Gertrudis.

In Neustadt war vor etlichen hundert Jahren, in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, Albrecht Mooshage Bürgermeister. Damals war die Stadt noch reich und angesehen, sie gehörte nicht wie heute zu den Kleinen im Lande. Die Neustädter Bürger waren geachtete Handelsleute, die mit ihren Waren auf die Messen und Märkte der großen Städte zogen. Sie wußten sich auch in vielen Kämpfen gut ihr Recht zu wahren und verteidigten ihre Stadt tapfer gegen mancherlei Unbill. Damals sah es in dem alten Wachtturm am Südtor der Stadt, in dem jetzt Klaus Hippel mit seiner Frau wohnt, nicht so behaglich aus wie heute. Die Stadtsoldaten wohnten in den vier Tortürmen, die es gab, und bewachten die Stadt gut. Es war eine wilde, rauflustige Zeit, und jeder, der durch ein Stadttor kam und ging, mußte Auskunft über woher und wohin geben. Oft genug waren auch die Tore geschlossen, und draußen lagerte ein reisiges Heer, um die Stadt einzunehmen. Das gelang ihnen freilich nicht, erst im dreißigjährigen Krieg ist ja dann das arme Neustadt halb zerstört worden. Der Bürgermeister Albrecht Mooshage war recht ein Mann, um die Stadt gegen alle Unbill zu verteidigen. Er war wie von Eisen, was er wollte, das setzte er durch, und es war nicht gut Kirschen essen mit ihm im Bösen. Als ganz junger Bursche schon hatte er mit einer Handvoll Söldnern ein großes, bischöfliches Heer in die Flucht geschlagen; wie der Sturmwind war er zwischen die Feinde gefahren, die waren gerannt, als wäre ein böser Geist hinter ihnen. Damals hatten die Ratsherren auf der Stadtmauer gestanden und aus vollem Halse darüber gelacht, der älteste von ihnen aber hatte gesagt: „Der soll mal unser Bürgermeister werden“. Er war es auch bald geworden, solch’ jungen Bürgermeister hatte Neustadt noch nie gehabt, freilich auch keinen besseren. Denn Albrecht Mooshage war nicht allein stark, mutig und klug, sondern auch gerecht und fromm, und er litt kein Unrecht. Er war schon etliche Jahre Bürgermeister, als ihn ein großes Unglück betraf: sein junges Weib starb. Die schöne Frau Regina Mooshage war so mild und gut wie eine Heilige gewesen, und als sie starb, da weinten und klagten nicht bloß die Leute aus ihrer Sippe, sondern auch alle Armen und Kranken. Dem Bürgermeister blieb nur ein einziges Kind als Trost. Ein Mägdlein, so fein und blond wie seine Mutter. Die kleine Gertrudis war ein sinniges Kind, das mit gar ernsthaften Augen um sich sah. Als sie etwa zehn Jahre alt war, läutete eines Tages in Neustadt wieder einmal die Sturmglocke, die Feinde ankündigte. Etwa zwei Stunden von Neustadt entfernt liegt noch heute die Ruine Reiffenstein, damals war sie ein stattliches Schloß, das den edlen Herren von Stein gehörte. Der Herr Wunibert von Stein auf Reiffenstein war ein erbitterter Feind der Neustädter, der den Pfeffersäcken, so nannte er die Bürger, gern etwas am Zeuge flickte. Die Fehde zwischen Schloß und Stadt war schon sehr alt, niemand wußte mehr recht, wer angefangen hatte, aber mit der Zeit waren beide so giftig auf einander geworden, daß eines dem anderen immer gern einen Schabernack spielte. Jetzt aber hatte der Herr von Stein auf Reiffenstein in dem Bischof Albert einen mächtigen Freund gewonnen. Auch der Bischof war aus irgend einem Grunde den Neustädtern gram, und die beiden beschlossen, der Stadt einen Fehdebrief zu senden und sie zu belagern.

Der Herzog des Landes war gerade auf einen Reichstag in der Ferne, und damals handelten die Ritter gern auf eigene Faust, ohne viel zu fragen, ob sie auch ganz im Recht wären. Von dieser Absicht erhielt der Bürgermeister Albrecht Mooshage durch einen Handelsmann Kunde, der auf seinem Wege an Schloß Reiffenstein vorübergekommen war. Zu gleicher Zeit erfuhr er auch, daß der zweite Sohn des feindlichen Nachbarn von der Klosterschule, auf der er zwei Jahre gewesen war, heimkehrte. Sein Weg führte ihn dicht an Neustadt vorbei, und der Ritter wollte erst des Sohnes Heimkehr abwarten, ehe er die Stadt überfiel. Als Geisel konnte der kleine Junker der Stadt viel nützen, und der Stadthauptmann Kunz Peuchtinger ritt schnell dem Junkerlein zum freundlichen Empfang entgegen. Etliche Stunden später brachten die Reiter zwei gefesselte Troßknechte und einen blassen, hübschen Knaben von etwa elf Jahren durch das Südtor in die Stadt. Darauf wurden die Tore geschlossen, die Sturmglocken geläutet. Neustadt war kriegsbereit.

Der Stadthauptmann wollte das Junkerlein in eins der unterirdischen Verliese werfen lassen, aber dem widersprach der Bürgermeister. „Es ist ein Kind, und Schande über uns, wenn wir Kindern etwas zu Leide tun wollten,“ sagte er. „Kommt her, Junker, und schwört, daß ihr die Stadt nicht heimlich verlaßt, dann sollt ihr in meinem Hause Wohnung finden“.

Der blasse Knabe schüttelte trotzig die dunklen Locken: „Bewacht mich doch,“ rief er kühn, „ich schwöre nichts!“

„Heisa, das Klosterschülerlein will uns Trotz bieten!“ riefen die Ratsherren und lachten. „Rasch mit ihm ins Verlies, dort soll er schon sanftmütiger werden“.

„Nein, nicht ins Verlies, ich stehe für ihn,“ sagte Albrecht Mooshage ernst, dem der Bursche gefiel und dem es leid war, ihn in dem dunklen, feuchten Keller zu wissen, in dem schon mancher Gefangene elend zu Grunde gegangen war.

Die Ratsherren waren mit dem Entschluß des Bürgermeisters zufrieden. Dessen Haus war wie eine kleine Festung, und Knechte und Mägde waren ihrem Herrn so treu ergeben, daß niemand heimlich aus- und eingehen konnte. Albrecht Mooshage nahm den kleinen Junker bei der Hand und führte ihn in sein Haus. Dann rief er sein Töchterlein herbei und sagte: „Da sieh her, Gertrudis, hier bringe ich dir einen Gefährten, du mußt ihn mir aber wohl hüten, ich habe mein Wort verpfändet, daß er nicht entflieht“.

Gertrudis sah erstaunt auf den blassen Knaben, der beim Anblick des lieblichen Mägdleins verlegen den Kopf senkte. Er hatte sich bei dem Überfall tapfer gewehrt, sein Wams war daher zerrissen und beschmutzt und er schämte sich dessen. Gertrudis hatte gerade von Frau Barbara, der Haushälterin, einen schönen, roten Frühapfel erhalten, den streckte sie flink dem Buben hin und sagte lächelnd: „Magst du ihn, ich geb’ ihn dir gern“.

Der kleine Junker Fridolin nahm den Apfel zwar nicht, aber über sein trauriges Gesicht ging ein heller Schein, es war ihm nun nicht mehr so bang ums Herz als vorher. Er folgte dann willig der Frau Barbara, die ihn in ein Kämmerlein neben des Hausherren Schlafgemach führte, das er fortan bewohnen sollte. Wohl hatte die Kammer ein vergittertes Fenster, und Fridolin merkte auch schnell genug, daß er immer bewacht wurde, trotzdem fühlte er seine Gefangenschaft nicht allzusehr. Gertrudis war so lieb zu ihm wie ein treues Schwesterlein, war er traurig, da wußte sie ihn gar hold zu trösten. Er mußte ihr von daheim erzählen, von seiner väterlichen Burg, von dem Vater, der zwar ein etwas rauflustiger Herr war, aber doch gar gut zu den Seinen. Am liebsten aber hörte es Gertrudis, wenn der Knabe von seiner schönen, frommen Mutter sprach, von ihrer Güte und wie oft sie ihm, dem älteren Bruder Hans und den kleinen Schwestern Geschichten aus der Bibel und Märlein erzählt hatte, wenn sie schnurrend die Spindel drehte.

Den Kindern gingen die Tage friedsam hin, sie hörten wenig von dem was draußen geschah. Der Bürgermeister hatte es seinem Hausgesinde verboten, von der Belagerung der Stadt zu sprechen. Auch Gertrudis durfte in dieser Zeit nie auf die Straße; das von einer hohen Mauer umfaßte Gärtchen war der Tummelplatz der Kinder. So erfuhren sie nicht, daß vor den Mauern das feindliche Heer lagerte und zwischen dem Rat und dem Herrn von Stein und dem Bischof Boten hin und her gingen, die über den Frieden unterhandelten. Die Kinder ahnten auch nicht, daß eines Tages der Rat den kleinen Junker köpfen lassen wollte, weil sein Vater sich nicht in die Friedensbedingungen fügte. — Der Bürgermeister Albrecht Mooshage aber verteidigte eifrig seinen Schützling, der Knabe war ihm lieb geworden, und er atmete erleichert auf, als Bischof und Ritter sich zum Frieden bequemten. Etliche Monate war Fridolin im Hause des Bürgermeisters gewesen, und aus dem Herbst war inzwischen Winter geworden, als er seine Freiheit wieder erhielt. Es war am St. Andreastag, da wurde er feierlich von dem Rat vor das Südtor geführt, dort erwartete ihn sein Vater, der ihn mit heller Freude in die Arme schloß. Vorher hatte Gertrudis traurig von ihrem Freunde Abschied genommen. Sie schenkte ihm ein goldenes Amulett an einem feinen Kettlein, das sie von ihrer Patin bekommen hatte. „Trag’ es immer, es wird dir Glück bringen,“ bat sie. Fridolin versprach es; er selbst gab der kleinen Freundin ein Gebetbuch, in das ein frommer Klosterbruder zierliche Bilder gemalt hatte. Das Buch war des Knaben einziges Besitztum.

„Vergiß mich nicht,“ bat Gertrudis weinend.

„Ich vergesse dich nie, und wenn ich groß bin, dann komme ich und hole dich, dann wirst du meine Frau,“ beteuerte Fridolin. Er war schon draußen, da rief ihm Gertrudis noch nach: „Sag’ deiner Frau Mutter einen Gruß!“

Anfangs hoffte Gertrudis immer, sie würde ihren Freund einmal wiedersehen, aber Monat auf Monat verging, die Monate wurden zu Jahren, er kam nicht. Aus der kleinen Gertrudis wurde eine schöne Jungfrau, „das schönste Mädchen in der Stadt“ sagten die Leute. „Und das beste und frömmste,“ fügten die Armen und Kranken hinzu.

Albrecht Mooshage war noch immer Bürgermeister zum Segen der Stadt, die unter seiner Führung an Macht und Ansehen zunahm. Dies aber erregte den Neid ihrer Nachbarn, und Neider waren es auch, die Neustadt bei dem Landesherrn, Herzog Bernhardt, verklagten. Besonders der Bischof Albert war Ankläger, mit ihm noch ein Ritter von Scherblingen. Die beiden behaupteten, die Stadt, die an der Grenze lag, wollte den Herzog an seinen Nachbar verraten, Hauptanstifter sei der Bürgermeister. Der Herzog, der von heftiger Gemütsart war, fragte nicht lange, ob die Sache auch wahr sei, er forderte den Bürgermeister auf, zu ihm zu kommen und sich zu rechtfertigen oder die Stadt sollte eine harte Strafe erhalten.

Der Rat und die Bürgerschaft baten ihren Bürgermeister dringend, nicht an den Hof des Herzogs zu gehen, sie wollten selbst dessen Zorn Trotz bieten. Aber Albrecht Mooshage sagte: „Ich könnte das nie verantworten, wenn der Stadt um meinetwillen Übles zugefügt würde, ich gehe und sollte es mein Leben kosten. Ich wäre wahrlich ein schlechter Bürgermeister, könnte ich nicht mein Leben für die Stadt lassen!“

So ging er, begleitet von den Segenswünschen seiner Mitbürger und den heißen, heißen Tränen seines Kindes. Bald darauf kam in die Stadt die Kunde, Albrecht Mooshage sei vom Herzog wegen Hochverrates zum Tode verurteilt worden, der Stadt selbst würde, da sich ihr Oberhaupt freiwillig gestellt hätte, nur eine geringe Geldbuße auferlegt. Vergeblich beteuerten Rat und Bürgerschaft die Unschuld des Verurteilten, vergebens boten sie eine hohe Lösesumme für seine Freiheit, der Herzog gab nicht nach.

Während die ganze Stadt auf Rettung sann, verließ die schöne Gertrudis eines Tages heimlich die Stadt, sie wollte sich dem Herzog zu Füßen werfen und um Gnade bitten. Sie hatte sich in eine Pilgerkutte gehüllt, und, ebenfalls als Pilger verkleidet, folgte ihr der treue Hausverwalter Kaspar auf dem gefährlichen Wege. Sie ritten beide in der Frühe eines sonnigen Frühlingsmorgens zur Stadt hinaus, der Stadthauptmann wußte, wer die Pilger waren, und ungehindert ließ er sie durch. Der Weg führte durch einen meilenweiten Wald, in dem die Wege manchmal fast undurchdringlich waren, und die Reisenden kamen nur langsam vorwärts, viel zu langsam für Gertrudis Angst um den geliebten Vater. Sie hatte keinen Blick für die Schönheit ringsum, und nicht wie sonst freute sie sich am Sonnenglanz, an den tausend Blumen und dem Gesang der Vögel. Sie dachte nur an den Vater, und ob es ihr gelingen würde, ihn zu befreien.

Sie waren beide schon viele, viele Stunden geritten, als auf einmal ein schmerzliches Stöhnen an ihr Ohr klang. Erschrocken lauschten beide, es war ein Mensch, der da klagte. Wohl flehte Kaspar angstvoll: „Seid vorsichtig, Jungfrau Gertrudis, kommt rasch weiter,“ aber mutig ritt Gertrudis dem Stöhnen nach. Wo ein Mensch Hilfe brauchte, da zögerte sie nie zu helfen, an ihr eigenes Wohlergehen dachte sie nicht. Bald fanden die Reisenden auch, fest an einen Baum gebunden, einen schönen, dunkellockigen Jüngling in Jägertracht. Er war verwundet, sein ganzes Gesicht war blutüberströmt, er mochte wohl von Wegelagerern im Walde überfallen worden sein.

Gertrudis besann sich nicht weiter, sie sprang rasch vom Pferde, löste mit Kaspars Hilfe die Bande des Gefesselten, der nun befreit ohnmächtig zusammensank. Rasch und geschickt verband Gertrudis dann des Jünglings Wunden, die, wie sie bald sah, nicht gefährlich waren. Dabei verschob sich die Kapuze ihrer Kutte und der Ohnmächtige, der einige Augenblicke die Augen aufschlug, sah erstaunt in Gertrudis holdseliges Gesicht. Dann verlor der Jüngling wieder das Bewußtsein; er merkte es nicht mehr, daß Kaspar ihn vor sich auf das Pferd nahm und mit ihm weiter ritt. „Wir müssen uns sputen, Herrin,“ sagte der ängstlich, „um noch vor Nacht aus dem Walde zu kommen, namentlich mit diesem jungen Herrn, dem man wohl nachstellen mag“.

Sie gelangten aber ohne Unfall aus dem Walde heraus bis zu einer Herberge, dessen Wirtin Kaspar wohl bekannt war. Dort übernachteten beide, da die Pferde der Ruhe bedurften.

Gertrudis übergab den Verwundeten der Pflege der Wirtin. Ehe sie aber am Morgen davonritt, sah sie noch einmal nach dessen Wunden, dabei sah sie ein goldenes Amulett an des Junkers Hals, und nun erkannte sie in diesem Fridolin, ihren einstigen Gespielen. Da entfloh sie rasch, denn sie fürchtete, er möchte erwachen und sie erkennen. Bei dem eiligen Aufbruch aber verlor sie ihr Gebetbuch, das sie zum Trost auf ihrem schweren Wege mitgenommen hatte. Sie merkte es bald, aber sie fürchtete sich umzukehren und rasch ritt sie mit Kaspar weiter.

Als Gertrudis nach einigen Tagen in die Herzogsstadt einritt, da erfuhr sie zu ihrem Entsetzen, daß schon in drei Tagen ihr lieber Vater hingerichtet werden sollte. Vergebens suchte sie zum Herzog zu gelangen, der hatte viele Gäste auf seinem Schloß, und die Wachen wollten den Pilger nicht zu ihm lassen. Da beschloß Gertrudis, am Tage des öffentlichen Gerichtes des Herzogs Gnade zu erflehen. Es gelang ihr aber, ihren Vater zu sehen. Zwar blickte der Schließer den Pilger, dessen Gesicht ganz von einer Kapuze verhüllt war, mißtrauisch an, aber als Gertrudis ihm ein Geldstück gab, da ließ er sie doch zu dem Gefangenen. Der saß in einem dumpfen, halbdunklen Verlies, und Gertrudis wollte schier das Herz brechen, als sie den geliebten Vater so elend sah. Weinend umschlang sie ihn, der Bürgermeister aber erschrak heftig, als er sein Kind erblickte. Es war damals schon eine recht gewagte Sache, wenn ein Mägdlein eine Reise tat, Räuber und Wegelagerer gab es genug auf den Straßen, und Frauen pflegten meist nur unter starker Begleitung zu reisen. Gertrudis erzählte nun dem Vater, wie sie hergekommen sei; daß sie für ihn des Herzogs Gnade erflehen wollte, verschwieg sie jedoch, denn sie fürchtete, der Vater möchte in große Sorge um sie kommen. Es war den beiden nur ein kurzes Wiedersehen vergönnt, dann mußte Gertrudis scheiden, um nicht den Verdacht des Schließers zu erregen. Ihr Vater segnete sie zum Abschied, ermahnte sie zu allem Guten, und unter bitteren Tränen schieden beide von einander.

In ihrem Pilgergewand lag dann Gertrudis die ganze Nacht vor dem festgesetzten Gerichtstage im Dom vorm Altar und betete für ihren Vater. Dabei kam eine wundersame Ruhe über sie, es war immer, als hörte sie eine Glocke tönen: „Sei getrost, sei getrost, es wird alles gut werden“. Und als sie am Morgen in den strahlenden Frühlingssonnenschein hinaustrat, da faßte sie des alten Kaspar Hand und sagte zuversichtlich: „Es muß ja gut werden“.

Auf dem Anger vor der Stadt hielt an diesem Tage Herzog Bernhardt ein öffentliches Gericht ab, dort wollte er das letzte Urteil über den Bürgermeister von Neustadt sprechen, öffentlich sollte der hingerichtet werden. Viele Leute waren auf dem Anger; auf einem erhöhten Platz saß der Herzog im Kreise seiner Räte und Gäste, und alles Volk konnte es sehen, wie der Gefangene vor den Fürsten geführt wurde.

In diesem Augenblicke drängte sich ein Pilger vor und mit dem Rufe: „Gnade, Herr, Gnade für meinen Vater!“ warf Gertrudis die Kutte ab und sank zu des Herzogs Füßen. Der betrachtete nicht ohne Rührung das holdselige Mädchen, und er fragte ernst, aber nicht hart: „Wer bist du, und wie kommst du hierher?“

Gertrudis vermochte vor Schluchzen nicht zu sprechen, und Albrecht Mooshage sagte trüb: „Es ist mein einziges Kind, gnädiger Herr“.

Durch die Menge schritt jetzt eilig ein junger Mann in ritterlicher Kleidung, er sah ein wenig bleich und erschöpft aus, aber stolz und aufrecht trat er vor den Herzog. Gertrudis sah beglückt auf den Jüngling, sie erkannte ihn wohl, und auf einmal erklang wieder hell die Glocke der Hoffnung in ihrem Herzen.

„Was wollt Ihr?“ fragte der Herzog, er sah den schmucken Junker nicht ungnädig an.

„Donner, ja, das ist mein Sohn!“ rief plötzlich der alte Herr von Stein, der sich auch in dem Gefolge befand und gerade hinter dem Herzog saß. Mutig schaute Fridolin von Stein den Herzog und seinen Vater an, dann sagte er: „Ich will meine Bitten mit denen der Jungfrau hier vereinen; ich schulde ihr heißen Dank, sie hat mir vor etlichen Tagen das Leben gerettet“. Dann erzählte der Junker wie ihm ergangen war, und daß er seine Retterin an dem verlorenen Gebetbuch erkannt habe. Da sei er, kaum genesen, schnell hierher geritten. Er sagte zuletzt so recht aus tiefstem Herzen heraus: „Mein gnädiger Herr, übt Gnade an diesem Mann, wahrlich, er verdient es!“

„Ihr bittet für Eures Hauses Feind?“ fragte der Herzog und sah den Junker scharf an.

„Ja, da schlag doch das Wetter drein!“ rief Herr Wunibert von Stein, „aber nichts für ungut, gnädiger Herr, ehrlich währt am längsten. Beim Himmel, ich bin den Neustädtern auch nicht grün, aber für einen Hochverräter halte ich ihren Bürgermeister doch nicht!“

Und plötzlich erhoben sich noch mehr Stimmen für den Angeklagten, manch’ einer, der aus Zagheit geschwiegen hatte, sprach nun für ihn. Der Herzog, der, wenn sein rascher Zorn verraucht war, billig und gerecht dachte, wandte sich an die Ankläger und ließ die noch einmal ihre Beweise vorbringen. Die hatten mancherlei zu sagen, aber wenn einer ruhig und überlegen prüft, kommt er oft zu anderer Ansicht als im ersten Zorn. So erging es auch dem Herzog; die Beweise erschienen ihm auf einmal recht lückenhaft und anfechtbar, und so sagte er endlich: „Ich werde die Sache nochmals von andern Räten untersuchen lassen. Dich, Albrecht Mooshage, Bürgermeister von Neustadt, gebe ich frei, so du schwörst, daß du, wenn du schuldig befunden wirst, dich freiwillig meinem Urteil stellst“.

„Mein gnädiger Herr Herzog,“ sagte der Bürgermeister ruhig, „ich kam, als Ihr rieft, und so werde ich immer kommen, wenn Ihr ruft. Ich bin mir keiner Schuld bewußt!“

Da gab ihn der Herzog frei, und das Volk, das alles mit angehört hatte, jauchzte laut, die beiden falschen Ankläger aber verließen gar geschwind die Stadt, es war ihnen recht bänglich zu Mute. Der Herzog, der bald die völlige Unschuld des Bürgermeisters erkannte, verbannte später beide von seinem Hofe; er führte über den Bischof Albert Klage beim Papst, der diesen seines Amtes entsetzte.

Fridolin von Stein verließ neben Albrecht Mooshage und Gertrudis den Anger, und der alte Herr von Stein auf Reiffenstein sah den dreien etwas mißmutig nach. Er grollte auch gewaltig, als Fridolin ihm später erklärte, er wollte Vater und Tochter heimbegleiten. „Es sind unsere Feinde,“ brummte er. Das mannhafte Auftreten des Bürgermeisters, der bereit gewesen war, sein Leben für den Frieden seiner Vaterstadt hinzugeben, hatte ihm aber doch so gefallen, daß sein Zorn sich besänftigte, und es hatte doch auch Gertrudis seinen Sohn gerettet. Das Ende vom Liede war, daß er selbst mit heimritt. Er versicherte zwar, seine Feindschaft gegen Neustadt sei nicht etwa vorbei, nur sicher heimgeleiten wollte er Vater und Tochter, das sei Christenpflicht, auch sei er niemand gern etwas schuldig, selbst einem Mägdlein nicht. Ein wenig mürrisch ritt also der Ritter an des Bürgermeisters Seite heimwärts, aber war es die sonnenhelle Frühlingspracht, oder war es das frohe Plaudern seines Sohnes mit Jungfrau Gertrudis, was ihn erheiterte, kurz und gut, sein Gesicht hellte sich nach und nach auf, er wurde ganz gesprächig. Der alte Kaspar ritt hinterdrein und dachte in seinem Sinn: „Ob es nun nicht immer so friedlich in der Welt zugehen könnte“.

Die Neustädter aber meinten schier, sie müßten auf den Rücken fallen, als an einem Sonntag Mittag ihr Bürgermeister heil und unversehrt in die Stadt einritt, neben ihm die beiden Herren von Stein auf Reiffenstein. Die Freude war so groß, daß, wie der Chronist schreibt: das Geschrei kein Ende nehmen wollte. „Im Mai des folgenden Jahres“, schreibt dann der Chronist weiter, „hielt Herzog Bernhardt Einzug in seine vielliebe und getreue Stadt Neustadt. Und ritten ihm Rat und Bürgerschaft bis vor das Südtor entgegen, und konnte jeglicher merken, mit welcher Freundlichkeit unser gnädiger Herr Herzog mit unserer lieben Stadt Bürgermeister, Herrn Albrecht Mooshage, sprach. Und dessen Jungfrau Tochter grüßte er mit gar freundlichem Lachen und verlobte sie alsbald mit dem Junker Fridolin von Stein. Hatte auch des Junkers Herr Vater nichts mehr dawider zu sagen und war doch einstens so feindlich unserer Stadt gesinnt.“

„Wie geht’s denn weiter?“ fragte Wendelin, kaum daß der Doktor das letzte Wort gesprochen hatte.

Der lachte: „Ja, Kinder, die Geschichte ist halt zu Ende. Aber jedenfalls ist es dem Bürgermeister und seinen Kindern gut gegangen. Albrecht Mooshage hat noch viele Jahre sein Amt verwaltet, nachher wird der Herr Fridolin von Stein als Bürgermeister genannt. Von dem sagte der Chronist auch, daß er ein gerechter und frommer Mann gewesen sei. Er hat auch auf Bitten seiner Frau das Gertrudenspital erbaut und hat es nach seiner viellieben Hausfrau so genannt. Die schöne Gertrudis ist eine glückliche Frau geworden, sie ist aber nicht allein glücklich gewesen, sie hat auch andere glücklich gemacht, und das ist das Beste, was man von einem Menschen sagen kann“.

Ein Weilchen noch schwatzten die Kinder dies und das, Doktor Fröhlich beantwortete ihnen noch allerlei Fragen, dann liefen sie heim, und auf dem Heimweg sagte Jörgel zu Brigittchen: „Ich möchte auch so werden wie Albrecht Mooshage“. „Und ich wie Gertrudis,“ flüsterte Brigittchen und wurde ganz rot dabei. Jörgel aber rief: „Es ist doch fein, daß unser Neustadt schon so alt ist und eine so wichtige Stadt war!“

Das sagte Klaus Hippel auch, als er die Geschichte erfuhr, und daß just der alte Südtorturm der war, in dem er wohnte, freute ihn am allermeisten.