Friederikes Abenteuer.
Daß Muhme Lenelis' Ziege Friederike ein ausnehmend kluges Tier sei, fand jeder Mensch in Oberheudorf. Hans Rumps sagte: „Sie ist gebildet!“ Das war eine große Schmeichelei, denn der Nachtwächter sagte das nur von Menschen, Tieren und Dingen, die ihm besonders gefielen, er sagte das übrigens ebensogut vom Herrn Lehrer wie von der neuen Feuerspritze.
Die Kinder begegneten Friederike mit großem Respekt. Wenn sie die weiße Ziege auf der Dorfstraße trafen, sagten selbst die unnützesten Buben, wie zum Beispiel Anton Friedlich, sehr höflich: „Guten Tag, Friederike!“ Friederike blieb nämlich nicht wie andere Ziegen daheim in ihrem Stall oder auf der Weide, sie liebte es vielmehr, im Dorf herumzuspazieren. Bald guckte sie in den Schulzenhof hinein, bald ging sie vor dem Wirtshaus auf und ab, als sollte sie Gäste erwarten. Als einmal die Frau Gräfin Dachhausen wieder im Frühling ihren ersten Besuch in Oberheudorf machte, war es Friederike, die den vornehmen Gast zuerst mit ihrem „Meckmeck, meckmeck“ begrüßte.
Ja, Friederike war klug. Einmal saß Anton Friedlich allein in der Wohnstube seines Elternhauses und sollte seine Schularbeiten machen. Mehr als seine Rechenaufgabe aber gefielen ihm die großen Butterbirnen, die seine Mutter am Morgen vom Baum genommen hatte, und die sie nach der Stadt zum Verkauf schicken wollte. Er schielte eine Weile danach hin, seufzte, guckte wieder auf das Buch, dann wieder auf die Birnen, und endlich stand er auf und ging bis an den Korb heran. „Ach was,“ dachte er leichtsinnig, „eine kann ich schon nehmen, die Mutter wird es gar nicht merken.“ Schon streckte er die Hand aus, da hörte er plötzlich ein lautes „Meckmeck, meckmeck“ erklingen. Erschrocken ließ er die Birne wieder in den Korb fallen und sah sich um: Friederike guckte zum offenen Fenster herein. Ordentlich böse sah sie aus, dachte Anton. „Meckmeck, meckmeck,“ rief sie noch einmal drohend, dann spazierte sie weiter.
Anton Friedlich nahm keine Birne, ja er wagte nicht einmal mehr hinzusehen, sondern steckte eifrig die Nase in sein Buch und rechnete vor lauter Angst so gut, daß der Herr Lehrer ordentlich verwundert darüber war.
Wirklich, Friederike war ausnehmend klug. Als Bäckermeisters Mariele einmal an einem heißen Maitag im Garten Unkraut jäten sollte, da dachte der kleine Faulpelz: „Ach was, das Unkraut kommt noch früh genug heraus, ich lege mich hintern Gartenzaun auf die Wiese und schlafe ein bißchen.“
Hopla! wollte sie über den Zaun klettern, um ihren Vorsatz auszuführen, da stand aber plötzlich wie aus der Erde gewachsen Friederike vor ihr und sagte vorwurfsvoll: „Meckmeck, meckmeck!“
Mariele wurde feuerrot und rief ärgerlich: „Dumme Friederike, geh doch weg!“
Aber Friederike stellte sich breitbeinig an den Zaun und meckerte laut und zornig. Da schlich sich Mariele beschämt an das Schotenbeet und begann seufzend jedes Unkräutchen auszuziehen. Einigemal warf sie einen scheuen Blick nach dem Zaun, da stand Friederike immer noch und sagte jedesmal mahnend: „Meckmeck, meckmeck!“ Und Mariele wagte es nicht, ihre Arbeit im Stich zu lassen, sondern jätete so fleißig wie noch nie.
Eines schönen Tages spazierte die brave, gebildete Friederike wieder im Dorf umher. Es war recht warm und sonnig, obgleich der September gerade dabei war, sich wieder einmal für ein Jahr aus dem Staube zu machen. Am Tag vorher war das Erntedankfest in Oberheudorf gewesen, bei dem es recht lustig zugegangen war. Alle Leute waren noch müde von dem Festtag, und so war es stiller als sonst im Dorf. Außer dem Gackern einiger Hühner hörte man kaum einen Laut. Bedachtsam wandelte Friederike ihres Weges. Das Hoftor des Wirtshauses stand weit offen, aber auf dem Hofe war kein Mensch zu sehen. Kastor, der Hüter des Hauses, blinzelte nur ein wenig, als Friederike den Hof betrat. Diese guckte in die Scheune, in den Stall, sah sich eine Weile tiefsinnig den Düngerhaufen an und wandelte dann um das Haus herum bis an die Tür, die in den Garten führte. Dort standen zwei leere Bierfässer und daneben in einer großen, braunen Schüssel abgestandenes Bier. Es waren Reste aus den Fässern, die für Hans Rumps aufgehoben wurden. Der Nachtwächter aß nämlich für sein Leben gern Biersuppe, und dazu, meinte er, sei das abgestandene Bier ganz gut, frisches Bier sei zu teuer.
„Was ist denn das?“ dachte Friederike und sog den Bierdunst ein. Es ist nicht zu glauben, aber die tugendsame Friederike war so neugierig, daß sie an dem Bier zu lecken begann. Sie leckte erst zaghaft, dann immer mehr und mehr, denn sie hatte Durst, und das Bier schmeckte ihr vortrefflich. Hätte die Ziege gewußt, was für ein gefährliches Ding Bier ist, sie hätte sich wohl gehütet, davon zu trinken, aber Muhme Lenelis hatte nie Bier im Hause, woher sollte es Friederike da wohl kennen? Sie trank und trank, und auf einmal war die Schüssel leer. „Das hat gut geschmeckt!“ dachte Friederike und trat den Rückweg an.
Aber was war denn das? Kastor sah die gebildete Friederike ganz erstaunt an: die hopste ja kreuz und quer, taumelte bald nach rechts, bald nach links, einmal stieß sie an die Pumpe an, einmal an das Scheunentor, und pardauz lag sie in einer großen Pfütze.
Es dauerte lange, bis Friederike wieder hoch kam. Endlich aber gelang es ihr, sich aufzuraffen, und sie wankte und schwankte nun zum Hoftor hinaus. Bald rechts, bald links an einen Baum oder einen Zaun anstoßend, geriet die Ziege auf ihrer seltsamen Wanderung an des blauen Friedes elterlichen Hof. Die Bäuerin hatte mal wieder gefärbt, und über den Zaun waren nasse Stoffstücke gehängt. Bums! torkelte Friederike daran. Der Stoff war naß und kühl, und der Ziege war es furchtbar heiß. Sie rieb sich also eine Weile an dem nassen Zeug und taumelte dann mit einem großen blitzblauen Fleck auf dem weißen Fell weiter.
Beim Schnipfelbauer lehnte an der Hausmauer ein schön rot und grün gestrichenes Blumenbrett, und die unglückselige Friederike, die gerade nach links schwankte, plumpste an das frisch gestrichene Brett. Nun hatte sie grüne und rote Streifen auf der andern Seite, und was sonst noch von ihrem weißen Fell übrig war, sah schmutzig aus.
Vor dem Schulzenhof stand Jakob mit Heine Peterle, Annchen Amsee und Röse.
„Seht doch mal, was kommt denn da?“ rief Annchen plötzlich.
„Das ist 'ne Ziege,“ brummte Jakob.
„Ja, aber wie sie aussieht!“ schrie Annchen verwundert.
„Die ist ja blau!“ rief Heine Peterle.
„Nein, grün!“ – „Nein, rot!“ schrien Annchen und Jakob, die gerade die andere Seite erblickten.
Mit offenem Munde starrten die Kinder auf das seltsame Tier, das näher gewackelt kam und schauerliche, heisere Töne ausstieß.
„Das ist mir graulich,“ quiekte Röse plötzlich und rannte in das Haus, um die Großmutter herbeizurufen.
Arm in Arm kamen gerade die einstigen Feinde, der blaue Friede und der dicke Friede, die Dorfstraße entlang. Beide blieben verdutzt stehen, als sie die Ziege erblickten. „Das ist ja eine Kasperleziege!“ schrie der dicke Friede erstaunt.
„Ich hol' Schuster Pechdraht, der wird wissen, was das ist,“ sagte Heine Peterle und lief in das Schusterhaus.
Es dauerte nicht lange, so verbreitete sich die Nachricht von dem schrecklichen Tier im ganzen Dorf, und natürlich kamen zu allererst sämtliche Kinder mit großem Geschrei an. Die Ziege lehnte mit verglasten Augen an einem Zaun und meckerte kläglich, und die Kinder standen alle um sie herum. Auf einmal rief Anton Friedlich: „Das ist doch Friederike! Ich kenn' sie doch am Halsband!“
„Friederike?“ schrien die Kinder wie aus einem Munde. „Wirklich, es ist Friederike! Aber Friederike, was hast du denn gemacht?“
„Sie stirbt,“ jammerten Röse und Annchen.
„Ihr wird schlecht,“ murmelte der dicke Friede, und der blaue Friede und Schnipfelbauers Fritz liefen, was sie konnten, um Muhme Lenelis herbeizuholen.
Die alte Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und die hellen Tränen rannen ihr über das gute Gesicht, als sie ihre Ziege in dem Zustand erblickte. „Sie ist krank, sie stirbt!“ schluchzte sie.
„Sie hat sich vergiftet,“ sagte der Schulze mit bedenklicher Miene, „sie sieht ja ganz blau aus.“
„Nein, grün und rot, wie mein Blumenbrett,“ rief die Schnipfelbäuerin. „So was kommt doch nicht vom Vergiften.“
„Aber krank ist sie,“ sagten alle, nur Mine, die Wirtsmagd, sagte plötzlich kichernd. „Ich glaube, sie ist betrunken. Ich habe gesehen, wie sie bei uns Bier gesoffen hat; wie ich dann nachsah, war die Schüssel leer.“
Betrunken? Friederike sollte betrunken sein?
Sprachlos sahen sich alle an, nur Schuster Pechdraht lachte und meinte. „Mine kann schon recht haben!“
Und sie hatte auch recht: die tugendhafte, kluge Friederike hatte sich wirklich betrunken. Sie wurde in den Stall getragen, und Muhme Lenelis legte ihr ein kaltes Tuch auf den Kopf. Und Friederike schlief ein und schlief vierundzwanzig Stunden lang. Immer wieder kamen die Kinder fragen. „Schläft sie noch?“ und immer wieder antwortete dann Muhme Lenelis traurig „Ja, sie schläft noch.“
Anton Friedlich meinte: „Ich glaube, Muhme Lenelis, sie tut nur so, weil sie sich schämt!“
Es war wirklich eine schreckliche Geschichte. In Oberheudorf kannte man glücklicherweise keine betrunkenen Menschen, von einer betrunkenen Ziege aber hatte man noch nie etwas gehört. Jeder war entrüstet über Friederikes Benehmen, und die Kinder hatten allen Respekt verloren. Wenn sie Friederike mit ihren roten, blauen und grünen Flecken, die gar nicht abgehen wollten, sahen, lachten sie sie aus. Darüber kränkte sich Traumfriede sehr, und er sagte immer: „Friederike kann doch nichts dafür! Sie hat doch nicht gewußt, daß Bier so schlimm ist!“
„Aber sie hat genascht,“ sagte Anton Friedlich und dachte dabei an die Butterbirnen.
Das war nun wahr, dafür mußte die arme Friederike jetzt ihre Strafe leiden. Die Kinder aber lachten nicht lange mehr, denn Friederike zeigte bald, daß sie wirklich gebildet war.
An einem Oktobertag nämlich lag der Knecht des Waldbauern auf dem Grasberg am Hause und schlief, statt im Stall nach dem Rechten zu sehen. Der Bauer war fortgegangen, und der Knecht dachte, wie auch oft faule Kinder denken: „Es sieht's ja niemand!“
Oben am Berg suchte Friederike einsam nach Gräsern, als sie den schlafenden Knecht erblickte. Sie kam näher, und plötzlich sprang sie ihm mit einem kühnen Sprung so heftig auf den Leib, daß der Knecht erwachte. „Wart, du abscheuliches Tier!“ rief er empört und wollte die Ziege fangen, aber diese rannte eilig davon. Da der Knecht nun einmal munter war, ging er brummend auf den Hof. Da kam er aber gerade zur rechten Zeit, um ein braunes Tier im Hühnerstall verschwinden zu sehen – es war ein Marder. Heisa, da rannte aber der Knecht, so schnell er konnte, dem gefährlichen Räuber nach und trieb ihn aus dem Hühnerstall heraus. Am nächsten Tag wurde der Marder dann in einer Falle gefangen.
„Potzwetter nochmal,“ sagte der Knecht, „Friederike ist aber wirklich gebildet. Denn warum ist sie mir auf den Leib gesprungen? Doch nur, weil sie den Marder gesehen hatte.“
„Friederike ist wirklich sehr klug,“ sagten auch alle Leute im Dorf. „Das mit dem Bier war eben mal ein dummer Streich, aber sonst ist sie doch anders als andere Ziegen!“
Seitdem hatten die Kinder wieder Respekt vor Friederike, die übrigens nie mehr eine Dummheit gemacht hat.