Die klugen Gänse von Oberheudorf.
Sagt einer in Oberheudorf: „Ja, die Gänse, die sind schon klug!“ dann lachen die Buben, aber die Mädel ärgern sich, und Krämers Trude und Bäckermeisters Mariele, die halten sich gleich die Schürze vor die Augen. Na, man muß schon sagen, unrecht haben die beiden nicht, wenn sie sich schämen. Sie haben einen Streich ausgeführt, der ihnen viel Spott seitens der Buben eintrug und zeigte, daß auch gescheite Mädel einmal dumm sein können. Die Geschichte ist nämlich so.
Einmal, es war in dem Jahre, in dem Heine Peterle seine Stadtfahrt machte und Schulzens Jakob die schreckliche Geschichte mit der Roggenmuhme erlebte, war der Oberheudorfer Gänsejunge auf und davon gegangen. Er meinte, er sei plötzlich so klug geworden, daß er fortan Schafhirt sein wolle; für einen fünfzehnjährigen Buben sei Gänsehüten keine Arbeit, er wollte Schafe haben. Da die Oberheudorfer Bauern aber keine Schafe hatten, zog der Gänsejunge von dannen, und die Gänse hatten auf einmal keinen Hirten.
Da nun gerade Sommerferien waren, in denen Landkinder keine Badereisen machen, sondern fleißig in Haus und Hof helfen müssen, sagten die Bauern: „Die Mädel mögen halt die Gänse hüten!“ Zwei Mädel zusammen mußten also immer eine Woche lang die Gänse auf die Weide führen, und wenn die Woche vorbei war, dann kamen zwei andere dran.
Den Mädeln gefiel das ganz gut, und die Buben waren wütend; sie meinten, Gänsehüten sei leichter als Korn aufladen. Und schwer hatten es die Hüterinnen auch wirklich nicht; sie konnten im Schatten eines Baumes sitzen, schwätzen, mit Blumen spielen oder stricken. Die Gänse waren sehr gut erzogen und watschelten nicht weg.
An Oberheudorf vorbei fließt ein Bächlein durch ein schmales Wiesental. Das ist ein Gänsetummelplatz, wie er nicht schöner zu finden ist.
An einem sehr warmen Sommertag saßen Krämers Trude und Bäckermeisters Mariele dort unter einer großen Traueresche und walteten ihres Amtes als Gänsehüterinnen. Faul, nur manchmal leise schnatternd, lagen die Gänse auf der Wiese, und die beiden Mädel machten es ihnen nach. Sie lagen am Bachrand und guckten in die Luft. Sie hatten weder Lust zu spielen noch zu stricken, denn es war sehr schwül, und den beiden fielen schon bald die Augen zu.
„Mariele, schlaf doch nicht!“ murmelte Trude und puffte die Freundin in die Seite.
„Ich schlaf' ja nicht,“ lallte Mariele, riß die Augen weit auf und schloß sie gleich wieder.
„Faulpelz“ brummte Trude und drehte sich auf die andere Seite. Sie blinzelte nach den Gänsen hin, die ruhig im Grase lagen, dann nahm sie ihre Schürze und deckte sie sich über das Gesicht, denn die Sonne schien durch das Blättergewirr hindurch gerade auf ihre kleine, dicke Nase. Und auf einmal schritt das Trudelchen unversehens durch einen Garten voll lustiger Träume, und das Mariele an ihrer Seite spazierte ebenso vergnügt im Traumland herum. Mariele träumte etwas so überaus Lustiges, daß sie im Schlaf hell auflachte, von dem Lachen aber wurde Krämers Trude munter, und erschrocken richtete sie sich auf. Sie sah sich verschlafen um. Wo war sie denn eigentlich? Sie saß auf der Wiese dicht am Bach, – aber wo waren denn die Gänse?
Trude riß ihre Augen auf, soweit sie nur konnte, aber die Gänse erblickte sie nicht.
„Mariele,“ schrie sie ängstlich, „wach auf, die Gänse sind weg!“
Wenn das Mariele aber schlief, dann schlief es. Ein Murmeltierchen war leichter munter zu bekommen als das kleine, dicke Mädel.
„Aufstehen sollst!“ schrie Trude und puffte und schubste die Kameradin. Diese knurrte nur behaglich und schlief weiter. Da nahm Krämers Trude kurz entschlossen ihren braunen Henkelbecher aus dem Korb, schöpfte ihn voll Wasser und goß ihn der Freundin über den Kopf.
Das half. Mariele fuhr auf, wie von einer Tarantel gestochen, und begann fürchterlich zu schreien, daß es ihrer Kameradin himmelangst wurde.
Schließlich wußte diese kein anderes Mittel, als Mariele rasch den Mund zuzuhalten und ihr zuzurufen: „Die Gänse sind weg!“
Da verstummte auch Mariele und sah sich verwirrt um. Wirklich, die Gänse waren weg.
„Komm, komm,“ drängte Krämers Trude, „wir müssen sie suchen. Paß auf, die sind nur ein Stück im Bach weitergeschwommen!“
„Es wird so dunkel,“ jammerte Mariele ängstlich, „es kommt gewiß ein Gewitter.“
Auch Trude warf einen ängstlichen Blick auf den Himmel, der sich verdüstert hatte. Sie ergriff die Hand der Freundin, und beide rannten den Bach entlang und schrien von Zeit zu Zeit. „Wule, wule, wule!“
Aber keine Gänse gaben schnatternd Antwort, so dringend die beiden Hirtinnen auch lockten.
Den beiden Mädeln wurde das Herz immer schwerer.
„Wo sie nur sein mögen?“ rief Mariele klagend.
„Komm nur um die Ecke rum,“ sagte Trude ermunternd, „da werden sie sein.“ Als sie aber um die Ecke herum kamen, waren die Gänse doch nicht zu sehen.
Der Bach floß in Windungen zwischen Wiesen, Wald und mäßig hohen Bergen dahin. Das erste Dorf, das er auf seinem Wege erreichte, war Niederheudorf. Bei jeder Biegung sagte Trude tröstend: „Wenn wir um die Ecke herum kommen, werden wir sie finden.“
Aber immer wieder gab es eine Enttäuschung. Mariele weinte laut, Trude heulte leise. Einmal blieb Mariele an einem Busch hängen und riß sich ein riesengroßes Loch in ihren Rock, beinahe so groß war es wie der ganze Rock. Trude rutschte bei dem hastigen Laufen auf einer morastigen Wiese aus und bespritzte sich von oben bis unten mit Schlamm. „Die dummen Gänse!“ jammerte sie.
„Frech sind sie,“ klagte Mariele.
Plötzlich stießen beide ein wahres Freudengeheul aus und stürzten mit dem Rufe: „Da sind sie ja!“ auf eine Herde Gänse los, die friedlich im Grase lagen. Bei dem lauten Geschrei der Mädchen brachen die Gänse in ein aufgeregtes Schnattern aus und drängten sich dicht aneinander.
„Wollt ihr wohl heimgehen, ihr dummen Gänse!“ schalt Trude, und beide Hirtinnen trieben eilig die Gänse heimwärts, die ihnen freilich recht widerwillig folgten.
„Es sind doch so viele,“ sagte Mariele nachdenklich.
„Ach wo,“ rief Trude. „So dumm! Wo sollen denn die andern herkommen? Spute dich nur, es wird so trübe!“
Der Himmel hatte sich immer mehr verdüstert, und Eile tat wirklich not. Die Mädchen schalten laut auf die Gänse, diese schnatterten immer wilder, und über dem Lärm hörte weder Trude noch Mariele, daß ihnen jemand nachrief. Auf einmal aber fühlten sie sich gepackt. Hinter ihnen stand eine große, alte Frau, die die Mädel mit ihren knochigen, braunen Händen festhielt. „Wartet nur, ihr Gänsediebinnen,“ schrie die Alte, und ihre Augen funkelten vor Wut, „ihr abscheuliches Pack ihr, eingesperrt werdet ihr!“
Die beiden schrien Zeter und Mord, aber die Alte ließ nicht los. Wie Schraubstöcke umkrallten ihre Finger die Arme der Kinder, und so sehr sich Trude und Mariele auch sträubten, sie zog sie mit fort.
„Wir ha–ha–haben nicht ge–ge–stohlen,“ schluchzte Mariele.
„Huhuhu! Das sind unsere Gänse! Huhuhu!“ heulte Trude.
„Was, eure Gänse? Na, da schlägt's dreizehn,“ schrie die Alte. „So ein freches Gesindel! Na, wartet nur, ich sperr' euch jetzt ein, und Leberecht Sperling mag euch ins Dorf führen!“
Leberecht Sperling! Einen Augenblick waren die beiden sprachlos vor Entsetzen.
Leberecht Sperling sollte sie ins Dorf führen, – ja warum denn?
„Laß mich los, huhuhu!“ kreischte Trude.
„Los!“ quiekte Mariele.
„Fällt mir gar nicht ein, nä, so dumm bin ich nicht. Jetzt marsch, da rein! Ich treib' meine Gänse heim und schick' Leberecht Sperling nach euch!“
Ehe die beiden noch recht zur Besinnung gekommen waren, saßen sie in einem kleinen, feuchten, dunklen Raum.
Es war ein kleines Häuschen, in dem sich Fischkästen befanden, in das die Alte die Kinder eingesperrt hatte. Einige Minuten schrien diese, so laut sie konnten, und stießen mit Händen und Füßen um sich. Krämers Trude gebärdete sich am tollsten, aber plötzlich hörte Mariele einen Plumps und sah im dämmrigen Licht ihre Freundin verschwinden.
„Wo bist du denn?“ rief sie ängstlich. Trude gab nur eine undeutliche Antwort, sie war in einen Fischkasten gefallen. Sie fühlte, wie es um sie herum kribbelte und krabbelte, und entsetzt versuchte sie herauszukommen. Da sah sie einen hellen Schein und lief in dem Wasser, das ihr nur bis an die Brust ging, entlang bis an ein Loch. „Da komm' ich raus,“ dachte sie und bückte sich, kletterte über eine Planke und saß auf einmal mitten im Bach. Ein Weilchen blieb sie ganz verwirrt sitzen.
Die Gänse, die Alte, Leberecht Sperling, das dunkle Gefängnis, dem sie so unvermutet entronnen war, das alles ging ihr wie ein Mühlrad im Kopfe herum.
Marieles Jammergeheul in dem Fischhäuschen brachte Trude endlich zu sich. „Wir müssen ausreißen, ehe Leberecht Sperling kommt,“ dachte sie. Sie sprang von ihrem feuchten Sitz auf und lief an das Häuschen, um die Freundin zu befreien. Die Tür war verschlossen, also mußte auch Mariele durch den Fischkasten kriechen. Unter Stöhnen und Ächzen entschloß sich das kleine, dicke Mädel endlich dazu. „Ich kann nicht,“ klagte sie, als sie schon einen Fuß im Wasser hatte, „ich graule mich!“
„Leberecht Sperling kommt!“ rief Trude von draußen. Das half. Mariele sprang in das Wasser und kam auf dem gleichen Wege wie Trude pudelnaß aus dem Gefängnis heraus.
„Uff,“ ächzte sie, als sie im Bach saß, „das war graulich!“
„Komm nur,“ drängte Trude, „sonst holt uns Leberecht Sperling.“
„Aber die Gänse!“ klagte Mariele und lief hinter der Freundin her.
Krämers Trude blieb betroffen stehen und jammerte: „Ach, die Gänse!“ Doch da sah sie mit langen Schritten einen Mann sich dem Häuschen nähern. „Leberecht Sperling,“ stöhnte sie und raste im Galopp davon und Mariele heulend hinter ihr her.
Es war aber gar nicht Leberecht Sperling, der da kam, um die Gefangenen abzuholen, sondern ein Bauer. Verdutzt starrte er in das leere Häuschen, dann ging er kopfschüttelnd um das Häuschen herum. Aber er sah nichts, und endlich brummte er: „Die Karline hat wohl geträumt,“ und damit trollte er ab.
Die beiden Mädel liefen unterdessen über Stock und Stein und wagten es gar nicht, sich umzusehen. Das dicke Mariele stöhnte etlichemal: „Ich kann nicht mehr!“ Dann rief Trude mahnend: „Leberecht Sperling!“ und weiter ging die wilde Jagd.
Keuchend, atemlos, triefend und mit zerrissenen Kleidern langten die beiden Hüterinnen im Dorfe an. Sie rannten so, daß sie nicht rechts und nicht links sahen. Auf einmal liefen sie jemand direkt in die Arme und fühlten sich festgehalten.
„Na, wohin denn so eilig?“ fragte eine knarrende Stimme. Entsetzt blickten die beiden auf und sahen in das brummige Gesicht – Leberecht Sperlings. Das war zu viel des Schrecklichen! Mariele wurde totenblaß und schnappte nach Luft, und Trude legte matt den Kopf auf die Seite.
Der Waldhüter erschrak. „Aber Kinder, Kinder, was ist euch denn geschehen?“ fragte er angstvoll. Doch er erhielt keine Antwort, und kurz entschlossen nahm er die Mädel auf seine Arme und trug sie in das Dorf. Er langte gerade an, als der erste schwache Donner hörbar wurde und von allen Seiten die Leute vom Felde hereinkamen. Auf einem leeren Wagen saßen Schulzens Jakob, Heine Peterle und noch etliche andere Buben. Als sie den Waldhüter mit den Mädeln erblickten, schrien sie so laut, daß die Pferde beinahe scheu wurden.
Wenn in Oberheudorf etwas geschah, dann wußte es geschwind das ganze Dorf, und es dauerte nicht lange, da schaute aus jeder Haustür jemand neugierig heraus. So war es auch heute. In wenigen Minuten hatte sich ein Kreis um den Waldhüter gebildet. Er sollte erzählen und wußte doch nichts zu sagen. Und die Mädel, die er sanft auf den Boden gesetzt hatte, schluchzten nur erbärmlich.
„Zu dumm, daß Mädel immer gleich heulen,“ brummte Anton Friedlich.
Die Krämerin war auch herbeigekommen und nahm ihre Trudel auf den Arm. „Kind, sag doch, was fehlt dir?“ fragte sie besorgt.
„Gagak, gagak, gagak!“ erscholl es da plötzlich schnatternd, und vom Dorftümpel her kam eine Schar Gänse angewatschelt.
„Die Gänse, die Gänse!“ schrien die Mädel da plötzlich wie aus einem Munde.
„Gagak, gagak, gagak!“ schnatterten die Gänse und zogen stolz wieder ab, als hätten sie sich nur zeigen wollen.
„Die Gänse, ach, die Gänse!“ jubelten Trude und Mariele, und eine ganze Weile antworteten sie auf alle eindringlichen Fragen nur immer: „Die Gänse!“
„Ihr seid selbst welche,“ brummte endlich der Schulze, „wenn ihr nicht bald sagt, was geschehen ist!“
Das half. Auf einmal konnten beide reden. Wie Kreisel gingen die Mäulchen. Die Buben sperrten Mund und Augen auf: reden konnten sie doch auch, aber so geschwind nicht. Ja, und was hatten die Mädel alles erlebt!
„Na, da hört aber doch alles auf!“ rief der Schulze. „Ihr verflixten Mädel hättet ja beinahe die Niederheudorfer Gänse hergetrieben!“
„Die – Niederheudorfer Gänse?“ schrien Trudel und Mariele verblüfft.
„Na freilich, unsere sind ja schon längst zurück! Die waren klüger als ihr; sie sind einfach heimgelaufen. Sicher wart ihr in Niederheudorf, denn das Fischerhäuschen ist nicht weit vom Dorf entfernt. Ihr seid immer weiter gelaufen, statt einmal nach unserem Dorfe zu. Na so dumm!“
„Uh je,“ schrien die Buben, „die Gänse sind klüger als die Mädel!“ Krach! donnerte es da so heftig los, daß Männer, Frauen, Gänse, Kinder, und was sonst noch auf der Dorfstraße war und Beine zum Davonrennen hatte, ausriß. Die Kinder gingen in die Stube und die Gänse in den Stall, und somit war die Geschichte zu Ende.
Nur der Waldhüter stand einige Augenblicke allein auf der Dorfstraße, aber die Krämerin rief ihn ins Haus herein.
Er kam und war so freundlich, wie Trude es nie von ihm gedacht hätte. Sie sagte es nachher den andern Kindern, und seitdem heißt es im Dorf: „Wenn Leberecht Sperling nicht so brummig wäre, dann wäre er ganz nett.“
Als die Niederheudorfer die Gänsegeschichte erfuhren, da lachten sie, daß das Dorf wackelte. In der ganzen Gegend aber heißt es jetzt: „Die Gänse von Oberheudorf sind klug, aber –“, doch was die Leute weiter sagen, soll nicht aufgeschrieben werden, die Mädel könnten sich sonst ärgern.