Durch der Schneekönigin Reich.
Es war ein Wintertag wie heute. Weiche, weiße Flocken sanken vom Himmel auf die Erde herab, die darunter träumend schlief. In einer kleinen Stadt, die noch ein wenig kleiner und winkeliger als Neustadt war, lag der Schnee so hoch, daß das ganze kleine Nest wie in einem dicken, riesengroßen Federbett lag. Im letzten Haus des Städtchens, das schon auf freiem Felde stand, wohnte eine arme Witwe mit ihrem Sohn. Schwerkrank lag der in seinem Bette und der Arzt, der vor etlichen Stunden dagewesen war, hatte gesagt: „Gute Frau, ich kann euch nicht mehr helfen, alle meine Pillen und Tropfen nützen nichts mehr gegen diese Krankheit.“
Die arme Witwe konnte nicht mehr weinen, so groß war ihr Jammer, verzweifelt starrte sie in die weiße Winterpracht hinaus. Gab es denn kein Mittel mehr, um ihren Sohn, ihr einziges, geliebtes Kind zu retten?
Wie sie so saß in ihrem Herzeleid, hörte sie auf einmal zwei Krähen vor den Fenstern krächzen. Es war ihr, als riefen die beiden immerzu: „Geh’ zur weisen Frau, geh’ zur weisen Frau!“
Da kam es ihr in den Sinn, daß draußen auf der Landstraße eine alte Frau wohnte, die wegen ihrer Güte und Klugheit berühmt im Lande war und bei der schon mancher in Sorge und Not Hilfe und Rat gefunden hatte. Die arme Witwe hüllte ihren Sohn in warme Decken, nahm ihn auf den Arm und lief so schnell ihre Füße sie trugen, zu der weisen Frau hin.
Die saß in ihrem Stübchen, in dem die Blumen blühten und die Vögel sangen, als sei Frühling. Finken und Zeisige und ein gar klug drein schauender Starmatz hüpften zwischen den Blumenstöcken herum, und die weiße Katze, die zu ihrer Herrin Füßen lag, dachte gar nicht daran, den Vögeln etwas zuleide zu tun.
So friedlich war es bei der weisen Frau, daß in dem Herzen der armen Witwe die Hoffnung zu blühen begann, und flehend klagte sie der Frau ihr Leid: „Mein Sohn ist mein einziges Glück auf der Welt, nun ist er so krank, er leidet so große Schmerzen und niemand kann ihm helfen, weißt du keinen Rat?“
„Du armes Weib,“ sagte die weise Frau und sah die Bittende traurig an, „ich kann dir wenig Trost geben; wohl weiß ich einen Arzt, der einen Wundertrank besitzt, aber der Weg zu ihm ist so mühsam und schwer um diese Winterzeit, noch nie ging ein Mensch diesen Weg zu Ende!“
„Ach!“ rief die Mutter, „sage mir nur geschwind den Weg, für mein Kind ist mir nichts zu schwer, keine Mühsal ist mir zu groß!“
„Ich will dir gern den Weg zeigen,“ erwiderte die weise Frau. „Der Arzt wohnt am Ende eines großen Waldes, durch den mußt du wandern, wenn du zu ihm gelangen willst. Aber ich sage dir, der Weg ist unendlich schwer, denn in dem Walde haust die Schneekönigin, sie hat ein Herz von Eis und wenn ein Mensch in ihre Macht fällt, dann küßt sie ihn, bis er zu Eis erstarrt, sie kennt kein Erbarmen und gibt keiner Bitte Gehör. Sie kann dir freilich nichts tun, solange du ohne dich umzuschauen vorwärts schreitest. Aber du darfst ja nicht stehen bleiben, nicht rasten, dich nicht umsehen, denn sonst verfällst du der Macht der Schneekönigin. Glaube mir, es haben schon viele Menschen versucht, den Wald zu durchschreiten, aber es ist noch niemand gelungen. Meinst du aber die Kraft zu haben, dann will ich mein Wäglein rüsten, ich habe ein schwarzbraunes Pferdchen, das läuft schneller als der Wind, das trägt dich in kurzer Zeit bis an den Wald.“
„Ach bitte, bitte, liebe Frau,“ rief die arme Mutter, „rüste rasch dein Wäglein, damit ich schnell bis an den Wald komme, ich fürchte mich gar nicht, ich kann es nicht glauben, daß die Schneekönigin stärker sein soll, als einer Mutter Liebe!“
„Wie du willst,“ sagte die weise Frau. Sie ging und spannte geschwind ihr Pferdchen an und sie fuhr die Witwe dann selbst bis an den Wald. Das Pferdchen lief wirklich so schnell, daß der Wind hinterher jagte, nicht mitkonnte, er wurde ganz ärgerlich darüber und fing in einem Dorf so zu schelten an, daß die Bauersleute erschrocken zu einander sagten: „Hört nur, wie der Wind pfeift, nein, so ein schlechtes Wetter!“
Als der Wagen an den Wald der Schneekönigin anlangte, zogen gerade Wolken über die Sonne dahin, die stand dahinter wie eine große, weiße Blüte.
Herzlich dankte die Witwe der weisen Frau, dann nahm sie sorgsam ihren Sohn auf den Arm, der leise vor Schmerzen weinte, und unverzagt betrat sie den Wald.
Hohe, schneebedeckte Tannen ragten empor, von ihren Zweigen hernieder hingen lange Eiszapfen und am Wege blühten große, seltsam geformte Eisblumen, die schimmerten und flimmerten wie von tausend Diamanten besät. Der Fuß der Wanderin versank tief in der weichen Schneedecke, und immer dichter fiel der Schnee herab, langsam, lautlos sank Flocke auf Flocke hernieder und die Luft war von Schnee erfüllt.
Tiefe, schauerliche Stille herrschte ringsum und kein Vogelschrei wurde hörbar. Das Schweigen legte sich beklemmend auf das Herz der Frau und eine große Angst erfaßte sie. Es war ihr, als wüchsen die Tannen immer dichter zusammen, als würde der Schnee tiefer und tiefer. Aber da weinte leise das kranke Kind in ihren Armen und mutig schritt sie vorwärts, um die Rettung für ihr Kind zu suchen.
Doch plötzlich wuchsen die Flocken, sie wurden größer und größer. Aus den wirbelnden Sternchen wurden zarte, weiße, schleierumhüllte Mädchengestalten. Die wiegten und neigten sich in der Luft und die hauchten der armen Frau in das Gesicht, daß es sie eisig durchdrang, und sie fühlte, wie die Füße ihr erstarrten.
Und so schwer schien ihr Kind zu werden und immer dichter kamen die weißen Gestalten, ihre Schleier streiften die Wangen der Mutter, da war es dieser, als würde sie mit Messern geschnitten.
Auf einmal ging jäh ein Brausen durch die Luft. Pfeifend wehte der Wind, und die arme Frau kam immer schwerer vorwärts. Da erblickte sie vor sich eine hohe weiße Gestalt in wehendem Mantel, der mit Diamanten umsäumt war. Auf ihrem Haar, das schwärzer als die Nacht war, lag eine funkelnde Krone. Das Antlitz war weißer als der Schnee und furchtbar waren die Augen, hart, grausam, und sie schimmerten blaugrün wie der See, wenn er zu Eis erstarrt ist.
Das war die Schneekönigin! Die arme Mutter fühlte es, und ihre Angst wuchs. Lachend streckte die Schneekönigin die weißen Arme aus, und dann begann sie zu sprechen und ihre Stimme klang wie springendes Eis: „Eile doch nicht so, arme Frau, komm, raste ein wenig in meinem Reich. Ich sehe es ja, du bist müde, und dein Weg ist noch weit. Komm, ruhe dich aus im weichen Schnee und gib mir dein Kind, ich will es gesund küssen!“
Eine große Müdigkeit überfiel die arme Mutter, sie fror nicht mehr, sie war nur müde, ach, so müde, und das Kind in ihrem Arme wurde immer schwerer, sie brach fast unter der Last zusammen. Aber sie dachte an die Warnung der weisen Frau und in der Angst ihres Herzens rief sie laut: „Lieber Gott, hilf mir doch!“
Da wich die Schneekönigin langsam zurück. Aber ihr Mantel umflatterte die Frau, daß diese den Weg nicht zu erkennen vermochte, und es wurde dunkler und dunkler. Die Nacht senkte ihre Schatten herab und der armen Mutter wurde es bitterangst in dieser Dunkelheit, in der sie den Weg nicht mehr zu erkennen vermochte. In ihrer Not rief sie wieder: „O Mond, du lieber Mond, habe doch Erbarmen und leuchte mir um meines Kindes willen!“
Ganz sacht verbreitete sich da ein silberner Schein über den Wald und es begann wundersam zu leuchten. Silbernes Licht glitt an den Stämmen der Tannen herab und legte sich hell auf den Weg. An dem dunklen Nachthimmel schwebten silberumsäumte Wölkchen, und dann stieg klar und voll über den dunklen Bäumen der Mond empor.
Dankbar sah die arme Witwe zu ihm auf, das liebe Himmelslicht lächelte gerade so sanft und mild auf sie herab, wie in den einsamen Nächten, da sie am Bett ihres Kindes gewacht hatte. Neuer Mut zog in ihr verzagtes Herz, und tapfer schritt sie vorwärts. „Ich werde mein Ziel dennoch erreichen,“ dachte sie.
Doch die Schneekönigin gab es nicht auf, Mutter und Kind in ihre Gewalt zu bekommen, sie begann mit ihren weißen Fräuleins zu singen, das klang lockend und sehnsuchtsvoll.
Die arme Frau hörte ganz deutlich die Worte, die die Königin mit ihren Dienerinnen sang:
„Walle, walle, Schleier weiß,
Flocke, Flocke, falle du,
Hüllt die Erd’ in Schnee und Eis,
Deckt die jungen Saaten zu!
Walle, walle weißer Schnee,
Flocke auf Flocke fall’ herab,
Tut es auch den Blüten weh,
Sterben auch die Blätter ab!
Ohn Erbarmen schwingt den Stab,
Winters schöne Tochter leis,
Weißer Schnee deckt Grab auf Grab,
Erde ist gebannt in Eis.
Und mit weißen Armen sacht,
Will dein Kindlein ich umhüllen.
Komm, mit meiner weißen Pracht,
Will ich seine Schmerzen stillen.
Walle, walle, Schleier weiß,
Flocke, Flocke, falle du,
Hüllt die Erd’ in Schnee und Eis,
Alles Leben decket zu!“
Von dem Gesang aber erwachte der kranke Knabe, der auf den Armen seiner Mutter eingeschlafen war; er schlug die Augen auf und sah die schimmernde Gestalt der Schneekönigin. „Ei, Mutter,“ rief er, „sieh doch dort die wunderschöne Prinzessin mit der Krone! Mutter, sie winkt mir, ich will zu ihr, sie hat gewiß ein schönes Schloß!“
Der Kranke versuchte, aus den Armen der Mutter herabzugleiten, doch verzweifelt hielt die ihn fest und rasch riß sie sich ihr Tuch vom Kopf und verhüllte damit das Gesicht des Kindes. Aber eine der weißen Gestalten blies das Tuch fort und nun jubelte der Kleine: „Mutter, Mutter, die Prinzessin ist wieder da, ich will zu ihr, ach bitte, bitte, laß mich doch los!“
Da, in dieser höchsten Not, kamen der armen Witwe die Tränen, die seit Wochen versiegt waren. Ein paar heiße, schwere Tropfen rannen aus ihren Augen, sie fielen gerade auf die Hände der Schneekönigin, die eben nach dem Knaben greifen wollte.
Mit einem lauten, gellenden Schrei wich die Schneekönigin zurück. Menschentränen brannten sie wie Feuer und jäh verstummte auch der Gesang ihrer weißen Dienerinnen.
Die Mutter ergriff wieder fester ihr Kind, sie nahm alle ihre Kraft zusammen und versuchte den Ausgang des Waldes zu gewinnen. Fern, fern sah sie ein Lichtlein schimmern, ach! gewiß wohnte dort der berühmte Arzt.
Aber nun begann es wieder zu schneien, still, lautlos, immer dichter fiel der Schnee, und so viele Mühe sich der Mond auch gab, sein Licht erhellte immer schwächer die Dunkelheit. Die arme Witwe sah das weiße Verderben wachsen, sie kam kaum noch vorwärts, schon sank sie bis über die Kniee in den Schnee ein, und nun fing ihr Kind auch noch jämmerlich an, vor Schmerzen zu weinen.
Verzweifelt schluchzte die Mutter auf, und wieder rannen ihr ein paar Tränen aus den Augen, es waren die allerletzten, die sie besaß. Die fielen auf den Schnee nieder und plötzlich schmolz dieser darunter, wie unter dem Kuß der Frühlingssonne. Leichter konnte die Frau schreiten, und sie nahm noch einmal ihre Kraft zusammen und erreichte glücklich den Ausgang des Waldes. Dort aber brach sie ohnmächtig zusammen. —
Als sie wieder erwachte, befand sie sich in einem hellen, behaglichen Stübchen. In einer Ecke prasselte und glühte ein kleines Öfchen, und ein Kater lag davor und schnurrte, als müßte er Leinwand zu zwölf Hemden spinnen. Und wie bei der weisen Frau jenseits des Waldes, blühten auch hier bunte Blumen trotz der Winterkälte, und allerlei bunte, fremdländische Vögel hüpften und piepsten im Zimmer herum.
Vor einem schneeweißen Bettchen, das an der einen Seite der Stube stand, saß ein alter Mann, in dem Bett aber lag ihr Kind, das schlief fest und es hatte blühende Wangen und sah so frisch und gesund aus wie ein Äpfelchen.
„Mein Kind lebt,“ jubelte die Mutter, „Gott sei gedankt, es wird gesund!“
„Ja, freilich wird es gesund,“ sagte der alte Mann, der der berühmte Arzt war, „und weißt du, was das Heilmittel war, das ihm geholfen hat?“
„Wie soll ich das wissen,“ sagte die arme Witwe, „ich bin doch nicht weise und gelehrt!“
Der Arzt lächelte: „Und du hast doch das Mittel selbst angewandt: Mutterliebe und Muttertränen haben dein Kind gesund gemacht!“
In diesem Augenblick schlug der Kleine seine Augen auf. Als er seine Mutter sah, streckte er jauchzend seine Ärmchen nach ihr aus: „Mutter!“ rief er, „ich habe von einer wunderschönen Königin geträumt, das war fein! Ach, und so schön hat sie gesungen! Hör’ das Lied, ich kann es noch.“ Er sang mit feinem Stimmchen das Lied, und der Arzt sagte: „Dein Sohn, Frau, wird einst sehr berühmt werden; wenn einer das Lied der Schneekönigin behält, dann wird er viel Ruhm und Glück im Leben gewinnen.“
„Möge er gut werden, das ist die Hauptsache,“ sagte die Mutter innig.
Bis der Frühling kam, blieb die Witwe im Hause des Arztes, dann kehrte sie mit ihrem gesunden Kind in die Heimat zurück. Diesmal war es wundervoll durch den Wald zu gehen, den die Schneekönigin längst, grollend über des Frühlings Sieg, verlassen hatte.
Und aus dem kleinen Jungen der armen Witwe wurde später ein hochberühmter Künstler. Wohin er auch mit seiner Geige kam und spielte, überall jubelten ihm die Menschen entgegen; das schönste Lied aber, das er spielte, war das Lied, das ihm einst die Schneekönigin mit ihren weißen Fräuleins vorgesungen hatte.
Seiner Mutter, die er liebte, wie nur ein guter Sohn seine Mutter lieben kann, baute er ein schönes Haus, das in einem wundervollen Garten lag. Er selbst heiratete dann eine Gräfin und alle zusammen lebten in dem schönen Haus glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch. —
„Aus ist die Geschichte,“ sagte Fräulein Helene mit ihrer lieben, warmen Stimme. Sie nahm Brigittchen auf den Arm und sah der Kleinen in die Veilchenaugen, die auf einmal so traurig aussahen. „Was fehlt dir, mein Liebling?“
„Wenn ich doch eine Mutter hätte,“ flüsterte die Kleine betrübt. Niemand hörte das, denn die anderen Kinder beredeten die Geschichte laut und ausführlich, nur Jantge sah still drein und Fräulein Helene sagte: „Sei dankbar, Brigittchen, für das, was du hast; sieh, Jantge hat nicht einmal einen Vater.“
Da wurde Brigittchen still, nachher ging sie zu Jantge hin und war so liebevoll zu der kleinen Freundin, daß Severin beinahe eifersüchtig wurde, und er gab sich erst zufrieden, als er beim Heimweg zwischen Jantge und Brigittchen gehen durfte.
„Es war doch fein, daß uns Fräulein Helene eingeladen hat,“ sagten die Kinder, als sie heimgingen.
„Das Schönste war doch die Geschichte,“ rief Brigittchen.
Die andern stimmten ihr zu, nur Severin war sich noch nicht klar, ob die Schokolade, das Spielen oder die Geschichte am schönsten gewesen sei, und am liebsten hätte er sich zu morgen gleich wieder einladen lassen, um darüber zu entscheiden.
Aber das gab es nicht, dafür aber gab es Tauwetter und der Schnee lief so geschwind vor der Sonne von dannen, daß sämtliche Schneemänner im Städtchen umpurzelten. Und von den Dächern rannte der Schnee herunter, eins, zwei, drei, klatsch, da lag er unten auf der Straße, wurde schmutzig, wurde zu Wasser, und weg war er. Auf den Dächern aber saßen die Vögel und zwitscherten und piepten und wenn einer ganz genau hinhörte, dann verstand er, was die Vögel riefen, nichts anderes als: „Es wird Frühling, es wird Frühling!“