III.

Das Meer ergoß sich in den Himmel. Himmel und Meer waren eins, und das Fischerboot am Horizont bewegte selig seine Schwingen, als wäre es im Himmel drin.

»Sie sind nicht intelligent,« sagte Andrée zu Karl, der vor ihr im Sande lag.

»Wieso?«

»Weil Sie Gott nicht fassen. Sie haben ja keinen Gott.«

»Wie kann ein junger, unerfahrener Mensch einen Gott haben?« meinte er. Vorläufig glaubte er nur an Engel. Den schönsten hatte er vor sich. Ihr dunkles Auge verführte, ihr frischer Mund plauderte unschuldig, und ihre feine Nase schien zu sagen: Gieb acht, denn ich bin klug! Er war berauscht, ganz Bewunderung und Mitleid.

Was wird dereinst aus dir werden? dachte er voll Angst und Schrecken, aus deinem Lächeln? deiner Stimme? deiner süßen Natur? Sie aber meinte:

»Kommen Sie, Croquet spielen« und lief zu Toto und Bébé, ihren Brüdern. Frau Espinas spielte mit. Sie schien die Schwester ihrer Kinder zu sein.

Hart am Ufer stand ihr Haus, im norwegischen Stile erbaut. Dort wurde gemalt, musiziert, gedichtet. Der Vater war tot. »Ein Glück für mich, daß er mein Vater war,« sagte von ihm Andrée, »denn sonst hätt' ich ihn tödlich geliebt!« Sie waren wohlhabend, fromm, genußsüchtig, und alles bot ihnen Genuß. Beim geringfügigsten Gespräch gaben sie sich zärtliche, drollige Namen. Wie liebte Karl seine neuen Freunde! Schon seit einem Monat weilte er in ihrer Nähe. Ihm war, als wäre er ewig dagewesen. Er war wie im Paradies, er war unter glücklichen Menschen. Hätte ihm nur der Schrei des Totenvogels nicht in die Ohren gegällt! Ach, nichts vermochte ihn zu übertäuben, keine Belustigung, keine Freude, so viele es deren auch gab. Was waren das für Zeiten!

Wenn man z. B. auf Krabbenfang ging – wie war das schön! Meilenweit lag nichts als verlassener Meeresgrund, fern schweifte das Meer. Wo hörte es auf? Wo fing der Himmel an? Es gab weder Himmel noch Meer, nichts als Luft, lichtdurchtränkte, goldige Luft, es regnete Sonnenstrahlen. Oder man wandelte nach dem nahen Hain, um im Schatten dürftiger Bäumchen Urwäldler zu spielen. Man nannte sich wie die Wilden. Toto, ein prächtiger Knabe, machte den Häuptling und sagte zu Karl und Andrée: »Ihr seid Bruder und Schwester und müßt zusammen hausen.« Und Abends konstatierte Karl: heute bin ich wieder nicht gestorben. Gottlob! Das Leben war doch schön! Es gab nichts Schöneres als das Leben und nichts Lustigeres als ihre Ausflüge auf Eselsrücken in großen Kavalkaden: die Mäntel flogen im Winde, doch kam man nicht vorwärts vor Lachen, und weil die Tiere nicht fortzubewegen waren. Dann der Abend, wo es so pechschwarz auf dem Strande war. Im Grab ist's noch dunkler, dachte Karl, und von fern Stimmen vernehmend, rief er fröhlich:

»Hoho!«

Und eine weibliche Stimme hallte zurück: »Hoho!«

Worauf sich das Gespräch entspann: »Guten Abend, Madame, ich hab' doch die Ehre, mit Frau Durand zu sprechen?«

»Ganz recht, mein Herr.«

»Ich bin entzückt, Sie nicht zu sehen.«

»Das Vergnügen ist ganz meinerseits« u. s. w. und am anderen Tag stellte sich heraus, daß die nächtliche Schöne keine andere als Andrée gewesen. Wie er da lachte! Er lachte und dachte: Lange währt's ja doch nicht!

Ja, er konnte noch lachen. Am Jahrmarktstag bei der großen Vorstellung im Zirkus kugelte er sich. Es war aber auch zum Totlachen. Die Öllampen rochen so schlecht, und der Zirkusdirektor ersuchte die Herrschaften, tüchtig zu applaudieren. Eine Ziege war das einzige Pferd, das sich produzierte, doch damit hatte es auch seine Schwierigkeiten, und ungehalten rief der Direktor: »Applaudieren! applaudieren! Ohne Applaus giebt's keine Kunst!« Und unter losbrechendem Beifallssturm produzierte sich das Zieglein, produzierte sich in jeder Beziehung!

Und ihre wilde Jagd über die Dünen! Hügelauf gings, hügelab. Ein Zug Möwen folgte ihnen, und Blanche, Andrées prüdes Cousinchen, fiel, den Kopf nach unten, die Beine nach oben, wo die übrige Gesellschaft sich befand. Allein Karl dachte: Alles Lüge, es giebt einen unfreiwilligen Tod.

An hellen Abenden, wenn die Dünen gleich Schneehügeln traumhaft dalagen, Strand und Meer silberweiß erglänzte, und Frau Espinas in seliger Verzweiflung ausrief: »Das ist zu schön! das kann kein Mensch aushalten!« oder wenn die Schwärmerin ihn sonst auch zu Hilfe rief, um in Bewunderung zu schwelgen, indem sie zum Beispiel sagte: »Sehen Sie nur das Hälmchen im Sand, ich bitte Sie! Und dort die Dünenkette, sehen Sie doch!« Wie drehte sie ihm das Messer in der Wunde! Die Natur, vor der sein Herz im Staube gelegen hatte, erschien ihm verächtlich, doch wie man an einer Verlorenen hängt, hing er an ihr voll Gram über die eigene Treue. Einmal auf dürrer Heide um sich blickend, geriet er selbst in Ekstase: Ein Stück Land und ein Stück Himmel darüber, es gab nichts Schöneres auf der Welt! Doch Schmerz und Bitterkeit übermannten ihn: Bin ich verurteilt? Muß ich ins Grab steigen? Seine heimatlose Seele klammerte sich an die Erde, um als ihr Richter und Märtyrer im Pfuhl ihrer Schande zu wühlen.

Am Namensfest der Mutter gab es ein Feuerwerk im Garten. Die Raketen blitzten auf und rieselten hernieder in blauen, grünen und roten Feuertropfen. Andrée hielt ihr Brüderchen empor, ihr Gesicht strahlte lichtübergossen, und sie fragte ihren Liebling:

»Ist das nicht schön? Ist das nicht wunderbar?«

Was wird aus dir werden, was wird aus dir werden? dachte Karl gemartert.

Morgens beim Erwachen betastete er sich, um zu sehen, ob er noch am Leben war. Ja, er war noch warm, er glühte! ...

Auf dem Marktplatz raste unter Musikgebraus ein Riesenringelspiel im Kreise dahin. Zum Spaß bestiegen sie manchmal die hölzernen Rosse. Wie im Winde ritt Karl, sein Roß schien Flügel zu haben, er jagte durch die Lüfte, doch im fliegenden Gewand schwebte vor ihm Andrée wie das Glück, wie ein Traum, wie etwas Unerreichbares! ...

Zur Flutzeit badete Alt und Jung. In ihrem roten Schwimmkleid entstieg sie, eine kleine Schaumgeborene, den Fluten. Er sah die Muttergottesbrüstchen, die herrliche Rückenlinie, den zarten, rosigen Fuß, ihre zierliche, himmlische Schönheit –

Dem Gott, der dich schuf, glaube ich alles! dachte er überwältigt, es muß ein Jenseits geben! Deinetwillen! Ich glaube es, glaub' es wenigstens, zu glauben! Gott, ich glaub' an Dich! Was willst Du noch mehr?

Und es war eine glühende Mondscheinnacht. Wie in lichten Rauch gehüllt lag der Himmel, unter jeder Wolke glimmte es, das Meer war entzündet, die Wellen hatten Feuerränder. Andrée, Karl und die anderen ergingen sich am Strand. Wohin sie den Fuß setzten, schlugen Funken empor, ein jedes Sandkörnchen erglänzte, als wäre die Welt in Brand gesteckt, stand alles in Feuer und Flammen. In Karl brannte es lichterloh. Da fragte ihn Andrée, was sein Herz bedrückte.

»Es ist die Furcht,« rief er kühn, »sterben zu müssen, eh' ich Sie zur Frau gewann!«

»Davor bewahr' uns Gott!« entfuhr es ihren Lippen.

Ein Jubelschrei war sein Dankgebet. In später Nachteinsamkeit irrte er noch berauscht am Ufer umher. Erbebe, Erde, ein Liebender schreitet über dich hin! Glühe, Himmel, Meer erschauere, ein großes Glück kehrt ein in die Welt! Reuig, gerührt hätte er sich Gott, wie einem Vater, in die Arme werfen mögen, als ein Klagelaut die Luft durchschwirrte.

Es wird wohl eine Möwe sein, dachte er: Hier giebt's keine Totenvögel. Tausend neue Kräfte überkamen ihn, die ihn zum Leben bestimmten und drängten, seiner Bestimmung zu leben. Er dünkte sich ein gar gewaltiger Herr, es war keine Ader in ihm, die nicht königlich gewesen wäre ... Da plötzlich durchzuckte es ihn:

Vielleicht sterbe ich an meinem Hochzeitstag! ...

Doch mußte er lachen. Der Tod hatte kein Recht mehr über ihn. Die Seele war ja unverwüstlich, und jede Faser in ihm war Seele, Liebe, jauchzendes Verlangen!

Glitzernd rauschte die Flut heran, purpurn brannte es in der Höhe. In ihm, um ihn Leben, Feuer, Erdenglut. Nur sein Schattenbild zitterte häßlich wie ein dunkler Fleck auf all der Pracht.

Kann man nie allein sein, Tod? dachte er; kann man nicht einmal in Ruhe an sein Mädchen denken? ...

Umsonst, sein Herz war angefressen; was Gram und Angst begonnen, das Glück vollendete es. Im Glück ereilte ihn die Wut. Denn wie bald konnte seine Stunde schlagen!

Hilfeflehend klammerte er sich an das Lichtbild der Geliebten: »Rette mich! Ist das deine ganze Liebe?« ...

Schon sah er sich verloren. Ja, ihm war, als erhöbe sich das Meer und wollte ihm ans Leben. Also jetzt? jetzt? ... Es packte ihn wie Wahnsinn. »Mörder!« schrie er und stürzte dem Feinde entgegen ...

Zurück! Zurück! warnten die Wellen. Doch der Rasende stürmte vorwärts, seinen Angreifer zu fassen. Sie schleuderten ihn ans Land: Wir kämpfen nur mit Männern, Wahnsinnige sind vor uns gefeit! Er brauchte nur Grund zu fassen, und Luft und Leben waren wieder sein. Doch um sich seiner Haut zu wehren, warf er sich wieder ins Wellengewühl. Ein fürchterlicher Kampf begann. Er glaubte mit Gott zu ringen. »Wer ist der Stärkere, das wollen wir sehen!« Wild schlug er drein, als wollte er das Meer zermalmen. »Ich will nicht sterben, nie und nimmer!« schrie er und ertrank.

Die Erbschaft.

Als junger Bursch ging Johann Muck nach Wien, sein Glück zu suchen. Auf Schusters Rappen und in der Glühhitze des Sommers. Wie lechzte er danach, im Schatten auszuruhen, als sich ein Wald vor ihm auftürmte, Baum an Baum, ein Riesendickicht.

»Wo gehts da in den Wald hinein?« fragte er einen Bauer, der des Weges kam.

»Dumme Frage«, war die Antwort, »der Wald steht einem überall offen.«

»Ach ja,« seufzte Johann Muck, »auch die Welt steht mir offen, aber ich weiß doch nicht aus, nicht ein.« Und er warf sich am Waldrand nieder, halbtot vor Müdigkeit. Zwei Tage war er unterwegs gewesen, ohne nur einen Wanderstab zu haben. Nun hob er einen gebrochenen Ast auf und begann ihn zuzuschnitzen, wobei er nicht aufhörte zu seufzen.

Der arme Teufel stand da ohne Arbeit, ohne Geld. Nichts hatte er als ein rechtschaffenes Herz. Zwar einen reichen Onkel hatte er auch, der aber von ihm nichts wollte, der Geizhals! Auf seinem schönen Gute hausend beklagte sich der Knauser und that, als ob man ihm noch etwas schenken sollte. Es galt denn ohne den filzigen Alten fertig zu werden, aber wie?

Von Kindesbeinen auf hatte er sich allein durchbringen müssen, denn seine Mutter war eine böhmische Köchin gewesen, und seinen Vater kannte man nicht. Arbeiten und nichts lernen! hatte seine Schicksalsparole gelautet. Wenn er wenigstens eine Profession gehabt hätte! Aber nichts konnte er, als höchstens Stöcke machen. Da schwang er sein Fabrikat, einen festen, elastischen Stock. Gut, so will ich Stöcke machen, dachte er, aber dich, meinen ersten, behalte ich zum eigenen Gebrauch!

Zehn Jahre später war er Inhaber einer Stockfabrik. Am Diamantengrund hatte er sich etabliert, das Geschäft florierte. Nicht umsonst hatte er sich abgerackert. Gestützt auf seine Stöcke sah er dem Leben froh ins Gesicht. Wer hätte gedacht, daß er so groß dastehen würde ohne einen Kreuzer Schulden. Der Zündhölzchenfabrikant Mayer, ein Hausbesitzer, war sein Freund. So weit hatte er es gebracht. Und aus eigener Kraft! Kein Wunder, daß er in die Breite ging. Ja, er konnte sich sehen lassen mit seinem stattlichen Bauch, je einen Büschel Bart auf den glänzenden Wangen und den bewußten Stock stets in der Hand. Der war sein stiller Kompagnon.

Es war eine Passion zu leben! Nur das verflixte Herz! Frau Bradl hatte es ihm angethan, die blühende Witwe eines reichen Cafetiers. Es gab keine feschere, herzigere Frau! Also eine Hoffnung mehr im Leben, ein Grund mehr, Gott zu danken. Das konnte er in jeder Beziehung, denn wenn man so dastand, wie er – Nun brauchte er nicht mehr den Schmuzian vom reichen Onkel, und zum Beweis, daß er ihm nichts nachtrug, machte er ihm einen prächtigen Stock zum Geschenk.

Doch da kam er gut an bei dem alten Griesgram. Der empfindliche Herr betrachtete den Stock als Symbol und schrieb dem Spender einen Brief voll Gift und Galle. Dieser bekam Dinge zu lesen, daß ihm Hören und Sehen verging, aber auch die Geduld. O der Giftzahn! Aber alles brauchte sich der Mensch nicht gefallen zu lassen. Na warte! Er mußte ihm seine Meinung sagen. Übrigens schrieb er ganz höflich: »Verzeihen Sie, lieber Onkel, ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, aber Sie sind ein Esel.«

Das war zu viel für den Wüterich. Er barst schier vor Zorn. Die Todfeindschaft war besiegelt. Das bleibt dir nicht geschenkt, Herr Neffe! dachte er. Alles Böse hätte er ihm anthun mögen. Darin war er groß. Ja, er sollte an ihn denken! Denn als er bald darauf als ein verhältnismäßig armer Mann starb, hieß es in seinem Testament:

»Mein Gut vermach' ich meinem lieben Neffen Johann Muck.«

Dieser verkaufte Stöcke und tauschte mit keinem König, als man ihm die Trauer- resp. Freudenbotschaft überbrachte: »Ihr Onkel ist tot, und Sie sind Gutsbesitzer.« Fast wäre er vor Freude gestorben, doch hielt er sich zurück.

»Mein armer Onkel!« klagte er vielmehr. »Das Gut gehört mir? Ist er sanft entschlafen? Welch' ein Glück! Wann wird er denn begraben? Das freut mich herzlich! Wie viel Joch beträgt es?«

Langsam faßte er sich. Sein Glück konnte er noch immer nicht fassen. Er freute sich, als hätte er sich sein Leben lang zu freuen. Umsonst versuchte er an der Bahre zu jammern:

»Hab' Dank! O daß du gestorben bist!« es klang wie ein Jubelruf: »O hab' Dank, daß du gestorben bist!«

Ist denn die Freude eine gar so anstrengende geistige Arbeit? Fast wäre er närrisch geworden. Aber es war auch keine Kleinigkeit. Er war froh gewesen, daß er lebte, und nun das Glück! Er war froh und zufrieden gewesen und nun das großmächtige Glück, das Glück aus heiterem Himmel! Kein Wunder, wenn man da gefühlvoll wird.

»Begraben Sie ihn gut, Hochwürden,« bat er gerührt den Geistlichen. Wie weinte er! Vollends am Grabe – wie weinte der lachende Erbe:

»Mein armer, armer Onkel!«

Zu seinen Lebzeiten hatte er nie anders von ihm gesprochen, als: »mein reicher Onkel« und kein gutes Haar an ihm gelassen. Aber die Toten haben es gut. Nun sagte er: »Mein armer Onkel« und hob ihn in den Himmel. »Mein armer Onkel! Gott, gieb ihm a Ruh'!« eine Redensart, die er offenbar von seiner Mutter hatte, die, wie gesagt, eine böhmische Köchin gewesen.

Nun aber kaltes Blut bewahrt! Und Courage! Und sich ins Glück gestürzt über Hals und Kopf!

Sein Geschäft hatte für ihn ausgelebt. Man bricht mit der Vergangenheit beim Erstehen eines neuen Glücks, da giebts keinen Pardon, nicht mit der schönsten Vergangenheit. Das Gut war seine Hoffnung, ihm galt seine Pietät. Verschleudern wollte er sein blühendes Geschäft. Zum Glück fand sich kein Abnehmer sogleich. Wie würde es ihm vollends ergangen sein mitsamt seinem Gut!

»Schade, daß es verwahrlost ist,« hieß es bei der Erbschaftsübergabe.

»Verwahrlost?« staunte er, »aber das steht ja nicht im Testament!«

Aber als er an einem Maitag an Ort und Stelle fuhr, um Besitz von seinem Besitz zu ergreifen, und nachdem er an der Bahnstation gefragt hatte, wo Himmelshof lag, sein Gut, seine Welt, und auf dem Weg dahin immer wieder gefragt hatte: »Wo liegt Himmelshof?« bis man ihm die Auskunft gegeben: »Na, vor Ihrer Nase!« wäre er vor Entzücken fast in die Kniee gesunken.

Das wollte ein verwahrlostes Stück Erde sein, dieses Paradies? Mit dem Blumenmeer von Feldern, den Blumensträußen von Bäumen, der kristallnen Luft voll Duft und Schmetterlingen? Luftig, gewaltig erhoben sich die Berge, ihr Atem berührte das Thal. Und was war das für ein Himmel! Wie schien dort oben die Sonne und streute Strahlen hernieder wie Gold. Auf goldiger Erde, unter goldigem Himmel stand das Haus. Das Thor war aufgethan. Juchhe! Ihm war, als hätte er eine Welt, als hätte er die Welt entdeckt. Was hatte er gewußt, daß es eine Erde gab, einen Himmel und einen Himmel auf Erden?

Und diesen schönen Fleck Erde hatte der Onkel wie die Pest geflohen, davon schließlich nichts hören wollen, so daß die Felder in schlechten Pächtershänden waren und die Waldungen verwildert. Aber man richtet sich eben ein, daß man alles selbst bewirtschaftet; hat man aber keinen blauen Dunst davon, so nimmt man sich einen tüchtigen Verwalter.

Muck nahm sich einen Verwalter, einen zu Grunde gegangenen Gutsbesitzer. Der mußte doch zu wirtschaften verstehen. Es war ein gar unternehmender Herr mit hochfliegenden Plänen, die vorläufig freilich nur in Anschaffungen bestanden. »In eine ordentliche Wirtschaft gehört dies, in eine ordentliche Wirtschaft gehört das –« und dabei hatte er eine Art, sich den langen Bart zu streichen, daß ihm Muck recht gab und Geld – Geld ohne Ende. Entweder man hat ein Gut oder man hat keins, rechtfertigte er sich vor sich selbst. Wagte er aber doch zu seufzen, so hieß es: »Das ist bloß der Anfang!« Doch der Anfang nahm kein Ende, hingegen seine Barschaft, denn Steuern mußten ja auch entrichtet werden. Gleich stellte sich der Staat ein mit der Rechnung: Ein Gut erben kostet so und so viel. Was nur das Bauen verschlang! Vom Viehkauf gar nicht zu reden. O mit deiner ordentlichen Wirtschaft! dachte Muck, bin ich denn ein Millionär? Hätte er wenigstens mehr davon verstanden! Schade, daß das Gut kein Zinshaus ist! bedauerte er oft, freute sich aber doch, daß das Gut ein Gut war. Machte es ihm auch Kummer und Sorgen, so war es doch sein Glück! Seine Sparkasse, dahin sein letzter Kreuzer spazierte, sein Stolz, für das er sich gern zu Grund richtete, von dessen Gnaden er nicht leben wollte.

In der That stand im nächsten Frühjahr ein schönes Haus da – er hatte sich kein neues gebaut, weil das zu hoch gekommen wäre, nur das alte umbauen lassen, was freilich so hoch gekommen war, wie ein neues – und Ställe und Scheunen lagen daneben. Wohl waren diese noch leer, doch auf den Feldern blühte die Saat. Ja, nun hieß es ernten, die Zinsen einheimsen. Was setzte er für Hoffnungen auf sein Gut, wie hatte er seine Freude dran!

Sonntags wenn er vor seinem Hause stand – wie dufteten die Nelken und Rosen! So schön hatten sie die ganze Woche nicht geduftet. Auf den Dächern girrten die Tauben, und im Hof trieben sich still die Hühner umher, der Hahn hochbeinig, den Schnabel in der Luft, die Henne gesetzt und bekümmert. Zwischen ihnen stolzierte der Verwalter mit einer Miene so sicher und gelangweilt und strich sich den wehenden Bart. Der Hahn hatte etwas Männliches und der Verwalter etwas Hahnenartiges – eigentlich konnte ihn Muck nicht recht leiden. Er war eine militärisch vornehme Erscheinung und stand mit der Mutter Natur auf Du und Du – man kam sich neben ihm vor wie Parvenü. Kinder liefen einem zwischen den Beinen, lauter Sprößlinge von ihm. All die Mäuler mußte er füttern. Ja, hier war er Herr, das fühlte selbst Schnapsl. Wie er ihm schön that, wie er ihn verwöhnte! Es gab keinen spaßigeren Dackel. Dick wie eine Walze, mit geringeltem Schweif – es war kein echter, nur ein »imitierter«, wie sein Herr ihn neckte. Der Kopf war groß wie von einem Flußpferd, dabei war er munter und verspielt wie ein Kind. Der liebte ihn auch nicht wenig. Endlich ein Hund, den er liebte. Er hatte noch nie einen besessen. Wie kann man Hunde fremder Leute lieben? Ihm war, als hätte er auch die Welt noch nie geliebt. Wie kann man die Welt fremder Leute lieben? Doch sich sagen können: Das ist mein Haus, mein Hund, das sind meine Schweine, meine Kühe!

Auch bei ihnen kehrte er ein und fand sie bei ihrem Tagewerk. Selbst an einem Sonntag rasteten sie nicht. Für die Kuh hatte er eine ganz spezielle Verehrung. Wie prächtig sie das frische Gras zum Dünger verarbeitete! An dem starren Körper hob und senkte sich der dünne, rege Schweif, es war wie eine Riesenmaschine.

Hie und da gingen Leute vorbei und grüßten mit trägem Respekt. Der neue Gutsherr erfreute sich keiner Beliebtheit. Dafür sorgten schon die gekündigten Pächter, die ihn ausrichteten. Ach ja, die Bauern! Bellend lief Schnapsl auf die Straße und bellte noch, wenn die Leute schon längst vorbei passiert waren. »Kusch dich, Schnapsl!« Aber er bellte beim bloßen Gedanken dran, daß es jemand gewagt. Er war ganz nervös und wollte seinen Spaß haben auch an einem Sonntag. Wie gern hätte er Händel angefangen! Doch mit wem? Heute durften die Kinder ihre Hosen nicht zerreißen. So lange zu ruhen! Man war ganz erschöpft, und der Tag nahm kein Ende. Wie wurde es eintönig im Hof! Man sah nichts als Hühner, Gänse und Tauben. Wer bemerkte sie an Wochentagen? Der Knecht lag vor der Stallthüre wie krank. Sechs Tage arbeiten und am siebenten vor Langeweile sterben – war das nicht zu viel verlangt vom lieben Gott und christlich? Das Haus stand noch am selben Fleck, und der Garten wurde immer kleiner. Man hatte die Rosenstöcke gezählt und man hatte die Hühner gezählt. Man wußte alles auswendig, und der Sonntag schien hundert Jahre alt mit seinen Rosen, Hühnern und Tauben, als man einen hohen Flügelschlag vernahm. Ein Laut aus höheren Regionen. Die Luft erbebte, ein Adler kreiste über Haus und Hof. Alles schauerte zusammen, fühlte sich geschmeichelt – welch ein Sonntag!

Und welch ein Sonntag war das für Muck, als die schöne Witwe, seine alte Flamme, ihn in die Versuchung brachte, oder vielmehr ihr Schwager, der pensionierte Hauptmann Bradl. – Das war so:

Muck stand wieder vor seinem Haus. Wenn er drin war, sah er es nicht und er wollte es immer vor Augen haben. Wie sich eine Frau unter Rosen schön ausnimmt! dachte er, die Verwalterin im Garten erblickend. In ihrem Sonntagsnachmittagsausgehkleid sah sie gar sanft und vornehm aus und putzte ihren Kindern die Nasen. Die ganze Naturgeschichte spielte sich ab vor seinen Augen, nur er hatte gar keine Rolle drin. Plötzlich hätte er auch Weib und Kinder haben mögen. Sein Hof war eine Arche Noah, darin alles gepaart war bis auf ihn. Daß ihm Frau Bradl einen Korb gegeben! Er hatte ihr nämlich einmal durch die Blume einen Heiratsantrag gemacht, aber sie war halt zu reich gewesen für ihn. Leider! Alleinsein ist doch kein Geschäft! dachte er, wo nimmt man schnell Weib und Kinder her? als der Hauptmann in den Hof trat.

»Meiner Seel und Gott, der Herr Hauptmann!«

Er war's mit seinem Kaiserbart und der eleganten Tournüre. »Der Herr Hauptmann! Welche Ehre!«

Der aber rief mit dröhnender Stimme:

»Gratuliere! gratuliere! Na, hören Sie, Sie haben ein Glück, Herr Muck, daß es schon nimmer schön ist.«

Muck erschrak nicht wenig.

»Ja, denken Sie sich nur, was Ihnen passiert ist,« lachte der joviale Herr, »ein Schatz ist gefunden worden auf Ihrem Grund und Boden. Natürlich gehört er Ihnen. Wollen Sie ihn nicht beheben?«

»Ein Schatz?«

»Da ist er!« Und lachend zeigte der Spaßvogel auf seine Schwägerin, die errötend und siegesbewußt hinter dem Zaun stand, ganz erhitzt von der Sonnenglut. Wie war sie hübsch, zum Dreinbeißen! An jeder Hand führte sie einen Buben, ja, Familie hatte sie auch, und man wäre gleich zum Fertigen gekommen. Doch statt das Glück beim Schopf zu fassen und mit tausend Händen danach zu greifen, dachte Muck abgeschreckt: Jetzt bin ich ihr gut genug, weil ich ein Gut hab', natürlich! und lachte nur bescheiden über den freundlichen Scherz. Doch that sie, als wüßte sie von nichts, und wollte gleich um ein Häuschen weiter. Verwandte von ihr wohnten in der Nähe. Sie war aus der Gegend – dieser Zufall! Nein, nicht um alle Welt wäre sie eingekehrt. Erst nach vielem Zureden ließ sie sich herbei, den Hof zu besichtigen. Sie schien etwas von der Landwirtschaft zu verstehen und machte Bemerkungen, wie:

»Recht schön, aber – Schade nur –« so daß Muck beleidigt auffuhr:

»Was aber? Was schade nur?«

»Gehen Sie!« lachte sie. »Haben Sie vielleicht kein Kreuz mit Ihrem Gut?«

»Freilich!« gab er zu.

Freilich gehört es nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens, beim Jahresabschluß eine Ziffer zu sehen, daß es einem schwindelte, aber nicht bei den Einnahmen, nein, bei den Ausgaben. Einnahmen! Das existierte überhaupt nicht. Ein Gut ist keine Melkkuh, sondern ein Säugling, der trinken will aus tausend Brüsten. Freilich gehört es nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens, mit offenem Säckel dazustehen. Das Stockgeschäft konnte nicht alles bestreiten. Es versagte einfach: Bis hieher und nicht weiter! Aber das Gut wollte leben. Ein kostspieliges Vergnügen das, ein Gut zu besitzen. »Gott, wie hab' ich das verdient?« seufzte er und konnte vor Sorgen nicht mehr schlafen, vor blutigen Sorgen! Der vielfachste Familienvater hatte es besser. Woher nur das viele Geld nehmen? Alles eins, wenn er es nur auftrieb, galt es auch, es aus der Erde zu kratzen. Na, ich leg' mein Geld gut an, dachte er, so gut, daß ich es nimmer angreifen kann.

Freilich hatte er die Butter umsonst. Umsonst? Du lieber Gott! »Was kostet Sie die Butter?« fragte er seine Kunden. »Neunzig Kreuzer das Pfund«, hieß es. Weiß Gott, dachte er, mich kostet es die Tausende und die Tausende!

Sein Gut war eben ein Land, wo Milch und Honig nur in geringer Quantität floß. Eine Kuh gäbe täglich nur vier Liter Milch, berichtete ihm erst neulich der Verwalter. Verdammtes Vieh! Es wurde gewartet wie eine Prinzessin und gab doch nicht mehr wie vier Liter pro Tag!

Ach ja, die Berichte! Schöne Neuigkeiten das! Der Ochsenstall müsse vergrößert werden, hieß es z. B., der Jäger habe gekündigt und sich bei den Leuten beklagt, zu wenig zu essen zu bekommen, die Dachrinne sei beschädigt, und Schnapsl hingeworden am Gift, das man den Füchsen gestreut – sein Schnapsl!

Und da staunten noch die Leute und fragten: »Was treiben Sie? Sie werden ja ganz grau?«

Sogar Hypothek hatte er aufnehmen müssen, sein Gut verpfänden!

Doch die Ernte sollte alles wieder einbringen.

Ei jawohl!

Tags vorher – die Lerche badete zum letztenmal in der goldigen Kornflut – zogen Wolken heran, ein ganzes Regiment. Auf dunklen Rossen kamen sie durch die Luft geflogen. Sie umschlangen sich mit rabenschwarzen Armen, und nun begann das Bombardement. Der Gutsherr zitterte, doch nicht für sein Leben. Das war ihm früher erlaubt gewesen. »Mein Haus!« jammerte er, »meine Ställe, meine Bäume!« Wie hätte er sie mit dem Leibe schützen mögen! Die Blitze zuckten wie tanzende Feuerstrahlen – welch herrliches Schauspiel! Doch hatte er andere Sorgen: Wenn es einschlüge! Es donnerte und dröhnte, als bräche der Himmel in Scherben. Krach! es hatte eingeschlagen! Großer Gott! Nun prasselte es hernieder, ein Wasserfall aus Himmelshöhe, der fürchterlichste Niagara. Hätte er doch einen Schirm halten können über Wald und Feld! Allmächtiger Gott! Er schmeichelte Gott, kam ihm grob, als ein kalter Kugelregen herabrieselte, das schwere Geschütz. Barmherziger Gott, und die Felder! Und der Assekuranztermin, der neulich abgelaufen und noch nicht erneuert worden war! Es war um wahnsinnig zu werden! Aber da lachte der Himmel, als sei nur alles Spaß gewesen. Dem Gutsherrn war nicht zum Lachen. Rasend vor Angst stürzte er hinaus:

»Wo, wo hat es eingeschlagen?«

»Auf dem Nachbargut.«

»Welch ein Glück!«

Aber man kam nicht aus der Aufregung heraus und hatte keine Ruhe. Weder vor dem lieben Gott, der die Ernte zerstörte, noch vor den bösen Buben, die die jungen Bäume beschädigten. Die Kerle fraßen ihm alles grüne Obst weg. Hätten sie nicht warten können, bis es reif geworden? Aber das war noch gar nichts. Ärger als die Obstdiebe waren die Holzdiebe, die Wilddiebe und die Tagediebe!

Die Frau fehlte an allen Ecken und Enden. Wie hätte er sich den Kopf abreißen mögen, Frau Bradl verschmäht zu haben, eine so tüchtige Frau, die abgesehen davon, daß er bis über die Ohren verliebt in sie war, für eine Gutsfrau wie geschaffen schien. Die würde Ordnung gehalten, den Knechten und Mägden auf die Finger gesehen haben, und das Vieh wäre nicht ewig krank geworden.

Jeden Moment gab es einen Patienten. Wenn er den Verwalter zur Verantwortung zog, indem er ihm zaghaft vorhielt: »Aber lieber Herr Stephani« – dann strich sich dieser den Bart so unschuldig und sanguinisch – es war um aus der Haut zu fahren! Welch eine Mißwirtschaft! In Geschäft und Werkstatt wußte er schon Ordnung zu machen, da nahm er sich kein Blatt vor den Mund, doch hier traute er sich nichts zu sagen aus Furcht, daß ihn jener anfuhr: Was verstehst du Stockfabrikant! Er konnte doch nicht überall sein, mußte ja beim Geschäft bleiben und arbeiten, arbeiten, daß ihm der Buckel krachte. Für wen? Für den Herrn Verwalter, die Knechte und Mägde, das Gesindel – Wie verwünschte er sein Gut in den tiefsten Grund der Hölle! Es schied ihn auch von seinen Freunden.

»Ein Gut erben, auch eine Idee!« spottete der Galanteriewarenhändler Fuchs, und der Hotelier Nagel erklärte ihn einfach für übergeschnappt. Freund Mayer konnte ihm nur das eine raten: »Verkauf dein Gut!« Um den kleinsten Haupttreffer hätten sie ihn eher beneidet. Er wurde lächerlich in ihren Augen. Armer Muck!

Nein, mit dem Gute wollte es durchaus nicht gehen. Zwar verlor er noch nicht alle Hoffnung, und die Zukunft erschien trostreich, aber bis dahin – Eine Freude oder ich vergehe! dachte er eines Tags und fuhr zu sich hinaus.

Es war gerade Kirchtag. Heissa! Es ging her wie im ewigen Leben. Bis vor der Wirtshausthür stand das Volk, so überfüllt war der Tanzsaal. Der Dudelsack brummte so rührend gemütvoll wie ein lebendiger Bauch, und die Burschen waren so fröhlich und die Dirnen so schön. So schön kann man nur einmal im Jahre sein, so fröhlich nie mehr wieder. Selbst der Dorftrottel freute sich, so viel Verstand hatte er noch.

»O ihr Glücklichen!« rief Muck laut aus. Doch ein Betrunkener meinte: »Glücklich? Geh weiter! Lustig sind wir, das ist mehr wert! Gescheit sein, Kinder!« Sie trieben's wie toll.

Was hieß lustig sein? Wenn man sich die Köpfe einschlug. Die Fäuste begannen ihr Werk, die Messer wurden gezückt. Wie das anheimelte! Nur scheinbar trennte man die Kampfhähne. »Loslassen! loslassen!« was so viel hieß, als: Nur zu! faßt euch! Bravo! Zumal als man Blut rinnen sah – wie die Alten die Hälse reckten – o Jugenderinnerung! – wie die Jugend gierige Mienen machte und etwas wie von einem großen Moment verspürte, ja, wie selbst die so arg Zugerichteten Stolz empfanden, die Helden des Tages! Allerseits Freude und Zufriedenheit, als man plötzlich des Gutsherrn gewahr wurde. Man schämte, ärgerte sich – was wollte der Störenfried? Konnte man sich nicht einmal friedlich unterhalten? »Hier ist kein Platz für Herrenleute!« riefen die Frechsten, und Muck machte, daß er fortkam.

So hab' ich mich denn unmöglich gemacht bei allen Menschenklassen? dachte er bitter. Soll ich unter Schweine gehen? ...

Auf dem Stoppelfeld grasten sie, und wie man plötzlich ein Kunstwerk entdeckt, daran man stets achtlos vorbeigegangen, sah er sie und sah, wie die alten Schweine etwas Tyrannisches an sich hatten, aber wie den Jungen die Unschuld aus den Äuglein blickte, gleich Idealisten, die im Sumpfe waten, weil dem Reinen alles rein ist. So sahen also die Schweine aus? Wie eine Wurst mit Augen und Ohren, mit Schnauze und Schweif. Das Tier in seiner einfachsten Form. Ein zweijähriges Kind konnte sie zeichnen. Und diese blasse Farblosigkeit, die roten Äuglein! Die reinen Albinos. Wie sie nur grunzten! Was giebts? Was beliebt? dachte Muck, aber die Chinesen würde ich ja auch nicht verstehen, sind die Chinesen trotzdem nicht Menschen? und blieb bei den Schweinen.

Er kam sich so verlassen vor! Sein Herz war voll tausend Ängsten. Wehmütig dachte er an die schöne Zeit, da er noch kein Gut besessen ...

Herbstzeitlosen bedeckten das Feld mit stillen, lauen Farben. Ein kühler Hauch entstieg der Erde. Er schlürfte ihn ein mit tierischer Gier, mit der Gier von Menschen, die den Kalk von den Mauern kratzen, weil ihr Körper weiß: das brauche ich! Wollüstig wühlte er im Erdreich, daß die schwarze, feuchte Erde sich ihm in die Poren drang, als wollte der Staub zum Fleische werden. Doch der Wurm, der über seine Hand kroch, nahm schnell Reißaus wie aus Ekel vor allem Lebendigen. Wer sich in Erde einhüllen dürfte! dachte Muck. Doch dazu wirds auch noch kommen. Schade, daß ich dann tot sein muß! Ihn erfaßte Müdigkeit und Sehnsucht, und eine Stimme tönte aus der Tiefe – was war dagegen Nixengesang? –: Komm in meinen Schoß, armer Mann, bist du nicht mein Kind?

Kopfüber hätte er sich ins Grab stürzen mögen, aber da kam ein Platzregen herniedergeprasselt. Heute war ja Kirchtag, da mußte er dabei sein. Das brachte Muck auf andere Gedanken: Mein neuer Hut! Und die Schweine! Schöne Geschichte das!

Mit seinem Stock trieb er sie heim. Die alten Schweine brummten in würdigem Baß:

»Würd' ich das geahnet haben,
Mantel hätt' ich umgenommen.«

Und die Jungen grunzten fein und hell:

»Auch ich! auch ich! auch ich!«

Aus war's mit der Lustbarkeit. Die Tanzenden stoben auseinander. Man rannte in den Regen hinaus. Die Buben mit Freudengejohle, die ausgezogenen Stiefel schwenkend, die Weiber mit über den Kopf geschlagenen Röcken. Sie lachten, kreischten und liefen, was sie laufen konnten. Der Regen war ihnen in die Beine gefahren, alles wollte naß werden. Als man heimkam, hatte es richtig aufgehört.

Doch wurde es Abend, und die Natur lag noch in Thränen aufgelöst. Muck aber wollte sich die Kleider am Leibe trocknen. In der Küche ging alles aus und ein. Dort setzte er sich hinter den Herd. Man brauchte nicht erst zu sterben, um ein warmes Plätzchen zu haben. So gemütlich war's in dieser Allerweltsküche, dem Bereich der Verwalterin. Das Feuer prasselte, Kaninchen huschten über die Fliesen, es duftete nach frischem Holz und Rauch, das Hühnervolk verlief sich her, und die Kinder machten Spektakel. Doch währte die Freude nicht lang. »Fort mit euch!« schrie die Verwalterin. Vorbei war's mit dem Sonntag, vorbei auch mit der Vornehmheit, sie war wie eine Wetterhexe. »Hinaus!« und jagte die ganze Gesellschaft auseinander. Die Hühner flogen auf, die Kinder weinten, und sie schrie: »Still, still, der Herr ist da!« Umsonst versuchte dieser, der Scene ein Ende zu machen: »Aber Frau Stephani« – Sie that sich noch etwas zu gute drauf, als wäre es eine Huldigung für ihn. Nun, er bedankte sich. Das Trommelfell sprang ihm schier entzwei vor all dem Gekreische, Geweine und Gekrächze – es war ein Hochgenuß!

Im Hof kommandierte der Verwalter und schrie mit den Leuten herum. Er nannte die Kuhmagd »Kuh«, den Ochsenknecht »Ochs« und nicht etwa aus Verwechslung. Dachte sich auch Muck im Stillen: Ich jage dich ja doch zum Teufel, er imponierte ihm. Wer so anschaffen könnte! dachte er. Es war eine Freude, ihm zuzuhören, wie er z. B. dem Jäger Ordre gab: »Sepp! Anstalten treffen für die Pirsch!« Daß der Wald mir gehört und nicht dir, was weiter? dachte Muck, ich hab' die Sorgen, du das Vergnügen.

Ja, er hatte einen großen Herrn in seinem Dienst, und das war das Malheur. Zwar ihm gegenüber war er der Respekt selber, wahrscheinlich um ihm weiß zu machen: Wenn ich auch befehle, drum bleibst du doch der Herr!

So kam er wieder mit der Frage, ob für das Gesinde ein Ochs geschlagen werden sollte.

»Schon wieder ein Ochs?« platzte Muck heraus. »Alles in euren Magen?« und vor lauter Ärger ging er hungrig zu Bett.

Sie schlachten mein Vieh und stellen mein Wild! dachte er voll Empörung. Ihm war, als sollte er den Ochsen von Knecht aus dem Ochsenstall, die Kuh von Magd aus dem Kuhstall, den Hund von Verwalter vom Hofe jagen, um sein eigener Knecht, sein eigener Herr zu sein.

»Heda, Stephani!« Er wollte nicht nur Gutsherr heißen, sondern auch den Gutsherrn spielen. War denn das eine gar so große Kunst?

»Sie, Stephani!« befahl er und zitterte nur so vor Anstrengung, »diesmal geh' ich mit auf die Pirsch!«

Es wurde ihm sauer, um 3 Uhr früh aufzustehen, aber er wollte auch einmal ein Vergnügen haben. In gelber Dämmerung lag das Thal. Die Pirschgesellschaft begann schon den Aufstieg zu nehmen, als Sepp plötzlich ausrief: »O Salami! Der Herr hat sein G'wirr vergessen!«

Mit dem Stock in der Hand wollte Johann Muck auf die Pirsch.

Als man eine Büchse herbeigeschafft und sie ihm umgehängt hatte, verging ihm alle Jagdlust. Er konnte keiner Fliege etwas zu Leide thun, und nun galt es, Hirsche über den Haufen zu schießen, wie er sich das nämlich so vorstellte. Aber entweder hat der Mensch Waldungen oder er hat keine, räsonnierte er und kletterte drauf los, daß ihm der Atem ausging. Jeden Moment blieb er keuchend stehen und wäre am liebsten umgekehrt. Wie schreckte er zurück! Ihm wurde angst und bange. Er fühlte: nun geht's in eine neue Welt!

Vom Himmel umgeben stand er an einem Abhang. Hie und da blinkte ein Stern wie ein Licht aus einem fremden, nächtlichen Dorf, von dem der Wanderer nicht wußte, woher es kam, wohin es führte, nur daß es ein Licht war, und das war genug.

In Schweiß gebadet erreichte er die Höhe. Es war seine größte Reise. So weit vom Leben war er noch nie gewesen. War sein Besitz so groß, daß er bis ans Zauberland stieß? Wo bin ich? dachte er, als er sich vom Hochwald umgeben sah mit seiner Stille, die melodischer war wie Musik, mit seinem Atem, der ihn wie eine unsichtbare Kraft umrauschte, und mit seiner Dunkelheit, die mit ihren weichen Fittigen alles umhüllte wie ein guter Geist.

Er bebte. Die Angst vor dem Schönen, die Furcht vor der Freiheit erfaßte seine Seele, die bisher in Gefangenschaft gelebt. Nur kein Erlebnis, um Gotteswillen! dachte er. Gieb dem Verhungernden Speise, und er stirbt am ersten Bissen. Als ihn der Verwalter am Wechsel ansetzte mit der Versicherung: »Der Hirsch kommt Ihnen, verlassen Sie sich drauf!« rief er zitternd: »Jesus, Maria und Joseph!«

Bewußtlos fand ihn dann jener, wie zermalmt von einem großen, großen Eindrucke, viel zu groß für einen Menschen. »Was ist passiert?« fragte er. In einer Art Furcht vor dem Erwachen faßte ihn Muck am Arm. Jede Fiber in ihm redete, sein Mund kam gar nicht zu Worte.

»Der Hirsch!« stammelte er endlich, »der Hirsch!« und erzählte, wie er vor Kälte und Müdigkeit eingeschlafen sei und sich dann, jäh erwachend, ihm gegenüber gesehen habe, einem Riesen von Anmut und Majestät. Welche Überraschung! Welche Lage! Wie habe er am ganzen Leibe gezittert! Die Büchse habe er fortgeworfen. »Ich hab' mich gefürchtet,« gestand er, als sei seine Furcht eine Furcht gewesen, derer sich kein Mann zu schämen brauchte. Sein Gesicht strahlte. Wie war ihm beim bloßen Gedanken daran, wie ihm gewesen!

»So 'was hab' ich noch nicht erlebt!« versicherte er. »Nein! nein ...«

Seine Seele wuchs und wuchs. Nun hatte das Schönste, Größte darin Platz. Aber mit dieser Seele im Leibe zurückzumüssen in das kleine Getriebe der Großstadt, in den engen Laden, wo es keinen Hochwald gab, keinen Sturm, keinen Sonnenstrahl. Wie er anfangs in der neuen Welt der Alte geblieben, so wurde er in der alten Welt ein Neuer. »Gott«, seufzte er, »ich bin aus meiner Sphäre herausgekommen. Gott, wie komm' ich in meine Sphäre wieder hinein? ...«

»Verkauf das Gut!« riet ihm Mayer, und der wußte, was er sprach. Dem redete niemand 'was ein oder aus. Man brauchte nur seinen Kopf zu sehen, diesen Koloß. Die glänzende Haut spannte nur über der massiven Schläfe. Sein Hirn war eine feste Burg, gar schwer zu erstürmen, doch drang ein Gedanke einmal hinein, saß er auch für ewig fest – es gab keinen größeren Dickkopf. »Verkauf das Gut! Verkauf das Gut!«

Als wären die Käufer vor der Thür gestanden! Auch wollte Muck ausharren. Nur abwarten, es wird schon gehen! vertröstete er sich. In der That schrieb ihm der Verwalter, die neue Kuh sei ein Prachtexemplar, das Schwein habe Junge geworfen und sonstige freudige Familiennachrichten noch mehr. Der Himmel war wieder voller Baßgeigen, und der Freund kam ihm gerade recht mit seinem: »Verkauf dein Gut!«

»Aus dir spricht der Neid!« rief er. Aber er wollte ja beneidet werden, er hatte das nötig wie einen Bissen Brot. »Komm!« sagte er. »Schau dir mein Gut an und dann rede!« Und er führte ihn hinaus. Wie wollte er mit seiner Habe paradieren!

Daß doch alles schief gehen mußte!

Er hatte hinaustelegraphiert: »Wagen zur Bahn schicken, gutes Nachtmahl bereiten, seltener Gast.«

Doch statt der Kalesche stand ein schweres Fuhrwerk vor der Station. Muck war wüthend.

»Aber Flurl,« schrie er den Knecht an, »mit was für einem Kraxen kommst du denn daher?«

»Ja, gnä' Herr, der Wagen ist gebrochen.«

Wie zwei Ballons saßen die beiden auf dem Leiterwagen. Der beutelte sie so zusammen, daß Mayer schließlich vorzog, zu Fuß zu gehen.

»Das ist ja 'was für uns korpulente Leute,« meinte er. »Freilich, du hast das nicht nötig. Ein Gut haben ist die beste Abmagerungskur.«

Unterwegs fragte er:

»Wem gehört das schöne Schloß?«

»Dem Ritter von Klein.«

»Und die Eisenwerke?«

»Dem Grafen Hardenberg.« Aber die Auskunft lautete so verstimmt.

»Auf deine Nachbarn bist du nicht gut zu sprechen,« meinte Mayer. Nach dem Grund fragte er gar nicht. Das lag ja auf der Hand. »Sind wir schon da?«

»Freilich!« rief Muck.

Wie der Bach zu rauschen begann, wie die Berge sich reckten! Man mochte glauben, das seien Berge und Bäume wie andere Berge und Bäume – warum nicht gar! Das war seine Scholle! Zwar hafteten Lasten drauf, gleichviel, vierhundert Joch Erdboden waren sein, und ebensoviel Joch Himmel waren gratis. Am liebsten hätte er die Welt assekuriert. Nur jetzt sollte sie nicht untergehen!

»Nun, Mayer, machst Augen, was?« Er hätte es ihm auch nicht anders geraten. War er ja doch selbst überrascht. Herbst lag wieder auf der Gegend, so farbenprächtig hatte er sie noch nie gesehen. Das war ein Rot, ein Gelb und ein Braun wie Gold und Purpur. »Mayer, ist das nicht schön, sag'! Du verstehst ja nichts, ich weiß es, aber ein jeder Dummkopf muß doch sagen: Das ist schön!«

Die Sonne saß auf einer Bergspitze, um jählings zu versinken hinter roten Flammen. Dieser Sonnenuntergang war sein! Glückstrahlend rief er:

»Grüß' dich Gott auf meinem Grund und Boden!« Ja, ich will dich auf Händen tragen, dachte er, dir das Beste vorsetzen, was ich hab', nur beneide mich!

Aber nicht einmal das kann man von seinen Freunden haben.

Wenn er z. B., auf die Felder zeigend, rief:

»Das sind meine Felder!« fragte Mayer:

»Wie war denn die Ernte?«

Oder wenn er frohlockte:

»Schau meine Obstbäume!« bemerkte jener:

»Heuer war kein Obstjahr, was? – Gehört der schöne Wald da dir?«

»Nein, der daneben.«

»Aber der ist ja ganz abgeforstet.«

»Wird schon anwachsen!«

»Jawohl, in hundert Jahren!«

Und als Muck diese Worte überhörend, rief:

»Eine prachtvolle Gegend, was?« wollte jener vollends wissen:

»Wie hoch kommt dich jährlich die Bestreitung des Guts?«

Aber Muck wollte an nichts denken. Es gab ja soviel Dinge, um sich daran zu betäuben.

»Hörst du den Bach?« rief er. »Das musiziert dir wie ein aufgezogenes Spielalbum.« Doch Mayer erkundigte sich wieder:

»Ist die Mühle einträglich?«

Der Müller schuldete den Pacht.

»Schau, das Wirtshaus!« sagte Muck ablenkend. Es war ein Neubau, ein Heidengeld steckte drin, wenn er aber trotzdem schimpfte, so geschah es nur aus einer Art Bescheidenheit.

»Richtig, es soll ja einen guten Apfelwein bei euch geben,« sagte Mayer. »Also das ist das Wirtshaus? Gar nicht übel!« Ja, das Wirtshaus gefiel ihm. Gottlob, daß ihm doch etwas gefiel. »Saperlot!« rief er.

Muck wußte ihm dafür Dank.

»Du mein einziger Freund!« sagte er gerührt. »Bist mir treu geblieben im Unglück, will sagen im Glück« – manchmal wußte er selbst nicht recht, war er unglücklich oder glücklich – »Aber wir wollen auch zusammenhalten!«

Er mußte stolz sein können, um glücklich zu sein und indem er einerseits sagte: »Das ist mein Wald, mein Bach, meine Mühle,« dachte er andererseits: Und das ist mein Freund, der Hausbesitzer Mayer.

»Ah!« rief dieser überrascht. Da lag ein Haus mit grünen Fensterläden, mit Hof und Garten davor, hart an der Straße, nah am Bach, ein buntes Beieinander – »Das also ist dein Haus?«

»Freilich! Das heißt – es ist doch?« Muck schien sein Haus nicht mehr zu erkennen. Ihm fehlte etwas. Hatte nicht ein Baum davor gestanden?

»Ja, sagen Sie mir, Stephani,« fragte er den Verwalter, der, sein Jüngstes auf dem Arm, aus der Thüre trat: »Wo ist denn nur der Apfelbaum?«

Dieser deutete auf den Rain jenseits des Baches.

»Aber wie in aller Welt kommt der Baum dorthin?«

Er hatte ihn umsetzen lassen, ganz einfach. So etwas! Gleich gab es Ärger, kaum daß man die Schwelle betrat. Hundskerl von Verwalter! Wie er nur die Honneurs machte, ihn umherführte in seinem Eigentum. Und schöne Dinge mußte er erfahren. Die jungen Schweine waren in den Mutterleib zurückgekehrt, das Mutterschwein hatte sie gefressen, die neue Kuh war krank, das Heu mißraten. So geh' ich langsam zu Grunde und muß dafür noch Steuer entrichten! dachte er.

Doch verschluckte er seinen Ärger, damit der Gast nichts merke, das hätte er nicht um alles wollen aus purer Eitelkeit, Gott bewahre! Aber wo steckte nur der Gast? Vor dem Haus saß er auf der Bank, um sich auszuschnaufen. Warum nicht gar! Und Hof und Ställe? Er hatte ja Hof und Ställe noch nicht gesehen. Es half nichts, er mußte das edle Mutterschwein bewundern, die kranke Kuh und die Perlhühner. Aber wo waren diese nur?

»Sie, Stephani, wo sind unsere Perlhühner?« fragte Muck.

»Die Perlhühner? He, Poldl, Lini, Hansl!« wandte sich dieser an die Kinder, die sich da herumtrieben. »Wo sind die Perlhühner?«

»Mutter!« riefen die Kinder ins Haus hinein. »Wo sind die Perlhühner? Der Vater fragt, wo die Perlhühner sind.«

»Wo sollen denn die Perlhühner sein?« gab die Verwalterin zurück, indem sie mit dem Kochlöffel in der Thür erschien. »Stasi! Wo sind die Perlhühner?« schrie sie die Magd an, die, am Brunnen stehend, ihre breite Rückansicht darbot. »Ich frag', wo die Perlhühner sind.«

»Die Perlhühner?« brummte Stasi, »die Perlhühner?«

Da sollte der Blitz dreinschlagen! Muck mußte an sich halten, der Stock in seiner Hand schien unruhig zu werden, zumal als die Verwalterin aufschrie:

»Jesus! Jetzt ist mir der Braten verbrannt!«

Schöne Aussichten für den Gast! Muck war außer sich. So gern hätte er ihm imponiert mit seinen Gottesgaben! Wieder mußte er an seine Witwe denken, d. h. an die von ihm verschmähte Witwe, der das gewiß nicht passiert wäre.

Ganz bitter schmeckte der Schweinsbraten. Nein, die Verwalterin hatte sich nicht ausgezeichnet. Aber mit Rücksicht auf ihren Mann, der am Mahle teilnahm, ließ Muck nichts verlauten. Hingegen fühlte sich dieser verpflichtet, aufzubegehren, so daß es den Anschein hatte, als wäre man bei ihm zu Gast.

Wenn wenigstens der Apfelwein besser geraten wäre! Aber Mayer hatte recht, es war der reine Essig. Diese Blamage! Nun dafür schmeckten die Kartoffeln. Sie waren aus eigener Ernte. Ausgezeichnet schmeckten sie; als sich Stephani auch schon beeilte, mitzuteilen, daß die Knollen aufgezehrt waren und neue beschafft werden mußten. Der Mensch gönnte einem keinen ruhigen Moment! Auch gingen Muck die Perlhühner im Kopf herum. –

»Warum machst du so ein trübseliges Gesicht?« fragte Mayer und auf ein Bild zeigend, das über dem Sofa hing: »Wer ist der lächelnde Patron?«

»Mein seliger Onkel,« sagte Muck, »Gott, gieb ihm a Ruh'!«

Er selbst hatte das nötiger. Zum letztenmal hatte er sich aufgerafft zur Freude. Er war zu Ende mit seinen Kräften. Das Gut wuchs ihm schon zum Halse heraus. Und doch als ihn Mayer wieder beschwor:

»Verkauf's! Schau, daß du's los wirst!« fuhr er wild auf, als ginge es ihm ans Leben. Er konnte das Wort nicht hören, es machte ihn rabiat.

»Das werdet Ihr nicht erleben!« brach er los. »Mein Gut geb' ich nicht her! Schneidet es aus der Erde heraus, wenn Ihr könnt!«

»Aber ich will ja nur dein Gutes, Kreuzdonnerwetter!« schrie Mayer, »dein Onkel ist zu Grund gegangen, und du wirst zu Grunde gehen wie noch viele andere nach dir, denn auf einem Gut müssen erst so und soviele zu Grunde gehen, wenn es Segen bringen soll!«

»Du wirst zu Grunde gehen! Du wirst zu Grunde gehen!« ahmte ihn Muck wütend nach. Umsonst versicherte ihm Mayer:

»Aber ich will dich ja nicht beleidigen!«

»Was hab' ich gethan, daß du mich nicht beleidigen willst?« rief Muck schmerzlich und zu guter letzt wurde er noch grob. Aber Mayer sagte nichts.

»Was sagst du?« rief Muck. Mayer hatte, wie gesagt, nichts gesagt, Muck aber schrie: »Was? ich bin ein Dummkopf? Das ist eine Infamie! Das brauchst du mir doch nicht zu sagen!«

Soviel Verstand hatte er noch, um zu wissen, daß er ein Dummkopf war. Wozu einem noch vorhalten:

»Willst du ganz an den Bettelstab kommen?« Da mußte man doch zornig werden.

»Freilich möchtest du das, mein lieber Freund, ich weiß es!«

»Ich sollte das wünschen, ich?« rief Mayer weinend. »Siehst du denn nicht, wie leid du mir thust?«

Das war zu viel! Muck geriet außer Rand und Band.

»Geh,« schrie er. »Geh!« Und als Mayer gehen wollte: »Du gehst? Du gehst?«

»Ja, ich gehe,« sagte Mayer und ging.

Wie verfluchte Muck alle Freunde, alle Menschen, die ganze Welt! Und wie ihm das allen Lebensmut wiedergab! Ich werde nicht zu Grunde gehen, nein, meine lieben Freunde, dachte er, daraus wird nichts! und schrie:

»Die Wirtschaftsbücher her!«

Aber die Haare standen ihm zu Berge, als er Einblick genommen. Der Schweiß rann ihm von der Stirne. Und doch war alles in schönster Ordnung. Ja, es war klar: er war zu Grund gegangen! Um Mitternacht saß er noch über die Bücher gebeugt, als sich die Gespenster einfanden: die Schulden. Er war der Verzweiflung nah. Das hätte er doch nicht gedacht. O die Schande! Er wußte, der Morgen würde kommen, aber die Gespenster würden bleiben und sich gleich Furien an seine Fersen heften. Händeringend betete er:

»Gott, bin ich denn ein Schuft? Gott, sag' Nein!«

Allein Gott sagte nicht Nein.

Wie um vor sich selbst zu fliehen, floh er in die Nacht hinaus.

Leuchtende Wolken beschienen das Thal. Der Mond glich einer matten Feuerwolke. Still schwebte er über den Bergen. Wie durchgeistigt standen sie da, ein jeder für sich eine Größe und zum Himmel gehörig, wie der Himmel zur Erde, da lag sie, wie ein Stück von ihm.

Muck faßte sich am Kopf. Wie eine Erscheinung lag vor ihm die Gegend. Ein großes Schweigen sprach aus ihr. Sie wußte nichts von Schweinezucht und Wirtschaftsnöten. Wie fühlte er sich vollends als ein armer Teufel, dem die Erde so wenig gehörte, wie das Leben. Wo war sein Gut hin? Es war wie versunken. Vor ihm lag nur ein Stück überirdisch schöne Erde.

Im Grase liegend fand ihn der Morgen. Die Gicht steckte ihm in allen Gliedern. Ja, auch die Gicht hatte er sich auf seinem Gut geholt.

Unter Glockengeläute erhob er sich. Es läutete zur Frühmesse. Der Mensch muß eine Zuflucht haben, und so ging er in die Kirche, in dieses Spital für kranke Herzen.

Es war ein nüchternes Kirchlein. Ein Bauerssohn von Priester stand am Altar. Wie der Diener, so der Herr. Hier wohnte nicht der ehrwürdige, großartige Gott, der in mittelalterlichen Palästen wohnt, dessen Geist unter Ornamenten und Spitzbögen schwebt, der einen Hofstaat hält von Bischöfen und Prälaten, nein, ein bäuerischer Gott, ein armer Mann von einem Gott, der Gott aus seiner Kindheit. Es war lange her, daß sie sich gesehen. Er glaubte eine Stimme zu hören: »Wie du dich verändert hast, Johann!« Und du dich erst, lieber Gott! dachte er. »Wie groß du geworden bist!« – Und du so klein! – –

Eigentlich hatte er große Momente auf seinem Gut erlebt: den Freund verloren und seinen Gott. Aber alles holt der Teufel!

Nur eins war ihm geblieben: sein Stock.

Und den brauchte er!

Heimkehrend sah er ein Wägelein daherrattern. Flurl saß auf dem Kutschbock. Er hatte einen Kropf, das war seinem Herrn nichts Neues mehr, dennoch mußte er sich bei seinem Anblick stets sagen: Er hat einen Kropf.

»Wohin? wohin?« hielt er ihn an.

»Zur Bahn.«

Nun erst bemerkte er den toten Rehbock, der steif im Wagen lag.

»Und der Rehbock?«

»Wird an den Wildprethändler expediert,« und Flurl ratterte davon, um den Zug nicht zu versäumen. Muck sah ihm nach.

Famos! dachte er, und ich beklag' mich noch, daß der Wald nichts einträgt!

Es war ganz früh. So früh hatte er noch nie den Hof betreten. Reges Treiben herrschte dort. Schon von ferne sah er Milch aufladen und die in nasse Tücher eingewickelte Butter. Gar so schlechte Leute hab' ich doch nicht! meinte er, und der Verwalter scheint auch nicht so untüchtig zu sein. Eigenhändig hob er einen Korb auf den Wagen, der, wie Muck entnehmen konnte, mit Eier gefüllt war. Er bekam ordentlich Respekt vor sich. Eierhandel treib' ich auch! Das wußte ich gar nicht, dachte er, aber wie kommt es, daß im Wirtschaftsbuch nichts von alledem steht, oder nur in kleinen, ganz selten auftretenden Posten?

Er lief ins Haus, schlug die Bücher auf, um sich zu überzeugen. Dann rief er nach dem Verwalter.

»Sie, Stephani,« sagte er, »wissen Sie, daß Sie ein Dieb sind?«

»Das nehmen Sie zurück!« rief dieser entrüstet.

»Was?« schrie Muck. »Na, warte!«

Knüttel aus dem Sack!

Er haute ihn durch, daß es eine Freude war. Das Stöcklein, froh, seinem Berufe leben zu können, machte lustige Sprünge. »Mich bestehlen! ruinieren!« tobte Muck, »aber ich will auch 'was davon haben!« Er traktierte ihn so, daß er sich zu wehren vergaß und, sich nur die schmerzenden Stellen haltend, rief:

»Das nehmen Sie zurück! Das nehmen Sie zurück!«

Aber einmal im Zug wollte Muck alles krumm- und kleinschlagen. »Ich war ein Dummkopf, und das sollt Ihr mir büßen!« schrie er, indem er mit dem Stock zwischen die Knechte fuhr. »Glaubt Ihr, ich lass' mich von hinten und von vorn betrügen? Von hinten meinetwegen, doch von vorn nicht!« Wo es einen Rücken gab, gab's Schläge. Nun erst erschien ihm das Leben wieder schön. Klips klaps! Klips klaps! Das Stöcklein schrie vor Freude, seine Stunde war gekommen – höchste Zeit! Sogar die Kühe und Schweine bekamen ihren Teil. Er behandelte sie wie Menschen. »Ich will auch 'was davon haben! ich will auch 'was davon haben!« Ein Huhn schlug er tot, mit einem Hieb. Ja, das Leben war schön, eine Pracht. Dennoch seufzte er:

»Ich möcht' ein bißchen sterben!«

Sofort wollte er sich im Teich ertränken. Im eigenen Teich sich ertränken können! Es ging nichts darüber, wohlhabend zu sein. Um sich aber vollends einen guten Tag zu machen, wollte er sich lieber aufhängen. Aber wo? Im Garten, im Wald oder am Rain an seinem geliebten Apfelbaum? Die Wahl that ihm weh, als ein Brief eintraf mit einer Neuigkeit, die ihm alle Lust zum Leben wiedergab. Wenn er seinen Verpflichtungen bis dann und dann nicht nachkomme, schrieb der Advokat, käme sein Gut unter den Hammer. Das Gut, das er mit seinem Blut gedüngt!

»Da muß ich dabei sein!« rief er.

Und er war dabei.

Es war Winter. Über die Felder strich der Wind. Die Bäume waren die reinen Skelette. Krähen saßen auf den Telegraphendrähten, und diese glänzten in der Sonne wie Stricke aus Brillanten. Hie und da guckte aus dem Schnee ein Stück nackte Erde hervor, es sah aus, als trüge sie zerrissene Kleider.

Im Haus war die Versteigerung. Es prasselte im Kachelofen, doch war die Stube nicht zu durchheizen. Man behielt die Pelze an, der Auktionator hatte sogar die Mütze auf. Er stieß mit dem Kopf an das Bild des Onkels, daß der Nagel sich lockerte, an dem dasselbe hing. Unter den Kauflustigen befand sich auch Frau Bradl in einer mit Bisam verbrämten Jacke.

Doch Muck sah sie kaum. Alle Liebe war beim Teufel. Sein großer Kummer kurierte ihn von allen andern Kummern dieser Welt.

Die Freunde bildeten das Publikum. Der Hotelier Mayer, der Schuhwarenfabrikant Horak, der Galanteriewarenhändler Fuchs – sie hatten die Landpartie trotz Schnee und Kälte nicht gescheut und schienen sich für die Prozedur sehr zu interessieren. Letzterer fragte Muck, ob er auch das Stockgeschäft zu verkaufen gedenke, er wolle das Geld dafür bar niederlegen, als der Versteigerungskommissär den Schätzungspreis ausrief für das zu versteigernde Gut: »Zwanzigtausend Gulden!«

Muck sprang in die Höhe.

»Nichts da!« rief er, »für mich ist es eine Million wert! So viel kann ich nicht verlieren!«

»Zwanzigtausendfünfhundert!« bot einer an.

»Einundzwanzigtausend!« ein anderer.

»Einundzwanzigtausendfünfhundert!« rief Frau Bradl.

»Zweiundzwanzigtausend!« hieß es.

»Dreiundzwanzigtausend!« rief Frau Bradl wieder.

Muck stand zitternd da. Er war nur noch Haut und Knochen, kaum zu erkennen, so alt und grau hatte ihn sein Gut gemacht. Nun aber sollte es in fremde Hände gehen! Nie und nimmer! Lieber geb' ich das Geschäft her, diese Goldgrube! Was mir noch fehlt, werden mir meine Freunde leihen. Nicht umsonst sind sie hergekommen. Gott wird ja auch helfen, er muß! Und schließlich bin ich auch noch da! dachte er und rief:

»Vierundzwanzigtausend!« als das Bild des Onkels schmetternd zu Boden fiel und in tausend Stücke brach. Zugleich ertönte es aus allen Kehlen, daß es klang wie ein Ausruf der Enttäuschung aus dem Mund des Toten:

»Er will es wieder haben!«

Doch bekam er es nicht wieder. Frau Bradl wußte es zu erschwingen. Aber hatte er nicht immer gesagt, sie habe es auf das Gut abgesehen?

Vernichtet stand er da und wie tot vor Schmerz. Er glaubte, nun sei alles aus. Doch irrte er sich. Denn nun fing das Glück für ihn erst an. Auf dem gutmütigen Gesicht der Frau Bradl stand es verkündigt. Vor Mitleid weinend begann sie, als sie mit ihm allein blieb:

»Ja, ja, Herr von Muck, so geht's, wenn man einen Schatz fahren läßt. Da bin ich ganz anders,« meinte sie resolut. »Wenn ich einen Schatz finde auf meinem Grund und Boden, so behalt' ich ihn!«

Er sah sie mit offenem Munde an, sie aber lachte und rief:

»Mit Ihnen muß man deutlicher reden!« und umarmte und küßte ihn. Drei Wochen drauf war Hochzeit.

Das Glück hielt Einzug auf dem alten Gut. Das war nun eine andere Wirtschaft! Muck erlebte Freude über Freude. Nun wußte er, was die schönste Erbschaft ist: man nimmt sich eine brave, reiche Frau, ganz einfach.

Rußland in Paris.

I.

Alle Welt war sich einig, Jacques Laurent sei ein wahres Schriftstellergenie, würde es aber doch nie zu etwas bringen. Von Zeit zu Zeit besaß er einen guten Freund, dem er das Haus einlief, ohne den er keinen Moment leben konnte, bis er ihm eines Tages den Rücken kehrte und ihn wie die Sünde mied. Verliebte er sich unversehens, so legte er seinen Gefühlen keinen Zwang an und selbst in Gegenwart des Gatten kompromittierte er seine Flamme. Nur mochte er das Pulver nicht riechen. Er ohrfeigte seine Beleidiger, schlug sich aber nicht. Dazu hatte er sein Leben viel zu lieb, einen Greuel vor der Polizei und die grimmigste Verachtung für die Sache selbst. Ob als Gegner oder Zeuge, nicht um die Welt hätte er sich in eine Duellaffaire eingelassen.

Nun war er mit Iwan Wocykow, dem Pariser Korrespondenten russischer Blätter, ein Herz und eine Seele. »Führen Sie mich doch zu Ihren Landsleuten!« bat er ihn eines Abends, »mich interessiert der Schmerz der Slaven, und ich möchte wissen, wie das ist, wenn die Seele eines Franzosen ein russischer Hauch berührt.«

»Wenn Sie keinen andern Wunsch haben,« meinte jener, »so kommen Sie auf den Ball, den wir heute zur Feier des 13. März*) geben. Der Eintritt beträgt einen Franken, und Sie können hin, wie Sie stehen und gehen.«

*) 13. März 1881, Attentat auf Kaiser Alexander II. und dessen Tod.

Sofort machten sie sich nach der Ballstätte auf, unterwegs bemerkte Wocykow: »Es leben in Paris zwei Arten von Russen: solche, welche mit der Botschaft gut Freund, und solche, welche ihr ein Greuel sind. Zu letzteren gehen wir.«

Zwanzig bis dreißig Paare drehten sich tanzend im Saale, am Büffet kredenzten Studenten Thee und Glühwein für wenige Sous, an kleinen runden Tischen saßen rauchend einzelne Gruppen, die meisten der Ballgäste standen oder gingen umher.

Laurent fiel die muskulöse Gestalt eines etwa sechzigjährigen Mannes auf mit starken Backenknochen, einem grauen Wald von Bart und Haar. Er sah aus wie ein Wilder, ein geistsprühender, in edlem Weltschmerz entflammter Wilder, mit dem sich ein gelehrter Wortstreit gelohnt haben würde. Es war Oberst Pokuroff, Chef der revolutionären Partei im Ausland. Die leidenschaftlichen Worte, die er an ein junges Mädchen richtete, malten sich ihm nervös und gewaltig in die großen Züge, als redete er geschliffene Beile oder blutige Thränen. Seine Zuhörerin schien hingerissen. Ihr gelbliches Gesicht mit der flachen Nase der Kalmückin lächelte entzückt, während ihre wunderbaren Augen den Redner anstrahlten voll Inbrunst und Schwärmerei, als müßte sie vor ihm in den Staub sinken. Die mongolische Maria Magdalena, dachte Laurent und lud sie später zum Tanz.

Madja – so hieß sie – schien kaum siebzehn Jahre alt, so zart und biegsam war ihre Kindesgestalt. Nicht minder unentwickelt war Olga, eine Blondine mit goldgepudertem Haar, und all diese schmächtigen Mädchen mit mächtigen Augen, die lächelten wie vielumworbene Frauen, deren matte Grazie zu frohlocken schien: Bin ich nicht bezaubernd? So schmal und eckig sie in ihren ärmlichen Kleidern erschienen, wollüstig wiegten sie sich in den Hüften wie unter der süßen Last üppiger Reize.

Die Tänzer in reichen Nationalkostümen sahen weit weniger russisch aus als die bleichen Bettelstudenten, wie Goltschmann, ein junger Mediziner von feiner Gestalt, die Blut und Rasse, und einem ideal schönen Gesicht, das tiefste Hoffnungslosigkeit verriet. Seine beste Kraft schien er in der Sehnsucht zu verprassen. Er tanzte, ging und stand umher, alles wie im Traum, und sah einen an, als hätte ihn jedermann auf dem Gewissen.

Ein bitterer Denker schien Klein, ein engbrüstiges Männchen mit zarten, verzwickten Zügen. So kränklich und unsauber sein ganzes Wesen auch war, verklärte dasselbe eine Art schmerzliche Intelligenz. Er lächelte, als lächle er zum erstenmal im Leben.

Der scheinbar am wenigsten hierher gehörte und sich doch am besten hier ausnahm, war Adler, ein gesunder Bursche mit blanken Zähnen. Seine Augen blitzten, wie Sammetstreifen lagen die Brauen unter der schneeweißen Stirne, die Nase strebte in die Weite, die dunklen Haare lockten sich, die vollen Wangen glühten – ein üppiger Orientale mit dem leichtwallenden Blut des Abendländers. Er war ein flotter Tänzer, Hofmacher und Witzbold, und beim Absingen der Chöre, was eine Nummer des Ballprogramms bildete, übertönte sein schmetternder Tenor das ganze Stimmengewühl.

Diese üppigweichen Klagelaute berauschten Laurent. Sie höhnten einander und wimmerten gemeinsam. Ihr Jammer klang wie Liebesrasererei, so leidenschaftlich hoffnungsvoll und krankhaft verzückt, wie angesichts himmlischer Visionen. »Wirf ab das Leid, das Schmerzenskreuz!« war ihr Schlachtruf, triumphierend erhoben sich die Klänge in ein phantastisches Schmerzensreich, und die weichsten Herzen mußten jauchzend einstimmen in dies Halleluja eines unglücklichen Volkes.

Sieh da, Raskolnikow! dachte Laurent beim Anblick eines jungen Mannes, der spöttisch in einer Ecke lehnte. Hunger und Hochmut blickten aus seinem Gesicht, das selbst auf die eigenen Leidensbrüder zornig herniedersah.

Major Abaza, der Säufer, saß melancholisch da und trank Absinth. Sein rundes, alle Farben spielendes Plein-air-Gesicht sah aufopfernd drein, als leere er jedes Glas auf das Wohl des Vaterlandes.

Mit kalter, kritischer Miene blickte Wocykow ins Balltreiben, als Berichterstatter sah er sich zu keinem persönlichen Gefühl verpflichtet. Der dicke Slave Zedekoff hockte schläfrig in einer Ecke. »Auf, Zedekoff, auf zur Mazurka!« rief Adler, der rührige Ballarrangeur, und tanzte die Mazurka mit derselben Verve, wie er soeben den Walzer getanzt hatte. Goltschmann und Madja, die ein Paar bildeten, schienen weniger bei der Sache zu sein. Klein führte eine stattliche Brünette mit großem, blassem, männlichem Gesicht. Ihre schwarzen Augen glühten. Ein Typus! eine Individualität! frohlockte Laurent und konnte kaum erwarten, ihre Bekanntschaft zu machen, doch sah er sich getäuscht. Die interessante Fremde war nur ein gutes, lebensfrohes Mädchen.

Doch Madja hatte es ihm angethan. Sie an einem, Olga am andern Arm betrat er die Straße. Der erste Morgenstrahl ging auf, in leisem Halbschlaf lag Paris. Unterwegs schloß sich ihnen Adler an, Mascha, seine Braut, führend; Sascha, deren Zwillingsschwester, hing am Arm des Mediziners Federscher, mit dem sie ihrerseits verlobt war.

Ein bedeutsames Wortgefecht auf den Boulevards zwischen 3–4 Uhr morgens gehörte zu Laurents Lieblingsgewohnheiten, doch mit Adler war nichts anzufangen. Fortwährend witzelte er. Sein Lachen klang keck und kraftvoll wie ein energischer Naturlaut. Oberflächlicher Patron! dachte Laurent, mußte ihm aber doch gut sein.

»Sie interessieren mich, es ist großartig, wie Sie mich interessieren,« murmelte er, ihn, Madja und die andern mit Blicken verschlingend.

»Weil Sie zu uns gehören,« sagte Olga kokett. Nun aber war Laurent nichts weniger als revolutionär.

»Warum nicht gar! da muß ich bitten! Ich bin liberal, streng liberal!« wehrte er sich.

Schließlich rühmte ihm Adler die schmackhafte Küche seines künftigen Schwiegervaters, des Restaurateurs Trebatsch in der Rue Pont Royal.

»Sie müssen kommen!« bat er, »kommen Sie bald, noch im Laufe des Tages!«

»Ich schau' schon einmal hin,« versprach Laurent.

Im Laufe des Tages ging er zu Madja.

Sie wohnte und schlief mit ihrer Freundin zusammen. Die Hände im Schoße, saß sie träumend da in ihrer ganzen eigenartigen Schönheit. Fast wäre er vor ihr niedergesunken. »Olga, wo ist unser zweiter Sessel?« fragte sie und war aus ihren Träumen erwacht.

Da wärst du nun, schien ihr Blick zu sagen, mit dem sie die knabenhafte Gestalt des Franzosen maß, sein kühnes Gesicht voll ewiggährendem Verlangen nach etwas, um es zu bewundern oder zu verhöhnen. Was willst du?

Ich fiebere, erwiderte seine heiße Miene, fieberst du doch auch.

Aber wir haben nicht dieselbe Krankheit, sagte ihr Blick.

Er war verliebt, wahnsinnig verliebt wie immer, wahnsinnig verliebt wie noch nie. Ein Bild der Jugend und der Freiheit, der Schönheit und des Elends erschien sie ihm. Wenn ihm nur ihr mysteriöses Lächeln, dieses Lächeln der Schönen Leonardo da Vincis nicht Angst eingeflößt hätte! Die Qual war nur auf seiner Seite. Das war ihm noch nicht vorgekommen! Du spielst die Spröde, freudloses Bettelkind, hergelaufene Studentin! rief es in ihm, doch vollends verzweiflungsvoll hätte er ausrufen mögen: Du bist das achtbarste Wesen, das mir je begegnet, vornehmer als alle großen Damen, reiner als alle Himmelsbräute, gefährlicher als die gefährlichsten Koketten! ... Allein ihr Lächeln sagte: Was willst du? Rußlands ganzer Jammer liegt auf mir!

Marx' Theorieen waren ihre Richtschnur. Die Politik war ihr gleichgültig, der ökonomische Krieg ihr Ideal. Keiner politischen Partei, einer religiösen Sekte schien sie anzugehören, so tiefgläubig egoistisch war ihr Streben und so recht um des eigenen Seelenheils willen.

»Fräulein Madja!« rief er mitleidsvoll. »Sie wollten Freiheit und haben Freiheit in Hülle und Fülle! Was kümmert Sie Rußland?«

»Ich sehne mich dahin zurück,« sagte sie einfach. Eine Erinnerung blitzte in ihr auf, und sie erzählte, um sich über sich selbst lustig zu machen.

»In Sebastopol war einmal Judenverfolgung. Ich bin aus Sebastopol und Jüdin. Wie alt war ich damals? Dreizehn Jahre. Mein Vater war ein kreuzbraver Mensch, und ich hatte ihn natürlich sehr lieb, und meine Mutter – ach, meine schöne Mutter war mir die ganze Welt! Nun aber waren sie in Gefahr, meine süße Mutter und mein Vater. Sie rangen die Hände, rauften das Haar, und ich starb fast vor Mitleid. Aber Stenko, der kleine Nachbarsohn, sagte: »Deine Eltern müssen sterben, denn sie sind Rußlands Ruin.« Ich war in Verzweiflung! Weh mir, meine angebeteten Eltern, weinte ich. Ich kann euch nicht helfen, ihr mein Glück und Leben! Denn seht, wenn ihr Rußlands Ruin seid ... Vater und Mutter hätt' ich hingeopfert für Rußland!« Mit glühender Bestimmtheit rief sie: »Der Patriotismus muß aufhören! Der Patriotismus ist mit das faulste Gift, daran wir elend zu Grunde gehen!« Über Jahrhunderte schien ihr Geist zu jagen, das Himmelsziel erreicht zu haben, und in gedämpftem Siegeston phantasierte sie: »Die Grenzen werden fallen, und die Altäre stürzen. Es wird weder Russen noch Franzosen geben, weder Christen noch Juden – keine Juden, man denke! – weder König noch Unterthan. Alles wird gleich sein, alles wird reich sein, frei sein und keinen Gott brauchen und keinen Himmel brauchen und nicht sterben wollen. Kein Vaterland und keinen Krieg wird es geben, nur ein Riesenreich: die Welt, und der Weltgeist wird das Steuerruder sein!«

»Niemals! Frankreich darf nicht aufgehn in der Allgemeinheit!« protestierte der Franzose. Ahasvers Enkelkind lachte aber und rief, indem sie sich in dem Stübchen umsah, das so winzig klein war und doch so ungeheuer öde, das so wenig Möbel aufwies und doch so viel Unordnung: »Kann man diesen Kerker lieben? Aber meine Tante, die hier ein Juweliergeschäft hat, bewohnt ein reizendes Appartement. Welch ein köstliches Gefühl, zu denken: hinter jener Thür ist noch ein Zimmer, das deiner harrt, eine ganze Flucht von Zimmern – ja, und sich sagen zu können: hinter jener Grenze blüht dir eine zweite Heimat, und hast du sie passiert, gelangst du in eine dritte – und so fort und fort! Durchstreifst du die Welt die Kreuz und die Quere, dein Fuß betritt nicht die Fremde! ... Vor zwei Jahren war ich verlobt,« schwatzte sie, »mit einem Kaufmann aus Odessa. Er war wohlhabend, eine wundervolle Partie, und ich war furchtbar verliebt in ihn. Schließlich wollte ich doch nicht heiraten aus Angst, Kinder zu bekommen. Nur das nicht! Denn stellen Sie sich vor, mein Kind käme zur Welt, blickte um sich weit und breit und fragte: Mutter, wo ist meine Heimat? ...«

Doch das Leben ist kurz, und ein ewiger Gesinnungsaustausch mit einem reizenden Mädchen, für das man glüht, kein Hochgenuß, zumal in einem ungeheizten Zimmer. – Fahr wohl, dachte Laurent, bist für die Liebe verloren, dich plagt ein anderer Dämon. Behalte dein Rußland!

Aber das russische Gasthaus besuchte er und wurde dort Stammgast.

Trebatsch, der Wirt, ein Rotbart mit wahrhaft königlichen Händen, war ein zu Grunde gegangener Wechsler aus Odessa. Aus seinem Pharisäergesicht, von dessen markiger Schönheit er keine Ahnung hatte, guckten tausend schlaue Teufelchen, doch war er die Demut und der Geschäftseifer selbst. Sein Kindersegen war groß. Sascha und Mascha, die Zwillingstöchter, bedienten.

Sascha oder Mascha? – das war hier die Frage. Gleichrunde, schwerfällige Gestalten, gleichrunde Wangen wie Milch und Blut, gleichrunde Kirschenaugen – nur Adler und Federscher, die beiden Auserwählten, konnten sie kraft ihrer Liebe unterscheiden, was nicht einmal das Vaterauge vermochte. Wie oft hörte man z. B. den Alten draufloswettern. »Mascha, nimm dich in acht! Was sind denn das für Sachen, Mascha? Mascha, ich sag' dir ins Gesicht« u. s. w., bis ihm der Ausruf das Wort abschnitt: »Aber ich bin ja gar nicht die Mascha!«

Das Lokal war eng, trüb und dumpfig, dafür wurden aber die Gäste, die Ernährer der Familie, auf Händen getragen. Gerstensuppe, haschiertes Beefsteak, Thee samt Citronenschnitte – alles kostete nur einen Franken. Lustig ging's gerade nicht zu. Man unterhielt sich im Murmelton, als läse man Gebete. Slaven kehrten wenig ein, zumeist Juden wie Adler, Goltschmann, Klein und Federscher, aber dem Herzen nach waren sie Russen und liebten Rußland wie ihre Muttererde.

Wie sie existieren konnten, war ihnen selbst ein Rätsel, trotz der Stipendien, die ihnen von reichen Glaubensgenossen zuflossen. Adler besorgte Abschriften für die russische Botschaft, die ihm sein Gönner, der Botschaftskanzler, verschaffte. Die meisten lagen auf der faulen Haut und darbten. Nicht immer hatten sie eine ständige Wohnung, manchmal überhaupt keine, bei Kameraden flogen sie wie Tauben aus und ein. Fragte man z. B. den Concierge neben der Kirche St. Etienne du Mont, wo Goltschmann zur Zeit eine Mansarde inne hatte: »Wohnt Herr Adler hier?« so hieß es etwa: »Nein, aber er ist soeben fortgegangen.« Oder erkundigte man sich nach Klein: »Heute war er noch nicht hier, muß aber jeden Augenblick kommen.« Sie steckten die Köpfe zusammen und klatschten – wer dachte an Dynamit und Sturz der Tyrannen! – richteten die Freunde aus und sprachen – sie gehörten zur südlichen Kolonie – von Odessa und wiederum von Odessa.

Sie waren hilflos, ohne Halt, lächerlich, aber sympathisch. So ordinär sie von Manieren auch waren, ihr Freiheitsdurst bürgte für ihre Seelengröße. Sie spielten nicht die Freiheitskämpfer. Sie schrieen nicht Feuer und Mordio, sie schwiegen und verbrannten. Gleich einer geheimen Sekte schlossen sie sich ab. Es war ein verzagtes Traumleben, das sie führten, ein Lagerleben, darin man zu keiner neuen Schlacht rüstete, der Ruhe geweiht, einer Ruhe, die entnervt und tötet.

Diese Unglücklichen, die mit ihrem Gott und nicht mit der Menschheit rechteten, konnten Rußlands Mißstände unmöglich gefährden. Nihilist sein galt bei ihnen nicht als Gesinnungssache, sondern als ein Stand, ein Fluch. Der dumpfe Drang nach geordneten Verhältnissen war ihre Triebfeder, und wie Wohlthätige die Bettler aus der Welt schaffen möchten, so trachteten diese Menschenfreunde sich selbst auszurotten.

»Wir sind schlechte Rebellen,« klagte oft Klein. »Der Russe macht in uns den Juden mutig, doch dieser den ganzen Menschen zu schanden.«

Das Gnadenbrot Europa zu Füßen werfend, wollte er sich später als Arzt in Palästina ansiedeln. Dahin gehen und sich den Bauch aufschlitzen, galt ihm eins – sein Heldenmut der Selbstvernichtung war mitleiderregend; ein Streber von Haus aus, betrachtete er seine Leidensgenossen als seine Verderber, und der Gedanke, Proselyt zu werden, umgaukelte ihn wie ein verführerischer Traum.

»Desertier, aber bleib im Land!« riet ihm Adler, der als ein glühender Verehrer Frankreichs die stolze Hoffnung hegte – und das kennzeichnete wiederum den Standpunkt dieser Aufständischen – als russischer Botschaftsarzt in Paris Karrière zu machen. »Mein Vater war Jude, ich bin Russe, und mein Sohn wird Franzose sein,« spottete der Tausendsassa, der immer bei guter Laune und bei Geld war. Wie oft half er seinem Schwiegervater mit 5–10 Franken aus der Verlegenheit. Mochten alle zusammenknicken, er trug das Haupt hoch und frei, nicht aus Selbstüberhebung – es fiel ihm nicht ein, über sich nachzudenken – Frohsinn war seine ganze Frechheit. Laurent blieb es unbegreiflich, daß der geckenhafte Geselle, den Eigensinn der Lebensfreudigkeit in jeder Fiber, sich in die Kutte des Nihilisten zwängen und mit einem Goltschmann in dicker Freundschaft leben konnte.

Wie im Opiumrausch taumelte dieser durchs Leben. Glühende Augen und ein mattes Lächeln – welch ein feuriges, todkrankes Gesicht, welch eine gesegnete, klägliche Natur! Stolz und schwach, hochtrabend und feige – ein Halbgott, der unter Menschen eine jämmerliche Rolle spielte. Vergebens beschwor ihn Laurent, der in ihm einen mächtigen Poeten erkannte, ja, einen gottbegnadeten, bizarren Poeten: »Schreiben Sie! Erleichtern Sie ihre Seele!« Vergebens wollte er ihm zu einer Existenz verhelfen und ihn berühmten Kollegen als Übersetzer empfehlen. »Die Goltschmanns thun nichts,« hätte Turgenjew sagen können. »Ich weiß es, das sind ja meine Helden!«

Bald verschwand er aus Paris, um in Wien aufzutauchen, oder kehrte plötzlich dahin zurück, geradewegs aus Madrid kommend. Stipendien waren sein Zehrgeld. Als einmal die Rede auf seine Wanderungen kam, und Laurent den Ausruf that: »Sind Sie aber beneidenswert! Ein Stück Welt gesehen zu haben, das lass' ich mir gefallen!« sagte er urplötzlich in einem Ton so grenzenlosen Kummers, daß selbst Laurent, dem harten Mann, Thränen in die Augen traten:

»Ist das auch 'was? Bin ja doch nur ein Fremdling im Leben. Trotz meiner achtundzwanzig Jahre hab' ich noch nie geliebt!«