Ferienarbeiten, und was daraus wird.

Man fängt nicht immer einen seltenen Vogel, und nach sehr ereignisreichen Tagen kommen mitunter recht stille Stunden. Dies merkte Traumfriede so recht am Tage nach seinem glücklichen Fange. Er saß wieder am Buchberg und war ein bißchen unruhig und erwartungsvoll, weil er dachte, irgend etwas oder irgend jemand müßte kommen. Aber kein Papagei, kein Waldhüter, keine fröhlichen Schulkameraden ließen sich sehen, ja selbst die Sonne kam den ganzen Tag nicht zum Vorschein. Früh war es trübe gewesen, und am Nachmittag war es immer noch grau und trübe, es regnete nicht, der Wind wehte auch nicht, und alle Vögel, Eichhörnchen und Häslein, und was sonst einmal an Friede vorbeigehuscht war, blieben ebenfalls unsichtbar. Alles in allem war es eigentlich etwas langweilig. Zum ersten Male fand es Friede recht still und einsam, und schließlich nahm er sich seine Bücher vor und begann seine Ferienarbeit ins Unreine zu schreiben.

Um die gleiche Zeit wanderte Muhme Lenelies nach Schloß Friedheim. Am Morgen, bald nach Friedes Weggang, war Leberecht Sperling bei der alten Frau gewesen und hatte ihr gesagt, sie möchte doch einmal zur Frau Gräfin kommen. Warum, das sagte der Waldhüter nicht, das war ihm zu beschwerlich, er war schon wieder draußen, ehe sich die Muhme von ihrem Erstaunen erholt hatte. „Na, ist recht,“ dachte diese, „werd's schon erfahren.“ Sie versorgte noch ihre Ziege Friederike, brachte ihr Häusel in Ordnung und trat dann ihren Weg an.

Muhme Lenelies war eine schlichte, bescheidene Frau, gehörte aber nicht zu den Menschen, die vor einem, der reicher und höher gestellt ist, gleich allen Freimut verlieren. „Jedem die Ehre, die ihm gebührt, aber nicht vergessen, daß wir Menschen vor unserm Herrgott alle gleich sind,“ pflegte sie wohl zu sagen. Unter allerlei guten, freundlichen Gedanken verging der Muhme der Weg rasch, und bald lag das Schloß vor ihr. Sie fragte höflich und bescheiden nach der Frau Gräfin, und ein Diener führte sie gleich in ein hohes, schönes Zimmer.

In einem blanken Messingkäfig saß nun wieder gefangen der Papagei. Als der die fremde Frau erblickte, schlug er mit den Flügeln und rief recht unhöflich: „Schafskopp, Schafskopp!“

„Na,“ sagte Muhme Lenelies ganz ruhig, „ich dächte, du wärst eher einer. Wozu brauchst du denn auszureißen?“

„Das stimmt,“ sagte lachend jemand hinter der Muhme. Es war die Gräfin selbst, die leise eingetreten war. Freundlich reichte sie der alten Bauernfrau die Hand, und dann saß Muhme Lenelies, sie wußte selbst nicht wie, auf einmal auf einem wunderschönen, weichen Samtstuhl und erzählte vergnügt, als müßte es so sein, von ihrem Friede. Sie erzählte, wie der Bube zu ihr gekommen war, und wie lieb, brav und fleißig er sei, und weil die Frau Gräfin so aufmerksam zuhörte, erzählte sie auch von dem Wintertag, an dem der Bube im Schneesturm den weiten, weiten Weg gelaufen war, um ihr die Medizin zu holen.

Ganz still hörte die Gräfin zu, dann fragte sie noch allerlei, auch, was der Friede wohl einmal werden wollte. „Du meine Güte,“ sagte Muhme Lenelies bescheiden, „was soll er werden! Ein rechtschaffener Arbeiter hoffentlich. Freilich, freilich, so'ne Buben die haben immer mächtig große Rosinen im Kopf. Da ist der Heine Peterle, der sagt, er möchte mal General werden, und Schnipfelbauers Fritz, dem die Unnützigkeit schon aus den Jackenärmeln herausguckt, meint, zu einem Doktor würde er's schon bringen.“

„Und der Friede?“ fragte die Gräfin noch einmal.

Muhme Lenelies wurde ein wenig rot, dann sagte sie halb lachend, halb verlegen: „Na ja, der ist erst recht ein Hochhinaus, obgleich er ja sonst ein ganz bescheidener Bube ist, der – der – nä, die Frau Gräfin müssen ihn dann nicht für eingebildet halten, er möchte ein Lehrer oder ein Bücherschreiber werden.“

Die Gräfin lachte und meinte: „Da wird er freilich noch viel lernen müssen.“ Sie fragte sie noch dies und das, dann brachte ein Diener einen vollgepackten Handkorb herein, den übergab die Gräfin der alten Frau und sagte freundlich: „Lassen Sie und Ihr Friede sich das gut schmecken, was in dem Korbe ist.“

Muhme Lenelies war ganz verwirrt; sie dankte etliche Male, hörte es gar nicht, daß der Papagei sie um ein Küßchen bat, und dann war sie wieder draußen und war ordentlich niedergeschlagen, weil sie ihrer Meinung nach nicht genug gedankt hatte.

Als Friede am Abend heimkam und alle Herrlichkeiten anschaute, – es waren Kaffee, Zucker, Schokolade, Wurst und noch viele andere gute eßbare Dinge in dem Korb gewesen, – tanzte er vor Freude in der Stube herum. „Nun war der Papagei doch ein Glücksvogel!“ jubelte er. „Oh, Muhme Lenelies, was für wunderschöne Ferien habe ich!“

Die Ferien benahmen sich nun nicht mehr anders, als sich Ferien leider benehmen. Schwipp, schwapp waren sie zu Ende, und an einem Montagmorgen liefen die Oberheudorfer Kinder wieder ihrem roten, leuchtenden Schulhause zu. Sie saßen wieder auf ihren Bänken, hier die Mädel, da die Buben, hinten die Großen, vorn die Kleinen. Und der Herr Lehrer, der verreist gewesen war, stand da, schaute in all die blinkeblanken Kinderaugen und fragte: „Na, waren die Ferien schön?“

„Ja!“ schrieen alle miteinander, und alle Ferienlust und Ferienfreude klang in dem Ruf noch mit. Am lautesten aber schrie Friede, und seine Augen strahlten wie ein Paar Sterne. Dann begann die Stunde. Zuletzt sprach der Herr Lehrer: „Nun sollen noch einige von euch uns ihren Aufsatz vorlesen. Heine Peterle, fang mal an!“

Heine Peterle bekam einen Kopf, so rot wie ein ganzes Büschel Feuernelken, und stotternd las er: „Es war furchtbar schön. Dreimal mußte ich aufs Feld. Viermal gab's Kuchen. Es hat mir am besten gefallen, daß der Papagei immerfort Schafskopf schriete.“

„Schreite!“ tuschelte Schulzens Jakob.

„Schreite,“ stotterte Heine Peterle.

„Hat geschriet!“ flüsterte der dicke Friede.

„Hat geschriet!“ stammelte Heine Peterle.

„Schrie!“ sagte der Herr Lehrer und runzelte ein wenig die Stirn. „Nun lies weiter!“

Heine Peterle riß die Augen weit auf, seufzte schwer und murmelte bedrückt: „Ich – bin fertig.“

„Na, das muß man sagen,“ rief der Herr Lehrer, „angestrengt hast du dich nicht.“

„Nä,“ bekannte Heine Peterle ehrlich und fiel mit der Nase beinahe auf sein Pult.

„Wir sprechen nachher noch miteinander,“ sagte der Lehrer streng. „Annchen Amsee, lies du vor!“

Annchen las. Sehr lang war ihr Aufsatz auch nicht, auch sie hatte von dem verflogenen Papagei geschrieben. Dann kam der blaue Friede dran, der hatte die gleiche Geschichte erzählt. Ein Berenbacher Bube hatte eine Fahrt nach der Stadt beschrieben, ein Mädel einen Besuch bei der Großmutter. Zuletzt rief der Herr Lehrer Traumfriede auf, und rasch wisperten ein paar Stimmen: „Der hat auch den Papagei.“

Aber Friede hatte den Papagei nicht in seinem Heft. Der Bube hatte einen Tag im Walde beschrieben. Von Bäumen und Blumen, von der Sonne, dem Wind, dem Gesang der Vögel und den schneeweißen Ziegen hatte er erzählt; von dem alten Hünengrab und denen, die darin schliefen, und deren Singen und Sagen an sonnenhellen Tagen im Walde zu hören war. Wie ein Märchen klang es. Alle hörten ganz andächtig zu, und als Friede geendet hatte, da sahen ihn alle verwundert an. Nein, so einen Aufsatz hatte kein anderes Kind geschrieben, das war ja beinahe, als hätte Muhme Lenelies eine Geschichte erzählt.

Der Lehrer sagte nichts weiter, er nickte Traumfriede nur sehr freundlich zu, so freundlich, daß in dem Herzen des Buben die Hoffnung erwachte, eine besonders gute Zensur zu erhalten. „Nun gebt mir alle eure Hefte ab,“ gebot der Lehrer, und da ertönte auch schon draußen das Bimbaum der Schulglocke.

Etliche Minuten später standen alle Buben und Mädel draußen vor der Schule und schwatzten noch ein Weilchen hin und her, denn so ein erster Schultag nach den Ferien ist doch eine wichtige Sache.

Plötzlich rief Anton Friedlich ganz laut und patzig: „Traumfriede kann gut Aufsätze schreiben, wenn er sie sich von Muhme Lenelies machen läßt.“ Und gleich riefen ein paar andere Buben- und Mädelstimmen: „Pfui, das darf man doch nicht!“

Traumfriede war totenblaß geworden. Er war so ein ehrlicher, aufrichtiger Junge, daß der Gedanke, seine Arbeiten nicht allein zu machen, ihm nie gekommen wäre. Der leichtfertig ausgesprochene Verdacht kränkte ihn so tief, daß er gar nicht sprechen konnte. Als sei ihm die Kehle zugeschnürt, so war es ihm, und er kämpfte mit den heiß aufsteigenden Tränen. Da sagte auch Heine Peterle, der sich wegen seiner schlechten Arbeit schämte, ein bißchen hochfahrend: „Na, abschreiben würde ich nicht. Pfui, wie ruppig!“

Schwapp hatte er eine Ohrfeige bekommen, er wußte nicht wie, und Traumfriede wandte sich nach dieser Tat bleich mit funkelnden Augen von Heine Peterle zu Anton Friedlich: der flog in den Sand wie ein Gummiball. Die andern Kinder stoben erschrocken auseinander, so hatten sie den sonst so freundlichen, sanften Traumfriede noch nie gesehen. Der Bub sah aus, als wollte er seine sämtlichen Schulgenossen in den Sand werfen, und alle Buben und Mädel erhoben ein wildes Geschrei. „Er hat doch abgeschrieben,“ schrieen einige, und Anton Friedlich, der wieder aufgestanden war, brüllte laut: „Jawohl, sonst wäre er nicht so wild. Pfui, pfui!“

In all das laute Stimmengewirr hinein tönte ein sanftes Stimmlein: „Er hat es bestimmt nicht getan, er schreibt gewiß nicht ab!“ Niemand hörte sonderlich auf Waldbauers Mariandel, nur Friede hatte der Freundin Stimme gehört. Die brachte ihn etwas zur Besinnung, und er begann sich seiner Heftigkeit zu schämen. Er sagte kein Wort, aber er drehte sich verächtlich um und rannte weg, so blitzschnell, daß die andern ihm erst ganz verdutzt nachsahen. Aber dann erhoben Anton Friedlich und Heine Peterle ihre Stimmen: „Er reißt aus, er reißt aus, pfui, er reißt aus!“ Und Mädel und Buben, die Großen und die Kleinen rannten alle lärmend hinter Friede her.

Der Bube aber war bei seiner eiligen Flucht auf ein unerwartetes Hindernis gestoßen. Mitten auf der Dorfstraße vor der Schmiede stand ein stattlicher Wagen, und an dem Wagen stand die Frau Gräfin Dachhausen und sprach mit dem Schulzen. Etliche Dorfleute standen dabei, auch Muhme Lenelies hatte sich dazugesellt. Die Gräfin kam mit ihrer Begleiterin von einer Spazierfahrt zurück. Unterwegs hatte das eine Pferd ein Hufeisen verloren, nun sollte der Schmied das Tier frisch beschlagen. „Nä, Friede,“ rief Muhme Lenelies entsetzt und hielt ihren Pflegesohn geschwind am Jackenärmel fest, „warum rennste denn so? Man läuft doch die Menschen auf der Straße nicht um!“

Friede blickte sich ganz verstört um; er sah die Frau Gräfin, die erstaunten Gesichter der andern, hörte das immer näher kommende Geschrei seiner Kameraden, und eine wilde Verzweiflung ergriff ihn. Nun würden es alle hören, daß man ihn für einen Abschreiber, einen Lügner hielt. Er klammerte sich an Muhme Lenelies an und brach in ein verzweifeltes Schluchzen aus.

„Friede, mein Junge, ih, was fehlt dir denn?“ rief die alte Frau besorgt, und die Gräfin fragte freundlich: „Ist das der Bube, der meinen Papagei gefangen hat? Warum weint er denn so?“

Die ganze lärmende, schreiende Schuljugend war jetzt herangekommen. Als sie die allen bekannte Gräfin erblickten, blieben sie aber doch ganz verdattert stehen, und ihr Schreien verstummte. Nur ein Stimmlein hob sich wieder mutig aus der Schar heraus, und diesmal wurde es von allen gehört; Mariandel rief: „Er hat es nicht getan, er tut so etwas nicht.“

„Was soll denn mein Friede getan haben? Warum verfolgt ihr ihn?“ fragte Muhme Lenelies aufgeregt. Ihre sonst so freundlichen Augen blitzten drohend die Kinder an, und die wurden ganz verlegen; eins sah betreten das andere an, und etliche, die vorn standen, suchten sich hinter den andern zu verstecken. Endlich aber trat doch Anton Friedlich vor und wollte erzählen, was Friede getan haben sollte. Gleich fielen zwei, drei andere Stimmen ein, und dazwischen rief Mariandel wieder: „Er hat es nicht getan.“ Annchen Amsee und Krämers Trude riefen nun auch der Freundin nach: „Er hat es nicht getan!“

„Potzwetter noch einmal, macht nicht so'n Geschrei,“ brüllte jetzt der Schulze die Kinder an. „Was soll denn die Frau Gräfin von unserm Dorf denken? Jakob, komm mal vor und sag, was los ist, aber geschwind und kurz, sonst sperre ich euch alle zusammen ein!“

Das half. Jakob trat vor und erzählte etwas stotternd und verlegen von Friedes Aufsatz, und was Anton Friedlich und Heine Peterle gesagt hätten, und daß Friede gleich wild geworden sei.

„Es ist nicht wahr!“ Friede löste sich aus Muhme Lenelies' Armen, rot, heiß, mit blitzenden Augen stand er da. Er schämte sich unsagbar, daß er so verklagt wurde, aber Mariandels Ruf und Muhme Lenelies' Nähe hatten ihm seinen ganzen Mut zurückgegeben. Er reckte sich stolz und gerade auf, wie ein kleiner Held schaute er sich um und rief noch einmal laut mit klingender Stimme: „Es ist nicht wahr, was sie sagen, ich habe die Arbeit bestimmt allein gemacht, aber“ – er stockte einen Augenblick, dann fuhr er tapfer fort – „Heine Peterle habe ich geschlagen und Anton Friedlich hingeworfen!“

„Nu guck einer den Buben an,“ brummelte vergnügt der Schulze, „wie ein richtiger kleiner Kampfhahn steht er da.“

„Seine Arbeit hat er allein gemacht,“ erklärte Muhme Lenelies laut und ernst, „das muß ich doch wissen. Lügen tut mein Friede überhaupt nicht. Freilich so wild um sich zu hauen, das brauchte er nicht.“

„Ich denke,“ sagte nun die Gräfin, die still zugehört hatte, „ihr vertragt euch miteinander. Wer einen Kameraden unrecht beschuldigt, ihn gar einer Falschheit und Lüge zeiht, verdient zwar mehr Strafe als eine Ohrfeige und einen Puff, aber weil Friede auch gleich zu heftig war, werdet ihr euch wohl gegenseitig verzeihen.“

Das gütige Wort stellte den Frieden wieder her. Die meisten Buben und Mädel schämten sich ohnehin, daß sie gleich Anton Friedlichs bösem Wort geglaubt hatten, besonders Heine Peterle. Er war herzlich froh, daß er mit dem Kameraden wieder gut sein konnte, und schüttelte Friede ganz vergnügt die Hand, so herzlich, als sei eine Ohrfeige mindestens ein Stück Kuchen. Anton Friedlich aber riß aus. Er war ein Trotzkopf und ging mitunter tagelang einsam und verärgert herum, ehe er es fertig brachte, sich mit jemand auszusöhnen. „Er fährt am schlimmsten dabei,“ sagte Muhme Lenelies, als sie mit Friede und Mariandel heimging. „Trotz quält allemal den, der trotzig ist, am meisten. Und nun, Friede, bringe Mariandel heim, und dann komm geschwind zum Essen.“

Hand in Hand liefen die Kinder nach dem Waldbauernhof. Friede war ordentlich stolz auf seine tapfere Freundin, und an dem Hoftor sagte er treuherzig: „Ich danke dir!“

„Du, Friede, ich weiß was!“ Mariandel hopste von einem Beinchen auf das andere, und ihre Kornblumenaugen strahlten den Freund lustig an.

„Was weißt du denn?“

„Ach, was Feines, was Feines! Rate mal!“ Aber ehe Friede noch seinen Mund auftun konnte, flüsterte Mariandel schon rasch: „Die Frau Gräfin liest deinen Aufsatz. Ich hab's gehört, sie hat's zu der andern Dame gesagt.“

Friede wurde blutrot und sah so unglücklich drein, daß Mariandel erschrocken fragte: „Freust du dich nicht?“

Der Bube schüttelte den Kopf. „Ich schäm' mich so, ich schäm' mich so,“ stammelte er, und dann lief er geschwind weg und ließ Mariandel stehen. Die Kleine sah ihm traurig nach, ihr war es zumute, als sei sie mit ihrem Sonntagskleid ins Wasser gefallen.

Friede kam so niedergeschlagen heim und gab so kurze Antworten, daß Muhme Lenelies ärgerlich sagte: „Na, das ist schon wie beim Bader, wenn der'n Zahn rausziehen will, just grad' so muß ich dir die Worte aus dem Mund ziehen. Jetzt red' mal fix und sag, warum du so ein Gesicht machst, als müßtest du sechs Mühlsteine als Vesperbrot verzehren!“

Da erzählte Friede kleinlaut, was Mariandel ihm verraten hatte. Muhme Lenelies lachte herzhaft: „Na, was schadet das? Eine Arbeit, die man recht getan hat, braucht man doch nicht zu verstecken. Wenn die Frau Gräfin die Arbeit liest und ist zufrieden, dann freue dich, aber bilde dir nicht gleich ein, ein wichtiger Bube zu sein. Na, und wenn die Arbeit der Frau Gräfin nicht gefällt, dann mußt du dir halt immer noch mehr Mühe geben. So, und nun iß dich ordentlich satt, und nachher wollen wir beide Kräuter und Pilze suchen gehen.“

Nach dieser Rede der Muhme schmeckte dem Friede das Essen gleich prachtvoll, und fröhlich rüstete er sich dann zum Waldgang. Er durfte Mariandel dazu holen, und die Kleine wurde darüber auch wieder vergnügt; mit Muhme Lenelies in den Wald zu gehen, war eine lustige Sache. Die alte Frau wußte so viel zu erzählen von allen Bäumen und Blumen des Waldes, es war immer, als blätterte sie Seite für Seite eines großen Bilderbuches um. An diesem Tage sagte Friede mit nachdenklicher Bewunderung: „Weißt du, Muhme, wenn du mir wirklich bei meiner Arbeit geholfen hättest, da wäre sie schon besser geworden. Ich glaube, niemand auf der ganzen Welt kann feiner erzählen als du.“

Die Muhme lachte schelmisch: „Na, seh einer den Schmeichler an! Aber wer weiß, Friede, gar lernst du's auch noch mal. Aus einem Traumfriede kann schon ein Geschichtenerzähler werden. Doch nun flink, Kinder, sucht Pfifferlinge! Dort wachsen welche, und wenn ihr brav sucht, erzähle ich euch zum Schluß noch eine Geschichte. 's ist mir just eine eingefallen.“

Flink suchten alle drei. Die Muhme fand Kräuter und die Kinder jedes ein Säcklein Pfifferlinge. Ganz stolz schaute Mariandel auf ihren Fund: „Das gibt ein Abendessen!“ Ehe sie heimgingen, setzten sie sich noch alle drei am Waldrand nieder. Ein Baumstamm lag da, der kürzlich gefällt worden war, und auf dem noch mehr Buben und Mädel Platz gehabt hätten. Es war, als hätten das des Schulzen Kinder Jakob und Röse und Heine Peterle gewußt, sie kamen gerade von Niederheudorf heim, am Waldrand entlang. „Kommt her, Muhme Lenelies erzählt uns was,“ rief Friede. Das ließen sich die drei nicht zweimal sagen. Sie waren da, als hätte ein Windstoß sie hergeweht, und setzten sich auch auf den Baumstamm, Heine Peterle so einträchtig neben Friede, als hätten sie sich nie gestritten. Muhme Lenelies nickte: so war es recht, Bösesein und Unfrieden konnte sie nicht leiden, und mit einem kleinen lustigen Schelmenlachen begann sie die Geschichte vom unsichtbaren Kaspar zu erzählen.

Der unsichtbare Kaspar.
(Ein Märchen.)

Oben bei Berenbach, ein bißchen weiter in den Wald hinauf, stand, wie ihr wißt, vor Zeiten eine Burg. Jetzt ist nur noch ein kümmerliches Mauerrestchen davon da, früher aber war es eine stattliche Burg. Sie gehörte einem reichen Grafen, der rings im Lande noch viele Schlösser besaß. Auf der Burg wohnte er nur selten; sein Vogt, ein braver, schlichter Mann, bewohnte mit den Seinen darin etliche Zimmer. Des Vogtes einziger Bube hieß Kaspar. Das war ein Bube, der immer zu hundert Dingen Lust hatte, aber nie zur Arbeit, wie das ja manchmal bei Buben vorkommen soll. Am liebsten trieb er sich im Walde herum, immer mit dem heimlichen Wunsch, einmal ein Abenteuer zu erleben. Damals gab es noch Zwerge, Wichtlein, Waldweiblein und Nixen, und der Kaspar hätte zu gern mal so ein kleines, seltsames Männlein oder Weiblein gefangen. Und einmal, es war gerade am Johannistag, lief dem Buben wirklich so ein kleiner Wichtel in den Weg, und Kaspar ergriff ihn flink und hielt ihn fest, so sehr das Männlein auch zappelte und schrie. „Was willst du denn von mir?“ rief der Wichtelmann böse, „laß mich doch gehen! Dummer Bube du, mit deinen groben Tatzen zerdrückst du mich ja!“

„Nä,“ sagte Kaspar, „los lasse ich dich nicht, erst mußt du mir was schenken. Meine Großmutter hat erzählt, die Wichtelleute wüßten Farnsamen zu finden, der unsichtbar machen soll; gib mir etwas davon.“

„Meinetwegen,“ sagte der Wichtelmann, „den sollst du haben. Heute ist Johannisnacht, da werde ich welchen für dich suchen, morgen um diese Zeit kannst du ihn dir holen. Hier auf diesem Baumstumpf wird ein silbernes Döschen liegen, darin ist Farnsamen. Aber merke wohl, wenn du einem Menschen davon erzählst, verliert der Samen seine Kraft; solange du schweigst, kannst du dich immer unsichtbar machen, wenn du das Döschen bei dir trägst. So, nun laß mich los!“

Kaspar ließ das Wichtelmännlein los; er wußte, die kleinen Waldleute hielten, was sie versprachen. Am nächsten Tage konnte er es kaum erwarten, wieder in den Wald zu kommen. Endlich war es Zeit, und er rannte so geschwind in den Wald, als hätte er mit einem Hasen einen Wettlauf verabredet. Da war die Stelle, wo er gestern den Wichtelmann gefangen hatte, da der Baumstumpf, und richtig lag das silberne Döschen darauf. Kaspar nahm es, steckte es ein und rannte nicht minder geschwind heim; er mußte doch sehen, ob er wirklich unsichtbar war. Der Vogt war mit den beiden Knechten zur Heuernte ausgezogen, die Mutter war in der Waschküche mit den Schwestern, und nur die Magd kam gerade über den Hof, als Kaspar zurückkehrte. Geschwind stellte der sich im Haus auf und dachte: Ich will sie mal erschrecken. Die Magd trug einen Korb voll Holz, und mit kräftigem Schwung schüttete sie das Holz gerade dahin, wo Kaspar stand. „Au!“ schrie der Bube, denn die dicken Buchenscheite waren ihm auf die Füße gefallen. „Na, wer schreit hier denn?“ rief die Magd und sah sich erstaunt um. Da merkte Kaspar, daß er wirklich unsichtbar war. Er rieb sich sein Knie, das ganz wund gestoßen war, und humpelte nach der Waschküche; er gedachte nun den Schwestern einen Schabernack zu spielen, von der Magd hatte er vorläufig genug. Als er die Waschküche betrat, goß seine Mutter gerade das schmutzige Waschwasser aus. Man machte das damals sehr einfach: schwapp! wurde es zur Türe hinausgeschüttet, es konnte ja dann, wenn es Lust hatte, den Burgberg hinunterlaufen. So ein voller Eimer Waschwasser traf nun gerade Kaspar; seine Mutter sah ihn ja nicht, und so bekam er das warme Seifenwasser über den Kopf. „Huhuhu!“ heulte er.

„Der Kaspar schreit draußen,“ riefen seine Schwestern und schauten hinaus, erstaunt, daß der Bruder nicht da war.

„So ein Wildfang,“ sagte die ältere, „nichts als Dummheiten hat er im Kopf. Er könnte wahrlich schon dem Vater helfen.“

„Ja, es ist schlimm mit ihm, er ist ein rechter Tunichtgut,“ erwiderte die jüngere.

Da lief Kaspar wütend fort; patschnaß war er, und gescholten wurde er auch noch, das ging ihm doch über den Spaß. Er legte sich in das Burggärtlein und schaute sich die Wolken an. Es sah ja niemand, daß er faulenzte.

Zum Abendessen kam er erst wieder. „Jetzt sollen sie einmal alle staunen,“ dachte er und nahm sich vor, sich eiligst die besten Bissen aus der Schüssel zu nehmen. Er setzte sich vergnügt auf seinen Platz. Der Vater sprach das Tischgebet und sagte dann: „Nehmt Kaspars Stuhl weg! Wer nicht zur rechten Zeit kommt, braucht nicht zu essen.“

Schweigend nahm der Knecht Hermann den Stuhl mit dem unsichtbaren Kaspar und stellte ihn in eine Ecke. „Potzwetter, ist der Stuhl schwer,“ rief er verblüfft und schüttelte ihn ordentlich, da plumpste Kaspar ziemlich unsanft herunter. Alle sahen erstaunt auf. Was war das eben gewesen?

Kaspar stand wütend auf. Er hatte sich den Arm verrenkt, dazu war er noch immer naß, sein Bein tat ihm weh, und sein Magen knurrte gewaltig. An den Tisch wagte er sich nicht mehr, obgleich er sehr hungrig war. Er schlich sich hinaus, suchte sich ein Stück Brot in der Küche, und dann dachte er patzig: „Nun werde ich Hermann zur Strafe recht ärgern!“ Er legte sich also in das Bett des Knechtes und schlief auch bald ein. So fest schlief er, daß er gar nicht hörte, als der Knecht in die Kammer kam, sich auszog und sich auch in das Bett legte. „Uff!“ stöhnte Kaspar, denn Hermann hatte sich ihm gerade auf das Bäuchlein gelegt.

Hui, fuhr der Knecht empor. „Zum Kuckuck, was ist denn das hier?“ schalt er. „Das schreit ja, und etwas liegt im Bett, und dabei seh' ich doch nichts!“ Bums, drehte er sich rechts herum, bums, links herum, er puffte und stieß, und Kaspar flog jäh in einem weiten Bogen wie ein Federball zum Bett hinaus. Er rollte an die Kammertür, die flog auf, der Bube rollte hinaus, die Treppe hinunter, und auf einmal lag er jämmerlich zerschlagen und zerbleut im Hausflur.

Oben schrie der Knecht: „Hier spukt es im Hause!“ Unten jammerten die Schwestern und die Magd, vom Hofe her tönte der Mutter Stimme: „Kaspar, Kaspar, wo bist du denn?“

Der blieb stumm, er dachte: „Wenn ich mich jetzt melde, muß ich alles erzählen, und erzählen darf ich nichts, sonst verliert der Farnsamen seine Kraft.“ Er seufzte tief, er fand es eigentlich ziemlich schwer, unsichtbar zu sein. „Es ist am besten, ich gehe in die weite Welt zu einem König. Vielleicht kann ich in eine Schatzkammer kommen und mir viel Geld holen,“ dachte er. Vorläufig kroch er in eine Scheune; dort schlief er, bis es Tag wurde, dann nahm er sich noch ein Stück Brot und wanderte ziemlich niedergeschlagen in die weite Welt hinaus.

Sehr unterhaltsam war es auf die Dauer wirklich nicht, unsichtbar zu sein, und manchmal hätte Kaspar gern sein Döschen fortgetan, aber er wagte es doch nicht, weil er dachte, es könnte ihm gestohlen werden. Am schwersten hielt es, etwas zu essen zu bekommen. Anfangs hatte Kaspar auch mal da, mal dort um ein Stück Brot gebeten, da waren die Leute immer schreiend davongelaufen, und natürlich hatte niemand daran gedacht, einem, der unsichtbar war, Brot zu geben. Dem Kaspar blieb nichts weiter übrig, als selbst in die Speisekammern der Hausfrauen zu gehen, um sich etwas zu holen. Das drückte ihn schwer. Er schämte sich recht und merkte sich immer die Häuser und dachte: „Ich zahle es später zurück!“ Einmal ging er auch in ein Bauernhaus und betrat eine Kammer, weil er meinte, dies sei wohl die Speisekammer. Er war aber in eine Waschkammer geraten, und ehe er noch wieder hinaus konnte, wurde draußen zugeschlossen, und er mußte die ganze Nacht in der Kammer sitzen; es gab nicht einmal eine Bank, auf der er sich hätte richtig ausstrecken können.

Nach etlichen Wochen gelangte der Bub schließlich doch in die Königsstadt. Am Eingang der Stadt lag ein großes Kloster, wohlverwahrt wie eine Festung. „Hier will ich mich ausruhen,“ dachte Kaspar und schlüpfte neben einem Mönch in die Klosterküche. Ein guter Bratengeruch zog ihm entgegen. Das Kloster hatte vornehmen Besuch erhalten, und der Klosterkoch wollte zum Abendessen Ehre einlegen mit seiner Kochkunst. Am Spieß steckte ein saftiger Wildbraten, und in der Pfanne schmorten junge Hähnchen. Kaspar war nicht faul, er nahm eine Gabel, fuhr in die Pfanne, nahm sich ein Hähnchen heraus und setzte sich damit in eine Ecke.

Der Koch schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als eine Gabel in seine Pfanne fuhr und ein gebratenes Hähnchen durch die Luft flog, als wäre es ein lebender Sperling. Der brave Mann erhob ein so furchtbares Geschrei, daß Kaspar gewaltige Angst bekam und am liebsten durch das Fenster gesprungen wäre. Aber das war fest vergittert, und die Tür konnte der Bube nicht erreichen. Der Koch hatte einen Rußbesen genommen, stöberte damit in allen Ecken herum und brüllte: „Hinaus mit dem Teufel, hinaus mit dem Teufel!“ Ritsch fuhr er Kaspar mit dem schwarzen Besen über das Gesicht und merkte es gar nicht. Nun drehte sich der Bube um, ritsch bekam er eins über die Jacke, und schließlich war er heilfroh, als es ihm endlich gelang, aus der Küche zu flüchten.

Draußen begegneten ihm sehr viele Mönche, die alle auf des Kochs Geschrei herbeikamen, und Kaspar flüchtete in seiner Verwirrung in die Bücherei des Klosters. Ganz still und niedergeschlagen kauerte er dort und knabberte an seinem Hühnchen herum, aber das wollte ihm trotz seines Hungers gar nicht recht schmecken. Und wieder, wie so manches Mal in den letzten Tagen, dachte der Bube sehnsüchtig: „Wäre ich doch daheim!“

Nach und nach verstummte der Lärm im Kloster, und dann ertönte das Abendgeläut fromm und feierlich. Das hörte Kaspar noch halb im Traum, dann schlief er fest in seinem Winkel ein. Er schlief bis zum nächsten Morgen, da schlich er sich leise zum Kloster hinaus, an einem Pilger vorbei, der gerade zur Rast einkehrte. Kaspar war zwar sehr hungrig, er wagte aber nirgends, in eine Küche oder Speisekammer einzudringen; noch zitterte er vor Angst, wenn er an den gestrigen Auftritt in der Klosterküche dachte. Er schlug den Weg nach dem Schloß ein, und unterwegs hörte er, daß heute ein großes Fest stattfinden sollte. Bald stand der Bube auch vor dem goldenen Schloßtor und staunte über die Pracht ringsum. Keine Wache sah ihn, niemand hinderte ihn daran, in das Schloß hineinzugehen, trotzdem war es ihm sehr beklommen zumute, und immer, wenn jemand an ihm vorbeikam, drückte er sich an die Wand. Sein Büchslein mit Farnsamen hatte er in die Hand genommen und hielt es ängstlich fest, denn er hatte eine gewaltige Angst, er könnte es verlieren. Bei dem Herumwandern im Schloß kam er auch in den großen Festsaal. Heisa, riß er da die Augen auf, denn in dem Saal blinkte es nur so von Gold. Viele Diener liefen geschäftig hin und her, sie trugen goldenes und silbernes Geschirr herbei, wundervolle Torten und große Schalen, auf denen herrliche Früchte und andere leckere Sachen lagen. Dem Kaspar lief das Wasser im Munde zusammen. Am liebsten hätte er gleich eine ganze Torte aufgegessen, aber das wagte er doch nicht. Er schlich sich vorsichtig an eine Tafel heran und wollte sich heimlich ein paar Früchte nehmen. Doch o weh, die Schale geriet ins Wanken, sie wackelte hin und her, und dann purzelte sie mit großem Gepolter um, und alle köstlichen Früchte und Bonbons kollerten auf den Fußboden. Die Diener schalten einer auf den andern, er hätte die Schale schlecht hingestellt.

Kaspar hatte sich ängstlich in eine Ecke geflüchtet. Einen einzigen Apfel hatte er aufzuheben gewagt, er hielt ihn in der Hand und dachte bedrückt: „Wenn ich ihn esse, hören sie es vielleicht.“ Wie er nun so stand und sich ängstlich im Saale umschaute, fiel sein Blick auf den goldenen Baldachin über dem Platz des Königspaares. Wenn er dort oben säße, dann würde er sicher ganz ungestört das ganze Fest mit ansehen können. Er sah sich den Baldachin an und fand, daß es gar nicht so schwer war hinaufzukommen, und während sich die Diener noch gegenseitig stritten, kletterte er geschwind hinauf. Dabei verlor er aber seinen Apfel; das dröhnte ordentlich, als der herunterfiel und durch den ganzen Saal rollte. „Hier spukt es, o Himmel, hier spukt es!“ schrie der alte Haushofmeister. „Hier ist doch kein Apfelbaum, von dem die Äpfel herunterfallen können!“

„Nein, ein Apfelbaum ist wirklich nicht hier,“ sagte der Obertellerabwischer und drehte sich wie ein Kreisel auf seinen Absätzen herum, „ich sehe keinen.“

„Seht doch nur, wie der Thronhimmel wackelt,“ schrie plötzlich der Obermesserputzer so laut, daß Kaspar beinahe von seinem hohen Sitz heruntergefallen wäre. Vor Schreck blieb er mucksstill sitzen, und als alle Diener hinaufsahen, wackelte der Baldachin nicht mehr. „Du hast geträumt, lieber Obermesserputzer,“ sagte der Obermesserbänkchenverwahrer spöttisch.

„Ich bin noch nicht so kurzsichtig wie du, der neulich einer echten Prinzessin nur ein silbernes Messerbänkchen hingelegt hat,“ höhnte der Obermesserputzer.

„Sputet euch, sputet euch!“ schrie der Haushofmeister erschrocken, „in zwei Minuten kommt der König. Geschwind, geschwind! Oh, die Schande, wenn nicht alles zu rechter Zeit fertig ist!“

Da vergaßen der Obermesserputzer und der Obermesserbänkchenverwahrer ihren Streit, und alle rannten aufgeregt durcheinander, hierhin und dahin, – nach dem Thronhimmel sah niemand mehr. Darüber war Kaspar herzlich froh. Er setzte sich behaglich zurecht, und wenn er nur etwas zu essen gehabt hätte, dann wäre ihm die ganze Sache recht gemütlich gewesen. Er staunte aber und vergaß ein Weilchen allen Hunger, als endlich der König und die Königin mit ihrem ganzen Hofstaat und vielen edlen Gästen in den Saal zogen. Potzwetter, das war eine Pracht! Der König und die Königin trugen Kronen, die funkelten wie zwei Sonnen, und es war ein solches Rauschen von Seide im Saal, ein solches Funkeln von edlen Steinen, daß dem Kaspar ordentlich Ohren und Augen weh taten. Das war doch eine andere Sache als das Erntefest daheim im Dorf! Neben dem König saß seine Tochter, eine wunderholde, liebliche Prinzessin, schön wie ein Frühlingsmorgen. An der konnte sich Kaspar gar nicht satt sehen. Ganz verwegen dachte er, die möchte ich mal heiraten; es hat doch schon mancher arme Bube später eine Prinzessin bekommen, warum soll es mir nicht gelingen? Darüber wurde er so lustig, daß er zu pfeifen begann. Unten an der Tafel sahen sich die edlen Herren und Frauen ganz erstaunt um, auch der König horchte auf. „Ist denn hier eine Amsel im Saal?“

„Nein, gewiß nicht,“ sagte der Haushofmeister und verbeugte sich ganz tief. „Ein Apfelbaum ist auch nicht im Saal, und doch ist vorhin ein Apfel durch die Luft geflogen.“

„Ei, das spukt hier wohl?“ rief der König. „Na, das wäre ja eine nette Sache, wenn es in unserm königlichen Speisesaal spuken sollte.“

Die holde Prinzessin rief kichernd: „Ach, das wäre so schön! Ich habe mir schon immer gewünscht, einmal ein Gespenst zu sehen, und heute ist mein Geburtstag. Wenn doch gleich eins käme!“

„Nun, wenn heute ein Gespenst erscheint, dann schenke ich es dir,“ sagte der König lachend, und die Prinzessin klatschte in ihre schneeweißen Händchen und jubelte: „O wie freue ich mich, o wie freue ich mich!“

„Ich heirate sie ganz gewiß, sie gefällt mir zu gut,“ dachte Kaspar und beugte sich weit vor. Nein, wie gut das roch! Er schnupperte wie ein Mäuschen, das eine Speckschwarte riecht. Ach, der Bratenduft! Er spürte wieder gewaltigen Hunger, und sein Magen knurrte so laut, daß unten die Prinzessin rief: „Es ist ein Wolf im Saal, ich höre ihn knurren!“

„Nein, eine Katze schnurrt,“ sagte ein alter Graf, der Katzen nicht leiden konnte.

„Ich glaube, es ist ein Frosch, der quakt,“ flüsterte ein Hoffräulein zimperlich, vor Fröschen graulte sie sich sehr.

Inzwischen hatten zwei Diener eine mächtige goldene Schüssel voll Kompott gebracht, die stellten sie vor die Frau Königin hin. Kompott teilte diese immer selbst aus, es wurde sonst zu viel davon gegessen.

„Ach, wie fein!“ dachte Kaspar. „Könnte ich doch mitessen!“

Das roch so köstlich wie ein großer Obstgarten und ein großer Zuckerladen dazu. Noch weiter beugte sich der Bube vor, und als die Königin dem Diener immer einen gefüllten Kompotteller nach dem andern reichte, da griff er unwillkürlich danach, und dabei rutschte ihm sein silbernes Döschen mit dem Farnsamen aus der Hand, und platsch fiel es in die goldene Kompottschüssel hinein.

Die Königin schrie laut auf: „Wo ist denn meine Schüssel hin?“

„Sie war doch eben da,“ sagte der König betroffen und setzte sich geschwind seine Brille auf. „Hm ja, liebe Frau, wo ist denn die Schüssel?“

Jeder schaute hin, niemand sah sie, denn weil nun der Farnsamen darin lag, war die Schüssel auf einmal unsichtbar geworden.

„Da oben sitzt das Gespenst, es sieht wie ein schmutziger Junge aus!“ quiekte die Prinzessin mitten in alles Verwundern und Erstaunen hinein. Erschrocken sahen alle zum Thronhimmel hinauf, – da oben saß der nun nicht mehr unsichtbare Kaspar und heulte.

„Bist du ein Gespenst?“ rief der König zürnend.

Der Bube heulte nur, er brachte vor Angst kein Wort heraus. „Holt ihn herunter!“ gebot der König, und zwei Diener kletterten geschwind hinauf und brachten den zitternden Kaspar vor den König. Der sah ihn so böse an, daß der Bube dachte: „Nun werde ich gewiß ins Gefängnis geworfen!“ Ach, es war jammervoll, und sein Büchschen lag in der Kompottschüssel, und sehen konnte er es nicht, weil ja die ganze Schüssel unsichtbar war.

„Bist du das Gespenst, das erst gepfiffen und dann geknurrt und jetzt die Kompottschüssel verzaubert hat?“ fragte der König streng. „Und warum siehst du wie ein schmutziger Straßenjunge aus und spukst am hellen Tage in meinem Schloß herum? Gespenster dürfen doch nur in der Nacht erscheinen, und außerdem sehen sie weiß aus!“

„Halten zu Gnaden, mit Äpfeln hat es auch geschmissen,“ sagte der Haushofmeister.

„Ich – ich – bin – ja kein Gespenst, ich – bin ja der Kaspar,“ schluchzte der Bube. In seiner Herzensangst und Verzweiflung begann er die Geschichte von dem Farnsamen zu erzählen.

Als er von dem Geschenk des Wichtelmannes anfing, rief die Königin erstaunt: „Jetzt ist meine Kompottschüssel wieder da!“ Da stand wirklich die Schüssel wieder breit und golden, halb gefüllt mit köstlichen Früchten auf dem Tisch – das Farnsamenbüchslein hatte seine Kraft verloren. Kaspar jammerte laut und erzählte heulend von seiner Wanderung und all seinem Ungemach.

„Hm,“ sagte der König und legte ernsthaft sein Szepter an die Nasenspitze, „eigentlich müßte ich dich jetzt aufhängen, köpfen oder mindestens in das Gefängnis stecken lassen. Du bist ja ein heilloser Bube!“

„Ach bitte, bitte, lieber, guter Herzensvater, tu das nicht,“ flehte die Prinzessin, deren Herzchen voll Mitleid war. „Du hast mir doch das Gespenst zu meinem Geburtstag geschenkt, das gepfiffen und geknurrt hat.“

„Aber mein liebes Kind, das ist doch ein Junge und kein Gespenst,“ sagte der König noch immer sehr ernst.

„Er hat aber doch gepfiffen und geknurrt,“ rief die Prinzessin, und dicke, dicke Tränen flossen über ihre Rosenwangen.

Dem König tat sein Kind leid, und weil nun doch einmal Geburtstag war, sagte er: „Na meinetwegen, entscheide du, was mit dem Buben werden soll.“

„Willst du bei mir bleiben oder nach Hause gehen?“ fragte die holdselige Prinzessin den Kaspar fröhlich.

„Heim,“ schluchzte der, „heim will ich, heim!“

„So lauf,“ rief die Prinzessin und klatschte in die Hände. Da lief der Kaspar wie gejagt zum Schloß hinaus, er fürchtete, sie köpften ihn vielleicht doch noch. Er rannte über die Straßen und Plätze, am Kloster vorbei, bis er draußen im Walde war; da fiel er um vor Müdigkeit und Hunger und schlief bums ein.

Es war eine beschwerliche Wanderung für den Buben. Um ein Stückchen Brot mußte er oftmals lange bitten, nichts bekam er als Brot und Wasser; die Schuhe hatte er sich auch schon durchgelaufen, und seine Füße wurden wund, und ganz krank und elend kam er eines Tages wieder daheim an.

Im Abendsonnenglanz sah er die Heimat vor sich liegen, und sie kam ihm viel, viel schöner vor als die weite Welt da draußen. Weil der Kaspar nun nicht mehr unsichtbar war, erblickten ihn gleich seine Schwestern. Die riefen laut über den Burghof: „Unser Kaspar ist wieder da!“

Der Bube mußte nun seine Erlebnisse erzählen, und der Vater meinte, eigentlich hätte er tüchtige Prügel verdient, er hätte aber wohl schon Strafe genug gehabt, darum sollte ihm verziehen sein. Die Mutter nahm ihren Buben in die Arme und sagte nur leise: „Ich habe so viel um dich geweint!“

Dieses Wort tat dem Kaspar weher als aller Hunger, alle Schmerzen und alle Angst, und er gelobte sich still im Herzen, den Eltern fortan ein guter Sohn zu sein. Das hat er auch gehalten. Er hat auch nie wieder in seinem Leben einen Wichtelmann gesehen und gefangen, nur manchmal, wenn er Beeren oder Reisig im Walde suchte, dann hörte er ein leises, leises Kichern; das waren die Geistlein, die ihn auslachten. Mitunter rief auch wohl neckend ein feines Stimmlein: „Willst du wieder Farnsamen? Willst du wieder unsichtbar sein?“

Dafür aber bedankte sich der Kaspar sehr, er dachte: „Einmal und nicht wieder!“