Die fünf Schatzgräber.

In früheren Zeiten, in denen die Städte noch nicht so gewaltig groß wie heutzutage zu sein brauchten um mächtig zu sein, war auch Neustadt eine gar angesehene Stadt im deutschen Reiche gewesen. Wohlstand herrschte, und die Bürger wußten sich gut in mancher Fehde zu verteidigen. Der dreißigjährige Krieg aber, der so vieles in Deutschland vernichtete, zog auch verheerend über Neustadt hin, die Stadt wurde zum Teil zerstört, geplündert, und seitdem gelang es ihr nie wieder, sich zu einstiger Größe emporzuschwingen. In jener Zeit nun, so berichtete die Sage, hätten die Bürger einen großen Schatz vergraben, viel Geld, edle Steine und silberne und goldene Prunkgefäße. Die aber, die den Schatz vergraben hatten, wurden nachher, als die Feinde die Stadt einnahmen, getötet, und darum wußte später niemand mehr, wo eigentlich der Schatz vergraben lag.

Von diesem Schatz nun wurde in Neustadt in den Zeiten, die kamen und gingen, viel gesprochen. Früher hatte wohl mancher in aller Heimlichkeit sein Gärtlein umgegraben, und wurde ein Grundstein zu einem neuen Hause gelegt oder ein altes, baufälliges Haus eingerissen, immer gab es etliche, die hofften, der Schatz sollte sich schon finden. Er fand sich aber nicht, und zuletzt suchte niemand mehr so recht ernsthaft danach. Die Geschichte von dem Schatz wurde zu einem Märchen, das den Kindern erzählt wurde, und mancher Bube dachte wohl, wenn ich groß bin, suche ich den Schatz; wuchs er heran, dann vergaß er gewöhnlich sein Vorhaben.

Von dem vergrabenen Schatz nun sprachen an einem sonnenhellen Herbsttag fünf Kinder, die einträchtiglich, wie Schwälbchen auf dem Dachfirst, auf der alten Stadtmauer saßen. Dieses letzte Stück der einst so trutzigen Stadtmauer zog sich jetzt als Grenze zwischen einer engen Gasse und hübschen, schattigen Anlagen hin. Am Ende dieses Mauerrestes stand ein runder Turm, es war dies der letzte der acht Wachttürme, die Neustadt einst besessen hatte. In dem Turm, der noch fest und unversehrt dastand, wohnte nicht mehr wie einst eine Schar eisenbewehrter Wächter, sondern ein Pantoffelmacher, Klaus Hippel genannt. Und kriegerisch sah der ganze Turm auch nicht mehr aus, statt der Feuerbüchsen früherer Zeiten hingen an schönen Tagen zu den kleinen Fenstern des Turmes bunte Pantoffel heraus, und auf schwankendem Blumenbrettlein blühten Rosen, Geranien und lichtrote Kapuzinerkresse. Und Klaus Hippel selbst konnte keiner Fliege etwas zu Leide tun, er hantierte allzeit fröhlich mit seinem Handwerkszeug herum, fertigte wunderschöne, warme, weiche Pantoffel und war gut Freund mit allen Kindern, die sich die Anlagen an der Stadtmauer zum Spielplatz erkoren hatten.

Auf der alten Stadtmauer zu sitzen war eigentlich von Rats wegen verboten, aber von Pantoffelmachers wegen durften die Kinder darauf sitzen so viel sie wollten, sie taten es auch, und niemand kümmerte sich weiter darum. Vom Turmtor aus führte ein eisernes Wendeltreppchen auf die Stadtmauer hinauf, und Klaus Hippel lachte nur gutmütig, wenn er die Kinder das Treppchen hinaufklettern sah. Er selbst saß in seinem Stübchen hinter dem Blumenbrett bei seiner Arbeit, und seine ebenso fröhliche, wie gutmütige Frau Pauline wirtschaftete eifrig in ihrem kleinen Reich herum, und wenn die beiden alten Leutchen lachten, dann pfiff Mausel, der Dompfaff, vergnügt: „O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter!“

Oben im Turm war ein kleines Museum, da hingen allerlei Waffen und Rüstungen, auch ein paar alte Möbel gab es zu sehen; das Schönste aber war die Aussicht von oben, über das weite Land hin bis zum fernen Gebirge. Paulinchen Pantoffelmacher, wie die lustige kleine Frau im Städtchen genannt wurde, brauchte zwar selten das Turmgemach aufzuschließen, weil selten genug Fremde sich nach Neustadt verirrten. Kam wirklich mal jemand, dann rief Klaus Hippel: „Aufgepaßt, ein weißer Spatz fliegt in den Turm.“

Die fünf Kinder nun, die an diesem hellen Herbsttag auf der Stadtmauer saßen und von dem Schatz sprachen, waren Pantoffelmachers besondere Freunde. Im zierlichen, weißen Kleidchen saß in der Mitte Brigittchen Schön; so ganz unrecht trug die Kleine ihren Namen nicht, sie war wirklich sehr lieblich, hatte lockiges, dunkelblondes Haar, ein zartes, feines Gesicht und Augen so blau wie zwei Veilchen. Brigittchen war das einzige Kind eines wohlhabenden Kaufmannes. Reich war der Herr Schön, dabei aber doch arm, ihm waren vor wenigen Jahren sein liebes Weib und sein kleiner Sohn gestorben, und nur Brigittchen war übrig geblieben. Eine ältere Verwandte, Fräulein Mathilde, hütete das Haus; sie meinte, es sei genug wenn sie dafür sorgte, daß die Kleine immer weiß wie ein Maiglöckchen angezogen sei. Daß ein Kind recht viel Liebe braucht, gerade so wie eine Blume den Sonnenschein, daran dachte sie nicht, und wenn der Vater verreist war, was oft geschah, dann wäre Brigittchen recht verlassen gewesen, wenn es nicht so gute Freunde gehabt hätte. Freunde hatte nun freilich die Kleine, wie man sie sich nicht besser wünschen kann, Freunde, die, wenn es darauf angekommen wäre, für sie durch Feuer und Wasser gegangen wären. Auch heute saßen ihre Freunde mit ihr zusammen auf der Stadtmauer. Da war zuerst ihre allerallerbeste Freundin Anne-Marte Fabian und deren Bruder Jörgel. Der Vater der Kinder war ein tüchtiger und beliebter Arzt im Städtchen, und das Doktorhaus lag am Kirchplatz, dicht neben Brigittchens Vaterhaus. Dann waren auch noch die beiden Bäckerbuben Wendelin und Severin Gutgesell da, die in der Marienstraße wohnten, und die dem Brigittchen so treu ergeben waren, daß sie mit Vergnügen die schönsten Prügel eingeheimst hätten, wenn sie damit der Kleinen einen Gefallen getan hätten. Das verlangte Brigittchen nun freilich nicht, ja, wenn ihren Freunden nur ein geringes Leid geschah, so weinte sie so bitterlich, daß es beinahe eine Überschwemmung gab. Und dem Weinen nahe war die Kleine auch an diesem Herbsttage; überhaupt sahen alle fünf Freunde so aus, als sei ihnen die Petersilie verhagelt, und trotzdem war es doch der erste Tag der Herbstferien und acht schulfreie wundervolle Tage lagen vor ihnen. Sie waren auch am Morgen in seliger Lust ausgezogen, um allerlei Vergnügliches zu unternehmen; der erste Besuch sollte Pantoffelmachers gelten, Frau Paulinchen hatte versprochen, ihnen wieder mal das kleine Museum recht gründlich zu zeigen, und Klaus Hippel wollte ihnen eine Geschichte aus seinem Lieblingsbuch vorlesen; dies war eine alte Chronik der Stadt Neustadt. Aber ach, die erhofften Freuden wurden bald zu Wasser. Statt sie wie sonst mit Singen, Pfeifen und schalkhaften Worten zu begrüßen, murmelte der Pantoffelmacher an diesem hellen Morgen nur verdrießlich: „Na, seid ihr da?“ Und tief seufzend nähte er so emsig an seinem Pantoffel weiter, als stände jemand barfuß neben ihm und schrie: „Eil dich doch, ich friere ja an meine Füße!“

An dem Kachelofen aber saß Frau Paulinchen und weinte herzbrechend, und weil Brigittchen nun mal niemand weinen sehen konnte, ohne mit zu weinen, flossen auch gleich ihre Tränen, und wenn die Freundin weinte, mußte Anne-Marte auch weinen, und so schluchzten denn die Mädels jämmerlich los. Den Buben wurde es ungemütlich, Tränen waren ihnen ein Greuel, Severin, der blonde Bäckerbube, riß krampfhaft die Augen auf, und Wendelin, der Schwarzkopf, knipste sie fest zu. Nur nicht etwa mitheulen! Jörgel zupfte seine Schwester und brummte: „Heul’ man nicht so, es ist ja schrecklich!“

Die Ermahnung half nicht viel, und so trat Jörgel dicht an den alten Klaus heran und fragte: „Was ist denn los?“

„Was nicht angebunden ist,“ brummte der Pantoffelmacher, „potzwetter ja, hört doch auf mit dem Geflenne!“

Dabei aber rollten dem alten Mann selbst langsam zwei schwere Tränen über das runzelige Gesicht, er sah so traurig aus, daß die Kinder fühlten, hier war ein rechtes Leid eingekehrt.

Sie hätten es aber wohl so bald nicht erfahren, was geschehen war, wenn nicht urplötzlich der Schneidermeister Langbein, der trotz seines Namens so kurz war wie der kürzeste Tag im Jahre, in die Stube geflitzt wäre: „Nachbar, Nachbar,“ schrie er aufgeregt, „ist’s wahr, daß euer Schwiegersohn so viel Geld verloren hat?“

Ja, es war so. Mutter Paulinchen rang jammernd die Hände, und ihr Mann erzählte dem Schneidermeister die ganze traurige Geschichte. Der Schwiegersohn der alten Leute, Friedrich Lange, war ein braver, rechtlicher Mann, er war als Kassenbote in dem größten Bankgeschäft angestellt. Am vergangenen Tag hatte er Geld austragen sollen, er war schon seit einigen Tagen krank gewesen, hatte aber seinen Dienst nicht versäumen wollen. An diesem Nachmittag nun wurde ihm auf einmal schwindelig, gerade als er durch den Stadtwald ging, da hatte er sich zum Ausruhen ein Weilchen auf eine Bank gesetzt, dann war er weiter gegangen. Plötzlich aber hatte er seine Geldtasche vermißt. Hatte er sie verloren, war sie ihm gestohlen worden? Er wußte es nicht, er war gleich umgekehrt und hatte gesucht, vergeblich, nirgends war die Tasche zu finden gewesen. Stundenlang hatte er noch gesucht, war auf die Polizei gelaufen, den Verlust zu melden, alles vergeblich. Der Direktor der Bank war, als ihm die Sache erzählt wurde, so zornig gewesen, daß er den armen Mann gleich entlassen und ihm gedroht hatte, er würde ihn anzeigen, wenn er nicht binnen drei Tagen das Geld herbeischaffte. „Und wenn wir zusammen alle unsere ersparten Groschen hergeben,“ klagte der alte Klaus, „dann reicht es noch nicht einmal, und die gute Stellung hat mein Schwiegersohn auch verloren, wo wird er nun Arbeit finden.“

Es war wirklich sehr trübselig in dem alten Turm gewesen, bedrückt waren die Kinder von dannen geschlichen, und niedergeschlagen saßen sie nun auf der Stadtmauer und überlegten, wie dem Pantoffelmacher zu helfen sei. Ach, in ihren Sparbüchsen war auch nicht viel Geld. Jörgel sagte verächtlich, als Brigittchen davon sprach: „Das nutzt gar nichts, viel mehr Geld müssen wir haben.“

„Wenn wir den Schatz fänden,“ sagte Wendelin plötzlich sinnend.

„Ja wenn, wo liegt er denn, wenn wir das nur wüßten?“ brummte Severin.

„Im ehemaligen Klostergarten, Heine hat’s gesagt,“ murmelte Wendelin halblaut, als fürchtete er, jemand könnte das große Geheimnis hören.

Heine war ein Bäckergeselle, der für die beiden Bäckerbuben ein Orakel war. Sie fragten Heine nach allen möglichen Dingen, und wenn Heine etwas sagte, stimmte es sicher.

„Im Klostergarten?“ rief Jörgel, „das könnte schon sein, Klaus hat auch einmal gesagt, das Kloster sei einst reich und mächtig gewesen?“

„Wir wollen den Schatz suchen,“ sagte Brigittchen eifrig. „Paßt auf, wir werden ihn finden, dann helfen wir Klaus und schenken allen Leuten was zu Weihnachten!“

„Fein,“ schrie Anne-Marte und baumelte vor Vergnügen so mit ihren Beinchen, daß der Mörtel von der alten Stadtmauer herabrieselte.

„Fein wär’s schon,“ meinte auch Wendelin, und Severin und Jörgel riefen wie aus einem Munde: „Wir können ja mal suchen!“

„Einen Schatz graben soll aber gefährlich sein,“ flüsterte Wendelin; Brigittchen und Anne-Marte quiekten graulich: „Nein, nein, wir fürchten uns!“

„Vor was denn, ihr Mauerschwalben?“ fragte eine Männerstimme. Unten auf dem Promenadenweg stand ein Herr, der lachend die fünf auf der Mauer betrachtete. Jörgel erkannte seinen Onkel, Stadtrat Weber, in dem Spaziergänger und dachte, nun würde es Schelte geben, weil er auf der Mauer saß, doch der Onkel nickte ihm nur freundlich zu und ging weiter. Die fünf aber steckten die Köpfe zusammen und tuschelten und wisperten, große Pläne waren es, die sie schmiedeten, sie bekamen leuchtende Augen und heiße Wangen und beinahe wären sie zu spät zum Essen gekommen, so eifrig hatten sie miteinander beraten.

An diesem Nachmittag suchten Wendelin und Severin den Bäckergesellen Heine in der Backstube auf. Der war gerade aufgestanden, denn so ein armer Bäcker muß die Nacht zum Tage machen und umgekehrt. Ein bißchen knurrig und verschlafen sah Heine daher den Buben entgegen, kaum hatte er aber gehört, was sie wollten, da wurde er gleich putzmunter. An den vergrabenen Schatz hatte er nämlich schon lange gedacht, er meinte, etwas Wahres würde schon an der Geschichte sein, weil er sich aber nicht auslachen lassen mochte, hatte er noch mit niemand ernstlich darüber geredet. Auch war er recht furchtsam und meinte, ohne ein Gespenst könnte es beim Schatzgraben sicher nicht abgehen. „Heisa,“ dachte er nun, „vielleicht finden die Kinder wirklich den Schatz, dann bekommst du auch deinen Teil, und finden sie ihn nicht, na, dann bist du wenigstens nicht der Ausgelachte und geschehen kann dir auch nichts.“ Er gab also den beiden bereitwilligst Auskunft. „Der Schatz liegt sicher unter dem sogenannten Schwedenstein auf dem alten Klosterhof,“ sagte er, „dort grabt ihr einfach morgen, wenn es dunkel ist, ihr müßt halt so lange graben, bis ihr den Schatz findet!“

Wendelin und Severin nickten. Ja, das war schon recht einfach, wenn nur die Dunkelheit nicht gewesen wäre. Das Graben selbst beunruhigte sie nicht weiter, denn das Stück vom Klosterhof, auf dem sich der Schwedenstein befand — ein altes Steindenkmal, dessen Inschrift niemand mehr lesen konnte — war den Buben recht gut bekannt. Es war der Grasgarten, der an die Bäckerei stieß, ein stiller, verlorener Winkel, der auf der einen Seite vom Kreuzgang der Marienkirche begrenzt wurde. Obstbäume standen jetzt da, wo vor langen Zeiten fromme Mönche gewandelt waren, und die Frau Bäckermeisterin Gutgesell trocknete ihre Wäsche auf dem Platz.

Einen richtigen, wohlgepflegten Garten anzulegen, dazu hatte niemand recht Zeit im Bäckerhause; der Vater meinte, ein Grasgarten sei für die Buben gerade ein rechter Spielplatz, und an warmen Sommerabenden saß die Familie gern in der grünen Wildnis, es vermißte niemand gepflegte Wege und zierliche Blumenbeete.

„Warum nur abends, am Tage können wir doch gerade so gut graben?“ murrte Wendelin.

„Nee, das geht und geht nicht; wer einen Schatz graben will, der muß es in der Dunkelheit tun, sonst findet er ihn nicht, und der Mond muß scheinen, und der scheint morgen gerade, also ist’s recht,“ beharrte Heine. Der gute Heine war nämlich nicht allein furchtsam, sondern auch noch schrecklich abergläubisch, „es geht schon über die Hutschnur, wie sehr,“ pflegte der Altgeselle Martin zu sagen.

Wie töricht eigentlich der gute Heine mit all seinem Aberglauben war, das merkten freilich die Buben nicht, und sie glaubten ihm auf’s Wort. Sie seufzten zwar sehr, und der Gedanke an das nächtliche Schatzgraben legte sich ihnen wie eine Zentnerlast auf das Herz. „Uff,“ ächzte Wendelin, „das wird graulich,“ und Severin stöhnte herzbrechend.

Auch Jörgel, Anne-Marte und Brigittchen fanden die Sache sehr bedenklich. Zwei Tage lang gingen alle fünf mit sorgenvollen Gesichtern herum. Als aber am dritten Tage Tante Mathilde erzählte, man habe den Schwiegersohn vom alten Turmwärter Hippel ins Gefängnis gesteckt, da schluchzte Brigittchen bitterlich, und weinend sagte sie zu ihren Freunden: „Wir müssen den Schatz holen!“

Es traf sich, daß am nächsten Tage Doktor Fabian mit seiner Frau über Land fuhr, Brigittchens Vater war wieder verreist, so konnten die Kinder noch nach dem Abendessen in das Bäckerhaus eilen, ohne daß es jemand recht beachtete. „Komm rechtzeitig wieder,“ sagte Tante Mathilde zu Brigittchen, dann vertiefte sie sich in ein Buch und vergaß darüber die Zeit. Die Köchin Marie bei Doktor Fabian aber saß in der Küche und strickte, schlief darüber ein und merkte es auch nicht, daß die Kinder gar nicht heim kamen. Im Bäckerhause war an diesem Abend besonders viel zu tun; in Neustadt sollte am nächsten Tage ein Turnfest gefeiert werden, dazu waren viele große Apfel- und Pflaumenkuchen bei Meister Gutgesell bestellt worden, es hieß also fleißig bei der Arbeit sein.

„Geht zu Bett,“ sagte die Meisterin zu ihren Buben, und weil diese, so viele dumme Streiche sie auch machten, doch folgsam waren, meinte sie, ihr Befehl sei ausgeführt und die Buben wären ins Bett gegangen.

Die aber saßen mit ihren Freunden zitternd und zagend in ihrer Schlafkammer, und je später es wurde, je graulicher wurde ihnen zu Mute. Zur Aufmunterung erzählten sie sich noch allerlei Schauergeschichten, lauter dummes, unwahres Zeug, und je mehr sie sich erzählten, je ängstlicher wurden sie.

Auf einmal klopfte es leise an der Türe, Heine erschien mit einer großen Stallaterne und drei Spaten. „Jetzt laß ich euch zur Hintertüre hinaus, s’ist gerade Zehn, und der Mond wird gleich zum Vorschein kommen; nun macht eure Sache gut. Wenn ihr fertig seid, dann klettert ihr die Leiter hinauf, die am Fenster der zweiten Backstube steht, und pfeift, ich mache euch dann die Türe wieder auf und laß’ euch herein! Laßt euch man nicht von ’n Gespenst oder so was erwischen, weil’s nämlich mit dem Schatzgraben manchmal bedenklich ist,“ ermahnte er noch. Diese Worte trugen gerade nicht dazu bei, den Mut der Kinder sonderlich zu stärken.

„Es ist schrecklich gruslich!“ wimmerte Anne-Marte. Brigittchen schluckte krampfhaft die Tränen herunter; sie dachte an den alten, guten Klaus Hippel und daß sie ihm so gern helfen wollte. Ganz mutig tappte sie also hinter den Buben drein; auch Anne-Marte folgte, als sie die Freundin so beherzt sah.

Als sich aber die Haustüre hinter den Fünfen schloß und sie so allein in dem einsamen Grasgarten standen, fing es allen an sehr unheimlich zu werden. „Pah, s’ist gar nichts, nur los,“ rief Jörgel patzig; er guckte dabei rechts und links, ob sich auch niemand blicken ließ.

„Wir sind doch schon oft so spät draußen gewesen,“ prahlten Severin und Wendelin, und dabei war es, als ob ihnen die Füße am Boden festklebten. Endlich aber faßten sie sich alle an und marschierten tapfer auf den alten Stein los, der in einer Ecke des Grasgartens stand.

Es war ein etwas stürmischer, aber warmer Herbsttag. Der Wind spielte mit dunklen Wetterwolken am Himmel Haschen, und mal flog eine Wolke da, mal dorthin, und der Mond, der sich gern in seinem vollen Glanz zeigen wollte, hatte rechtschaffene Mühe, immer wieder hinter den Wolken hervorzuschauen. Das Häuflein Kinder auf dem alten Klosterhof kam ihm gewiß recht wunderlich vor.

Unter Seufzen und Ächzen begannen die Buben zu graben. Wendelin hatte gerade eine kleine Erdscholle ausgehoben, als er flüsterte: „Es hat geklirrt!“

„Unsinn,“ brummte Severin, „ich hab’ an die Laterne gestoßen.“

„Ich hab’ was,“ schrie Jörgel und bückte sich. Er hob etwas Schweres, Dunkles mühsam auf, und flugs beugten alle fünf ihre Nasen darüber.

„Ein Stein,“ murrte Wendelin verächtlich, und Jörgel ließ den Stein mit einem großen Plumps wieder fallen.

„Ihr müßt besser leuchten,“ ermahnte Severin die Mädels, und Anne-Marte hielt die Laterne so dicht hin, daß es plötzlich einen lauten Krach gab, Wendelin war mit seinem Spaten in die Laterne gefahren und — aus war sie.

Stumm vor Schreck standen die Kinder in der Dunkelheit da. Am liebsten wären sie alle eins, zwei, drei davon gelaufen, aber sie schämten sich doch ein bißchen ihrer Zaghaftigkeit.

Just kam der Mond hervor, auch vom Bäckerhause her strahlten Lichter in die Dunkelheit hinein, und mutig begannen die Buben wieder zu graben. „Es muß auch ohne Laterne gehen,“ trösteten sie sich gegenseitig. „Es ist ja gar nicht so dunkel, bewahre, ganz hell!“

„Es klirrt,“ schrieen auf einmal alle.

„Ich hab’ was,“ frohlockte Severin bald darauf.

„Ich auch,“ rief Jörgel.

Pardauz fuhren die Buben mit ihren Köpfen zusammen, jeder griff nach etwas.

„Mein Spaten,“ schrie Severin.

„Meiner ist’s,“ knurrte Jörgel.

„Wo habt ihr den Schatz? Ist’s eine große Kiste?“ fragten die andern.

Aber es war keine Kiste, im Mondlicht konnten die beiden erkennen, daß einer des anderen Spaten erfaßt hatte. Das war eine rechte Enttäuschung und sie gruben brummelnd weiter. Ach, war das schwer!

„Dauert das lange, ehe ihr den Schatz findet,“ seufzte Anne-Marte.

„Na grab’ du doch,“ sagte Jörgel unwirsch, aber gleich darauf tröstete er wieder: „Wir werden ihn schon finden.“

„Es raschelt was,“ flüsterte Brigittchen plötzlich, „da bewegt — sich — was!“

Rutsch verschwand der Mond wieder hinter einer Wolke und furchtsam schauten alle ins Dunkel.

„Es ist der Wind,“ sagte Jörgel mutig, „seid nicht so dumm, wer soll uns denn was tun, losgegraben!“

Etliche Minuten schafften die drei Buben eifrig und die Mädels standen still dabei, fürchteten sich und wagten es doch nicht zu sagen.

„Potztausend, jetzt ist da was,“ schrie Severin, und zu gleicher Zeit jammerte Brigittchen: „Mein Bein, mein Bein, ach, mich faßt wer an mein Bein, huhuhu.“

„Dein Bein ist’s?“ sagte Severin verblüfft und ließ Brigittchens Bein los, die ein wenig in das gegrabene Loch getreten war.

„Mein Bein ist doch kein Schatz,“ klagte die Kleine, denn der Bube hatte kräftig zugefaßt.

Den andern kam die Sache jetzt spaßhaft vor, sie kicherten laut und leise und auf einmal war alle Furcht wie weggeblasen. Sie lachten, schwatzten und gruben, machten Pläne, wie sie den Schatz verwenden wollten, als plötzlich langsam und dröhnend die Uhr von St. Marien zu schlagen begann.

„Halb elf ist’s schon,“ murmelte Wendelin, „so schrecklich spät.“ „Ach, ich bin so müde,“ gähnte Severin, ihm war es eingefallen, wie behaglich es doch sei im Bett zu liegen und zu schlafen.

„Es raschelt wirklich was,“ quiekte Anne-Marte. Die anderen horchten ängstlich und gespannt. Der Wind fuhr sausend durch die Baumwipfel und der Mond saß wieder hinter der dicken Wolke, sein Licht versilberte nur fein deren Ränder.

Aber durch das Brausen und Sausen kam noch ein anderer Ton, wie ein Ächzen klang es, dann wie ein Schnauben und Stampfen.

Die Mädels zitterten wie Espenlaub, Severin und Wendelin hielten ihre Spaten krampfhaft umfaßt und nur Jörgel wagte zu sprechen: „Es ist nichts, wenn’s windig ist, gibt es oft so komische Töne,“ sagte er, aber seine Stimme schwankte ein wenig.

„Wenn es nur nicht so dunkel wäre,“ klagte Brigittchen, und es klang als zirpte ein verflogenes Vögelchen.

„Es kommt was!“ schrie Wendelin und machte einen Satz, länger als er selbst war.

„Huh!“ brüllte Severin, den ganz unvermutet etwas Ungeheuerliches angerannt hatte.

Ein wildes Zetergeschrei erhob sich, da war ein Gespenst, ein Ungeheuer, irgend etwas Furchtbares. Der Mond, der gerade wie ein rechter Schelm hinter seiner Wolke hervorguckte, ließ das unheimliche, schnaubende Ding im ungewissen Licht riesengroß und grauenerregend erscheinen. Zur Ehre sei’s gesagt, daß die Buben in dieser Not die Mädels nicht im Stich ließen, Jörgel ergriff Brigittchens Hand, Wendelin riß Anne-Marte mit fort, Severin purzelte heulend hinterdrein, und so jagten alle fünf in wilder Hast dem Hause zu.

„Die Leiter hinauf in die Backstube“, keuchte Jörgel. Von dort grüßte kein Licht, wie verabredet war, die Schatzgräber; Heine mußte nicht in der Backstube sein. Aber dies kümmerte die Kinder herzlich wenig. Eins nach dem andern hastete zitternd vor Angst die Leiter hinauf und hopste oben in die Backstube.

Klatsch, war Brigittchen drin, Jörgel folgte. „Uff,“ ächzte er, „was ist denn das!“

„Es ist so weich!“ schrie Anne-Marte, die ihm folgte. „Ich bin in — in — den Teig gefallen,“ jammerte Wendelin. Plumps, fiel Severin in die Kammer, es gab einen Krach, ein Angstgeschrei, die Kinder prusteten, husteten, klagten, heulten, keins wußte, was geschehen war, und sie meinten nicht anders als das Gespenst sei ihnen gefolgt.

„Potztausend noch mal, was ist denn hier für ein Lärm?“ rief eine dröhnende Stimme. Eine Tür öffnete sich und hell flutete ein breiter Lichtstrom in die dunkle Backstube.

Meister Gutgesell stand auf der Schwelle, hinter ihm erschien der Altgeselle, die Meisterin, ein Lehrjunge und ganz im Hintergrunde tauchte flüchtig Heines verstörtes Gesicht auf, es verschwand aber rasch.

„Na, Schockschwerenot, was ist denn das für eine Bescherung?“ rief der Meister und sah entsetzt auf fünf krabbelnde, zappelnde Wesen, die sich auf — ungebackenen Pflaumenkuchen herumwälzten und die verschleiert wurden von einer dichten, weißen Mehlwolke; eine große Backmulde lag umgestürzt am Boden. Beim Anblick der Eltern begannen die beiden Bäckerbuben Zeter und Mordio zu schreien, Brigittchen und Anne-Marte halfen ihnen dabei, nur Jörgel schwieg; er war gerade mit dem Gesicht in einen Pflaumenkuchen gefallen und prustete, leckte und spuckte, um nur Luft zu bekommen.

„Alle guten Geister, was ist das?“ rief die Meisterin. Sie drängte sich vor und ergriff eins der kleinen, schreienden Wesen, es war Brigittchen, die sie erfaßt hatte.

„Das Gespenst!“ jammerte die Kleine, und klammerte sich an die Frau und „das Gespenst, das Gespenst!“ erklang es heulend im Chor.

„Na, nun schlag’s dreizehn!“ schrie der Meister zornig, „was soll denn das nur bedeuten, Wendelin, du Schlingel, was machst denn du auf dem Pflaumenkuchen?“

„Das ist kurios,“ sagte der Altgeselle, der nicht leicht aus seiner Ruhe herauskam. „So was hab’ ich meiner Lebtage noch nicht gesehen“.

„Na, ich auch nicht, ei, ihr heillose Gesellschaft, ihr!“ wetterte der Meister und ergriff Severin rechts und Wendelin links, und spaßhaft sah die Sache in diesem Augenblick für die beiden Buben wirklich nicht aus.

Trotz ihres eigenen Kummers aber sah Brigittchen, daß es ihren Freunden schlimm ergehen sollte, und schluchzend rief sie: „Ich — ich — bin dran — schuld, ich — ich — wollte den Schatz — — — —.“ Weiter kam sie nicht, der Teig, der ihr im Gesicht klebte, kam ihr in den Mund und sie schluckte krampfhaft.

„Kommt erst mal alle vor,“ sagte die Meisterin nicht unfreundlich; sie sah ihren Mann bittend an und der faßte Severin und Wendelin und zog sie mit fort, die Meisterin mit den anderen drei Kindern folgte.

In der Küche wusch ihnen die gutherzige Frau erst die verweinten, mit Teig und Mehl beschmierten Gesichter ab, dann sollten die kleinen Missetäter erzählen. Das ging aber nicht so einfach. Erst schrieen alle durcheinander, dann kamen die beiden Mädels immer wieder ins Heulen, und Severin und Wendelin sagten nur: „Wir haben’s doch nicht böse gemeint.“ Da nahm sich Jörgel zusammen und tapfer erzählte er die ganze schreckliche Geschichte.

„Solche Dummköpfe, wie ihr fünf aber auch seid,“ brummte der Meister.

„Sechs Dummköpfe,“ murmelte der Altgeselle und sah strafend nach der Türe, hinter der Heine zagend lauschte.

„Ja, sechs, Heine ist der größte,“ rief Meister Gutgesell, und husch war der lange Heine hinter der Türe verschwunden.

Die Meisterin meinte milde und nachsichtig, Strafe hätten die Kinder eigentlich genug gehabt für ihr heimliches Tun. Daß sie in die Pflaumenkuchen gefallen waren, dafür konnten sie freilich nichts; weil es viele Kuchen waren, hatte nämlich der Meister sie, was sonst nicht geschah, in die zweite Backstube auf die Erde stellen lassen. Heine hatte, als er dies gesehen, die Kinder auf dem Hof abpassen wollen, über aller Arbeit aber nicht zur rechten Zeit hinunter gehen können.

„Meine schönen Kuchen, ein Jammer ist’s,“ brummte Meister Gutgesell grollend, und Wendelin und Severin senkten ihre Nasen fast bis zur Erde.

„Ach — und — und dem alten Klaus — können wir — wir — nichts geben,“ schluchzte Brigittchen, die schon ganz dick verweinte Augen hatte.

„Die Kinder müssen vor allen Dingen nach Hause gebracht werden,“ sagte die Meisterin, die in ihrem gütigen Herzen inniges Mitleid mit den kleinen, verunglückten Schatzgräbern empfand.

„’s war unser Esel,“ sagte auf einmal Martin, der Altgeselle, der ein Weilchen das Zimmer verlassen hatte und eben wieder eintrat.

„Was soll denn das heißen, was ist denn nun wieder mit unserem Esel?“ rief der Meister, der seinen Ärger noch nicht überwunden hatte und einen neuen vermutete.

„Das Gespenst war er,“ erwiderte Martin trocken.

„Unser Grauchen war — das Gespenst?“ schrie Severin und riß den Mund weit wie eine Schublade auf.

„Unsern Esel habt ihr für ein Gespenst angesehen, o, ihr Bangbüxen, ihr kleinen, törichten Hasenfüße, ihr,“ rief der Meister, und sein verärgertes Gesicht hellte sich auf; er lachte so herzlich, daß seine Frau, der Geselle und der Lehrjunge mit einstimmten. Anne-Marte, die ohnehin eine rechte Lachtaube war, kicherte ebenfalls, und zuletzt lachten alle aus vollem Halse. Selbst Brigittchen lächelte ein wenig, freilich nicht sehr, ihr war das kleine Herzchen doch recht schwer.

„Komm, ich führe dich selbst heim,“ sagte die Meisterin liebevoll; sie hatte das zarte, liebliche Kind besonders in ihr Herz geschlossen. „Ihr Buben geht jetzt zu Bett, aber wirklich,“ wandte sie sich zu Wendelin und Severin, „und ihr Doktorkinder kommt, ich bringe euch alle miteinander heim, damit ihr endlich zur Ruhe kommt.“ Brigittchen ging mit zaghaften Schritten auf Meister Gutgesell zu, „bitte verzeihen Sie,“ stammelte sie, und es war, als hätte dies Wort die Zungen der anderen Kinder gelöst, bittend umdrängten sie den Meister.

„Na, laßt man,“ sagte der gutmütig, „um die schönen Kuchen und das gute Mehl ist’s freilich schade, aber es soll euch verziehen sein, nur versprecht mir, daß ihr nicht mehr auf den Gedanken kommt, bei Nacht und Nebel auf’s Schatzgraben auszugehen, das ist dummer Schnickschnack.“

Das versprachen die Kinder freilich gern, die Angst lag ihnen noch schwer in den Gliedern und sie waren alle froh, so heil davon gekommen zu sein. „Mit Freund Heine werde ich aber noch ein ernstes Wörtchen reden,“ murmelte Meister Gutgesell, „wehe, wenn der mir noch mal den Kindern solche Narrenpossen vorredet, so ein abergläubisches Geschnack kann ich meiner Seel’ nicht leiden!“

Der Altgesell grinste: „Einer denkt s’ist ein Gespenst und dann ist’s ’n Esel, so geht’s allemal. Schatzgraben, Unsinn, schade um unsern Pflaumenkuchen.“

„Ja, schade drum,“ meinte auch der Meister, „aber nun rasch an die Arbeit, sonst kriegen meine Kunden morgen ob der Gespenstergeschichte keine Semmeln zum Kaffee.“

Die Meisterin brachte die drei Kinder nach Hause; die bekamen an diesem Abend freilich noch manches Scheltwort zu hören und sie waren alle drei herzlich froh, als sie erst im Bett lagen. Die Doktorskinder schliefen bald wie die Murmeltiere, Brigittchen aber lag noch lange mit offenen Augen da, sie dachte nur immer: „Nun wird dem alten Klaus nicht geholfen.“

Es wurde ihm aber doch geholfen, und zwar von niemand anderem als von Brigittchens Vater.

Die Schatzgräbergeschichte blieb nicht verborgen. Der Lehrjunge, der früh die Semmeln austrug, erzählte sie da und dort, und einer erzählte sie dem anderen weiter, und alle Leute lachten darüber. Die fünf Schatzgräber hatten mancherlei Neckereien zu tragen, aber dies focht sie nicht sonderlich an, weil das Ende der Geschichte so gut wurde. Herr Schön hörte, als er am nächsten Tage von seiner Reise zurückkam, auch von der Sache, Brigittchen erzählte ihm selbst alles; er sagte nicht viel dazu, aber er ging an dem Nachmittag noch selbst zu dem Bankdirektor und erbot sich, Bürge zu sein für das verlorene Geld. Den Schwiegersohn der Pantoffelmachersleute, den er nämlich als braven Mann kannte, stellte er in seinem Geschäft an, das verlorene Geld sollte er nach und nach ersetzen; Herr Schön zahlte edelmütig dem Mann etwas mehr Gehalt, so daß es diesem möglich war, mit der Zeit die Summe zusammen zu sparen.

Das war ein Jubeltag in dem runden Stadtturm, als Brigittchen in Begleitung ihrer Freunde selbst die frohe Kunde überbrachte. Da gab es wieder Lachen, Pfeifen und Singen wie sonst und es war, als hätte die Sonne gemerkt was los war; sie schaute strahlend hell wie ein frohes Kind in das Stübchen. „Ich erzähl’ euch morgen die allerschönste Geschichte aus meiner alten Chronik,“ sagte Vater Klaus, „nur heute nicht, heute kann ich’s vor Freude nicht“.

„Ich auch nicht,“ sagte Mutter Paulinchen, sie trieselte dabei ganz in Gedanken ihr Strickzeug auf, und als sie es sah, lachte sie. Die Kinder lachten auch und singend und lachend zogen sie dann hinaus, saßen im warmen Sonnenschein auf der alten Stadtmauer und freuten sich, daß alles so gut geworden war.

Gertrudis.
Eine Geschichte aus alten Zeiten.

Doktor Theobald Fröhlich stand in seinem Hause am Fenster und sah hinaus. Draußen schneite es wieder ein bißchen und der Doktor fand Neustadt heute noch stiller als sonst. Acht Tage war er nun schon hier, wie lange sie ihm erschienen! Er seufzte ein wenig; eigentlich gab es doch sehr wenig Unterhaltung in so einem kleinen Nest. Wenn nur erst seine Schwester da wäre, damit er jemand hätte, mit dem er so recht nach Herzenslust plaudern könnte.

„Der Herr Doktor sollte spazieren gehen,“ meinte die alte Dorothee, die sachte durch das Zimmer ging, und wohl sah, daß ihrem Herrn die Stille nicht sonderlich behagte.

„Ja, spazieren gehen, das ist das Beste,“ dachte der Doktor. Er nahm Hut und Wettermantel und stapfte bald vergnügt durch den Schnee. Sein Ziel sollte diesmal die alte Stadtmauer bilden. Es dauerte auch nicht lange, da stand er vor dem alten Wartturm, der eine mächtige weiße Kappe trug und an diesem Wintertag ein bißchen grauer und trübseliger als in Sommerszeiten drein schaute. Das Blumenbrettlein fehlte vor dem Fenster, auch Pantoffeln hingen nicht wie sonst heraus, nur ein kleines, schwarzes Schild zeigte an, daß man hier Pantoffeln kaufen könnte. Auch daß ein Museum im Turm war, las der Doktor unten am Eingangstore; das war ihm gerade recht; kurz entschlossen öffnete er die graue, verwitterte Pforte, und schrill schlug die kleine Türglocke an.

„Mutter Paulinchen, ich glaube, es fliegt ein weißer Spatz in den Turm,“ sagte oben Klaus Hippel.

„I nee, bei dem Wetter,“ meinte die Pantoffelmacherin und lachte, als hätte ihr Mann die spaßhafteste Sache von der Welt erzählt.

Ihr Lachen fand Widerhall, denn das Turmstübchen war voller Gäste. Mit roten Wangen, roten Nasen und Ohren, die sie sich draußen in der Kälte geholt hatten, saßen Brigittchen, Anne-Marte, Jörgel und die Brüder Gutgesell auf der Ofenbank und auf Mutter Paulinchens großer Truhe. Meister Hippel erzählte ihnen gerade wieder etwas aus seiner alten Chronik.

„Es kommt doch wer, Paulinchen,“ sagte der Pantoffelmacher, und da trat auch schon Doktor Fröhlich in die Stube. Der Doktor vergaß vor lauter Erstaunen ordentlich guten Tag zu sagen, denn so etwas wie dieses kleine Turmgemach hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Es sah so bunt und lustig aus wie eine Jahrmarktsbude. Meister Hippel klebte nämlich jedes Bild das er bekommen konnte, an die Wand, dazwischen hingen rote, grüne und braune Tuch- und Samtpantoffeln, zwei Vogelbauer, eine alte Landsknechtlanze und ein krummer Säbel; auf einem Brett standen bunte Teller und Krüge, vor den Fenstern blühten trotz des Winters allerlei Blumen; Blumen und rote Herzen waren auch auf den Schrank und auf die Truhe gemalt. Dazu trug Frau Paulinchen noch ein blitzeblaues Kleid.

„Gelt, kunterbunt sieht’s bei uns aus, Herr Doktor Fröhlich?“ sagte Klaus Hippel.

Der Doktor mußte lachen: „Ja, woher wissen Sie denn, wer ich bin?“

„Du meine Güte, in Neustadt werden die Menschen bald bekannt, außerdem ist die alte Dorothee noch eine Schwestertochter von meines Schwiegersohns Großmutter,“ sagte der Pantoffelmacher und zwinkerte lustig mit den Augen.

„Was ist sie denn da, Vater Klaus?“ rief Jörgel, verdutzt ob der schwierigen Verwandtschaft.

„Ei, sieh mal an, da sind ja die Schatzgräber,“ sagte der Doktor, der die Kinder erkannte. Die lachten und wurden ein bißchen verlegen, aber bald überwanden sie ihre Schüchternheit, und es dauerte gar nicht lange, da saß der Doktor im Pantoffelmacherstübchen und plauderte mit allen wie ein guter, alter Freund.

Mutter Paulinchen zeigte ihm auch das Museum, und die Kinder stiegen die Turmtreppe mit hinauf, sie wollten erklären helfen. „Die Waffen stammen aus dem dreißigjährigen Krieg!“ erzählte Frau Paulinchen, „und diese hier aus der Franzosenzeit.“

„Wann war denn der dreißigjährige Krieg?“ fragte der Doktor neckend, und unglückseligerweise richtete er seine Frage gerade an Wendelin.

Der seufzte schwer, Geschichte, Geographie und noch manche andere Fächer waren seine schwache Seite.

„Der war, der war — als Napoleon lebte,“ sagte er endlich kühn.

Der Doktor lachte, und die anderen Kinder kicherten. „Wie lange hat der Krieg denn gedauert?“

„Sieben Jahre!“ rief Wendelin stolz ob seiner gewaltigen Kenntnisse.

Die andern lachten hell auf, nur Brigittchen nicht, der tat es gleich leid, daß der Freund ausgelacht wurde, und schmollend sagte sie: „Es ist doch nicht schlimm, wenn Wendelin ein paar Jahre weniger sagt.“

„Na eben,“ brummte Wendelin, der jetzt merkte, daß er eine Dummheit gesagt hatte, „meinetwegen kann der dreißigjährige Krieg auch zehn Jahre gedauert haben.“

„Hier sind auch ein paar alte Handschriften,“ sagte Mutter Paulinchen mitten in das allgemeine Gelächter hinein, „sie sind erst vor ein paar Jahren gefunden worden, aber gelesen hat sie noch niemand. Es war zwar mal ein berühmter Professor da, der wollte sie studieren, er hatte damals aber keine Zeit, und dann ist er gestorben“. Doktor Fröhlich blätterte in den alten Pergamentschriften herum, er konnte die altertümliche Handschrift gut lesen, und die Sache interessierte ihn. Am liebsten hätte er die Blätter mit nach Hause genommen, aber das ging doch nicht an, Pantoffelmachers durften nichts aus dem Museum verborgen. „Der Herr Bürgermeister wird es schon erlauben,“ meinte Mutter Paulinchen.

„Ich möchte auch wissen, was darin steht,“ flüsterte Brigittchen mit versonnenen Augen. Die Kleine war ein rechtes Märchenkind und Geschichten lesen und hören, war für sie das allerallergrößte Vergnügen.

Doktor Fröhlich hatte die Worte gehört, und lächelnd versprach er: „Wenn eine Geschichte darin ist, die Kindern gefallen kann, dann erzähle ich sie euch, wollt ihr?“

Ob sie wollten! Keines sagte nein, und sie versprachen dem Doktor Fröhlich alle, sie wollten ihn recht bald besuchen. Und als er gegangen war — er hatte es sehr eilig, vom Herrn Bürgermeister die Erlaubnis zu erbitten, die alten Schriften lesen zu dürfen — da sprachen die Pantoffelmachersleute und die Kinder noch viel von dem neuen Bekannten. Aber sie hatten nicht, wie es wohl vorkommt, hinter dem Rücken allerlei zu tratschen und zu klatschen, sie waren alle miteinander einig, Doktor Theobald Fröhlich sei ein furchtbar netter Herr.

„Ach, und ein Dichter ist er,“ sagte Brigittchen, und riß vor Bewunderung ihre Veilchenaugen so weit auf, als wollte sie zwanzig Märchen auf einmal lesen.

„Nu,“ erwiderte Klaus Hippel, „einen Dichter können wir in Neustadt auch gerade gebrauchen, wenn der nur die Augen aufmacht und in die Ohren keine Watte stopft, dann sieht und hört er hier so viele Dinge, daß er zehn Bücher voll schreiben kann“.

„Mein Onkel Mayer sagt,“ rief Severin ein bißchen naseweis, „Neustadt wäre ein langweiliges Nest!“

„Dummer Junge!“ schrie der Pantoffelmacher ärgerlich, „wenn das dein Onkel sagt, na, dann kennt halt dein Onkel Neustadt nicht, aber du brauchst so was von deiner Heimatstadt nicht nachzuplappern. Schön ist Neustadt, das sage ich, und ich kenn’ es doch, bin mein Lebtag nicht herausgekommen. Meinetwegen mag Berlin schöner sein und München und Köln und alle großen Städte und der Schwarzwald und auch die Schweiz, Italien, das Meer, was du willst, aber schön ist Neustadt drum. Guckt euch nur ordentlich darin um. Und wenn der Doktor Fröhlich ein rechter Dichter ist, dann gefällt es ihm hier und er bleibt nicht nur bei uns, weil er hier ein Haus hat, sondern weil er die Stadt liebt. Damit punktum; nun macht, daß ihr nach Hause kommt, ich wette, ihr habt alle noch keine Schularbeiten gemacht“.

Das stimmte nun. Die Kinder trabten davon und unterwegs sagte Wendelin zu Anne-Marte: „Vater Klaus ist wirklich schrecklich klug, wie konnte er nur wissen, daß wir noch unsere Schularbeiten zu machen haben?“

Herr Doktor Fröhlich war inzwischen spornstreichs zu dem Bürgermeister Henning gelaufen und hatte dem sein Anliegen vorgetragen, man möchte ihm gestatten, in den alten Schriften zu lesen. Der Bürgermeister hatte nichts dagegen, ja, er freute sich darüber und sagte: „Vielleicht lesen Sie manches, was für die Neustädter Interesse hat, es ist doch immer gut, wenn man etwas von seiner Heimat aus alten Zeiten weiß“.

Gleich am nächsten Tage holte sich Doktor Fröhlich die alten Schriften von Klaus Hippel ab und dieser bat: „Erzählen Sie mir auch, was drin steht, ich höre zu gern alte Geschichten“.

Dorothee hatte in dem braunen Kachelofen in der Bücherstube ein mächtiges Feuer gemacht und es war prachtvoll gemütlich in dem weiten Raum. Doktor Fröhlich saß darin bis in die Nacht hinein und las in den alten Schriften. Während draußen die Flocken fielen, las er wie vor vielen, vielen Jahren die Leute in Neustadt gelebt und gekämpft hatten, und wie sie durch Freude und Leid gegangen waren.

Als dann nach zwei Tagen kleine, rotgefrorene Hände die Glocke an der Haustüre zogen, und Jörgel und Wendelin ein wenig verlegen nach dem Herrn Doktor Fröhlich fragten, da ließ die alte Dorothee die beiden in das Arbeitszimmer ihres jungen Herrn. „Na,“ fragte der, „ihr kommt allein, wo sind denn die andern, ihr denkt wohl, ich soll euch beiden allein eine feine Geschichte erzählen?“

„Die trauen sich noch nicht,“ sagte Jörgel, „Brigittchen sagt, sie dürfte eigentlich nicht zu fremden Menschen gehen“.

„Na, so was!“ rief Dorothee, „sie ist doch oft zu uns gekommen, wie meine alte, gnädige Frau noch lebte, ich werde sie holen gehen“. Nach einem Weilchen kam die Alte zurück, und richtig, sie brachte die schüchternen drei Schatzgräber mit. Die kamen himmelgern und waren froh, daß sie geholt worden waren. Dann saßen alle beisammen in dem gemütlichen Zimmer, und der Doktor erzählte ihnen eine der alten Neustädter Geschichten, er nannte sie: