Schloß Moorheide.
An einem See, den dunkler Tannenwald umschloß, lag ein graues Haus. Schloß Moorheide wurde es genannt, obgleich der einfache, gerade Bau, dem jeglicher Zierat fehlte, nichts Schloßartiges an sich hatte. Nur die breite Freitreppe, die vom Eingang hinab in einen ziemlich wilden Garten führte, verlieh dem Haus ein vornehmes Aussehen. Am Fuße dieser Treppe stand an einem Sommertag des Jahres 1812 ein kleines Mädchen, ein feines, zierliches Ding mit braunen Locken und veilchenblauen Augen.
Vor ihr stand, die Hände in den Hosentaschen, ein etwas größerer Bube. Er war halb städtisch, halb bäurisch gekleidet, und sein braungebranntes Gesicht stach drollig gegen die flachsblonden Haare ab. Dem ganzen kleinen Kerl sah man an, daß er in Wind und Wetter draußen war, und seine blitzenden Augen verrieten, daß er zu allerlei tollkühnen Unternehmungen gern bereit war.
»Du bist feige,« sprach er grollend zu seiner Gefährtin.
Sabina von Hartenstein, den Namen führte das zierliche Mädchen, schüttelte traurig den Kopf. »Ich darf doch nicht,« sagte sie, und ein sehnsüchtiger Blick flog nach dem Walde hin; in den Augen stand: »Ich möchte schon.«
»Frag’ nur deine Frau Mutter,« drängte der Bube. »Pah, mit mir kannst du doch in den Wald gehen!« fügte er ein bißchen prahlerisch hinzu und reckte die Stupsnase gewaltig in die Höhe.
Babinchen, so wurde Sabina gerufen, lachte schelmisch: »Du tust gerade, als wärst du mindestens ein Ritter, Heine. Großvater sagt, es sei jetzt so unsicher, man könnte immer Soldaten erwarten, und du weißt« – sie sprach das Wort nicht aus, aber ein scheuer Blick flog nach dem Hause hinauf. Oben stand ein Fenster offen, und manchmal hörte man ein paar Männerstimmen in der friedlichen Nachmittagsstille aufklingen.
Heine Strohmanns hellblaue Augen blitzten, und er schaute mit ehrfurchtsvoller Bewunderung zu dem Hause hinauf.
Der Bube war der Sohn des Försters, sein Vater wohnte nicht allzuweit vom Schloß entfernt im Walde. Fast täglich kam Heine in das Schloß, denn Babinchen war seine liebste Spielgefährtin; die beiden streiften dann oft stundenlang in den weiten, sich bis an die russische Grenze hinziehenden Wäldern umher. Heine kannte Weg und Steg so gut, daß er sich selbst im Dunkeln zurechtfand. Er kannte aber auch jeden Vogelruf, er wußte, wo die Rehe ästen, wo Füchse, Dachse und anderes Getier hausten, und oft genug hatte er seiner kleinen Freundin schon allerlei Wunder des Waldes gezeigt. Heute hatte er ihr einen Fuchsbau weisen wollen, er hatte vor etlichen Tagen die jungen Füchslein gesehen; morgen wollte der Vater das ganze Nest ausheben, da sollte es nun Babinchen noch rasch sehen. Es kam ihm sehr ungelegen, daß Frau von Hartenstein ihrem Mädel verboten hatte, im Wald herumzustreifen. Noch waren nämlich die Truppen des Kaisers Napoleon auf dem Durchmarsch nach Rußland begriffen. Dieses große Reich sollte Napoleons unersättlicher Ländergier auch zum Opfer fallen, und das arme Preußen, halb vernichtet in dem unglücklichen Krieg von 1806–1807, mußte sich den Durchzug der Truppen gefallen lassen. Napoleon nannte den König von Preußen zwar jetzt seinen Freund und Bundesgenossen, aber dabei glich der Durchmarsch seines Heeres eher einem großen Raubzug.
Nach Schloß Moorheide, das abseits von der großen Heerstraße lag, waren bisher noch keine Soldaten gekommen. Auch das nahe Dorf war noch davon verschont geblieben, Vorspanne, Schlachtvieh und Lebensmittel aller Art liefern zu müssen.
Auf Moorheide wohnten schon seit etlichen Geschlechtern die Hartensteins. Der alte Herr Jobst von Hartenstein, der derzeitige Besitzer, war schon lange verwitwet. Bei ihm lebte seine Schwiegertochter mit ihrem Töchterchen Sabina. Auch ihr Mann war tot; wenige Wochen nach Babinchens Geburt war er gestorben. Die Kleine dachte oft sehnsüchtig an den Vater, den sie nie gekannt hatte, und den sie doch so liebte, weil alle Menschen, die von ihm sprachen, nur Gutes zu erzählen wußten. Wenn aber auf den Nachbargütern der Name Ferdinand von Hartenstein genannt wurde, dann schwiegen meist alle dazu, die Männer schauten ernst und trübe drein, und die Frauen hatten Mitleidstränen in den Augen. Auch in dem etwas düsteren Schloß am See wurde dieser Name nur in leiser, weher Trauer genannt, und der Großvater, der seit einem Jagdunfall lahm war, sprach fast nie den Namen aus. Ferdinand war sein Enkelsohn, Sabinas vierzehn Jahre älterer Bruder. Der feurige, leidenschaftliche Jüngling hatte sich in seiner heißen Vaterlandsliebe dem Schillschen Korps angeschlossen, er hatte fliehen müssen und war in einer grauen Nebelnacht nach Schweden entkommen. Die Mutter trauerte tief um den letzten Sohn. Der älteste war einst bei Jena gefallen. Der Großvater sehnte sich nach dem fernen Enkel, und Babinchen hatte dem Bruder schon viele heiße Tränen nachgeweint. Mit ihrem Freund, Heine Strohmann, sprach sie oft von dem Bruder. Der Bube bewunderte in dem Flüchtling einen Helden, und er wurde nie müde, von ihm zu hören. Wie der Bruder aussah, wußte Babinchen freilich selbst nicht mehr genau. Schon seit sieben Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und sein Bild hielt die Mutter verborgen. So wußte auch niemand von den Hausgenossen sich recht an den jungen Herrn zu erinnern.
»Ob er es wirklich ist?« fragte Heine jetzt voll ehrfürchtiger Scheu, und sein Blick streifte wieder rasch das offene Fenster. Babinchen legte ihre Arme um den Hals des Kameraden und flüsterte leise, obgleich nirgends ein Lauscher zu sehen war: »Ich denke, er muß es sein. Und weißt du, er ist gekommen, weil Großvater so lange, lange krank war.«
»Wenn ich ihn nur einmal sehen könnte, nur ein einziges Mal!« rief Heine laut und aufgeregt.
Babinchen hielt ihm rasch den Mund zu. »Schrei doch nicht so, Stepke!« schalt sie ärgerlich.
Heine wurde ein bißchen verlegen. Stepke nannte ihn seine kleine Freundin immer, wenn er gar zu wild und jungenhaft war, und darum mochte er den Namen nicht leiden. Er grollte auch jetzt: »Brauchst mich nicht gleich Stepke zu nennen, wenn ich mal ’n bißchen laut rede. Ihr Mariellen seid auch zu zimperlich!«
Mariell ließ sich nun wieder Babinchen sonst nicht gern nennen, sie war an diesem Tag aber viel zu aufgeregt, um auf eine solche Kleinigkeit zu achten. »Wenn du ganz leise gehst, weißt du, auf den Zehenspitzen und ohne Stiefel, dann führe ich dich in die blaue Stube. Die hat nämlich ein Fenster nach Großvaters Zimmer hin, und wenn wir recht leise sind, dann können wir da rasch einmal hindurchsehen; der Vorhang ist nur halb zu.«
Heine hätte beinahe einen lauten Jauchzer ausgestoßen, er besann sich aber noch rechtzeitig auf Babinchens Mahnung zur Stille und hielt sich geschwind seine kleine, braune Hand vor den Mund.
Einige Minuten später schlichen die Kinder auf Strümpfen durch das Haus, während ihre Schuhe einträchtig nebeneinander in einem dichten Holunderbusch im Garten standen. Babinchen führte Heine Strohmann durch einige Zimmer, bis sie aufatmend einige Augenblicke stillstand. Nebenan war das blaue Zimmer, und von dort aus konnten sie in Großvaters Arbeitsstube sehen. Es hatte ihr niemand verboten, das blaue Zimmer zu betreten, sie hatte schon oft durch das Fenster geschaut und dem lieben Großvater zugenickt und zugelacht. Dennoch zögerte sie jetzt. War es nicht doch etwas Heimliches, was sie nun tun wollte? Warum wagte sie eigentlich nicht, Heine einfach in das Zimmer zu führen?
Seit zwei Tagen waren Gäste im Haus, ein paar junge Männer. Ihre Namen wußten außer dem Großvater und der Mutter wohl nur noch Förster Strohmann und die alte, treue Marinka. Die aber waren beide verschwiegen und hätten sich eher die Zunge abgebissen, ehe sie ein ihnen anvertrautes Geheimnis verraten hätten. Trotzdem niemand über das Woher und Wohin der Fremden etwas wußte, sagten es doch alle im Hause, von der Köchin Lisabetha an bis hinab zu dem kleinen frechen Pferdeknecht Michael, daß der Jüngere der Fremden kein anderer sei als Junker Ferdinand, der geflüchtete Sohn des Hauses. Auch Babinchen glaubte es halb und halb, und sie hätte so gern den Fremden als Bruder angeredet, aber sie sah ihn wenig; fast immer waren die beiden Gäste in des kranken Großvaters Zimmer. Kam er aber einmal in das Wohnzimmer und sprach zu ihr, dann schwieg sie befangen, ja dann schien es ihr kaum möglich, daß dieser Mann mit dem ernsten Gesicht, der breiten, roten Narbe über der rechten Wange, ihr Bruder sein sollte, so fremd kam er ihr vor, und sie meinte, der fröhliche Jüngling, der sie als ein noch viel kleineres dummes Mariellchen oft samt ihrer Puppe Rosalinde spazierengefahren hatte, sei doch ein ganz anderer gewesen.
Babinchen hatte auch ihrem Freund Heine ihren Zweifel nicht verschwiegen, der aber hatte versichert: »Wenn ich ihn nur eine Minute sehen könnte, ich wüßte ganz genau, ob er’s ist.« Und dabei war der Bube bei des Junkers Abschied auch erst ein rechter Dreikäsehoch gewesen!
Aber die Kleine glaubte dem Freunde seine kühne Behauptung, und darum schlichen sie jetzt alle beide in die blaue Stube, um den geheimnisvollen Fremden zu sehen. Babinchens Herzlein schlug so laut, daß sie meinte, man müsse sein Pochen drin im Nebenzimmer hören; sie wagte kaum einen scheuen Blick durch das nur lose verhängte kleine Fenster, das nach altmodischer Bauweise in die Stubenwand eingelassen war. »Guckerchen« nannte man es im Hause, und am Guckerchen stand nun Heine und starrte mit heißen Augen hinüber. »Er ist’s,« flüsterte er der Freundin zu, die ihm rasch und angstvoll den Mund zuhielt, während ihre Augen flehten: »Sprich nicht, sei leise!«
Drinnen in dem Zimmer saß in einem Lehnstuhl Babinchens Großvater. Sein bleiches Gesicht trug die Spuren langer Krankheit, und blaß und schmal lagen die Hände auf der dicken Decke, in die er sich trotz der Sonnenwärme gehüllt hatte. Die schönen, klaren Augen des alten Herrn ruhten liebevoll auf einem jungen Mann, der auf einem niedrigen Schemel vor ihm saß und ihm etwas zu erzählen schien. Was er sagte, verstanden die beiden Eindringlinge am Guckerchen nicht. Babinchen zitterte wie ein Grasstenglein im Wind vor Aufregung, ihr Freund aber hatte ganz vergessen, wo er sich befand. Der braunlockige junge Mann mit den grauen, kühn blitzenden Augen, der zu den Füßen des Gutsherrn saß, das mußte er sein, er, der Held.
Doch da zupfte ihn Babinchen am Jackenzipfel, das sollte heißen: »Komm, komm!« Die Kleine hatte gesehen, daß nur noch der andere Gast, ein hochgewachsener, schlanker, blonder Mann, der aber wohl erheblich älter als sein Freund sein mochte, im Zimmer war. Die Mutter fehlte, und Babinchen war besorgt, sie könnte kommen und sie beide am Guckerchen finden. Endlich gelang es ihr mit Zupfen und zaghaft geflüsterter Bitte, den Kameraden fortzulocken. Auf leisen Sohlen huschten beide wieder hinaus, unten im Garten aber sprang Heine Strohmann hoch vor Freude und rief: »Er ist’s, ganz gewiß, er ist’s! Den erkennt –«
»Babinchen, Heine!« rief Frau von Hartenstein. Babinchen konnte noch gerade in ihre Schuhe schlüpfen, ehe die Mutter aus dem Hause trat.
»Frag’ wegen der Füchse!« tuschelte ihr Heine so laut zu, daß seine kleine Freundin gar nicht erst zu fragen brauchte. Die Mutter hatte es gehört und wollte nun wissen, was mit den Füchsen sei. Sie lachte, als Heine Strohmann die Fuchsfamilie begeistert pries und treuherzig hinzusetzte, mit ihm könne Babinchen schon gehen, es sei kaum eine halbe Stunde weit; außerdem werde sein Vater vielleicht ganz in der Nähe sein, er habe heute früh davon gesprochen.
»Nun, meinetwegen lauft,« sagte Frau von Hartenstein freundlich, »aber bleibt nicht zu lange. Bittet Marinka, daß sie euch ein Vesperbrot mitgibt.«
Die Kinder jauchzten auf, Babinchen umarmte die Mutter stürmisch, und weil ihr das Gewissen beschwert war ob des heimlichen Schauens durch das Guckerchen, nahm sie einen so zärtlichen Abschied, als ginge sie auf eine große Reise. Da wurde der Frau das Herz seltsam schwer. Sie preßte ihr Kind fest an sich und sagte mit leiser Bangigkeit: »Gib mir gut acht auf mein Mädel, Heine!«
Das versprach der Bube wichtig, und bald darauf trabten die beiden Kinder dem Walde zu. Die halbe Stunde, die Heine angegeben, hatte ein recht tüchtiges Schwänzlein. So geschwind die Buben- und Mädelbeine auch über den grünen Waldboden liefen, es dauerte doch über eine Stunde, ehe sie am Fuchsbau anlangten. Sie hatten zuletzt die Landstraße überschreiten müssen, die in einem Bogen um Schloß Moorheide herum nach der nächsten Stadt führte. Eine Seitenstraße ging von ihr aus nach dem einsamen Gutshof und dem nachbarlich gelegenen Dorf.
»Bis an die Landstraße sollte ich aber nicht,« sagte Babinchen zaghaft beim Überschreiten, »Mutter hat es streng verboten!«
»Pah, was ist dabei!« meinte Heine. »Komm nur rasch! Eins, zwei, drei sind wir drüben. Wir gehen doch nicht die Straße entlang, und ob wir jenseits durch den Wald laufen oder hier, ist gleich.« Babinchen ließ sich nur zu gern bereden, und husch liefen sie beide hinüber. Die breiten Graben am Wegrand wurden mit kühnem Sprung genommen, und dann tauchten die Kinder drüben in der grünen Dämmerung wieder unter. Üppiger Laubwald drängte sich zwischen den Nadelwald hinein. Weil die Vögel hier gut Nester bauen konnten und ein kleiner Waldsee auch allerlei Wasservögeln Wohnung gab, so schwirrte, sang, kreischte, rohrte und schnatterte das oben und unten lustig durcheinander. In all das Vogelgeschwätz hinein aber sagte Babinchen: »Es klingt wie Donner, was ist das nur?«
»Es wird ein Wagen auf der Landstraße sein,« sagte Heine achtlos, denn seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Fuchsbau. Dort mußte er doch sein, dort, wo die Sonne durch eine Lücke drang und einen großen hellen, runden Fleck auf den Waldboden malte. Aber die Füchslein lagen nicht wie am Tage vorher draußen und sonnten sich. Alle miteinander steckten sie in ihrer dunklen Wohnstube, und nicht eine einzige rote Fuchsrute war zu sehen.
»Das ist doch zu dumm,« brummte Heine, »was ihnen nur einfällt!«
»Wir müssen warten,« tuschelte er. »Komm, wir legen uns hier lang auf den Boden. Ich habe aber auch Stein und Zunder mit, und wenn sie nicht kommen, dann räuchere ich sie heraus.«
Dieser Plan war Babinchen etwas zu abenteuerlich; sie meinte, sie wollten es lieber mit dem Warten versuchen. Erst steckte sie aber neugierig ihr Näslein in den Fuchsbau hinein, sie fuhr aber geschwind wieder zurück und rief verächtlich: »Pfui, wie das da drin riecht, brr! Na, weißt du, deine Füchse sind auch was Rechtes, darum brauchten wir nicht so weit zu laufen!«
»Wart’ es doch ab, bis sie herauskommen, nachher werden sie dir schon gefallen!« murrte Heine Strohmann gekränkt. »Aber wenn du schwätzt und schreist wie eine Elster, dann natürlich, dann können wir lange warten. Auf der Jagd hält man den Schnabel!«
Des Freundes Strafrede verfehlte ihre Wirkung, denn Babinchen kicherte so vergnügt darüber, daß es die Fuchsfamilie im Bau sicher hören mußte. Endlich tat ihr aber Heine, der ein betrübtes Gesicht machte, leid, sie verhieß still zu sein, und beide legten sich dann wie ein paar richtige eifrige Jäger lang auf den grünen, weichen Waldboden nieder, um die Füchse zu belauschen. Doch kaum hatten sie sich recht hingelegt, da sprangen sie auch schon wieder entsetzt auf und starrten einander schreckensbleich an. Der ganze Boden dröhnte nämlich. Das konnte nicht nur ein Wagen sein, der die Landstraße entlang fuhr, viele mußten es sein und viele Menschen, die da marschierten.
»Feinde sind’s,« stammelte Heine, »Franzosen!« Alle Schreckensgeschichten fielen ihm ein, die man sich noch in der Gegend erzählte.
Babinchen wiederholte angstvoll die Worte: »Feinde sind’s!«
»Wir müssen uns verstecken,« sagte Heine rasch, ohne Besinnen, »wir sind so nahe, dein weißes Kleid kann man sonst sehen.« Er zog seine kleine Freundin mit kräftigem Ruck in einen Graben hinein, der den Wald durchlief. Er war trocken und von bunten Blumen überwachsen; in dieses duftige Blütenbett versanken die Kinder, und einige Minuten saßen sie stumm, fast betäubt von dem Schreck darin, während durch den Wald lauter, unheimlicher das dumpfe Dröhnen klang.
»Wenn sie nach Hause kommen, unser Haus finden!« flüsterte Babinchen zitternd.
»Und deinen Bruder! Den – den nehmen sie gefangen, er ist doch ein Flüchtling,« sagte Heine Strohmann, und sein sonst so vergnügtes Bubengesicht war tief ernst geworden.
Das Mädchen schmiegte sich bebend an den Freund und schluchzte leise: »O der arme Ferdinand! Ach Heine, wir müssen zu ihm und es ihm sagen!«
Sie wußte nur zu gut, daß Heine mit seiner Angst recht hatte. Erst gestern hatte sie gehört, wie Lisabetha erzählte: »Wenn nur keine Franzosen kommen! Die nehmen den jungen Herrn gleich mit oder schießen ihn mausetot.« Und dann hatten die Mägde und Knechte sich allerlei schauerliche Geschichten erzählt, von den jungen Offizieren, die Napoleon in Wesel hatte erschießen lassen, und noch manche andere trübe Begebnisse. Babinchen hatte schaudernd im Winkel gesessen und gelauscht – jetzt kam ihr alles wieder ins Gedächtnis, und aufgeregt flehte sie: »Komm doch, Heine, komm, wir müssen zurück!«
Heine schüttelte nachdenklich, finster den Kopf. »Hör’ nur, sie müssen schon nahe sein, und wenn wir zurück über die Straße laufen, dann sieht man uns, und dann – nein, das geht nicht.«
»Wir rennen eine Weile am Rand des Waldes entlang und dann fix hinüber,« riet Babinchen.
Der Bube betrachtete seine Gefährtin. »Dein weißes Kleid verrät uns!« Er wußte als Förstersohn zu gut, daß etwas Weißes im Walde weithin leuchtet, deshalb wagte er sich mit seiner Freundin nicht nahe an den Rand. Er allein wäre ohne Besinnen nach dem jenseitigen Wald gelaufen, aber verlassen durfte er Babinchen nicht. Er fühlte sich als ihr Beschützer, hatte er doch versprochen, sie sicher heimzubringen.
»Ach, wenn ich doch braun wäre,« schluchzte das Mädel, »dann liefen wir schnell vierbeinig über die Straße, und die Franzosen dächten, es wären Rehe, und –«
»Schießen auf uns,« vollendete Heine. Da schwieg Babinchen verzagt und lauschte bebend auf den Lärm, der mehr und mehr die Waldstille übertönte.
»Wir müssen hinüber,« überlegte Heine, »rasch hinüber, müssen die zu Hause warnen!« Und er meinte, das einzige Hindernis sei Babinchens weißes Kleid. Daß den Soldaten auch dunkle, über den Weg huschende Gestalten verdächtig sein könnten, das überlegte er gar nicht.
Auf einmal aber kam ihm ein rettender Gedanke; ja, so mußte es gehen, so. Hier ganz nahe war ein Moorloch. Sein Vater hatte ihn einmal gewarnt, auf den dunklen Grund zu treten, er hatte ihm auch die Stelle gezeigt, wo der feste Grund begann. In das Moor mußte Babinchen ihr weißes Kleid tauchen, es darin dunkel färben, dann war die Sache ungefährlich. Hastig teilte er seiner Gefährtin den Plan mit, und die fand ihn über alle Maßen klug. »Ausziehen tu ich mich nicht erst, das dauert zu lange, ich steig’ gleich so hinein,« sagte sie entschlossen.
Heine nickte. Ja, so war es gut; er wollte sie halten, damit sie nicht im Moor versinken konnte, denn wirklich, das Umziehen hätte zu lange gedauert. Babinchen war sonst ein rechtes Furchthäschen, aber in dieser Stunde vergaß sie alle Angst. Sie war zu allem bereit, nur heim mußte sie so rasch wie möglich, heim, alle warnen und bei der Mutter sein. Wie sehr sie sich nach der Mutter sehnte! In wenigen Minuten waren die Kinder am Moorbach angelangt; wie die Böcklein sprangen sie durch den Wald und vergaßen in ihrem Eifer ganz, daß scharfe Augen sie jetzt gut von der Straße aus hätten sehen können.
Doch dort zogen noch keine Soldaten, nur der Schall ihrer Schritte, das Rasseln und Rollen ihrer schweren Wagen kam immer näher wie ein aufziehendes Unwetter.
»Hier ist das Loch!« frohlockte Heine und führte seine kleine Freundin ein Stück auf dem festen Boden entlang ins Moor hinein. Ein Busch stand am Rand, an dem machte Heine halt und sagte: »Hier mußt du hinein, ich halt’ dich fest. Hab’ keine Angst, du fällst nicht!«
Und Babinchen trat in ihrem weißen Kleidchen ganz still und ergeben auf das Moor. Sie stand ein Weilchen drauf wie eine weiße, helle Blüte, auf einmal aber begann sie zu sinken, nicht tief, nur etwa bis an die Knie, da fühlte sie schon wieder festen Boden unter sich. »Es geht nicht weiter!« klagte sie. Aber Heine, über den in dem Augenblick, da Babinchen zu sinken begann, eine jähe Angst gekommen war, sagte ganz beruhigt: »Das ist gut, dann legst du dich hin, dabei ist keine Gefahr. Dreh’ dich ein bißchen im Moor herum, dann bist du dunkel genug.«
Babinchen befolgte auch diesen Rat des Freundes. Sie drehte sich geschwind im Moor herum, kam mit dem Gesicht hinein, aber da riß Heine sie schon wieder mit kühnem Griff empor und zog sie auf den Steg zurück. Aus der weißen, feinen Lilie war nun auf einmal ein kleines, grünbraunes Ungeheuer geworden. Ein dicklicher Brei rann an ihr herunter, klebte im Gesicht, an den Händen und troff aus den dunklen Locken.
»Himmel,« stammelte Heine, nun doch entsetzt von dem Anblick, »du siehst ja gräßlich aus!« –«
»Fein is das!« rief hier Jackenknöpfle andächtig; ihm gefiel dies Moorbad ungemein.
Die andern tuschelten: »Sei doch still, jetzt wollen sie doch rüberlaufen!«
Frau Fries hielt einen Augenblick an, und dann fuhr sie fort, während ihr Blick gut und froh über die Kinder ging: »Babinchen schluckte und pustete, weil ihr der Schlamm in den Mund gekommen war; als sie endlich Luft bekam, sagte sie tapfer: »Ach, was schadet das, komm nur schnell, schnell heim!« – »Wirst du laufen können?« fragte der Bube besorgt. Die Kleine aber nickte nur, denn das Sprechen war beschwerlich: wenn sie den Mund auftat, lief ihr Schlamm hinein. Heine sah die Freundin stolz an, und er fand, weil diese so tapfer war, sein Plan sei doch ausnehmend gescheit gewesen. »Komm!« sagte er rasch, faßte Babinchens Hand, und beide eilten durch den Wald.
Nach einem Weilchen gebot der Bube: »Leg’ dich einmal auf die Erde, ich klettere geschwind auf einen Baum und sehe, ob wir hier hinüberkommen.« Und wieder gehorchte Babinchen wortlos; in ihrer großen, heißen Angst hätte sie alles getan.
Heine kletterte unbekümmert um Hose und Jacke eine hochgewachsene Tanne empor. Er riß sich die Hände blutig am rauhen Stamm, die schlanke Tanne bog sich unter seiner Last, aber der Försterbube hatte noch jeden Baum bezwungen, auf den er klettern wollte, er kam auch hier hinauf. Nur einige Augenblicke spähten seine falkenscharfen Augen über die Wipfel der niedrigen Bäume hinweg, dann sah er, was da heranzog: eine ungeheure Staubwolke, in der blitzte und blinkte es, er sah Pferde und Menschen: es war kein Zweifel mehr, die Feinde kamen. Aber noch waren sie nicht ganz nahe, noch konnten es die Kinder wagen über die Straße zu laufen. Heine sauste so blitzschnell den Stamm hinunter, daß er unten das Gleichgewicht verlor, Babinchen mitriß und mit ihr etwas unsanft auf dem Waldboden ankam.
Pah, ein paar Löcher, darum kümmerten sich Mädel und Bube in dieser Stunde der Angst nicht, sie schnellten beide wie Gummibälle empor, und fort ging es im Galopp. »Noch ein paar Schritte hinauf,« sagte Heine im Laufen, »dann kommen wir hinüber.« Er hatte Babinchens Hand erfaßt und zog die Freundin mit sich fort.
Nun standen sie am Graben, und es galt, die breite, sonnenbeschienene Landstraße zu überschreiten.
Einige Augenblicke zögerten die Kinder. Ihre Herzen schlugen laut, ihre Knie zitterten, und mit bangen Augen sahen sie auf den sonnigen Weg hinaus. Sie hatten beide in ihrem jungen Leben schon zuviel von der Not und dem Jammer des Krieges gehört, um nicht zu wissen, wie groß die Gefahr war, in der sie sich befanden. Heine legte schützend seinen Arm um Babinchen, er fühlte sich verantwortlich für die Freundin. Aber die sonst so zaghafte Kleine war in dieser Stunde wirklich eine rechte Heldin. Sie dachte nur immer an die Lieben daheim, und sie meinte wieder durch das Guckerchen zu sehen, wie der Bruder zu des kranken Großvaters Füßen saß. Ach, sie wußte, wie viele, viele Tränen die Mutter um den fernen Bruder geweint hatte! Sie erinnerte sich noch, wie einst die Mutter sie in die Arme genommen und mit tränenerstickter Stimme gesagt hatte: »Laß uns beten, mein Mariellchen, und dem lieben Gott danken, dein Bruder ist gerettet!«
Babinchen umfaßte fest des Freundes Hand, und aus ihrem braunen Schlammgesicht schauten ihn die Augen zuversichtlich an. Heine nickte: »Komm, wir müssen hinüber. Bücke dich etwas und renne, so schnell du kannst, ich will zuerst hinaus!«
Nun waren sie in dem Graben, den sie kaum eine Stunde vorher lachend übersprungen hatten. Diesmal sprangen sie nicht, sie kletterten hindurch, holten noch einmal tief Atem, und los ging es.
War die Straße hell, war die Straße breit!
Die Kinder rasten mit vorgebeugtem Oberkörper hinüber, ihre Füße flogen, aber wie weit schien doch der jenseitige Wald entfernt zu sein!
Heine wagte einen einzigen scheuen Blick zur Seite. Dort in der Ferne blitzte es, dort kam etwas schnell heran. Wie ein Ruf klang es, nun fiel ein Schuß.
Aber da war schon der Graben. Heine sprang hinüber, Babinchen kollerte und fiel, der Bube riß sie empor. Nur hinein in den Wald, hinein in das schützende Dunkel!
Keuchend rasten sie vorwärts, sprangen über Baumwurzeln, zwängten sich durch dichtes Gebüsch, unbekümmert darum, daß Dornen ihre Kleider zerrissen. Feucht und schwer schlug Babinchen das Kleid um den Körper, aber die Kleine hielt doch neben dem Freunde aus.
Klangen dort nicht Stimmen? Hörte man nicht Pferdegetrappel? Kam nicht der Lärm näher und näher?
»Sie haben uns gesehen,« dachte Heine Strohmann angstvoll und griff nach Babinchens Hand. »Komm, komm, hier müssen wir durch!« Sie krochen durch dichtes Buschwerk, dahinter war ein kleiner Kiefernwald, in dem sie leichter vorwärtskamen, und endlich erreichten sie einen schmalen Fußweg. Hier blieben sie aufatmend stehen und lauschten in den Wald hinein. Ferner klang schon das Rollen und Stampfen, es wurde mehr und mehr übertönt von dem Jubilieren und Zwitschern der Vögel.
Aber die Kinder hörten weder auf den Gesang der Vögel, noch achteten sie auf die Blumen, die dort, wo die Sonne in den Wald hineinscheinen konnte, ihre zarten, bunten Kelche geöffnet hatten.
»Wir müssen weiter,« sagte Heine rasch, er hatte nur Angst um seine Freundin.
Babinchen nickte stumm. Sie fühlte jetzt auf einmal, wie schwer ihr moorgetränktes Kleid war, und der angetrocknete Schlamm brannte auf ihrem Gesicht. Dennoch folgte sie mutig dem Freund und rannte hinter ihm drein mit flinken Füßen auf dem schmalen Weg. Sie sprachen beide nicht viel zusammen, nur einmal sagte Heine: »Jetzt links!« dann nach einer Weile: »Wir kommen noch zur rechten Zeit!«
Es war still geworden, nur ein ganz fernes, leises Grollen hörte man noch. Aber die Kinder rannten in gleicher Hast weiter, bis auf einmal die Stille wieder gestört wurde und Laute ertönten. Wie aus einem Munde jauchzten sie beide: »Wir sind da!«
Wirklich, nach wenigen Minuten standen sie vor dem Schloß Moorheide, in das Babinchen wie ein richtiges Moorfräulein zurückkehrte. Die alte Marinka sah die Kinder zuerst, sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und wollte eine lange Strafrede beginnen, aber zu ihrer grenzenlosen Verwunderung rasten die Kinder einfach in das Haus hinein. Sie liefen die Treppe hinauf, über die Gänge, den gleichen Weg, den sie vor wenigen Stunden heimlich und leise geschlichen waren. In das Zimmer des Großvaters rannten sie, und dort rief Heine Strohmann mit seiner klingenden, hellen Knabenstimme: »Die Franzosen kommen!«
Der alte Herr von Hartenstein richtete sich jäh in seinem Stuhl auf und sah die Kinder an, sein Enkeltöchterchen und den Buben, der vor Aufregung bebte. »Erzähl’! Wo?« fragte er kurz.
Und Heine Strohmann erzählte alles ganz kurz und eilig, Babinchen gab atemlos ein paar Wörtlein dazu, und nach wenigen Augenblicken wußten die Erwachsenen alles.
»Ferdinand,« stammelte Frau von Hartenstein totenbleich, und der, denn er war wirklich der flüchtige Sohn des Hauses, nahm sein kleines, schmutziges Schwesterlein in den Arm und sagte bewegt: »O ihr Kinder, ihr tapfern Kinder, du liebes, braves Schwesterherz du!«
Die Mutter schlang die Hände fest ineinander, bezwang die Tränen und fragte zitternd: »Was tun wir?«
»Förster Strohmann muß kommen,« gebot der Großvater. »Geh, Heine, wenn du noch laufen kannst, und hol’ deinen Vater her, und deine Mutter soll sich geschwind rüsten und mit den andern Kindern zu uns kommen.«
Heine lief schon, da hörte er noch nachklingend das Wort: »Ein Prachtbengel!« Hei, das fuhr ihm ordentlich in die Beine, er merkte nichts mehr von Müdigkeit, sondern raste den kurzen Weg bis zum Forsthaus hin wie ein Windhund.
Der alte Gutsherr gab inzwischen kurz und bündig seine Befehle, kein Wort zuviel, keins zuwenig. Es war, als sei auf einmal alle Schwäche und Krankheit von ihm gewichen, und seine Gelassenheit beruhigte alle Hausgenossen.
Dann kam Förster Strohmann und sprach mit seinem Herrn, und wenige Minuten später zog er mit den beiden Gästen davon. Vorher aber umarmte der Bruder seine tapfere kleine Schwester noch einmal. »Auf Wiedersehen!«
»Auf Wiedersehen!« wiederholte Babinchen, die alle Scheu vor dem großen, ihr eigentlich so fremden Bruder verloren hatte. »Verstecke dich, verstecke dich!« bat sie flehend.
Ferdinand von Hartenstein nickte schwermütig. Wirklich, er mußte sich in seiner eigenen Heimat wie ein Verbrecher verbergen, nur weil er sein Vaterland so heiß und treu liebte.
Als er ging, sahen Heine und Babinchen ihm nach. Mit Förster Strohmann schritt er in den Wald hinein, und Heines Augen blitzten. »In Vaters Schutz sind sie sicher,« sagte er, und gar zu gern wäre er mitgelaufen. Aber da kam seine Mutter mit den drei kleinen Geschwistern, die alle drei geradeso flachsblond und stupsnasig waren wie er selbst. Nun fühlte er sich wieder als Beschützer, und auch Babinchen, die sich gewaschen hatte und wieder fein und sauber aussah, kam sich den heulenden Försterkindern gegenüber sehr verständig vor. Sie nahm sie mit in die Wohnstube, dort sollten die Kinder bleiben, und dort beschrieben sie und Heine ihren Gang zu den Füchslein so spannend, daß die Kleinen das heulen darüber vergaßen.
»Ich denk’ immer, die Franzosen kommen gar nicht,« prophezeite Lisabetha, »hierher finden die nicht!«
Aber sie fanden doch den Weg in diese friedliche Waldeinsamkeit. Etwa dreißig Mann, geführt von zwei Offizieren, rückten gegen Abend im Schlosse ein. Sie verlangten in ziemlich barschem Ton den Hausherrn zu sprechen, verlangten von diesem Pferde, Schlachtvieh und Lebensmittel aller Art. Herr von Hartenstein erfüllte schweigend die Wünsche, er wußte, ein Widerstand würde doch nichts nützen. Wohl betonten die Offiziere, daß sie Freunde wären, aber dabei sahen sie so drohend aus, daß die alte Marinka sagte: »Der liebe Gott schütze uns vor so ’ner Freundschaft, davon halte ich nichts, rein gar nichts!«
Drei Wagen waren beladen, Pferde und Rinder standen zum Fortzug bereit, denn die ungebetenen Gäste wollten noch am Abend weiterziehen, als plötzlich ein neuer Trupp Soldaten ankam. Der Offizier, der sie führte, war ein hochgewachsener, stattlicher Mann, der den alten Gutsherrn deutsch anredete. Es war einer der vielen Deutschen, die unter des französischen Kaisers Fahnen fechten mußten. Höflich, aber streng erklärte er, er hätte Befehl, das Haus zu durchsuchen.
»Nach was?« fragte der Gutsherr gelassen.
»Nach Ihrem Enkelsohn,« erklärte der Offizier, »man hat Verdacht, daß er sich hier aufhält.«
»Bitte, suchen Sie,« sagte Herr von Hartenstein ruhig.
Diese Ruhe verwirrte den Offizier. Forschend sah er die Hausfrau an, aber auch sie, obgleich ihr Herz in heißer Angst um den Sohn schlug, sagte gelassen: »Bitte, suchen Sie!«
»Er ist nicht hier,« dachte der Offizier und frohlockte innerlich, denn die Erfüllung dieses Auftrages war ihm schwer genug geworden. Einen Mann suchen und verhaften müssen, der sein Vaterland so treu liebte, wie dieser Ferdinand von Hartenstein es tat, das schien ihm eine harte Aufgabe zu sein. Er mußte aber seine Pflicht erfüllen, und so ließ er denn auch das Haus von oben bis unten durchsuchen. Kein Winkel blieb unbeachtet, kein Kleiderschrank, keine Truhe, kein Bett undurchwühlt, sogar in die Mehlkiste schauten ein paar Soldaten zu Lisabethas Empörung hinein. Aus der Räucherkammer nahmen sie dabei gleich noch die letzten Würste und Speckseiten mit. Gut war es nur, daß sie der Wohnstube bloß einen kurzen Besuch abstatteten; darin gab es keine großen Kisten und Wandschränke, in die hineinzusehen sich lohnte. In die blitzenden, triumphierenden Augen Heines und Babinchens schauten sie glücklicherweise nicht.
Im Haus fand sich keine Spur des Gesuchten, und von den Dienstboten verriet niemand ein Wort von den geheimnisvollen Gästen, die so plötzlich verschwunden waren. Auch das Forsthaus wurde durchsucht, der Wald durchstreift, nirgends wurde eine Spur gefunden. Babinchen zitterte und zagte, denn sie sah auch in der Mutter Augen Angst und Sorge stehen. Doch Heine Strohmann tröstete: »Die werden nicht gefunden, mein Vater hat sie geführt, da sind sie sicher!«
Des Buben felsenfestes Vertrauen auf seines Vaters Klugheit und Treue gab Babinchen den Mut zurück. Als einer der französischen Offiziere sie ansprach, da flüchtete sie nicht schreiend wie die kleinen Förstermädel, sondern schaute zu dem Fremden so furchtlos auf und antwortete so ruhig, daß Heine mal wieder sehr stolz auf seine kleine Freundin war.
Am nächsten Morgen kam Förster Strohmann wieder. Er hatte allerlei Raubtiere geschossen, einen Marder, ein paar Habichte und sogar einen Fuchs. Den französischen Offizieren war das Verschwinden des Försters aufgefallen. Wo war er? Warum weilte seine Familie im Herrenhaus? Als nun aber der Mann so schwerbeladen und jagdmüde heimkam und die unwillkommenen Gäste recht erstaunt und unwillig zu betrachten schien, schwand ihr Mißtrauen, und sie gaben das Suchen nach dem Flüchtling auf.
Am Nachmittag zogen die Soldaten ab. In den Ställen fehlten Pferde und Rinder, die Vorratskammern waren leer geworden, und mancher Bauer im Dorf dachte sorgenvoll an kommende Zeiten. Hunger und Not würden nun wieder ihren Einzug halten. Mit derlei Sorgen plagten sich Babinchen und Heine nicht, sie dachten nur an Ferdinand und seinen Freund. Waren sie noch in der Nähe, im Wald verborgen, wie Heine meinte, oder waren sie schon wieder in ein fremdes Land geflüchtet?
Einmal fragte Babinchen die Mutter; da strich ihr diese lind über die Locken und sagte seufzend: »Wir wollen hoffen, mein Kind, daß alles gut wird. Noch ist dein Bruder nicht in Sicherheit.«
Es vergingen einige Tage. In der Umgegend war es wieder ruhig geworden. An einem schönen Sommermorgen weckte Frau von Hartenstein Babinchen mit der Frage: »Wollen wir heute zusammen eine weite, weite Waldwanderung unternehmen?«
Das Mädchen sprang geschwind mit beiden Beinen zum Bett heraus. »Zu Ferdinand?« fragte es ahnungsvoll, hoffnungsfroh.
Die Mutter nickte, sie gebot aber Stillesein, denn nur der Großvater und Marinka wußten etwas, und ermahnte ihr Mädel zur Eile. Eine Weile später stand dann Babinchen heiß und aufgeregt vor dem Großvater, der sagte herzlich: »Grüße deinen Bruder, Kind, bringe ihm meinen Segen.« Und leiser, halb zu sich selbst sprechend, fügte der alte Mann hinzu: »Ich wollte, es dächten viele so und liebten ihr Vaterland so wie er, wären so treu in den Tagen der Not!« Dem Babinchen fiel das Wort des Großvaters in ihr Herzlein wie ein köstlicher Edelstein.
Frau von Hartenstein trug einen Korb mit Eßwaren gefüllt, auch Babinchen hatte einen zu tragen bekommen. Still bogen Mutter und Tochter gleich dicht am Haus in einen schmalen Waldweg ein, nicht jenen, den die Kinder vor wenigen Tagen gelaufen waren. Kaum waren die beiden ein Stück Wegs gegangen, als ein lautes Hallo sie grüßte. Da stand Förster Strohmann mit Heine, und der Bube schrie seiner kleinen Freundin entgegen: »Wir gehen mit!«
Babinchen hätte sich nicht gefürchtet, mit der Mutter allein zu gehen, sie fand es aber doch behaglicher, unter Förster Strohmanns Schutz zu sein. Bald bogen die vier Wanderer von dem breiten Wege ab, und es ging pfadlos quer durch den Wald, und nur jemand, der so gut im Wald Bescheid wußte, konnte so unverzagt, ohne einmal zu irren, mitten hindurchgehen.
Die vier Wanderer schritten kräftig aus. Nach zwei Stunden etwa hörte der Hochwald auf, nur niedriges Gebüsch und Gestrüpp kam, der Bruch, das Sumpfland; über dem stand hell und golden die Sonne. Hier hieß es vorsichtig gehen, denn es gab tiefe Moorlöcher, in die ein Unkundiger leicht versinken konnte, da man sie unter der schimmernden grünen Pflanzendecke nicht bemerkte. Förster Strohmann führte die kleine Gesellschaft am Rande entlang, und als Heine, seiner Ortskenntnis froh, sagte: »Hier geht es nach dem Torfstich,« nickte der Vater und wies nach einer Stelle. Dort arbeiteten zwei Männer. Sie stachen aus dem schwarzen Boden etwa ziegelsteingroße Stücke aus und schichteten sie zum Trocknen übereinander. Mit diesem trockenen Torf wurden nachher im Winter die Öfen geheizt. An der Arbeitsstelle war eine kleine Holzhütte, und daneben schwelte ein Feuerchen. Babinchen wunderte sich, daß die Mutter auf einmal so eilig lief, und plötzlich begann sie gar zu winken; der eine der Männer ließ seine Schaufel sinken und kam in schnellen Schritten dahergesprungen – es war Ferdinand.
Heine und Babinchen hatten gemeint, sie würden die Flüchtlinge tief im Wald geheimnisvoll verborgen finden, nun standen beide da im hellen Sonnenlicht; ach – und wie sahen sie aus! Mit Moor beschmiert von oben bis unten. Selbst die Mutter schaute den Sohn erstaunt an. Der war wirklich von einem echten Torfstecher nicht zu unterscheiden, auch der Freund nicht, der nun gleichfalls herankam. Die beiden Männer lachten fröhlich, und Ferdinand nahm Babinchens beide Hände und sagte schelmisch: »Weißt du auch, kleine Schwester, daß dein Moorkleid neulich unsern guten Strohmann auf den Gedanken gebracht hat, uns hier einfach als Torfarbeiter herzustellen, weil wir da am sichersten wären? Unter dieser Verkleidung sucht uns niemand.«
»Und geschafft haben die Herren, alle Achtung!« rief Förster Strohmann und schaute behaglich auf die großen Haufen aufgeschichteter Torfstücke. »Das nenne ich arbeiten!«
»Will’s meinen,« sagte Ferdinands Freund stolz. Er erzählte noch, daß ein paar französische Soldaten auch am Torfstich vorbeigekommen wären und nach dem nächsten Weg zur Landstraße gefragt hätten, sie hätten aber weder ihn noch den Freund recht genau oder forschend angeschaut.
Ein paar Stunden blieb Frau von Hartenstein mit den Kindern, dann mußten sie Abschied nehmen.
»Und du?« fragte sie den Sohn traurig.
»Wir bleiben hier.« Der nickte seinem Freunde zu. »Ein paar Wochen wollen wir noch Torfarbeiter sein, nachher finden wir wohl einen Weg zur Flucht.«
»Komm doch mit,« flehte Babinchen, »es sind doch keine Feinde mehr da!«
Aber der Bruder schüttelte den Kopf. »Sie haben Späher ringsum, noch kann ich’s nicht wagen.«
Der Abschied wurde allen schwer; die Kinder versprachen eifrig, sie würden bald wiederkommen, und nahmen sich dies auch fest vor. Doch Tag um Tag verging, die Tage wandelten sich zu Wochen, Förster Strohmann führte die Kinder nicht mehr ins Moor hinaus. Aber manchmal in der Nacht hörte Babinchen sprechen in des Großvaters Zimmer. Einmal kam auch Ferdinand an ihr Bett und küßte die kleine Schwester; da wußte sie, er kam zu nächtlichen Besuchen. Am Tag konnte er nicht kommen, denn immerfort zogen Truppen die Landstraße daher, immer wieder suchten Franzosen das einsame Schloß heim.
Der Sommer verging, der Herbst kam an. Der brachte klare, helle Tage, aber auch frühe Kälte. Die Wetterkundigen sagten einen harten Winter voraus, und oft sah Babinchen in diesen ersten kalten Tagen die Mutter traurig hinausschauen. Weilt der Bruder noch in der kleinen Hütte im Moor? Sie wagte es endlich, die Mutter zu fragen. Die sah sie tieftraurig an. »Der Großvater ist sehr krank, darum will dein Bruder nicht das Land verlassen. Er ist noch im Moor, und sein Freund hält bei ihm aus.«
Babinchen und Heine redeten oft von den beiden Freunden im Moor. Sie konnten es gar nicht begreifen, warum die nicht doch irgendwo versteckt im Hause wohnten. Aber da kamen wieder unerwartet von der nahen Festung ein paar Offiziere, und die Kinder merkten nun doch, der Bruder tat wohl gut, sich verborgen zu halten.
Weihnachten rückte näher, aber Weihnachtsjubel, Weihnachtsfreude gab es nicht. Es gab viel Armut und Not im Land, und immer heißer brannte die Sehnsucht, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln, in den deutschen Herzen. Zur Sorge der Zeit kam für Frau von Hartenstein noch die Sorge um den Vater. Seine Krankheit hatte sich verschlimmert, und wer das bleiche, abgezehrte Gesicht sah, ahnte wohl, der Tod würde bald im Schloß Moorheide einziehen.
Es war am letzten Adventssonntag. Nicht wie sonst brannten vier Adventslichter, und nicht wie sonst erzählte die Mutter Babinchen freundliche, liebe Weihnachtsgeschichten. Sie saßen alle beieinander im Krankenzimmer, lauschten auf des Großvaters matte Atemzüge, und Heine saß dabei, als müßte es so sein. Und eigentlich hätte er zu Hause Mutter und Geschwister beschützen sollen, denn seit mehreren Tagen war sein Vater fort. Niemand ahnte, wohin, selbst Frau von Hartenstein schien es diesmal nicht zu wissen, sie hatte schon etliche Male gefragt: »Wo mag nur der Förster sein?«
Die alte Kastenuhr an der Wand tickte laut und schwer, kein Laut unterbrach sonst die Stille.
Doch plötzlich schlugen auf dem Hofe die Hunde an, kurz und scharf; sie schwiegen gleich wieder, sie mußten den kennen, der kam. »Ferdinand!« Der Kranke richtete sich plötzlich im Bett auf, laut und froh klang seine Stimme.
»Ferdinand ist nicht hier,« sagte Frau von Hartenstein. Doch noch hatte sie nicht recht ausgesprochen, da erklangen draußen Schritte, und über die Schwelle traten wirklich die beiden Freunde und Förster Strohmann.
»Ferdinand, was bringst du?« Der Großvater sah dem Enkel entgegen, und der sank mit einem Jubelruf an dem Bett nieder. »Großvater,« stammelte er, »das französische Heer ist in Rußland vernichtet, der Kaiser nach Frankreich entflohen.«
»Das ist Freiheit für uns!« Der alte Mann sagte es laut und feierlich. Er legte die Hand auf des Enkels Scheitel. »Gott segne dich für diese Botschaft! – Nun erzähle!«
Und Ferdinand berichtete. Mit seinem Freund und dem Förster waren sie in Rußland gewesen, dort hatten sie Kunde erhalten von dem Untergang des Heeres an der Beresina. Mit ihren eigenen Augen hatten sie schon die Jammergestalten der Heimkehrenden gesehen. Napoleons Heer vernichtet! Vielleicht schlug nun für Preußen die Stunde der Befreiung!
Der Großvater lag still mit gefalteten Händen da, und die Mutter flüsterte: »Er stirbt!« Aber wunderbar, von jener Stunde an wurde es besser mit ihm. »Mein Gott läßt mich noch leben, bis das Vaterland frei ist,« sagte er freudig.
So wurde es auch. Das neue Jahr brachte die Freiheit. Bei Leipzig kämpfte Ferdinand von Hartenstein als ein Held wie Tausende und Tausende mit ihm.
Er wurde verwundet und lag lange schwer darnieder; aber als wieder die Adventsglocken tönten und zum vierten Mal mahnten, an das hohe Fest der Liebe zu denken, kehrte Ferdinand heim. Der Großvater lebte nur noch wenige Tage. Er schlief friedlich ein mit dem Bewußtsein, daß sein geliebtes Vaterland frei wurde von fremder Herrschaft.«
Frau Fries schwieg, und ein Weilchen war alles ganz still im Zimmer. Endlich tat Frau Besenmüller einen tiefen Atemzug und sagte feierlich: »Gott behüte uns vor solchen Zeiten!«
»Sie sind uns vielleicht näher, als wir ahnen,« sagte der junge Lehrer schwer. Aber das hörte nur seine Mutter und Besenmüller. Fräulein Regine hatte einen kleinen Stab geschwungen, und jauchzend tönte es durch das Schulzimmer:
»Es gibt nichts Schönres auf der Welt,
Als wenn das Christkind Einzug hält
Ins Haus, ins liebe Vaterhaus,
Trotz Sturmgetön und Wetterbraus.
Es kommt so still in heil’ger Nacht
Durch Schneegeflock und Eises Pracht.
Begleiter ist der Weihnachtsmann,
Der trägt, was er nur tragen kann.
Wenn’s Kindlein noch so arm und klein,
Das Christkindlein gedenket sein:
Im Hüttlein schlecht, im reichen Haus
Teilt es die Liebesgaben aus.
Drum gibt’s nichts Schönres auf der Welt,
Als wenn das Christkind Einzug hält.«
»Und nun geht’s heim!« Frau Fries sagte es, als das Lied verklungen war. Ein paar Minuten später liefen die Kinder jauchzend die Dorfstraße entlang, und Frau Besenmüller räumte auf. Sie brummte dabei nicht wie sonst, sondern sagte vergnügt: »Scheene war’s, sehr scheene!«
Achtes Kapitel
Geburtstagsveilchen
Warum die Schulglocke einer entthronten Königin gleicht und Frau Besenmüller nicht mehr Reisig zu holen braucht – Die Zeit läuft, auf dem Schafskopf blühen die Veilchen, und Besenmüller, der kein Gespenst ist, erzählt eine Geschichte, die erst im nächsten Kapitel steht
Über der Adventsfeier hatten die Kinder alle miteinander die Schulklingel im Holzstall vergessen. Nur Schwetzers Fritze dachte daran. Wenn nun Frau Besenmüller die Klingel nicht fand! Dann würde sie schelten und schreien, und der Herr Lehrer würde es hören und die alte Frau Lehrerin, und sie würden böse werden. Nein, das durfte nicht sein. Zwischen Abendessen und Zubettgehen schlich sich Fritze noch einmal zum Schulhaus hin. Vielleicht fand er einen Kameraden, der ihm half. Aber es war kein Bube weit und breit zu sehen, dafür kam jemand anders, als Fritze gerade am Holzstall anlangte: der Herr Lehrer selbst. Fritze erschrak heftig und blieb wie erstarrt stehen.
»Na du, was tust du denn hier?« Heinrich Fries sah erstaunt drein. »Warum bist du denn noch nicht daheim?«
Fritze hätte nun gern die Wahrheit gesagt, aber vor Schreck war ihm der Mund noch fester verklebt als sonst, und in seiner Verlegenheit drehte er sich um und rannte, ohne Antwort zu geben, davon. Der junge Lehrer sah ihm ärgerlich nach. »Der ist verstockt!« dachte er, und oben erzählte er dann seiner Mutter, Schwetzers Fritze sei ein Heimlicher, von ihm wüßte er nie recht, was er im Sinne habe. Fritze lief heimwärts, sehr bedrückt, aber dicht am Haus traf er Arne. Sie waren Nachbarn und hielten auch gute Nachbarschaft. Dem Freund gegenüber tat sich sein Mund auf, und er sprach von seiner Sorge.
Arne lachte ihn aus. »Besenmüllern muß doch früh Holz holen, da sieht sie ja die Bimmel!«
Freilich, das stimmte. Fritze atmete auf und vergaß nun ebenfalls die Klingel. Er träumte auch in dieser Nacht nicht von der großen, strengen Ruferin zur Schule, von dem Kaiser Napoleon selbst träumte er. Der verlangte von ihm, er solle geschwind nach Rußland laufen. Fritze ängstigte sich sehr und sträubte sich, da wurde Napoleon fuchsteufelswild, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht gerade die Mutter gerufen hätte: »Aufstehen, ’s is balde Schulzeit!«
Es gab an diesem Morgen noch viel zu reden von gestern. Mädel und Buben standen auf dem Dorfplatze zusammen und schwätzten und freuten sich, daß sie alle so früh gekommen waren. Frau Besenmüller klingelte immer dreimal, das erste Mal hieß: »Nun rüstet euch, es ist Zeit!« Das zweite Mal wollte sagen: »Geschwind, geschwind ins Haus hinein!« und das dritte Mal verkündigte: »Aufgepaßt, der Herr Lehrer kommt!«
Noch hatte die Klingel nicht einmal getönt, und die Kinder schwätzten und vergaßen es, sich zu wundern, wie lange es heute währte, ehe es bimmelte.
Frau Besenmüller aber rannte inzwischen im Haus aufgeregt treppauf, treppab, – wo war nur die Klingel? Gestern noch hatte sie unten im Türwinkel gestanden, nun fehlte sie. »Wie närrsch bin ich,« brummelte die Frau, »so ’ne Klingel is doch niche wie ’ne Stecknadel, die in ’ne Ritze fällt. Nä, so was!«
Ihr Mann kam heim, der war schon beim Ortsvorsteher gewesen, er fragte verwundert: »Du klingelst ja niche!«
»Die Bimmel fehlt.«
»I nä!«
»Frau Besenmüller, warum klingeln Sie nicht?« ertönte da die Stimme des jungen Lehrers.
»Die Bimmel fehlt,« jammerte Frau Besenmüller. Und klagend beschrieb sie, wo die Klingel gestanden habe, und auf einmal sei sie verschwunden.
»Die haben se versteckt,« knurrte der Mann. »Ich hol’ se alle rein.«
Heinrich Fries kam plötzlich die Begegnung mit Schwetzers Fritze gestern am Holzstall in Erinnerung, und er sagte rasch: »Sehen Sie mal im Holzstall nach.«
Und richtig, da war sie. Wie eine entthronte Fürstin saß die dicke Klingel auf dem Holzstoß, und Frau Besenmüller nahm sie und schwang sie, da gellte ihre Stimme in die Weite.
»Es bimmelt!« In all die Buben- und Mädelbeine auf der Dorfstraße fuhr der Ton. »Bimbimbimbim!« Das schrie und schalt, so laut, so böse hatte die Schulglocke noch nie getönt. »Bimbimbimbim!« Das hörte gar nicht auf, und die Kinder rannten alle in der größten Eile ins Schulhaus.
Dort fanden sie zu ihrer Überraschung ihren Lehrer schon im Schulzimmer. Der hielt seine Uhr in der Hand, zeigte darauf und sagte streng: »Ihr kommt alle zu spät.«
»Es hat doch erst gebimmelt!« verteidigten sich etliche.
»Ja freilich, die Klingel war versteckt. Fritz Schwetzer, hast du die Klingel versteckt?« Fritze sank fast zu Boden vor Schreck, als ihn der Herr Lehrer so drohend ansah. Er klappte den Mund auf und zu, aber er brachte kein Wort heraus.
»Dir steht das schlechte Gewissen an der Stirn geschrieben, und da du mir keine Antwort gibst, bist du es jedenfalls gewesen. Du warst gestern noch spät an Besenmüllers Holzstall. Du wirst jeden Tag in dieser Woche eine halbe Stunde nachsitzen.«
Wieder klappte Fritze den Mund auf und zu, und wieder brachte er kein Wort heraus. Dafür aber trat Arne vor, und Jackenknöpfle, Zimplichs Max und ein paar andere folgten. »Ich war’s, Herr Lehrer,« rief Arne mit heller Stimme.
»Ich auch.« – »Ich auch.« – »Ich auch,« klang es nach, und nun endlich fand Fritze seine Sprache wieder, und im Baß brummte er nach: »Ich auch.«
»Also ihr waret es alle!« Prüfend überschaute der Lehrer die Buben, er schaute schon viel milder drein. »Wie war denn das? Arnulf Weber, erzähle du einmal!«
Und Arne erzählte frank und freimütig, auch von Fritzens abendlichem Gang nach dem Holzstall.
»So äne ausgesuchte Bosheit!« schrie Frau Besenmüller. Die hatte ganz leise die Türe ein Ritzchen aufgemacht und hatte draußen gehorcht. »Wartet ihr nur, ihr Rasselbande!« Sie streckte den Kopf zur Türe hinein, drohte mit der Hand und fuhr blitzschnell wieder zurück. Von der Treppe her sagte ihr Mann vorwurfsvoll: »Na, wenn nu das de Kinner täten, Lydia!«
Tief beschämt zog Frau Besenmüller ab, und innen sagte der junge Lehrer: »Für diesmal sei euch die Strafe geschenkt, weil ihr es eingestanden habt. Aber wem es recht leid tut, der sammelt heute nachmittag für Frau Besenmüller ein Bund Reisig im Walde; ihr selbst wird das Bücken schwer.«
Danach begann der Unterricht. Die Kinder waren alle mäuschenstill und sehr eifrig. In der letzten halben Stunde erzählte ihnen Heinrich Fries noch etwas von der Zeit vor hundert Jahren. Das tat er jetzt oft, und die Kinder meinten, zwischen 1913 und 1813 sei die Zeit gar nicht lang, sie lauschten, als wären es Taten von heute. Darüber verrann ihnen allen die Zeit gar geschwind. Auf einmal ertönte draußen die Klingel, als wäre sie noch immer böse, so laut gellte ihre Stimme, und Fritze Schwetzer dachte seufzend: »Wenn sie doch noch im Holzstall säße!«
Sie hatten alle gedacht, Frau Besenmüller würde noch schelten, aber die ließ sich gar nicht sehen, sie saß in ihrer Küche und schämte sich ihrer Horcherei. Der Nachmittag brachte ihr noch eine große Überraschung. Der kurze Wintertag verdämmerte just zum Abend, als in langem Zug Buben und Mädel daherkamen. Jedes trug ein Reisigbündel, und diese vielen Bündel schichteten sie alle vor Besenmüllers Holzstall auf.
Die Frau lief hinaus, und ihr Mann vergaß für einige Minuten sogar Strickstrumpf und Pfeife, er rannte ihr nach. Draußen stand Heinrich Fries, der lachte über das ganze Gesicht und erklärte die Sache.
»Nä, so was, so was!« Frau Besenmüller führte die Schürze an die Augen, sie war tief gerührt, ganz stumm blieb sie vor lauter Rührung. Erst oben bei sich fand sie die Worte wieder, und sie sagte zu ihrem Mann: »Paß auf, mit dem neuen Herrn Lehrer wird’s gut.« –
Daß es schon gut geworden sei, meinten viele Leute im Dorf. Die Mädel und Buben sagten nichts dazu, wenn sie aber ihren Lehrer die Straße daherkommen sahen, dann rannten sie nicht mehr weg, sondern liefen ihm entgegen und grüßten ihn mit frohem Lachen. »So muß es sein,« dachte die alte Frau Fries, und sie seufzte doch leise dazu. Ihr Sohn freute sich wohl über das wachsende Zutrauen der Steinacher, aber an ihm zehrte doch die Sehnsucht nach der großen Stadt. Er zeigte es nicht, aber die Mutter spürte es, und das Herz tat ihr darum weh. –
Auch in der Stille von Steinach hatte jeder Tag nur vierundzwanzig Stunden, und Tag reihte sich an Tag. Eine Woche vorbei, Weihnachten da, Weihnachten vorüber. Das neue Jahr stand vor der Tür, das alte Jahr nickte noch einmal in alle Häuser hinein; es sah, wie in Steinach die Christbäume brannten, wie Blei gegossen wurde und die Kinder auf Waschschüsseln Lebensschifflein schwimmen ließen, – vorbei, vorbei!
Das neue Jahr rief die Kinder wieder in die Schule, und Frau Besenmüller seufzte: »Nu geht das Geschrei wieder los.« Aber das neue Jahr, das sich stolz 1914 nannte, hatte ein strenges Gesicht aufgesetzt, es dachte »nicht verwöhnen«, und Meister Januar kam mit viel Schnee und Eis einher. Er blieb, solange er durfte, er zwackte seinem Bruder Februar noch einen Tag ab, dann erst ließ er ihn herein. Der nun liebäugelte schon ein wenig mit dem Frühling; warme, sonnige Tage kamen, ein milder Wind wehte, bis es dem Februar wieder einfiel, daß er eigentlich ein Wintermonat sei. Und schwuppdirwupp schüttelte er ein paar Schneesäcke aus, überzog die Wässer mit Eis und schnob die Menschen an: »Geschwind hinter eure Kachelöfen, da gehört ihr hin!«
Doch vorbei, vorbei! Der März löste den Februar ab, und je länger er auf der Erde war, desto milder wurde sein Lächeln. Und dies milde, sonnige Lächeln lernte der April von ihm, der sonst ein rechter Bube in der Zeit der Flegeljahre ist. Den Schnee trank die Sonne auf, das Eis zerfloß, und unversehens blühten in Steinach die Veilchen. Und nirgends blühten sie reicher als auf dem Schafskopf.
Eines Tages wanderte Heinrich Fries mit seiner Mutter zur Schelmenburg empor, und dort sahen sie beide das holde Frühlingswunder: Heckenrosen im Sommer, Veilchen im Lenz, das waren die Blumen des Schafskopfes.
Es war ein sonnenheller Frühlingstag, und der junge Lehrer sagte droben am Ziel laut das kleine Lied:
»Saatengrün, Veilchenduft,
Lerchenwirbel, Amselschlag,
Sonnenregen, linde Luft!
Wenn ich solche Worte singe,
Braucht es dann noch großer Dinge,
Dich zu preisen, Frühlingstag?«
Ganz still schauten Mutter und Sohn von der Höhe nieder in die liebliche Landschaft. Da wurde plötzlich die Stille durch hellen Singsang unterbrochen, aber Lerchen und Amseln waren es nicht, und Heinrich Fries kannte seine Vöglein wohl, die da zwitscherten. Die Steinacher Kinder kamen den Berg herauf. Die Schelme wollten die Schelmenburg besuchen. Sie kamen aber nicht sacht und gemessen, wie man wohl zu vornehmen Leuten geht, ihre Stimmen klangen immer lauter, und es war eigentlich ein Wunder, daß der alte Turm nicht vor Schreck über den Lärm umpurzelte.
»Holla, wo kommt ihr denn her?« Heinrich Fries stand vor Mädeln und Buben, und jäh verstummten alle. Doch nur für einen Augenblick, dann schnatterten sie los. »Wir wollen Veilchen suchen. Fräulein Regine hat Geburtstag morgen, und die kriegt immer Veilchen, allemal.«
»Wenn se nämlich blühen,« fügte Jackenknöpfle vorsichtig hinzu.
Nun, blühen taten sie in diesem Jahr in reicher Fülle. Da und dort schimmerte es ganz blau, und es war nicht schwer, die Körbchen zu füllen. Malchen trug eins, ebenso die Freundin Sylvie, Rosine und Trude Weber auch; da hinein kamen alle Blüten. Später sollten dann Sträuße und Kränze gewunden werden. »Faden haben wir mit, aber die Kränze wollen immer nicht werden,« erzählte Hinzpeters Malchen.
»Pflückt nur schnell, ich helfe euch dann,« versprach die alte Frau Lehrerin. Da gingen die Kinder eifrig ans Werk, während Heinrich Fries seine Mutter auf dem Berg herumführte. Sie war noch nicht oben gewesen, denn der Weg war im Winter schwer begehbar. Plaudernd schritten sie zwischen den Trümmern dahin, als ein lauter Schrei aufgellte; er kam aus einem Winkel, wo noch ein Mauerviereck stand. Von allen Seiten her eilten die Kinder dem Schrei nach. Der junge Lehrer machte lange Schritte, und seine Mutter folgte, so schnell sie nur konnte.
Was war geschehen? War ein Kind gefallen, ein Stück Mauer herabgestürzt? Bleich und zitternd kam Zimplichs Lenchen aus dem Winkel heraus. »Da – da,« stammelte sie, »sitzt der Alte!«
»Welcher Alte, Kind?« Der junge Lehrer nahm die Hand der Kleinen und fragte noch einmal freundlich: »Welcher Alte?«
»Der alte Schelm, der immer spukt,« schluchzte Lenchen, die auch so ein Angsthäslein war, »und – und eine große Blume – oder so was – hat er.«
»Komm mit, und ihr alle auch, wir wollen uns den alten Schelm mal ansehen.« Heinrich Fries lachte, und sein heiteres Lachen gab den Kindern Mut. Sie folgten mehr neugierig als bänglich, nur Lenchen zitterte wie eine Feder im Wind.
Die Schelme von Steinach. Seite 137.
Ein Stück Mauer lag völlig in der Sonne, und auf dieser Mauer saß – Besenmüller. Er strickte wieder an seinem rosenroten Strumpf und schmunzelte über das ganze Gesicht, als er alle daherkommen sah. »Oh, Besenmüller ist’s nur!« schrieen die Kinder enttäuscht.
»Nu freilich, iche bin’s.« Der Alte zog seinen Mund in die Breite, als wäre der aus Gummi. »Ihr dachtet wohl, hier säße der Herr Arnulf und dächte an alle dummen Streiche, die er gemacht hat in seinem Leben? Nä, so etwas is niche.«
»Besenmüller, ach, erzähl’ uns mal von dem!« bettelten die Kinder.
»Heute niche,« brummelte der Alte, er warf dabei einen etwas scheuen Blick auf Frau Fries und ihren Sohn. Doch auch die baten: »Erzählen Sie, Besenmüller.« Heinrich Fries fügte hinzu: »Ich wollte schon lange darum bitten. Der Herr Pfarrer sagte, es wüßte niemand so viel Schelmengeschichten wie Sie.«
»Na ja, Geschichten sin was Feines!« Besenmüller nickte. Er sah auf die Kinder und auf die noch halb leeren Körbchen. »Aber erst pflückt die Veilchen, denn sonst kriegt ’s Fräulein Regine nischt.«
»Ja, erst pflücken. Wenn wir dann den Kranz und die Sträußchen winden, erzählt Besenmüller,« sagte auch Frau Fries. Zur Eile brauchte sie nicht erst zu mahnen. Die Kinder stoben davon und pflückten nun wirklich mit der allergrößten Emsigkeit. Die Körbchen füllten sich, und es dauerte nicht lange, da konnten sie die Blumen Frau Fries bringen, die sich auf das sonnenbeschienene Mäuerlein gesetzt hatte. Mit flinken Händen wand sie den Kranz. Die Mädel, denn dazu waren die Buben zu tolpatschig, reichten ihr die Veilchen in kleinen Büscheln zu. Besenmüller strickte emsig seinen rosenroten Strumpf, und dabei erzählte er, wie einst Herr Arnulf von Steinach an des Kaisers Hof gereist war. Die Kinder paßten alle sehr gut auf, am allerbesten aber paßte ihr Lehrer auf. Der schrieb nach, so wie Besenmüller erzählte, denn Besenmüller hatte seine eigene Weise, Geschichten zu erzählen. Wort um Wort kam die Geschichte in Herrn Heinrichs Taschenbüchlein zu stehen, und während er so zwischen den Trümmern der alten Schelmenburg saß, kam es ihm in den Sinn, er möchte ein Buch von den Schelmen schreiben.
»Fertig die Geschichte.«
»Fertig der Kranz,« sagten Besenmüller und Frau Fries fast zu gleicher Zeit. »Fein!« schrieen die Kinder im Chor, und es war nicht recht zu unterscheiden, ob sie die Geschichte oder den Kranz meinten.
Mutter und Sohn aber sagten, die Geschichte habe ihnen sehr gut gefallen. »Ja, und derweile is mein Strumpf fertig geworden. Das is nu en Jammer.«
»Warum denn?« fragte Frau Fries erstaunt. »Ein fertiger Strumpf ist doch ein gutes Ding.« Doch da fiel ihr ein, Frau Besenmüller hatte schon manchmal über ihres Mannes flinkes Stricken geklagt, über die viele Wolle, die es kostete. Nur in Steinach gab es etliche Leute, die rosenrote und kornblumenblaue Strümpfe tragen mochten, in der Stadt wollte sie niemand kaufen. Besenmüllers hatten eine ganze Truhe voller Strümpfe liegen, und am liebsten hätte er jeden Tag einen Strumpf gestrickt.
Frau Fries versprach neue Wolle, da hellte sich Besenmüllers Gesicht wieder auf, und vergnügt wandelten nun alle bergabwärts. Der Lehrer stimmte ein Lied an, die Kinder sangen, es wurde ein lustiger Heimweg. Dicht vor dem Dorfe erblickten sie alle auf einmal Fräulein Regine, die durfte sie nicht sehen. Eins, zwei, drei rannten die Kinder dahin und dorthin, nur die Erwachsenen blieben stehen. Erst schaute Fräulein Regine erstaunt den Kindern nach, die liefen doch sonst nicht vor ihr davon, aber plötzlich glänzte ihr Gesicht in heller Freude, und sie sagte schelmisch: »Ach so, auf dem Schafskopf blühen die Veilchen.«
»Jawohl, und morgen hat unsere Fräulein Regine Geburtstag,« brummelte Besenmüller schmunzelnd.
Neuntes Kapitel
Besenmüllers Geschichte
Frau Mechthild findet, dreizehn Flicken auf dem Wams und neunzehn auf den Hosen wären zuviel, um damit an des Kaisers Hof zu reisen, aber Herr Arnulf weiß sich zu helfen, und der Graf von Gehlingsberg geht ihm fortan aus dem Wege
»Als die Schelme von Steinach noch lebten, haben die Leute noch keine Strümpfe gestrickt. So dumm waren sie noch, aber ganz schön muß es gewesen sein, ja ja, ganz schön.
Dem Herrn Arnulf von Steinach hat’s auch auf der Welt gefallen, das ist ein lustiger Herr gewesen. Er ist auch immer ’n bißchen gern im Lande rumkarriolt. Ja ja, das tat er gern. Auf seinem Schafskopf hielt er es nie lange aus. Einmal sagte er zu seiner Frau Mechthild: »Frau, ich will nach Wien an des Kaisers Hof reiten.«
Sagt Frau Mechthild: »Das kostet Geld.«
Sagt Herr Arnulf: »Ja, das weiß ich.«
Sagt Frau Mechthild: »Aber du hast keins.«
Sagt Herr Arnulf: »Ich werd’s schon kriegen.«
Sagt Frau Mechthild: »Und dein Wams, dein allerbestes, hat dreizehn Flicke.«
Sagt Herr Arnulf: »Schaff ich mir ein anderes.«
Sagt Frau Mechthild: »Und deine Hosen haben neunzehn Flicke, und deine güldene Halskette hast du verkauft, und deine Rüstung ist verbeult, daß Gott erbarm, und dein Barett ist neulich in den Brunnen gefallen.«
Schreit Herr Arnulf: »Hör’ auf, hör’ auf!«
Klagt Frau Mechthild: »Also kannst du nicht reiten.«
Brüllt Herr Arnulf: »Und ich muß doch reiten!« Ja ja, das sagte er. Herr Arnulf überlegte nun alle Tage: Wie komme ich in Glanz und Pracht an des Kaisers Hof? Denn mit dreizehn Flicken auf dem Wams und neunzehn auf den Hosen konnt’ er nicht reiten, das sah er ein.
Er seufzte nun schrecklich jeden Tag, und seine liebe Frau seufzte auch schrecklich jeden Tag. Sie war ein gutes Weib, und ihr Mann tat ihr leid; sie hätte ihm schon gern geholfen und hätte gern ihr Staatskleid für ihn zu Wams und Hose zerschnitten. Es war nur – sie hatte kein Staatskleid.
Eines Tages reitet jemand den Schafskopf hinan: ein Bote war’s von dem reichen Grafen auf dem Gehlingsberg. Der Mann stellt sich steif vor den Herrn Arnulf, Schelm von Steinach, hin und sagt: »Mein Herr Graf will an des Kaisers Hof reiten, er läßt den Herrn von Steinach fragen, ob er mitreiten will.«
Sagt Herr Arnulf: »Ja, das will ich tun. Muß nur eiligst meine Prunkgewänder richten.«
Sagt der Bote: »Mein Herr Graf reitet schon morgen.«
Sagt Herr Arnulf: »Ist mir auch recht.«
Der Bote geht nun wieder. Frau Mechthild aber jammert: »Mann, liebster Mann, dich weisen sie ja mit Schimpf und Schande von des Kaisers Hofe. Mit dreizehn Flicken auf dem Wams und neunzehn auf den Hosen!«
Doch Herr Arnulf lachte dazu. Er ließ die Pferde satteln und ließ ein paar Betten zu großen Ballen zusammenschnüren. Das sei sein Gepäck, erzählte er. Dann ging’s los. Hoppla hopp! Drei Knappen und der alte Burgwart Berthold, die ritten mit. Frau Mechthild hatte gesagt: »Gib fein acht, Berthold, daß sich mein Gemahl nicht noch ein Löchlein reißt. Geflickt ist schon schlimm, aber Löcher sind noch schlimmer.« Ja ja, das hat sie gesagt.«
Hier hatte Besenmüller Zimplichs Max scharf angesehen, und der war feuerrot geworden. Er hatte geschwind die Hand auf sein Knie gelegt, das Dreieck da im Hosenbein hätte Besenmüller auch nicht zu sehen brauchen. Der erzählte weiter: »Hoppla hopp! Auf halbem Weg von Burg zu Burg trafen die Ritter zusammen. Der von Gehlingsberg war reich, geizig und faul, und neidisch war er auch, hochmütig und dumm dazu. Er hatte den Schelmen von Steinach nur zu dem Ritte fordern lassen, um den wegen seiner Armut zu verhöhnen.
Aber wie Herr Arnulf ihn sah, schrie er gleich: »Ei, lieber Freund und Gevatter, so fein angetan? Zum Reisen trage ich immer nur alte Kleider. Seht da die Ballen, die allerschönsten Gewänder hat meine Frau Mechthild hineingetan.«
Der Graf erschrak. Er wurde gleich grün, gelb, rot, blau und braun vor Neid. Weg war seine gute Laune, ganz weg.
Na, und nun ritten sie.
»Heiliger Severinus,« seufzte Berthold, »mein Herr hat ein neues Loch in der Hose, wie soll das enden!«
Den Herrn Arnulf aber bekümmerte der neue Schaden kein bißchen. Der erzählte, ein grünes Sammetwams sei in dem Ballen, ein rotes aus Brabanter Tuch, eins, das sei braun wie die Eichenblätter im Herbst, und alles sei gar köstlich gestickt und verziert.
So ritten sie. Und wie sie eine Stunde etwa geritten sind, da jackert ihnen auf einem mageren Pferd ein Bursche nach. Der verneigt sich vor Herrn Arnulf und ruft: »Die gnädige Frau Mechthild schickt Euch dieses Amulett, möchtet es immer tragen, es soll Euch wohl schützen.«
Sagt Herr Arnulf: »Das war wohlgetan.«
Sagt der Graf von Gehlingsberg: »Was soll die Narretei?«
Sagt Herr Arnulf: »Das ist ein gutes Ding. Schlimm, schlimm, wenn Euch Eure liebe Frau nicht auch ein Amulettlein gab!«
Das ärgerte nun den Grafen gewaltig. Er sagte grollend: »Ich lasse es noch holen.« Sagt Herr Arnulf: »Tut das, viellieber Freund. Im Kloster zu St. Kilian da warten wir auf den Boten.«
Sagt der Graf: »Der Kunz soll reiten.«
Sagt Herr Arnulf: »Eure Frau wird Euch gewiß ein gar köstlich wertvolles Amulettlein senden, laßt zweie reiten, das ist sicherer, oder dreie.«
Schreit der Graf: »Dreie, bei meiner Seel’!«
Also ritten dreie, Jörg, Hinz und Kunz. Zurück blieb nur der Damian, der war so dumm wie dick, so faul wie lang.
Na, und dann kamen sie an das Kloster von St. Kilian, und die frommen Mönche nahmen sie wohl auf. Die rüsteten ein Mahl, und dabei aß der Graf von Gehlingsberg einen Rehschlegel, sechs Rebhühner, sechzehn Krautklöße, eine Schweinspastete, einen gedünsteten Hecht, eine Schüssel gedämpften Kohl, drei Teller voll Backwerk und dreizehn« – »Besenmüller, das ist zu viel,« riefen die Kinder entrüstet, und Arne fügte keck hinzu: »Da wäre ihm ja der Bauch geplatzt.«
»Na ja, meinetwegen, wenn ihr’s ihm nicht gönnt, mag er weniger gegessen haben.« Besenmüller ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen, gemächlich fuhr er fort: »Aber plumpsatt war er, das steht nu mal feste. Kaum schnaufen konnt’ er. Ja ja, so war’s.
Der Graf müsse in ein pechdunkles Kämmerlein zu liegen kommen, riet der Schelm von Steinach, da könnte er sich gut ausschlafen.
Sagten die Mönche: »Soll uns wohl recht sein.«
Meinte Herr Arnulf: »Den Damian müßten sie dazu legen.«
Sagten die Mönche: »Ei freilich, der soll seinem Herrn aufwarten.« Sie führten denn nun den Grafen in ein fensterloses Kämmerlein, und weil sie mit brennenden Kienspänen leuchteten, merkte der es nicht. Und Damian merkte überhaupt nie etwas.
Der Graf von Gehlingsberg tat einen mächtigen Gähner, und plumps fiel er auf sein Lager und schlief. Damian tat einen noch lauteren Gähner, und er schlief schon, ehe er auf sein Lager kam.
Sagten die Mönche: »Unserem Gast wird nichts die Nachtruhe stören.«
Sagte Herr Arnulf: »Wäre auch schlimm. Wird der im Schlaf gestört, haut er um sich wie weiland St. Georg der Drachentöter.«
Die Mönche erschraken sehr und versprachen, nichts, auch nichts sollte ihren werten, vornehmen Gast stören.
Sagte Herr Arnulf: »Und verwahret seine Reisesäcke wohl. Ich muß mit dem Frühesten davonreiten.«
Sagten die Mönche: »Wir wollen tun, wie du es befohlen.«
Als das Morgenglöcklein läutete, ritt Herr Arnulf mit den Seinen von dannen. Seine Bettsäcke ließ er den Mönchen da, und er hieß seine Knechte des Grafen wohlgefüllte Truhen aufladen. Die Mönche meinten, so sei es richtig, und verwahrten die Bettsäcke in des Klosters reicher Schatzkammer. Also ritt Herr Arnulf, der Schelm von Steinach, geschwind hinweg. Der Graf von Gehlingsberg aber schlief zwölf Stunden, da drehte er sich das erste Mal um. Er tat seine Augen ein viertel auf, blinzte und dachte, ’s ist ja noch Nacht. Ja ja, das dachte er.
Darauf schlief der Graf wieder zwölf Stunden, drehte sich wieder um, tat seine Augen halb auf und dachte, ’s ist ja noch Nacht. Ja ja, das dachte er wieder.
Damian aber rührte sich nicht, tat seine Augen nicht auf, und denken tat er erst recht nichts.
Inzwischen langten die drei Knappen Hinz, Kunz und Jörg am Kloster St. Kilian an und begehrten, vor ihren Herrn geführt zu werden.
Sagten die Mönche: Nein, das ginge nicht, der müßte seine Ruhe haben.
Nun, die Knappen waren’s zufrieden. Der Bruder Küchenmeister wartete ihnen gut auf. Der Bruder Kellermeister schenkte ihnen manche Kanne Wein, da ließen sie sich’s wohl sein.
Zwei Nächte und einen Tag schlief der Graf von Gehlingsberg, dann wachte er auf. Er brummte: »So einen unruhigen Schlaf habe ich lange nicht getan; nun bin ich schon dreimal aufgewacht, und immer ist’s noch Nacht.« Er seufzte schwer, und auf einmal fing ihm sein Magen zu knurren an. Rrrrrrrrrrrrrruh ging es.
Schrie der Graf von Gehlingsberg: »Ich bin krank, ich bin krank. Oh, wie tut mir das im Magen weh!«
Die Mönche hörten das mächtige Schreien und liefen angstvoll herbei. Taten die Türe auf, und das helle Sonnenlicht strömte in das fensterlose Kämmerlein.
Riefen die Mönche: »Ei, Herr, was habt Ihr für einen guten Schlaf getan! Sechsunddreißig Stunden pflegtet Ihr der Ruhe.«
Schrie der Graf: »Was schwätzt ihr da, sechsunddreißig Stunden hätte ich geschlafen? Wirklich, sechsunddreißig Stunden?« Ja ja, das fragte er.
Seufzte der Damian: »Man kann sich auch niemals im Leben ordentlich ausschlafen.«
Rief der Graf: »Oho, nun weiß ich’s, woher mir das Grimmen im Magen kommt, ich habe Hunger!«
»Ich auch, ich auch!« stöhnte Damian, der wurde da ganz munter. Der Bruder Küchenmeister aber lief eilig, um ein gutes Mahl zu rüsten. Der Graf von Gehlingsberg ließ sich das Frühstück wohl schmecken, und erst als er satt war, fragte er nach seinem Reisegenossen. Der sei schon lange fort, hieß es, aber des Grafen Reisegut liege wohlverwahrt in des Klosters Schatzkammer.
Sagte der Graf nachdenklich: »Ei, dann ist auch Zeit, wenn ich morgen mit dem Frühesten reite. Will mich noch einmal ordentlich ausruhen für den langen Ritt.«
Rief Damian: »Das ist wohlgetan. Ich spüre das erste Reiten noch in allen Knochen. Umfallen könnte ich vor Müdigkeit.«
Also blieben der Graf und die Knappen noch den Tag und die nächste Nacht im Kloster und ließen es sich wohl sein.
Seufzte der Bruder Küchenmeister: »O weh, sie essen alle meine Vorräte auf!«
Klagte der Bruder Kellermeister: »O weh, mein schöner Wein, sie trinken ihn allen aus!«
Am nächsten Morgen entstand ein lautes Geschrei, denn da merkte der Graf von Gehlingsberg den Tausch des Schelmen von Steinach. Frau Mechthild hatte ihre allerältesten Betten zur Reise hergegeben, und soviel der Graf, seine Knappen und die Mönche auch suchten, die köstlichen Gewänder, von denen der Schelm von Steinach erzählt hatte, die waren nicht zu finden. Der Graf wurde fuchsteufelswild, und selbst Damian vergaß vor Zorn seine Schläfrigkeit. Sie setzten sich auf ihre Pferde und ritten eilfertig davon, um nur rasch an des Kaisers Hof zu kommen und dem Schelmen seinen Raub wieder abzujagen. –
Herr Arnulf war unterdessen einen andern Weg geritten. Als das Kloster St. Kilian hinter ihnen lag, sagte er zu Berthold, seinem Burgwart: »Wie rede ich mich aus, wenn nun der Herr von Gehlingsberg auch an des Kaisers Hof kommt?«
Sagte Berthold: »Reitet nicht an des Kaisers Hof.«
Zürnte Herr Arnulf: »Was soll der dumme Rat?«
Sagte Berthold: »Ein Kaiser ist freilich ein Kaiser, aber ein Herzog ist auch ein hoher Herr. Reitet an eines Herzogs Hof.«
Sagte Herr Arnulf: »Das Wort läßt sich hören.«
Sagte Berthold: »An des bayrischen Herzogs Hof wird’s Euch wohlgehen.«
Sagte Herr Arnulf: »Das gilt. Kurzweil und ritterliche Spiele gibt’s dort auch. Des Herzogs Sohn soll Hochzeit halten, da wird es gut sein. Also reiten wir.« Ja ja, so sagte er.
Nun ritten sie und kamen auch an den Hof des Herzogs von Bayern. Dort war ein lustiges Leben, und der Schelm von Steinach, der stattlich in des Grafen von Gehlingsberg Kleidern einherging, wurde wohl aufgenommen. Er gewann güldene Preise im ritterlichen Spiel, und weil der Herzog um der Hochzeit willen seine Gäste freihielt, brauchte der Schelm keinen Batzen und kein Hellerlein auszugeben. Auch ein reiches Gastgeschenk erhielt er noch. Die güldenen Preise verkaufte er, und so zog er mit wohlgefülltem Säcklein nach etlichen Wochen von dannen. Ja ja, so war’s.
Inzwischen war der Graf von Gehlingsberg an des Kaisers Hof gewesen, hatte dort den Schelm nicht gefunden und hatte dort viel Spott und Neckerei erfahren. Es glaubte ihm niemand sein Märlein, und weil er auch ein einfältiger Herr war, meinten alle, sie hätten einen Narren vor sich. Der Graf vertat sein Geld und gewann nicht Ehre und nicht Freunde, und mißmutig kehrte er nach etlichen Wochen heim. Im Kloster zu St. Kilian gedachte er seine letzte Rast zu halten, und der Zufall führte am nächsten Morgen den Schelmen vor das Kloster. Als dies der Schelm hörte, ritt er eiligst von dannen, und an der Stelle, an der er einst den Grafen getroffen hatte, sagte er zu Berthold, seinem Burgwart: »Nun reite geschwind nach Gehlingsberg, bringe der Frau Gräfin ihres Mannes Reisetruhen und dieses goldene Ringlein als Reisegeschenk. Sag’ ihr, mit hohen Ehren sei ihr Mann an des Kaisers Hof empfangen worden, und er sei nun schon auf dem Heimweg, sie möge ihn wohl empfangen.«
Sagte Berthold: »Das will ich recht ausrichten.« Er ritt mit den Knappen nach Gehlingsberg, während der Schelm heimwärts ritt im neuen Wams, sein gutgefülltes Beutelchen in der Tasche.
Als er am Tor anlangte, lief Frau Mechthild ihm entgegen und klagte: »O du armer Mann, ohne deine Knechte kehrst du heim! Dir mag es übel ergangen sein.« Ja ja, so klagte sie.
Rief Herr Arnulf: »Schau her!« Er wies ihr das neue Wams, das Geld und eine feine Gürtelschnalle.
Lachte Frau Mechthild: »Ich sehe schon, die Schelme verderben nimmer.«
Mißmutig kehrte der Graf zu seiner Burg zurück. Doch dort empfingen ihn alle festlich geschmückt, und seine Frau Gräfin rief: »Willkommen, edler Held!« Sie dankte ihm gar herzlich für das güldene Geschenk.
Sagte der Graf brummig: »Was soll das Geschrei?«
Schrie Damian: »Herr, da stehen unsere Truhen.«
Sagte die Gräfin: »Die sandtest du mit des Schelmen Knechten. Die haben auch gesagt, wie reich du geehrt worden bist an des Kaisers Hof.« Da schwieg der Graf mäuschenstill und verbot auch seinen Knechten zu sagen, wie es ihnen ergangen war. Ja ja, das tat er.
Er erzählte viel von des Kaisers Hof, zuletzt glaubte er selbst, ihm sei es gut gegangen dort, und schließlich glaubten alle, der Kaiser würde wohl auch bald zu Besuch kommen, weil er dem Grafen so gut war.
Aber mit dem Schelmen von Steinach tat der Gehlingsberger nie mehr eine Reise zusammen. Mit Fehde überzog er freilich auch nicht seine Burg, wie er es sich vorgenommen hatte. Sah er von fern den Schelmen kommen, dann beschrieb er einen großen Bogen um ihn, er fürchtete dessen Spott. Ja ja, den fürchtete er.«
Zehntes Kapitel
Sommertage
Des Pfarrers Freund redet vom Krieg, aber dem jungen Lehrer laufen die trüben Kriegsgedanken davon – Auf dem Schafskopf brennt das Johannisfeuer, die Rosen blühen, es wird wieder Geburtstag gefeiert, und niemand weiß an dem Tage, was in der Welt geschehen ist – Der Lehrer erzählt von Deutschland, und Frau Fries hält ihr Herz fest und klagt nicht.
Pfarrers Regine hatte ihren Geburtstag gefeiert, und die Sonne hatte dazu geschienen, wie es sich für einen rechten Frühlingstag schickt. Kein Wölkchen war zuerst am Himmel gewesen, aber plötzlich, am Nachmittag, waren schwere, dunkle Wolken aufgezogen, Sturm, Regen, ein Blitz, ein Donnerschlag, und im Umsehen war es wieder hell gewesen. Das erste Frühlingsgewitter war vorübergerauscht. Ein paar Tage lang hatte es im Pfarrhaus köstlich nach Veilchen geduftet, dann waren die kleinen blauen Frühlingskinder verwelkt, und droben auf dem Schafskopf sproßten Blätter und Knospen der Heckenröslein hervor. Die sagten: »Nun kommen wir bald dran.«
»Nein, erst wir.« sagten im Wald die Maiglöckchen. In den Gärten blühten Narzissen, Tulpen, Schwertlilien, Stiefmütterchen, hängende Herzen und viele andere Blumen auf. Die drei Straßen hatten sich wieder in weiße, schimmernde Wege verwandelt, gerade wie vor einem Jahr, als Heinrich Fries Steinach am Wald zum erstenmal gesehen hatte. Er dachte daran und dachte dabei auch an seinen Reisegefährten, der ihm zuerst von den Schelmen erzählt hatte. Und ganz unvermutet lief ihm der alte Herr über den Weg, mitten auf der Apfelstraße. Sie erkannten sich beide, und der junge Lehrer erfuhr nun, sein Reisegefährte sei ein Freund des Pfarrers. »Ich flüchte mich immer mal für etliche Tage in Steinachs Stille, und dies Jahr war die Sehnsucht besonders groß. Es sieht nicht gut aus in der Welt.«
»Nicht gut sieht es aus in der Welt? Wieso?« Der junge Lehrer fragte es erstaunt, nachdenklich.
Der andere nickte: »Ja ja, mir will’s immer scheinen, als hinge Krieg über uns gleich einer Wetterwolke.«
»Krieg!« Das Wort stimmte so gar nicht hinein in den heiteren Frühlingsfrieden von Steinach, und Heinrich Fries sagte abwehrend: »Ach Krieg, es wurde schon so oft davon gesprochen – ich glaube nicht daran.«
»Hurra, Hurra, bald ham’ mer se!« Wildes Geschrei gellte auf, und über die Apfelstraße hinweg rasten vier Buben, ein halbes Dutzend andere folgten ihnen, bewaffnet mit Blechsäbeln, einem Pusterohr und einem Ding, das ungemein viel Lärm machte. Eine Rassel war es von lauter alten Topfdeckeln.
»Wen habt ihr bald, he?« Jackenknöpfle lief seinem Lehrer gerade in die Arme, und der hielt ihn fest. Doch der kleine, dicke Kerl mußte erst ein paarmal nach Luft schnappen, ehe er Antwort geben konnte. »Wen wollt ihr fangen?« Heinrich Fries fragte es noch einmal, und nun stieß Jackenknöpfle heraus: »Die Indianer! Wir spielen Indianers, und dahinten liegt Indien.«
Er deutete nach dem Schelmenacker hin, und sein Lehrer meinte heiter: »Nenn’s Amerika, da nun doch einmal dort die Heimat der Indianer ist.«
Er ließ Jackenknöpfle los, der stürzte eilfertig davon, und das Geschrei aller vereinte sich bald drüben am Schelmenacker. »Solchen Krieg gibt’s immer,« sagte der junge Mann zu dem Alten.
Der sah ernst ins Weite. »Wer weiß, wie bald unsere Jungen gegen Franzosen, Russen und noch sonst welchen Feind ins Feld ziehen wollen!«
»Glauben Sie das?« Nun lächelte auch Heinrich Fries nicht mehr. Er sah zum Himmel auf, der klar und blau war. Würde so schnell ein Wetter daherziehen wie an Fräulein Regines Geburtstag? –
Wie schön war der Frühling, wie schön, selbst wenn der Regen warm und lind auf die Erde niedersank. Und wie leicht laufen trübe Gedanken im Frühling davon. Heinrich Fries erging es so. Als er dann mit seinem alten Reisegefährten am Pfarrhaus anlangte, stand Fräulein Regine da, die hatte sich mehr noch als sonst ihr liebliches Gesicht mit Frühlingssonne eingerieben, da liefen geschwinde alle trüben Kriegsgedanken davon.
Das taten die bösen Gedanken noch manchmal in diesen Tagen, aber – sie kamen doch immer wieder. Der alte Herr Berner, so hieß des Pfarrers Freund, war abgereist, beim Abschied hatte er gesagt: »Im August komme ich wieder – vielleicht.«
»Vielleicht, vielleicht,« sang Pfarrers Regine fröhlich, »vielleicht reise ich im August in die Schweiz, vielleicht sehe ich Schneeberge.«
»Vielleicht, vielleicht baue ich mir ein Schloß im Monde,« neckte sie der Vater.
»Vielleicht erhalte ich zum Herbst eine bessere Stelle in der Stadt,« sagte Heinrich Fries zu seiner Mutter. Er sagte es hoffnungsfroh, und die alte Dame unterdrückte den leisen Seufzer. Ach, sie wäre so gern in Steinach geblieben!
Auch die Steinacher Buben und Mädel schmiedeten allerlei Pläne, die mit »vielleicht« begannen, und die so wundervoll lustig wie die Sommertage waren. »Vielleicht gibt’s diesmal länger Ferien,« sagten die Faulpelze, obgleich sie nicht zu sagen wußten, warum dies geschehen sollte.
Vielleicht dürfen wir alle nach M. zum Jahrmarkt, hofften etliche. Vielleicht dies, vielleicht das. Eine Ferienfahrt, ein neues Kleid, ein riesengroßer Drache, ein langer Schulspaziergang, – das waren alles Dinge, die mit »vielleicht« gesagt wurden. Und darüber reihte sich Tag an Tag. Flieder und Goldregen blühten auf und verblühten, die Rosen dehnten sich in ihren engen Knospenkleidern und riefen: »Endlich, endlich kommen wir an die Reihe!« Sie erblühten in köstlicher Schöne, kein Gärtlein gab’s in Steinach, in dem nicht ein Rosenbusch wie ein holdseliges Mädchen stand. Wer daran vorüberging und eine horchende Seele hatte, der hörte wohl, wie die Rosen sangen: »Sonne, küsse uns, Wind, streichle uns, Mensch, freue dich an uns!«
»O ihr Rosen, ihr lieben Rosen!« sang Pfarrers Regine, wenn sie durch den Garten ging, und dann mahnte sie: »Vergeßt es nicht, am Johannistag recht schön zu blühen, das gehört sich so, und dann noch ein paar Tage länger, dann hat die alte Frau Lehrerin Geburtstag. Ihr erster ist’s in Steinach, den wollen wir recht feiern.«
Der Johannistag kam, die Rosen blühten und dufteten, auf dem Schafskopf brannte ein Johannisfeuer, und Frau Besenmüller schalt: »So etwas weckt nur die alten Schelme auf, das is niche gut.«
»Lydia, schimpf’ nicht,« sagte ihr Mann. »Denk’ daran, Sonntag hat unsere alte Frau Lehrerin Geburtstag.«
Da wurde Frau Besenmüller sanft und freundlich und redete von allerlei Festvorbereitungen. Die alte Frau Lehrerin hatte sich längst viele Herzen in Steinach gewonnen. Wenn sie über die Gasse ging und in ihrer freundlichen, stillen Weise alle grüßte, dann sagten wohl die Steinacher: »Die paßt nu so recht scheen zu uns.«
Und diese gütige, sanfte Frau hatte nun Geburtstag, an einem Sonntag dazu. Die großen Leute fanden dies paßlich, und die kleinen Leute ärgerten sich darüber. Warum nicht an einem Wochentag, der dann zu einem Feiertag wurde? Wie konnte ein Geburtstag nur so ungeschickt sein, auf einen Tag zu fallen, an dem es ohnehin Kuchen gab in den meisten Steinacher Häusern! Trotz dieses Ärgers wanderten aber alle Schulkinder in der rechten Geburtstagsstimmung am Morgen vor das Schulhaus und sangen dort einen Morgengruß. Die Brummer mit. Fräulein Regine hatte ihnen einen wundervollen Rat gegeben. Sie hatte gesagt: »Singt stumm, den Mund auf, Mund zu und nur im Herzen mitgesungen.« Das taten die Brummer nun auch voll Eifer, und Stipsels Oswald sah dabei aus wie ein Fisch, den man statt ins Wasser auf ein Sofa gelegt hatte. Schnapp auf, schnapp zu, so ging es bei ihm.
»Der Oswald hat wohl was verschluckt? Der kriegt Zustände,« sagte Frau Besenmüller ängstlich. Mitten im Lied trat sie hinter den Buben und gab ihm einen kräftigen Stoß in den Rücken. »Ist’s raus?« flüsterte sie so laut, als müßte das Geflüster oben auf dem Schafskopf gehört werden.
»Hup!« machte Oswald; er konnte vor Schreck nicht sprechen. Glücklicherweise ersah Fräulein Regine Frau Besenmüllers Tat, sie zog rasch die Frau aus dem Kreis und erklärte ihr das Mund auf, Mund zu.
»I nä,« brummelte Frau Besenmüller, stumm singen, ja, das könnte sie auch. Sie trat an ihren Platz zurück, klappte nun auch ihren großen Mund auf und zu, und Webers Arne flüsterte Jackenknöpfle ins Ohr: »Wie ’ne Brotschachtel.«
Trotz dieser kleinen Zwischenfälle klang der Gesang festlich und rein in den hellen Sonntagmorgen hinaus, und Frau Fries freute sich. Sie freute sich auch über die Rosen, die Pfarrers Regine brachte, über all die bunten Sträuße aus den Steinacher Gärten, sie freute sich über die lachenden Gesichter der Kinder, und sie freute sich am meisten über die Liebe, die man ihr erzeigte. Dieser Tag ging zur Ruhe wie ein glückliches Kind, das sich müde gefreut hat und noch im Schlafe lächelt. Die Nacht blieb hell, die Sterne funkelten in ewiger Schönheit am Himmel, und im Grase wisperten die kleinen, lustigen Johanniswürmchen: »Seht nur, wir funkeln auch wie die Sterne!«
»Noch mehr, noch mehr,« sagten die andern Käfer, die konnten nämlich nicht bis zum Himmel hinauf sehen.
Im warmen Sommerfrieden schlief Steinach ein, und niemand darin ahnte etwas von dem schweren Geschehen draußen in der Welt. Da hatten im fernen Land ruchlose Buben Österreichs künftigen Kaiser und seine Frau ermordet. Als die Kunde von dem Mord durch die Lande lief, von Stadt zu Stadt, das einsamste Dorf nicht vergaß, erfaßte tiefes Entsetzen die Menschen. Ein dumpfes Ahnen kommenden Leides lag über den Landen.
»Wir bekommen Krieg,« sagten manche. Aber jene, die nicht gern an Sorgen und kommendes Leid dachten, sagten: »Ach nein, wer wird unseren Frieden stören und unsere Sommerlust!«
Die Buben und Mädel in Steinach redeten nicht von Krieg und dachten nicht an Krieg. Sie gingen in die Schule und freuten sich auf die großen Ferien. Am Montag freuten sie sich auf den Sonntag, am Morgen auf das Mittagessen, und zu Mittag redeten sie davon, wie sie abends auf der Gasse spielen wollten. Sie stiegen auf den Schafskopf, riefen und neckten die Geister der alten Schelme, zitterten, die könnten wirklich erscheinen, und ärgerten sich, daß sie nicht kamen. Sie zankten sich mit Frau Besenmüller und liefen dann schuldbewußt zu deren Mann; der mußte seine Frau »Lydia« nennen, damit sie wieder gut werde. Auf den Feldern reifte das Korn, und die Schnitter dengelten schon ihre Sensen: bald, bald fängt die Ernte an.
So verging Tag um Tag. Das Jahr 1914 saß in seinem Himmelswinkel, es strich die Tage aus, und immer ernster wurde sein Gesicht.
Der Juli neigte sich schon seinem Ende entgegen, da kamen Tage, an denen niemand Lust zur Arbeit und Freude hatte. Selbst in Steinach standen die Männer auf der Dorfstraße und redeten ernst und eifrig zusammen, und die Frauen sahen zu ihnen hin, und manch eine wischte sich heimlich eine Träne aus den Augen. Wer weiß, wie bald zog ihr Mann hinaus!
Der junge Lehrer Heinrich Fries ließ jetzt immer Vaterlandslieder singen, und wenn die Kinder aus dem Schulhaus kamen, dann sangen sie: »Deutschland, Deutschland über alles,« und immer sang mit, wer es hörte.
Jeden Tag fuhr jetzt jemand nach dem nächsten großen Ort, um dort die neuesten Telegramme zu lesen. Dann hieß es den einen Tag: Es gibt Krieg! den andern: Der Friede bleibt erhalten. Noch lag eine Lokalisierung des Krieges im Bereich der Möglichkeit. Die Diplomatie arbeitete fieberhaft. Telegramme flogen hinüber und herüber. Viele deutsche Herzen hofften noch, der Friede möchte der Welt erhalten bleiben. Aber mitten in alle heitere Sommerschönheit hinein gellte der Ruf: »Es gibt Krieg, Krieg mit Frankreich, Krieg mit Rußland, mit England, Krieg mit der halben Welt.«
Die Buben und Mädel in Steinach hatten sich auf die Ferien gefreut, wie sich überall Buben und Mädel auf die Ferien freuen. Aber als sie da waren, dachte niemand an Ferienfreude. Am Samstag sollte Schulschluß sein, und an diesem Tag gab der junge Lehrer Heinrich Fries keine Stunde mehr. Er hatte die große Karte von Europa angehängt, und daran zeigte er den Kindern, wie riesengroß die Länder der Feinde waren gegen die der beiden treuen Bundesbrüder Deutschland und Österreich-Ungarn. Weit, weit über halb Asien hinweg dehnte sich das unermeßliche russische Reich, und Frankreich lag mit weiten Küsten am blauen Meer. Im Norden drohte England. Feinde, Feinde, wohin das Auge blickte. Die Brandfackel des Weltkriegs, des fürchterlichsten aller Kriege, war entzündet. Das Verhängnis nahm rasch und unaufhaltsam seinen Lauf.
Armes Deutschland, armes Vaterland! Dem jungen Lehrer wurde das Herz schwer, als er an das furchtbare Ringen dachte, das nun beginnen würde. Doch größer noch als die Sorge war die Freude, daß auch er mit hinausziehen durfte in den Kampf für das Vaterland.
Und an diesem letzten Schultag ließen die Kinder Bücher und Hefte in ihren Ranzen, und Heinrich Fries erzählte ihnen von Deutschland, von seiner Vergangenheit, seiner Herrlichkeit und seiner Not, wie es immer und immer wieder hatte kämpfen müssen um seine Freiheit. Auch von des Vaterlandes stiller Schönheit sprach der junge Lehrer, von seinen Städten, Dörfern, seinen Wäldern und Flüssen, seinen friedlichen Tälern und vom deutschen Heimatzauber.
Es war mäuschenstill in der Schulstube. Noch nie hatten die Kinder so lautlos zugehört, und keines sehnte das Ende dieser letzten Schulstunde herbei. Und als draußen die Glocke ertönte, die Frau Besenmüller im Jammer ihres Herzens wilder denn je schwang, da baten all die braunen und blauen Kinderaugen, in die der Lehrer sah: »Weiter, weiter!«
Heinrich Fries atmete tief. Das eine Fenster der Stube lag in der Sonne, und golden umwob der Schein die Buben- und Mädelköpfe. Das würde er nun lange nicht mehr sehen, vielleicht nie wieder. Er zog hinaus in den Kampf, vielleicht in den Tod! Er schwieg, atmete tief, und dann sagte er einfach: »Ich gehe nun von euch, Kinder; ob wir uns wiedersehen, steht in Gottes Hand. Er schütze unsere Heimat, er schütze euch. Werdet tapfere deutsche Männer und Frauen und vergeßt es nie, nie: Das Vaterland über alles!«
Deutschland, Deutschland über alles! Jauchzend brauste der Gesang plötzlich auf, die Kinder wußten selbst kaum, wie es kam, daß sie auf einmal das Lied sangen. Wie ein Jubelruf klang es und ein Gebet zugleich. Draußen vor der Tür stand Frau Besenmüller, sie hielt die Schulglocke fest im Arm, und heiße, heiße Tränen rannen darauf nieder. »Das Herze bricht einem fast!« schluchzte sie. »Nä, der Jammer, nä, das Unglück!«
»Schäm’ dich, Lydia, so redet keine deutsche Frau,« rief ihr Mann von der Treppe her. »Sieh unsere alte Frau Lehrerin an, die nimmt ihr Herze fest in die Hände.«
Da schwieg Frau Besenmüller beschämt. Ihr Mann hatte recht, der hatte immer recht. Und stille nahm sie sich vor, so tapfer zu sein wie Frau Fries, die ihr Herz fest hielt und nicht weinte und nicht klagte.
Elftes Kapitel
Schwerer Abschied
Die Steinacher ziehen auch hinaus, und Schwetzers Fritze will mit – Auch Pfarrers Regine will hinaus, geht aber dann zu Traugotts – Der alte Briefträger übt wieder sein Amt aus, und Fritze schreibt einen Brief und prügelt sich mit seinem Freund Arne
Mobilmachung, Abschied!
In jeder Stadt, in jedem Dorf in deutschen Landen war es in den ersten Augusttagen von 1914 das gleiche Bild. Stille legten viele, viele Männer ihre Arbeit nieder und verließen Haus und Hof, verließen die Heimat, um für den Frieden dieser Heimat zu kämpfen. In Steinach am Wald war es nicht anders. Da mußten Frauen ihre Männer ziehen lassen, die Kinder weinten den Vätern nach und die Mütter den Söhnen. Und wenn in diesen Tagen einer Mutter das Herz gar so schwer wurde und ihre Tränen nicht versiegen wollten, dann mahnte wohl der Mann oder der Sohn: »Sieh unsere alte Frau Lehrerin an, die ist tapfer, und ’s ist doch auch ihr Einziger.«
Frau Fries nahm wirklich ihr Herz fest in beide Hände, sie klagte nicht und weinte nicht. Still und emsig half sie dem Sohn die Sachen rüsten, und sie half auch andern. In diesen Tagen begannen die Frauen von Steinach in das Schulhaus zu laufen, um sich Rat zu holen und Trost dazu. Die sanfte Frau, die noch kaum ein Jahr in ihrer Mitte lebte, wurde ihnen allen eine Helferin, und manch ein Mann sagte beim Abschied: »Na, Pfarrers sin ja da un die alte Frau Lehrerin, da frag’ nur, die helfen schon.«
Mann um Mann verließ das Dorf. Am zweiten Tage schon zog Heinrich Fries hinaus. Seine Schulkinder standen vor der Türe, die gaben ihm das Geleit bis zur Apfelstraße, da sandte er sie heim. Zum Bahnhof sollte ihn allein seine Mutter begleiten. Die ganze Straße entlang aber tönte es ihm nach: »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«
Endlich verhallten die Rufe, und ein paar Minuten waren Mutter und Sohn allein, die andern Abfahrenden waren schon vorangegangen. Wie sie aber beide an den Himbeerapfelbaum kamen, sahen sie dort einen Buben stehen, der hatte den Baum umschlungen, als müßte er von dem Abschied nehmen.
»Holla, Fritz Schwetzer, was machst du hier?« Heinrich Fries trat allein auf den Buben zu; seine Mutter blieb ein paar Schritte zurück, sie dachte, mit dem Buben muß nur einer jetzt reden. »Sag’, was fehlt dir? Dein Vater zieht doch nicht hinaus?« forschte der junge Lehrer.
Schwetzers Fritze schämte sich, daß er weinte, und er konnte doch nicht anders. Es gibt halt Stunden, in denen auch ein Bube nicht ohne Tränen fertig werden kann. Sein Lehrer spürte, hier gab es wirkliches Herzeleid, und viel freundlicher als sonst klang seine Frage: »Wo fehlt’s denn, Fritze, was bedrückt dich?«
»Weil – weil – Sie in ’n Krieg gehen un – nu totgeschossen werden!« Fritz stieß es heraus und umklammerte laut schluchzend des Lehrers Hand. Der strich ihm sacht über den Struwwelkopf. »Na, na, mein Junge, so schlimm braucht es doch nicht gleich zu werden. Tut’s dir denn so leid?«
Der Bube nickte nur. Er rang mit den Worten, denn er hätte seinem Lehrer in dieser Abschiedsstunde gern gesagt, daß er ihm gut war und die Schule liebhatte, daß er sich sehnte, so zu werden wie dieser. Aber ach, einem Schweiger purzeln die Worte eben nicht so flink aus dem Munde!
Ganz langsam kamen sie nur, tropfenweise, aber Heinrich Fries verstand auch jene, die ungesagt blieben, er verstand, daß Fritze ihn sehr liebhatte.
Es war ihm eine Überraschung. Neun Monde lang war der Bube sein Schüler gewesen, und er hatte gar oft in der Zeit gedacht, der ist ein Trotzkopf, mit dem kann ich nicht viel anfangen. Und nun in der Abschiedsstunde tat sich ihm Fritzes Herz auf, und er lernte verstehen, wie schwer es ist, Schwetzer zu heißen und ein Schweiger zu sein. »Lieber, lieber Junge, du!« dachte der Lehrer, »dich hab’ ich nun so verkannt!«
»Ich – ich – will mit.«
»Mit in den Krieg? Das geht nun doch nicht, Fritz.« Heinrich Fries sah zu seiner Mutter hinüber. Die stand ein wenig gebeugt, wie niedergehalten von schwerer Last mitten auf der sonnigen Straße. Sie weinte nicht, aber der Sohn wußte, ihr blutete das Herz in dieser Abschiedsstunde. Da sagte er rasch: »Fritz, mitziehen kannst du nicht, das weißt du, aber du kannst mir etwas zuliebe tun. Willst du?«
Fritz nickte heftig, ehe er aber noch eine Antwort geben konnte, bat sein Lehrer: »Geh oft zu meiner Mutter, besuche sie und habe sie lieb. Sieh mal, sie ist nun so allein. Sie braucht jemand in dieser Zeit!«
Heinrich Fries hielt Fritz die Hand hin, und der schlug fest ein. »Ich will,« sprachen seine Augen, und der junge Lehrer sagte nur: »Ich danke dir.«
Das war der Abschied zwischen den beiden. Fritz rannte davon, querfeldein, es brauchte keiner zu sehen, wie traurig er war. Heinrich Fries aber ging mit seiner Mutter die Apfelstraße hinab bis zu dem kleinen Bahnhof. Der war heute so voller Menschen, als sei Steinach auf einmal eine Stadt geworden. Aus ein paar Nachbardörfern trafen sie hier zusammen, zehn Mann waren es, die mit dem jungen Lehrer zusammen die Heimat verließen. Sie hatten Blumen an Röcken und Mützen stecken und sangen wie viele Millionen in diesen Tagen: »Deutschland, Deutschland über alles!«
Das Bähnchen pustete heran, an drei Haltestellen hatte es schon Reisende aufgenommen. Die standen an den Fenstern, schwenkten die Hüte und riefen den Steinachern zu: »Hurra, nun kommen die Schelme von Steinach. Na, vor denen reißen die Franzmänner sicher aus.«
Die Steinacher nahmen den Scherz nicht übel. Frohgemut kletterten sie in die Wagen. »Die Feinde sollen uns kennenlernen,« jauchzten sie, »die Schelme verstehen das Dreinschlagen!«
Der Zug brauste davon. Der Gesang verhallte, und die Zurückbleibenden gingen still heim. Frau Fries blieb ein wenig zurück, sie wollte allein sein. Als sie aber dann, ein Stückchen hinter den andern, die Apfelstraße entlang ging, kletterte Schwetzers Fritze auf einmal aus dem Graben heraus. Er schob, ohne ein Wort zu sagen, seine Hand einfach in die der alten Frau. »Willst du mich heimbringen, mein Junge?« fragte diese.
Fritze nickte und brummelte halblaut dazu: »Der Herr Lehrer hat’s gesagt.«
Frau Fries dachte an ihres Sohnes Wort in letzter Minute: »Mutter, wenn Fritz Schwetzer zu dir kommt, denke, er kommt von mir.« Sie hielt die Bubenhand fest in der ihren, und so gingen sie beide still miteinander in das Dorf zurück. An der Haustüre trennten sie sich, und Frau Fries sagte laut: »Auf Wiedersehen!« Fritz dachte es nur, aber seine neue Freundin verstand ihn doch.
Auch dieser Tag ging zu Ende. Der Abend dämmerte herauf, ruhvoll und schön glänzten die Sterne am Himmel, und viele, viele Seufzer, viele heiße Bitten stiegen zu ihnen empor. Die Züge fuhren unablässig durch das Land, und selbst in Steinachs Stille hinein tönte ihr Brausen.
Frau Fries hörte es. Sie hörte das Ticken der Wanduhr, das schwere, lange Schlagen des eigenen Herzens die lange Nacht hindurch. Endlich, als der Morgen sich aus den Schleiern der Nacht löste, hielt sie es nicht mehr aus im Zimmer, sie rüstete sich zum Ausgang und stieg leise die Treppe hinab. Sie wollte Besenmüllers nicht stören, aber unten am Fuß der Treppe tat sie doch einen Schrei, denn sie stieß an einen weichen, dunklen Gegenstand. Zusammengerollt lag da etwas am Fuß der Treppe.
»Meine Güte, nä, unsre alte Frau Lehrerin!« Frau Besenmüller hatte auch nicht schlafen können vor Herzeleid um den Krieg. Sie riß ihre Türe auf und zündete ein Streichholz an, der Flur lag noch in tiefem Schatten. »I nä, so was,« schrie sie, »da liegt ja woll ’n Junge und schläft.« Zisch, entzündete sie noch ein Hölzchen, und in dem kleinen Licht erkannte Frau Fries Fritze Schwetzer in dem Schlafenden.
»Still, still, Frau Besenmüller,« mahnte sie rasch, »wir wollen den Buben nicht wecken, ich trag’ ihn in mein Zimmer.«
»I nä!« Frau Besenmüller sperrte den Mund weit auf, noch schiefer als sonst wurde der. Sie war so verdutzt, daß sie nichts mehr zu sagen wußte, sondern vor lauter Verwunderung half, Fritze hinauf in das Wohnzimmer von Frau Fries zu tragen. Auf das schöne, moosgrüne Samtsofa wurde der Bube gelegt, und wieder sagte Frau Besenmüller nur »I nä!« Weiter nichts.
»Gehen Sie leise aus dem Zimmer,« bat Frau Fries, und Frau Besenmüller tat, als wäre die Elfenkönigin ihre Muhme, so schwebte sie. Dabei stieß sie freilich an den Tisch, rannte zwei Stühle fast um, eckte am Schrank an, die Tür rutschte ihr aus und fiel krachend in das Schloß, und zuletzt purzelten noch ihre Holzpantoffeln die Treppe hinab, sie selbst glücklicherweise nicht. Aber all dies Gepolter, Gekrach und Gelärm störte Schwetzers Fritze nicht, der schlief ruhig weiter auf dem grünen Samtsofa, so ruhig, als wäre das sein Bett.
Frau Fries saß neben ihm und freute sich über den kleinen stummen Gast. Wie er nur in das Schulhaus gekommen war? Ob er sie vielleicht hatte beschützen wollen und darum auf der Treppe geschlafen hatte? Trotz ihres Leides mußte die Frau lächeln, und sanft streichelte sie den Buben ein wenig. Von Frau Besenmüllers Gepolter war der nicht erwacht, aber das sachte Streicheln machte ihn munter, er reckte und streckte sich und sah dann die alte Frau Lehrerin namenlos verwundert an. Wo kam die nur auf einmal her, und warum war sein Bett ein grünes Sofa geworden? Aber Frau Fries verstand es mit einem zu reden, der für jedes Wort Vorspann braucht. So nach und nach kam es heraus, Fritze hatte wirklich seines Lehrers Mutter bewachen wollen und hatte sich darum an die Treppe gelegt. Daheim war er so in der Mitte drin. Ein paar große Schwestern gab es und ein paar winzige Brüderlein, und in dem lebhaften Haus hatte es wohl niemand gemerkt, daß er fehlte.
»Wer im Schulhaus schläft, muß auch drin frühstücken,« meinte Frau Fries. Sie richtete den Kaffeetisch, und Fritz saß nachher daran wie ein Großer, nein, eigentlich wie ein Graf, dachte er. Und dann entdeckte seine neue Freundin ein Loch in seiner Jacke, das flickte sie ihm noch zu, und darüber wurde es dem Buben immer heimatlicher im Schulhaus. Er seufzte ein wenig, als Frau Fries sagte: »Nun mußt du aber nach Hause gehen.«
»Hm!« – eine lange Pause – »nachmittag komm’ ich wieder.«
»Das ist recht so, also auf Wiedersehen!« Frau Fries lächelte wieder, und als ihr Besuch die Treppe hinabstapfte, dachte sie: »Wenn es doch schon Nachmittag wäre!«
Sie brauchte sich freilich nicht vor der Einsamkeit zu fürchten, denn sie blieb nicht allein. Kaum war Schwetzers Fritze mit hocherhobenem Kopf stolz an Frau Besenmüller vorbei zur Türe hinausgegangen, da tat sich die Türe schon wieder auf. »Als ob’s Schultag ist,« brummelte Frau Besenmüller. Diesmal war es Pfarrers Regine. Die kam in ihres Herzens Not zu Frau Fries. Sie wollte auch hinaus, wollte draußen pflegen, helfen, ihre Kräfte regen, den Sturm miterleben, nicht im Winkel in der Stille sitzen bleiben. Aber ihre Mutter war krank; konnte sie die verlassen?
»Wie sollte das werden, wenn jeder von seinem Posten davonlaufen möchte?« gab ihre alte Freundin zur Antwort. »Wer daheim Pflichten hat, muß erst die erfüllen.«
»Aber draußen wird es so viel Arbeit geben, so viel Leid und Not!« klagte Pfarrers Regine.
»Warten Sie nur ab, mein Kind, das Leid kommt auch zu uns, auch hier wird es Arbeit geben, hier werden Sie trösten und helfen können.«
Klipp, klapp ging’s draußen, und Frau Besenmüller lief ins Zimmer hinein. Sie vergaß alle Höflichkeit, vergaß anzuklopfen, sie jammerte laut: »Bei Traugotts, den Müller-Traugotts, ist ’n kleines Mädel angekommen, un nu muß heut’ der Mann weg un beide Knechte. Nä, und die Male, was das Mädchen ist, heult, weil ihr Schatz mit muß. Sie will nach Wiesen gehen, Abschied nehmen. Nä, so was!«
Da küßte Pfarrers Regine die alte Frau Lehrerin und sagte tapfer: »Ich will zu Traugotts gehen und der Frau helfen. Ich will in Steinach bleiben auf meinem Posten.«
Klipp, klapp ging’s wieder draußen. Diesmal klopfte der Besucher an, fest und laut, Frau Besenmüller riß die Türe auf und schrie: »Nä, so was, nu ist Schwetzers Fritze schon wieder da!«
»Ich darf bleiben.« Fritze druckste die Worte heraus und sah strahlend zu seiner neuen Freundin auf.
»Ih, das könnt’ uns gerade passen,« knurrte Frau Besenmüller, »so ’n Nichtsnutz zur Ferienzeit im Schulhaus! Nä, git’s nicht, raus mit dir!«
»Frau Besenmüller möchte gern Wasser getragen haben, Fritze; willst du das wohl tun?« fragte Frau Fries in ihrer sanften Weise.
»Hm,« Fritze nickte nur. Er wußte, wo die Eimer standen, wußte, wo der Brunnen war; die alte Frau Lehrerin wünschte es, also ging er und trug Wasser. Frau Besenmüller aber saß in ihrer Küche auf der Ofenbank und sagte nur immerzu: »Nä, so was, die Welt dreht sich um und um, nu trägt mir Schwetzers Fritze Wasser, und draußen ist Krieg.«
Frau Besenmüller gab dann freilich das Verwundern bald auf, zu viele Wunder geschahen in dieser Zeit. Da schwiegen im Lande Streit und Hader, eigensüchtige Ichmenschen wurden freundliche Helfer, alle dachten sie nur: »Das Vaterland ist in Gefahr, Herr Gott, hilf uns!«
Die Glocken sangen über die Lande, Fahnen wehten: Sieg, Sieg! In den Siegesjubel hinein aber tönte die Klage: »Ostpreußen in Not, in Ostpreußen hausen die Russen, als wären die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges angebrochen.«
Pfarrers Regine lüftete die Fremdenzimmer, überzog Betten, suchte Truhen und Schränke durch, das Pfarrhaus wollte Flüchtlinge aufnehmen. Frau Fries aber ging von Haus zu Haus, und Schwetzers Fritze folgte ihr. Sie bat um alles, was Hausfrauen entbehren konnten, der Landsleute Not in Ostpreußen zu lindern. Die Steinacher Bäuerinnen gaben gern, und im Schulhaus wurden Kisten gepackt für die Ostpreußen. Dazwischen kamen die Frauen aus dem Dorfe und fragten: »Wie machen wir’s, daß unsere Männer und Söhne alles richtig ins Feld bekommen? Dies soll verschickt werden und das; wie packen wir es ein? Was schreiben wir darauf?«
Und immer wußte Frau Fries Rat. Frau Besenmüller brummelte freilich: »Unsere alte Frau Lehrerin soll ja wohl zehn Hände und fünf Köpfe hab’n. Nä, so was! Ein Getrample, ’s ist schlimmer, als wenn Schule wär’.«
Und dabei rannte Frau Besenmüller doch selbst die Treppe auf, die Treppe ab, als wäre sie sechzehn Jahre, nur um ihrer Hausgenossin zu helfen. Am allerflinksten aber rannte sie, wenn sie von ferne den Briefträger erblickte, aber sie erreichte ihn nie zuerst, immer war Schwetzers Fritze schon da. Und Frau Fries erfuhr es schnell, wenn ein Brief von ihrem Sohne da war. »Ein Brief vom Herrn Lehrer,« gellte Fritzens Stimme auf. Vielfaches Echo antwortete, von da und dort kamen Mädel und Buben gelaufen, und der Brief war wie ein König, der mit großem Gefolge in sein Schloß einzieht.
Doch wie im Lehrerhaus, so wartete beinahe in jedem Bauernhaus eine Mutter, eine Frau auf ein Wort, das von draußen hereinklang. Der alte Briefträger Klöppel hatte kurz vor dem Kriege sein Amt aufgegeben gehabt. Er lief nun aber wieder mit der Tasche, weil die jungen Männer alle draußen waren, dachte unterwegs immer an die Briefe und Karten, die er trug. Der hat geschrieben und der, überlegte er, aber die Knöpfle wird warten, je, je, so lange kein Brief! Von Pfarrers schreibt nur einer, eigentlich müßten’s zwei heute sein. Warum schreibt der andere nicht? Ist dem was zugestoßen?
Früher hatten die Steinacher Mädel und Buben sich kein bißchen um Briefe gekümmert, das waren für sie Dinge, an denen nur Erwachsene Freude hatten. Jetzt war es auf einmal anders geworden, und als Schwetzers Fritze selbst vom Herrn Lehrer eine Feldpostkarte bekam, da beschlossen alle seine Kameraden und Kameradinnen: »Wir schreiben auch, wir woll’n auch was kriegen.«
Etliche liefen auch geschwind zu der ganz kleinen, dicken Krämersfrau Laura Langbein und verlangten einen feinen Bogen, aber nur etliche feine Bogen wurden Briefe, die in den Krieg reisen konnten, auf den andern wimmelten die Kleckse nur so herum wie Fliegen auf einem Honigbrot.
Schwetzers Fritze hatte zwar drei Bogen verschrieben, aber zuletzt hatte er doch einen vier Seiten langen Brief fertiggebracht. Freilich standen auf jeder Seite nur fünf Wörter, doch das schadete nichts. Brief ist Brief, und stolz zeigte er seinem Freund Arne das Schriftftstück.
»Fein,« lobte der, »aber Briefe schreiben ist nischt, ich geh’ selbst raus. Willste mit?«
»Nä.« Fritze sah den Freund verdutzt an, er schüttelte bedachtsam den Kopf, das ging doch nicht.
Webers Arne war anderer Meinung. Er hatte sich schon alles fein ausgedacht, einen richtigen Kriegsplan hatte er entworfen, und eifrig erzählte er, wie er es machen wollte. Höchst einfach war es. »Gehste mit?« fragte er wieder.
»Nä,« gab Fritze zur Antwort.
»Bist dumm,« brummte Arne und erzählte weiter. »Gehste mit?« fragte er zum dritten Male, und wieder rief Fritze: »Nä.«
»Och, so feige!« kreischte Arne. Doch da verlor Fritze die Geduld, puff, puff ging’s los. Einmal lag Arne unten, einmal Fritze. Weil sie ziemlich gleich stark waren, bekam jeder Prügel. Der Kampf blieb unentschieden, weil Frau Besenmüller mit ihrem Wappenzeichen, einem Besen, dazwischentrat; mit Frau Besenmüller wollten sie aber beide nicht kämpfen. Sie ließen sich los. Arne raffte seine Mütze vom Boden, Fritze nahm den Brief vom Fenstersims, auf das er ihn vorsichtig gelegt hatte, und im Davonlaufen schrie der eine noch: »Ich geh doch!« und der andere: »Nä.«
Zwölftes Kapitel
Zwei wollen Helden sein
Frau Besenmüller sagt, es wären hundertvierunddreißig Strümpfe, und an einem Tag werden vier Strümpfe und zwei Buben vermißt – Zimplichs Max will auch hinaus – Malchen Hinzpeter denkt nicht ans Mundhalten, und ein Bahnwagen fährt nicht immer dahin, wohin die Reisenden wollen – Hindenburg unterhält sich nicht mit den Steinacher Buben, und Antwerpen fällt
Die Ruhestunden waren knapp in diesen ersten Kriegswochen. Doppelte Last lag auf den Schultern der Daheimgebliebenen, und in Steinach mußten auch die Kinder helfen die Ernte einbringen. Die Ferien gingen vorbei, die keine Ferien gewesen waren, aber die Schule begann nicht, der Lehrer fehlte. Zum lustigen Spiel blieb freilich wenig Zeit. Der Schelmenacker lag öde, und auf dem Schafskopf hätten die Geister der alten Schelme nach Herzenslust spuken können, es störte sie niemand. Selbst Besenmüller saß nicht mehr auf der zerbröckelten Mauer im Sonnenschein, der blieb auf der Bank vor dem Schulhaus sitzen. Da hörte er es doch, wenn es wieder einen Sieg gab, oder wenn einer von draußen geschrieben hatte. Dazu strickte er Strumpf um Strumpf, kein Weiblein im Dorf konnte es flinker und besser als er. Hatte er wieder ein paar Strümpfe fertig, dann seufzte er wohl und sagte zu seiner Frau: »So hab’ ich’s mir nu mein Lebtag gewünscht, immer Wolle zu haben, viel Wolle und stricken zu können alle Tage. Nä, und nu macht’s mir kein rechtes Vergnügen.«
Eines Tages wusch Frau Besenmüller siebenundsechzig Paar rosenrote und himmelblaue Strümpfe und hing sie vor dem Schulhaus zum Trocknen auf. Sie fürchtete, sie könnten abfärben, und rote und blaue Beine sollten die Feldgrauen draußen nicht bekommen. »Sie werden sich ohnehin ärgern über die bunten Strümpe,« klagte die Frau, als sie die stattliche Reihe überschaute.
»I nä, Lydia,« tröstete Besenmüller, »ob ’n rotes oder blaues Bein im Stiefel steckt, ist gleich. So sehr ich for Strümpfe bin, Stiefeln sin die Hauptsache.«
»Du hast alleweil recht,« sagte seine Frau. Sie schaute bewundernd auf die bunte Pracht, wie ein Festschmuck sah sie aus. »Hundertvierunddreißig Strümpe,« rief sie stolz, »nä, die beim Roten Kreuz werden staunen!«
»Hundertdreißig,« brummelte Schwetzers Fritze von der Tür her. Dort saß er und wartete auf Frau Fries; inzwischen hatte er die Strümpfe gezählt. »Hundertvierunddreißig, du Naseweis,« rief Frau Besenmüller ärgerlich, »was ich weiß, das weiß ich.«
»Nä, hundertdreißig.« Fritze blieb dabei.
Traugotts Hanne ging just vorbei, und Frau Besenmüller rief ihr zu: »Hanne, wieviel Strümpe hängen hier?«
Hanne zählte stöhnend. »Hundertachtzehn!« rief sie.
»Hundertdreißig,« schrie Fritze.
»Hundertvierunddreißig,« zeterte Besenmüller.
»Hundertdreiundfünfzig.« Hinzpeters Malchen war dazugekommen; sie hatte auch gezählt.
»Hundertdreißig,« rief nun auch Besenmüller, »Fritze hat recht.«
»Hundertvierunddreißig!« Frau Lydia wurde rot wie ein Krebs vor Ärger. »Unsere alte Frau Lehrerin hat sie vorhin gezählt, und die kann’s.«
Zur rechten Zeit, so fanden alle, kehrte Frau Fries heim. Die zählte noch einmal und noch einmal, es waren und blieben aber wirklich nur hundertunddreißig Strümpfe, vier fehlten, denn auch Frau Fries sagte es, vorhin wären es so viel gewesen.
»Die sind weggeflogen,« sagte Hanne und sah sich rundum.
»Da müßte der Wind gerade in deinem Korbe stecken,« spottete Besenmüller. Es wehte wirklich kein Lüftchen. Der Tag war warm und schön, er hätte ein Sommertag sein können, kaum war der Herbst zu spüren.
»Die hat jemand geholt,« rief Frau Besenmüller zornig.
»I nä, ich hab’ doch alleweil hier gesessen!« Ihr Mann schüttelte den Kopf. Wer sollte wohl in Steinach Strümpfe von der Leine wegtragen? Solche Untaten mochten in Städten vorkommen, in Steinach nicht.
»Aber ’s waren doch hundertvierunddreißig,« jammerte Frau Besenmüller, als Frau Fries einwarf, sie könnte sich vielleicht auch verzählt haben.
»Zählen, das kann ich, schreiben und lesen, nä, aber zählen fein. Und hundertvierunddreißig Strümpe waren’s.« Dabei blieb Frau Besenmüller, aber sooft sie es auch versicherte, die Strümpfe kamen nicht wieder, und es wußte ihr auch niemand zu sagen, wohin sie gekommen waren.
Wenn vier Strümpfe auf einmal spurlos verschwinden, so ist das sonderbar, viel sonderbarer aber ist es, wenn am hellen Tag zwei Buben aus einem Dorf verschwinden, als hätte die Erde sie verschluckt.
Am Abend dieses schönen Herbsttages sagte Arne Webers Mutter ärgerlich: »Der Junge ist nicht heimgekommen, seit Mittag sitzt er nun bei Knöpfles.«
Knöpfles Haus lag am andern Dorfende, man ging sechs Minuten bis dahin, und in Steinach nannten sie das einen weiten Weg. Frau Weber schickte daher auch keinen Boten aus; kam Arne nicht heim, so schlief er wohl im Knöpfle-Haus. »Morgen gibt’s Geschimpfe,« drohte nur die Mutter. Und um die gleiche Stunde sagte dies Frau Knöpfle. Auch sie war ärgerlich, daß ihr Jakobus seit Mittag bei Webers war, denn dahin hatte er gehen wollen.
In dieser Zeit bedrängten die Bäuerinnen mancherlei Sorgen, und um die Kinder, die daheim geblieben waren, konnten sie sich weniger kümmern. Erst am nächsten Morgen – schon war viel Arbeit im Hause getan – lief von Webers zu Knöpfles und von Knöpfles zu Webers je eine Magd, die Buben heimzuholen. Die Botinnen kamen mit viel Geschrei zurück. Arne war nicht bei Knöpfles und Jackenknöpfle nicht bei Webers.
Vielleicht waren sie bei Zimplichs, vielleicht bei der kleinen Krämersfrau Langbein, vielleicht da, vielleicht dort? Erst war es ein Fragen ohne Sorgen, aber wie der Tag weiter vorschritt und immer mehr Leute im Dorf erklärten, sie hätten die Buben überhaupt nicht gesehen, da wurden die Mütter ängstlich. Wo waren die nur? »Vielleicht auf dem Schafskopf,« dachte der Bauer Weber, und er sagte nicht, wie jäh die Angst riesengroß in ihm wurde, die beiden könnten oben in dem alten Gemäuer verschüttet worden sein.
Er stieg selbst hinauf mit seinem alten Knecht, so schnell er konnte, andere folgten, aber oben fanden sie alle nichts. Nicht einmal eine frische Fußspur war zu sehen. Die Hagebutten glänzten rot wie vor einem Jahr, als Heinrich Fries zum erstenmal auf dem Berg gewesen war.
Waren die Buben in den Wald gelaufen und hatten sich dort verirrt? Steinacher Buben im Steinacher Wald verirrt! Es glaubte niemand recht daran, immerhin begann man im Walde zu suchen. Der Förster war eingezogen, nur der alte Waldhüter Michael war da, und der hatte an diesem Tage keinen Buben im Walde erblickt.
Unten im Dorf vergaßen die Leute ihre Arbeit, je weiter der Tag vorschritt. Immer ungeheuerlicher erschien ihnen das Verschwinden der beiden Buben. Frau Besenmüller sagte wieder einmal zu ihrem Mann: »Wenn uf emal zwei Buben un vier Strümpe verschwinden, dann hängt das zusammen.«
»Hm!« – Besenmüller sah nachdenklich auf seinen Strumpf, aber plötzlich ließ er das Strickzeug fallen und schrie: »Lydia, die sind vielleicht zu den Soldaten gerannt!«
Ein tiefer Seufzer gab Antwort. An der Türe stand Schwetzers Fritze, der hatte so schwer geseufzt. Besenmüller sah ihn durchdringend an. »Heda, mein Freund, du weißt etwas, raus mit der Sprache!«
Das ging nun freilich nicht so flink, und Frau Besenmüller tat das Vernünftigste, was sie tun konnte, sie holte Frau Fries herbei. Die wußte so lind zu fragen, und nach etlichen schweren Seufzern gab Fritz endlich Antwort. »Die sin in ’n Krieg.«
»Wie denn das?« rief Besenmüller. »Einfach so nein, haste nich geseh’n, da siehste, das geht doch niche. Wo sind sie hin?«
»Weiß nich,« stöhnte Fritz, »in ’n Krieg.« Und dann heulte er auf einmal laut los, denn es tat ihm plötzlich bitter leid, daß er nicht mitgezogen war. Er wußte auch wirklich nicht viel mehr; schreiben wollten sie, wenn sie erst dort wären, und mit der Bahn fahren.
»Gut, dann kriegen wir sie,« tröstete der Pfarrer, als er das hörte. »Irgendwo werden sie eines Tages hungrig und verzagt aufgefunden und nach Hause zurückbefördert werden.«
Nun riefen es die Drähte ins Land hinaus: In Steinach haben zwei Buben in den Krieg gewollt, sucht, sucht, sucht!
Ein Tag verging und noch ein Tag, keine Kunde von den Verlorenen kam. Der Bahnvorsteher in Steinach hatte die beiden nicht gesehen, aber in Rothaus, dem nächsten Ort, hatten sich an dem Tage zwei Buben Fahrkarten bis zur Schnellzugshaltestelle L. genommen. So viel Geld mochten sie gehabt haben, aber mehr nicht. Wo waren sie dann hingekommen?
In L. wußte erst niemand etwas von den beiden. Der Pfarrer und Bauer Weber – Jackenknöpfles Vater war auch im Feld – fuhren selbst hin, forschten und fragten. Viel wußte niemand, nur ein Bahnwärter erzählte, er hatte die beiden Buben gesehen, einer hätte ein Gewehr gehabt und jeder einen Schulranzen.
»Das wird meine alte Windbüchse sein,« brummte der Bauer, »vor der läuft kein Hase mehr davon, geschweige ’n Franzose.«
Wo waren die Buben aber mit Ranzen und Schießgewehr hingekommen? In L. verlor sich ihre Spur, Fahrkarten hatten sie dort nicht gelöst. Waren sie geradeswegs in die fremde Welt hineingelaufen?
»Die finden wir schon,« sagten die Bahnbeamten. Und wieder surrte der Telegraph: Sucht, sucht, sucht, hier weinen Mütter in Angst um ihre törichten Buben.
»So eine Not fehlt uns auch noch!« schalten in Steinach die Erwachsenen. Die Buben, von den sechsjährigen an, die redeten anders. »Vielleicht kommen sie doch in den Krieg,« sagten sie untereinander. »Wenn sie hinkommen und mittun, dann geh’ ich auch,« erklärte Zimplichs Max.
»Ich auch, ich auch,« riefen dann gleich ein paar andere. Alle wollten sie gehen, und die Mädel schalten darob, fuchswild wurden die, waren bitterböse auf Arne und Jackenknöpfle und weinten, wenn es hieß: »Noch immer keine Nachricht.«
»Im Krieg müssen Mädel den Mund halten,« sagte Zimplichs Max einmal hochmütig, als Hinzpeters Malchen und ihre Freundinnen auf Arne schalten. Aber Zimplichs Max mußte dann bald einsehen, daß Malchen auch in Kriegszeiten nicht an das Mundhalten dachte. Zehnmal versuchte Max, ihr zu antworten, er kam aber nicht dazu, und zu guter Letzt rief Fräulein Regine noch, es sei Strickzeit. Da rannten alle Mädel wie der Wind davon, Malchen drehte sich noch auf den Hacken um und schrie verächtlich: »Wir stricken fürs Vaterland, aber ihr, ihr, was tut ihr denn?«
Weg war Malchen, und alle Buben entrüsteten sich über diese Frechheit. Nä, die Mädel sollten nur sehen, wenn sie alle erst Arne und Jackenknöpfle folgten. Die kommen hin, ganz sicher, und vielleicht kriegen sie das Eiserne Kreuz, und vielleicht redet der Kaiser mit ihnen, und vielleicht fangen sie den Franzosenkaiser und –
»Die haben doch keinen!«
»Doch, sie haben einen!«
»Ha, ich weiß es doch!« Zimplichs Max sah sich kampfbereit um, und Heine Langbein höhnte: »Nä, so dumm, das niche zu wissen!« Die Buben fuhren sich in die Haare, und Frau Besenmüller sagte zu Frau Fries: »Wenn nur erst wieder Schule wäre, ’s wird Zeit!«
Und just um die gleiche Stunde ungefähr wurde in L. ein Güterzug zusammengekoppelt. Die Wagen wurden hin- und hergeschoben, sie pufften aneinander, endlich standen sie in Reih und Glied. Wie sie so stillhielten, klang aus dem einen heraus ein jämmerliches Gebrüll.
»Je, je, was ist denn das?« Der Schaffner trat erstaunt an den Wagen, riß die Türe auf, und heraus purzelten und schwankten bleich, verheult und zitternd Webers Arne und Jackenknöpfle.
»Hopsassa, das sind ja die beiden Steinacher!« schrie der Mann. »Ja, wo kommt ihr denn her?«
»Wir woll’n in ’n Krieg!« riefen beide etwas kläglich.
»Na, das ist der nächste Weg, wenn ihr drei Tage hier auf dem Bahnhof sitzt. Wie seid ihr denn in den Wagen hineingekommen?«
Tief seufzend erzählten die beiden ihre Schicksale. Sie hatten kein Geld gehabt, Fahrkarten zu lösen, und hatten sich heimlich auf den Bahnhof geschlichen. Hier hatten sie einen Wagen gesehen, an dem stand Straßburg, in den waren sie hineingekrochen. Kaum waren sie drin, hatte jemand den Wagen zugeschlossen, und die Fahrt war losgegangen. »Wir sind immerzu gefahren,« versicherte Arne. »Sind wir nun bald im Krieg?« fragte er bedrückt.
»Im Krieg? Seid froh, daß der so ferne ist! In einer halben Stunde fährt der Zug nach Steinach, da seid ihr zum Vesperbrot daheim.« Der Bahnvorsteher, der dazugekommen war, lachte und erklärte den Buben, der Wagen sei zwischen L. und M. ein paarmal leer hin und her gefahren. Nun waren sie wieder in L.
Die beiden senkten die Köpfe wie die begossenen Pudel. So nahe waren sie der Heimat, waren gar nicht nach Frankreich gelangt. Heimlich frohlockte in ihren Herzen ein Stimmlein: »Wie gut, wie gut!« Aber darauf mochten sie nicht hören, und verzweifelt heulten sie los: »Wir woll’n in den Krieg!«
»Wohin wollt ihr Dreikäsehoch?« Eine feste, starke Stimme fragte das; ein hochgewachsener, älterer Offizier war herangetreten, und der Vorsteher klärte ihm den Fall auf. »In den Krieg zieht man nicht mit dem Schulranzen.« Der Offizier sagte es ernst, aber er lächelte dabei. »Kommt einmal mit, ich will euch etwas vom Krieg erzählen, bis euer Zug kommt.«
Die Bahnbeamten machten dem Offizier ehrerbietig Platz. Man sah es ihm an, er war schon draußen gewesen in Kampf und Not. Ganz verwirrt, geblendet von der Tageshelle nach dem langen Aufenthalt in dem dämmrigen Wagen, folgten die Buben. Sie bekamen Brot und Saftwasser, aber so hungrig und durstig sie auch waren, denn die Vorräte aus der Mütter Speisekammer hatten für die lange Reise nicht gereicht, sie vergaßen doch Essen und Trinken vor dem, was sie hörten. Von dem Krieg erzählte der fremde Offizier, von dem schweren, harten Kampf, dem verzweifelten Ringen gegen anstürmende Übermacht. Im Osten hatte der Erzähler mitgekämpft, und er erzählte von verbrannten Dörfern, zerstörten Heimstätten, fliehenden Bewohnern, und er erzählte, wie unermüdlich deutsche Männer das Land verteidigten. Im Kugelregen, im nimmerruhenden Feuer hatten sie gestanden Stunden und Tage, und dann waren sie marschiert, Stunden um Stunden, Tage um Tage, hungernd, dürstend, aber sie hatten alle nur das eine gedacht: »Es ist fürs Vaterland.« Es hatte keiner geklagt, es war keiner verzagt, singend waren sie in den Tod gegangen. Und ob die Sonne glühend über ihnen brannte, ob sie durch Moor und Wasser waten mußten, ob der Regen sie durchnäßte, in Wunden und Schmerzen hatten sie nur an ihr Vaterland gedacht. Das war der Krieg, in den die Buben mit dem Schulranzen ziehen wollten.
Die beiden Buben saßen still mit gesenkten Köpfen am Tisch. Der Fremde sagte nicht: Ihr seid recht dumme, unbedachte Jungen gewesen, was wollt ihr mit euren schwachen Kräften da draußen? Aber sie hörten beide doch in ihren Herzen diese Worte.
»Nach Steinach, einsteigen,« rief der Schaffner ihnen zu.
Der Offizier sprang auf und schob sie beide rasch dem Zuge zu. Sie wurden in einen Wagen gehoben, die Türe wurde zugeschlagen, der Zug setzte sich in Bewegung, und die beiden sahen noch eine Weile den fremden Offizier groß und stattlich in der Sonne stehen. Wie ein rechter Held stand er da. Da stöhnte Arne schwer und sagte scheu: »Am Ende war das Hindenburg.«
Jackenknöpfle schnappte nach Luft vor Überraschung. »Hindenburg!« Weiter konnte er zuerst nichts sagen, und auch Arne flüsterte es nur nach: »Hindenburg!«
Der Gedanke an dieses ungeheure Erlebnis linderte ihren Kummer über die verfehlte Reise, auch die Angst vor dem Empfang daheim war nicht groß. Vielleicht hatten sie wirklich Hindenburg gesehen, nun konnten sie doch etwas erzählen. Zuletzt wuchs ihre Ungeduld, und sie konnten es kaum erwarten, wieder in Steinach zu sein. Als der Zug hielt, hatten sie es sehr eilig, den Wagen zu verlassen. Sie wollten rasch die Apfelstraße entlang laufen und ins Dorf stürmen mit dem Ruf: »Wir haben Hindenburg gesehen!« Fein würde das werden, – es kam aber anders. Auf dem Bahnsteig standen Arnes Eltern, Jackenknöpfles Mutter und der Pfarrer, denen liefen die beiden Ausreißer gerade in die Arme.
Der Schreck darob fuhr ihnen in die Glieder, und es dauerte ein Weilchen, ehe sie reden konnten.
Wo sie gewesen wären, wollten die Erwachsenen wissen. Die hatten nur die Nachricht von L. bekommen, die Buben wären gefunden. Da mußten sie erzählen von ihrer Fahrt hin und her im Güterwagen von L. nach M. und wieder von M. nach L.
»’n ganzen Tag sind wir gefahren,« versicherte Arne.
»Unsinn, drei Tage! Ihr habt wohl immer geschlafen?«
Ja, das mochte wohl sein, geschlafen hatten sie viel, auf Stroh und Decken, die im Wagen gelegen hatten.
Was sie gegessen hätten, wollten die Mütter wissen.
Das war eine peinliche Frage, denn Mütter lieben es nie sehr, wenn Kinder sich in die Vorratskammer schleichen. Arne half sich, er schrie: »Wir haben Hindenburg gesehen!«
»Prahlhans!« Schwapp hatte er einen tüchtigen Katzenkopf weg. Sein Vater sah ihn zürnend an. »Geflunkert wird nicht!«
»Vielleicht war er’s doch,« stammelte Jackenknöpfle. Recht kleinlaut erzählte er das letzte Erlebnis. »Ihr Dösköppe,« brummte Bauer Weber, »ein Hindenburg hat was anderes zu tun als mit zwei Ausreißern zu reden.«
Der Pfarrer nickte ernst. »Der reist nicht im Lande herum, im Osten hält er Wacht. Gott sei Dank, der uns solchen Wächter gab!«
Da war es nun nichts mit dem Sturm in das Dorf hinein, und doch kamen sie mit Jubel an. Denn kaum waren sie wenige Schritte von dem Bahnhöfchen entfernt, als der Vorsteher ihnen eiligst nachgelaufen kam. »Sie haben Antwerpen, Herr Pfarrer, Antwerpen ist unser, eben wird’s gemeldet.«
Antwerpen erobert! Da vergaßen die Männer die Strafrede, und die Mütter hatten sie ohnehin schon vergessen in der Freude, ihre unnützen Buben heil wiederzuhaben.
Froh ging’s ins Dorf hinein. Nun konnten die Glocken rufen und die Fahnen wehen: »Sieg, Sieg, Sieg!«
Arne und Jackenknöpfle marschierten einher, als wären sie wirklich draußen gewesen, als hätten sie geholfen Antwerpen erobern. Sie hoben stolz die Nasen, und ein Weilchen fühlten sie sich beinahe als Helden, weil alle sie anstaunten. Aber nur ein Weilchen hielt der Stolz an, dann kam die Vergeltung für begangene Missetaten. Einem Racheengel gleich schoß Frau Besenmüller aus der Türe mit dem Rufe: »Meine Strümpe her! Wo habt ihr meine Strümpe?«
Die Buben wurden feuerrot, himmelgern hätten sie jetzt wieder im verschlossenen Güterwagen gesessen, es half aber nichts. Sie mußten ihre Ranzen öffnen, und da kamen wirklich die vermißten Strümpfe zum Vorschein. »Die waren doch für Soldaten, und weil wir doch Soldaten werden wollten, darum – –«
»Darum lirumlarum! Setzt euch auf den Schafskopf. Da paßt ihr hin, da habt ihr gleich den rechten Namen,« schrie Frau Besenmüller erbost. »Nä, so was, die scheenen Strümpe! Und gestimmt hat’s doch, hundertvierunddreißig. Ja, zählen, das kann ich. Aber Zeit wär’s, die Schule finge an, sonst kommen noch mehr Buben auf dumme Gedanken.«
Dreizehntes Kapitel
Advent in Sorgen
Jemand kommt auf der Apfelstraße daher, und der alte Briefträger Klöppel sagt: »Morgen, morgen!« – Weihnachtspakete werden gepackt, und diesmal erzählt Vater Hiller eine Geschichte, und die Mütter denken an ihre Söhne, Malchen aber stimmt die Wacht am Rhein an
Ein paar Tage nach Arnes und Jackenknöpfles Heimkehr war es, da kam vom Bahnhof her ein alter Mann die Apfelstraße entlang. Er ging ganz langsam, blieb auch einmal stehen und sah sich um, und obgleich es ein trüber Tag war und der Nebel die Ferne verhüllte, schien dem alten Mann doch alles sonderlich gut zu gefallen. Kurz vor dem Dorfe bogen von einem Feldweg etliche Kinder auf die Apfelstraße ein. Sie hatten Kartoffeln gegraben und sahen wie richtige Erdmännlein aus. Der Fremde blieb stehen und ließ die Kinder herankommen; die musterten ihn neugierig, aber nur wenige Augenblicke stutzten sie, dann schrieen sie plötzlich alle wie aus einem Munde: »Herr Hiller, unser Herr Hiller!«
Es war wirklich Vater Hiller und kein anderer, der da auf der Apfelstraße von Steinach stand und all die kleinen schmutzigen Hände herzlich in die seinen nahm. Die Kinder meinten, er sei zu Besuch gekommen, aber bald erfuhren sie es, Vater Hiller wollte wieder ihr Lehrer sein. Er wollte seinen jungen Nachfolger vertreten, bis der heimkam.
»Vater Hiller ist wieder da!« Der Ruf lief durch Steinach wie eine Siegesnachricht, und wie bei einer solchen strömten die Leute aus den Häusern. Vater Hiller war da, ihr alter, guter Vater Hiller, den mußten sie doch sehen. Dem alten Mann streckten sich so viele Hände entgegen, so viele Leute kamen, ihm guten Tag zu sagen, daß er nur ganz langsam vorwärts kam. Frau Besenmüller im Schulhaus verging fast vor Ungeduld. »Keinen Empfang, nischte nich hat er gewollt, un nu is ’n Lärm im Dorfe wie beim Vogelschießen,« schalt sie. Die große Schulglocke hatte sie im Arm, denn damit wollte sie den alten Lehrer begrüßen. Tüchtig klingeln wollte sie, die Glocke sollte rufen: »Hurra, hurra!« Endlich näherte sich der Zug langsam dem Schulhaus, und nun hielt es Frau Besenmüller nicht mehr aus, sie wollte ihr Freudenklingeln beginnen, aber ihre Hände zitterten vor Aufregung, die Klingel entrutschte ihr und kollerte Vater Hiller vor die Füße.
Der hob sie lächelnd auf. »Ei, die kann es wohl nicht erwarten?« sagte er heiter und schwenkte sacht die Klingel. Die tönte ein wenig, nur als wollte sie fein bescheiden »Willkommen!« sagen.
So zog Vater Hiller ohne stürmisches Klingelgeläut in seinem lieben Schulhaus wieder ein, und am nächsten Morgen stand Frau Besenmüller wieder vor der Türe, wie schon viele Jahre, und die Glocke schrie: »Es ist Zeit, Zeit, die Schule fängt an! Fleißige und Faule herbei, herbei!«
Die Kinder kamen gern, und als die so lange verschlossene Schulstube sich wieder auftat, da wurde es ihnen ganz heimatlich zumute. Auf einmal behaupteten sie alle miteinander, sie hätten die Ferien schon recht satt gehabt; aber auf die Weihnachtsferien freuten sie sich doch alle.
Den Erwachsenen war es nicht weihnachtlich ums Herz in diesem Jahr. Die horchten alle hinaus, hin nach des Reiches Grenzen. Immer weiter tobte dort der Kampf. Der November kam mit grauen, trüben Tagen, da kehrte Trauer ins Pfarrhaus ein: der älteste Sohn war gefallen. Der alte Briefträger sagte, als er die Nachricht überbrachte: »Es ist eine schwere Zeit für unsereinen, man trägt so viele Sorgen aus.« Dabei sah er trüb nach dem Schulhaus hinüber. Da drinnen wartete Frau Fries seit zehn Tagen auf einen Brief des Sohnes. »Morgen kommt der Brief,« versicherte der alte Briefträger, »morgen sicher.«
Am nächsten Tage – gegen Mittag kam die Post erst ins Dorf – rannte Fritze Schwetzer weit hinaus auf die Birnenstraße; von dorther kam der Bote, vielleicht brachte er heute den ersehnten Brief.
Der Alte winkte schon von weitem abwehrend mit der Hand. »Gibt nichts, morgen, morgen – vielleicht.«
Schwetzers Fritze raste zurück. Vor dem Schulhaus stand schon Frau Fries, da tat es der Bube dem alten Briefträger nach, schüttelte auch mit dem Kopf: »Morgen, morgen sicher!« Aber er sagte »sicher« dazu.
Und wieder wurde es Mittag, und wieder wartete Schwetzers Fritze weit draußen auf der Straße, und der alte Bote schüttelte wieder den Kopf. »Heute nicht, aber morgen – vielleicht.«
So ging es fort Tag um Tag. Einmal stand Fritze nicht mehr allein weit draußen, Pfarrers Regine stand neben ihm, die wollte auch wissen, ob Heinrich Fries nicht geschrieben hatte. Aber wieder schüttelte der Briefträger den Kopf. »Morgen – vielleicht,« sagte er, wie schon so viele Tage, und dann seufzte er: »Eine schwere Zeit, schlimm, schlimm!«
Tag um Tag verging so. Immer wieder lief Schwetzers Fritze hinaus, und Fräulein Regine ging mit ihm, und immer kehrten sie beide enttäuscht heim und sahen die alte Frau aus dem Schulhaus schon den Weg entlang kommen. »Kein Brief, keine Nachricht!«
Dann endlich eine Karte von einem Kameraden. Heinrich Fries wurde vermißt. War er tot, war er gefangen? Man wußte es nicht.
»Vermißt!« Es sah niemand in Steinach die alte Frau Lehrerin weinen, still tat sie ihre Arbeit, still half sie andern, aber wenn die Leute diese stille Frau durch die Gasse schreiten sahen, dann sagten sie zueinander: »Der bricht das Herz.«
Im Pfarrhaus trauerten sie um den einen Sohn, aber die Pfarrersleute waren noch reich, und die junge Regine tat den Eltern alle Liebe an. Sie hatte aber auch immer noch Zeit, in das Schulhaus hinüber zu laufen, gerade wie Schwetzers Fritze, der halb im Schulhaus wohnte. Er machte seine Arbeiten an Frau Fries’ Tisch, er half Frau Besenmüller, und wenn seine alte Freundin durch das Dorf ging, da ging er mit, immer drei Schritte hinterher. Redselig war Fritze noch immer nicht, aber mit Frau Fries unterhielt er sich doch gut, da brauchte er nur drei statt zehn Worte zu sagen, gleich verstand sie ihn. Und wenn er einmal später kam, dann sah sie schon nach ihm aus, atmete tief und sagte wohl: »Gut, daß du da bist, Fritz!«
Der erste Schnee sank auf Steinach nieder, und er blieb liegen und schmolz nicht gleich wie wohl in den großen Städten. Die Adventszeit brach an, und wenn die Kinder untereinander waren, dann redeten sie doch von Weihnachten, aber je näher das Fest kam, desto weniger wollten die Erwachsenen davon wissen. Und doch lud auch dieses Jahr Frau Fries die Kinder wieder zur Adventsfeier ein. Zu einem Arbeitsfest, sagte sie, alle sollten ihr helfen, Weihnachtsgrüße zu packen. Nach Ostpreußen sollten noch Pakete gehen, ins Elsaß und zu den Feldgrauen in die Schützengräben, in denen sie in Regen, Schnee, Sturm und Kälte hausten.
Diesmal kamen die Kinder nicht allein, auch die Mütter kamen mit, und das große Schulzimmer war fast zu klein für alle Gäste. Besenmüller saß wieder im Winkel und strickte, jetzt aber einen grauen Strumpf, und die Bäuerinnen strickten auch. Die Kinder dachten alle, Besenmüller würde vielleicht eine Geschichte erzählen. Erst warteten sie still, dann fragten sie laut, doch Besenmüller schüttelte traurig den Kopf: »Nä, nä, ich weiß nur was von den alten Schelmen, und das paßt nicht für heute.«
»Keine Geschichte?« klagten die Kinder.
Frau Fries seufzte. Eine Geschichte erzählen, ja, das gehörte zu einer Adventsfeier, aber ihr Herz war ihr so schwer, es tropfte und rann unablässig darin, es weinte. Vater Hiller saß auch im Schulzimmer, und als die Kinder so um ihre Geschichte klagten, da nickte er Frau Fries zu und sagte: »Ich will euch heute eine Geschichte erzählen, eine selbsterlebte dazu. Besenmüller sagt, eine Schelmengeschichte paßt nicht in diese Zeit, aber eine aus dem Krieg von 1870/71, die kann es wohl sein.«
»Vater Hiller war nämlich dabei,« flüsterten sich die Bäuerinnen zu, und die Kinder spitzten die Ohren; hoho, ihr alter Lehrer war auch im Krieg gewesen.
Der begann: »Die großen Schlachten des Krieges waren schon geschlagen, ihr wißt: Gravelotte, Sedan, all die herrlichen Siege. Wir lagen vor Paris. Ein kalter Winter war’s, wir haben weidlich gefroren, und wir hatten viel auszustehen. In Frankreich kämpften auch jene gegen uns, die nicht Soldaten waren, Männer und Frauen. Heimlich, hinterlistig suchten sie uns zu verderben; es sind ihnen viele von uns zum Opfer gefallen.
Im Quartier lag ich mit einem blutjungen Burschen zusammen. Heinrich will ich ihn nennen. Ein feiner, hübscher Junge war es, mit einem freien, hellen Blick. Dazu stimmte gar nicht sein stilles, verschlossenes Wesen. Es war leicht zu merken, er trug einen Kummer, der hatte ihn so ernst, fast finster gemacht. Durch einen Zufall erfuhr ich, was ihn quälte. Er war einer Witwe einziger Sohn, und er hatte sich das Hinausgehen ertrotzt. Von der Schule weg war er mitgegangen, nur kämpfen für das Vaterland, das war sein einziger Gedanke. Keine Mutterbitte hatte ihn gehalten.
Seine Mutter war eine zarte Frau, die Sorge um ihr einziges Kind hatte sie aufgerieben. Sie war erkrankt, hatte es lange dem Sohn verborgen, bis der es durch Verwandte erfuhr. Da quälte ihn die Sorge so, daß er stumm und verschlossen darüber wurde. Immer wieder fragte er sich, ob er unrecht getan, daß er ging. Aber dem Vaterland zu dienen, war doch Pflicht und Ehre. Einen bitterschweren Kampf kämpfte der arme Junge in aller Stille durch.
Es war um die Weihnachtszeit. Wir dachten viel an die Heimat, und manchmal, wenn wir so hinübersahen nach Paris, da sangen wir wohl halblaut die lieben deutschen Weihnachtslieder. Am dritten Adventssonntag war es, da mußte Heinrich Wache stehen. Er hatte vorher noch nachgefragt, ob ein Brief für ihn gekommen sei. Nein, es war keiner da. Ich sah es ihm an, wie groß seine Enttäuschung war, und als er fort war, fiel es mir ein, heute war sein Geburtstag. Einmal hatte er halb scherzend, halb traurig gesagt, er sei ein Adventskind.
Am Geburtstag keinen Brief von der Mutter zu erhalten, von der Mutter, die krank war, ihm vielleicht zürnte, das mochte hart sein. An diesem Tag erhielten wir dann zufällig noch eine Postsendung, eine Anzahl Briefe, einer für Heinrich war auch dabei. Ich nahm ihn an mich und wollte ihn später abliefern, aber wunderlich, der Brief in meiner Tasche machte mich unruhig. Ich war frei, und so überlegte ich nicht lange, ich ging dahin, wo Heinrich die Wache hatte. Lesen konnte er den Brief dort nicht, so hell war der Abend nicht, aber er wußte doch, die Mutter hatte geschrieben, schon das mochte ihn freuen.
Ich ging also den Weg, ging ganz allein und dachte an die Heimat. Würde ich nächstes Jahr Weihnachten wieder daheim sein? Ein leises Geräusch, wie ein huschen von Schritten, ließ mich aufsehen. Ich sah vor mir zwei dunkle Gestalten auftauchen und verschwinden – Freischärler.
Ich spannte mein Gewehr, schlich langsam vorsichtig weiter, leise, ganz leise, und dann plötzlich sah ich seitwärts jemand knien, eine Büchse zielend gespannt in der Richtung, wo Heinrich auf Wache stand. Ich habe nicht lange überlegen können, laut rief ich: »Wer da?«
Ein Schuß von mir, einer von dort, noch einer, der Mann überschlug sich, aber er mußte noch nicht schwer verletzt sein, ich sah zwei fliehende Gestalten.
Rasch vorwärts! Heinrich, war mein Gedanke. Er war unverletzt. Mein Ruf hatte ihn aufmerksam gemacht, er hatte noch Deckung suchen können, er hatte auch geschossen, wußte aber nicht, ob er jemand getroffen hatte.
Die Schüsse waren von unsern Leuten gehört worden, Hilfe kam herbei. Wir durchsuchten die Gegend, fanden aber niemand. Die Wache wurde verstärkt, und die Nacht ging ruhig vorüber.
Den Brief habe ich Heinrich gegeben, den Brief der Mutter, der ihm eigentlich das Leben gerettet hatte. Nur um des Briefes willen hatte ich ihn aufgesucht, und ohne mein Dazwischenkommen wäre der Anschlag sicher geglückt. Am nächsten Tage hat mir Heinrich den Brief gegeben, es war ein lieber, mutiger Brief, ein rechter, herzwarmer Mutterbrief. Die einsame Frau klagte nicht, mutig, tapfer schrieb sie dem Sohn. An seinem Geburtstag dankte sie ihm, daß er hinausgezogen war in den Kampf für das Vaterland. »Ich bin stolz auf dich, mein Junge,« schrieb sie ihm. »Und das ist so wundervoll, wenn eine Mutter dies an ihr Kind schreiben kann, schreiben darf: Ich bin stolz auf dich. Ich war schwach und kleinmütig, aber der Gedanke an meinen tapferen, pflichttreuen Sohn hat mich stark gemacht.«
Heinrich ist heimgekehrt, seine Mutter hat auch sonst stolz auf ihn sein dürfen. Er lebt noch heute, das Vaterland nennt ihn einen seiner größten Gelehrten. Seine Mutter hat sich noch lange an ihm freuen können.«
Der alte Lehrer schwieg. Die beiden Adventslichtchen auf dem dicken Kranz, der an roten Bändern von der Decke herabhing, flackerten, und ein Tannenzweiglein knisterte schwelend. Es war ganz still im Zimmer, feiertagsstill.
Hinzpeters Malchen, die nicht singen konnte und doch so singlustig war, dachte, nun müsse man singen. Aber ein Weihnachtslied wollte ihr nicht aus der Kehle dringen, sie war viel zu kriegerisch gesinnt, und plötzlich tat sie ihren Mund auf und sang so falsch als möglich: Es braust ein Ruf wie Donnerhall …
»Falsch,« riefen ein paar. Aber die andern redeten nicht, sondern fielen richtig ein, übertönten Malchens falsche Töne, und der Gesang schallte hinaus in die Winterstille. Ein paar Mütter saßen mit gesenkten Häuptern, und jede dachte, vielleicht behütet auch meinen Sohn mein Denken und Gebet.
Die Adventsfeier dehnte sich lange aus. So lustig war sie nicht wie vor einem Jahre, aber zuletzt gingen doch alle zufrieden heim. Sehr viele Pakete und Kisten waren gepackt worden, so viele fleißige Arbeit ruhte darin. Und doch sagte die alte Frau Lehrerin zu Pfarrers Regine: »Man muß noch mehr tun. Die Not ist groß!«
Frau Weber, Arnes Mutter, war eine kluge, tätige Frau, die es auch verstand, über Steinachs Grenzen zu schauen. Sie hatte zudem Verwandte drinnen im Elsaß, und sie erzählte allerlei, wie es dort zuging. Befreien wollten die Franzosen das Land, so sagten sie, und hausten darin, daß es zum Erbarmen war.
Pfarrers Regine hatte einen Brief mitgebracht, den eine Freundin der Mutter geschrieben hatte. Aus Ostpreußen kam er, darin wurde erzählt, wie die Russen gekommen waren über Nacht, und wie alles in Flammen aufgegangen war. Und von der Russennot kam das Gespräch wieder auf Held Hindenburg und auf andere Helden. Die Erwachsenen redeten, die Kinder hörten zu, die Weihnachtslieder wurden vergessen, und erst als spät alle auseinander gingen, rauschte noch einmal das alte, schöne Lied auf: »Wie soll ich dich empfangen und wie begegnen dir?«
Und dann tat Frau Besenmüller die Haustür auf, und alle gingen heim. Am nächsten Tag erhielt Frau Fries die Nachricht, ihr Sohn sei schwerverwundet in französische Gefangenschaft geraten. Wo er sei, ob er noch lebe, wußte man nicht. Verwundet und gefangen!
Die Frau preßte die Hände an ihr Herz, festhalten mußte sie es, stark und tapfer sein. Noch lebte vielleicht der Sohn, vielleicht kehrte er ihr doch zurück. Am gleichen Tage seufzte der alte Briefträger wieder: »So lange trag’ ich nun schon die Post herum, aber so schwer war’s noch nie, nä, noch nie.« Er hatte in ein Haus in Steinach die Nachricht gebracht, daß der Mann gefallen sei. Der Schmiede-Franz war es, eine junge Frau weinte sich fast die Augen aus, und Frau Fries ging zu ihr und stand ihr bei in ihrer Not.
Und so kam Weihnachten heran, und es war still und feierlich. Es war kein Freudenfest, aber die Herzen taten sich viel, viel weiter als sonst auf, den Heiland zu empfangen.
Vierzehntes Kapitel
Silvias Tat für das Vaterland
Warum Silvia Traugott keine Strümpfe strickt, und was sie alles tun will – Malchen sieht beinahe wie ein Junge aus, die Öllampe zerbricht, Fräulein Regine kommt, und zwei werden wieder die allerbesten Freundinnen
Unter den Kindern von Steinach gab es ein Mädchen, das redete nicht viel mehr als Schwetzers Fritze. Aber während sich der Bube manchmal ärgerte, daß ihm das Reden gar so schwer wurde, fühlte sich Silvia Traugott so wohl in ihrer schweigsamen Stille wie jemand, der viele Stunden seines Lebens in einem schönen, blumenreichen Garten verträumt. Silvia war das einzige Kind ihrer Eltern, sie hatte aber Vettern und Basen genug, denn in Steinach saßen auf vier Höfen Traugotts, die waren alle versippt miteinander. In den Krieg hatte Silvias Vater nicht mitziehen können, er hatte ein steifes Bein von einem Sturz vom Wagen her, aber trotzdem wurde bei den Traugotts nicht weniger vom Krieg gesprochen und nicht weniger daran gedacht als in andern Häusern.
Immer saß Silvia still dabei. Sie fragte und sagte nichts, sie ging einher, als wäre kein Krieg auf der Welt. Ihre Mutter bekümmerte das manchmal, und sie mahnte oft: »Silvia, strick’ an deinem Strumpf, denk’ an die Soldaten draußen!«
Dann strickte die Kleine wohl rasch ein paar Nadeln, aber meist ließ sie die Arbeit bald wieder sinken und träumte vor sich hin. »Traumsuse« nannte ihr Vater sie, auch Fräulein Regine sagte manchmal so, auch die mahnte: »Silvia, dein Strumpf! Willst du gar nichts für die Soldaten tun?«
Dann wurde Silvia feuerrot; sehr traurig machte sie so eine Frage, denn sie hatte den sehnsüchtigen Wunsch, viel, sehr viel für die Soldaten, für das Vaterland zu tun. Silvia hatte einmal von einem Mädchen gelesen, das in großer Kriegsnot erschienen und allen voran in die Schlacht gezogen sei, um ihr Volk zum Sieg zu führen. Daran mußte Silvia immer denken, und sie hätte himmelgern auch so etwas getan. Oder sie wäre gern mitten in die Schlacht hineingelaufen und hätte den Soldaten Wasser gebracht oder die Verwundeten gepflegt. Seit Krieg war, dachte Silvia nicht mehr an ihre Märchen wie früher, sie träumte nicht mehr mit offenen Augen von goldenen Schlössern, Königen, Prinzessinnen, von aller Lust und Pracht des Märchenlandes, sie dachte nur immer an den Krieg.
Sie dachte, vielleicht kommen die Feinde einmal nach Steinach; ich merke es zuerst, dann rufe ich es im Dorfe aus, ganz laut, und in die Kirche renne ich und läute selbst die Glocke, und alle werden so gerettet.
Die kleine Silvia wußte nicht viel von der Welt draußen, nicht, wie weit sich die Länder dehnen, sie dachte, im Kriege müßte es so zugehen wie in ihren Märchenbüchern: Puff, puff! und die Kriege waren gleich aus. Als dann Webers Arne und Jackenknöpfle ausgerissen waren, um geschwind in den Krieg hineinzulaufen, da klopfte ihr das Herz vor Sehnsucht. Sie wäre gern mitgezogen, und sie überlegte ganz ernsthaft, ob sie nicht nachrennen sollte. Sie lief auch die Birnenstraße entlang, denn Frau Besenmüller hatte gesagt, dorthin ginge es nach Frankreich. Wie sie aber so weit gelaufen war, daß sie Steinach nicht mehr sah, überfiel sie eine furchtbare Angst vor der weiten Fremde, und sie kehrte geschwind wieder um.
Die Buben kamen zurück, und im Dorfe lachten sie über die verunglückte Reise in den Krieg. An diesem Tage gerade las Silvias Vater einen Brief aus dem Felde vor, darin stand: »Vier Tage sind wir bis hierher, bis an die russische Grenze gefahren!«
Vier Tage! Der kleinen Silvia verging aller Mut, jemals in den Krieg zu kommen und draußen Heldentaten zu verrichten, und da Steinach wirklich inmitten des deutschen Vaterlandes lag, sagten alle: »Zu uns kommt nie der Krieg. Gott sei Dank!«
»Man kann auch im Lande Kriegsarbeit tun,« sagten die großen Leute. Silvias Mutter meinte: »Strick’ fleißig, jeder Soldatenstrumpf hilft den Krieg gewinnen.«
Das verstand Silvia nun ganz und gar nicht. Was hatten die dicken, grauen, häßlichen Strümpfe mit glänzenden Heldentaten, mit Sieg und Ruhm zu tun?
Als daher die Weihnachtspakete gepackt wurden, lag von jedem Mädel, das in Steinach stricken konnte, eine Arbeit dabei, nur Silvia Traugotts Strümpfe waren nicht fertig. Alle sagten, das sei eine Schande. Silvia schämte sich auch sehr, aber trotzdem träumte sie weiter von großen Taten, wenn sie stricken sollte, und vergaß darüber ihre Arbeit.
Die Kinder redeten viel davon, daß ihr junger Lehrer Heinrich Fries gefangen sei. Silvia weinte heiße Tränen um ihn. Sie meinte, er säße nun in einem finstern, dunklen Turm und müßte hungern. Wenn es nur nicht so weit gewesen wäre, und wenn sie nur den Weg gewußt hätte, sie wäre gleich zu ihm gewandert, hätte ihm Essen gebracht und ihn vielleicht auch befreit. Ja, wären nur die vielen dummen Wenn und Aber nicht gewesen, diese bösen Wörter, die sich stets so höhnisch in die allerschönsten Pläne hineinschieben! Immer, wenn Silvia sich etwas recht schön ausgedacht hatte, kam so ein Wort, nahm den Plan und riß ihn mitten durch, – ritsch, ratsch, nichts war es damit.
Weihnachten kam, und Weihnachten verging. Die laute Freude schwieg, und viele, viele Tränen flossen an dem sonst so frohen Fest. Gabentische, die fast brachen unter der Fülle, kannte man auch in guten Jahren in Steinach nicht, aber in diesem Jahr lagen in den meisten Häusern nur wenige Geschenke unter dem Baum. Silvia bekam eine neue Schürze und ein Buch, das hatte eine Base aus der Stadt geschickt. In dem Buch stand, wie es vor hundert Jahren in Deutschland gewesen war, als jahrelanger Krieg das blühende Land verwüstet hatte. Was Silvia da las, verwirrte ihren kleinen Kopf ganz und gar. Da stand von einem Mädchen, das als Soldat mit in den Krieg gezogen war, eine andere hatte sich ihre langen Haare abgeschnitten als Opfer für das Vaterland. Warum sie es getan, verstand Silvia zwar nicht recht, aber schön fand sie es, und sie träumte nun wieder davon, es dem schönen, blonden Edelfräulein von einst nachzutun. Es mußte doch etwas sehr Schönes, Großes sein, sich die Haare abzuschneiden, wenn es nach hundert Jahren noch in einem Buche erzählt wurde.
Silvia dachte an die abgeschnittenen Zöpfe und nicht an ihren Strumpf, und als sie nach den Feiertagen zum erstenmal in die Strickstube ging, wie es Fräulein Regine nannte, da war der Strumpf noch immer nur ein unförmliches Ding. Die Strickstube tagte jetzt immer im Schulhaus, Frau Fries half dabei, und Besenmüller war Ehrengast. »Der sitzt da als Vorbild,« sagte seine Frau, »denn mein Besenmüller ist in der Strickerei, was Hindenburg for die Soldaten ist.«
An diesem ersten Nachmittag las Frau Fries ein paar Briefe vor, die den weiten Weg von Frankreich und Rußland bis nach Steinach gereist waren, um den kleinen Mädeln von Steinach Dank für alle gestrickten Sachen zu sagen. Für alle war der Dank, nur für das Traumsuschen Silvia Traugott nicht. Ein Soldat schrieb, er hätte tagelang halb im Wasser gestanden, hätte keine trockenen Strümpfe, gar nichts mehr gehabt, da wäre das Paket von Steinach gekommen, und er hätte weinen müssen vor Freude über alle die schönen Weihnachtsgaben. Frau Fries tat das Herz weh, als sie es las, so wie jener hätte sich ihr Sohn wohl auch gefreut, aber ihr Sohn war gefangen, noch hatte kein Gruß ihn erreicht. Sie wußte nicht einmal, ob er noch lebte, ob er nicht schon einsam und verlassen im Feindesland gestorben war.
Die Mädel hörten alle nicht, wie das Mutterherz weinte, sie waren alle glückselig über die Briefe. Nun hatten sie doch etwas getan, hatten für das Vaterland gearbeitet. Sie alle, alle, nur eine nicht, Silvia nicht.
Die saß wie erstarrt. So war es, wie der Soldat schrieb, im Wasser standen sie, nicht trocken wurden sie, und sie freuten sich, wenn sie Strümpfe bekamen, sie dankten dafür, als wären es die allerköstlichsten Dinge.
»Ich glaube,« las nun Pfarrers Regine aus einem andern Briefe vor, »in Steinach gibt es nur fleißige Mädchen. Wenn ich heimkomme aus dem Krieg, dann komme ich auch nach Steinach und bedanke mich bei allen.«
»Bei dir nicht,« durchfuhr es Silvia, und ihr Kopf sank ganz tief auf den Strumpf herab. O die Schande! Sich verkriechen hätte sie mögen vor Scham.
»Ich hab’ beinahe wieder ’n Paar fertig,« schwätzte neben ihr Malchen Hinzpeter. »Fein, was?«
Silvia gab keine Antwort, Tränlein um Tränlein rann auf das graue Wollgespinst nieder. Ihre Hände zitterten, und auf einmal bekamen die Nadeln die ungeschickten Hände satt, sie rissen aus, eine, dann noch eine, die dritte hielt Malchen auf. Die sah das Unheil und sah Silvias Schmerz, und hilfsbereit sagte sie schnell: »Ich helfe dir.«
Silvia hörte das kaum. In ihr stürmte es. Nichts, nichts hatte sie für das Vaterland getan, gar nichts, und doch hatte sie so viel tun wollen. Immer heftiger rannen ihre Tränen, und Malchen tröstete: »Die fang’ ich schon, wein’ doch nicht!«
Aber Silvia dachte gar nicht an die entwischten Nadeln. Das Herz brannte ihr. Oh, nur etwas tun können für das Vaterland, nur zeigen dürfen, wie gut ihr Wille war! Ganz jäh kamen ihr die abgeschnittenen Zöpfe des blonden Edelfräuleins in den Sinn. Ihre waren zwar dunkel wie die von Malchen, aber das schadete gewiß nichts. Zopf ist Zopf. Ihre Nachbarin hatte eine Schere vor sich liegen, die sah sie, obgleich ihr die Tränen fast den Blick verdunkelten. Ach, ein Zopf ist schnell abgeschnitten! Eins, zwei, drei, ritsch! nur flink gleich alle beide.
»Au!« kreischte Malchen neben ihr auf, »huhuhu, mein Zopf, mein Zopf! Silvia hat mei – –,« weiter kam Malchen nicht, sie brach in ein wildes Jammergeheul aus.
Es war, als wäre ein Wirbelsturm in die Strickstube gefahren. Zuerst wußte im wilden Hinundher niemand, was geschehen war. Malchen schrie vor Schreck und Empörung immer lauter, ihre Nachbarinnen zeterten: »Der Zopf, der Zopf!« Nur Silvia stand leichenblaß, stumm inmitten des Wirrwarrs, zwei Zöpfe hielt sie in der Hand, der eine war braun, der andere schwarz, aber rote Schleifen hatten sie beide.
»Traugotts Silvia hat Hinzpeters Malchen einen Zopf abgeschnitten, sich selbst aber auch einen.« So nach und nach erst bekamen Frau Fries und Fräulein Regine heraus, daß dies geschehen war. »Warum? Silvia, warum hast du das getan?«
Silvia gab keine Antwort. Sie konnte nicht, sie tat ein paarmal die blassen Lippen auseinander, aber kein Laut kam hervor. Frau Fries sah es, die Kleine konnte nicht sprechen, sie nahm sie sacht bei der Hand und führte sie zu sich hinauf. Vielleicht erschloß sich ihr allein das scheue Herz. Aber Silvia brach oben nur in ein verzweifeltes Weinen aus, sie weinte und weinte und hörte auch nicht auf, als ihre Mutter kam.
Unten hatte sich Hinzpeters Malchen viel schneller über den verlorenen Zopf getröstet. Sie lachte schon wieder, als Silvia oben vor Leid noch fast verging. Zimplichs Lenchen hatte nämlich mitten in das Jammergeheul hineingerufen: »Jetzt biste beinahe wie ’n Junge.«
Dies Wort trocknete wie der Wind Malchens Tränen. Wie ein Junge herumgehen dürfen, kurzgeschnitten, ohne Zöpfe, von denen man doch immer die Bänder verlor, das war noch eine Sache. Am liebsten hätte sie nun geschwind gleich den zweiten Zopf abgeschnitten, doch das litt Fräulein Regine nicht. Die schloß für heute die Strickstube und erklärte, sie selbst wolle Malchen heimbringen. Das wollten aber alle andern auch, und so wurde Hinzpeters Malchen wie eine Prinzessin heimgeleitet. Fräulein Regine trug selbst den abgeschnittenen Zopf und erzählte Frau Hinzpeter auch die merkwürdige Geschichte, und Malchen kam sich ungeheuer wichtig vor. Die Mutter sah nicht gerade erfreut aus, sie verwunderte sich sehr über Silvias Untat, aber sie war keine Frau, die viel unnütze Worte machte. »Meinetwegen mag auch der zweite Zopf herunter,« sagte sie, »so halbseitig kannste niche rumlaufen.« Und ritsch, ratsch schnitt sie den zweiten Zopf ab, und Malchen jauchzte laut, als wäre ihr das größte Glück widerfahren. –
Inzwischen war auch Silvia heimgekehrt unter dem Schutz der Mutter. Die hatte das weinende, zitternde Kind zu Bett gebracht und hatte neben ihr gesessen, bis sie meinte, es schlief.
Aber Silvia schlief nicht. Die lag wach im allergrößten Herzeleid. Sie wußte kaum, worüber sie trauriger war, über den Zopf, den sie der Kameradin abgeschnitten hatte, oder über ihre Faulheit. Plötzlich fiel es ihr ein, wenn sie nun strickte, immerzu strickte, Tag und Nacht, dann wurden doch die Strümpfe fertig. Sie stand auf und tastete sich vorsichtig hinaus; sie wußte, wo Zündhölzer lagen und ein Öllämpchen stand, das holte sie sich, nahm ihr Strickzeug und begann zu stricken, Nadel um Nadel. Und auf einmal war der Strumpf fertig und gleich wieder einer und immer mehr und mehr, die türmten sich auf, ein Berg wurde es, ein hoher, hoher Berg, und oben saß Malchen Hinzpeter und schwang ihren Zopf; sie schlug damit auf die Strümpfe, und merkwürdig, das klirrte und klang, und Silvia schrie laut vor Schreck.
»Aber Silvia, um Gottes willen, was ist das?« Silvias Mutter war von einem Klirren aufgewacht und hinübergelaufen in ihres Mädels Kammer. Da lag das Laternchen zerbrochen am Boden; glücklicherweise war es ausgegangen, und Silvia lag auf dem Bett, ihren Strickstrumpf fest umklammernd. Sie war eiskalt, und danach wurde sie glühend heiß. Sie hatte heftiges Fieber, und in dem Fiebertraum klagte sie immer, sie wolle etwas für das Vaterland tun. Ein paar Tage war Silvia krank, und in dieser Zeit erschloß sich ihr Herzlein der Mutter, von ihrem Willen redete sie, viel, ja ungeheure Taten für das Vaterland zu vollbringen.
»Lieber Himmel,« sagte Frau Traugott, »was kann so ein Dreikäsehoch in dieser furchtbaren Zeit tun!« Sie redete lind und gut zu ihrem Kind, und dann lief sie zu Pfarrers und holte Fräulein Regine herbei. Die kam auch, und sie wußte Silvia gut zu raten und zu helfen, sie hatte ja selbst anfangs gemeint, die stille Arbeit daheim in Steinach sei zu klein, zu unbedeutend.
»Ich will stricken,« sagte Silvia demütig und sah sich wieder nach ihrem grauen Strumpf um.
»Erst gesund werden,« riet Fräulein Regine, »dann kommst du wieder in die Strickstube.«
Silvia seufzte bang. In der Strickstube war Malchen, da waren alle andern, die würden böse sein, würden spotten und lachen – wie schwer würde das sein!
Aber es wurde gar nicht schwer, denn Malchen Hinzpeter hatte ein gutes kleines Herz, und als sie von Fräulein Regine hörte, Silvia sei krank, da kam sie geschwind angelaufen. Sie versöhnten sich beide und waren Freundinnen wie zuvor nach Besenmüllers Wort, der immer sagte: »Beim Dummtun und Bösesein kommt nischte nich heraus.« Immer wieder versicherte auch Malchen: »Fein is das ohne Zöpfe!«
Freilich, bei Silvias erstem Schulgang wollten die Buben spotten über die zopflosen Mädel, aber da kamen sie bei Malchen schlecht an. Der ihr flinkes Zünglein gab jedes Wort doppelt zurück, und zuletzt rief sie stolz: »Und die Zöpfe wer’n verkauft, un für das Geld gibt’s Wolle, und da stricken wir Strümpfe davon!« Sie sah die Necklustigen strafend an. »Könnt ihr so was?«
Nein, Zöpfe konnten sie sich nicht abschneiden, und Strümpfe konnten sie auch nicht stricken; trotz Besenmüllers Vorbild.
»Aber wir gehen selbst in ’n Krieg,« schrie Zimplichs Max.
»Ja, und ihr schlaft bei Tage in der Eisenbahn, un denn seid ihr wieder da!« Da behielt Malchen das letzte Wort, und Silvia sah bewundernd zu der mutigen Freundin auf. Wie die wollte sie werden, und fortan strickte sie auch Strümpfe wie die andern Mädel von Steinach, dicke, graue Soldatenstrümpfe.
Fünfzehntes Kapitel
Die Krone
Der alte Briefträger kommt nicht, und Fritze geht ihn suchen – Das Wort von der Krone, und wie selbst Klöße mit Speck und Backbirnen nicht locken – Fritze kehrt von Ringelheim zurück, und Frau Fries denkt: Der wird noch einmal ein rechter Mann
An einem Februartag stand Schwetzers Fritze wieder auf der Birnenstraße und wartete wie schon so oft auf den Briefträger. Die Sonne schien hell, und ein sanfter Wind wehte, wie Frühling war es, aber darauf achtete Fritze gar nicht. Er dachte nur an den Brief, der immer und immer nicht kam. Seit Frau Fries die Nachricht erhalten hatte, ihr Sohn wäre schwerverwundet in die Hände der Franzosen gefallen, hatte sie nichts wieder von ihm gehört. Jeden Tag lief Fritz dem Briefträger entgegen, und jeden Tag stand Frau Fries am Schulhaus und sah den Buben mit leeren Händen kommen. Sie hatte nach Genf geschrieben, dahin und dorthin, aber noch nichts über den Sohn erfahren. Lebte er noch? Hatten ihn die Franzosen auch nach Afrika geschafft wie so viele andere?
»Er kommt nicht wieder, er ist tot,« sagte die Mutter sich oft in den langen, langen Nächten, wo alles ruhte in dunkler Stille und nur die Sorgen wach waren.
»Er kommt nicht wieder, er ist tot,« sprachen auch die Leute von Steinach untereinander. Nur Pfarrers Regine und Fritze Schwetzer sagten: »Er kommt wieder!« Und dieser beiden unverzagte Hoffnung richtete Frau Fries immer wieder auf. Dann läutete auch in ihrem Herzen das Hoffnungsglöcklein: »Er kommt wieder, er lebt!« –
Wo nur der Briefträger blieb? Fritze spähte scharf in die Ferne. Einsam lag die Straße, niemand kam. Der Bube stapfte weiter. Es war zwar Mittagszeit, aber das bekümmerte ihn nicht, seine Mutter hatte ohnehin gesagt: »Wenn’s um den Brief für die alte Frau Lehrerin ist, nu, da mag das Spätkommen schon sein.«
Fritze dachte nicht einmal daran, daß es heute eines seiner Leibgerichte gab: Klöße mit Speck und Backbirnen, er hatte nur den einen Gedanken, vielleicht kam heute, gerade heute der Brief. Aber soviel er auch lugte, der Briefträger kam nicht.
Im Dorf schlug die Uhr. Ein Uhr schon! Das Mittagessen war vorbei, und fast eine Stunde wartete er schon. War der alte Bote so lange im nächsten Dorf geblieben? Fritzes Magen knurrte, aber der Bube trabte weiter. Wiesen, das Nachbardorf, lag noch eine halbe Stunde entfernt, vielleicht war der Briefträger dort, und er fand ihn, und wenn der Brief da war, dann wollte er zurück mit dem Wind rennen.
Fritz rannte. Er sah nicht rechts, nicht links, und beinahe überhörte er die schwache Stimme, die seinen Namen rief: »Schwetzers Fritze, Gott sei Dank, lauf doch niche fort!«
Verdutzt sah sich Fritz um. Da unter einem Baum kauerte der alte Briefträger, er hatte den Kopf an den rauhen Stamm gelegt, und selbst Fritz sah es, der alte Mann war krank. Mit einem Satz war der Bube neben ihm, sein Mund schwieg, aber seine Augen fragten, und der Kranke verstand diese stumme Frage. »Ich komm niche mehr weiter, aber der Brief ist da.«
»Der Brief!« jauchzte Fritz und vergaß darüber des alten Mannes Not. Der lächelte matt. »Ja, er is da, und eures Herrn Lehrers Name steht darauf, also er lebt. Und siehste, das hätt’ ich nu zu gern der alten Mutter gebracht. Nä, nu is das niche!«
Er seufzte tief und versuchte seine Tasche zu öffnen, aber die Hand sank ihm matt zurück. »Fritze«, stöhnte er, »jetzt gibste mir deine Hand, daß du alles tust, wie ich’s sage, nimm deinen Verstand zusammen!«
Die Schelme von Steinach. Seite 229.
Fritze legte seine Hand in die des alten Boten, kraftlos war die und kühl, und nur mühsam redete der: »In Steinach gibste alles ab, was dahin gehört, un dann läufste nach Ringelheim, denn da warten auch ’n paar Frauen so arg auf Briefe, un grade heut’ sin se da. Verlier aber nischte! In Ringelheim gibste alles dem Küster, der macht’s schon, un denn kommste nach Steinach zurück – – un vielleicht bin ich dann da.« Er nestelte mühsam seine Tasche ab. Fritze wollte sie nehmen, aber der Alte hielt sie fest. »Niche so schnell! So ’ne Tasche is was Heiliges. Weißte, wenn dir ’n König seine Krone geben möcht’ und sagt: »Heb se auf!« das is justament so, als ob ich dir meine Tasche geb. Verstehste mich?«
Fritz nickte. Es war ihm seltsam feierlich zumute. Auf einmal, er wußte nicht, wie es ihm in den Sinn kam, dachte er, der alte Briefträger Klöppel ist auch wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld.
»Fritze,« mahnte der Alte noch, »hörste, du mußt aber auch reden, in Steinach sagen, wie’s is mit mir, un in Ringelheim auch. Und rennen darfste niche, auch jetzt niche, ’s könnt was aus der Tasche fallen, aber dich auch niche aufhalten, ja niche! Versprichste mir das?«
»Ja,« sagte Fritz und sah dem Alten fest in die Augen.
»Un reden mußte, Fritze, alles sagen.«
»Ja.« Fritz seufzte, das war schwer, aber es mußte sein. Er griff wieder nach der Tasche, und wieder hielt sie der alte Briefträger fest. »Wie ’n König seine Krone, justament so is das.« Er strich fast zärtlich über das abgeschabte Leder. »’s ist mir schwer geworden jetzt das Tragen. Ja ja, schwer. Aber weißte, Fritze, ’s war auch fürs Vaterland. Weil die Jungen fort sind, müssen’s die Alten tun. Ja ja! Un wenn du jetzt gehst, Fritze, denk’ dran, ’s ist auch fürs Vaterland. Niche rennen, un dann reden – – meine Krone trägste, Fritze, meine Krone, merk’ dir’s.«
»Ja,« sagte Fritze wieder, und seine Stimme tönte wie eine Glocke. Da gab ihm der Alte die Tasche. »Um mich brauch’ keiner sorgen, das is ganz scheene so in der lieben Gottessonne« – – er sprach nicht weiter, er nickte nur dem Buben noch einmal zu.
Der trabte von dannen. Er schritt rüstig aus, aber er rannte nicht, er rannte auch nicht, als er von weitem Frau Fries kommen sah. Es zuckte ihm freilich in den Füßen, er wäre ihr am liebsten entgegengestürmt, hätte ihr den Brief hingehalten, aber sein Versprechen zwang ihn, und er ging nicht einen Schritt rascher.
»Fritze,« rief Frau Fries ihm entgegen, »wo bleibst du? Wo ist der alte Klöppel?«
»Der Brief!« Fritz hielt ihn hoch empor, und da endlich konnte er ihn in die Hände der Mutter legen. Die faßte nach ihrem Herzen, das tat laute Freudenschläge, der Brief kam von ihrem Sohn – er lebte.
Sie konnte kaum mit ihren bebenden Fingern den Umschlag öffnen, und ein paar Augenblicke tanzten ihr die Worte vor den Augen, alles flimmerte und flirrte. »Er lebt, er lebt! Du gütiger Gott, mein Sohn lebt!«
Nur einen Augenblick blieb Fritz stehen, einen sehnsüchtigen Blick warf er auf den Brief. Was mochte darin stehen? Doch sein Versprechen zwang ihn vorwärts, und sein Versprechen zwang ihn zu reden, er sagte: »Klöppel ist krank, ich muß die Briefe austragen und nach Ringelheim gehen.«
Zum erstenmal achtete Frau Fries nicht auf das, was Fritze Schwetzer sagte, und der ging still weiter und ließ die Mutter mit dem Sohnesbrief allein.
Vor dem Schulhaus stand Besenmüller, und auf den trat Fritze zu und erzählte das Geschehene. Er sparte Worte, aber er sagte alles. »Lieber Himmel,« rief Besenmüller, »der alte Klöppel liegt auf der Straße, den müssen wir reinholen.«
Vater Hiller kam dazu, und noch einmal erstattete Fritze Bericht. »Ich muß nu weiter,« sagte er, »ich muß noch nach Ringelheim.«
»Es mag jemand hinfahren,« meinte Vater Hiller, aber Fritze entgegnete ernsthaft: »Nä, ich hab’s versprochen, die Tasche niemand zu geben.«
Der alte Lehrer spürte aus des Jungen kargen Worten die große Bürde heraus, die auf dessen Schultern lag, er sah aber auch, da war Wille und Kraft, die übernommene Aufgabe zu vollenden, und er sagte ruhig: »So geh! Wir wollen rasch dafür sorgen, daß Klöppel ins Dorf gebracht wird.«
Schwetzers Fritze ging weiter, von Haus zu Haus. Überall mußte er sagen, was geschehen war, und immer sagte er gleich dazu: »Ich muß aber gehen.« Ins Pfarrhaus kam er, da rief er aber schon von weitem: »Fräulein Regine, der Brief ist da, der Herr Lehrer hat selbst geschrieben.«
»Er lebt!« jubelte Fräulein Regine, und dann lief sie fort, lief nach dem Schulhaus hin und hörte nicht einmal darauf, was ihr Freund Fritz noch zu sagen hatte. Fritze ärgerte sich nicht darum, er fand es selbstverständlich, und dann – er mußte ja auch weiter, die Briefe austragen und nach Ringelheim wandern.
Er kam auch in sein Elternhaus, und seine Mutter eilte ihm ängstlich entgegen. »Fritze, wo bleibst du?«
Der Bube gab Antwort, auch hier so knapp und kurz wie überall. Doch seine Mutter war nicht damit zufrieden, die meinte: »Erst mußte zu Mittag essen, und die Briefe, die kann unsere Emma nach Ringelheim tragen.«
»Nä,« sagte Fritze, »ich hab’s versprochen.«
»Aber essen mußte, dein Mittag steht warm.«
Klöße mit Speck und Birnen dazu. Bei dem Gedanken daran spürte Fritze, wie leer sein Magen war, ganz leer, das Wasser lief ihm im Munde zusammen, er sagte aber fest: »Nä, kann nich essen. Ich hab’s versprochen, die Tasche kriegt niemand.«
Die Mutter wollte widersprechen, aber als sie so in das entschlossene kleine Bubengesicht sah, fühlte sie es, sie durfte ihn nicht hindern, sein Wort zu halten. »Dann geh nur,« sagte sie, »trag’ die Briefe weiter.«
Fritz tat einen Seufzer, nickte der Mutter zu und ging von Haus zu Haus. Als er ans Dorfende kam, wo die Pflaumenstraße nach Ringelheim abbog, stand seine Mutter dort, die steckte ihm einen Apfel in die Tasche und gab ihm eine tüchtige Schnitte in die Hand. »Wirst doch hungrig sein.«
»Danke,« sagte Fritze nur und stapfte weiter, Schritt um Schritt, nicht zu schnell, nicht zu langsam. Einmal war’s ihm, als müßte er sich umsehen, und als er rasch im Weitergehen rückwärts schaute, stand seine Mutter noch am Wege und sah ihm nach. Das tat ihm gut, wie ein zärtliches Wort der Mutter empfand er das stille Nachschauen.
Er mußte immer daran denken, was der alte Briefträger von der Krone gesagt hatte. War’s so? Die Krone war die Arbeit, die einer tat, sein Amt?
Der Wind hatte sich gedreht, er blies jetzt scharf von Osten her, er brachte auch graue Wolken mit, die die glänzende Sonne überschatteten. Einzelne Flocken fielen, dann kam Regen, der wurde heftiger und schlug dem Buben ordentlich boshaft in das Gesicht. Den bekümmerte das nicht viel. Er knöpfte nur seine Jacke auf und schob, so gut es ging, die dicke, schwarze Tasche darunter. So erreichte er Ringelheim, und im Küsterhaus sagte er seine Botschaft. Der Küster war zur Hilfe bereit, die Post wurde ausgetragen, und Fritze konnte wieder heimwärts wandern.
In Steinach sagte es ihm eine Frau beim ersten Haus im Dorf: »Der alte Klöppel liegt in der Schule, ach, er wird vielleicht schon tot sein.«
Fritze erschrak. Wenn der Briefträger tot war, dann konnte er doch nicht mehr sehen, daß er die Tasche zurückbrachte, und unwillkürlich begann er zu rennen. Aber gleich fiel ihm des Alten Mahnung ein; in der Tasche waren noch allerlei Postsachen, die konnten verlorengehen, und gleich ging er langsamer. Er kam auch noch zur rechten Zeit, er konnte noch dem alten Briefträger die schwarze Tasche übergeben, und der gab ihm die Hand und murmelte leise: »Haste alles besorgt?«
Fritz holte tief Atem und gab Bericht. Und dann, als er fertig war, rief er mit einer ihm fremden Raschheit: »Hat jeder so ’ne Krone, Klöppel? Wie ist das denn?«
»Das ist jedem seine Arbeit, sein Amt, das, wofür einer lebt – und stirbt.« Die letzten Worte klangen ganz matt, der alte Mann seufzte, nicht schwer, sondern wie einer, der sich einer getanen Arbeit freut. Er legte den Kopf zur Seite, faltete die Hände über der schwarzen Tasche und schloß die Augen.
»Er will schlafen,« sagte Vater Hiller, der am Lager saß, »er ist müde vom Leben. Geh du nun heim, Fritz.«
Der Bube ging nach der Tür, er trat so leise auf, so leise er konnte, aber er ging nicht die Treppe hinab, sondern den Gang bis zu dem Zimmer, in dem Frau Fries wohnte. Dort bekam er nun wirklich den Brief seines Lehrers zu hören. Viel stand nicht darin, denn viel durften die Gefangenen nicht schreiben. Heinrich Fries schrieb, es ginge ihm leidlich gut, er sei lange, lange krank gewesen, nun wäre er aber wieder ziemlich gesund. Daß er schon oft geschrieben hatte, teilte er mit. Von der Heimat schrieb er, vom Wiedersehen; ganz froh klang alles, und Fritze Schwetzer sah strahlend drein, ihm schien es, als sei nun alle Sorge gelöst. Und weil er an diesem Tage nun schon so viel geredet hatte, erzählte er auch seiner alten Freundin seine Erlebnisse. Auch das Wort von der Krone sagte er, nur scheu, undeutlich, aber Frau Fries verstand ihn doch. Sie beugte sich plötzlich über ihn und sagte mit einer seltsam schweren Stimme: »Unser Vaterland ist auch eine Krone, für die wir leben und sterben – und leiden müssen.«
Der Bube saß ganz still, er ahnte nicht, daß die Mutter Leiden, schweres Leiden aus dem Sohnesbrief herausgelesen hatte. Aber er fühlte, da war etwas nicht so wunderherrlich, wie er es sich gedacht hatte. Er wußte aber nichts zu sagen, und er sah die alte Frau Lehrerin nur treuherzig an. »Nu muß ich gehn,« brummte er endlich. Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Ich komm’ noch mal wieder.«
»Heute nicht, du wirst müde sein und hungrig, Fritz, ich danke dir.«
Schwetzers Fritze stapfte zur Tür hinaus, und er ging so leise die Treppe hinab, so leise es seine knarrenden Stiefel erlaubten, der alte Klöppel schlief ja. Oben sah Frau Fries dem Jungen nach, und sie dachte, wie seine Mutter zu Mittag auf der Landstraße gedacht hatte: »Der wird noch einmal ein rechter Mann.«
Sechzehntes Kapitel
Heimkehr
Es geschah viel, und Pfarrers Regine steigt auf den Schafskopf hinauf – Fritze fährt nach L., es merkt aber niemand etwas davon, und Frau Besenmüller hält ihn für ein Gespenst – Eine Unterredung im Holzstall – In Steinach wird Hochzeit gefeiert, und die Kinder schreien hurra auf der Apfelstraße
Der alte Briefträger Klöppel wanderte nun nicht mehr auf der Birnenstraße nach Steinach hin. Der war wirklich eingeschlafen für alle Zeit, und seine geliebte schwarze Tasche trug ein anderer. Der brachte die Nachrichten von Leid und Freud in die Dörfer, von großen Siegen, von stolzen Taten, aber immer und immer nicht die ersehnte Friedensbotschaft.
In Steinach war es nicht anders als in allen deutschen Städten und Dörfern. Die Daheimgebliebenen schafften fleißig und sorgten um jene, die draußen standen. Ein paar Bäuerinnen trauerten um ihre Männer, und Hinzpeters Malchen kam eines Tages in großem Herzeleid in die Schule: ihr Vater war gefallen. Da hatte Silvia Traugott viel zu tun, um der Freundin beizustehen, und sie vergaß darüber noch mehr ihre Träume von großen Wundertaten. An herzhaftem Mitleid fehlte es nicht. Selbst die Buben sannen darüber nach, womit sie das Malchen wohl erfreuen könnten, und sie kamen schließlich überein, sie wollten Malchen ein Tier fangen, einen jungen Hasen, ein Rehlein vielleicht etwa, denn Malchen hatte an allem Getier eine besondere Freude.
Es lenzte draußen schon an Hängen und Grabenrändern, an Büschen, die in der Sonne standen, grünten Knospen und winzige Blättchen, und manch ein kleines Hasenkind wurde um diese Zeit geboren. Im Walde war die Aufsicht jetzt nicht so streng, und eines Nachmittags zogen ein halbes Dutzend Steinacher Buben hinaus, um ein Tier zu fangen. Aber sie brachten nur einen Igel heim und einen Maulwurf, und vor beiden graulte sich Malchen schrecklich. Schelte gab’s obendrein. Das Tierfangen im Walde war streng verboten. Die Buben bekamen so schwere Strafen angedroht, daß ihnen die Lust zu weiteren Raubzügen verging. Also ließen sie das Trösten sein.
Der Frühling kam, und er war so blütenreich, so voller Glanz und Schöne, als wollte er liebreich den Menschen in ihrem großen Jammer beistehen. Es blühte an allen Ecken und Enden, und kaum jemals hatte es auf dem Schafskopf so viele Veilchen gegeben wie in diesem Jahr. Aber Pfarrers Regine wollte in diesem Jahr keine Veilchenkränze zu ihrem Geburtstag haben, und die Veilchen verblühten ungepflückt. An ihrem Duft, ihrer Lieblichkeit freute sich Regine aber doch. Sie stieg an ihrem Geburtstag allein auf den Schafskopf hinauf; lange saß sie dort unter dem alten Gemäuer. Sie weinte bitterlich, denn sie trug ein heimliches Leid im Herzen. Wie sie aber so weinte, so unendlich traurig war, spürte sie den Veilchenduft. Der umschmeichelte sie, der zwang sie, an den Frühling zu denken, an Sonnenschein und an Freude. Und ganz leise sang sie vor sich hin, und im Singen löste sich ihre Traurigkeit. Sie sang:
»Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden!
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß die Qual,
Es muß sich alles, alles wenden!«
Um die gleiche Stunde wohl dachte ein Mann an Steinach am Wald, der in einem fremden Land in einem Zuge fuhr. Er trug einen abgetragenen feldgrauen Rock, und die mit ihm waren, glichen ihm. – Ein seltsamer Zug war es. Lager reihte sich an Lager, Schwerverwundete, Krüppel durften heimkehren aus Frankreich ins deutsche Vaterland.
Der Austausch der unheilbaren Kriegsverwundeten von Frankreich ging über die Schweiz, und nach langer, langer Fahrt, durch das herrliche, stets hilfsbereite Schweizer Land, das von den Schrecken des Krieges verschont geblieben war, langte der Zug in der Nacht an der Grenze an. Von Deutschland her kam um die gleiche Zeit auch ein solcher Zug. Einmal fuhren die beiden aneinander vorbei, sie wußten es nicht; die Männer, die jetzt todwund heimkehrten, hatten sich vielleicht schon im Kampf gegenübergestanden.
Heinrich Fries, der Lehrer von Steinach, lehnte am Fenster. Er konnte nicht schlafen, vor Freude nicht und vor Leid nicht. So mußte er heimkehren, ein Krüppel! Ein Bein hatte er verloren, auch die linke Hand fehlte ihm, und über die Stirn lief ihm eine breite rote Narbe. Er dachte, mit welch hochfliegenden Plänen er einst im Leben gestanden hatte, wie unzufrieden er in Steinach gewesen war. Nun war das alles vorbei, selbst zum Lehrer in Steinach mochte er gewiß nicht mehr taugen. Wunderlich war ihm das oft gegangen draußen. An die Stadt, in der er so lange gelebt, hatte er wenig gedacht, immer, wenn er mit seinen Kameraden von der Heimat sprach, kehrten seine Gedanken in Steinach ein. In den heißen, blutigen Schlachten, mitten im Donnern und Brüllen der Geschütze sah er plötzlich das Dorf vor sich und die blühenden Straßen, so wie er es zuerst gesehen hatte. Er dachte an die Kinder; er hatte sie doch alle lieb, selbst so unnütze Wildfänge wie Jackenknöpfle und das lachlustige Malchen Hinzpeter. Einmal hatte er gerade wieder an allesamt einen Brief geschrieben, da war eine Granate neben ihm eingeschlagen, und er hatte die Stirnwunde bekommen.
Ins Lazarett sollte er, in die Heimat zurück, aber er hatte nicht gewollt, und zwei Tage später hatte er, verwundet schon, mitten im furchtbaren Kampf gestanden. Neben ihm waren seine Kameraden gefallen, er war vorwärts gestürmt, immerzu, immerzu. Dann hatte ihn ein Schuß getroffen, er war zusammengebrochen, und als er nach vielen, vielen Stunden wieder zum Bewußtsein gelangte, war er in Gefangenschaft gewesen. Krank und gefangen! Es ahnen nicht alle, wie groß dies Elend ist.
Nun kehrte er heim. Heinrich Fries sah hinaus. Es war Mondschein, und er sah im Silberglanz einen See, glatt wie ein Spiegel, und Berge, hohe, weiße Berge. Wie ein Märchenland war es, so wunderschön. Er hatte oft Sehnsucht gehabt, dies schöne Land zu durchwandern, das war nun auch vorbei, nun sah er es so. Ein fremdes Land, aber kein Feindesland. Ach nein, feindlich waren die Menschen nicht, die auf den Bahnhöfen waren, die liebevoll die Verwundeten versorgten. Gute, hilfsbereite Menschen waren es.
Einer, der mit im Zuge fuhr, richtete sich ein wenig auf seinem Lager auf und flüsterte: »Kamerad, nun sind wir bald in Deutschland. Ich habe eine Frau daheim und einen Buben, Herrgott, die soll ich nun wiedersehen! Wen hast du?«
»Eine Mutter,« sagte Heinrich Fries.
»Da sind wir beide gut versorgt,« sagte der andere. »Sieh doch mal raus, ist’s noch nicht bald Deutschland?«
»Es dauert noch ein paar Stunden.« Heinrich Fries sah wieder hinaus. Der Mond stand nur noch als blasse Scheibe am Himmel, der Morgen dämmerte herauf, und in dem fahlen, harten Licht des Morgens stiegen die Berge riesenhaft empor. Aber dann begannen sie zu glühen und zu schimmern, die Sonne ging auf.
Und im hellen, strahlenden Licht der Frühlingssonne fuhr Heinrich Fries mit seinen Kameraden bei Konstanz über die deutsche Grenze. Ein brausender Jubel empfing sie. Fremde Menschen kamen auf sie zu und umarmten sie, Blumen wurden ihnen gebracht und Erfrischungen. Immer neue Hände streckten sich ihnen entgegen, alle wollten ihnen helfen, alle ihnen Liebes erweisen, alle, alle zeigten ihre Freude.
O Vaterland, o Heimat!
Die Todwunden, denen die Tage und Nächte in Schmerzen vergingen, die Blinden, die Krüppel, sie alle sangen dem Vaterland entgegen: »Deutschland, Deutschland über alles!«
Heinrich Fries hatte seine Heimkehr nicht melden können. Seine Auslösung war überraschend gekommen, und seine Mutter ahnte nicht, daß er in Deutschland war. Er hatte ihr auch nie geschrieben, wie schwer seine Wunden gewesen, er wollte ihren Kummer nicht vergrößern. Nun dachte er, wenn ich in ein Lazarett komme, dann schreibe ich ihr. Noch wußte er ja nicht, wohin man ihn bringen würde. Nimmer hätte er gedacht, daß er so sehr in Steinachs Nähe kommen würde. Erholen sollte er sich nun, dann sollte er ein künstliches Bein bekommen, eine Hand, und der Arzt, der ihm das versprach, tröstete: »Dann ist’s nicht mehr schlimm.«
Eines Tages liefen Pfarrers Regine und Fritze Schwetzer auf der Birnenstraße wieder dem Briefträger entgegen. Seit Wochen hatte der nun nichts aus Frankreich ins Schulhaus gebracht, und die alte Frau Lehrerin zagte und zitterte in Sorge. Der neue Briefträger, er hieß zu der Kinder Ärger Schmidt, was doch kein richtiger Name sei, so meinten sie, wußte nun auch schon, wer in Steinach um Briefe bangte. Er schüttelte also den Kopf: »Kein Brief aus Frankreich, ’n anderer nur.«
Da rannte Fritze zurück, und Fräulein Regine ging ihm nach, der andere Brief war ihnen nicht wichtig. Den erhielt ein paar Minuten später Frau Besenmüller zur Besorgung. Die nahm ihn mit dem Schürzenzipfel, weil sie nasse Hände hatte, und trug ihn so in das Haus hinein. Drinnen kam ihr Mann ihr entgegen, und sie bat: »Besenmüller, trag’ du mal den Brief rauf, der rechte ist’s wieder niche.«
Oben traf Besenmüller Vater Hiller, der gerade zum Mittagessen zu Frau Fries gehen wollte, der nahm ihm den Brief ab, und Besenmüller sagte: »Der rechte ist’s nicht.«
Vater Hiller trug den Brief in die Stube, legte ihn vor Frau Fries hin und sagte auch bedauernd: »Ein Brief, leider nicht der rechte.«
Und es war doch der rechte Brief. Nur in die Hand nahm ihn Frau Fries, dann wußte sie es. Mutteraugen sind scharf, Mutterherzen spüren des Kindes Nähe.
Durch das Dorf lief die Kunde, der junge Herr Lehrer ist heimgekehrt aus Frankreich, in L. ist er, aber – er ist ein Krüppel. Fritze Schwetzer raste zum Schulhaus hin. Und den Brief hatte er nun nicht gebracht, gerade den Brief nicht. Er polterte mal wieder ungeheuer auf der Treppe, aber Frau Besenmüller schalt nicht, die hörte es gar nicht, die scheuerte im Schulzimmer, denn irgendwie mußte sie ihre Freude zeigen, ritsch, ratsch mit der Bürste hin und her. »So recht ausscheuern tut gut,« brummelte sie.
Fritz fand Frau Fries oben reisefertig. Die wollte gleich nach L. fahren mit dem nächsten Zug. »Lauf zu Pfarrers,« bat die Frau, »vielleicht kommt Fräulein Regine mit.«
Nie hatte Frau Fries nach einer Stütze verlangt, jetzt, da sie den Sohn wiedersehen sollte, in der Freude verlangte sie Hilfe. Und Pfarrers Regine kam. Fritz hatte seine Botschaft noch nicht raus, da sagte sie schon: »Ich fahre mit, natürlich!«
Sie lief dem Buben voran und meinte, der käme hinterher, aber der kam nicht. Der rannte heimwärts, fiel seiner Mutter beinahe ins Spülfaß und schrie so laut, wie es noch nie jemand von ihm gehört hatte: »Meine Sparbüchse!«
»Junge, biste närrisch?« Seine Mutter trocknete sich ärgerlich die Hände ab. »Sag’, was soll das Geschrei?«
»Ich muß nach L.«
»So eins, zwei, drei im Handumdrehen?« Frau Schwetzer wollte nein sagen, aber dann sagte sie doch ja, ging und schüttelte die Büchse vor Fritz aus. »Viel ist nicht drin, ’n Groschen fehlt, den will ich dir schenken. Da nimm ’n Brot und geh!«
Doch Fritze lief dem Brot davon. Er rannte die Apfelstraße entlang, bis er Frau Fries und Fräulein Regine sah, da ging er langsam nach. Und nach ihnen kletterte er in den Zug, und die beiden sahen ihn nicht. Sie sahen ihn auch nicht, als sie in L. ausstiegen. Und wieder trabte ihnen Fritz nach bis zu dem Lazarett, da gingen sie hinein, und – Fritz blieb draußen. Hier verließ ihn auf einmal sein Mut, er wußte nicht, wie er in das große Gebäude hineingehen sollte. Er ging auf und ab, durch die Türe da waren die beiden Frauen hineingegangen, das mußte doch der rechte Weg sein. Er rappelte sich endlich zusammen, trat auf das Tor zu, klinkte es auf, da tönte ihm ein Halt! entgegen.
»Wo willst du hin?«
»Da ’nein.«
»Ei, da könnte jeder dumme Junge kommen; so was gibt’s nicht.«
Ein anderer hätte nun dem gestrengen Wärter am Tor geschwinde erklärt, so ist die Sache und so, ich habe die Fahrt gemacht von Steinach hierher. Aber das brachte Schwetzers Fritze nicht fertig; ehe er eine Antwort heraus hatte, war das Tor geschlossen, klapp zu, ihm vor der Nase, er konnte draußen stehen. Er ging wieder auf und ab, hin und her. Drei Frauen kamen jetzt, dunkel gekleidet und ernst, die wollten auch in das Lazarett gehen. Vor ihnen tat die Türe sich auf. Fritz lief ihnen nach, aber klapp, schloß sich das Tor, und er stand wieder einsam auf der Straße.
Noch einmal versuchte er es hineinzukommen, vergeblich. Endlich kamen Frau Fries und Fräulein Regine wieder heraus, und wieder lief Fritz ihnen stumm wie ein treuer Hund nach. Die Frauen gingen der Stadt zu. Vor einem Haus, an dem ein Wort stand, das Fritz zehnmal las und doch nicht verstand, es hieß »Hospiz«, nahmen sie Abschied voneinander. Frau Fries ging mit ihrer kleinen Tasche in der Hand in das Haus hinein. Fritz hörte sie noch sagen: »Bestelle, bitte, Frau Besenmüller, sie möchte ja nicht vergessen, für Herrn Hiller heute Brusttee zu kochen, er ist so erkältet,« dann trennten sich beide.
Nun rannte Fräulein Regine nach dem Bahnhof, und Fritz rannte hinterdrein. Sie stiegen beide in den Zug, der fuhr davon, und in Steinach kletterten beide heraus.
Es war schon dunkel, und Pfarrers Regine sah ihren kleinen Freund auch jetzt nicht. Der trabte ihr nach, als sie aber erst nach dem Pfarrhaus abbog, lief er gleich zum Schulhaus. Dort riß er die Türe auf, stürmte in Besenmüllers Stube und schrie: »Se möchten Tee kochen für Herrn Hiller.« Krach, schlug er die Türe zu und rannte davon.
Eine halbe Stunde später kam Fräulein Regine ins Schulhaus. Sie wollte erzählen, wie es Heinrich Fries erging, und sie richtete auch den Auftrag aus. »Teekochen?« rief Besenmüller. »Schwetzers Fritze hat’s ja schon bestellt.«
»Wie kann er, ich habe ihm ja nichts gesagt?« Das Fräulein wunderte sich, und Frau Besenmüller wunderte sich, ja Frau Besenmüller war geneigt, Fritz für einen Geist zu halten, aber ihr Mann sagte: »Nä, das war Fritze, und vielleicht hat’s ihm Frau Fries vorher bestellt.«
Auf dem Heimweg ging Regine noch einmal zu Schwetzers hinein, da erfuhr sie Fritzens Reise. »Ein närrscher Junge,« klagte seine Mutter, »nich Stipp, nich Stapp hat er erzählt, nur gegessen, und dann ist er schlafen gegangen, aber geheult hat er in seinem Bette.«
Ja, geheult hat Fritz, aber der Schlaf hatte ihm die Tränen schon wieder getrocknet, als Fräulein Regine an sein Bett trat. Und am nächsten Morgen erzählte er auch mit so wenig Worten als möglich seine Reise. Seine Mutter tat ihm schweigend so viel Geld in seine Sparbüchse, als das Fahrgeld nach L. betrug, aber Fritz fuhr nicht wieder hin. Er graute sich vor dem großen Haus und vor den vielen Menschen, die da aus- und eingingen. Er wartete in Steinach auf seinen Lehrer, und je näher der Tag kam, an dem er ihn sehen sollte, desto größer wurde die Scheu vor ihm. Ob der ihn noch kannte, noch mit ihm so sprach wie damals beim Abschied?
Heinrich Fries kam, als in Steinach der Flieder blühte. In jedem Garten, in Hofwinkeln an der Kirche, da wo Heckenwege die Häuser trennten und verbanden, überall blühte der Flieder. Dichte, blaue Büsche, blaue Wände gab es und blaue Blumenberge, und ganz Steinach war eingehüllt in Duft und Glanz. Vom Schulhaus wehte die Fahne, denn ein Held kam ja heim, einer, der draußen gekämpft und gelitten hatte, einer, dem das Kreuz von Eisen die Brust schmückte.
Heinrich Fries hatte gemeint, er würde still durch das Dorf fahren und still in sein stattliches Schulhaus treten. Aber vor dem standen die Kinder alle, auch die Brummer waren dabei, und alle sangen ihm das Lied entgegen, das im Leben und Sterben kein Deutscher vergißt. Und danach das schöne »Lobe den Herrn«.
Mitten im Gesang brach Malchen Hinzpeter in Tränen aus. Sie dachte an den Vater, der nun nie wiederkehrte. Vater Hiller zog sie aus dem Kreise und nahm sie in seine Arme, am Herzen dieses treuen Freundes weinte sie sich ihren Kummer aus. Heinrich Fries hörte an diesem Tage keinen falschen Ton heraus, er meinte, noch nie einen schöneren Gesang gehört zu haben, und als ihn dann alle umdrängten, auch die Erwachsenen, und alle baten: »Sie bleiben doch wieder hier?« da rannen auch ihm die Tränen aus den Augen, und er schämte sich nicht.
Nachher sagte er zu Vater Hiller: »Werde ich es können, ein Krüppel als Lehrer?«
Der alte Mann nickte. »Sie werden es können, und viele, die heimkommen, werden siech sein und doch eintreten in ihren Beruf. Und unsere Jugend wird lernen, Geduld haben und Ehrfurcht vor jenen, die um unseren Frieden gekämpft haben. Ja, sie werden es können, wenn – Sie in Steinach bleiben wollen.«
»Wie gern!« Heinrich Fries hielt seiner Mutter Hand fest. »Du hast es früher erkannt als ich, wie gut Steinach am Wald zur Heimat taugt.«
Es kamen viele an diesem Tag, um dem jungen Lehrer die Hand zu schütteln, nur Schwetzers Fritze kam nicht. Wo blieb nur der? Fräulein Regine ging ihn suchen, sie fand ihn nicht, die Kinder suchten ihn, er war nirgends zu sehen. Endlich schaute Frau Besenmüller nach, und die fand ihn in ihrem eigenen Holzstall.
»Gleich kommste rauf,« rief sie ärgerlich.
»Nä!« Fritze blieb auf seinem Holzstoß sitzen.
Frau Besenmüller zürnte: »Was soll denn der Herr Lehrer denken? Geschwinde komm!«
»Nä!« Der Bube rührte sich nicht, und Frau Besenmüller mußte unverrichteter Dinge wieder abziehen. Sie klagte oben über des Buben Trotz, da stand Heinrich Fries auf und sagte: »Ich werde ihn holen.«
Er ging, obgleich es ihm noch arg schwer wurde, die Treppen zu steigen. Auf einen Stock gestützt, hinkte er über den Hof und kam zu Fritz in den Holzstall. »Fritz,« sagte er, »wenn du nicht zu mir kommst, muß ich dich suchen, denn ich habe dir viel zu danken. Du warst meiner Mutter ein rechter kleiner Freund, ein guter Trost in schwerer Zeit.«
Der Bube schluchzte wild auf und umklammerte seinen geliebten Lehrer, und der redete mit ihm, lange, lange. Und sie schlossen beide Freundschaft in dieser Stunde, Freundschaft für das Leben.
Frau Besenmüller lief unterdessen draußen scheltend auf und ab. »Im Holzstall, um so ’nes Buben willen, nä, was zuviel ist, das ist zuviel.«
»Lydia,« mahnte ihr Mann endlich, »geh du da fort. Wenn einer was auf dem Herzen hat, dann kann er auch im Holzstall reden. Und der Fritze, um den lohnt’s schon. Den Besten hat sich der Herr Lehrer da ausgesucht, das is mal wahr.«
»Wenn er sich nur die Beste aussuchte,« murrte Frau Besenmüller. Und das tat der junge Lehrer wirklich. Als auf dem Schafskopf die Heckenrosen blühten, gab es Hochzeit in Steinach. Eine stille nur, denn für Feste war es keine Zeit. Aber Glück und Freude blühen auch in Kriegszeiten, und Pfarrers Regine war eine glückliche und eine frohe Braut.
»Der junge Herr Lehrer heiratet Pfarrers Regine!« Wenn die Spatzen von Steinach hätten singen können, dies hätten sie gesungen, so oft hörten sie es, von Mädeln und Buben, von Alten und Jungen. Am lautesten freute sich Frau Besenmüller und am meisten doch darüber, daß Vater Hiller in Steinach bleiben wollte. Er mochte nicht mehr zurückkehren in die Stadt, die ihm fremd geworden war. In dem großen Schulhaus gab es leere Zimmer, da wollte er wohnen, und Frau Fries und Frau Besenmüller versprachen ihm alle Pflege.
Eine bittere Enttäuschung war es den Kindern, daß nach der Hochzeit ihr junger Lehrer wieder fortging. Erst gesund werden, dann arbeiten, hieß es, und mit dem Gesundwerden dauerte es noch an, so schnell lernt einer nicht mit zwei Gliedern weniger fortzukommen.
Wieder reiften auf der Apfelstraße die Äpfel, und wieder mal hielt Besenmüller auf der verkehrten Straße Wache, da kamen Heinrich und Regine nach Steinach zurück. Draußen tobte noch der Krieg, aber Steinach lag im Frieden. »Vor zwei Jahren kam ich her, ein gesunder Mann mit einem mißmutigen Herzen, jetzt kehre ich zurück, ein Krüppel mit frohem Herzen,« sagte der junge Mann heiter. Sie hatten sich nicht angemeldet, sie wollten alle daheim überraschen. Wie sie aber so unter den ersten Bäumen hingingen, rauschte es in den Zweigen, und ein jauchzendes Gebrüll erhob sich: »Hurra, hurra, se sin da!«
Purzel, purzel kam es von den Bäumen herab, es hopste aus den Gräben heraus, und jauchzend umdrängten die Kinder ihren Lehrer. »Hurra, hurra!«
Bis zur Pflaumenstraße hin tönte das Geschrei, dort lauschte Besenmüller. »Nu haben se wieder etwas angestiftet. Nä, nä, Schelme sin se doch, was wahr ist, das ist wahr!«
Lustige Erzählungen von Josephine Siebe:
Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten
Mit vier farbig. Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen
Unter der Fülle von Jugendschriften verdient dieses Buch ganz besondere Beachtung. Was an den Erzählungen so sehr gefällt, das ist die Frische, Lebendigkeit und Anschaulichkeit der Darstellung und der köstliche Humor, der uns fast in allen begegnet. Sie wollen unsere Jugend erfreuen, und sie werden sie erfreuen. Wer also Kindern eine besondere Freude bereiten will, der schenke ihnen dieses Buch.
(Casseler Allg. Ztg.)
Lustige Fahrten ins Blaue hinein
Heitere Erzählungen f. d. Jugend Mit sechs farbigen Vollbildern
Alle Achtung vor diesem famosen Buche! Wenige Schriftstellerinnen wissen so zu erzählen wie Josephine Siebe. Ein Sonnenglanz liegt über allen kleinen und großen Begebenheiten, der Schelm Humor setzt überall helle Lichter auf. In einzelnen Stücken, wie »Das Feuermännchen« und in dem besonders wertvollen »Die Reise ins Graue«, erhebt sich die Erzählerin zur Dichterin. Möge sie der Kinderwelt noch recht oft solche urwüchsige und herzerfreuende Geschichten erzählen, sie sind dazu angetan, unsern Lieblingen fröhliche Gesichter und Herzen zu machen. Josephine Siebe hat’s von Gott, die rechte Heiterkeit nämlich, die sich fein unterscheidet von der lärmenden Lustigkeit.
(Alton. Nachr.)
Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf
Mit vier farbig. Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen
Die fünfzehn Geschichten haben es vorzugsweise auf das Fröhliche, die Komik, das drollig Vergnügliche abgesehen. Unsere Jugend muß sich wohlfühlen unter diesen Dorfkindern, die sich so herzensfroh ihres Daseins freuen, und die so lebenswahr vorgeführt werden in ihrer Harmlosigkeit und Natürlichkeit, in ihren unschuldigen Freuden und Vergnügungen, aber auch in ihren kleinen und großen Leiden und Sorgen. Es ist eine recht humorvolle Lektüre.
(Die Gartenlaube)
Die Oberheudorfer in der Stadt
Reich illustriert
Alle, die die Oberheudorfer Kinder aus den früheren Erzählungen von Josephine Siebe kennengelernt haben, werden sich freuen, ihnen hier wieder zu begegnen, freuen auch, daß es dieselben prächtigen, frischen Buben und Mädel sind, die in ihrem kleinen Dorf so viel echte Herzensbildung gewonnen, daß sie manch hochgebildeten Städter beschämen und ihm im Guten vorangehen können. Bei ihren Besuchen des alten Kameraden, der in der Stadt das Gymnasium besucht, erleben sie manches, bleiben aber immer in drolligster Art Herren der Lage.
(Schwäbischer Merkur)
Dudeleins Garten und Schippels Kinder
Ein heiteres Kinderbuch mit vier farbigen Vollbildern
Die beliebte Verfasserin führt hier eine Anzahl Kinder eines Mietshauses vor, deren Versammlungsort »das Himmelreich«, die Mauer eines an den Hof stoßenden Parkes ist. Wie die Sehnsucht der Kleinen nach den Schönheiten dieses prachtvollen Gartens gestillt wird, und wie eine einsame, alte Frau durch diese Kinder wieder Freude am Leben findet, das wird den jungen Lesern viel Vergnügen bereiten.
(Reclams Universum)
Im Hasenwunderland
Ein fröhliches Kinderbuch mit zwölf farbigen Vollbildern und vielen Textillustrationen
»Im Hasenwunderland« gehört zu den Büchern, die den Kleinen lieb werden müssen, zumal zu der glücklichen Idee, Meister Lampe zum Helden einer wunderbaren Geschichte zu wählen, eine ganz ausgezeichnete illustrative Ausstattung von Joseph Mauder hinzutritt, ausgezeichnet, weil echt kindlich empfunden, wie übrigens auch die ganze Erzählung, die schlicht und einfach die Abenteuer aus der Welt der Familie Hase nebst Anverwandten vorträgt. Wir können dieses ganz vorzügliche Kinderbuch nicht warm genug empfehlen.
(Neue Zürcher Zeitung)
Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
Lustige Erzählungen für die Jugend
Rose, Linde und Silberner Stern
Erzählung für die Jugend von Josephine Siebe
Reich illustriert
Mit viel Aufwand von Lustigkeit und Humor, dem ein schöner, tiefer Ernst nicht mangelt, erzählt hier Josephine Siebe von dem Leben und Treiben einer Kinderschar aus der Rose, der Linde und dem Silbernen Stern, drei befreundeten Häusern einer Kleinstadt, und weiß die drolligen Vorgänge mit so viel Spannung und guter Laune zu schildern, daß die kleinen Leser das Buch hochbefriedigt aus der Hand legen werden. Unter den Siebeschen Büchern steht diese Erzählung ohne Zweifel mit an erster Stelle.
Das Mondscheinprinzeßchen
Eine heitere Kindergeschichte von Thea von Harbou
Mit vier bunten Vollbildern
Taufrisch, voll warmer Lebensfreude und harmlosen Übermuts ist die Erzählung von der verzogenen, grämlichen Mondscheinprinzeß Johanna, die in das Forsthaus und in die derben Fäuste der Hubertusrangen gerät, die ihr den eigensinnigen Kopf zurechtsetzen und die steifen, matten Glieder durchkneten, bis sie straff und gelenkig werden. An der Hand der liebreichen Hausmutter entdeckt Mondscheinprinzeßchen ihr Herz und erfährt, daß man nicht immer an sich selbst denken, sondern andern Liebes erweisen soll. Ohne Zweifel wird diese Erzählung den Kleinen viel Freude bereiten.
(General-Anzeiger für Hamburg)
Frohe Jugend
Hundertein schöne Kindergeschichten von Helene Stökl u. Frau Juliane
Mit zahlreichen Illustrationen
Und ein gar liebes, den ganz Kleinen gewidmetes Buch heißt »Frohe Jugend«. Es sollte in den Kinderstuben recht heimisch werden. Die kurzen, ganz reizend erzählten Geschichtchen aus den verschiedensten Gebieten, aber alle von einem warmen, poetischen Unterton getragen, sind wie wenige geeignet, Phantasie und Gemüt des kleinen Volkes zu beschenken. Vortrefflich eignen sie sich zum Vorlesen und Nacherzählen.
(Leipziger Ill. Zeitung)
Kasperle auf Reisen
Eine lustige Geschichte von Josephine Siebe
Mit vier farbigen Vollbildern
Einen ganz eigenartigen Stoff hat sich die bewährte Jugendschriftstellerin diesmal erkoren. Der Puppenschnitzer Friedolin findet beim Stöbern in einem alten Schrank ein aus langem Zauberschlaf erwachendes Kasperle, das bereits seinen Vorfahren als Modell gedient hat. Die Wanderlust treibt Kasperle indes im Frühjahr aus dem Waldhaus in die weite Welt hinaus, wo der schnurrige Schelm die merkwürdigsten Abenteuer erlebt und sich in dem Schloßtöchterlein Rosemarie und dem Geißbuben Michele treue Freunde erwirbt, bis er schließlich nach allerlei lustigen Erlebnissen wieder ins Waldhaus heimfindet.
(Breslauer Zeitung)
Die Sternbuben in der Großstadt
Eine heitere Geschichte von Josephine Siebe
Mit vier Vollbildern
Die beiden Buben der Wirtin vom »Silbernen Stern« in Breitenwert werden von ihrer Pate zum Besuch nach Leipzig eingeladen und erleben auf der Fahrt und in der Großstadt die drolligsten Abenteuer. Ihre Erlebnisse sind mit überwältigender Komik geschildert.
(Reclams Universum)
Kasperle auf Burg Himmelhoch
Lustige Geschichte v. Josephine Siebe
Mit farbigem Decken- u. Vollbild und zahlreichen Scherenschnitten
Der Untertitel verspricht nicht zu viel: es ist wirklich eine lustige Geschichte, und vor allem weiß die Verfasserin so zu erzählen, wie man Kindern erzählen muß. Jede Mutter, die aus diesem Buch ihren Kleinen vorliest, wird ihre helle Freude daran haben, wie die Kinder mit gespanntem Blick an ihren Lippen hängen und immer wieder in fröhliches Gelächter ausbrechen, wenn der potzlustige kleine Spaßmacher wieder einen neuen Unfug ausgeheckt hat und sich in jeder Lebenslage zu helfen weiß. Die vielen Scherenschnitte, ganz im Ton der lustigen Geschichte gehalten, bedeuten eine wertvolle Bereicherung des Buches.
(Revaler Bote)
Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
Unsre illustrierte, billige Jugendschriftenreihe:
Lieblingsbücher der Jugend
Bisher erschienen:
Bd. 1: Im Schlaraffenland
und andere Märchen von Ludwig Bechstein
Bd. 2: Die wilden Schwäne
und andere Märchen von H. Chr. Andersen
Bd. 3: Das Riesenspielzeug
und andere deutsche Sagen von Grimm, Bechstein u. a.
Bd. 4: Mein liebes Fabelbuch
Mit Fabeln v. Aesop, Lessing, Gellert
Bd. 5: Lustige Geschichten
fürs kleine Volk. Beiträge von Stökl, Hebel, Schwab
Bd. 6: Abenteuergeschichten
aus fernen Ländern von Sealsfield, Cooper, Wörishöffer u. Zwilgmeyer
Bd. 7: Der Knabe des Tell
Erzählung für Jugend und Volk von Jeremias Gotthelf
Bd. 8: Das Drachenried
Schweizer Sagen und Heldengeschichten I von M. Lienert
Bd. 9: Das tapfere Schneiderlein
und andere deutsche Sagen aus Österreich
Bd. 10: Die sieben Schwaben
und der Spiegelschwab von L. Aurbacher
Bd. 11: Der gehörnte Siegfried
u. der arme Heinrich von G. Schwab
Bd. 12: Die Schildbürger
von Gustav Schwab
Jeder Band mit buntem Einlagebild und vielen Textillustrationen
Unter der bewährten Leitung Dr. Otto Brandstädters liegen die von verschiedenen Schriftstellern bearbeiteten schmucken Bändchen der »Lieblingsbücher der Jugend« vor, deren Inhalt in Märchen und Erzählungen, Sagen und Heldengeschichten gesunde Kost, Unterhaltung und Anregung bringt für Jugend und Volk.
(Schwäbischer Merkur)
Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die ganzseitigen Abbildungen wurden auf die referenzierte Seite verschoben.