Die Roggenmuhme.
Schulzen-Jakobs Großmutter erzählte einmal im Juli die Geschichte von der Roggenmuhme, die im Sommer im Felde sitzt und das Korn bewacht. Wehe dem Kinde, das in das Feld geht, um Kornblumen, Mohn und Rittersporn zu suchen und von der Roggenmuhme ertappt wird, wenn es Ähren zertritt! Unweigerlich bekommt es eine schwere Krankheit. In den Mittagsstunden, wenn die Sonne still und heiß auf die Fluren herabbrennt, ist die Zeit, in der die Roggenmuhme am liebsten mit leisen Schritten durch die Felder schreitet. Ihre Haare sind gelb wie das reifende Korn, und ihre Augen blau wie die Kornblumen, ihre Lippen rot wie blühender Mohn. Sie ist schön, die Roggenmuhme, aber furchtbar in ihrem Zorn und unerbittlich gegen den, der nur eine Ähre zertritt.
Als die Großmutter fertig war, sagte Jakob: „Ich glaub's net!“ Seine kleinen Geschwister sahen ihn erschrocken an, aber Jakob stand auf, steckte die Hände in die Hosentaschen und sagte noch einmal: „Ich glaub's net!“
„Ach, du bist ein dummer, naseweiser Bube,“ rief die Großmutter ärgerlich. „Dir könnt's nicht schaden, wenn dich die Roggenmuhme mal ordentlich durchbeutelte, du gehst auch immer mitten ins Feld hinein!“
Jakob verließ trotzig die Stube, ging auf die Dorfstraße und sagte zum drittenmal laut und patzig. „Ich glaub's doch net!“
„Was glaubst du nicht?“ fragte der blaue Friede, der am Gartenzaun stand und Jakobs Worte gehört hatte. Der erzählte ihm die Geschichte von der Roggenmuhme, und wie er im besten Erzählen war, kam der dicke Friede herbei, der wollte die Geschichte auch wissen. Jakob fing geduldig wieder an, und nach einem Weilchen kam Heine Peterle; natürlich mußte Jakob noch einmal beginnen. Und da auch noch Bäckermeisters Mariele, die blonde Lisbeth, Anton Friedlich und mehrere andere dazu kamen, dauerte die Geschichte von der Roggenmuhme volle drei Stunden. „Ich glaub's doch net!“ sagte Jakob, als er fertig war, und einige stimmten ihm bei, nicht alle, namentlich die Mädel waren nicht abgeneigt, an die Roggenmuhme zu glauben.
Sie stritten alle sehr lebhaft miteinander und hätten sich beinahe ein wenig geprügelt, wenn nicht Jakob auf einmal gerufen hätte: „Ich studier's!“
„Was willst du studieren?“ schrien die andern erstaunt.
„Ob's eine Roggenmuhme gibt. Morgen geh' ich hin und seh' nach!“
Mariele kreischte laut auf, als käme die Roggenmuhme schon um die Ecke herum, Anton Friedlich aber und Heine Peterle riefen so laut „Bravo!“, daß alle Gänse und Hühner auf der Dorfstraße erschraken und schnatternd und gackernd davonliefen. Und weil gerade Abendbrotzeit war, rannten auch alle Kinder nach Hause. Jakob war auf seinen Einfall sehr stolz und sagte daheim auch zur Großmutter: „Ich studier's!“
„Was, studieren willst du? Aber Bube, du kannst ja net mal richtig schreiben! Beinahe der allerfaulste bist in der Schule, und nun willst du studieren?“
Jakob wurde sehr verlegen, von seinem Fleiß hörte er nicht gerne reden, und ärgerlich brummte er: „Das mit der Roggenmuhme will ich studieren!“
Die Großmutter lachte so herzlich, daß ihr die Brille von der Nase fiel, und sagte: „Studier lieber Lesen und Schreiben, das ist besser!“
Aber Jakob blieb bei seinem Vorsatz. Am andern Tage, der heiß und sonnig war, marschierte er gleich nach dem Mittagessen zum Dorf hinaus. Einige seiner Freunde gaben ihm das Geleit bis an die große Linde, die am Eingang des Dorfes stand. Dann legten sie sich gemütlich in den Schatten, während Jakob auf der sonnigen Landstraße weiter zog dorthin, wo die Felder seines Vaters lagen.
Um die gleiche Mittagsstunde kam von der andern Seite her ein Bäuerlein. Der führte an einem Strick ein rundes, fettes Schweinchen. Er hatte es auf dem Markt in der Stadt gekauft und kehrte nun in sein Dorf zurück, das eine gute halbe Stunde hinter Oberheudorf lag. Der Bauer war müde und das Schweinchen auch, denn der Weg war sonnig und die Hitze groß. Seufzend blieb der Bauer stehen. Freilich war Oberheudorf nicht mehr weit, und dort gab es ein Wirtshaus, aber vorher hätte er gern noch ein Mittagschläfchen gehalten. Auf einem schmalen Feldweg, zwischen Kornfeldern, die wie ein goldenes Meer wogten, stand ein wilder Apfelbaum. An den band der Bauer sein Schweinchen, er selbst legte sich an den Feldrand, und nach wenigen Minuten schlief er tief und fest.
Das Schweinchen aber hatte keine große Lust zu einer Mittagsruhe. Ungeduldig zerrte und zog es an dem Strick, der nur lose um den Baum geschlungen war, und auf einmal ritsch! war das Schweinchen frei. Vergnügt trabte es davon und kümmerte sich gar nicht um seinen schlafenden Herrn. Das war sehr herzlos, aber Schweine sind nun einmal so.
Je näher Jakob den Feldern seines Vaters kam, desto bänglicher wurde ihm ums Herz. Es war so heiß und still; kaum einen Luftzug spürte man, leise nur rauschten die wogenden Felder. Jakob hatte versprochen, zum Zeichen, daß er wirklich im Felde gewesen war, einen riesengroßen Blumenstrauß zu pflücken. Nicht gerade sehr vergnügt machte er sich an sein Werk, und sorgsam vermied er es, Ähren zu zertreten. Wie er im besten Pflücken war, hörte er plötzlich etwas im Felde rascheln, und erschrocken blieb er stehen und lauschte.
Ein Weilchen war alles still, er mochte sich wohl getäuscht haben. Seufzend pflückte er weiter, doch da – die Haare sträubten sich ihm – deutlich sah er, wie sich etwas im Felde bewegte. Stärker rauschte das Korn, und der Bube blieb vor Angst und Entsetzen ganz still stehen.
Da – tauchte da nicht etwas Helles, Unheimliches auf?
Die Roggenmuhme, sie war es – niemand anders!
Jakob wagte gar nicht ordentlich hinzusehen. Mit einem gellenden Schrei ergriff er die Flucht und warf die Blumen weit von sich.
Aber hinter ihm her kam es gerannt, seltsame Töne ausstoßend.
Jakob schrie immer lauter vor Angst. Er wollte über den kleinen Graben, der das Feld von der Landstraße trennte, springen, aber in seiner Aufregung strauchelte er, stürzte und lag plötzlich platt wie ein Frosch in dem Graben.
Plumps! sprang da etwas auf ihn drauf und krabbelte auf seinem Rücken herum; einmal rutschte das unheimliche Wesen nach rechts, einmal nach links.
Und Jakob brüllte in seiner Angst: „Die Roggenmuhme, die Roggenmuhme! Laß mich los, laß mich los!“
Er machte es dabei wie der Vogel Strauß, er steckte seinen blonden Struwelkopf tief in das Gras und zappelte mit Armen und Beinen und schrie, als sollte er auf der Stelle mit Haut und Haaren verspeist werden.
Je lauter Jakob brüllte, desto mehr quiekte die Roggenmuhme auf seinem Rücken. Sie trampelte dabei immer hin und her und stieß ganz merkwürdige Töne aus, die einem Dorfbuben eigentlich hätten bekannt sein müssen. Aber Jakob gab sich keine Mühe, das Gequieke der Roggenmuhme zu „studieren“, er schrie nur, und zwar so kräftig, daß das Bäuerlein am Feldrand davon erwachte.
Erstaunt richtete sich der Schläfer auf. Wo war denn er, und wo war sein Schweinchen?
Er hörte das Gebrüll und das Gequieke, und flugs war er auf den Beinen und rannte dorthin, woher der Lärm kam. Da erblickte er sein Schweinchen, das sich die Leine um die Beine gewickelt hatte, und das hilflos in einem Graben hin und her rutschte und als verkannte Roggenmuhme den armen Jakob in Angst und Schrecken versetzt hatte.
„Na, potz Blitz, was ist denn das for äne Schreierei?“ sagte das Bäuerlein und zog sein Schweinchen aus dem Graben. „Du, Bube, komm doch raus! So än kleenes Schweinchen tut dir doch nischt!“
„Uah, uah, uah,“ brüllte Jakob und strampelte und zappelte weiter. Da packte ihn der Bauer kurz entschlossen am Hosenboden und zog ihn aus dem Graben. „Nu sag mir nur, Bengel, warum schreist du denn so?“ fragte er kopfschüttelnd.
„Die – die – Ro–roggenmu–muhme!“ schluchzte Jakob.
„Was?“ sagte der Bauer, „den Rock–Muhme? Ja was soll denn das heißen?“
Es dauerte eine geraume Zeit, bis Jakob ihm schluchzend und stammelnd die Sache erklären konnte. „Nä, ä sowas! So än blitzdummer Bube, hält mein schönes Staatsschweinchen für die Roggenmuhme! Hahaha!“ schrie das Bäuerlein und mußte sich geschwind auf einen Meilenstein setzen, sonst wäre er vor Lachen umgefallen.
Jakobs Freunden war unterdessen die Zeit unter dem Lindenbaume etwas lang geworden. Es hatten sich noch einige andere Kinder eingefunden, und sie beschlossen alle zusammen nachzusehen, ob Jakob mit „Studieren“ fertig sei. Lustig trabten sie auf der Landstraße hin, und Jakob sah sie schon von weitem kommen. „Jetzt werd' ich aber ausgelacht,“ dachte er beschämt, und ohne sich lange zu besinnen, rutschte er in den Graben, kroch am Felde entlang bis zu einem schmalen Weg, und dann rannte er heidi! auf und davon.
„Na, was ist denn das nu wieder?“ sagte der Bauer verdutzt und sah dem Ausreißer nach. Aber dann bemerkte er die herankommenden Kinder, und er schmunzelte vergnügt, denn er verstand, warum Jakob die Flucht ergriffen hatte. Er zog also mit seinem Schweinchen den Kindern entgegen, blieb vor ihnen stehen und fragte listig: „Wo wollt ihr denn hin?“
„Schulzens Jakob wollen wir suchen, der ‚studiert‘ die Roggenmuhme,“ antworteten alle.
„Na, dann geht man wieder nach Hause! Jetzt vor än Weilchen hat die Roggenmuhme einen Jungen mit fortgeschleppt, das wird er wohl gewesen sein!“
Entsetzt starrten sich die Kinder an, dann brachen sie in ein wildes Jammergeschrei aus und rannten spornstreichs in das Dorf zurück.
Dort kamen sie gerade an, als Jakob, der auf einem Umweg das Dorf erreicht hatte, in das Schulzenhaus schlüpfen wollte. „Da ist er ja, da ist er ja! Sie hat ihn losgelassen!“ brüllten seine Kameraden und stürzten auf ihn zu; der eine packte ihn am rechten Arm, der andere am linken, einer am Jackenzipfel und einer sogar am Bein.
„Hat sie dich losgelassen?“ – „Wie sah sie denn aus?“ – „Hat sie dir was getan?“ so schwirrten die Fragen durcheinander.
Dem armen Jakob wurde himmelangst, und es war sein Glück, daß gerade die Großmutter vor die Haustüre trat und ihn aus den Händen seiner teilnehmenden Freunde befreite. „Was schreit ihr denn so? Was ist denn los?“ fragte sie ärgerlich.
„Die Roggenmuhme hat ihn gehabt, sie hat ihn mit fortgeschleppt,“ riefen alle zusammen.
„Ich will rein, Großmutter,“ bat Jakob ängstlich, und die alte Frau nahm ihn an der Hand und zog ihn ins Haus und klappte seinen Kameraden die Tür vor der Nase zu. Drinnen erzählte der Bube kleinlaut sein Abenteuer, und die Großmutter lachte, aber nur ein wenig, denn nach echter Großmutterweise hatte sie gleich Mitleid mit dem Jungen und versuchte ihn zu trösten. Zu diesem Zweck gab sie ihm ein dickes Honigbrot, das, wie man zu sagen pflegt, Jakob wieder etwas auf die Beine brachte.
Unterdessen war das Bäuerlein nach Oberheudorf gekommen und erzählte im Wirtshaus schmunzelnd Jakobs Abenteuer. So erfuhr das ganze Dorf die Geschichte, und alle lachten darüber. Man lachte noch lange, und Jakob wurde zu seinem Ärger noch recht oft zugerufen, wenn ihm ein Schweinchen in den Weg lief: „Gib acht, da kommt die Roggenmuhme!“