Die Schatzgräber finden einen Schatz.

Sommerreisen sind in Neustadt nicht eine so allgemeine Modesache, wie in den großen Städten. Die Erwachsenen fahren wohl hierhin und dahin, aber die Familien, in denen Kinder sind, die bleiben gern daheim. Die meisten Häuser haben Gärten, und wer selbst keinen Garten hat, der geht in Nachbars Garten spielen; draußen im Freien, in dem schönen Wald, ist man auch schnell genug. Ja, Neustadt ist so hübsch, daß regelmäßig zwei alte Prinzessinnen das sonst unbewohnte Schloß im Sommer beziehen. Sie kommen jedes Jahr bald nach Pfingsten, manchmal auch vor dem Fest, und sie bleiben, bis in dem alten Schloßgarten die Bäume ihre goldroten Kleider angezogen haben.

Wenn die Prinzessinnen Emma und Marie, zwei freundliche, alte Damen, Einzug halten, dann steht das ganze Städtchen beinahe auf dem Kopf, namentlich die Kinder laufen sich die Beine ab, um die Prinzessinnen zu sehen, und drei Tage lang fragen sich die Leute untereinander: „Hast du sie schon gesehen?“ Nachher ist es eine gewohnte Sache, nur die Kinder, die rennen jedesmal, wenn der fürstliche Wagen zu sehen ist, hinterher, schreien hurra und guten Tag; dies gehört in Neustadt zum besonderen Kindervergnügen.

Etliche Tage nach dem blinden Feuerlärm hielten denn auch die Prinzessinnen wieder ihren Einzug in Neustadt, und Severin und Wendelin rannten trotz ihres Kummers auch an den Schloßberg, um die Einfahrt mit anzusehen. Sie schrieen hurra, so laut sie konnten; sie standen mit Brigittchen, Anne-Marte und Jörgel zusammen und sagten auch, wie Klaus Hippel immer sagte, wenn die Prinzessinnen da waren: „So, nun ist es richtiger Sommer!“

Die beiden alten Damen nickten den Kindern freundlich zu, und Prinzessin Emma sagte zu Prinzessin Marie: „Glaubst du, daß Kinder wo anders so laut schreien können wie in Neustadt?“

„Nein,“ erwiderte Prinzessin Marie lachend, „ich glaube es nicht, aber hübsch ist doch unser Neustadt, ich bin doch recht froh, daß ich wieder da bin!“

Ja, hübsch war es in Neustadt, in den sonnenhellen Sommertagen ebenso wie in den heimlichen, traulichen Wintertagen. Die fünf Schatzgräber fanden es in diesem Jahre besonders hübsch; es gab so viele lustige Waldspaziergänge, zu denen die Geschwister Fröhlich die Kinder mitnahmen, und bei denen es allemal sehr vergnügt zuging. Nur einen Fehler hatten diese Tage, sie gingen immer mit der allergrößten Eile zu Ende. Die Sonne purzelte dann nur so in ihr Wolkenbett, wutsch, war sie drin, zog sich ein dickes Wolkenkissen über die Nase, und die Kinder hatten das Nachsehen.

Immer weiter schritt der Sommer vor. Der Flieder verblühte, der Jasmin duftete, und die Rosen entfalteten sich. Die Erdbeeren reiften, dann auch das Strauchobst, und eines Tages hatte Frau Lehmann die ersten im Lande gereiften Kirschen. Klaus Hippels Blumenbrettlein brach fast unter seiner blühenden Fülle, und von ihren Spaziergängen kamen die Neustädter Kinder jetzt mit Kornblumensträußen beladen heim.

Und auf einmal waren die Sommerferien da. Sie wurden mit noch mehr Jubel begrüßt als die Prinzessinnen, und durch Neustadts Straßen und Gäßlein brauste an dem ersten Ferientage der Kinderjubel wie ein Strom.

Die fünf Schatzgräber saßen auch an diesem ersten Ferientage auf der Stadtmauer und schmiedeten Ferienpläne — von Schularbeiten stand aber leider nicht viel darin. Wie die fünf Freunde so saßen und schwatzten, kamen auf einmal, von einer Hofdame und einem Kammerherrn gefolgt, die beiden Prinzessinnen durch das Stadtwäldchen daher. Die Kinder erschraken, sie wären am liebsten schleunigst entflohen, daran war aber nicht mehr zu denken. Wendelin zog zwar eiligst seine Beine hinauf, dabei löste sich einer seiner Turnschuhe, die er trug, und plumps fiel der Schuh gerade vor Prinzessin Emma nieder. Prinzessin Marie sah zu der Mauer empor, und plumps, da fiel der zweite Schuh gerade vor ihrer Nase auf den Weg.

„Wie unschicklich,“ sagte das Hoffräulein entrüstet und warf einen strafenden Blick auf Wendelins braunbestrumpfte Füße, am linken guckte die große Zehe ganz lustig aus dem Strumpf heraus.

Die Prinzessinnen lächelten nachsichtig. Ja, sie blieben sogar stehen und fragten die fünf Mauerschwalben gar freundlich nach ihren Namen. Das war ein Ereignis! Die Kinder machten zwar kaum den Mund auf; nachher taten sie sich aber unendlich wichtig, und selbst Heine sagte: „Das hätte in der Zeitung stehen sollen, nicht die dumme Feuergeschichte!“

Und was Heine sagte, das war wahr.

Die Prinzessinnen gingen auch, wie jedes Jahr, in den alten Stadtturm, um sich die Aussicht und das Museum anzusehen, und Klaus Hippel und seine Frau Paulinchen waren wie jedes Mal sehr stolz über den Besuch. Sonst hatten die Pantoffelmachersleute aber wenig Freude in diesen warmen Sommertagen. Frau Paulinchen hatte einen schlimmen Fuß bekommen, und dann lastete noch schwer ein anderer Kummer auf den alten Leuten. Bald nach Pfingsten hatte der Schwiegersohn, Friedrich Lange, zufällig gehört, wie zwei seiner jetzigen Arbeitsgenossen von ihm sprachen; der eine sagte: „Ich glaube es doch, daß er ein Dieb ist und damals im Herbst das Geld genommen hat. Sicher ist die ganze Geschichte nur erlogen!“ Darauf sagte der zweite: „Man muß sich vor ihm in Acht nehmen!“ Der brave Friedrich Lange hatte gemeint, daß der Verdacht, der auf ihm ruhte, längst vergessen wäre, und das Wort Dieb traf ihn so schwer, daß er seitdem wie verstört herumging. Seine Frau, seine Schwiegereltern und seine Freunde, alle suchten ihn zu trösten, aber vergeblich; der arme Mann wurde ganz tiefsinnig. Wenn einer ihn nur ansah, dann dachte er schon: „Er sieht in dir einen Dieb.“

Es war ein Jammer; Frau und Kinder und die alten Eltern litten mit ihm, und alle vermochten sie doch trotz ihrer innigen Liebe nicht zu helfen. Viele Klagen hörte zwar niemand von den Pantoffelmachersleuten, aber die alte Lustigkeit war wieder aus dem Turm entflohen.

So vergingen die Tage des Sommers in Heiterkeit für die Kinder, in Sorgen für die Pantoffelmachersleute, und plötzlich hieß es: „In acht Tagen fängt die Schule wieder an!“

Es war ein trüber, grauer Tag, an dem die fünf Schatzgräber den Entschluß faßten, endlich einmal die Ferienarbeiten richtig in Angriff zu nehmen. „Es wird auch Zeit,“ sagte Frau Doktor Fabian, „ihr tut ja, als wären die Bücher überhaupt nicht mehr auf der Welt.“

Trotz aller guten Vorsätze — Anne-Marte hatte sich sogar Watte in die Ohren gestopft, um nichts zu hören, was sie ablenken könnte — wurde an diesem Tage aus der Arbeit nicht viel. Es war so schwül, kein Lüftchen wehte, selbst die Erwachsenen seufzten bei ihrer Arbeit. Die Bäume standen so still in der grauen Luft, als wären sie aus Stein; unruhig huschten die Schwalben über den Kirchplatz; sie flogen so tief, daß das Gras, das hier und da zwischen den Steinen wuchs, von ihrer Berührung zitterte. „Es wird ein Gewitter geben,“ sagten alle Leute und schauten nach dem Himmel empor. Wie eine graue Decke hing der über der Erde, von der Sonne sah man nur einen blassen, hellen Schein.

Gegen zwei Uhr wurde es ganz dunkel. Klaus Hippel sah von seinem Turmfenster aus dicke, schwere Wolken am Himmel emporsteigen, wie dunkle Berge türmten sie sich auf, und oben hatten sie einen breiten, schwefelgelben Rand. Es dauerte auch nicht lange, da sauste der Sturm durch die Straßen, das Gewitter brach los. Blitze zuckten; der Donner rollte dumpf und dröhnend, und plötzlich war es, als platzte der Himmel, solche Regenmassen prasselten hernieder, und immer lauter heulte der Sturm. Der alte Wachtturm schwankte ordentlich bei diesem Tosen des Wetters, und die Pantoffelmachersleute schauten sich zagend an: „So ein Wetter haben wir lange nicht gehabt,“ murmelte Klaus Hippel. Und wie er, so sagten auch die anderen Neustädter. Angstvoll blickte jeder hinaus, und Schrecken ergriff alle, als die Feuerwehr klingelnd durch die Straßen fuhr; es hatte aber nur in einen Schornstein eingeschlagen. Dann krachte wieder so ein heftiger Donnerschlag, daß alle Fenster zitterten, und auf dem Kirchplatz lag eine Linde zerschmettert am Boden. Der Sturm riß Ziegel von den Dächern, und die Bäume neigten sich tief vor seiner Macht. Bis in die Nacht hinein dauerte das Unwetter, dann ließ es nach, und am nächsten Morgen strahlte die Sonne hell über Neustadt. Alles blinkte und blitzte wie frischgewaschen, und der Himmel hatte kein Fleckchen an seinem blauen Kleid. In dem hellen Sonnenschein aber sah man recht, wie arg das Unwetter gehaust hatte; in den Gärten waren die Beete zerwühlt, und der kleine Mühlbach am südlichen Stadtende gebärdete sich wie ein wildgewordener Strom, so dick geschwollen vom Regenwasser brauste er einher.

Im Stadtwald, auf den Promenaden lagen entwurzelte Bäumchen und Haufen niedergebrochener Äste.

„Da könnte man gut Reisig sammeln, meine Holzkammer ist ohnehin leer,“ sagte Frau Paulinchen betrübt, als Brigittchen, Anne-Marte, Jörgel und die beiden Bäckerbuben ihr am Nachmittag erzählten, wie es draußen aussah. Die Kinder waren gekommen, um zu fragen, ob der Turm bei dem Sturm geschwankt hätte; Jörgel hatte nämlich gesagt, dies könnte wohl sein.

„Natürlich hat er geschwankt, wie ein Baum, hin und her!“ sagte Klaus Hippel, der fast beleidigt war, daß seinem Turm so wenig zugetraut wurde.

Die Kinder bedauerten einstimmig, daß sie nicht dabei gewesen wären, aber Mutter Paulinchen sagte, es wäre sehr unheimlich gewesen. Dann seufzte sie wieder: „Ach könnte ich doch heute ordentlich Reisig suchen gehen, aber mein Fuß ist zu schlimm!“

„Und ich muß die Pantoffeln hier heute noch liefern,“ brummte Klaus Hippel. „Schade, heute ist gerade Freiholztag!“

„Wir wollen Reisig suchen,“ rief Anne-Marte vergnügt. „Ja,“ stimmten Jörgel, Brigittchen und Severin freudig ein, nur Wendelin war von dem Plan nicht sehr entzückt.

„Na, du mit deinem weißen Kleid, Brigittchen, da möchte deine Tante schön schelten!“ meinte Mutter Paulinchen bedenklich. „Ach, ich laufe fix zu Frida Müller, die borgt mir eine Schürze,“ sagte Brigittchen, „dann holen wir Holz, deinen ganzen Stall voll.“

Schwupps, war die Kleine auch schon zur Türe hinaus, und Anne-Marte folgte ihr. Frida Müller war die Tochter einer Waschfrau, sie war in gleichem Alter mit Brigittchen und Anne-Marte. Ihre Mutter wusch bei Fabians und bei Schöns, und Frida holte sie manchmal ab und spielte dann mit den Freundinnen, die Frida beide sehr nett fanden. Die Waschfrau Müller wohnte in der Turmgasse, die dicht am alten Stadtturm lag, es war also kein weiter Weg, den die Mädels zurückzulegen hatten. Und Frida war daheim und sehr bereit, zu helfen. Sie holte rasch einen blauen Rock und eine Schürze herbei, ja ein Kopftuch holte sie auch, weil Brigittchen ihren weißen Staatshut aufhatte, und statt der feinen, braunen Schuhchen zog diese ein Paar von Fridas Alltagsschuhen an.

Bald war die Kleine in ein richtiges Holzmädel umgewandelt, auch Anne-Marte bekam eine blaue Schürze und ein Kopftuch, und Frida Müller sagte noch: „Es kann alles schmutzig werden, es geht zu waschen.“ Kichernd vor Vergnügen kamen nach einem Weilchen beide in den Turm zurück.

„Potzhundert, ihr seht aber schmuck aus!“ rief Meister Hippel lachend, „nun bin ich nur neugierig, wie viel Reisig ihr anbringen werdet!“

„Schrecklich viel,“ riefen alle fünf, dann eilten sie hinaus, dem Stadtwald zu. Sie fanden, es sei ein wundervolles Vergnügen, Reisig zu suchen. Namentlich da so viele Äste am Boden lagen, da brauchte man nur zuzugreifen.

Ein bißchen naß war es zwar von dem gestrigen Regen, aber das störte die Kinder weiter nicht, sie suchten mit brennendem Eifer, und bald war der kleine Handwagen, den die Pantoffelmacherin ihnen mitgegeben hatte, hochbeladen. „Nun nehmen wir jeder noch ein kleines Bund auf den Rücken,“ schlug Jörgel vor, „na, dann soll Meister Hippel uns aber nicht auslachen!“

Wendelin brummte ein wenig, er war nicht sehr dafür eingenommen, daß er sich so oft bücken mußte, aber weil Brigittchen so voll Eifer war, tat er auch mit.

„Ich bin Pferd,“ rief Anne-Marte, als alle Bündel fertig waren.

„Ich auch,“ schrie Severin.

„Und wir sind Vorreiter,“ rief Jörgel und faßte Brigittchens Hand, und lustig ging die Fahrt los.

„Wendelin muß schieben. Aber ordentlich, nicht bloß so tun,“ gebot Anne-Marte.

Ein bißchen seufzend gehorchte Wendelin, er wäre lieber Kutscher gewesen und hätte sich ziehen lassen.

Das war eine lustige Fahrt durch den Wald mit dem beladenen Wagen. Die beiden Pferde rasten in wilder Eile vorwärts, aber die Vorreiter waren noch geschwinder. Am Rande des Wäldchens, da wo die Stadtmauer anfängt, stolperte Brigittchen plötzlich an einem kleinen Abhang, und trotz Jörgels freundlicher Mahnung, nicht zu fallen, lag sie plötzlich platt am Boden in dem feuchten Moos. Ihr erster Gedanke war: „Gut, daß ich mein weißes Kleid nicht anhabe.“ Dann aber sah sie auf einmal etwas Merkwürdiges vor sich im Moos liegen, und sie blieb einfach liegen, um sich das Ding genauer anzusehen.

„Steh doch nur auf,“ mahnte Jörgel, „hast du dich geschlagen?“

„Nein,“ erwiderte Brigittchen sehr vergnügt und krabbelte empor, „sieh mal, ich hab’ hier was gefunden.“

Sie erhob sich und reichte Jörgel ein schwarzes, nasses Ding hin, das der verwundert von allen Seiten betrachtete. „Es ist so schmutzig,“ sagte er verächtlich.

„Aber so schwer,“ meinte Brigittchen, „es ist ein Paket, wer weiß was drin ist.“

„Na, Kuchen sicher nicht!“ rief Jörgel neckend.

„Ein Schatz vielleicht,“ sagte Brigittchen, „ich nehme das Paket Vater Klaus mit!“

„Vorsicht, aus dem Wege!“ riefen jetzt Anne-Marte und Severin; sie fuhren mit ihrem Wagen den Abhang hinunter. Wendelin schien zu denken, es ginge bergauf, er schob mit aller Macht und pardauz überschlug sich der Wagen am Abhang. Die Reisigbündel flogen hierhin und dahin, Wendelin, durch den jähen Anprall erschreckt, schoß in einem weiten Purzelbaum über alles hinweg, und eine Weile kollerten Kinder, Wagen und Reisigbündel durcheinander. Dem armen Wagen knackten alle Knochen im Leibe, den Kindern hatte das Durcheinander aber weiter nichts geschadet, sie fanden es vielmehr höchst lächerlich. Wer nicht gefallen war, setzte sich ins Moos, um sich ordentlich auszulachen. Heil, unzerbrochen, nur ein wenig schmutzig, standen sie endlich auf.

„Mein schwarzes Ding,“ rief Brigittchen, die noch am Boden saß, und sah sich suchend um.

Es war weg, und Anne-Marte rief: „Laß es doch liegen.“ Aber Brigittchen wollte ihren Fund nicht im Stich lassen, und so halfen ihr denn auch die anderen suchen. Schließlich fand es sich, daß Brigittchen auf dem schwarzen Ding gesessen hatte, was zu neuem Gelächter Anlaß gab. So kamen die Fünf lachend und höchst vergnügt mit ihrer Holzlast am Turm wieder an, und Mutter Paulinchen kam erfreut die Treppe herab gehumpelt. „Das lobe ich mir,“ sagte sie, „nein, so eine Freude!“

„Jetzt muß Vater Hippel aber noch meinen Fund sehen,“ rief Brigittchen und hopste die Treppe hinauf, und oben hielt sie dem Pantoffelmacher das schwarze Ding vor die Nase: „Das hab’ ich gefunden!“

„Was ist denn das?“ brummelte der, „ist wohl gar ’n toter Maulwurf oder so was!“

Die Kinder kicherten, der Alte aber rückte seine Brille zurecht, um den Fund genauer anzusehen. Aber plötzlich wurde er leichenblaß und seine Hände zitterten. Hastig löste er einen Riemen, mit dem das schwarze Ding zugeschnallt war, eine rotbraune, aber auch verwitterte Tasche kam heraus. „Mutter!“ rief Klaus Hippel mit bebender Stimme, „Mutter, wahrhaftig, es ist die Tasche von unserm Friedrich!“

„Du lieber Gott!“ stammelte Frau Paulinchen und faltete die Hände, „wie ist das möglich?“

Die Kinder standen in stummem Staunen da, wie ein Märchen schien ihnen, was sie sahen. Der alte Mann hatte unterdessen die Tasche geöffnet, in der einige schwere Rollen steckten. „Das Geld ist drin, lieber Gott, ist das ein Glück!“ murmelte er, und dicke Tränen liefen über seine gefurchten Wangen. Und dann lagen sich die beiden alten Leute in den Armen und weinten und lachten, und die Kinder jubelten mit ihnen. „Es war feierlicher als Weihnachten,“ sagte Brigittchen später.

„Unsere Kinder müssen es wissen,“ sagten die Alten.

„Wir gehen hin und sagen es,“ riefen die Kinder wie aus einem Munde, und ehe Pantoffelmachers noch etwas sagen konnten, stürmten sie schon alle fünf die Treppe hinab. Die Turmgasse entlang gings, an Frida Müller vorbei, und Brigittchen dachte gar nicht an ihren seltsamen Anzug.

Das Kontor des Herrn Schön lag am Markt, dorthin lenkten die Kinder ihre Schritte, denn dort war um diese Zeit Friedrich Lange zu finden. Es war ein hohes, altes Haus, in dem sich das Kontor befand. Durch einen breiten, gewölbten Hausflur ging es hindurch und schrill schlug die Klingel an, als die Kinder öffneten. Herr Schön stand gerade in dem ersten Arbeitszimmer und sprach mit dem Bürgermeister, der ihn besucht hatte und nun wieder gehen wollte. In diesem Augenblick stürmten atemlos, naß, schmutzig und zerzaust die fünf Kinder ohne weiteres herein, und alle fünf zusammen schrieen sie: „Wir haben das Geld gefunden, die Tasche, die —“

„Welches Geld, welche Tasche? Ja, was soll denn das heißen?“ rief Herr Schön verblüfft. Dann erkannte er sein Töchterchen und sagte ärgerlich: „Aber Kind, wie siehst du aus!“ Doch Brigittchen, die sonst bei jedem Tadel am liebsten weinte, war über ihren Fund so aufgeregt, daß sie laut jubelte: „Ich habe die Tasche gefunden, die richtige Tasche, Klaus Hippel sagte es, und das Geld wäre auch drin!“

„Brigittchen hat die Tasche gefunden!“ jauchzten die anderen Kinder, „Friedrich Langes Tasche!“

„Meine Tasche!“ schrie Friedrich Lange; er sprang von seinem Platze auf, wo er Pakete gepackt hatte, „ist’s wahr, ist’s wahr?“

„Ja,“ sagten die Kinder leise und sahen schüchtern auf den Mann, der sich an die Wand lehnen mußte, um nicht umzusinken. Er faltete die zitternden Hände und schluchzte: „Mein Gott, ich danke dir, nun darf mich niemand mehr einen Dieb nennen!“

Herr Schön und der Bürgermeister sahen erschüttert auf Friedrich Lange; sie fühlten es jetzt beide, wie sehr der gelitten haben mochte. Die Kinder mußten nun von ihrem Fund erzählen, und sie taten das mit mehr Eifer und Geschrei, als gerade gut war, um aus der Geschichte klug zu werden. Manchmal schrieen sie alle fünf durcheinander, und Brigittchen war so bei der Sache, daß sie sich sogar platt auf die Erde warf, um die Sache recht anschaulich zu machen. Herr Schön sah ganz erstaunt auf sein Töchterchen, er kannte das daheim so stille Kind gar nicht wieder, nein, und was für einen seltsamen Anzug sie nur trug und wie schmutzig sie aussah! Aber Brigittchen merkte davon in ihrer Herzensfreude nichts, sie lief auch mit ihren Freunden mit, als die beiden Herren und Friedrich Lange eiligst zu dem Pantoffelmacher gingen, um zu sehen, ob es auch wirklich die rechte Tasche sei, die gefunden worden war.

Friedrich Lange konnte kaum sprechen, und die alten, steilen Turmtreppen sprang er nur so empor, und dann sah er schon bei seinem Eintritt auf dem Tisch die Tasche liegen, die ihm und den Seinen so viel Kummer bereitet hatte. Eine Nachbarin hatte inzwischen eiligst Frau Lange und die Kinder herbeigeholt, und die Familie stand andachtsvoll vor dem Tisch; ach, nun hatte ihr Kummer ein Ende!

„’s ist nicht zu sagen, nicht zu sagen, was für Dinge alles auf der Welt passieren,“ schrie Klaus Hippel und rannte aufgeregt in der Stube herum, „aber freilich, wo anders mag nicht so viel geschehen als gerade in Neustadt. Meine Güte, meine Güte, so eine Stadt, und solche Kinder, die Holz holen und Taschen finden! Paulinchen, koch’ Kaffee, mir wird es schwach!“ Und Paulinchen kochte Kaffee; Herr Schön aber versprach, er wolle zur Feier des Tages eine Flasche Wein schicken, worüber der Pantoffelmacher in neue Aufregung geriet.

Es war ein Leben in dem kleinen Turmstübchen, daß der alte Turm beinahe vor Staunen zu wackeln begann. Und dann redeten alle davon, wo wohl die Tasche gesteckt haben möchte. Sie hatte sicher wohl geborgen unter Moos und Laub am Waldrand gelegen und der heftige Gewitterregen hatte sie emporgespült.

„Nun haben wir doch einen Schatz gefunden,“ jubelte Brigittchen und tanzte mit Anne-Marte in der Stube herum, obgleich das bei der Enge, die herrschte, kaum möglich war. „Tralala, tralala, wir haben einen Schatz gefunden!“

Dann liefen die Mädels zu Frida Müller und tauschten ihre Kleider ein; sie erzählten die wunderbare Geschichte, und Frida Müller sagte, es wäre doch fein, daß Brigittchen gerade ihre, Fridas Sachen, dabei angehabt hätte. Nachher liefen alle fünf Schatzgräber zu den Eltern, zu Fröhlichs, und jedem, den sie dabei noch unterwegs trafen, erzählten sie von ihrem Fund. Die Bäckerbuben erzählten es sogar, trotz sonstiger Feindschaft, der Grünwarenhändlerin Lehmann, und diese fand die Sache so erstaunlich, daß sie jedem Buben eine Birne gab und sagte: „Erzählt es nochmal, recht langsam, und quatscht nicht so durcheinander, damit ich alles verstehe. Wir sind ja verwandt, Friedrich Lange und ich, seine Großmutter und meiner Schwiegermutter Tante waren Cousinen im dritten Grade. Nein, daß ihr dummen Bengels auch immer dabei sein müßt, wenn etwas los ist!“

Klaus Hippel guckte von diesem Tage an wieder mit so frohen Augen von seinem Turm ins Weite, wie ein König über sein Land. Mutter Paulinchens Fuß ward auch bald besser, und die Blumen am Turmfenster blühten so üppig, als wollten sie ein Lob- und Danklied singen. Das sagte Friedrich Lange; freilich, der hörte in diesen Tagen, die kamen und gingen, überall Lob- und Danklieder, in seinem Herzen selbst aber erklang das fröhlichste Danklied.