Ein Wundervogel.

Wieder einmal war die Zeit der großen Sommerferien gekommen. An einem Sonnabend saßen alle Buben und Mädel, die fleißigen und die faulen, sehr vergnügt und feierlich zum letzten Male in der Klasse. Drei Wochen Ferien lagen vor ihnen, eine lange, wundervolle Zeit! Sämtliche Buben- und Mädelfüße zappelten an diesem Tage unter den Tischen hin und her wie Mäuslein, wenn sie in eine Falle gegangen sind, sie konnten das Hinauslaufen gar nicht mehr erwarten. Und das tuschelte und wisperte in den Reihen, und die Augen blitzten und blinkerten wie frisch geputzte Fensterscheiben im Sonnenglanz. Mädelzöpfe wippten auf und ab, und bald kicherte es hier, bald dort, ein Federhalter, der zu Boden fiel, brachte die ganze Schar zum Lachen, und Anton Friedlich tunkte beinahe mit seiner Nase in das Tintenfaß vor Vergnügen. Die Spatzen, die auf dem Fenstersims saßen und Frühstückbrotreste verspeisten, dachten sicher: „Na, das sollen nun brave, gesittete Schulkinder sein! Potztausend, ja, anders geht es in unserer Spatzenschule auch nicht zu!“

„Ob wir viel Ferienarbeiten kriegen?“ flüsterte auf der Mädelseite Annchen Amsee ihrer Nachbarin Mariandel zu, und drüben auf der Bubenseite seufzten Heine Peterle, Anton Friedlich und noch einige andere: „Hoffentlich gibt's nichts auf!“

In diese Fragen hinein sagte der Herr Lehrer plötzlich: „Ferienarbeiten will ich nicht viel geben, nur einen Aufsatz sollen die Großen schreiben, von irgend etwas erzählen, was ihr erlebt habt, oder etwas beschreiben, was euch sehr gefällt; die Kleinen mögen...“

Was die Kleinen sollten, darauf hörten die Großen gar nicht mehr, sie waren nur heilfroh, daß sie selbst nicht viel aufbekommen hatten. Ein Aufsatz! Pah, die Arbeit war nicht groß, die störte nicht die Ferienfreude, und so stürmten denn die Kinder mit lautem Jubelgeschrei nach Schluß der Schule auf die Dorfgasse hinaus.

„Bewahr' mich!“ sagte Muhme Rese, die mit ihrem Strickstrumpf vor der Haustüre saß, „heute schreien aber die Kinder wie die Hottentotten!“ Muhme Rese hatte zwar in ihrem ganzen Leben noch keinen Hottentotten gesehen, und wo die eigentlich lebten, wußte sie auch nicht, aber „Hottentottengeschrei“ galt ihr als etwas Fürchterliches.

„Nä, der Lärm! Wozu es auch nur Ferien geben muß!“ murrte Schuster Pechdraht.

Nun, wenn es der Schuster auch nicht wußte, die Buben und Mädel wußten es ganz genau, wozu Ferien da sind; sie hatten so viele lustige Ferienpläne, wußten so viele Spiele, die sie spielen wollten, daß sie auch mit sechs Wochen Ferien fertig geworden wären.

Als Traumfriede heimkam und seine Bücher in den Schrank legte, kam Muhme Lenelies rasch aus dem Gärtchen heraus und sagte: „Du, Friede, die Wassermüllerin war vorhin da, sie läßt fragen, ob du die Ferien über Hirt bei ihr sein willst; ihr Peter soll bei der Ernte helfen. Magst du?“

Die gute Muhme fragte ein bißchen mitleidig, sie hätte ihrem Pflegesohn gern die Ferienfreiheit gegönnt.

Friede aber machte gar kein betrübtes Gesicht, sondern sah sehr vergnügt drein. Des Wassermüllers Kühe austreiben und den lieben langen Tag draußen sein zu dürfen, erschien ihm ein köstliches Ferienvergnügen.

Er sagte darum hell und froh: „Ei gewiß, Muhme, ich tu's gern!“

Am Montag in aller Morgenfrühe zog der Bube mit seiner kleinen Herde nach dem Buchberg, einem nicht allzu hohen Berg, der gutes Weideland hatte. Alle andern Oberheudorfer Buben und Mädel lagen noch in ihren Betten und genossen Ferienruhe, aber Friede beneidete sie nicht, es dünkte ihm wundervoll, so an einem taufrischen Sommermorgen auszuziehen, einen langen, sonnigen Tag vor sich. In seinem Rucksäckchen hatte er Brot und ein Buch, das ihm der Lehrer geborgt hatte, damit kam er sich reich und glücklich wie ein Prinz vor. –

Ferien sind eigentlich kuriose Dinger, sie haben so lange Beine, daß sie weglaufen, ehe Buben oder Mädel noch recht wissen, daß sie da sind. Hui, wupp! sind sie um die Ecke herum, und das arme Schulkind steht da und hat das Nachsehen. Den Oberheudorfer Kindern erging es gerade so. Erst hatten sie gemeint, die Ferienwochen wären endlos lang, und auf einmal war schon die dritte Woche da, sie wußten nicht wie. „Es sind gar keine richtigen Ferien,“ schalt Heine Peterle am Montag dieser letzten Ferienwoche; er hatte nämlich dreimal auf dem Felde helfen müssen, und nun stöhnte der kleine Faulpelz über die viele Arbeit. An diesem Montagmorgen nun hatte er so viel zu tun, daß er, die Hände in den Hosentaschen, vor der Haustür stand und – gähnte. Er wußte nicht, was er zuerst anfangen sollte. Die Mutter hatte gesagt: „Fange heute einmal deinen Aufsatz an, es wird Zeit!“ Muhme Rese hatte geraten: „Hilf mir heute etwas im Garten, das ist gesund,“ und der Vater hatte den Vorschlag gemacht: „Erst schreibe etwas, dann komm und hilf beim Einfahren, das muß ein künftiger Bauer lernen.“

Heine Peterle fand nun alle diese Pläne nicht sonderlich verlockend, viel vergnüglicher fand er Schulzens Jakobs Vorschlag, mit nach dem Buchberg zu gehen und Traumfriede zu besuchen. Wenn nur der Aufsatz nicht gewesen wäre, die Gartenarbeit und das Einfahren, dann – –

„Heine Peterle,“ rief just in diesem Augenblick seine Mutter, „du könntest heute erst einmal nach Niederheudorf laufen und dort beim Krämer Schnelle Stärke holen, unserer hat keine mehr!“

So, das war nun eine Arbeit, die Heine Peterle gut gefiel, zu der fanden sich auch Genossen, und schon nach etlichen Minuten trabte eine vergnügte Schar auf Niederheudorf zu. Dicht hinter dem Dorfe trafen die Kinder einen Boten des Grafen Dachhausen, der hielt sie an und erzählte ihnen, der Papagei der Gräfin sei ausgerissen; sie möchten unterwegs aufpassen, wer ihn wiederbrächte, sollte eine Belohnung erhalten. Der Vogel habe eine feine goldene Kette am Fuß, an der sei er vielleicht zu fangen. Dies war eine aufregende Sache. „Wir suchen ihn,“ sagten die Kinder gleich sehr eifrig. Schulzens Jakob meinte sogar ganz kaltblütig: „Heine Peterle kann ja allein nach Niederheudorf gehen, wir laufen in den Wald und suchen den Vogel.“

Heine Peterle war sprachlos über diese Treulosigkeit, Annchen Amsee aber rief fix: „Nein, das tue ich nicht, der Vogel kann ja ebenso gut an der Straße auf einem Baum sitzen. Ich hab's Heine Peterle versprochen mitzugehen und gehe mit!“

Schulzens Jakob schwieg, er schämte sich ein bißchen, die andern Kinder aber sagten alle: „Annchen hat recht.“ Sie zogen also miteinander nach Niederheudorf, liefen sehr still und eilig ins Dorf hinein, kauften Stärke ein und rannten wieder hinaus, sie wollten nicht erst von den Niederheudorfer Kindern gesehen werden. Auf dem Wege nach Niederheudorf hatten sie keinen blaugrünen Papagei gesehen, soviel sie auch geguckt hatten, und auf dem Rückwege durch den Wald war auch kein fremder Vogel zu erblicken.

Nahe am Buchberg, wo Traumfriede seine Herde hütete, kam Hans Rumps den Kindern entgegen. „Wißt ihr schon,“ rief er bereits von großer Weite, „daß – –“

„Ja,“ schrieen die Kinder alle, „wir wollen ihn suchen!“

„Suchen, warum denn suchen?“ fragte Hans Rumps verdutzt.

„Ist er denn schon da?“ riefen die Kinder enttäuscht.

„Na freilich ist er da, ist immer dagewesen. Warum sollte er auch nicht da sein? Er hat es doch gesehen, wie der Wagen umfiel,“ erklärte der Nachtwächter.

„Ist denn der Papagei in einem Wagen gefahren?“ Die Kinder sahen Hans Rumps verwundert an, und Hans Rumps sah die Kinder verwundert an und brummte: „Was redet ihr denn da von einem Papagei? Was ist das überhaupt für ein närrisches Ding?“

„Ein Vogel ist das,“ riefen die Kinder und redeten dann alle durcheinander: „Davongeflogen ist er. Manchmal kann ein Papagei auch sprechen, sagt der Herr Lehrer.“ – „Der Frau Gräfin gehört er.“ – „Wenn wir ihn finden, sollen wir was kriegen. Helft uns doch suchen.“

„Na, ich sag's doch,“ rief Hans Rumps höchlichst erstaunt, „bei uns passiert immer mehr, als ein Mensch vertragen kann. Dem Schulzen ist sein Erntewagen umgefallen, pardauz! da lag er, und nun fliegt auch noch ein Papagei im Walde herum. Du meine Güte, was soll das nur werden, wenn es so fortgeht!“

„Schafskopp, Schafskopp, halt den Schnabel,“ kreischte neben Hans Rumps plötzlich eine Stimme, und der brave Nachtwächter erschrak so, daß er sich rittlings in das Moos setzte. „Was ist denn das, was schreit hier denn so?“ jammerte er ängstlich. „Kinder, erbarmt euch, hier ist ja wohl am hellichten Tage ein Gespenst!“

„Mach die Tür' zu, mach die Tür' zu,“ kreischte es wieder, und nun sahen die Kinder einen blaugrünen Vogel, der über ihnen auf einer Buche saß und sich Nachtwächter und Kinder ganz vergnügt von oben herab ansah.

„Es ist der Papagei, der Frau Gräfin ihr Papagei! Er kann sprechen, ach, er kann sprechen! Wir kriegen was,“ schrieen die Kinder aufgeregt und sprangen an dem Baum hoch, um die feine goldene Kette zu fassen, die an dem Fuß des Wundervogels hing. „Hans Rumps, sieh doch, da ist er, da sitzt er!“

„Wo denn?“ murmelte Hans Rumps und sah immer an einer Tanne hinauf. Er zitterte ordentlich, so war ihm der Schreck in die Glieder gefahren.

„Schafskopp, Schafskopp, mach die Tür' zu,“ kreischte der Papagei wieder. Doch was zu viel ist, ist zu viel. Hans Rumps sprang wütend auf. Ein Vogel sollte das sein, der da sprach und ihn, den Nachtwächter von Oberheudorf, einen Schafskopf nannte, – das war ihm doch zu toll. „Was fällt dir denn ein, du dummes Vieh du?“ brüllte er und sprang auf. „Was hast du denn zu sprechen? So eine Frechheit, mich Schafskopf zu nennen! Nä, nu sag' noch ein Wort, dann sollst du...“

„Mach die Tür' zu, geschwind, geschwind!“ schnarrte der Papagei und hopste wild von Ast zu Ast. Unten sprangen die Kinder ebenso wild nach der Kette, um den Vogel zu fangen, der Nachtwächter aber sagte beleidigt: „Das ist ein unverschämtes Tier, nä, das ist gar kein richtiger Vogel. Ich geh' nach Hause, schimpfen lasse ich mich nicht.“ Er warf dem Papagei einen verächtlichen Blick zu, bückte sich, hob seine Mütze auf, die zu Boden gefallen war, und schickte sich an heimzugehen.

„Hahahahaha, willst du ein Küßchen?“ kreischte der Vogel.

Traumfriede und der Papagei.

„Na, nun schlägt's dreizehn, nun will mir das unvernünftige Biest gar noch einen Kuß geben! Na warte!“ rief Hans Rumps empört. Er nahm sein Horn, das er immer bei sich trug, denn es hätte doch wirklich einmal brennen können, und tutete laut hinein. „Tuttut,“ klang es durch den Wald, und erschrocken flog der Papagei auf – und weg war er.

Verblüfft starrten ihm die Kinder nach. „Nachtwächter,“ riefen sie klagend, „du hast ihn verjagt, nun kriegen wir vielleicht nichts!“

„Schadet nischt,“ sagte Hans Rumps ungerührt, „nun hat das Untier doch mal gesehen, wer ich eigentlich bin. Geht lieber nach Hause, 's ist gleich Mittagszeit. Wenn ihr zu spät kommt, kriegt ihr Schelte, und nachmittags ist der Vogel, der gewiß gar kein Vogel ist, sicher noch da. Marsch, lauft, sonst bekommt ihr nichts zu essen!“

Brummelnd, sehr verdrießlich und doch recht mittagshungrig traten die Kinder den Heimweg an. Der Nachtwächter tat, als bemerkte er ihren Ärger gar nicht, er ging stolz voran. Daß er dem Vogel Respekt eingeblasen hatte, befriedigte ihn ungemein; wie ein rechter Held kam er sich vor. –

Muhme Lenelies' Pflegesohn saß an diesem stillen Sommertag höchst vergnügt unter einer alten Eiche und gab auf seine Herde acht. Sonderlich schwer machten es die fünf Kühe und drei Ziegen ihrem Hüter nicht, sie in Ordnung zu halten, und der Bube war wieder einmal recht der Traumfriede, er träumte mit offenen Augen wundervolle Dinge. In den Zweigen des Baumes rauschte es, und dem Buben war es, als flüsterten die leise aneinanderschlagenden Blätter ihm allerlei seltsame Geschichten zu. Der Herr Lehrer hatte den Kindern in der Schule von den alten Germanen erzählt, die im heiligen Eichenhain dem Gott Donar geopfert hatten, und von diesen längst vergangenen Tagen rauschte und raunte es in dem alten Baum, von den Helden, die einst in seinem Schatten von ihren Kriegstaten berichtet und die Schädel der geopferten Kriegsrosse am Stamme befestigt hatten. Aber auch von Elfen und Waldweibchen flüsterte es, von Sommernächten, in denen hier auf weichem Wiesengrund sich ein lustiges Märchenvolk im Tanze drehte. Aus diesen Träumen schrak der Bube plötzlich empor. Über ihm rief eine schnarrende Stimme: „Schafskopp, gib mir ein Küßchen, hahaha, gib mir ein Küßchen!“ Friede faßte sich unwillkürlich an seine Nase und zog kräftig daran, – träumte oder wachte er?

„Mach die Tür' zu, mach die Tür' zu!“ kreischte es da wieder, und nun sprang Friede doch auf und sah sich um. In dem Gezweig der Eiche saß ein blaugrüner Vogel, der mit schief gehaltenem Kopf den Buben sehr prüfend ansah. Friede mußte an das Märchen vom blauen Vogel des Glücks denken, das Muhme Lenelies ihm erzählt hatte. War das nun ein Glücksvogel? Er faßte sich wieder an die Nase: nein, er war doch wach und träumte nicht mehr, und der Wundervogel gehörte ins Märchenland, also mußte das wohl hier doch ein anderer sein. Nun sah der Bub aber auch die feine, goldene Kette, die von dem Fuß des Vogels herabhing. Gewiß war der Vogel irgendwo ausgerissen. „Lola hat Hunger, Hunger,“ kreischte der Vogel und schlug mit den Flügeln, als wollte er davonfliegen. Friede besann sich nicht lange. Er nahm rasch sein Brot aus dem Sack, zerbröckelte ein Stück und streute es für den seltsamen Gast hin. Der besah sich etwas erstaunt die Sache, hüpfte aber doch auf einen niedrigen Ast, legte den Kopf auf die andere Seite und schien sich zu überlegen, ob die Mahlzeit wohl für ein so vornehmes Tier gut genug sei. In diesem Augenblick griff Friede rasch nach der Kette und zog daran den Vogel vom Baum. Der war erst so verblüfft, daß er sich ruhig greifen ließ, plötzlich aber besann er sich und hackte wütend nach Friedes Hand. „Au!“ schrie der Bube laut, hielt den Vogel aber trotz des heftigen Schmerzes fest und steckte den zappelnden und laut „Schafskopp“ schimpfenden Gesellen kurz entschlossen in seinen Rucksack. Da war der Herr Papagei gefangen; es half ihm nichts, daß er schnarrte: „Schafskopp, Schafskopp, mach die Tür' zu, mach die Tür' zu!“

Friede lachte: „Sie ist ja zu! Sei du nur still, es wird schon herauskommen, wem du ausgerissen bist.“ Der Bube war nicht so empfindlich wie Hans Rumps, und die vielen Schafsköpfe, die ihm der Papagei in seiner Wut zurief, ärgerten ihn nicht. Er lachte darüber, wie drollig das war, daß ein Vogel sprechen konnte. Gewiß war es ein Papagei, von diesen Vögeln hatte der Herr Lehrer auch erzählt.

Über des Buben Hand aber rann das Blut, und die Wunde schmerzte heftig. Friede nahm einen Krug mit Wasser, den er sich immer an der Quelle, an der er früh vorbeikam, füllte, und wusch die Wunde ab. Der Papagei hatte ein ganzes Stück Fleisch aus dem Ballen der linken Hand gehackt, und so weh es tat, Friede dachte doch: „Gut, daß es die linke Hand ist, da kann ich wenigstens was anfassen.“ Der Papagei zappelte in seinem Gefängnis hin und her, bald fuhr er hier, bald dort mit seinem Schnabel durch den Stoff und suchte sein Gefängnis zu zerreißen. Friede hatte einen Bindfaden genommen und damit die Kette an einem niedrigen Ast angebunden; kam der Vogel aus dem Sack heraus, so mußte er immer noch eine Weile zerren und beißen, ehe er ganz frei wurde.

Etwas hilflos sah sich Friede nun um. Er wußte nicht recht, was er tun sollte; seine Herde konnte er nicht verlassen, sie heimzutreiben, war es zu früh, aber die Hand tat ihm sehr, sehr weh, und er sehnte sich nach Muhme Lenelies, die so gut solche Schäden zu heilen wußte.

Es war recht gut, daß an diesem Tage Leberecht Sperling auch einmal aus dem Walde heraus nach dem Buchberg ging, sonst wäre dem armen Friede die Zeit doch wohl recht lang geworden. Seit ihn der Waldhüter heimgetragen, war zwischen ihnen beiden eine stille Freundschaft, und so rief Friede heute auch laut, als er diesen von ferne erblickte: „Herr Waldhüter, Herr Waldhüter!“

„Na, was soll's denn?“ brummte der und kam näher. Friede rannte ihm entgegen und erzählte ihm rasch von seinem Fange. „Den suche ich doch gerade, diesen Ausreißer,“ schalt Leberecht Sperling. „Unsere Frau Gräfin ist ganz traurig, und die junge Gräfin heult wie – wie eine Dachrinne.“ Daß eine weinende Gräfin und eine tropfende Dachrinne doch recht verschieden sind, störte den Waldhüter nicht, und Friede fand den Vergleich sehr schön. Leberecht Sperling aber schimpfte auf den Papagei, auf Friede, auf die verletzte Hand, auf des Waldmüllers Ziegen, weil die neugierig herbeikamen, auf die Sonne, die zu heiß brannte, und noch auf alles Mögliche und Unmögliche. Als er genug geschimpft hatte, sagte er, Friede solle noch ein wenig warten, er würde nach seinem Hause gehen, das nahe lag, und einen Korb holen und darin den Papagei selbst nach dem Schlosse tragen. Es dauerte auch nicht lange, da kam Leberecht Sperling wieder zurück. Er brachte in dem Korb ein reines Tuch und eine Flasche Arnika mit und verband Friede unter vielem Stöhnen und Brummen sehr sanft und ordentlich die Hand, dann holte er aus dem Korb noch einen Topf Kaffee und ein Stück Striezel heraus, sagte zu Friede mit einer Stimme, als wollte er den Buben selbst aufessen, er sollte jetzt essen und trinken, nachher würde er wiederkommen und ihm erzählen, wie er den Papagei nach dem Schloß gebracht hätte. „Mach die Tür' zu, mach die Tür' zu,“ schrie der Gefangene in seinem Korb. „Freilich wird sie zugemacht,“ brummte Leberecht Sperling ungerührt und trabte los.

Friede saß nicht mehr lange in Einsamkeit und Stille unter der Eiche. Schwatzend, lärmend, Musbrote schmausend, sehr aufgeregt und hoffnungsvoll kamen ungefähr zwanzig Buben und Mädel angelaufen. „Friede, wir suchen einen Papagei! Friede, denke nur, er kann sprechen, und wenn wir ihn fangen, dann kriegen wir was!“

Traumfriede lachte und erzählte nun von seinem Fang, und daß Leberecht Sperling den Papagei nach dem Schloß getragen hätte. „Das ist doch ein Märchen,“ sagte Annchen Amsee, und ein paar Stimmen riefen: „Er neckt uns nur.“

Aber Friede verteidigte sich, er zeigte seine verletzte Hand und erzählte, was der Papagei gesprochen hatte, da mußten es ihm die andern freilich glauben, daß der Wundervogel bereits gefangen sei. Anton Friedlich, Krämers Trude und noch ein paar andere sagten ein bißchen enttäuscht: „Ach, nun kriegt Friede alles und wir nichts!“

„Pfui,“ murrte der dicke Friede, „ihr seid neidisch, das ist häßlich.“ Auch Annchen Amsee, Mariandel, Heine Peterle und noch andere riefen: „Der Friede verdient's doch, gönnt's ihm doch!“ Da schwiegen die kleinen Neidhammel beschämt. Friede aber war rot geworden, an eine Belohnung hatte er gar nicht gedacht; nun kam's ihm auf einmal in den Sinn, wie schön das wäre, wenn er Muhme Lenelies etwas mitbringen könnte. Darüber vergaß er fast die Schmerzen an seiner Hand, und als Annchen Amsee ihn mitleidig fragte: „Tut's sehr weh?“ da lächelte er tapfer: „Es ist nicht so schlimm!“

Die Kinder beschlossen, auf Leberecht Sperling zu warten. Er würde zwar brummen, aber das schadete nichts, die Neugier war doch größer als die Angst vor seinem Schelten. Aber ach, Leberecht Sperling kam freilich wieder, doch er erzählte gar nichts, er sagte nur ganz kurz und brummig zu Friede: „Sie lassen schön danken, das Schwatztier ist gut angekommen!“ Dann wandte sich der Waldhüter zu den Kindern: „Daß ihr mir nicht in den Wald kommt! Hier könnt ihr bleiben. Ob die Kühe, Ziegen oder ihr auf dem Buchberg herumtrampeln, ist ja gleich!“ Weg war Leberecht Sperling, und alle miteinander sahen ihm geärgert nach.

„Das ist alles?“ schrie Heine Peterle endlich empört, und Anton Friedlich schalt: „Der tut gerade so, als ob jeden Tag ein Papagei im Walde herumfliegt. Nun gehen wir doch in den Wald.“

Er fand aber keinen rechten Beifall mit seinem Vorschlag. Die Kinder fanden es viel besser, auf der andern Seite des Buchberges, dort, wo sich eine kleine Höhle befand, – Leberecht Sperling nannte es „ein Loch“, – Indianer zu spielen, da man doch einmal draußen war. Schulzens Jakob orakelte: „Wenn wir jetzt heimgehen, müssen wir Aufsatz schreiben.“ Dazu hatten sie alle miteinander herzlich wenig Lust, und so zogen sie lachend und schwatzend weiter, und bald klang ihr fröhliches Spielgeschrei zu Friede hin, der still unter der Eiche saß. Er war ein wenig betrübt und enttäuscht und fühlte wieder heftiger die Schmerzen in seiner Hand.

Auf einmal raschelte es neben ihm: Waldbauers Mariandel war es, die zurückkehrte. „Friede,“ sagte sie ein wenig verlegen, „ich will dir frisches Wasser holen für deine Hand, weil du doch nicht fortkannst.“ Überrascht sah der Bube auf. Mit dem Mariandel hatte er immer nur wenig gesprochen; mal vor einiger Zeit, als der Kleinen ein Buch in den Schmutz gefallen war, da hatte er sie getröstet und sie heimgebracht. Mariandel nahm Friedes Wasserkrug, lief zur Quelle und kam vergnügt wieder; sie tat ordentlich wichtig wie eine kleine Krankenpflegerin. Dann saßen sie beide unter der Eiche, und Friede begann seiner Gefährtin von den Geschichten zu erzählen, die er am Morgen geträumt hatte. Mariandel lauschte andächtig, sie sah mit ihren großen Kornblumenaugen ernsthaft zu Friede auf, und wenn der einmal Atem holte, flüsterte sie rasch: „Ach, bitte, weiter!“

So saßen die beiden friedlich zusammen. Sie sagten es einander nicht, aber sie fühlten es beide, daß sie von dieser Stunde an gute Freunde waren. Der Nachmittag verging ihnen schnell genug, und sie waren beinahe erstaunt, als die andern spielmüde zurückkamen und mahnten, es sei Zeit heimzukehren. Friede trieb seine Herde zusammen, und vergnügt zogen alle dem Dorfe zu. Als Friede dann Muhme Lenelies sein Abenteuer erzählte und von der entgangenen Belohnung sprach, fragte die sonst so freundliche Muhme ganz ernst und streng: „Hast du's um eine Belohnung getan?“

„Nein,“ sagte Friede beschämt.

„Na, das wäre auch noch schöner gewesen,“ schalt die Muhme. „Nä, nä, nur nicht immer alles gleich aufs Belohnen ansehen, dabei kommt nischt Rechtes raus. Und nun geh ins Bett und sei vergnügt, daß du jemand hast einen Gefallen tun dürfen! Damit basta!“

Und Friede kroch geschwind und fröhlich in sein Bett und verschlief selbst die Schmerzen an seiner Hand. Es war doch ein reicher, schöner Tag gewesen: er hatte einen Wundervogel gefangen und eine liebe kleine Freundin gefunden.