Die Fahrt nach Schönblick.

Einmal, so um die Sommerferienzeit, sagte der neunjährige Hellmut beim Mittagessen: „Kirchners verreisen; Max sagt, er kann dann auf 'nem richtigen Schiff fahren, immer, alle Tage.“

Die zehnjährige Else bekommt unruhige, erwartungsvolle Augen, und Sehnsucht schwingt in ihrer Stimme, als sie erzählt: „Bei uns in der Klasse reisen fast alle.“

In dem blassen Gesicht der Mutter zuckt es, sie sieht an ihrem Mann vorbei; denn sie weiß genau, der denkt jetzt: Könnte ich doch mit euch auch eine Ferienreise machen, einmal ein paar Wochen lang im Walde leben. Im Wald, den er so liebt, er, der Förstersohn.

Wenn nur nicht alles so teuer wäre, wenn man nur einmal etwas sorgloser dem Tage leben könnte!

Weil die Eltern schweigen, verebbt das Gespräch.

Den beiden Kleinen, die mit ihren fünf und drei Jahren ohnehin noch keine Reisesehnsucht kennen, ist es gleich, ob eine oder zehn Klassen reisen, und Ferdel schwatzt lustig dazwischen, und die sinnige Marie freut sich an den bunten Flecken, die hinter einem geschliffenen Glas auf dem weißen Tischtuch glitzern.

Die Tage eilen, die Ferien sind nahe.

Bei Hahns werden keine Reisepläne geschmiedet. Bis eines Tages doch die Reisefreude in das Zimmer tritt und Gastrecht erhält. Else und Hellmut erhalten eine Einladung von Vaters Schwester, sie zu besuchen. Die Tante lebt in einem Nest am Thüringer Wald, einem Städtchen, das beinahe in einer Spielzeugschachtel Platz hat, so klein ist es. Und klein ist auch der Tante Häuschen, winzig ihr Geldbeutel, doch groß ihre warme Güte. Sie hat die Sehnsucht in der Schwägerin Brief verstanden und gedacht: zwei bring' ich zur Not unter und durch; wenn es doch alle sein könnten! Die zwei, die kommen dürfen, sind selig. Sie fahren am ersten Ferientag zur Stadt hinaus. Strahlender als mancher, der eine Weltreise macht und denkt, wenn sie nur recht viel Geld kosten möchte, damit ich etwas los werde, sitzen sie in der vierten Klasse. Sechs Stunden Fahrt, vier Wochen Ferien, was sind alle Freuden der Welt dagegen!

„Und wir reisen auch“, sagt der Vater, als er mit seiner Frau vom Bahnhof aus heimkehrt. „Nächsten Mittwoch früh bis nach — Schönblick.“

Ach du lieber Himmel, diese weite Reise!

Drei Haltestellen weit liegt Schönblick am Rand eines Kiefernwaldes. Sandweg bis hin, karg die Natur, äußerste Bescheidenheit gab ihm den Namen. Doch als Frau Marie, trotz des heiteren Tons, den Kummer in ihres Mannes Augen sieht, ihr nur so eine dürftige Freude bieten zu können, lächelt sie tapfer und sagt ganz heiter: „Ich freu' mich darauf.“

Den Zwang zur Freude haben die kleine Marie und Ferdel nicht nötig. Sie jauchzen laut, denn die Geschwister haben so viel von ihrer Reise erzählt, daß nun auch in ihnen die Lust erwacht ist, zu reisen, und Ferdel schreit wieder: „Will mit der Puffpuffbahn fahren.“ Und flink rutscht er Stühle zusammen, Marie muß einsteigen, ihre Puppenkinder dazu, ein Sofakissen wird freundlich zur Mitfahrt eingeladen, und fort geht die Reise.

„Wohin?“ — „Schönblick.“

„Und weiter?“ — „Balin!“

„Noch weiter!“ — „Auf'n Mond. Puff, puff, puff!“

Abends im Bettchen wird die Reise fortgesetzt. Ferdel fährt ins Traumland hinein und murmelt schon halb im Schlafe: „Puffpuff, mußt einsteigen, Mie!“

Sie brauchen gar keine Reise; ihre Phantasie trägt sie ja noch in goldene Wunderländer, denkt Frau Marie wehmütig. Ihr fehlt jede Lust zur Fahrt, aber sie muß daran denken, denn der Kinder Fragen umschwirren sie gleich am nächsten Morgen.

„Mutti, wann reisen wir?“ — „Mittwoch!“

„Wann ist Mittwoch?“ — „Noch dreimal müßt ihr schlafen gehen!“

„Und dann?“ — „Dann ist Mittwoch und wir reisen.“

„Sechs Stunden, Mutti?“ — „Nein, dreiviertel Stunden!“

„Ach, so lange.“

„Mutti, was zieh ich an?“ „Mutti, darf ich meine Trommel mitnehmen?“ „Mutti, darf Lotte mit?“ Lotte ist das liebste Puppenkind. „Mutti, kommt der Hansi mit?“ Hansi zwitschert im Bauer, als hätte er wirklich Reisesehnsucht. „Mutti, darf ich Blumen suchen?“ „Mutti, kann ich auf der Lomotive sitzen? Ganz vorn, ja, Mutti?“

Es nahm kein Ende mit den Fragen, hunderterlei Dinge fielen den Kindern ein, nur an das schöne Reisewetter dachten sie nicht, das erschien ihnen selbstverständlich.

Und ihr froher Glaube, daß nichts die Reise nach Schönblick stören könnte, wurde nicht getäuscht. Ein Tag voll Sonne brach an, und als die vier Reisenden am Mittwochmorgen zeitig nach der Bahn wanderten, kam es Frau Marie wirklich vor, als wären sie im Begriff, eine große Reise zu tun.

„Laß alle Sorgen hinter dir,“ bat der Mann herzlich, „wir wollen froh sein.“

In Schönblick im Kiefernforst!

Frau Marie schwieg. Sie überließ es dem Vater, die vielen Fragen zu beantworten, ließ ihn Ferdel trösten, der durchaus auf der Lokomotive sitzen und pfeifen wollte, ihr Blick ging zum Fenster hin. Großstadtbilder, lange Straßen, hohe Häuser, große, aufdringliche Geschäftsanzeigen daran, ein paar Bauplätze, ein Gartenwinkel und wieder Straßen, Häuser und Fabriken; nun mehr Gärten, Eigenhäuser, ein Stück Wald, wieder Häuser, und zuletzt die weite, stille Ebene. Flachland, durch das ein Flüßlein rann. Da waren sie am Ziel. Der Kiefernwald stand dunkel gegen den Himmel, der wie blaue Seide glänzte, mit goldenen Fäden darin. Es stiegen nur wenige Menschen auf der Haltestelle aus, keine Überfüllung wie an Sonntagen, und den Weg zum Walde hin wanderte niemand.

Des Kornes goldene Breiten wogten, und das erste, was die Kinder erblickten, waren ein paar Kornblumen. Mit einem Jubelschrei lief Marie zu ihnen hin. Ferdel aber blieb wie festgenagelt mitten auf dem Wege stehen, starrte mit großen Augen erschrocken auf etwas, das sich langsam bewegte — ein Regenwurm.

Er hatte noch nie einen gesehen.

Wäre ein Löwe dahergekommen, groß und stattlich, er hätte ihm vielleicht zutraulich entgegengeblickt, der Regenwurm flößte ihm unsägliche Angst ein, und erst, als er an der Mutter Hand ein Stücklein dem Tier entronnen war, atmete er auf, befreite sich und sah sich nach neuen Abenteuern um.

Marie hatte auch etwas entdeckt, sie hatte eine Schnecke gefunden, die saß in ihrem gelben Häuschen und kümmerte sich wenig darum, daß zwei Menschlein sie sehen wollten, sie kam erst wieder aus ihrem Haus, als der Vater sie auf ein Wegebreitblatt setzte und alle still von ferne standen, da streckte sie sacht ihre feinen, kleinen Fühlhörner aus.

Ein Wunder schien den Kindern dies einsame kleine Leben, sie konnten sich nicht davon trennen, bis ein paar Schmetterlinge an ihnen vorbei über den Weg flatterten. Die langsame Schnecke hatte sie zum stillen Zuschauen gezwungen, der Schmetterlinge leicht beschwingtes Gaukeln erweckte ihre Unruhe. Sie rannten den bunten Faltern nach, sahen andere, wollten sie greifen, bis Marie auf dem Wege ein neues Wunder erblickte.

Ein Käferlein kroch da, schwerfällig, stahlschimmernd. Mistkäfer wird er genannt, Marie fand ihn süß.

Der Vater lachte über ihr Entzücken und er streifte von einem Halm einen anderen Käfer, grüngolden schimmerte der und Marie ließ den Mistkäfer seines Weges ziehen, ihr kleines Herz wandte sich flink dem zu, der glänzte.

Der Weg zum Walde war nicht weit, und doch brauchten die Wanderer lange dazu, denn die Kinder erlebten auf der kurzen Strecke so viel, daß der Vater meinte, am Ende des Tages würde es sein, als hätten sie eine Weltumseglung hinter sich. Und dann tat sich ihnen der Wald auf. Es war der karge Wald der sandigen Ebene. Kiefern, dazwischen mal ein heller Birkenstreif, die Blumen blühten spärlich, und ein kleiner dunkler See im Walde war seine größte Schönheit. Aber Marie und Ferdel waren nicht verwöhnt, die waren noch nie in einem richtigen Wald gewesen, und sie betraten den bescheidenen Forst, als läge in ihm das goldene Wunderschloß der Märchenkönigin.

Ferdels Mund stand nicht still. Das ewige „Warum“ nach dem Ursprung aller Dinge, das dem Erwachsenen oft noch an der Grenze des Lebens auf den Lippen brennt, wandelte sich bei ihm zu einem „Weilrum“.

„Weilrum Mutti sind die Bäume so groß? Vati, weilrum heißt es Wald?“ Und weilrum, weilrum immerzu.

Marie ging still versonnen einher, sah zu den Bäumen empor und ungeheuer erschienen ihr die dünnstämmigen Kiefern, deren Kronen im goldenen Licht des Sommertages standen. Scheu, beklommen fragte sie endlich leise: „Mutti, wer hat die Bäume gemacht?“

„Der liebe Gott!“

Da schlossen sich sacht die kleinen Hände zusammen und tief aus dankerfülltem Herzlein heraus klang es. „Lieber Gott, dankeschön, daß du die feinen Bäume gemacht hast.“ Und ehe noch die Mutter nach dem Sinn des Dankes, der dem Schatten galt nach dem sonnenheißen Zuweg, fragen konnte, kam schon wieder eine Frage: „Mutti, geht der liebe Gott oft im Walde spazieren?“

Der Antwort auf diese schwere Frage wurde Frau Marie enthoben, ihr Mann sagte mahnend: „Seid still, ganz still, dort kommen Rehe.“

Drei waren es, die schlank und zierlich daherkamen, ein paar dürre Zweige knackten, die Rehe schritten ganz langsam, doch plötzlich stutzten sie, sie hatten der Menschen Nähe gespürt, eine Sekunde nur, dann rasten sie davon und verschwanden im Walde.

Den Kindern war's wie ein Märchen. Marie hielt den Atem an, sie zitterte vor Erregung, Ferdel jedoch tat sein Mäulchen weit auf und schrie: „Dabeiben, Rehe dabeiben!“ Doch sein Stimmlein verhallte, die Rehe hatten kein Ohr dafür, und so sehr auch Ferdel eilte, er kam ihnen nicht nach.

Es wurde nun heller im Walde, ein paar Minuten noch und die Wanderer standen auf einer kleinen Lichtung, ein abgeholztes Stück, auf dem sich Buschwerk und Blumen angesiedelt hatten, hier summten wieder die Insekten und flatterten die Schmetterlinge.

„Hier wollen wir rasten,“ sagte der Vater, „wir sitzen im Schatten und haben vor uns das Licht. Das ist gut!“

Sie fanden es alle gut, die Kinder, die Entdeckungsreisen auf die kleine Lichtung antraten, und die Mutter, die heiter die ruhsame Stille genoß. Fern aller Stadtlärm, in die Weite gerückt alle Alltagsmühe, alle kleinen und großen Sorgen, stille die Stunden und doch so voll Erleben. Immer wieder kamen die Kinder an, sie hatten eine unbekannte Blume gefunden, hatten einen höchst seltsamen schwarzen Vogel gesehen und wollten es nicht glauben, daß es eine Krähe war, sogar eine Blattwanze brachte Ferdel mit lautem Freuderufen an. Und dann fanden sie einen Ameisenhaufen, und der Vater erzählte ihnen von dem emsigen kleinen Volk, und Ferdel verlangte stürmisch Ameisen mitzunehmen, er träumte schon von einem Ameisenhaufen mitten in der Wohnstube. Er war überhaupt sehr dafür mitzunehmen, während Marie selbst die Blumen mit behutsamer Scheu pflückte.

Frau Marie hatte Mundvorrat eingepackt, sie brauchten darum kein Gasthaus aufzusuchen und so blieben sie auf dem gewählten Platz, blieben viele Stunden, die erschienen ihnen kurz und doch lang; als der Vater zum Aufbruch mahnte, riefen alle: „schon?“, und nachher sagte die Mutter doch: „Es war, als hätte ich eine weite Reise gemacht.“

„Jedenfalls müßte man ein Buch schreiben von alledem, was unsere Kinder heute gesehen haben“, sagte der Vater, als sie dem Bahnhof zuschritten und in die rote Glut des Abendhimmels sahen. Die vielerlei kleinen Stimmen, die am Tage so laut gesummt und getönt hatten, schwiegen nun, doch dafür zirpten die Grillen laut, und in einem Tümpel am Wege quakten die Frösche. Das waren die letzten Laute von draußen, die die Kinder hörten, und darum redete Ferdel zuletzt nur von den Fröschen, und Marie verlangte das Märlein vom Froschkönig zu hören. Doch sie schlief darüber ein. Kaum saßen sie im Abteil des Heimzuges, da fielen den Kindern die Augen zu. Sie waren müde von Luft und Sonne, von den vielerlei Ereignissen des Tages und ihre Gesichtlein sanken tief herab auf die welken Blumen in ihren Händen. Auch Frau Marie war müde, aber sie schlief nicht, sie träumte vom Walde draußen, und als die Großstadt wieder begann, die Bahn wieder an den hohen Häusern mit den aufdringlichen Geschäftsanpreisungen daran vorbeifuhr, da sagte sie noch einmal: „Es ist mir, als hätte ich eine weite Reise gemacht, eine schöne Reise.“

Ihre Hand suchte die ihres Mannes, und der sagte nachdenklich: „Ich dachte an den Wald meiner Jugend, er war reicher, war schöner deutscher Hochwald, und doch habe ich ihn heute wiedergefunden im seligen Erleben unserer Kinder.“