Ein Fastnachtsspiel.
Die alte Dorothee pflegte von Klaus Hippel zu sagen: „Ein Kindskopf ist er und bleibt er, so alt wie er ist, und nichts als Flausen hat er im Sinn“.
Das stimmte und stimmte auch wieder nicht. Klaus Hippel konnte, wenn es darauf ankam, so ernsthaft und verständig wie ein Bürgermeister sein, freilich war er auch wieder ein lustiger Geselle, und wenn ihn die Sorgen nicht allzusehr drückten, dann war er heiter und guter Dinge.
Seine größte Lust war in alten Büchern zu lesen, und Märchen und Sagen wußte er mehr, als in zwanzig Kinderbüchern stehen. Und wenn Klaus Hippel erzählte, dann war es immer, als sei er just dabei gewesen, als sei er mit Held Roland durch das Tal von Ronceval geritten, oder wäre selbst allen schönen Frauen und Rittern im Zauberwalde irgendwo begegnet. Besonderen Spaß machte es ihm auch, wenn sich die Leute zu Scherz und Kurzweil verkleideten; als daher Jörgel eines Tages sagte: „Vater Klaus, können wir bei dir nicht einmal Fastnacht feiern?“ da war er gleich mit Freuden dazu bereit.
Bald nach Weihnachten hatte Jörgel das gesagt, und von dem Tage an sprachen die Kinder immer mit heimlicher Lust von dem Fastnachtsspiel bei Klaus Hippel. Der Pantoffelmacher hatte sich nämlich vorgenommen, selbst ein wundervolles Ritterstück zu schreiben; darin kamen zwei Ritter, eine Prinzessin, ihre Hofdamen und ein böser Zauberer vor. Severin und Wendelin sollten die Ritter spielen, Jörgel den Zauberer, Brigittchen war die Prinzessin und Anne-Marte und Jantge ihre Hofdamen. (Jantge war von den fünf Schatzgräbern rasch als Freundin angenommen worden, und sie durfte natürlich auch beim Fastnachtsspiel nicht fehlen.) Die Prinzessin brauchte nichts weiter zu tun als immer „Ach und Weh“ zu seufzen, nur am Schluß mußte sie rufen:
„Teurer Ritter, du hast mich befreit,
Ich danke dir in aller Ewigkeit!“
Die Hofdamen brauchten nur „Ach und Weh“ zu sagen und zuletzt „Hurra“ zu schreien.
Die Ritter hatten es etwas schwerer; erstens mußten sie mit ihren Säbeln rasseln, zweitens mußten sie den Zauberer furchtbar ausschelten und ihn zuletzt mit einem wilden Triumphgeschrei in einen Turm sperren. Der Turm war Mutter Paulinchens Kleiderschrank. Am schwersten hatte es der Zauberer; der war bei dem Stück die Hauptsache, er mußte sich nämlich in ein wildes Tier verwandeln, brüllen und plötzlich ein Rotfeuer anzünden. Klaus Hippels alte Pelzjacke war das Löwenfell, und eine Schachtel Rotfeuer hatte sich Jörgel sogar von seinem Taschengeld erstanden; damit nichts passierte, durfte er aber nur ein einziges Hölzchen anzünden.
Wundervoll sollte das Spiel werden; Zuschauer waren die Pantoffelmachersleute und Schneider Langbein mit seiner Frau. Am letzten Tag meldeten sich noch die Geschwister Fröhlich an, worüber Frau Paulinchen in große Aufregung geriet. Sie hatte nur drei Stühle, und einer davon wurde noch als Thronsessel für die Prinzessin gebraucht.
„Es wird schon gehen,“ sagte der Pantoffelmacher, „nur den Mut nicht verlieren“.
„Es ist doch eine große Ehre, daß so vornehme Leute zu uns kommen, mit was soll ich sie denn bewirten?“ klagte die Pantoffelmacherin.
Ja, du meine Güte, da war guter Rat teuer.
Ihr Mann sah etwas verlegen drein; Punsch und Pfannkuchen muß es zu Fastnacht geben, aber woher sollten sie beides nehmen?
Pantoffelmachers waren arme Leute und just diesen Winter ging es besonders knapp bei ihnen zu, was sie erübrigen konnten, das gaben sie dem Schwiegersohn, damit der bald seine Schuld abtragen konnte. Und Fremde kamen auch nicht, das Museum anzusehen; das Trinkgeld gehörte nämlich den Turmbewohnern, dafür mußten sie aber auch oben immer alles in Stand halten.
„Hm, ja, hm,“ brummte der alte Klaus nachdenklich. Dann nach einem Weilchen schrie er, einen roten Samtpantoffel in der Luft schwenkend, „wegen Punsch und Pfannkuchen kommen die Leute nicht zu uns, sondern wegen meines Stückes, das hat der Doktor selbst gesagt, nämlich weil er auch ein Dichter ist. Und wenn Nachbar Langbein denkt, er kriegt Punsch und Pfannkuchen, na, dann bekommt er halt die Nase auf die Tischecke, wie meine selige Mutter zu sagen pflegte, wenn wir was haben wollten und es nicht bekamen.“
„Punsch und Pfannkuchen wären aber doch fein, ich wollte ich hätte beides,“ sagte Frau Pauline seufzend.
Es war im alten Wächterturm an diesem Morgen just wie in einem Märchen, wo sich einer nur etwas zu wünschen braucht und gleich geht es in Erfüllung. Kaum hatte Frau Paulinchen ihren Wunsch ausgesprochen, so erschien auch schon die Fee, diesmal freilich war es die alte Dorothee. Die brachte eine große Schüssel Pfannkuchen, „selbstgebackene“ sagte sie, dazu eine Flasche Punsch und schöne Grüße von Fräulein Helene.
„Na,“ rief Klaus Hippel vergnügt, „wenn das heute so mit dem Wünschen geht, dann wünsche ich mir auch geschwind irgend etwas ganz Besonderes, etwas so — —“
Klatsch fuhr er da mit seinem roten Pantoffel, an dem er gerade nähte, durch die Fensterscheibe und knax war ein großes Loch darin und der Pantoffel lag draußen auf der Stadtmauer.
Etwas verblüfft schaute der Meister sich um, Dorothee lachte ein bißchen ärgerlich. „Das kommt davon, Gevatter, wenn man so wild herumfuchtelt; ist das eine Art, so mit den Armen rechts und links auszuschlagen, beinahe hätte ich noch eine Kopfnuß dabei gekriegt. Nee, wie kann man nur so alt sein und noch so hitzig! Nun sorgt nur dafür, daß bis zum Nachmittag das Loch im Fenster wieder heil ist, so was kann mein Fräulein nicht vertragen; Löcher in den Fenstern sind wir nicht gewöhnt.“
Damit ging Dorothee hinaus, langsam und gewichtig, so zart wie eine Fee pflegte die gute Alte nicht zu gehen.
Meister Hippel aber beschaute ein bißchen kleinlaut den Schaden, dann ging er zum Glaser und versprach diesem, ihm das nächste Mal seine Pantoffel umsonst zu flicken, wenn er ihm sein Fenster auch umsonst flicken wollte. Das tat der Glaser auch, und als die Gäste am Nachmittag kamen, sah man nichts mehr von dem Loch im Fenster.
Zuerst kamen die Kinder, gleich alle sechs zusammen. Sie kamen, wie Kinder eben meist kommen, mit viel Lachen und Schwatzen, mit viel fröhlicher Lust.
Brigittchen hatte einen weißen Schleier und eine Goldpapierkrone mitgebracht, das war ihr Prinzessinnengewand. Erst hatte Tante Mathilde den Besuch gar nicht erlauben wollen, und da Brigittchen nicht, wie viele andere Kinder, mit Bitten und Schmollen eine Erlaubnis erzwingen konnte, wäre beinahe nichts daraus geworden. Glücklicherweise aber war Fräulein Helene gekommen und Brigittchen zu Liebe hatte diese gesagt, sie würde dann auch zu der Fastnachtsfeier gehen. Fräulein Helene hatte dann auch zwei buntseidene Tücher für die Hofdamen geliehen, und weil Fräulein Helene ging, erlaubte auch Frau Doktor Fabian die Fastnachtsfeier.
Jörgel hatte sich eine alte Maske mitgebracht, die er als Zauberer tragen wollte. Klaus Hippel hatte für die Ritter Severin und Wendelin aus dem Museum zwei Helme und Schwerter geholt. Der gute Alte dachte sich nichts dabei, und die Kinder auch nicht und doch wäre beinahe eine schlimme Geschichte daraus geworden.
Vorläufig waren alle ungemein lustig, selbst das sonst so stille Brigittchen kam gar nicht aus dem Kichern heraus. Und als noch alle von dem Pfannkuchen- und Punschwunder des Morgens erfuhren, da wurde die kleine Turmstube beinahe zu eng für all den fröhlichen Lärm.
Meister Hippels Fensterplatz in der tiefen Nische der dicken Mauer, das war das Schloß, in dem die Prinzessin mit ihren Dienerinnen gefangen saß, und vor dem Schloß sollte sich der Kampf mit dem Zauberer abspielen. Die Zuschauer kamen zur rechten Zeit. Die Spieler steckten derweil hinter einem großen Brett, das Frau Paulinchen an die Kommode angestellt hatte, nur die Prinzessin saß mit ihren Hofdamen im Erker, und als Schneider Langbein mit seiner Frau als erste Zuschauer kamen, da ging das Seufzen und Stöhnen der Gefangenen los, es war zum Steinerweichen. Anne-Marte mußte sich zwar immer wieder umdrehen, sie konnte und konnte das Kichern nicht unterdrücken.
Für die Gäste waren die zwei Stühle an der Türe aufgestellt worden, dem Fenster gerade gegenüber, und die Geschwister Fröhlich kamen auch sehr pünktlich, gleich nach dem Schneidermeister und seiner Frau.
Doktor Fröhlich sah die Helme der Ritter Severin und Wendelin über dem Brett hervorragen. „Die sind aus dem Museum,“ dachte er, „ei, ei, Meister Klaus, sollte das erlaubt sein!“ Er wollte aber das Vergnügen nicht gleich durch einen Tadel stören, darum sagte er nichts.
Brigittchen vergaß ganz ihre Prinzessinnenrolle, und ihre Tante Helene bekam Grüße, Kopfnicken, ja sogar ein Kußhändchen sandte die gefangene Prinzessin aus ihrem Schloß heraus ins Weite.
„Los!“ rief da der Pantoffelmacher mit solcher Donnerstimme, daß die Hofdame Jantge das Schlüsselbund, das Mutter Paulinchen ihr zur Vervollständigung ihres Kostüms gegeben hatte, mit einem lauten Krach auf den Boden warf. Darüber kam Anne-Marte ins Kichern und nur Brigittchen konnte nach Vorschrift: „Ach und Weh“ klagen. Sie tat es auch so jämmerlich, als hätte sie mindestens seit drei Tagen Zahnschmerzen.
Hinter dem Brett, vielmehr aus dem Zauberwald hervor, stürzten jetzt die Ritter Severin und Wendelin. Severin kam das Schwert zwischen die Beine und seinem Bruder rutschte der Helm so jäh über die Nase, daß Meister Hippel zuspringen mußte, um den armen Ritter aus seiner unangenehmen Lage zu befreien.
Inzwischen hatten sich die gefangenen Jungfräulein so in das Klagen gefunden, daß sie immer lauter und jämmerlicher schrieen, und niemand verstand über dem Geschrei den Zauberer Jörgel, der nun auch aus dem Zauberwald angerannt kam und rief:
„Ha, ich seh zwei Ritter gehn,
Die sollen gleich verzaubert stehn!“
„Halt’ doch den Mund und schrei nicht so!“ flüsterte der grimme Zauberer gleich darauf seiner Schwester Anne-Marte zu.
„Kikikiki,“ pruschte diese los.
Ritter Wendelin deklamierte mit schellender Stimme:
„Den Mann da will ich fragen,
Er soll mir gleich mal sagen,
Wer — —“
Klapp, rutschte ihm der Helm wieder über die Nase, er vergaß seine Rolle und schrie jämmerlich „Au, au!“
„Setz’ das Ding ab,“ flüsterte Meister Hippel so laut, daß man es beinahe auf der Stadtmauer hören konnte.
Das war aber nicht so einfach; da langte Jantge aus dem Schloß heraus und befreite den armen Ritter aus seiner unangenehmen Lage.
„Ich will dir sagen wie ich heiß’,
Ich bin der Zauberer Allesweiß“
brüllte Jörgel, da rief unversehens seine Schwester: „Deine Maske hat ja ein Loch!“
„Aber Anne-Marte, sei doch still,“ tuschelte Brigittchen ängstlich, und Jantge stöhnte laut: „Ach, ach, ach!“
„Ei, dann sag’ mir, wo ich finde,
Die Königstochter Hildelinde?“
sagte Severin laut und rasselte mit seinem Schwert, wie Doktor Fabians Hofhund Sultan mit seiner Kette.
„Es klingelt; ein weißer Spatz fliegt in den Turm,“ rief da plötzlich Mutter Paulinchen, und vergaß im Augenblick das ganze Spiel.
„Unsinn,“ brummte der Meister, der nicht gern gestört sein wollte. „Es wird eins von den Kindern sein, das findet schon die Treppe herauf. Sei nur still und störe nicht!“
„Willst sie wohl gar befrei’n?
Guter Ritter, das laß sein!“
schrie der Zauberer Jörgel mit so hohnvoller, grimmiger Schadenfreude, daß Meister Hippel später sagte, es wäre ihm durch und durch gegangen.
Die Ritter Wendelin und Severin aber kamen um ihre kühne, von Säbelrasseln begleitete Antwort, denn an der Türe draußen polterte und klopfte es.
Mutter Paulinchen schrie vor Schreck auf, sie riß in ihrer Aufregung ihren Nähkorb herunter, der neben ihr auf einem Tischchen gestanden hatte.
Schneidermeister Langbein aber öffnete die Türe, und nun sahen die Anwesenden zwei fremde Herren und eine Dame draußen stehen, die erstaunt das Stübchen und seine Insassen musterten. „Sind wir hier recht, wir möchten das Museum sehen?“ fragte der ältere der beiden Herren.
„Ja, jawohl,“ rief Meister Hippel, „Paulinchen hol’ den Schlüssel!“
Aber der Schlüssel war nicht so geschwind gefunden, Frau Paulinchen suchte, die Schneidermeisterin suchte, die Kinder begannen zu suchen, wo war er nur?
Inzwischen war Doktor Fröhlich auf die Fremden zugegangen und erklärte ihnen, was für eine Feier hier stattfinde.
Die Fremden lachten, die Dame sagte etwas spöttisch: „Können wir nicht zuhören?“ „Ei gewiß,“ sagte Meister Hippel, der dies für eitel Freundlichkeit hielt, „Paulinchen, wo ist nur der Schlüssel?“
Ja, wo war er denn nur? Alles suchte, alles kramte, bis plötzlich Meister Langbein sagte: „Haben Sie ihn vielleicht in der Tasche, Frau Nachbarin?“
Richtig, da war er! Ganz gemütlich steckte er drin.
„Jörgel hat ihn reingezaubert,“ flüsterte Wendelin Anne-Marte zu.
Die Fremden kletterten die Treppen hinauf und oben zeigte ihnen Mutter Paulinchen die Schätze; Severin und Wendelin waren hinterher getrappt, sie stellten Helme und Schwerter fein säuberlich an ihren Platz.
„Hier geht es aber gemütlich zu, die richtige Kleinstadt,“ flüsterte die Dame lachend einem ihrer Begleiter zu.
„Siehst du,“ sagte der verdrossen, „ich sagte es doch gleich, es lohnt sich nicht, hier erst auszusteigen, was hat man denn in so einem Nest?“
„Ist der Kram alles, was in dem Museum ist?“ fragte der andere Herr.
„Ja,“ murmelte Mutter Paulinchen verlegen, sie merkte wohl, wie klein und lächerlich die Fremden alles fanden, und so wies sie nicht, wie sie es sonst tat, auf die reizvolle Aussicht hin, die man vom Turm aus hatte. Und doch war die Landschaft, die draußen von silbergrauem Dunst matt verschleiert lag, unendlich lieblich.
„Nebenbei benutzen Sie wohl die Sachen zu Ihren Fastnachtsspielen?“ fragte der jüngere der Herren spöttisch.
Frau Paulinchen schwieg, aber das Herz tat ihr weh, daß die Fremden das Museum, das ihr Stolz war, so geringschätzig behandelten. Und es gab doch mancherlei zu sehen, was der Mühe lohnte, das wußte sie.
Es hatte mancher Besucher schon anerkannt. „Man findet selten so ein schönes Stückchen Vergangenheit so wohl erhalten,“ hatte einmal ein sehr berühmter Gelehrter gesagt. Der junge Herr schrieb dabei immerzu in sein Notizbuch, er sah sich aber garnicht um, nur auf die alten, schöngeschnitzten Möbel warf er einen flüchtigen Blick. „Ganz passabel,“ murmelte er.
Als die Pantoffelmacherin von der ruhmreichen Vergangenheit der Stadt erzählen wollte, unterbrach sie der ältere Herr: „Lassen Sie nur, gute Frau, wer weiß, ob das geschichtlich verbürgte Tatsachen sind, solche kleinen Nester, wie Ihre Stadt, brüsten sich gern mit ihrer Vergangenheit. Ich denke,“ wandte er sich an seine Begleiter, „wir gehen jetzt, wir haben genug von Neustadt’s Reizen gesehen!“
Damit gingen die drei. Das Trinkgeld war so reichlich wie selten, und doch hatte Frau Paulinchen wenig Freude dran. Manche bescheidene Gabe hatte ihr mehr Freude gemacht, wenn nämlich der Geber in hellem Entzücken die Rundsicht vom Turme genossen hatte.
Die Fremden gingen, und die Frau kehrte in ihre Stube zu dem unterbrochenen Spiel zurück. Dort hatten die Kinder einstimmig erklärt, vor den Fremden wollten sie nicht spielen, und zur Abwehr waren sie alle miteinander in den Zauberwald zwischen Brett und Kommode gekrochen; daß es darin etwas eng zuging, erhöhte nur das Vergnügen.
Die Geschwister Fröhlich hatten wohl den Spott der Fremden gemerkt, Fräulein Helene dachte mit nachsichtigem Lächeln an den erstaunten Blick der Dame, die fand es sicher komisch, daß sie hier im Pantoffelmacherstübchen saß und dem Spiel der Kinder lauschte. „Wie kleinstädtisch ist diese Fastnachtsfeier,“ hatte die Fremde geflüstert.
„Sie weiß eben nicht, wie traut und heimlich es in einer kleinen Stadt sein kann,“ dachte Helene Fröhlich, und sie sah sich selbst wieder so einsam und verlassen in dem riesengroßen London sitzen. Mutterseelenallein war sie gewesen, und niemand hatte sich um sie gekümmert.
„Warum bist du so traurig, Tante Helene?“ fragte auf einmal ein liebes Stimmchen. Prinzessin Brigittchen war aus dem Zauberwalde hervorgekrochen, weil sie gesehen hatte, wie sinnend und betrübt ihre Tante auf einmal dreinsah.
„Ich bin nicht traurig, mein Herzel,“ sagte Fräulein Helene, und ihre Stimme klang auf einmal wieder froh und hell. Sie nahm ihre kleine Freundin auf den Schoß, und Brigittchen schmiegte sich ganz fest an sie an und sagte wieder wie so oft: „Ich hab’ dich lieb!“
Just in diesem Augenblick trat Frau Paulinchen in das Zimmer, und ihr Mann rief ganz enttäuscht: „Wo sind denn die fremden Herrschaften geblieben?“
Seine Frau erzählte von dem Besuch, aber sie mußte zweimal erzählen, ehe es der gute Klaus Hippel begriff, daß es den Fremden ganz und garnicht oben im Turm gefallen hatte. „Nicht gefallen bei uns!“ rief er einmal über das andere erstaunt, „ja, wie ist denn so was möglich! Ich bin zwar noch nie aus Neustadt herausgekommen, aber so was Schönes wie unseren Turm, die Aussicht und das Museum, habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen, wirklich und ganz gewiß nicht, na, so was aber auch!“
Ein Weilchen verging mit Hin- und Herreden, ehe das Spiel fortgesetzt werden konnte. Frau Paulinchen wollte die Schwerter und Helme wieder von oben herunterholen, aber Doktor Fröhlich meinte, es ginge auch so, einer der Ritter könnte seinen Spazierstock, der andere die Ofengabel nehmen. Und es ging wirklich so, das Spiel wurde in aller Fröhlichkeit fortgesetzt, die gefangene Prinzessin und ihre Hofdamen ächzten und stöhnten zum Erbarmen, die Ritter brüllten machtvoll, der Zauberer zauberte gar erstaunlich, aber zuletzt half ihm alle Zauberei nichts, er wurde eingesperrt, die Prinzessin befreit und von Ritter Wendelin als Braut heimgeführt. —
Es war wirklich ein wunderschönes Stück gewesen, Mutter Paulinchen und die Schneidermeisterin weinten vor Rührung, und der Pantoffelmacher war so aufgeregt, daß er zuletzt alle Verse mitsagte. Kurz, es war wunderschön, Klaus Hippel sagte es immerzu, und der mußte es doch wissen, er hatte ja das Stück gedichtet.
Daß es nachher Pfannkuchen gab und für die Erwachsenen Punsch, trug nicht wenig zur Lust bei. Und Fräulein Helene zeigte dabei, daß sie auch etwas von Zauberei verstand, sie gab nämlich jedem Kind einen besonders großen Pfannkuchen, recht dick mit Zucker bestreut und sagte: „Eßt mal die, sie sind besonders gut, brecht sie aber auseinander.“
Mit dem Auseinanderbrechen ging es aber nicht so recht, bis schließlich alle Kinder wie aus einem Munde riefen: „Die sind ja gar nicht echt.“ Es fanden sich allerlei hübsche Mützen aus Seidenpapier in den angeblichen Pfannkuchen, mit denen sich die Kinder geschwind schmückten.
Die Fröhlichkeit im Turmstübchen wurde immer größer und es gab betrübte Gesichter bei Wirtin und Gästen, als Fräulein Helene zum Aufbruch mahnte. Aber trotzdem wurde auch der Heimweg recht fastnachtslustig. Niemand hatte etwas dagegen, daß die Kinder in den stillen Straßen, durch die ihr Weg sie führte, fröhliche Lieder sangen. Höchstens daß mal jemand, der ihnen begegnete, sich umdrehte und sagte: „Ei, seid ihr aber lustig!“
„Und morgen ist Aschermittwoch,“ sagte Wendelin, als man auf dem Kirchplatz angelangt war, „ich hab’ schon eine feine Rute, da will ich ordentlich kehren.“
„Mich bekommst du nicht,“ neckte Anne-Marte kichernd.
„Mich auch nicht!“ rief Brigittchen.
„Na, wartet nur, ich kehre euch allen den Staub ab,“ rief Wendelin protzig, „dann müßt ihr mir was schenken!“
„Ich auch, ich auch!“ riefen Jörgel und Severin, „nehmt euch nur in acht, Mädels!“
Nach dieser Mahnung nahmen alle fröhlich Abschied von einander. Nur Brigittchen brauchte sich noch nicht von Fräulein Helene zu trennen, die Geschwister Fröhlich waren von Herrn Schön und Fräulein Mathilde zum Abend eingeladen worden, und der Kleinen erschien dies beinahe als der schönste Teil des Tages. Ihre neue Tante brachte sie zu Bett und es gab zum Schluß noch ein heiteres Einschlafemärlein, bei dessen Worten Brigittchen sacht in das Traumland hinüber schlummerte. —
Der Aschermittwoch brach an. Die Wolken schienen es für ihre Pflicht anzusehen, den Sonnenglanz zu dämpfen. Grau und glanzlos war der Himmel, ein feiner, grauer Dunst hüllte die Stadt ein und die Leute sagten, es sei richtiges Aschermittwochwetter, die Asche hinge förmlich in der Luft.
Severin und Wendelin kümmerten sich wenig um das trübe Wetter; als sie nach dem ersten Frühstück mit Jörgel vereint zur Schule trabten, da waren alle drei eitel Lust und Fröhlichkeit, man sah es ihnen schon an den Nasenspitzen an, daß sie etwas Lustiges ausheckten. So lustig erschien es ihnen, daß Severin noch in der Klasse mit Lachen daran denken mußte, wofür er freilich von dem Geschichtslehrer Doktor Kittel einen regelrechten Rüffel bekam.
Kaum war die Schule aus, da rasten die drei wie besessen heim, um ja nicht die Mädels zu verpassen, die immer etliche Minuten später kamen.
Wendelin und Severin guckten daheim rasch in die Ecke hinter der Haustüre und riefen enttäuscht: „Ja, wo sind sie denn?“ Es waren nicht etwa die Mädels, die sie suchten, sondern Tannenreiser, die ihnen gestern die Butterfrau als Aschermittwochsruten mitgebracht hatte. Überall sahen die Buben hin, nirgends waren die Ruten zu entdecken, bis sie diese schließlich doch in dem Vorraum der Backstube in einem Winkel fanden. Es war aber auch die allerhöchste Zeit, die Marienstraße entlang schwatzte und kicherte das schon, die Mädels kamen aus der Schule.
Der alte Steuerrat Müller, der in der Marienstraße wohnte und stets um diese Zeit am Fenster seine Zigarre rauchte, sagte dann immer halb ärgerlich, halb lachend zu seiner Frau: „Höre nur, die Gänslein sind auf dem Heimmarsch!“
Anne-Marte und Brigittchen gingen, wie sich das für Herzensfreundinnen schickt, Arm in Arm, mit ihnen ging ihre Klassengenossin Christine Hardenberg. Anne-Marte erzählte gerade etwas furchtbar Lustiges, denn Anne-Marte erlebte immer lustige Sachen, über die sie sich selbst halb tot lachen wollte. Die Geschichte fesselte die drei Mädels so, daß weder Brigittchen noch Anne-Marte an die Drohung ihrer Kameraden dachten, als sie in aller Vergnüglichkeit an dem Bäckerhause vorbei gingen.
Da auf einmal, mit dem wilden Geschrei: „Aschermittwoch, Aschermittwoch!“ stürzten Severin, Wendelin und Jörgel hervor und kehrten die Mädels von oben bis unten ab.
Die quiekten, lachten und schrieen, drehten sich wie Kreisel, wehrten sich, andere kamen hinzu, es war ein Tumult und Lärm und das Jauchzen tönte die Marienstraße hinauf und hinab. Plötzlich riefen zwei, drei Stimmchen: „Aber, wie seht ihr denn aus?“
Anne-Marte und Brigittchen trugen weiße Jacken und weiße Mützen, und diese hatten unversehens lauter schwarze Streifen bekommen, aber Jörgel, Wendelin und Severin kehrten immer eifriger, mit immer erneuter Lust und sie kümmerten sich gar nicht um die Rufe: „Hört auf, hört auf!“
Und wer von ihnen gekehrt wurde, bekam schwarze Streifen, aber das sahen sie gar nicht, erst als ein Mädel anfing zu heulen, ließen die Buben nach, und Anne-Marte rief scheltend: „Pfui, wie abscheulich seid ihr, wie könnt ihr uns so schwarz machen!“
Da sahen nun erst die drei Missetäter betroffen, was sie angerichtet hatten, unter der Mädchenschar aber erhob sich so ein gewaltiges Jammern und Klagen, daß die Vorübergehenden stehen blieben und auch Frau Bäckermeister Gutgesell aus dem Laden heraustrat, um zu sehen, was geschehen sei. Sie sah ihre beiden Buben wie ein paar begossene Pudel stehen, vergeblich versuchten die Missetäter nämlich auszureißen, die entrüsteten Mädchen hatten sie umringt und über alles Schreien und Klagen hinweg tönte Anne-Martes Stimme, die dem Bruder und den Freunden eine Strafrede hielt.
„Ich gehe nie wieder mit euch, nie wieder, nie wieder, nein, ich bin euch bitterböse!“ rief die Kleine immer wieder.
Frau Gutgesell brach sich Bahn durch die aufgeregte Schar und wutsch! ergriff sie Wendelin und Severin, hielt sie fest und fragte streng: „Was habt ihr getan?“
Ein Durcheinander von anklagenden Stimmen erhob sich, die Buben aber schrieen immer wieder: „Wir können nichts dafür!“
„Zeigt mal eure Ruten her,“ gebot die Mutter, und niedergeschlagen gaben alle drei ihre Tannenzweige hin. „Aber Bengels, die sind ja ganz schwarz voll Ruß, ei, ihr unnützes Gesindel, na wartet, das soll euch schlecht bekommen!“ rief Frau Gutgesell ärgerlich. „Wir können nichts dafür,“ jammerten die Buben.
„Sie haben es vielleicht nicht gewußt,“ sagte auf einmal ein liebes Stimmchen in allen Tumult hinein. Brigittchen tat es leid, trotzdem ihr weißes Jäckchen lauter schwarze Streifen hatte, daß die Freunde gar so arge Missetäter sein sollten.
Die Gemüsefrau Lehmann, die neben der Bäckerei wohnte und die um des Lärmes willen, den die Bäckerbuben manchmal vollführten, einen rechten Groll auf diese hatte, rief: „Ih, die wär’n es schon gewußt haben, das sind ’n paar Schlimme!“
„Sie sind gar nicht schlimm,“ verteidigte Brigittchen mutig die Freunde, „und sie haben’s sicher nicht gewußt, daß die Ruten schwarz waren!“
„Nein, nein,“ jammerten die Buben, die von ihrer Mutter kräftig mit fort gezogen wurden. „Das werden wir mal drin untersuchen,“ sagte die grollend. Sie ärgerte sich sehr, daß die Unart ihrer Buben einen regelrechten Straßenauflauf verursacht hatte. Denn aus allen Häusern guckten die Menschen, sie standen auf der Straße und redeten, und wenn die drei Missetäter die Prügel wirklich gekriegt hätten, die ihnen von den Leuten zugedacht wurden, dann wäre es ihnen wohl schlimm ergangen.
„Nun, was ist denn hier für ein Geschrei und Gelärm, ’s ist doch nicht mehr Fastnacht?“ fragte recht gemütlich in das Tosen hinein Heine, der in der offenen Ladentüre stand.
„Wir haben die Ruten ganz gewiß nicht schwarz gemacht,“ klagten Wendelin und Severin wieder.
Jörgel schwieg trotzig, er fühlte sich ganz unschuldig! Er war aber ein zu guter Freund und zu stolz, um alle Schuld auf die beiden anderen zu schieben. Ja, und ob die nicht doch ein bißchen die Ruten geschwärzt hatten, wie konnte er dies wissen!
„Da seh’n Sie mal, Herr Geselle,“ rief die Grünwarenfrau Lehmann jetzt giftig, „wie arg die Jungens sind, haben alle Mädels mit rußigen Ruten abgekehrt, da das Brigittchen Schön ist ganz schwarz geworden!“ Heine machte ein halb verdutztes, halb verlegenes Gesicht, ihm ging nämlich, wie man sagt, ein Seifensieder auf.
Er hatte in der Nacht mit Tannenreisern, die er im Hausflur gefunden hatte, fix mal ein Zugloch von Ruß gesäubert und die Aschermittwochsruten so recht eingeschwärzt. Er fragte, woher die Zweige stammten und die Geschichte klärte sich bald auf, die Buben waren wirklich unschuldig. Trotzdem Frau Lehmann wohl zehnmal rief: „Ich glaub’s nicht, die sind unnütz!“
Hei, wie reckten sich die drei im Gefühl ihrer Unschuld, ordentlich stolz sahen sie aus, die Mädels standen ganz betreten da, sie wußten nicht, ob sie lachen oder weinen, böse oder gut sein sollten.
„Der Ruß geht ab,“ tröstete Heine, „wenn ihr im Backofen gesessen hättet, dann möchtet ihr erst schwarz sein, potz Wetter, ja!“
„Machen Sie keine dummen Witze, Heine,“ sagte die Meisterin ärgerlich, „für die Mädels ist die Sache schlimm und meine Buben sollen mit zu den Eltern gehen, wo es nötig ist, und die Geschichte erzählen, damit die Mädels keine Schelte bekommen. Denn dumm war es doch von den Buben, sie brauchten auch nicht so wild darauf loszukehren!“
Diese Worte dämpften den Stolz der Buben ein wenig, und ordentlich gekränkt waren sie erst, als alle Mädels erklärten, sie brauchten keine Begleiter, sie würden daheim schon die Geschichte erzählen. Und heidi! liefen alle davon, die gekehrten und die nicht gekehrten.
Am Nachmittag aber war schon alles wieder vergessen, es war eben ein kleiner Aschermittwochsärger gewesen, weiter nichts, und keine Freundschaft ging darum auseinander.
Für den armen Klaus Hippel aber kam ein rechter Aschermittwochsärger noch nachgehinkt und für manchen anderen Neustädter auch.
Vierzehn Tage nach der Fastnachtsfeier saß der Herr Bürgermeister eines Morgens in seinem Arbeitszimmer und las Zeitungen. Auf einmal schlug er wütend mit der Faust auf den Tisch, na, das ging ihm doch über den Spaß. In einer Zeitung, die in einer großen Stadt erschien, las er nämlich eine Beschreibung von Neustadt, man hatte sie ihm zugeschickt und sie noch mit einem dicken, roten Strich angezeigt.
Wenn einer nun seine Heimat liebt und weiß, wie schön und traut sie ist, und dann kommt jemand und schildert diese Heimat als häßlich und eng und hat nichts für sie als Hohn und Spott, da soll man sich nicht ärgern. Dem Herrn Bürgermeister ging es so, er liebte Neustadt wie keinen Fleck auf der weiten Erde; er wußte wohl, daß manches darin fehlte, was große Städte besitzen, aber lieblich und behaglich war das Städtchen doch. Nun stand da in der Zeitung, Neustadt sei das langweiligste, unschönste, schmutzigste Nest der Welt. Da sollte man sich nicht ärgern!
Und wie dem Herrn Bürgermeister, so ging es den Stadträten, den Bürgern, alle, alle ärgerten sie sich über den boshaften Schreiber.
Am meisten taten dies Klaus Hippel und Frau Paulinchen, denn am allerschlechtesten war das Museum weggekommen, von dem Fastnachtsspiel und von den geborgten Ritterhelmen stand auch etwas in dem Artikel.
Es war wirklich ein Glück, daß Doktor Fröhlich die Geschichte schon vorher dem Bürgermeister erzählt hatte, sonst wäre es dem armen Pantoffelmacher vielleicht schlimm ergangen. Eine Strafrede bekam er ohnehin, die war gesalzen, und noch nach Wochen seufzte er tief, wenn er daran dachte. Sein einziger Trost war nur, daß Doktor Fröhlich versprach, er wollte auch etwas über Neustadt schreiben, er wollte erzählen, was für ein liebliches, anmutiges Fleckchen es sei und daß neben der Marienkirche und dem Schloß der alte Turm das allerschönste im Städtchen sei. —
„Das hat der junge Herr vom Fastnachtstag geschrieben,“ sagte Frau Paulinchen, „nein, so etwas, nicht einmal richtig umgesehen hatte er sich!“
„Ein abscheulicher Windbeutel ist’s“, schrie der Meister, und seit der Zeit sagte er immer, wenn ein Fremder sich dem Turm nahte: „Paulinchen, paß auf, ein Windbeutel kommt. Wirf ihn hinaus, wenn er etwas aufschreiben will!“
Bis eines Tages ein Maler kam, der voll Entzücken den Turm von unten und oben, von vorn und hinten, mit Pantoffeln und ohne Pantoffeln, von innen und außen, am Morgen, am Mittag und im Abenddämmern malte, da söhnte sich Meister Hippel wieder mit den Fremden aus. Er wurde wieder lustig wie zuvor, pfiff und sang im Turmerker, nähte Pantoffeln, erzählte Geschichten und rief, wenn ein Fremder kam:
„Aufgepaßt, ein weißer Spatz fliegt in den Turm!“
Durch der Schneekönigin Reich.
Ein Wintermärchen.
Die Kinder sprachen schon vom Frühling wie von etwas, das ganz, ganz nahe war.
Doch der Winter war anderer Meinung, er fand, es sei noch nicht Zeit für den Frühling zu kommen. Schwipp, schwapp war er eines Tages wieder da, mit Schneegestöber, Nordwind und Kälte. Im Nu war das Land wieder weiß und still und die Schneeglöckchen, die schon die allergrößte Lust gezeigt hatten, sich in der Welt umzusehen, krochen flugs in ihr braunes Erdbettlein zurück, unten erzählten sie den andern Blumen und Gräsern: „Brrr, oben ist es schrecklich, wir begreifen gar nicht, wie es nur die Menschen aushalten können!“
Na, so schlimm war es nun doch nicht, die Kälte reichte nicht einmal recht zum Naseerfrieren. Aber schelten taten die Menschen doch, sie hatten sich schon zu sehr auf den Frühling gefreut.
Auch in Neustadt gab es wieder Schneegestöber, und die fünf Schatzgräber und Jantge, die schon davon gesprochen hatten, daß sie die Kreisel drehen wollten und an der Stadtmauer Veilchen suchen, standen eines Tages recht mißmutig vor dem Schön’schen Hause und schalten auf den Winter. Ein bißchen undankbar war das ja nun, denn als der Winter einzog, hatten sie ihn beinahe nicht erwarten können und den ersten Schnee hatten sie mit Jubel begrüßt.
Es war Sonnabend Nachmittag, und die sechs Kameraden hätten gern irgend etwas Lustiges unternommen. Aber Brigittchen durfte nicht Schlitten fahren, weil der Wind so sehr wehte, zu Klaus Hippel konnten die Kinder auch nicht gehen, denn der war an diesem Tage über Land gefahren.
„Wir wollen zu Fräulein Helene und zum Herrn Doktor gehen,“ schlug Wendelin vor.
„Uneingeladen?“ fragte Anne-Marte ein wenig zaghaft, „geht das denn? Mutter hat gesagt, wir dürften nicht uneingeladen überall hingehen, es schickt sich nicht!“
„Brigittchen geht erst und fragt, ob uns Fräulein Helene nicht einladen will,“ sagte Jörgel.
Brigittchen war damit einverstanden; zu Fräulein Helene gehen, war für sie etwas Wundervolles. Sie lief auch flugs über den Kirchplatz und kehrte schon nach wenigen Minuten mit dem Freudenrufe zurück: „Wir sind eingeladen!“ Geschwind liefen die Doktorskinder und die Bäckerbuben zu ihren Müttern und verkündeten diesen die Neuigkeit: „Wir sind zu Fröhlichs eingeladen, dürfen wir gehen?“
Frau Bäckermeister Gutgesell sagte ja, ohne alle Fragen, die Doktorin aber wollte wissen, wie es mit der Einladung gekommen sei. Treuherzig erzählte es Jörgel und die Mutter lachte: „Na,“ meinte sie, „das ist freilich eine einfache Art, zu einer Einladung zu kommen, doch geht schon, Fräulein Helene ist aber beinahe zu gut zu euch Wildfängen!“
Wenige Minuten später standen die sechs Kinder in dem Flur des Fröhlich’schen Hauses, und Fräulein Helene half ihnen die Mäntel ausziehen. Die alte Dorothee hatte ein wenig gebrummt über die Sonnabendgäste, aber schließlich, als sie sah, mit welcher Freude die Kinder ankamen, ging sie doch in die Küche, um ihre berühmte Schokolade zu kochen. Nirgends, aber auch nirgends schmeckte Schokolade so gut wie die von Dorothee gekochte, die Kinder sagten es und da mußte es doch stimmen.
„Heute gibt es aber etwas Besonderes,“ sagte Fräulein Helene, „mein Bruder hat ein Märchen geschrieben, das will er euch erzählen.“
„Ein Märchen!“ jubelte Brigittchen fröhlich, „kommt eine Prinzessin darin vor?“
„Sogar eine Königin und viel, viel Schnee,“ erwiderte Helene Fröhlich, „nun kommt herein, erst spielen wir etwas, dann trinken wir Schokolade und zuletzt bekommt ihr das Märchen vorgesetzt!“
Und so wurde es auch. Wendelin sagte zu Jantge: „Es ist doch sehr gut, daß wir heute eingeladen worden sind.“ Das fanden die anderen Kinder auch, es war urgemütlich in dem großen, altmodischen Wohnzimmer, und die Kinder bekümmerte es nicht, daß es draußen immer toller stürmte und schneite. Als nach lustigen Spielen und einer fröhlichen Schmauserei sacht die Dämmerung hereinbrach, da erzählte Doktor Theobald Fröhlich den Kindern ein Schneemärchen, er sagte, die wirbelnden Schneeflocken draußen hätten es ihm erzählt, das Märchen aber nannte er: