O diese Bäckerbuben!
Gerade ehe sich die Pfingstferien noch höflich verabschiedeten, änderte sich das Wetter, und es gab einen so strahlenden Sonnenschein, daß die fünf Schatzgräber am Morgen alle als erstes Wort sagten: „Heute gehen wir!“
So wurde es auch. Am Nachmittag marschierten die Geschwister Fröhlich mit den fünf Kindern hinaus in die „Fröhliche Einkehr“. Dort wurden sie von Jantge mit großem Jubel begrüßt, als hätten sie sich alle zusammen mindestens seit zehn Jahren nicht gesehen. Jantge blühte wie ein Röslein, sie sah so glücklich aus, daß Fräulein Helene leise zu ihrem Bruder sagte: „Wie gut für das Kind, daß es eine Heimat gefunden hat!“
Jantge war glücklich in der neuen Heimat, das sah man, da brauchte niemand zu fragen: „Gefällt es dir hier?“ Ihr drittes Wort aber war Karl. Was Karl tat und sagte, wie Karl wundervoll spielte und wie lieb er sei, davon erzählte sie unaufhörlich. Und Karl schien nicht minder entzückt von dem neuen Schwesterlein; Jantge hier und Jantge da, hieß es. Das ging so hin und her, und die Geschwister Fröhlich hatten ebenso ihre helle Freude an den einträchtigen Pflegegeschwistern, wie die Wirtsleute.
Nur einer war damit unzufrieden, einer grollte, Severin. Seiner Meinung nach hätte sich Jantge viel mehr über seinen Besuch freuen müssen, und daß sie immer Karl lobte, nur von Karl sprach, ärgerte ihn. „Das ist dumm,“ sagte er zu seinem Bruder, „sie tut, als ob Karl ein Wundertier wäre!“
„Hm,“ brummte Wendelin, der gerade daran dachte, wie lange es wohl noch dauern würde, bis die Stachelbeeren reif wären.
Karl mußte auch auf seiner Flöte blasen, und alle fanden, es klänge sehr hübsch. Jantge aber war entzückt, sie strahlte, dreimal fragte sie Severin: „Spielt er nicht fein?“
Dreimal antwortete Severin nur „hm,“ zuletzt lief er wütend fort. Auf dem Heimweg, während die anderen Kinder lustig schwatzten, war er sehr brummig, er war wütend, daß seine Freundin Jantge sich so wenig um ihn gekümmert hatte, und am Abend beim Zubettgehen sagte er zu Wendelin: „Ich geh nicht mehr mit in die Fröhliche Einkehr!“
Wendelin erwiderte gar nichts, er schlief schon, er lag im Bette und pustete wie eine kleine Dampfmaschine, und selbst der ärgerliche Puff, den ihm sein Bruder Severin versetzte, ermunterte ihn nicht mehr. „Ich lern’s auch; was der kann, kann ich auch,“ murmelte Severin, und dann schlief er ebenfalls ein.
Am nächsten Tag hatte Severin ein Geheimnis vor seinem Bruder Wendelin, vor seiner Mutter, vor Heine, kurz vor allen Leuten im Hause, auch vor seinen Freunden. Gleich nach dem Mittagessen entschlüpfte er und ging die Langgasse hinunter bis auf den Markt, dann trat er zagend und verlegen in das Geschäft des Herrn Friedlein. Dort erhielt man die wundervollsten Sachen, Porzellantassen und Spazierstöcke, Bilderrahmen und Hosenträger, Tafelaufsätze und Handschuhe, was man wollte. Wenn irgend jemand in Neustadt irgend jemand etwas schenken wollte, und er wußte nicht recht was, dann ging er zu Herrn Friedlein, da fand er sicher etwas. „Warenhaus“ nannte Herr Friedlein sein Geschäft, und er erzählte es jedem, der es hören wollte, „was Wertheim in Berlin ist, das bin ich in Neustadt, mehr hat der auch nicht als ich.“
Severins Herz klopfte hörbar, als er den Laden betrat; er sah sich scheu um, ob ihn auch niemand bemerkte, es war aber kein Mensch auf der Straße zu sehen. Drinnen im Laden stand eine Frau, die guckte Severin an und sagte: „Na, wo kommst du denn her?“ — Es war seine Tante.
Severin wurde blutrot, aber Herr Friedlein, der selbst im Laden war, fragte: „Du willst wohl einen Bleistift?“ Es gab nämlich gerade billige Bleistifte zu verkaufen.
„Na, dann suche dir mal einen aus,“ sagte seine Tante, „einen Groschen schenke ich dir dazu!“
Das war nun sehr nett von der Tante, und Severin kramte auch höchst vergnügt in dem Bleistiftkasten herum, drei bekam man für einen Groschen. Es dauerte recht lange, ehe er seine Entscheidung getroffen hatte, seine Tante bezahlte den Groschen und sagte lachend zu Herrn Friedlein: „Das wäre wohl etwas langweilig, wenn alle Kunden so viel Zeit zu ihren Einkäufen brauchten, nicht wahr?“
Herr Friedlein nickte und dann gähnte er, er hätte nämlich gern wie jeden Tag sein Mittagschläfchen gemacht. In Neustadt pflegte sonst kein Mensch zwischen ein und drei Uhr etwas einzukaufen, „so was tun nur Leute in den langweiligen Großstädten,“ sagte Herr Friedlein immer. Ordentlich erschrocken fuhr er zusammen, als Severin auf einmal, als seine Tante den Laden verlassen hatte, mit lauter Stimme rief: „Ich möchte eine Flöte!“
„Was?“ sagte der Kaufmann verdutzt. „Junge, du bist wohl nicht klug, eine Flöte hat noch niemand bei mir verlangt. Kann’s nicht eine Mundharmonika sein?“
„Nein,“ stotterte Severin, „’s muß eine Flöte sein. Karl hat auch eine!“
Herr Friedlein überlegte. Er ließ nie gern jemand aus seinem Laden fortgehen, ohne daß er etwas gekauft hatte, und plötzlich fiel ihm ein was er Severin als Flöte geben könnte. Er holte ein schwarzes Ding herbei, „das sei etwas Wundervolles, viel, viel besser als eine Flöte,“ erzählte er, „es sei eine Okarina, und wenn ihm Severin zwei Mark geben würde, dann sollte er das kostbare Instrument bekommen.“
Wenn gerade eine Klappe dagewesen wäre, dann wäre der Bube gewiß in die Erde gerutscht vor Entsetzen über den unglaublichen Preis. Er blieb ganz verdattert stehen und starrte den Kaufmann mit offenem Munde an, als wäre dieser ein Geist. Sehr klug sah Severin gerade nicht aus, und Herr Friedlein brummte ärgerlich und verständnisvoll. „Schneid’ nicht so ’n Gesicht, dummer Bengel! Wie viel Geld hast du denn?“
Seufzend griff Severin in die Hosentasche und holte ein altes, abgenutztes Portemonnaie heraus, dreiundachtzig Pfennige, zwei Stahlfedern, fünf Spielmarken, ein Zinnsoldat, ein Malzbonbon und ein Stück Kreide, die alles angeschmiert hatte, waren darin. Herr Friedlein sah seine Okarina an, ein Stückchen war schon davon abgeschlagen und einen ganz kleinen Sprung hatte sie auch schon. „Na, meinetwegen,“ sagte er gnädig, „da nimm sie für das Geld, du kannst aber froh sein über den Einkauf, so was passiert nicht alle Tage!“
Schweigend nahm Severin seine Okarina, stumm ging er hinaus, und erst als er auf der Langgasse war, blieb er stehen. Da hatte er nun all sein Geld ausgegeben, dreiundachtzig Pfennige, beinahe ein Königreich hätte er sich dafür kaufen können, so meinte er. Freilich eine — eine, ja wie hieß das Ding doch gleich — hatte Karl nicht. Aber wie das Instrument hieß, mußte er wissen, für dreiundachtzig Pfennige konnte er dies verlangen. Er raste zurück, riß die Ladentüre auf, daß die Klingel förmlich hopste und sprang. Ebenso schnell sprang Herr Friedlein in der Ladenstube von seinem Sofa auf, er war gerade ein bißchen eingeschlafen gewesen; er stürzte in den Laden, sicher war jemand da, der sehr viel kaufen wollte.
„Wie heißt die Pfeife?“ schrie ihm Severin entgegen.
„Okarina, du unnützer Bengel,“ rief Herr Friedlein zornig, „was fällt dir ein, so zu klingeln!“ Aber Severin war schon wieder draußen, er lief über den Markt, durch die Langgasse und sagte immer vor sich hin: „Onetrina, Onetrina!“ Na, das war mal ein putziger Name.
„Du vergißt wohl ganz das Grüßen, mein Sohn?“ fragte da auf einmal jemand mahnend, und Severin sah den Herrn Direktor vor sich stehen. Er riß die Mütze vom Kopfe und stammelte: „Onetrina, Onetrina!“ Der Herr Direktor Weidlich ging kopfschüttelnd weiter und murmelte: „Der Knabe ist wohl etwas dumm, mir scheint, er hätte Ostern sitzen bleiben sollen! Ich muß etwas auf ihn achten!“ —
An diesem Nachmittag ließ Klaus Hippel plötzlich den Pantoffel, an dem er gerade nähte, zur Erde fallen; erschrocken lauschte er, dann sagte er zu seiner Frau Paulinchen: „Nun höre doch nur, da schreit der Kauz gar wohl am hellen Tage!“
„Das bedeutet gewiß ein Unglück,“ jammerte die Pantoffelmacherin. „Ih wo, das bedeutet gar nichts,“ sagte ihr Mann vergnügt, „wenn ich nur wüßte, wo der Kauz sitzt?“
Das war freilich ein sonderbarer Kauz, der da, etwas versteckt von allerlei Gebüsch, draußen auf der Wiese vor dem Turm stand und mit vollen Backen auf seiner Okarina blies. Uhuhuhu — pfpfpf ging das, es klang so jämmerlich, daß Klaus Hippel verwundert sagte: „Na, nun weiß ich nicht, hat der Kauz, der so schreit, Leibschmerzen, oder ist es ein Hund, der heult, so was habe ich noch nie gehört!“
Wenn Klaus Hippel auch so dachte, Severin dachte eben anders; er ging sehr befriedigt von seinem Spiel heim. Weil er sehr zum Überfluß, wie er fand, noch Schularbeiten zu machen hatte, konnte er an diesem Tage nicht weiter blasen. Am Abend vor dem Schlafengehen vertraute er aber Wendelin das große Geheimnis an, und der bewunderte denn auch das wunderbare Instrument gebührend. „Laß mich auch drauf blasen,“ bat er, doch davon wollte Severin nichts wissen, er allein wollte besser spielen als Karl. Als aber Wendelin gar so beweglich bat und sich erbot, einen Groschen zu dem Kaufgeld zuzugeben, erlaubte es Severin endlich. Damit nun aber niemand im Hause die wunderbaren Töne zu hören bekam, kroch Wendelin unter die Bettdecke. Dumpf und schauerlich kamen die Töne darunter hervor, Severin lauschte voll Andacht, endlich rief er aus: „Weißt du, ich krieche mal unter Heines Bett, dann denkt der, es spukt!“
Der Vorsatz war nun nicht gerade lobenswert, aber leider fand er Wendelins vollen Beifall. Der Bube quiekte vor Vergnügen, hopste im Bett herum, strampelte und jauchzte und zuletzt schliefen die Brüder sehr vergnügt ein. —
Am nächsten Tag gab es viel Unruhe im Bäckerhaus. Frau Gutgesell hatte Kaffeegäste, da gab es genug zu tun und anzuordnen. Die Staatsstube wurde noch einmal gewischt und gescheuert, obgleich kein Stäubchen darin lag. Den Buben war das Betreten dieses feierlichen Raumes bei Strafe verboten, überhaupt waren die zwei an dem Tage immer im Wege. Da sollten sie nicht sein und das nicht tun, dabei hatten sie gerade noch mehr als sonst Lust zu allerlei Dummheiten. Ihre Mutter sagte seufzend: „Na, was werdet ihr heute noch anrichten!“ Zuletzt verschwanden aber die Buben, und als die Gäste kamen, waren sie gar nicht zu sehen. Pünktlich um vier Uhr erschienen die Damen, und bald darauf saßen alle vergnügt in der Staatsstube beisammen, lobten Kaffee und Kuchen und erzählten sich dies und das.
Auf einmal horchte Frau Gutgesell erschrocken auf: was war das, welcher Lärm entstand draußen?
Da stürzte auch schon Marie, die Magd, mit dem Schreckensruf in das Zimmer: „Feuer, Feuer!“
Ein wildes Angstgeschrei erhob sich, alle Gäste sprangen auf, eine Kaffeetasse und der Milchtopf fielen um, Kuchenstücke und Arbeitsbeutel rollten zu Boden, die Damen rannten hinaus und bald gellte der Angstruf: „Feuer, Feuer!“ bis auf die Straße hinaus.
„Huh!“ schrie die Grünwarenhändlerin Lehmann und purzelte mit einem Korbe unreifer Stachelbeeren auf die Straße. Alles was flinke Beine hatte, rannte dem Rufe nach, alle Fenster öffneten sich, überall schauten Leute heraus und einer fragte den andern: „Wo brennt’s denn? Sieht man das Feuer?“
Und plötzlich jagte eine wunderliche Gestalt aus dem Bäckerhause heraus; Heine war es. Er hatte sich in eine große, rotkarierte Bettdecke gewickelt, die ihm halb nachschleppte, ein dickes, blaugewürfeltes Kopfkissen hielt er im Arm, als sei es ein kostbarer Schatz. Und so rannte der Geselle die Marienstraße entlang und schrie unaufhörlich: „Feuer, Feuer!“
Bald kamen von überall her die Menschen angerannt, die Feuerwehr kam mit für Neustadt ganz außergewöhnlicher Eile angerasselt, sie hatte es nämlich nicht weit.
„Feuer, Feuer!“ schrie alles im Bäckerhause; Meister Gutgesell rannte hierhin und dahin. Ja, Potzwetter, wo brannte es denn?
„In Heines Stube,“ rief Martin, und Meister und Altgeselle stürzten hinauf; Heine hatte seine Stube in der Mansarde.
Doch in der Stube war kein Fünkchen zu sehen, es roch kein Bißchen nach Rauch, etwas Merkwürdiges aber erblickte der Meister, das waren vier Beine, die unter dem Bett hervorragten und die gerade, als er das Zimmer betrat, zappelnd darunter verschwinden wollten. Kurz entschlossen ergriff der Meister zwei Beine, Martin die anderen, und schwapp kamen Severin und Wendelin mit feuerroten, verheulten Gesichtern unter dem Bette vor.
„Dumme Bengels, seid doch nicht so furchtsam, das ganze Haus brennt doch noch nicht, wißt ihr denn, wo’s brennt?“
„Hup, hup, hup,“ schluchzte Severin, „e—s brennt ja gar nicht!“
„Heine,“ heulte Wendelin, „dachte, weil — weil — wir doch bloß Spaß gemacht haben!“
„Feuer, Feuer,“ schrie es draußen, und der dicke Brandmeister Schulze keuchte die Treppe im Bäckerhause empor: „Ja, wo brennt’s denn, ich sehe ja nichts und ich rieche nichts. Herr Meister, Herr Meister, sagen Sie mir doch, wo es brennt?“
„Hier,“ brummte der Meister und — klatsch bekam Wendelin einen Katzenkopf rechts, und Severin einen links. Dann nahm der Meister seine Buben beim Kragen und zog sie die Treppe mit hinunter. „Es brennt gar nicht, es brennt gar nicht,“ schrie er so laut, daß es dröhnend das Haus durchhallte.
Der dicke Brandmeister kugelte vor Eilfertigkeit fast die Treppe hinunter. „Nicht spritzen, nicht spritzen,“ rief er seinen Leuten zu, und das war gut, denn diese standen schon bereit und hätten beinahe einen Wasserstrahl in das offenstehende Fenster der Staatsstube gesandt.
„Es brennt gar nicht,“ rief draußen einer dem andern zu. „Die Buben haben eine Dummheit gemacht,“ rief ein Lehrjunge, und gleich flog das Wort weiter. Frau Lehmann, die noch immer inmitten ihrer verschütteten Stachelbeeren saß, stand auf und rief entrüstet: „Was, es brennt nicht einmal, da habe ich mich umsonst erschrocken, na, ich sag’s ja, heillose Buben sind’s, die beiden!“
„Da kommt Heine, nä, seht doch wie der Heine aussieht!“ riefen einige Stimmen lachend. Heine rannte ganz verwirrt in das Bäckerhaus zurück, und als die Damen, die alle mit dem Meister, Altgesellen und Brandmeister um die heulenden Buben herumstanden, den Gesellen in seinem wunderlichen Aufzuge erblickten, lachten und schrieen sie: „Himmel, wie sieht der Mensch aus!“
„Zieh dich rasch an und dann komm und erzähle, was geschehen ist!“ rief der Meister dem Gesellen zu.
Aber der war so verdattert, daß er nur immer rief: „Ich hab’s doch Feuer blasen hören, ganz gewiß, ganz gewiß!“
„Habt ihr geblasen?“ fragte der Meister seine Buben.
„Ja,“ jammerten beide, „bloß — ’n bißchen.“
„Wo?“ fragte der Vater weiter und sah die beiden Schlingel strafend an.
„Unter — unter Heines Bett,“ kam ängstlich die Antwort.
„Ach so, und der gute Heine hat geschlafen und ist von eurem Geblase aufgewacht und hat gedacht es brennt,“ sagte der Meister verständnisvoll.
„Pfui, ihr abscheulichen Jungens,“ schrie Heine und stürzte mit seiner Bettdecke und seinem Kopfkissen davon; er fing plötzlich an, sich mächtig zu schämen, da er nun erst recht zur Besinnung kam.
„Das ist meiner Seele eine höchst kuriose Geschichte, ich glaube, die kommt in den Anzeiger!“ sagte der dicke Brandmeister. „Übrigens muß Herr Heine gewiß noch Strafe für unbefugtes Alarmieren der Feuerwehr zahlen! Empfehle mich den Herrschaften.“ Herr Schulze ging davon, bald rasselte die Feuerwehr durch die Marienstraße, oben in seinem Zimmer kroch Heine wütend in sein Bett, die Damen kehrten an ihren Kaffeetisch zurück — und die Buben?
Ach, die Buben! Schläge gab es freilich nicht, aber viel Kummer kam über beide. Severin spielte nicht mehr auf seiner Okarina, denn die verschwand für einige Zeit in des Vaters Schrank. Und der Bube dachte manchmal seufzend: „Hätte ich meine dreiundachtzig Pfennige noch, dann könnte ich mir dies oder jenes kaufen!“ Drei Tage Katzentisch gab es auch, und am Katzentisch gibt es bekanntlich keine Leckerbissen. Das allerschlimmste aber war, die Geschichte kam wirklich in den Neustädter Anzeiger für Stadt und Umgebung.
Wendelin und Severin wären am liebsten vor lauter Schämen im Bett geblieben, so wenig sie auch sonst für Kranksein schwärmten. Auch in ein Mauseloch wären sie himmelgern gekrochen, nur gerade in die Schule zu gehen, dazu hatten sie recht wenig Lust. Aber sie mußten hinein, mußten alle Fragen und alle Neckereien aushalten, es zeigte sich hierbei wieder, daß gute Freunde schon etwas wert sind. Jörgel stand tapfer zu den beiden, auch Fritz Brinkmann hielt zu ihnen, und ebenso Brigittchen und Anne-Marte. Das sanfte Brigittchen wurde ganz kampfbereit, wenn jemand etwas gegen die beiden Freunde sagte.
Freilich sprach ganz Neustadt von den Bäckerbuben und von Heine mit dem Bettuch und dem Kopfkissen. Es ist nun aber eine alte Geschichte, daß gemeinsames Leid verbündet, und Heine, der erst fuchswild über den Streich gewesen war, den die beiden ihm gespielt hatten, fand nun, es sei gar nicht so schlimm gewesen wie die Leute die Geschichte machten. Aus lauter Ärger darüber söhnte er sich mit den Buben aus; es wurde wieder eine ganz dicke Freundschaft. Als die Grünwarenhändlerin Lehmann einmal sagte: „Sie haben mir recht leid getan, Herr Heine, die Bengels drüben sind auch recht schlimm,“ da brummte er: „Sie haben eben immer was an den Buben zu tadeln, Madame Lehmann, es soll jeder vor seiner eigenen Türe kehren, die Buben sind besser als Ihre alten Holzäpfel, die sie mir vor etlichen Wochen verkauft haben!“
Klaus Hippel aber sagte, es sei der beste Spaß seit langer Zeit gewesen, und weil der Pantoffelmacher lachte, lachten die Buben zuletzt auch. Da hörten bald die Neckereien auf, das ist mal so, wer mitlacht fährt am besten. Am heitersten aber lachte Jantge über die Geschichte, denn Severin ging das nächste Mal doch mit in die Fröhliche Einkehr, dort söhnte er sich mit Jantge und Karl aus und gab es auf, eifersüchtig zu sein.
Es kommt ja doch nichts dabei heraus.