Eine Geschichte, die traurig anfängt und fröhlich endet.
Gerade am letzten Tag der großen Ferien wurde Brigittchen krank. Es war kein Schulfieber, wie es wohl manchmal kleine Faulpelze bekommen, wenn sie wieder zur Schule gehen sollen, denn Brigittchen ging gern zur Schule. Die Kleine war auch am Tage vorher vergnügt gewesen wie ein kleiner Spatz, der einen früchtereichen Kirschbaum entdeckt hat. In der Nacht aber bekam sie plötzlich Halsschmerzen, und als Doktor Fabian am nächsten Tage kam, da machte er gleich ein recht ernstes Gesicht.
Bald wußte es die ganze Nachbarschaft, Brigittchen Schön ist krank. Und leise sagten die Leute zu einander: „Es steht schlimm mit der Kleinen, sie wird vielleicht sterben.“ Wie ein leises Weinen erklang dies Wort da und dort im Städtchen. Auch Anne-Marte, Jörgel und die beiden Bäckerbuben hörten es, und auf einmal war alle ihre Lust am Spiel dahin. Ihr Lachen verstummte, bedrückt gingen sie zur Schule, und nach der Schule liefen sie auf den Kirchplatz und sahen zu dem Schönschen Hause empor. Dort hinter den weiß verhängten Fenstern lag ihre holde, kleine Freundin krank, so schwer krank. Anne-Marte weinte und die Buben machten wütende Gesichter, als könnten sie damit die Krankheit vertreiben. Dann rannten sie zu den Pantoffelmachersleuten in dem alten Stadtturm, um dort von Brigittchen zu sprechen. Frau Paulinchen saß auf ihrer bunten Truhe und weinte sich schier die Augen aus, und Klaus Hippel murmelte immer traurig vor sich hin: „Unser Brigittchen ist krank, ach nee, unser liebes Brigittchen!“
Was war aber all die Sorge der anderen Leute gegen die heiße Angst, die der Vater um sein Kind im Herzen trug. Herr Schön wich nicht von dem Bett seines Lieblinges, und sein Denken war ein einziges stummes Gebet: „Lieber Gott, erhalte mein Kind!“ Mit ihm aber wachte noch jemand Tag und Nacht bei der kleinen Kranken, Helene Fröhlich war es. Am ersten Tage war sie still in das Zimmer getreten, sie war mit einem lieben Lächeln und warmen, tröstenden Worten gekommen. Wie die Sonne im März die Frühlingshoffnung bringt, so brachte Helene Fröhlich die Hoffnung ins Krankenzimmer. Es muß ja besser werden, dachte der Vater, wenn er in die lieben Augen der freundlichen Pflegerin schaute. Und alle im Hause fanden, es sei ein rechter Trost, daß Fräulein Helene da sei, und Brigittchen fand sogar das Kranksein nicht schlimm, wenn Tante Helene am Bett saß, die Medizin reichte und ganz sachte und lind über die fieberheiße Stirne strich.
Und wie der Vater, so betete auch Helene Fröhlich im Herzen in jeder Stunde: „Lieber Gott, erhalte das Kind!“ Das Gebet, das so aus tiefstem Herzensgrunde emporstieg, fand Erhörung, und es kam der Augenblick, da Doktor Fabian tief aufatmend sagte: „Gottlob, nun ist die Gefahr vorüber!“
Wie ein Jubelruf klang das Wort über den Kirchplatz hin, in die Gassen und Gäßchen hinein. „Brigittchen Schön wird gesund! Wissen Sie schon, dem Brigittchen geht es besser,“ sagten die Leute zu einander. In einer kleinen Stadt ist das halt anders, wie etwa in London, Berlin oder sonst einer großen Stadt, wo die Leute nicht wissen, wer im Hause Freude oder Leid trägt. In Neustadt kümmert sich eben einer um den andern, manchmal vielleicht ein bißchen viel, und Klatsch und Tratsch entsteht daraus, aber in Trauerstunden und Freudentagen möchte doch keiner die Teilnahme der anderen entbehren.
„Brigittchen Schön geht es besser,“ sagte darum auch die Bäckermeisterin Gutgesell zu jedem, der in den Laden kam, und die gute Frau hatte darüber eine solche Herzensfreude, daß sie gleich einem armen Weibe ein großes Stück Kuchen zum Brot zugab.
„Brigittchen wird gesund,“ riefen auch Wendelin und Severin und purzelten in der Seligkeit ihres Herzens in Frau Lehmanns Grünwarenkeller hinein.
„Du meine Güte, nee ist das eine Freude!“ rief diese und vergaß mal wieder, daß sie sich eigentlich immer über die Buben ärgerte.
Am Bett der kleinen Kranken aber saßen der Vater und Helene Fröhlich still beieinander, Hand in Hand. Die Sorge um das Kind, das ihnen beiden so lieb war, hatte sie vereint, und Helene Fröhlich hatte versprochen, sie wollte Brigittchen eine treue Mutter werden. Als die Kleine nach langem, gesunden Schlaf die Veilchenaugen aufschlug, da beugte sich Tante Helene über sie und sagte liebevoll: „Nun will ich immer deine Mutter sein!“
„Mutter,“ flüsterte Brigittchen selig, „ach, nun habe ich auch eine Mutter, wie Jantge!“
Freude hilft gesund machen. Dem Brigittchen half sie sicher. „Das geht ja wie mit ’nem Schnellzug,“ sagte Doktor Fabian, „potzwetter, das hätte ich nicht gedacht, daß unser Sorgenkind so schnell gesund werden würde. Freilich, wenn einen Vater und Mutter so gut pflegen, da ist es keine Kunst!“
Es dauerte denn auch nicht lange, da fuhren Vater und Mutter mit Brigittchen im Sonnenschein spazieren. Hinter dem Wagen her liefen mit einem ungeheuren Freudenschrei alle Buben und Mädels vom Kirchplatz, aus der Marienstraße und aus den Gäßlein ringsum. Es war just so, als hielten die Prinzessinnen Einzug. Und Brigittchen saß im Wagen und lachte so vergnügt, daß sie ganz rosige Bäckchen bekam. Wie wunderschön war es doch auf der Welt!
Aus dem Fenster des alten Stadtturms sahen Klaus Hippel und Frau Paulinchen über das Blumenbrettlein hinweg und beide nickten und winkten, als Brigittchen unten vorbeifuhr. Der Pantoffelmacher aber sagte: „Es ist eine richtige, feine Geschichte, wie das Brigittchen zu einer Mutter gekommen ist. Ich sag’s ja immerzu, in Neustadt passiert so viel, wie nirgends in der Welt. Nee, nee, und die dummen Leute sagen immer, so ’ne kleine Stadt sei langweilig!“
Der Sommer verging und der Herbst kam. An einem Oktobertag, der so warm und hell war, daß er ganz gut hätte sagen können: „Schaut mich nur an, ich bin eigentlich ein Augusttag!“ sangen und tönten die Glocken von St. Marien: „Hochzeit, Hochzeit!“ In allen Ecken und Winkeln des Städtchens hörten die Leute das Singen und Klingen, hörten es, daß Herr Schön und Helene Fröhlich Hochzeit feierten miteinander. „Glück und Heil!“ jubelten die Glocken, und Glück und Heil, Freude und Segen, sangen auch die Glocken in manchen Herzen. Es gab in Neustadt viele Menschen, die sich ehrlich mitfreuten und die dem Brautpaar gute Tage wünschten.
Der ganze Kirchplatz und die Marienstraße dazu aber waren vom frühen Morgen an in großer Aufregung. Vom Hause der Braut aus bis zur Kirche waren Teppiche gelegt und Blumen gestreut, und über Teppiche und Blumen hinweg schritt Helene Fröhlich in die alte Kirche hinein. „Sie ist so schön wie eine Rose,“ sagten die Leute; die alte Dorothee aber dachte in ihrem Herzen: „Sie ist so schön, weil sie so gut ist.“
Blitzeblank, in neuen Kleidern und Anzügen, die Augen so strahlend, als wären sie frisch geputzt, gingen die fünf Schatzgräber, Jantge und Karl vor dem Brautpaar her und streuten Blumen. Sie kamen sich alle mit einander ungeheuer wichtig vor. Wendelin und Severin trugen ihre Nasen so hoch, als hinge an der obersten Kirchturmspitze eine Blume, an der sie riechen müßten.
Frau Lehmann sah die Buben ganz verdutzt an und sagte zu Heine, der neben ihr stand: „Man erkennt wirklich die Bengels kaum wieder, so manierlich sehen die aus.“
Es war eine fröhliche Hochzeit, die nicht nur in dem alten Haus am Kirchplatz gefeiert wurde, die auch die alten Frauen im Gertrudenspital feierten, Pantoffelmachers im Stadtturm, und manche arme Familie da und dort. Helene Fröhlich hatte schon dafür gesorgt, daß es an ihrem Hochzeitstag auch anderen gut ging. Und lustig, wie überall, ging es auch am Kindertisch zu. Anne-Marte kam zuletzt gar nicht mehr aus dem Lachen heraus, und die Bäckerbuben hatten nur eine Klage, die, daß man sich in guten Anzügen in Acht nehmen muß. Jörgel hielt sogar eine Rede, gerade so, wie es Doktor Fröhlich am Tisch der Großen tat. Seine Gefährten sagten alle, er würde gewiß noch mal ein Dichter werden, es wäre zu fein gewesen.
Die strahlendsten Augen aber hatte Brigittchen, und in ihrem Herzlein sang und klang auch eine Glocke: „Mutter, Mutter, Mutter!“ tönte das immerzu. Und zwischen dem Elternpaar, das an der Hochzeitstafel saß, und ihrem kleinen Mädel am Kindertisch, ging immerzu ein Nicken und Winken hin und her, das hieß: „Ja, wir sind glücklich, wir drei zusammen.“
Dann war das Fest zu Ende, die Lichter verlöschten, die Gäste gingen nach Haus. „Nun wird es aber wieder einsam im Hause werden,“ sagte Doktor Fröhlich ein wenig betrübt, als seine Schwester mit ihrem Manne Abschied nahm. „Nun läßt du mich wieder allein!“
„Ich gehe ja nur über den Kirchplatz, nicht nach London, Brüderlein,“ tröstete diese, „ich bleibe ja in Neustadt!“
„Ach ja, in Neustadt,“ sagte der Doktor vergnügt, „es ist uns beiden wirklich eine Heimat geworden.“
„Ja, eine Heimat, eine liebe Heimat,“ rief Helene dankbar, „es ist gut sein in ihr. Ich glaube beinahe, Klaus Hippel hat Recht, Neustadt ist eine ganz besondere Stadt!“
„Bum“ schlug die Uhr von St. Marien, es war, als wollte sie rufen: „So ist es recht!“
Und wer es nicht glaubt, daß Neustadt eine besondere Stadt ist, ja der muß eben zu Klaus Hippel gehen und fragen, der überzeugt ihn sicher.