Das Glück im Suppentopf.

„Bäh, bäh!“ sagte die Ziege Friederike an einem Sonntagmorgen im November, an dem der Himmel so blau war, als hätte ihn die Mutter vom blauen Friede angestrichen. Friederike war nämlich schrecklich verwundert, darum sagte sie eine Viertelstunde lang „bäh“. Ihre Verwunderung galt vier Buben, die auf dem Berg an Muhme Lenelis' Haus herumkletterten und einen Drachen fliegen ließen. Die gute Ziege hatte auch vollständig recht, „bäh“ zu sagen, denn im November läßt sonst niemand Drachen fliegen. Um diese Zeit sind sie gewöhnlich schon zerrissen, denn jeder Bube, der einen Drachen hat, rennt damit im September auf die Felder.

Heine Peterle aber hatte nun mal im November Geburtstag, und dazu hatte er sich einen Drachen gewünscht. Gerade als er ihn bekam, regnete es Strippen, wie die Oberheudorfer sagen, und Heine Peterle hätte am liebsten das Wasser vermehrt und geheult, wenn er sich nicht vor seinen Kameraden geschämt hätte. Aber nun hatte der Regen aufgehört, und es war richtiges Drachenwetter, hell und etwas windig. Mit Schulzens Jakob, dem blauen Friede und Schnipfelbauers Fritz war Heine Peterle darum ausgezogen, um endlich den Drachen fliegen zu lassen. Der war rosenrot und hatte einen schier endlosen Schwanz; sämtliche Buben fanden ihn über die Maßen schön.

Eine halbe Stunde war noch Zeit, ehe die Kirche anfing, und alle vier Buben waren bereits in ihren Sonntagsanzügen, sahen also blitzsauber aus. Da Mütter nun einmal nicht Schmutzflecke an Sonntagsanzügen leiden mögen, hatten auch alle vier Mütter die Buben sehr nachdrücklich ermahnt, sauber zu bleiben. Leicht war das nicht, denn von dem starken Regen war der Boden aufgeweicht, und die vier stöhnten denn auch weidlich über die guten Anzüge.

Der Drachen flog wundervoll; wie ein großer, bunter Vogel schwebte er in der blauen Luft, und die vier Buben sahen ihm stolz nach. Noch jemand außer ihnen aber sah den Drachen steigen, das war Traumfriede. Er stand etwas abseits an einen Baum gelehnt, und sehnsüchtig folgten seine Blicke dem bunten Gesellen, der so keck zum Himmel emporflog. „Könnt' ich mit fliegen,“ dachte der Bube, „dann brauchte ich nicht mehr beim Kohlbauern zu bleiben.“

Traumfriede brauchte seinen Sonntagsanzug nicht zu hüten, denn er hatte keinen an, weil er überhaupt keinen besaß. Er sah zerlumpter denn je aus, und scheu verkroch er sich darum auch vor den Blicken der andern Buben, so gern er auch mit ihnen gespielt hätte.

Die jubelten und klatschten in die Hände vor Vergnügen, als der Drachen immer höher stieg. „Er fliegt wie 'ne Krähe,“ sagte der blaue Friede.

„Nä, wie 'n Adler,“ rief Heine Peterle gekränkt, obgleich er in seinem Leben noch nie einen Adler hatte fliegen sehen. „Wenn nur der Bindfaden länger wär'!“ brummte er dann, er hätte gar zu gern seinen Drachen noch höher steigen lassen.

„Ich habe noch welchen,“ sagte Schulzens Jakob und holte aus der Tiefe seiner Tasche allerlei Gegenstände hervor, darunter auch ein Stück Bindfaden.

Alle vier bemühten sich eifrig, damit die Drachenschnur zu verlängern. Jeder behauptete, er könne den schönsten Knoten knüpfen, und so ausgezeichnet machten sie ihre Sache, daß auf einmal – heidi! – der Drachen auf und davon flog.

Ein gellendes Zetergeschrei erhob sich, und Friederike sagte erschrocken „bäh, bäh“, und kehrte in den Stall zurück; die Drachengeschichte war ihr langweilig geworden.

Verzweifelt sahen die Buben dem Drachen nach, der bald höher stieg, bald sich wieder senkte; die Schnur zu fassen aber war keine Aussicht. Was tun? Die Zeit verging, die Stunde zum Kirchgang rückte heran, noch eine Weile, und die Buben mußten gehen und den entflohenen Drachen seinem Schicksal überlassen.

Doch da, jetzt senkte sich der Drachen tiefer, ein Windstoß kam und trieb ihn auf Muhme Lenelis' Häuschen zu.

Er wackelte hin und her, und die Buben stürmten schreiend den Berg hinunter. Und gerade als sie unten ankamen, ging der Drachen wieder in die Höhe.

Heine Peterle konnte nicht mehr an sich halten, er heulte laut los vor Ärger und Herzeleid.

„Halt 'n Schnabel!“ brummte Schulzens Jakob und puffte den Freund. Das sollte nämlich ein Trost sein.

„Jetzt hängt er!“ rief plötzlich Traumfriede, den das schreckliche Ereignis aus seinem Versteck gelockt hatte. Er deutete auf Muhme Lenelis' Esse. Und richtig, oben an der Esse hing der Drachen, wie ein gefangener Vogel zappelte er hin und her.

„Wir müssen aufs Dach klettern,“ sagten die vier, und dabei sah einer den andern an, und jeder dachte: „So was darf man doch nicht in Sonntagshosen!“

Traumfriede hatte die Verlegenheit der Schulkameraden gemerkt, er überwand seine Scheu und kam hilfsbereit näher: „Ich steige auf den Apfelbaum,“ sagte er, „und von da aufs Dach und hole den Drachen.“

Ehe noch einer der Buben antworten konnte, begann Traumfriede schon, den Baum zu ersteigen, und in wenigen Minuten stand er auf Muhme Lenelis' Dach. Scheu sahen die andern nach den Fenstern des Häuschens; sie wußten, daß die Muhme es nicht leiden konnte, wenn ihr jemand aufs Dach stieg. „Leicht kann man einbrechen,“ meinte sie. Sie mochte wohl recht haben, denn das Dach war morsch und schadhaft wie das ganze Häuschen.

Aber die Muhme merkte nichts. Sie stand, angetan mit ihrem steifen, schwarzen Sonntagsrock, mitten in der Stube und schlug gerade ein blendend weißes Taschentuch um das abgegriffene Gesangbuch. Auf dem Herd stand ein großer Topf voll Wasser, in dem ein winziges Stückchen Fleisch schwamm. Das sollte das Sonntagsessen der alten Frau werden, sie hatte es gerade zugesetzt. Sie trat noch einmal an den Ofen, um noch ein Stückchen Torf auf die glimmende Glut zu legen, als sie auf einmal erschrocken emporsah. Oben an der Esse war es dunkel geworden, da hing ein seltsames Ding. „Du meine Güte,“ rief die Muhme erschrocken, „was ist denn das für 'n Vogel?“

Das Ding wackelte hin und her, und der Muhme wurde es ganz unheimlich zumute. „Was is'n nur das? Nä, wie sonderbar!“ murmelte sie und trat einen Schritt zurück.

Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten. Seite [175.]

Da fiel ihr ihr Suppentopf ein. „Wenn da was rein fällt!“ dachte sie und trat wieder an den Herd, um einen Deckel auf den Topf zu stülpen.

In diesem Augenblick aber geschah etwas Furchtbares. Es rasselte und polterte, schrie und purzelte, sauste durch den Schornstein herab, und plötzlich saß ein kohlschwarzes, brüllendes Etwas auf Muhme Lenelis' Suppentopf.

„Alle guten Geister!“ schrie die Muhme und setzte sich vor Schreck platt auf die Erde und starrte das schwarze Ding auf ihrem Herde an.

Vier runde, rote Bubengesichter wurden an einem der Fenster sichtbar, vier Nasen drückten sich an den kleinen Scheiben fast platt, und angstvoll starrten vier Augenpaare in die Stube. Und als die vier Lauscher Muhme Lenelis auf der Erde sitzen sahen, bekamen sie einen heillosen Schrecken.

Aber schon richtete sich die alte Frau wieder auf. Sie hatte nämlich gesehen, daß das schwarze Etwas auf ihrem Suppentopf zwei schöne, blaue Augen hatte, in denen große Tränen standen, und da war es gleich mit ihrer Angst vorbei. Sie packte den seltsamen Gast mit starkem Griff, hob ihn vom Herd herunter und sagte kurz: „Du verbrennst dir noch die Hosen!“

Aber die waren nicht verbrannt, sondern klatschnaß, und mit kläglicher Miene schaute Traumfriede, denn er war der seltsame Gast, zur Muhme auf. Die legte ihr Gesicht in strenge Falten, während ein heimliches Lachen in ihren Augen lag, und sagte: „Warum biste denn durch'n Schornstein gekommen und nicht durch die Türe?“

In diesem Augenblick bemerkte die Muhme die vier Bubengesichter am Fenster und rief: „Ei, ihr freches Gesindel, was macht ihr denn da?“

Die vier wußten ganz genau, wie der Muhme strenge Worte gemeint waren. Flugs kamen sie in die Stube, da sie sahen, daß Traumfriede unversehrt auf seinen beiden Beinen stand. Die vier erzählten der Muhme gleich mit einem so stürmischen Eifer die Drachengeschichte, daß diese von allem Geschwätz kein Wort verstand und schließlich gebot: „Drei halten den Schnabel, und einer soll reden.„ Weil jeder der eine sein wollte, plapperten sie wieder untereinander; zuletzt erfuhr aber die Muhme doch die Geschichte. Der Drachen hing noch immer oben an der Esse. Traumfriede war bei dem Bemühen, ihn loszulösen, in den Schornstein gefallen. „Wie 'n Essenkehrer sieht er aus,“ sagte Schnipfelbauers Fritz voll Bewunderung und sah den Buben, der so ein seltsames Abenteuer erlebt hatte, ordentlich ehrfurchtsvoll an.

Durch diesen Essensturz war Traumfriede sehr in der Achtung seiner Mitschüler gestiegen. Das war doch noch mal was! Von einem Baume konnte jeder herunterfallen, aber in einen Schornstein und in einen Suppentopf hineinzufallen, war etwas Besonderes.

Bimbam, bimbam! begannen draußen die Glocken zu tönen. Über ganz Oberheudorf schallte die eherne Stimme und rief die Dorfleute in die kleine weiße Kirche, die ein wenig höher als alle Häuser lag.

Muhme Lenelis und die Buben horchten auf. „Ihr müßt gehen!“ sagte die alte Frau. „Marsch, sputet euch, seid fein andächtig! Der Drachen mag jetzt hängen bleiben, nachher bitte ich den Nachbar Töpfel, daß er ihn herunterholt, der hat 'ne lange Leiter.“

Die Buben trollten sich, und auch Traumfriede wollte die Stube verlassen, aber Muhme Lenelis ergriff ihn gerade noch am Jackenzipfel. „Bleib hier!“ gebot sie kurz. „So'n Schmierpeter kann nicht in die Kirche gehen. Komm, ich putz dich erst ab.“

Traumfriede blieb mit gesenktem Kopfe stehen, und als die vier Buben das Zimmer verlassen hatten, sagte Muhme Lenelis mild und mitleidig: „Armer Kerl du, hast gewiß keine andern Sachen!“

Traumfriede nickte stumm. In dem blitzsauberen Stübchen der Muhme empfand er erst so recht die schmutzige Armseligkeit seiner Kleidung.

Muhme Lenelis war allzeit mehr für das rasche Zugreifen als für das lange Besinnen. Sie legte daher auch kurz entschlossen ihre Sonntagshaube und ihr Kirchentuch sorgfältig ab, holte eine braune Decke herbei und gebot Traumfriede, er solle seine Sachen ausziehen und sich in die Decke wickeln. Während der Bube das tat, setzte sie eilig frisches Wasser auf den Ofen, stellte eine Blechschüssel zurecht, in der Traumfriede sich waschen sollte, und wirtschaftete so herum, während die Kirchenglocken draußen allmählich verklangen. Jemand in einer Not beizustehen, war in Muhme Lenelis' Augen auch ein Kirchgang, darum gab sie auch unbedenklich ihren Vorsatz auf und wusch und flickte Traumfriedes Sachen.

Es war so gemütlich und traulich in dem Stübchen, die Sonne schien so hell durch die blitzblank geputzten Scheiben, als sei es Sommertag. Schnurpsel schnurrte, und Mimi dachte bei dem Sonnenschein an blühende Obstbäume und Rosenhecken und stimmte ein fröhliches Lied an. Traumfriede verlor all seine Schüchternheit und antwortete freimütig auf alle Fragen, die Muhme Lenelis an ihn richtete. Viel Gutes bekam die Muhme da freilich nicht zu hören, und manchmal wischte sie sich verstohlen die Tränen aus den Augen und murmelte leise: „Armer Bube!“

Und ein armer Bube war Traumfriede wirklich. Er mußte hart und schwer arbeiten, bekam bei seinem Pflegevater kein freundliches Wort zu hören und nicht satt zu essen, aber desto mehr Prügel. Niemand kümmerte sich um den Waisenjungen, und niemand hatte ihn mehr lieb, seit das besinnliche Trinchen tot war. Die Müllerin hatte ihn zwar nach dem Tode ihres Kindes aufgefordert, er solle sie besuchen, aber dazu war er zu schüchtern gewesen.

Muhme Lenelis dachte, während der Knabe erzählte, an einen kleinen Strauß aus blassen Glockenblumen, roten Brombeerblättern und Kleeblüten, der auf Trinchens Totenbett gelegen hatte. Der Strauß hatte ihr gezeigt, was für ein gutes, treues Herz der arme Waisenknabe besaß. Sie hielt plötzlich im Flicken inne und dachte seufzend an ihre Armut. „'s geht nicht!“ murmelte sie, und dann wurde sie ganz still und nähte nur um so eifriger.

Als sie endlich fertig war, war auch die Suppe fertig gekocht, aber Muhme Lenelis behauptete auf einmal, sie habe kein bißchen Hunger, und so mußte Traumfriede alles aufessen. Ja ein Stück Apfelkuchen, das die Schulzenfrau der Muhme zum Sonntag geschickt hatte, bekam der Bube auch noch. Der hatte zum erstenmal in seinem Leben das Gefühl, ordentlich satt zu sein. Dann ging er mit treuherzigem Danke weg, und Muhme Lenelis sah ihm traurig nach. „Wenn ich nur ein bißchen mehr zu verzehren hätte,“ dachte sie, „gleich würde ich den Buben ins Haus nehmen.“

Am nächsten Tage war der schöne Sonnenschein zu Ende. Kalter, feuchter Nebel rieselte leise herab, und Heine Peterle machte ein wütendes Gesicht, weil er den Drachen, den Nachbar Töpfel wirklich vom Dach geholt hatte, wieder nicht fliegen lassen konnte. Das trübe Wetter hielt an, und die Kinder begannen von Weihnachten und von Muhme Lenelis' Bratäpfelfest zu reden.

Muhme Lenelis saß gegen Abend in ihrem Stübchen dicht am Ofen, strickte und dachte an allerlei, auch an Traumfriede. Ein leises Rascheln und Knittern an ihrer Türe ließ sie aufsehen; es mochte wohl eins der Dorfkinder sein, das sie besuchen wollte. „'s findet die Klinke nicht,“ dachte die Muhme, stand auf und öffnete die Türe.

Husch verschwand da jemand in der Dunkelheit, aber obgleich die Muhme Lenelis siebenmal so alt als Schulzens Jakob und noch etwas drüber war, konnte sie doch noch sehr schnell laufen. Eins, zwei, drei hatte sie den Flüchtling gepackt und zog ihn in den Lichtstrom, der zur Türe heraus in die Dunkelheit floß. „Na nu, was machst denn du hier draußen?“ fragte die Muhme und sah den Buben an, den sie festhielt. Es war Traumfriede.

Verlegen sah er auf die Muhme und dann auf ein mächtiges Reisigbündel, das die alte Frau jetzt erst bemerkte. „Hast du das gebracht?“ fragte sie freundlich.

Traumfriede nickte. „Der Herr Förster hat's erlaubt. Ich mußte nach Niederheudorf gehen, da hab' ich's auf dem Weg gesammelt, weil – weil's doch so kalt ist.“

„Guter Kerl du!“ sagte die Muhme gerührt und zog den Buben in ihre Stube und streichelte ihm das blasse Gesicht. „Komm, setz dich her, da auf dem roten Polsterstuhl darfst du sitzen, ich koch' dir rasch eine Tasse Kaffee.“

Traumfriede schüttelte den Kopf und sagte ängstlich: „Ich muß fort, sonst krieg' ich wieder Haue wie neulich.“

„Hast du am Sonntag Haue bekommen?“ fragte die Muhme erschrocken.

Der Bube nickte, aber über sein blasses Gesicht flog dabei ein heller Schein. „'s schadet nichts,“ sagte er geduldig, „'s war doch schön hier.“

Muhme Lenelis sah ihn eine Weile starr an und murmelte: „'s muß gehen, 's muß gehen! – Wo ist denn jetzt der Kohlbauer?“ fragte sie plötzlich.

„In der Schenke,“ stammelte der Bube und wurde puterrot, als er an den Pflegevater dachte.

„So ist's recht!“ sagte Muhme Lenelis, nahm sich ein Tuch um, steckte ein winziges Laternchen an, das sie in die Hand nahm, dann löschte sie ihr Lämpchen aus, ermahnte Friederike, Schnurpsel und Mimi, sie möchten artig sein, und sagte zum Traumfriede: „Komm mal mit mir!“

Der Bube folgte ihr willig, und die beiden schritten stumm nebeneinander durch die dunkle, stille Dorfstraße bis zum Pfarrhaus.

„Muhme Lenelis ist weich wie Käsekuchen, aber sie kann grob wie Kieselsteine sein,“ hatte die Schulzenfrau einmal gesagt, die große Stücke auf die Muhme hielt und ihr manches zuliebe tat. Als Muhme Lenelis nun an diesem Novemberabend vor den Pfarrer trat, da war sie weich wie Käsekuchen. Sie sagte dem Pfarrer, sie sei zwar eine blutarme Frau, aber der Traumfriede gefalle ihr so gut, daß sie den Buben gern zu sich nehmen möchte, der Herr Pfarrer solle ihr dazu helfen.

Aber das konnte der Pfarrer nicht. Die Gemeinde hatte dem Kohlbauern den Buben in Pflege gegeben und bezahlte das Kostgeld; er konnte weiter nichts tun, als dem Schulzen die Sache ans Herz legen, und das wollte er sehr gern tun.

„Das dauert zu lange,“ sagte Muhme Lenelis entschlossen, „gleich auf der Stelle muß ich den Buben haben. Ich geh' ins Wirtshaus, da sitzen sie alle zusammen, und ich gebe nicht eher nach, als bis ich den Buben zugesprochen krieg'!“

Damit ging sie hinaus. Auf der Straße traf sie die Schulzenfrau. Der erzählte sie alles, und die Schulzenfrau sagte. „Ich will auch mitgehen! Wir wollen noch die Schnipfelbäuerin holen, die kann noch besser reden als ich!“ Damit war die Muhme wohl einverstanden. Sie holten die Schnipfelbäuerin, und so zogen alle nach dem Wirtshaus, wo der Kohlbauer mit dem Schulzen und etlichen andern Bauern an einem Tische saß.

Traumfriede war das Herz zentnerschwer, als er in das Gastzimmer trat, und hätte die Muhme ihn nicht gar so fest gehalten, dann wäre er sicher ausgerissen. Muhme Lenelis hatte einen alten Groll auf den Kohlbauern, der seines Geizes und seiner Roheit wegen in der ganzen Gegend berüchtigt war; nur weil er so reich war, wagten die andern Bauern nicht recht ihm entgegenzutreten, so feige das auch war. Wohl wußten sie es alle, daß es Traumfriede schlecht bei dem Kohlbauern hatte, aber sie ließen die Sache gehen und beschwerten ihr Herz nicht mit der Sorge um ein armes Waisenkind.

Weich wie Käsekuchen war Muhme Lenelis hier nicht, sondern noch gröber als Kieselsteine. Kein Mensch hätte je der kleinen, freundlichen Muhme zugetraut, daß sie so viel und so grob reden könne. Sie hielt dem Kohlbauern seine Sünden so eindringlich vor, daß der reiche Bauer nicht wußte, wo er vor Verlegenheit hinsehen sollte. Aufstehen und ausreißen konnte er auch nicht, denn die Schulzenfrau und die Schnipfelbäuerin, zu denen sich noch die Wirtsfrau gesellt hatte, versperrten den Weg, und allemal wenn Muhme Lenelis eine neue Schandtat des Bauern aufzählte, riefen die drei: „So ist's, das stimmt, gebt's ihm nur ordentlich!“

Die andern Bauern hörten Muhme Lenelis' Strafrede so lange mit heimlichem Frohlocken an, bis die alte Frau sich zu ihnen wandte und ihnen sagte, wie bitter unrecht es sei, sich so wenig um eines armen Waisenkindes Ergehen zu kümmern.

„Das stimmt!“ schrien die drei Frauen. Jede nahm sich im stillen vor, gleich morgen etwas für Traumfriede herzugeben, denn alle drei hatten ein schlechtes Gewissen, weil sie nie an den armen Knaben gedacht hatten.

„Sie kann ja den Bengel selbst behalten! Nicht mehr ins Haus darf er mir!“ schrie endlich der Kohlbauer und entwischte, indem er sich an den Frauen vorbeidrängte.

Muhme Lenelis frohlockte, aber sie ging nicht eher, bis sie nicht den andern Bauern die Sache noch einmal dringend ans Herz gelegt und diese ihr mit Handschlag versprochen hatten, Traumfriede dürfe bei ihr bleiben. Da zogen die Frauen endlich zufrieden von dannen. Die Schulzenfrau, die Wirtin und die Schnipfelbäuerin aber trugen allerlei Eßwaren herbei. Die eine schenkte noch ein Kopfkissen, die andere eine Decke und die dritte versprach einen Anzug.

Muhme Lenelis nahm alles mit Dank an. Sie war sonst trotz aller Armut stets sehr stolz gewesen und hatte nie gern etwas angenommen, höchstens mal ein Stück Kuchen, jetzt aber dachte sie: „Es ist für den Buben. Dem lieben Gott sei Dank, nun kann er sich satt essen!“

Das tat Traumfriede an diesem Abend auch redlich. Es war ein vergnügtes Mahl, das die alte Frau und der arme Waisenknabe in dem freundlichen Stübchen hielten. Friederike, Mimi und Schnurpsel nahmen auch daran teil und schlossen gleich Freundschaft mit dem neuen Hausgenossen.

Als Traumfriede dann auf seinem Lager lag und zum erstenmal in seinem Leben fühlte, daß er eine Heimat hatte, da strich ihm Muhme Lenelis lind über das Gesicht und sagte: „'s war doch gut, daß du mir in meinen Suppentopf gefallen bist, gelle mein Söhnchen?“

Oh, der Suppentopf und Heine Peterles rosenroter Drachen! Wie oft dachte Traumfriede voll Dankbarkeit daran. Wenn einer plötzlich über Nacht ein Prinz wird und immer mit einer Krone auf dem Kopf herumlaufen darf, der kann nicht glücklicher sein als der arme Waisenknabe bei Muhme Lenelis.

In dem kleinen Häuschen wurde er ein lustiger, fröhlicher Bube, da verlor er seine Schüchternheit und lernte es, den Menschen frei und zutraulich in die Augen zu sehen. Es wurde so mit ihm, daß der Herr Lehrer in der Schule oft sagte: „Die beste Arbeit hat wieder Friede gemacht,“ und er meinte damit Traumfriede.

Die Gemeinde zahlte Muhme Lenelis ein Kostgeld für den Buben, und weil die Bauern sich schämten und der Herr Pfarrer ihnen zuredete, wurde das Kostgeld reichlich. Auch die Schulzenfrau, die Schnipfelbäuerin und die Wirtin vergaßen nicht, was sie versprochen hatten, und die Muhme sagte manchmal: „Bube, Bube, seit du mir in den Suppentopf gefallen bist, wird der nicht mehr leer!“

Schulzens Jakob, der das einmal hörte, fragte nachdenklich: „Ob unser Pflaumenmustopf auch immer vollbleibt, wenn ich mal reinfalle?“

„Studier 's lieber nicht,“ sagte Muhme Lenelis lachend, „es könnte dir schlecht bekommen, weißt du, so wie mit der Roggenmuhme!“

Da ließ es Schulzens Jakob, und das war auch besser. Es findet nicht jeder im Suppentopf das Glück wie Traumfriede.