Das besinnliche Trinchen.

Wenn mitten unter lustigen Geschichten eine ernsthafte steht, so ist das so, als wenn sich zwischen lauter sonnige Frühlingstage ein grauer Regentag schiebt. Den lieben langen Tag will es dann nicht hell werden, und alle Freude scheint auf einmal verschwunden, bis sich, vielleicht gegen Abend, der Himmel aufhellt und zarte Rosenwölkchen zeigen, daß sicherlich am andern Tag die Sonne wieder herauskommen wird.

Unter all den fröhlichen Oberheudorfer Buben und Mädeln ging des Wassermüllers Trinchen immer still und traurig einher. Immer saß es ein wenig abseits, immer ging es allein von der Schule heim, und wenn die andern spielten, dann sah das Trinchen von ferne zu. Die andern Kinder nannten Trinchen darum „hochmütig“, denn Trinchens Vater war ein reicher Mann, und sie meinten nicht anders, als das Trinchen sei eingebildet darauf. Schuster Pechdraht aber meinte, Trinchen besänne sich immer zu lange auf eine Antwort, bis dann die Zeit, eine zu geben, vorüber sei, und er nannte die Kleine manchmal scherzend „das besinnliche Trinchen“. Der Name blieb dem Kinde, und bald wurde die Kleine im ganzen Dorf so genannt.

Das besinnliche Trinchen aber war nun ganz und gar nicht hochmütig, sondern im Gegenteil ein furchtbar schüchternes kleines Mädchen. Es war so ängstlich und zaghaft, daß es kaum zu sprechen wagte, und wenn jemand unversehens ein strenges Wort zu ihm sagte, war das Mädchen tief unglücklich. Nur aus Schüchternheit hielt sich Trinchen von den Gespielen fern. Ganz einfach hinzugehen und zu sagen: „Ich will mitspielen!“ das hätte die Kleine gar nicht fertiggebracht. Aus Schüchternheit wagte sie auch in der Schule nicht ordentlich zu antworten, obgleich sie die meisten Fragen hätte beantworten können und manchmal mehr wußte als die, die stolz mit ihrer Klugheit prahlten. Hatte Trinchen aber einmal etwas unrichtig gemacht und bekam darum Schelte, dann verlor sie alle Fassung und konnte überhaupt nicht antworten. Sie wurde dann „trotzig und verstockt“ genannt, und der Lehrer, der eigentlich sehr gütig war, bestrafte wohl aus diesem Grunde Trinchen besonders streng. Obendrein wurde sie auch noch von ihren Mitschülern ausgelacht, wenn sie so stumm und bleich dastand und kein Wörtchen sagen konnte.

Daheim im Elternhaus ging es dem besinnlichen Trinchen nicht besser. Des Kindes Mutter war früh gestorben, und als Trinchen sechs Jahre alt war, kam eine Stiefmutter ins Haus. Die alte Male, die schon bei Trinchens Mutter Kindsmagd gewesen war und nach dem Tode der Frau in der Mühle die Wirtschaft führte, sah scheel auf die neue Hausfrau. Sie erzählte in ihrem Ärger dem Trinchen lauter schreckliche Geschichten von bösen Stiefmüttern, die alle gar nicht wahr waren, und jagte dadurch der schüchternen Kleinen eine heillose Angst ein. Die neue Mutter war eine gütige, fröhliche Frau, die ihrem Stiefkinde ein Herz voll Liebe entgegenbrachte. Aber Trinchen in ihrer Schüchternheit, zu der noch die Angst vor der Stiefmutter kam, blieb dieser gegenüber so fremd und befangen, daß sie immer wie ein scheues Mäuslein im Hause herumhuschte.

Am unglücklichsten über diese Schüchternheit war das besinnliche Trinchen selbst. Niemand ahnte, wie tieftraurig die Kleine oft war, wie schrecklich einsam sie sich oft fühlte, denn sie hatte ein zärtliches, liebebedürftiges kleines Herz. In aller Stille hing sie zum Beispiel mit inniger Liebe an ihrer Stiefmutter, aber es dieser zu zeigen wagte sie nicht. Auch den Herrn Lehrer liebte Trinchen schwärmerisch, aber wenn die andern Kinder zutraulich zu ihm liefen und ihm von ihren Freuden und Leiden erzählten, da stand die Kleine abseits. Wie gern hätte Trinchen eine Freundin gehabt und hätte einmal vergnügt mit den andern gelacht oder wäre mit zu Muhme Lenelis gelaufen.

Manchmal, wenn sie einsam an einem verborgenen Plätzchen, etwa unter einer Trauerweide am Mühlbach, saß, da nahm sie sich vor, so zu sein wie die andern Kinder. Sie schwatzte lauter lustige Sachen vor sich hin, und wenn sie am nächsten Tag in die Schule kam, da war sie so still und scheu wie immer, da war sie wie eine jener Blumen, die ihren Kelch geschwind schließen, wenn eine Menschenhand sie berührt.

In der Oberheudorfer Schule saßen die Kinder alle in einer Klasse, die Kleinen unten und die Großen oben. Es gab aber außer dem eigentlichen Schulzimmer noch ein zweites, in dem hatten die Mädchen bei der Frau des Lehrers Handarbeitsstunde, oder diejenigen, die schreiben mußten, während die andern lasen, saßen darin. In diesem zweiten Schulzimmer stand ein großer Schrank, in dem Bücher, Landkarten, Kreide, Tinte und dergleichen aufbewahrt wurden. In dem Schrank stand auch eine kleine Sparbüchse. Wenn ein Kind Geburtstag hatte oder sonst ein besonders freudiger Tag war, dann erbat es sich daheim von seinen Eltern einige Pfennige, die in die Sparkasse getan wurden. In Niederheudorf war ein Armenhaus, in dem auch einige Oberheudorfer Arme wohnten, denen wurden zu Weihnachten dann von dem ersparten Geld kleine Geschenke gemacht.

An einem Herbsttag wanderte das besinnliche Trinchen noch zaghafter als sonst zur Schule. Es hatte nämlich einen Plan, von dessen Ausführung ihr schon seit Wochen bangte, und doch war sie glückselig bei dem Gedanken, ihr Plan könnte ihr gelingen.

Vor einiger Zeit hatte sie von einer Tante, die in der Stadt wohnte, einen hübschen Kasten mit allerlei kleinen, niedlichen Handarbeiten bekommen, ein Geschenk, das ihr viel Freude bereitet hatte, wenn von der Freude auch niemand etwas merkte. Unter den Arbeiten war auch ein zierliches, kleines Federkästchen gewesen, und in einer Stunde, in der das besinnliche Trinchen in aller Heimlichkeit lustig und unternehmend gewesen war, hatte es sich vorgenommen, das Kästchen dem Herrn Lehrer zu schenken. Acht Tage lang trug sie das ganz sauber gestickte Kästchen in ihrem Ranzen in die Schule, und jedesmal brachte sie es wieder heim: sie hatte es nicht gewagt, ihre Arbeit dem Herrn Lehrer zu geben. Schließlich nahm sie sich vor, sie wolle es ihm heimlich auf das Pult stellen, vielleicht würde er es gar nicht merken, daß die Gabe von ihr kam.

Der Schultag verlief wie alle Schultage. Einige Kinder hatten gut gelernt, einige weniger gut. Trinchen, deren Gedanken viel bei ihrem Kästchen waren, wußte einige ganz einfache Fragen nicht zu beantworten. Die andern Kinder lachten, und der Lehrer schalt und sagte die Antwort, die Trinchen wiederholen sollte. Die Kleine war durch Lachen und Schelte so verschüchtert, daß sie trotz aller Mühe, die sie sich gab, kein Wort herausbrachte.

„Du bist ein trotziges Kind,“ sagte der Herr Lehrer ärgerlich. „Nachher, wenn ich die neuen Bilder zeige, die ich gestern bekommen habe, gehst du in die andere Stube und schreibst die Antwort zehnmal auf.“

Trinchen stiegen die Tränen in die Augen, und zu allem Unheil machte sie in ihr neues Heft noch einen dicken Klecks. Tief unglücklich saß sie zusammengekauert wie ein kranker kleiner Spatz da, und als gegen Ende der Schule der Herr Lehrer die Bilder herausholte und alle Kinder vergnügte Gesichter bekamen, schlich sie traurig in das Nebenzimmer.

Da saß sie denn und schrieb, und es sah aus, als hätten Krähen rechtsum, linksum auf dem Heft getanzt, denn so schwere Tränen saßen ihr in den Augen, daß sie kaum etwas sehen konnte.

Natürlich bekam sie auch wieder Schelte wegen der Schreiberei, und der Herr Lehrer sagte, sie müsse am Sonnabend nachmittags in die Strafstunde kommen. Das war eine schreckliche Schande! Trinchen meinte, sie müsse in den Boden sinken vor Scham.

Das Schlußgebet war gesprochen, und schon wollten alle heimgehen, als Schmieds Grete wichtig hervortrat und einen Groschen brachte, der für die Sparbüchse bestimmt war. Ihre Mutter hatte Geburtstag, da hatte sie ihr den Groschen gegeben. Das war ein Ereignis! Heine Peterle und der blaue Friede stürzten gleich in das andere Zimmer, um die Büchse zu holen, und kamen gleich darauf wieder mit dem Jammerruf: „Die Büchse ist nicht da!“

„Ach Unsinn,“ sagte der Herr Lehrer, „ich habe sie heute früh selbst gesehen; es wird etwas davorstehen. Ruhe, Kinder, rennt nicht so, nur drei dürfen nachsehen!“

Nach einigen Minuten kamen die drei Boten wieder und riefen klagend: „Sie ist nicht da!“

„Ich will selbst nachsehen,“ sagte der Herr Lehrer, „bleibt alle an euren Plätzen!“ Er ging, und nach wenigen Minuten kehrte er mit tiefernstem Gesicht zurück. „Die Büchse ist nicht da. Wer von euch war heute im Nebenzimmer?“

Einige meldeten sich, und Anton Friedlich sagte, er habe bestimmt die Büchse gesehen.

„Hat der Schrank offen gestanden, als ihr nachgesehen habt?“ fragte der Lehrer Heine Peterle und den blauen Friede.

„Ja, weit offen,“ riefen beide.

„Wer hat ihn offen gelassen?“

„Ich nicht!“ – „Ich nicht!“ schrien die Kinder, nur das besinnliche Trinchen saß stumm und teilnahmslos auf seinem Platze.

„Einmal hat's drin gerappelt!“ rief Anton Friedlich, der sich doch nicht ganz klar war, ob er nicht den Schrank offen gelassen hatte.

„Ich hab's auch gehört!“ – „Ich auch!“ riefen einige andere. „Es ist jemand drin gewesen!“

Der Herr Lehrer rief seine Frau, die allein noch von ihrer Wohnung aus das Zimmer betreten konnte, und die Frau Lehrerin sagte, sie sei darin gewesen; ob aber der Schrank offen gestanden habe, darauf konnte sie sich nicht besinnen.

„Müllers Trinchen ist zuletzt in der Stube gewesen,“ rief Schnipfelbauers Fritz auf einmal, und aller Augen richteten sich auf Trinchen, die blutrot wurde.

„Hast du gesehen, ob der Schrank offen war?“ fragte der Lehrer die zitternde Kleine.

Trinchen schwieg verwirrt und wagte nicht aufzusehen. Es wurde mäuschenstill in der Klasse.

„Trinchen, komm einmal mit deinem Ranzen zu mir,“ sagte der Lehrer ernst, aber nicht unfreundlich.

Der Gedanke an das Kästchen durchzuckte Trinchen. „Wenn der Herr Lehrer das findet und danach fragt!“ dachte sie angstvoll, und unbeweglich blieb sie auf ihrem Platze.

„Trinchen,“ sagte der Herr Lehrer strenger, „du kommst sofort her!“

Trinchens Füße wurden bleischwer, sie war halb sinnlos vor Angst. Warum rief der Lehrer sie nur, sie hatte doch nichts getan?

Die Nachbarinnen schoben die Kleine ärgerlich aus der Bank heraus. „Geh doch, geh doch!“ sagten sie böse, denn Trinchens Schweigen und Verlegenheit bestärkten bei allen den schrecklichen Verdacht, und von hinten hervor kam auf einmal eine Stimme: „Müllers Trine hat die Büchse gestohlen!“

„Still!“ donnerte der Herr Lehrer zornig, dem der Gedanke, eines seiner Schulkinder könne wirklich so etwas getan haben, bitter weh tat.

Aber Trinchen hatte das Wort auch gehört. Sie wurde plötzlich leichenblaß. Das dachte man von ihr? Für eine Diebin hielt man sie? Die Kleine taumelte, wie im Kreise drehte sich alles vor ihr, und in ein lautes Schluchzen ausbrechend, warf sie ihren Ranzen weg. Sie stürzte, ehe sie noch jemand halten konnte, zur Türe hinaus. An der Türe rannte sie mit jemand zusammen, der gerade die Klasse betreten wollte, obgleich er nicht in eine Schule gehörte.

„Na, was ist denn das für eine Aufregung?“ rief der Mann, der an der Türe stand, und der kein anderer war als – der Gendarm.

Er wollte Trinchen halten, aber die Kleine war schnell wie ein Blitz an ihm vorbei. „Mit Verlaub, Herr Lehrer,“ sagte der Gendarm und trat näher, „das gehört wohl hierher?“ und dabei stellte er – die vermißte Sparbüchse auf das Pult und sah sich wohlgefällig im Kreise um: „Das ist mal 'ne Überraschung, was?“

Eine Überraschung war das freilich, und der Lehrer schüttelte erstaunt den Kopf: „Wie kommen Sie zu der Büchse?“

„Hm, das ist man so,“ sagte der Gendarm und erzählte umständlich, daß er einen Landstreicher habe nach seinen Papieren fragen wollen, doch der Mann sei ausgerissen und habe dabei die Büchse weggeworfen. Er mußte durch das offene Fenster in das Schulzimmer gestiegen sein und die Büchse geraubt haben.

So etwas war seit Menschengedenken nicht in Oberheudorf passiert, und eine unbeschreibliche Aufregung befiel die Kinder. Sie vergaßen, daß sie in der Schule waren, und schnatterten wild durcheinander wie die Gänse auf dem Anger, bis der Lehrer Ruhe gebot und rief: „Doch jetzt wird zuerst das arme Trinchen gesucht!“

Da rannten alle aus der Klasse und schrien: „Trinchen, Trinchen!“ aber so laut, daß, wenn es Trinchen gehört hätte, ihr wohl himmelangst geworden wäre.

Der Lehrer selbst eilte in die Mühle, weil er meinte, Trinchen sei gewiß dort. Aber das besinnliche Trinchen war nicht nach Hause gekommen, und seine Eltern gerieten in heftige Aufregung, als sie die traurige Geschichte erfuhren. Ihre Angst teilte sich bald dem ganzen Dorf mit, denn wo man auch suchte, nirgends war Trinchen zu finden. Kein Haus, keine Scheune im Dorf blieben undurchsucht, und der Müller durchstreifte in seiner Herzensangst mit seinen Knechten den Wald. Aber soviel er auch seines Kindes Namen rief, die Kleine blieb verschwunden.

Der schöne, helle Herbsttag wandelte sich allmählich zum Abend, und über die Wiesen zogen weißgraue Nebelstreifen, und mit der immer tiefer werdenden Dämmerung wurde die Angst um das verschwundene Kind in Oberheudorf immer größer. Einige Leute hatten das Trinchen aus der Schule laufen sehen, und alle sagten, sie sei nach dem Walde zu gelaufen. Aber der Wald war groß, über Berg und Tal zog er sich hin, und leicht konnte sich jemand darin verirren.

Friede, der Träumer, war am Morgen nicht in der Schule gewesen; er hatte für seinen Pflegevater in ein entferntes Dorf gehen müssen, und der Herr Lehrer hatte ihm auch Urlaub gegeben. Es war schon Dämmerung, als der Bube heimkam und auf der Dorfstraße von einigen Schulkameraden von Trinchens Verschwinden hörte. Da ging Friede nicht erst nach Hause, sondern drehte um und lief spornstreichs zum Dorf hinaus. Was alle nicht wußten, das wußte er, nämlich einen Ort, wo möglicherweise das Trinchen sein konnte.

Traumfriede hatte das stille, scheue Trinchen immer gut leiden mögen, mit ihr gesprochen hatte er freilich selten. Zwischen des reichen Müllers Kind und ihm, dem armen Waisenjungen, war doch eine weite Kluft, so meinte er und wußte nicht, daß das besinnliche Trinchen dankbar für seine Freundlichkeit gewesen wäre. Heimlich hatte Friede manchmal die Kleine beobachtet, und er kannte des scheuen Kindes Lieblingsplätzchen. In einer Sandgrube dicht am Dorf war eine kleine, verborgene Höhle. Friede hatte sie einmal entdeckt und zu seinem Erstaunen das Trinchen darin gefunden. Er lief jetzt auch schnell hin, und wie er die Höhle erreicht hatte, hörte er ein leises Rascheln. Er trat an den Eingang und rief: „Trinchen, bist du da?“

Ein unterdrücktes Schluchzen ward hörbar, und Friede rief bittend: „Komm, Trinchen, komm, ich tu dir doch nichts!“

Da kam die Kleine wirklich aus ihrem Versteck hervor, und in dem dämmerigen Licht sah der Bube, wie sie zitterte. Er legte seinen Arm um sie und sagte: „Komm nach Hause, Trinchen, du wirst gesucht!“

Aber die Kleine kauerte auf der Erde nieder und sagte leise, und ihr Stimmchen klang unsäglich traurig: „Ich kann nicht nach Hause!“

„Aber Trinchen!“ Friede kauerte neben dem Kind nieder und streichelte es und erzählte alles, was er erfahren hatte, daß der Dieb gefunden sei und alle Leute schreckliche Angst um sie hätten.

Trinchen gab keine Antwort, und eine Weile saßen die Kinder nebeneinander auf dem Steingeröll, und Traumfriede dachte nach, was er wohl mit dem kleinen Mädel sprechen könnte. Endlich fragte er: „Trinchen, warum bist du denn nur fortgelaufen, du hattest ja nichts getan?“

Es war so dunkel geworden, daß Trinchen nur des Buben Gestalt, aber nicht sein Gesicht mehr erkennen konnte. Friedes tröstende Stimme kam aus dem Dunkel heraus zu ihr, und das hatte etwas so Trauliches, daß Trinchen ein wenig ihre Schüchternheit verlor und zaghaft von ihrem Plan zu erzählen begann. Friede sagte nichts dazu, er hielt nur Trinchens kleine, kalte Hand fest in der seinen. Da wurde das Kind mutiger und sprach weiter von der schrecklichen Angst, die es bei allen Dingen habe, und daß niemand etwas von ihm wissen wolle.

„Von mir auch nicht,“ sagte Friede auf einmal aus tiefstem Herzen heraus, „mich mag keiner, weil ich bloß 'n armer Waisenjunge bin!“

Das besinnliche Trinchen schwieg, es mußte sich wirklich erst auf eine Antwort besinnen, und dann gab es eine, über das es selbst erschrak: „Ich mag dich leiden,“ sagte die Kleine herzhaft.

„Ich dich auch,“ gab Friede zur Antwort.

Weiter sagten sie nichts, aber von der Stunde an waren sie gute Freunde. Jetzt sträubte sich Trinchen auch nicht länger und ging still mit Friede nach Hause. Je näher sie freilich dem Dorfe kamen, desto größer wurde wieder ihre Scheu, und sie brachte, als sie daheim voll Freuden von den geängstigten Eltern begrüßt wurde, kaum ein Wort heraus. Friede mußte für sie sprechen, und der tat das auch so herzhaft, wie er es für sich selbst nie getan hätte. Trinchen sah auch so totenbleich aus und war so erschöpft, daß sie die Mutter gleich ins Bett brachte und niemand sie mehr mit Fragen quälte.

Am andern Tage war Trinchens Platz in der Schule leer, und in der Mühle hatte man den Doktor aus der Stadt geholt.

Das besinnliche Trinchen war krank.

Still und teilnahmslos lag die Kleine in ihrem Bettchen, und der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf und sagte zu den Müllersleuten, Trinchen sei ein überzartes, schwächliches Kind. Ob sie oft in letzter Zeit über Schmerzen in der Brust geklagt habe. Nein, das hatte die Kleine nicht getan; in ihrer übergroßen Schüchternheit hatte sie nicht einmal gewagt, über Schmerzen zu klagen. Die Aufregung des gestrigen Tages und der lange Aufenthalt in der kühlen, feuchten Höhle hatten den raschen Ausbruch einer schweren Krankheit herbeigeführt. In der Nacht bekam Trinchen heftiges Fieber; sie begann laut zu sprechen, und manchmal schrie sie angstvoll, sie sei keine Diebin, dann wieder klagte sie traurig, daß sie niemand lieb habe.

Es war jammervoll! Die Eltern weinten sich fast die Augen aus vor Herzeleid, und die Müllerin saß am Bett des Kindes, und eine rechte Mutter hätte nicht trauriger sein können um ihr Kind, als sie es war.

Und Trinchen starb. Nach langen, langen Wochen schlief sie sanft und friedlich ein. Und in diesen Wochen war das scheue Kind so von Liebe umgeben gewesen, daß seine Augen immer strahlender, sein Lächeln immer glücklicher geworden war.

Der Lehrer hatte täglich an Trinchens Bett gesessen, die Schulkameradinnen und -kameraden kamen, und die Mutter verließ die Kleine kaum eine Stunde.

Wie ein lieblicher, kleiner Engel lag dann das besinnliche Trinchen auf seinem letzten Lager, und das ganze Dorf kam herbei, und man brachte die letzten bunten Herbstblumen, und zuletzt war Trinchen fast ganz von Blumen bedeckt. Ganz bescheiden, verborgen unter einem weißen Asternkranz lag ein Strauß Waldblumen. Einige blaue Glockenblumen, rote Brombeerblätter, Kleeblüten und Gräser hatte Traumfriede mühsam zusammengesucht und dem Trinchen gebracht. Und als die Kleine begraben wurde, da saß er, der nicht mit hatte auf den Friedhof gehen können, weil er keinen Sonntagsanzug hatte, in der kleinen Höhle im Steinbruch, und er meinte, das Herz müsse ihm brechen.

Eine aber hatte gesehen, wie Friede schüchtern Trinchen den Waldblumenstrauß brachte. Das war Muhme Lenelis, und seitdem dachte die alte Frau manchmal an den Waisenknaben. – Doch das gehört in eine andere Geschichte.

Das besinnliche Trinchen wurde nicht vergessen. Alle, die es gekannt hatten, merkten nun erst, da die Kleine tot war, wie lieb sie ihnen gewesen war.

In der Mühle lag zu Weihnachten ein dicker, kleiner Junge in der buntbemalten Wiege und schrie vergnügt in die Welt hinein. Nach einem Jahr lag ein Mädel darin, und so fort, lauter lustige, pausbäckige Müllerkinder waren es, und die Eltern hatten Freude und Sorge mit ihnen. Über der eigenen Kinderschar aber vergaß die Müllerin nie das scheue, blasse Trinchen. Unvergessen lebte das Kind in ihrem Herzen.

Und auf dem Schreibtisch des Lehrers nimmt Trinchens Federkästchen noch heute einen Ehrenplatz ein.