Schauspieler sind da!
„Was ist denn das?“ fragte Schnipfelbauers Fritz, als er an einem Maitag so geschwind aus der Schule herauskam, wie er nie hineinlief. Das Herauskommen war dem Fritz nämlich das Angenehmste von der ganzen Schulgeschichte. Er riß seine Augen so weit auf, als müßten durchaus ein paar Suppenteller daraus werden. Nein, diese Überraschung!
„Was ist denn das?“ riefen nun auch alle Buben und Mädel, die nach Fritz aus der Schule kamen, und es gab an diesem Tage erstaunlich viele aufgerissene Augen und offene Münder in Oberheudorf.
Es war aber auch etwas sehr, sehr Seltsames, was da auf der Dorfstraße stand. Ein großer grüner Wagen war es, der Fenster hatte mit kleinen Gardinen daran, und vor dem Wagen standen etliche Damen und Herren, richtige Städter. Die sprachen mit dem Schulzen; der sah sehr wichtig drein und sagte endlich laut und vernehmlich, er hätte nichts dagegen.
„Wie in Niederheudorf zum Vogelschießen sieht es aus,“ sagte Heine Peterle bewundernd.
Aber ach, was waren alle Wunder des Niederheudorfer Vogelschießens, was waren Karussell, Pfefferkuchen, ja selbst das Kasperletheater gegen die Herrlichkeit, die jetzt in Oberheudorf ihren Einzug hielt! Schauspieler waren gekommen, es sollte in dem großen Saal des Wirtshauses „Zur himmelblauen Ente“ Theater gespielt werden. Kaspar auf dem Berge, der Wirt, war unendlich stolz; der Herr Schauspieldirektor hatte zu ihm gesagt, so einen wundervollen Wirtshausnamen hätte er noch nie gehört, überhaupt scheine ihm das Oberheudorfer Publikum sehr viel Interesse für die Kunst zu haben.
Das war nun wahr, wenigstens die Kinder standen unentwegt und starrten das Wirtshaus an, als hätten sie es noch nie gesehen. Und wenn einer der Schauspieler nur die Nasenspitze zur Türe hinaussteckte, gleich gab es ein fürchterliches Geschrei, die Buben und Mädel stießen und drängten, als wollten sie die „himmelblaue Ente“ umreißen.
Der Schulze hatte nichts gegen das geplante Spiel, und die Dorfleute freuten sich. Sie hatten gerade genug Zeit, in das Theater zu gehen, denn die Heuernte sollte erst in der nächsten Woche beginnen. Die Kinder aber fanden es über alle Maßen wundervoll, denn der Herr Theaterdirektor hatte gesagt, das Stück, das gespielt würde, sei für Erwachsene und für Kinder. Da wurden Sparbüchsen geleert, und mancher Bube oder manches Mädel, das in der nächsten Zeit Geburtstag hatte, wünschte sich das Eintrittsgeld im voraus als Geburtstagsgeschenk. Gab das einen Lärm und ein Geschrei unter den Kindern! Hatte eins die Erlaubnis erhalten, in das Theater zu gehen, dann schrie es die Neuigkeit die ganze Dorfstraße entlang. Von allen Buben aber war keiner aufgeregter als der dicke Friede und Heine Peterle. Die beiden vergaßen zuerst gänzlich, daß sie Schularbeiten zu machen hatten, ja sie vergaßen fast Essen und Trinken darüber, sie standen und bohrten beinahe Löcher in den grünen Wagen mit ihren Blicken.
Am Freitag waren die Schauspieler in Oberheudorf eingezogen, und am Sonntag sollte gespielt werden. Als die Kinder am Samstag wieder aus der Schule kamen und natürlich alle am Wirtshaus vorbeirannten, als sei das der einzig richtige Heimweg, da kam ihnen gerade der Herr Direktor entgegen. Der blieb stehen und schaute die Kinder so forschend an, als wäre er ein Schulrat und wollte prüfen, was sie gelernt hätten. Einigen war das Ansehen unheimlich, die liefen fort, etliche aber blieben stehen, darunter natürlich der dicke Friede und Heine Peterle. Und als hätte der Herr Direktor ihre allergeheimsten Wünsche erraten, so war es, er lächelte plötzlich und fragte sehr freundlich: „Wollt ihr beide mitspielen, ja?“
Heine Peterle, der sonst eigentlich nicht auf den Mund gefallen war, brachte kein Wort heraus, der dicke Friede aber schrie aufgeregt: „Ja!“ Es klang, als wollte er das Dorf in Feuersbrunst und Wassergefahr zusammenschreien. Der Herr Direktor trat vor Schreck einige Schritte zurück. Dann aber lächelte er doch wieder und sagte: „Na, dann kommt nur mit mir, ich will euch sagen, was ihr zu tun habt.“
An diesem Nachmittag sprachen die Oberheudorfer Buben und Mädel von nichts weiter als von Heine Peterles und des dicken Friedes Theaterspiel. Wenn sich einer der beiden Buben sehen ließ, und die rannten immer mit hochroten Gesichtern und ungeheuer wichtigen Mienen vor der „himmelblauen Ente“ auf und ab, liefen hinein und kamen heraus, dann stürzten gleich ein paar Buben und Mädel auf sie zu und schrieen: „Erzählt uns doch was! Seid ihr ein König? Was zieht ihr denn an? Müßt ihr ein Gedicht sagen?“
Aber die beiden neuen Schauspieler blieben stumm und taten, als wären sie bis an den Rand vollgestopft mit Geheimnissen. Sie lächelten nur gnädig, als wäre ohne sie in Oberheudorf eine Theatervorstellung nicht möglich. Von der Wichtigkeit ihrer Mitwirkung hatten sie beide auch ihre Eltern überzeugt; die hatten erst gar nicht ja sagen wollen, besonders den Müttern war es nicht recht. „Es ist und bleibt ein Unsinn,“ sagte Heine Peterles Mutter. „Wer weiß, was dabei für eine Dummheit herauskommt.“
Aber Muhme Rese meinte: „Unser Heine Peterle wird seine Sache schon machen. Wenn der Bengel nur sagen wollte, wen er eigentlich im Spiel vorstellt.“
„Dem ist sein Mund zugeklebt vor lauter Einbildung,“ sagte Heinrich lachend.
Damit tat der Knecht dem Buben bitteres Unrecht; sie hätten alle beide himmelgern etwas erzählt, wenn sie nur gewußt hätten, was. Sie hatten bloß dreimal über die Bühne gehen müssen, dann hatte der Direktor gesagt, sie sollten sich neben den einen Stuhl stellen, und hinzugefügt: „Haltet nur das Maul und macht keine dummen Gesichter, das ist die Hauptsache.“ Der dicke Friede sagte: „Es kommt noch.“ Was, verriet er nicht, aber Heine Peterle tröstete sich auch mit dem Wort: „Es kommt noch.“ Irgend etwas Wunderbares, Herrliches mußte doch geschehen. Der dicke Friede übte sich in dieser Erwartung schon allerlei Kasperlessprünge ein, vielleicht konnte er sie gebrauchen.
Am Sonnabend abend erzählte der Wirt, der Direktor und alle Schauspieler allen, die es hören wollten, und manche hörten dreimal zu, daß Grafens auch zur Vorstellung kommen würden. Der Herr Graf Dachhausen auf Schloß Friedheim, das etwa eine Stunde vom Dorf entfernt lag, hatte dem Direktor für sich, seine Familie und seine Gäste gleich acht Billets abgekauft. Dabei hatte er gesagt, er freue sich sehr auf die Vorstellung.
Wenn Grafens kamen, durften die Oberheudorfer nicht fehlen, ja selbst von Niederheudorf kamen etliche Bauern hinauf, und der Wirt sagte stolz: „Es wird rappelvoll werden.“
Es wurde auch rappelvoll. Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung war der Saal besetzt, nur die Plätze für Grafens waren frei, und immer, wenn die Tür aufging, dachten alle: „Jetzt kommen sie!“ Endlich kamen sie auch, und der Wirt begleitete die vornehmen Gäste unter vielen Verbeugungen in den Saal hinein. Er verneigte sich rechts und verneigte sich links, und jedesmal, wenn ein Herr oder eine Dame sich setzen wollte, griff der Wirt in seiner Aufregung nach dem Stuhl, zog ihn weg und ließ den auch eine Verbeugung machen. Dabei hätte sich die Frau Gräfin beinahe auf die Erde gesetzt, im rechten Augenblick aber griff die Schnipfelbäuerin, die auf der zweiten Reihe saß, zu, und so setzte sich die Gräfin auf deren Schoß statt auf den Stuhl.
Die Gäste lachten, die Oberheudorfer lachten, zuletzt lachte der Wirt auch, obgleich er gar nicht recht wußte, warum. Er war heilfroh, als Grafens saßen, die waren es auch, und jeder im Saal dachte: „Nun kann es losgehen!“
Es war eine kleine Bühne aufgebaut worden. Ein roter Vorhang schloß den Raum gegen den Saal hin ab, und neugierig, gespannt starrten alle auf den roten Vorhang. Als der einmal ein bißchen wackelte, riefen ein paar Buben aus dem Hintergrund des Saales: „Nun geht es los!“
Es ging aber noch nicht los. Der Vorhang zitterte eine Weile, dann verhüllte er wieder ruhig die Bühne, und aus der Ecke, wo Buben und Mädel miteinander saßen, tönte ein klagendes Stimmlein: „Es dauert so lange!“
„Abwarten und dann Tee trinken,“ sagte Leberecht Sperling, der auch gekommen war, brummig. Aber da ging auch schon der Vorhang auseinander, und alles Warten hatte ein Ende. Das Stück begann.
Noch heute weiß niemand recht in Oberheudorf, was eigentlich gespielt worden ist. Auf dem Zettel, der draußen an dem Tor des Wirtshauses klebte, stand zwar „Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie von Friedrich von Schiller“. Das klang ja sehr verheißungsvoll, aber alle, die das Stück kannten, meinten, es wäre es eben nicht. Erstens war die Jungfrau kein Hirtenmädchen, sondern eine Prinzessin, dann waren die Franzosen keine Franzosen, sondern Deutsche, und dann dachten im ersten Akt alle Zuschauer, es würde vielleicht ein Lustspiel werden. Muhme Rese sagte, es würde vielleicht Genoveva gespielt, dies war nämlich das einzige Stück, das sie je gesehen hatte.
Die Hauptsache aber war, daß das Stück den Zuschauern gefiel, und das tat es. Besonders entzückt waren die Kinder; sie fanden alles wundervoll, nur waren sie enttäuscht, daß Heine Peterle und der dicke Friede nicht gleich von Anfang an auf der Bühne waren. Doch die ließen sich erst im zweiten Akt sehen. „Mit denen wird es ganz was Großartiges,“ sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies, neben der sie saß. „Nä, nä, mein Herze zittert vor Angst, wenn ich an unsern Heine Peterle denke. Wenn er's nur recht macht!“
Gemütlich war es just eben Heine Peterle nicht zumute. Der stand mit dem dicken Friede hinter der Bühne, und beide starrten ängstlich und ehrfurchtsvoll auf die Schauspieler, die hin und her gingen und so seltsam redeten. Die beiden Buben steckten in rosenroten Pagenanzügen, dazu hatten sie gelbe Mützen auf, und goldene Leuchter, die aber nur aus Blech waren, sollten sie tragen. Ganz wundervoll kamen sie sich vor. Der dicke Friede fand freilich seine Höslein, die er sonst trug, viel bequemer als die rosenroten, die waren so eng, daß er sich gar nicht zu rühren wagte. Und Heine Peterle sah auch schon krebsrot aus, so preßte und drückte ihn das Wämslein. Die Frau Direktor aber hatte beim Anziehen gesagt: „Ja, wer der Kunst dienen will, hat es nicht leicht. Für so ein Paar dicke Dorfbuben sind unsere Pagenanzüge auch freilich nicht gemacht!“
Im zweiten Akt sollten die beiden Pagen auf der Bühne erscheinen, sie sollten neben dem Königsthron stehen ganz still und feierlich, und je näher der Augenblick kam, daß sie hinausgehen sollten, desto bänglicher schlugen ihre Herzen. Heine Peterle trat schon immer von einem Bein auf das andere, und dem dicken Friede lief der Angstschweiß über das Gesicht, als stände der Bube unter einer Regenrinne.
„Ich reiß aus,“ ächzte Friede einmal, und Heine Peterle seufzte tief. Ach, so schwer hatte er sich das Theaterspielen doch nicht vorgestellt. „Wenn's doch erst vorbei wäre!“ murmelte er.
„Jetzt kommt!“ rief in ihr Seufzen, Stöhnen und heimliches Klagen hinein der Direktor und zog die Buben etwas unsanft auf die Bühne hinaus. Der Vorhang war noch geschlossen, aus dem Zuschauerraum tönte wie ein Brausen das Stimmengewirr. Friede seufzte laut, Heine Peterle leise, seufzen taten beide, und beide hörten vor Angst und Aufregung kaum, daß der Herr Direktor, der als König auf einem Thronsessel saß, sie ermahnte: „Steht still, zappelt nicht immer hin und her!“ und dann: „Donnerwetter, Jungens, macht nicht so schrecklich dumme Gesichter!“
Die Mahnung war kaum verklungen, da schrillte eine Klingel, und schnurr ging der Vorhang auf.
„Da sind sie, nä, seht doch, seht doch!“ brüllten im Zuschauerraum etliche Buben und Mädel.
„Ach wie fein!“ quiekte Annchen Amsee.
„Nä, unser Heine Peterle, da ist er, da ist er!“ schrie Muhme Rese. Sie vergaß ganz, daß so vornehme Gäste anwesend waren, stand auf und winkte mit ihrem Taschentuch. „Guten Tag, Heine Peterle, nä, was siehst du fein aus!“ Muhme Lenelies zog die Aufgeregte rechts am Rock, Heine Peterles Mutter links, und endlich setzte sich Muhme Rese, während alle im Saal laut lachten.
Heine Peterle hatte gar nichts gehört. Den Buben da oben auf der Bühne war es zumute, als wären sie auf einmal in einem fremden Lande. Wie die Schauspieler nur redeten! Ein Mann, der mit einem Schwert immer an einen Schild schlug, schrie plötzlich den Herrn Direktor so an, daß Heine Peterle vor Schreck seinen Leuchter ganz schief hielt.
„Halte das Licht doch nicht so schief,“ brummte ihn ein Ritter an, „du bekleckst mir ja mein Wams.“
Erschrocken drehte Heine Peterle sein Licht nach der andern Seite und hielt es gerade einem andern Ritter unter die Nase, der eben auch etwas sagen wollte. „Kruzitürken,“ schimpfte der, „Bengel, du brennst mich ja an!“
Schwapp, fuhr Heine Peterle wieder mit seinem Leuchter herum, und pardauz, kollerte die Wachskerze auf den Boden, löschte aus und rollte bis an die Brüstung vor.
„Heine Peterle hat sein Licht verloren!“ tönten von unten ein paar Stimmen herauf.
„Da liegt's, da liegt's!“ riefen Schnipfelbauers Fritz und Annchen Amsee eifrig.
Heine Peterle blieb ganz verdattert stehen, aber Friede sprang diensteifrig zu, rannte dem Licht nach, bückte sich und –
O Jammer und Graus! Mitten hinein in des Königs bewegliche Klage um sein Land und der Königin sanftes Trösten klang ein scharfes Reißen.
Unwillkürlich hielt der König betroffen in seiner Rede inne, und aus der Kinderecke des Zuschauerraumes gellte es: „Friede, deine Hosen sind geplatzt. Friede, Friede, nä, Friede, deine Hosen!“
In das Rufen mischte sich Lachen, von der ersten Reihe kam es, da wo die vornehmen Gäste saßen, und bald lachten alle Zuschauer, dröhnend, herzhaft, lachten so, daß die Schauspieler nicht weitersprechen konnten, weil ihre Stimmen in dem Lärm verhallten. „Zieht den Vorhang zu!“ stöhnte der Direktor auf seinem Königsthron, und schnurr verschloß der rote Vorhang die Bühne, und Friede mit den geplatzten Hosen war den lachenden Blicken entrückt.
Jemand wollte schelten, aber der Direktor sagte seufzend: „Laßt nur die Buben, sie fangen sonst noch an zu heulen, und ein paar Pagen müssen wir doch haben!“
Viel fehlte auch nicht, und Friede und Heine Peterle hätten geheult; es zuckte ihnen schon bedenklich um die Mundwinkel, und beiden war die Bühne nachgerade recht unheimlich geworden. Friede hielt krampfhaft seine Höslein zusammen, und Heine Peterle starrte hilflos auf sein Licht, das noch immer am Boden lag, und das er nicht zu holen wagte.
Was tun? Weitergespielt mußte werden, die Pagen wurden gebraucht, aber einen Pagen mit geplatzten Hosen und einen, dem sie vielleicht noch platzten, konnte man doch nicht an einem Königshofe brauchen. Die Frau Direktorin war es, die in dieser Not Rat wußte. Sie holte geschwind ein Paar grasgrüne Schärpen herbei, band jedem Buben eine um und steckte breit und voll eine Schleife über die geplatzte Naht. „Nun sieht es niemand,“ sagte sie befriedigt, „nun steht nur hübsch still und bückt euch nicht.“
Der Vorhang ging wieder auf. Steif und unbeweglich, die Leuchter kerzengerade in den Händen, so standen die beiden Pagen rechts und links vorm Königsthron und ein lautes „Ah!“ der Bewunderung ertönte ob der Pracht der grünseidenen Schärpen.
„Man sieht's gar nicht,“ flüsterte Annchen Amsee halblaut, und Waldbauers Mariandel sagte begeistert: „Nun sehen sie aber noch feiner aus!“
Der Akt ging nun ohne Zwischenfall zu Ende. Alles war sehr rührend und schön, und alle waren zufrieden. Die Zuschauer waren es und die Schauspieler, weil es eben die Zuschauer waren. Und der Wirt war zufrieden, weil er sah, wie Grafens lachten und vergnügt dreinsahen. Am allervergnügtesten aber waren die beiden Buben oben auf der Bühne, sie meinten, sie wären bei der Aufführung eben doch die Hauptsache.
Beim nächsten Akt hatten Heine Peterle und Friede dreimal über die Bühne zu rennen. „Ihr müßt sehr aufgeregt und ängstlich tun,“ hatte der Direktor zu ihnen gesagt. Und die beiden befolgten seine Worte so getreulich, daß unten im Saal Muhme Rese sehr ängstlich zu Muhme Lenelies sagte: „Was haben denn nur die beiden, sind sie denn närrisch geworden? Nä, nä, die machen noch 'ne Dummheit, und der Friede denkt auch gar nicht an seine Hosen!“
„Die haben was verloren,“ behauptete Schulzens Jakob, und seine Schwester Röse sagte ängstlich: „Sie werden noch alles umrennen!“
Aber die Buben rannten nichts um, die Hosen platzten nicht weiter, und der Direktor sagte freundlich: „Das habt ihr brav gemacht!“
Der nächste Akt sollte einen feierlichen Krönungszug bringen, und weil die Schauspielergruppe nur klein war, mußten alle immer rund um die Bühne herum, dicht an der Rampe entlang gehen und zur einen Türe hinaus- und zur andern hineinspazieren, es sollte aussehen, als ob viele, viele Menschen über die Bühne gingen. Draußen auf einem Tisch lagen allerlei Mützen und Hüte, einmal setzten sich die Schauspieler welche auf, das nächste Mal kamen sie ohne Kopfbedeckung über die Bühne. Sie taten dies, damit man denken sollte, es wären immer andere Leute. Auch Heine Peterle und Friede setzten ihre Mützen einmal ab. Als sie wieder an dem Tisch vorbei kamen, lagen aber obenauf allerlei andere Hüte. „Unsere Mützen!“ rief Friede suchend. „Schnell, schnell, nehmt ein paar andere!“ sagte ein Schauspieler hinter ihnen ungeduldig, und die Buben ergriffen rasch, was gerade dalag. Heine Peterle erwischte dabei einen großen Federhut, der ihm, als er ihn aufsetzte, fix auf die Nase rutschte.
„Seht doch den Heine Peterle an, was der für einen Hut hat!“ ertönten unten gleich wieder etliche Kinderstimmen.
Daß man seinen Hut bewunderte, schmeichelte Heine Peterle zwar sehr, aber wenn er nur etwas hätte sehen können! Der Hut war ihm über die Augen gerutscht, er wollte ihn zurückschieben, und dabei stolperte er.
„Bengel, du fällst ja hinunter,“ flüsterte ihm ein Schauspieler erschrocken zu.
Es war schon zu spät: Heine Peterles linkes Bein schwebte bereits in der Luft; der Bube war an die Rampe gekommen, er schwankte, rutschte, und fallend griff er nach einem Halt. Dabei packte er einen Ritter am Bein, der verlor auch das Gleichgewicht; auch er griff unwillkürlich nach etwas und erwischte die Schleppe einer Hofdame. Der dicke Friede wollte seinen Kameraden halten, auch er wurde mitgezogen, und mit einem wahren Donnergepolter sausten alle vier über die Rampe und plumpsten in den Zuschauerraum hinab, Grafens gerade vor die Füße.
Ein wahrer Höllenlärm erhob sich. Oben auf der Bühne stockte der Festzug, unten schrieen, heulten und lachten alle durcheinander. Der Wirt und der Schulze kamen herbei, die Gestürzten aufzurichten. Heine Peterle heulte, seine Mutter und Muhme Rese, die nicht gleich zu ihm gelangen konnten, jammerten laut. Friede ächzte und hielt krampfhaft seine Höslein fest, die nun völlig geplatzt waren, und seine Mutter stieg über zwei Stuhlreihen hinweg, um ihren Buben zu trösten.
Aus der Kinderecke kam klägliches Schreien und angstvolles Fragen. Ein paar Mädel weinten, ein paar Buben lachten, und oben auf der Bühne sagte der Direktor grimmig: „Kruzitürken nochmal, sind das ein paar dämliche Bengel!“
Und dann saß Heine Peterle auf einmal auf dem Schoß der Frau Gräfin und Friede auf dem einer andern Dame, und die beiden Damen trösteten die Buben, steckten ihnen Schokolade in den Mund und sagten, eigentlich hätten sie ihre Sache doch sehr gut gemacht.
Da versiegten die Tränen der beiden, ganz stolz und wichtig schauten sie sich um. Man saß doch nicht alle Tage auf dem Schoß einer Frau Gräfin und aß wunderfeine Schokolade. Potztausend, war das fein! Weh getan hatten sie sich nicht weiter, ein paar blaue Flecke und Schrammen rechnet ein echter Oberheudorfer Bube nicht erst, auch die Schauspieler hatten sich nichts gebrochen, und so konnte das Spiel weitergehen. Die Buben waren dazu bereit, aber der Direktor sagte, jetzt brauchte er keine Pagen mehr, sie sollten lieber unten bleiben.
So kamen denn die beiden nach einem Weilchen in ihren eigenen Sonntagshöslein in den Zuschauerraum hinab und schauten sich den Schluß des Stückes an. Ohne Unfall ging es nun zu Ende, aber Heine Peterle und Friede und Muhme Rese und noch manch andere sagten: „Die Pagen hätten bis zuletzt oben bleiben müssen, dann wäre es viel lustiger gewesen.“
Die Oberheudorfer meinen nämlich, in einem richtigen Trauerspiel müsse man herzhaft lachen können.
Noch heute aber sagen die Oberheudorfer Kinder bei jedem Theaterspiel: „Damals war es fein, als Heine Peterle und Friede mit Theater spielten!“
Die schöne Flickerin.
(Ein Märchen.)
Wenn Muhme Lenelies den Kindern, die eigentlich alle miteinander ihre Freunde und Freundinnen waren, Märchen erzählte, dann fing sie meist an: „Es war einmal ein König, eine Königin, ein Prinz, eine Prinzessin oder doch wenigstens ein Graf.“ Anders tat es Muhme Lenelies nicht. Die Kinder waren darum ganz unzufrieden, als die Muhme ihnen, als sie an einem regennassen Herbstnachmittag zum Märchenhören kamen, erzählte: „Es war einmal eine Waschfrau!“
„Das ist nicht hübsch!“ rief Annchen Amsee gleich entrüstet, und der blaue Friede sagte: „Mit 'nem König muß es anfangen!“
„Es fängt an, wie es anfängt, und wenn es eine Waschfrau ist, die zuerst kommt, dann ist es eben eine Waschfrau,“ erwiderte Muhme Lenelies freundlich. „Ihr braucht aber nicht zuzuhören. Wer gehen will, kann gehen, wer zuhören will, muß den Schnabel halten. Also wer will gehen?“
Niemand wollte das. Die Kinder fanden es wieder einmal ungeheuer gemütlich bei Muhme Lenelies. Draußen floß der Regen in wahren Gießbächen vom Himmel herunter, der Herbststurm zerrte noch die letzten rotgelben Blätter von den Bäumen und brauste dazu: „Gib her, gib her! Mußt alles geben, mußt alles geben!“ An solchen Tagen besannen sich immer etliche Oberheudorfer Buben und Mädel darauf, daß es doch eigentlich wundervoll bei Muhme Lenelies sei, und daß sie mit der alten Frau doch sehr befreundet wären. Im Sommer, wenn die langen Tage schier zu kurz für alle lustigen Freispiele waren, kehrten bei Muhme Lenelies meist nur die Kinder ein, die sich zufällig mal irgend etwas zerrissen hatten; die gute Muhme heilte geschwind die Schäden und nahm es nicht weiter übel, wenn Buben oder Mädel das Wiederkommen nachher ein Weilchen vergaßen. Sie kannte ihre Freunde schon, sie wußte, daß Sturm und Regen und dunkle Wintertage sie ihr wieder zuführten. Muhme Lenelies konnte so viele Märchen erzählen, daß selbst der Herr Lehrer ihr manchmal zuhörte und dann sagte, Muhme Lenelies sei eigentlich eine Dichterin.
Von allen Kindern aber hörte der alten Frau niemand lieber zu als ihr Pflegesohn Traumfriede. Der lauschte auch an sonnenhellen Sommertagen gern allein, was seine gute Pflegemutter ihm erzählte. Er war es auch, der an diesem Nachmittag, an dem Muhme Lenelies die Geschichte von der Waschfrau begann, nochmals ärgerlich rief: „Ja, geht doch, wenn ihr nicht zuhören wollt!“
Es ging aber auch jetzt niemand, alle saßen mäuschenstill, und so begann Muhme Lenelies wieder: „Es war einmal eine Waschfrau. Sie war arm, wie es Waschfrauen oft sind, aber sie war zufrieden und froh, was selbst Königinnen nicht immer sind. Freilich mußte sie von früh bis abends arbeiten, denn sie hatte vier Kinder zu ernähren, ein Mädel und drei Buben. Liebelinde, die Tochter, schaffte fleißig in der Wirtschaft, versorgte die drei kleinen Brüder und half der Mutter, soviel sie konnte. Es war eine fleißige, fröhliche kleine Familie, die da am äußersten Stadtende wohnte. Die drei Buben waren, wie kleine Buben eben sind, oft recht wild und übermütig, und der Tag, an dem einer nicht mit einem Riß im Höslein oder in der Jacke heimkam, war noch nicht dagewesen.“
„Seht ihr, wie ihr seid,“ sagte Schulzens Röse ein bißchen wichtig und guckte die Buben ordentlich strafend an.
Die taten, als hätten sie das gar nicht gehört. Nur Heine Peterle brummte: „Mädel müssen immer dreinreden!“
Muhme Lenelies achtete nicht auf die Zwischenreden, sondern fuhr fort: „Liebelinde stopfte immer alle Risse bereitwillig zu, und weil sie nicht wollte, daß ihre Brüder unordentlich aussehen sollten, gab sie sich immer besondere Mühe, und manchmal sagte die Mutter: ‚Ei, wenn nur alle Mädel so gut flicken könnten wie du!‘
Über Land und Stadt herrschte ein mächtiger König. Der hatte drei Söhne, die alle drei gut und brav waren und ihren Eltern viel Freude bereiteten. Bei der Geburt der Söhne war, wie das früher manchmal vorkam, schnurstracks eine böse Fee gekommen und hatte die armen Prinzlein verwünscht. Aber so geschwind wie hinter einem rechten Gewitter manchmal der Sonnenschein kommt, war gleich eine gute Fee erschienen, die hatte der Königin für jeden Sohn zwölf wunderfeine Hemden aus goldgelber Seide geschenkt, die sollten die Prinzlein immer tragen: so lange würden sie gesund und glücklich sein, und alle Zaubersprüche der bösen Fee könnten ihnen nichts anhaben. Die Königin tat wie die Fee ihr geraten hatte, und seitdem trugen die Prinzlein immer die Hemden von goldgelber Seide.“
„Das ist fein, das möchte ich auch,“ zwitscherte Annchen Amsee dazwischen.
„Wenn du mal eine Prinzessin bist, kannst du es ja tun,“ spottete Anton Friedlich.
„Seid doch still, sonst erzähle ich nicht weiter,“ rief Muhme Lenelies. Da waren alle gleich wieder ganz still, und Annchen Amsee hielt sich den Mund zu, damit nur ja kein vorwitziges Wörtlein entschlüpfte. Die Muhme aber erzählte: „Weil nun die Königin wußte, daß Glück und Gesundheit ihrer Kinder von den Hemden abhingen und Hemden, selbst wenn sie von Seide sind und von einer Fee stammen, doch manchmal reißen, gab sie selbst jedesmal der Wäscherin die Hemdlein und nahm sie ihr auch wieder ab und sah sie sorgfältig durch, ob auch kein Riß darin wäre. Du lieber Himmel, zwölf Hemden, wenn sie ein ganzes Leben halten sollen, sind wirklich nicht viel, zumal für einen Prinzen.“
„Das ist wahr,“ sagte Waldbauers Mariandel bedächtig, „meine Mutter hat –.“ Heine Peterle legte ihr geschwind seine kleine, braune Hand vor den Mund, so kräftig, daß Mariandel beinahe mitsamt ihrem Schemelchen umgefallen wäre.
„Nein, zwölf Hemden sind wirklich nicht viel für das ganze Leben,“ fuhr Muhme Lenelies fort, „da hieß es eben achtsam sein, und als die drei Prinzen Karlemann, Hannemann und Friedemann noch drei kleine Männlein waren, da sagten sie mitunter ganz kläglich: ‚Ach, wir möchten lieber ohne Hemden gehen. Es ist so langweilig, daß wir uns immer in acht nehmen müssen.‘ Einmal zog auch Prinz Karlemann sein Hemdlein heimlich aus, flugs bekam er einen Schnupfen, und die Frau Königin sagte: ‚Siehst du, wie recht die gute Fee hatte? Nun bist du ohne dein goldgelbseidenes Hemd gleich krank geworden.‘
Auch Prinz Hannemann zog einmal heimlich sein Hemdlein aus, und an diesem Tage schüttete er einer fremden Fürstin, die zu Besuch da war, Himbeersauce auf ihr himmelblaues Atlaskleid. Er bekam dafür zur Strafe einen Katzenkopf und keinen Nachtisch, und alles kam nur davon, daß er das goldgelbseidene Hemdlein nicht trug.
Als die Prinzen erwachsen und mutige, kühne Jünglinge geworden waren, zogen sie nacheinander in die Welt hinaus; sie sollten einmal sehen, wie es wo anders ist, und sollten sich dabei gleich eine schöne Prinzessin zur Gemahlin aussuchen. ‚Sie muß aber sehr gut stopfen können,‘ sagte allemal die Frau Königin, ‚denn wißt ihr, mit euren Hemden ist das so eine Sache, wer weiß, ob sie halten!‘
Prinz Karlemann kam heim und brachte eine wunderschöne Frau mit. Es war die reiche Prinzessin Gerlinde, die konnte singen, Klavier spielen, reiten und tanzen, aber stopfen, nein, stopfen konnte sie nicht. Als die alte Königin es einmal von ihr verlangte, da lachte sie und rief: ‚Aber Frau Mutter, eine Prinzessin braucht doch nicht zu stopfen.‘
Die Königin seufzte und dachte, vielleicht bringt mein Sohn Hannemann eine Frau heim, die stopfen kann. Prinz Hannemann brachte die wunderschöne Prinzessin Theolinde als Gemahlin mit. Die konnte malen, Schlittschuh laufen und noch besser tanzen als Gerlinde, aber stopfen, nein, stopfen konnte sie nicht. Sie wollte sich halbtot lachen, als es die Königin von ihr verlangte. Die seufzte sehr und dachte sorgenvoll: ‚Vielleicht bringt mein Sohn Friedemann die rechte Frau mit.‘
Aber Prinz Friedemann kam eines Tages lustig und guter Dinge heim. Er brachte einen Papagei, einen Affen, ein Nashorn, ein Kamel, ein Känguruh, prächtige Kleider für seine Mutter und noch viele andere schöne Dinge mit, eine Frau aber hatte er vergessen. Er war sehr betrübt, als ihn seine Eltern ausschalten, und sagte: ‚Oh, Frau Mutter, ich mußte nur immer und immer an Euch denken, und darüber hat mir keine andere Frau gefallen.‘ Die Königin strich ihrem Sohn über das dunkle Lockenhaar und sagte gütig: ‚Ja, mein Prinzlein, das ist nun nicht anders, eine Frau mußt du haben, und eine muß es sein, die stopfen kann, eher werde ich nicht ruhig sein. Vielleicht ist es ganz gut, daß du keine Prinzessin genommen hast, die sind heute gar zu verwöhnt; wir wollen es einmal mit einer Grafentochter versuchen.‘
Dem Prinzen war das sehr recht. Er dachte, wie es meine Mutter macht, wird es schon richtig sein. Er sorgte sich nun nicht weiter um die Sache, die Königin aber gab mit ihren beiden Schwiegertöchtern zusammen einen großen Kaffee und lud sämtliche Grafentöchter des Landes dazu ein. Während sie nun alle saßen und Kaffee tranken und Kuchen aßen, mußten sie erzählen, was sie alles konnten. Oh, sie konnten sehr viel, ungeheuer viel sogar. Sie konnten malen, singen, Laute spielen, reiten, jagen, schwimmen, tanzen, turnen, sie konnten gelehrte und ungelehrte Bücher lesen und schreiben, konnten alle Sprachen der Welt, eine konnte sämtliche Länder, Städte, Flüsse und Gebirge der Erde wie das Abc hersagen, schnurr ging das wie ein Spinnrad; eine wußte, wieviel Edelsteine jeder König der Welt in seiner Krone hatte; eine andere sagte immer ein Gedicht nach dem andern auf und erzählte, sie könnte tausend Tage ununterbrochen Gedichte sagen und wüßte immer noch neue. Bei dieser sagte Prinz Friedemann gleich: ‚Die will ich nicht, nein, die will ich bestimmt nicht.‘ Eine andere wieder verstand alle Vogelstimmen nachzuahmen und sagte, jetzt wäre sie dabei, die Säugetiere zu studieren, wie ein Esel könnte sie schon schreien. Wirklich, die Grafentöchter waren sehr gebildet. Als die Königin aber fragte, ob sie auch stopfen könnten, da fingen sie alle an zu lachen, verneigten sich sehr ehrerbietig und sagten: ‚Euer Majestät machen sehr gute Witze! Stopfen, eine Grafentochter stopfen! Hihihi, hahaha, das ist zu drollig!‘
Die Königin wurde sehr böse, schalt die Grafentöchter, und die gingen sehr gekränkt und betrübt heim. Den Prinzen hätte nun schon jede gern geheiratet, aber stopfen lernen, nein, stopfen lernen, das wollten sie doch nicht.
Unter den Hausmädchen im Königsschloß nun war eine, die war boshaft und zanksüchtig. Mit allen andern Mägden hatte sie Streit, und wenn sie jemand etwas zuleide tun konnte, so tat sie es mehr als gern. Just an dem Tage, an dem alle Grafentöchter zum Kaffee im Schloß waren, hatte sie von der Frau Oberküchenmeisterin Schelte bekommen, weil sie von der allerschönsten Torte die Früchte abgegessen hatte. Darüber war sie so wütend, daß sie geschwind ihre Sachen packte und davonlaufen wollte. Vorher freilich gedachte sie allen noch etwas recht Böses anzutun. Sie schlich sich in die Wäschekammer und fand dort den Schrank offen, in dem die goldgelbseidenen Hemden der Prinzen lagen. Da nahm die böse Magd geschwind eine Schere und schnitt eins, zwei, drei lauter Löcher in die Hemden, ritsch, ratsch ging das, und sie hätte die Hemden gewiß ganz und gar zerschnitten, wenn sie nicht die Stimme der Frau Oberwäschebesorgerin gehört hätte. Da riß die böse Magd eilig aus, nahm ihre Sachen, lief zum Schloß hinaus und wanderte in die weite Welt hinein.
Noch an diesem Abend aber wurden die zerschnittenen Hemden entdeckt, und ein großes Wehklagen erhob sich. Die Königin sandte verzweifelt nach der guten Fee, und die kam auch sehr geschwind herbei, aber ach, helfen konnte sie nicht. Und wenn gute Feen nicht helfen können, ist das sehr betrüblich, denn natürlich wollen sie doch allen Menschen etwas Liebes antun. ‚O weh, o weh,‘ klagte die schöne, gute Fee, ‚das ist wirklich ein rechtes Unglück. Die Hemden kann ich nicht ersetzen, und wenn sie zerrissen sind, nützen sie auch nichts gegen all die bösen Verwünschungen. Sie müssen so geflickt sein, daß man den Schaden kaum sieht. Sucht eiligst die geschickteste Flickerin im Land und laßt sie die Hemden flicken. Freilich,‘ setzte die gute Fee traurig hinzu, ‚ich weiß schon, eine rechte Flickerin wird jetzt schwer zu finden sein. Ach, es ist wirklich ein großes, großes Unglück!‘
Der König und die Königin, Prinzen und Prinzessinnen, ja der ganze Hof waren unendlich betrübt. Noch hatte ja jeder Prinz ein unzerrissenes Hemd an, aber wehe, wenn das kaput ging. Gerlinde und Theolinde fingen gleich an, sich im Stopfen zu üben, aber das ging gar nicht, es wurde fürchterlich, man sah es schon von großer Weite, daß da ein Riß geflickt war, und die Fee sagte immer wieder, man dürfe es nicht sehen.
Die Fee verließ sehr traurig das Schloß und ging zurück in ihren Wunderwald. Ganz langsam ging sie durch die Straßen der Stadt, niemand achtete auf sie, niemand wußte, daß die Frau in dem grauen Mantel eine gute, mächtige Fee war. Ein Mägdlein ging vorüber und dachte: ‚Wenn ich eine Fee wüßte, dann ging ich zu ihr und würde sie sehr bitten, mir ein wunderfeines Ballkleid zu schenken.‘ Dabei streckte das Fräulein die Nase in die Luft und rannte die gute Fee beinahe um. Ebenso erging es einem jungen Mann, der auch das Herz voller Wünsche hatte, ihm mußte die Fee sogar noch ausweichen. ‚Die Menschen sind doch manchmal zu ungeschickt,‘ sagte sie ordentlich ärgerlich, und just in diesem Augenblicke purzelte vor ihr ein Bübchen mit seinem Schulranzen hin. Er hatte mit einem andern Buben Kriegsspiel gespielt, aber nun standen alle beide, Freund und Feind, etwas verdattert da, und der Hingefallene heulte laut: ‚Meine Jacke, meine Jacke! Wenn ich nach Hause komme, kriege ich Haue. Huhuhuhu!‘
‚Ach, heule doch nicht,‘ sagte der andere, ‚komm rasch mit, meine Schwester flickt dir geschwind deine Jacke. Sie kann es so gut, daß man nichts mehr von dem Loch sieht. Komm nur, sie tut es schon, sie ist sehr gut.‘
Nun hätte die Fee dem Bübchen schon schnell eine neue Jacke schenken können, denn so etwas ist für eine Fee natürlich nicht schwer, sie tat es aber nicht, sondern folgte eiligst den Buben, die beide bis an das Stadttor gingen dorthin, wo die Waschfrau mit ihren vier Kindern wohnte. Liebelinde saß vor dem Haus unterm Fliederbaum; sie nannten es das Gärtchen, obgleich es nur den einzigen Busch gab. Sie nähte und sang dabei vergnügt ein Liedchen.
„Eile, Nadel, hin und her
Ganz geschwind, doch nicht zu sehr,
Fädchen darf nicht reißen.
Hei, das geht ja wie im Nu,
Löchlein schau, du bist schon zu,
Höslein ist nun heil!“
Als die Buben ankamen und ihr ihre Not klagten, lachte sie und rief: ‚Komm her, du Schelm! Ach du lieber Himmel, ich wollte, ich hätte für jeden Riß, den ich in Bubenhosen und -Jacken schon gestopft habe, ein Goldstück, ei, da sollte es unserer Mutter gut gehen.‘ Dabei nahm sie rasch Nadel und Faden und begann das Jäcklein zu stopfen; es ging wie ein Mühlrädchen. Die Fee war näher getreten, tat, als sei sie eine müde Wanderin, fragte dies, fragte das, und Liebelinde gab ihr bereitwillig Auskunft. Sie erzählte heiter und zufrieden von ihrem stillen, ärmlichen Leben, und dabei hatte sie im Umsehen den Riß zugestopft, kein Linschen war mehr zu sehen. Der Bube zog vergnügt sein Jäcklein an, vergaß auch seinen Dank nicht und lief dann so schnell nach Hause, als sei er Sturmwinds Lehrjunge.
Die Fee nahm ein goldenes Ringlein und sagte zu Liebelinde: ‚Mädchen, oben auf dem Schlosse braucht die Frau Königin eine gute Flickerin; ich sollte meinen, du wärst die Rechte. Geh nur hinauf, gib das Ringlein ab und sag', Gutenberga schicke dich, dann wird dich die Frau Königin schon vorlassen.‘
‚Liebe Frau, aber liebe Frau,‘ rief Liebelinde erschrocken, ‚was denkt Ihr Euch? Ich, einer Waschfrau Tochter, sollte so ohne weiteres auf das Schloß gehen? Nicht den Mund könnte ich aufmachen vor lauter Verlegenheit, und meine liebe Mutter würde sicher denken, ich sei närrisch geworden.‘
Die Fee aber redete zu, eine Nachbarin kam herbei, und als sie alles hörte, redete sie mit zu, sie versprach auch, auf Haus und Buben zu achten. So schlüpfte denn Liebelinde in ihr Sonntagsröcklein, nahm Abschied von den Brüdern, der Nachbarin, dem Häuschen und der Katze, als ginge sie auf Nimmerwiedersehen davon, und lief ins Schloß hinauf. Oben wollte man sie erst gar nicht vorlassen. Erst rümpfte der Torwart die Nase, dann der Diener, die Mägde, die Hofdamen, und wer sonst noch herumlief. Liebelinde dachte gerade, dies sei wohl Hofsitte, und begann auch ihr feines Näslein zu rümpfen, als die beiden Prinzessinnen Gerlinde und Theolinde vorbeikamen. Sie sahen schrecklich traurig aus, denn sie hatten es wieder vergeblich versucht zu stopfen und hatten doch kein Loch zubekommen.
‚Ei, die sehen gut aus,‘ dachte Liebelinde, machte einen Knicks und richtete ihren Auftrag aus.
‚Sie kann stopfen,‘ schrie Gerlinde, und Theolinde fiel Liebelinde gleich um den Hals und jubelte: ‚Sie kann stopfen, sie kann stopfen!‘
‚Na nu,‘ dachte die kleine Waschfrauentochter, ‚das ist doch nicht so etwas Absonderliches.‘ Sie ließ sich zur Königin führen, gab ihren Ring ab, und die Königin beschloß gleich, die Probe zu machen. Sie ließ eins der zerschnittenen goldgelbseidenen Hemden holen, dazu Seide und die allerfeinsten goldenen Nähnadeln und fragte Liebelinde, ob sie das wohl stopfen könne. ‚Ei freilich,‘ rief diese, nahm eine Nadel und zog sich kurz entschlossen eins ihr goldblonden Haare aus, denn die waren feiner als die allerfeinste Seide und schimmerten gerade so wie die Wunderhemdlein. Mit ihrem Haar stopfte Liebelinde, und es ging so schnell, daß die Nadel rascher hin und her flog als ein Bienchen am Sommertag. Nach einem Weilchen rief Liebelinde: ‚So, ein Loch ist gestopft. Freilich, zu dem ganzen Hemd werde ich schon etliche Tage brauchen!‘
Die Königin sah auf den Riß und fragte: ‚Wo ist er denn?‘ Das fragten auch die Prinzessinnen und alle Hofdamen, die zugesehen hatten, und alle staunten und verwunderten sich und sagten, so etwas hätten sie noch nie gesehen.
Liebelinde wurde nun sehr feierlich zur Geheimen Oberhofstopfmeisterin ernannt. Sie sollte auf dem Schloß wohnen bleiben, und ihre Mutter und Brüder durften auch hinaufziehen; mitten im Schloßgarten bekamen sie alle ein wunderfeines kleines Haus zum Wohnen. Freilich war es Tag und Nacht von Wachen umstanden, damit nicht etwa eines der kostbaren Hemden geraubt würde. Als Liebelinde alle Hemden sah, die sie stopfen sollte, seufzte sie ein wenig, dann nahm sie eine Schere und schnitt sich ritsch, ratsch ihre beiden blonden Zöpfe ab. ‚Ich muß doch ordentliches Stopfgarn haben,‘ sagte sie.
Sechs Monate lang stopfte Liebelinde, dann waren alle Hemden heil, niemand sah auch nur einen kleinen Fehler daran. Inzwischen waren Liebelinde lauter goldblonde Ringellocken gewachsen, und sie sah so wunderlieblich aus, daß alle vornehmen Hofherren, die noch keine Frau hatten, sie heiraten wollten.
Prinz Friedemann aber lachte alle aus, denn er bekam die Braut. Die alte Königin wollte eben durchaus eine Schwiegertochter haben, die stopfen konnte. Und sie lebten alle glücklich und zufrieden miteinander. Die goldgelbseidenen Hemden hielten bis an der Prinzen Lebensende. Die böse Fee, die die Prinzen verwünscht hatte, ärgerte sich darüber so, daß sie vor lauter Wut das Verwünschen aufgab.“
„Na, und die böse Magd?“ fragte Schulzens Jakob, als Muhme Lenelies schwieg, neugierig.
„Ach so,“ sagte die Muhme, „die hätte ich beinahe vergessen, und der ging es doch sehr, sehr schlecht. Sie wurde gefangen genommen, in einen Turm gesteckt, und dort mußte sie sitzen und ungeschickten Mägdlein das Stopfen beibringen. Erst wenn eine es einmal so gut könnte wie Prinzessin Liebelinde, dann sollte die Magd frei werden. Sie hat aber beinahe hundert Jahre in ihrem Turm gesessen und ist dann gestorben, und kein Mägdlein hat das Stopfen so gut gelernt wie Liebelinde. So, nun ist die Geschichte zu Ende, und nun geht geschwind nach Hause, ich glaube, es ist gleich Abendbrotzeit.“