Hansels Liebe.

Elf Tanten und vier Onkels, alle sollte Hansel lieben, und er stopfte sie auch wirklich alle in sein Herzelein hinein, so gut es ging, er spendete Patschhände und freundliche Blicke, er ließ sich auch mal küssen, doch glücklicherweise nicht allzugern. Und wenn die Tanten gar zu lange bei seiner Mutter blieben, war er höflich und öffnete die Flurtüre und rief in das Zimmer hinein: „Ich habe schon die Türe aufgemacht.“

Machte er Pläne für künftige Lebenszeiten, er schwankte, ob er Kutscher, General oder Schutzmann werden sollte, dann brachte er auch da und dort einen Onkel oder einige Tanten unter, von letzteren versprach er etlichen die Ehe und einen Onkel ernannte er schon zu seinem Trompeter, im Fall er das Generalsein erwählte.

Die Tanten waren mitunter ein bißchen eifersüchtig gegenseitig auf Hansels Liebe, obgleich der Kleine seine Gunst ziemlich gerecht verteilte und die Schokolade von Tante Anna genau so gern aß wie die von Tante Ida, sie hätten aber alle gern in seinem kleinen Herzen auf dem Sofa neben Vater und Mutter gesessen, aber der Platz gehörte für einige Zeit jemand, der gar nichts davon ahnte.

Am eifersüchtigsten warb Tante Ida um Hansels Liebe; mit süßen Gaben, mit Spaß und Neckerei suchte sie das kleine Herz an sich zu fesseln, es gehörte ihr auch, bis die seltsame Nebenbuhlerin kam.

Ein Vorfrühlingstag war es. Ein rauhes Lüftlein wehte, und Tante Ida strebte mit Hansel heimwärts, sie fand, es sei Zeit, und sie war der Ansicht, ihr Tantenamt gut erfüllt zu haben. Eine Trillerpfeife — seine höchste Sehnsucht zur Zeit — steckte in seiner Tasche, ein Küchlein ruhte auf dem Grunde seines Magens, und immer hatte Tante Ida vorsichtig die Sonnenseite aufgesucht.

Und auf einmal walzte sie daher: „Hansels Liebe“.

Die Straße zitterte und dröhnte, schwarz, ungeheuer, fauchend kam sie angekeucht, die Dampfwalze.

Hansel stand wie angewurzelt.

„Komm“, mahnte die Tante, „komm!“

Hansel rührte sich nicht. Seine Augen ruhten unverwandt auf ihr, der Herrlichen. Was war selbst die Elektrische gegen sie!

Die Tante bat und mahnte, es half alles nichts. Hansel rührte sich nicht von der Stelle. Endlich rief die Tante, der es kühl um die Ohren wehte, ärgerlich: „Ich glaube wirklich, Hansel, du hast die Dampfwalze lieber als mich.“

Und Hansel drehte sich um, sah die Tante liebenswürdig mit seinen strahlenden Braunaugen an und sagte tröstend: „Nur ein bißchen, Tante.“ Vergessen waren alle Liebesbeweise, die Dampfwalze hatte gesiegt.

Wer kennt sich aus in einem Kinderherzen!

Hansel, der inzwischen ein Hans geworden ist, will Ingenieur werden. Wenn er das Dröhnen und Rasseln der Maschinen hört, wenn die Bahnen sausen, die Kraftwagen surren, wenn er den gewaltigen Rhythmus der Arbeit spürt, dann zuckt sein Herz in tiefer Freude, weil er ein Mitschaffender sein kann, und er lauscht dem Zusammenklingen der vielen Stimmen so hingegeben wie damals, als er die Dampfwalze erblickte.