl. Ohne dem eigentlichen pädagogischen Großbetrieb das Wort reden zu wollen, muß doch gesagt werden, daß nun einmal ein pädagogischer Zwergbetrieb – wie ihn die meisten derartigen Anstalten darstellen – von wenigen, besonders günstig liegenden Ausnahmefällen abgesehen, in persönlicher und sachlicher Beziehung nicht die gleiche Leistungsfähigkeit entfalten kann, wie eine große öffentliche Lehranstalt.

Henriette Goldschmidt schrieb 1911 im ersten Plan für die Frauenhochschule: „Es fehlt bisher an einer höheren pädagogisch-sozialen Bildungsstätte für die Frauenwelt.“ – Und sie hatte Recht. Überall bestanden pädagogische und soziale Berufsschulen für Frauen nur getrennt. Unsere moderne Kulturentwicklung aber, besonders der starke soziale Zug unserer Zeit und die jetzt immer mehr sich verbreitende Erkenntnis, daß gewisse Nöte unseres Volkes nur durch großangelegte Erziehungsmaßnahmen beseitigt werden können, macht eine Vereinigung pädagogischer und sozialer Arbeit dringend nötig. Je inniger die Verbindung beider ist, umso reicher werden sich beide Teile gegenseitig befruchten. Darum müssen schon während der Ausbildungszeit unserer zukünftigen pädagogischen und sozialen Berufsarbeiterinnen so viel als möglich Fäden hinüber und herüber gesponnen werden. Das hatte Henriette Goldschmidt erkannt und erstrebt, das will – getreu seiner Tradition – das Sozial-pädagogische Frauenseminar der Stadt Leipzig in seiner jetzigen Form verwirklichen.

Das Erbe Henriette Goldschmidts ist also nicht aufgegeben worden, es lebt fort, nur in anderer, in zeitgemäßerer Gestalt, es lebt und wirkt fort zum Segen unseres Volkes.