Dritte Szene.

Gräfin. Marquise.

Marquise. Aber was machten sie mit Sophien?

Gräfin. Stürme, Stürme regt ich auf in ihrem Busen. Nach der Tafel zählt sie auf ihr Stelldichein, doch wink ich nun, ziehe sie in mein Kabinet, sage: Sophie, sie vertreten mich diesen Abend, nehmen mein Spiel, eine dringende Angelegenheit kann mich wohl bis zwei Uhr am Morgen entfernt halten. —

Marquise. Die arme Kleine! O die arme Kleine!

Gräfin. Von der Umwandlung ihrer Züge entwerfen sie umsonst ein Bild. Roth, bleich, Zittern, Wanken, unerhört! Ich schien gar nicht zu beobachten, nahm wieder das Wort: Vor zwei oder drei Stunden, empfing ich ein Billet, das mich bestimmte, in eine heimliche Unterredung zu willigen. Meine Zimmer sind angefüllt, ich fürchte die Neugier, und will die andere Person in ihren kleinen Saal bestellen. Hier fiel die unglückliche Sophie in eine tödtliche Erstarrung, kaum athmete sie noch — ich, bescheidne Verlegenheit heuchelnd, fahre fort: Hören sie alles Sophie! Der, den ich erwarte, ist der Chevalier von Blancé. — Bei diesem Namen glaubte ich, sie würde ohnmächtig niederfallen, doch überwand sie den Schrecken, die Bewegung. Sie sitzt beim Wist —

Marquise. Harte Tirannin! — Arme Sophie!

Gräfin. Bedauern sie sie nur. Unten warten zwei Notare, die ihren Heirathsvertrag aufsetzen, ich lasse ihr verschreiben, was sie meinem Wunsche begegnend, empfangen hätte. Ich behalte die Beiden, sie mögen hier wohnen, meine Kinder sein: schelten sie doch die harte Tirannin!

Marquise. Nein, nein, sie sind gütig, duldend, hochherzig, die nahe rasche Entwicklung tilgt mein Mitleid, und wahr bleibt es, Sophie hätte ihnen entdecken sollen —

Gräfin. Ja wohl, doch ich entschuldige sie. Der Chevalier band ihr auf, ich fühle Liebe für ihn, nur die Zeit würde mich heilen, mir Kraft zum Aufopfern geben. Sophie fühlend, romanhaft, glaubte. Der Geliebte leitete sie, demungeachtet verbirgt ihre Unbefangenheit sich so wenig gewandt, daß es nur meinen Willen gegolten hätte, und das Geheimniß war mein. Der Vorwurf meiner Rache ist er, mit seiner Falschheit, dem sträflichen unbedachtsamen, platten Leichtsinn. Ihm gilt es!

Marquise. Meinen sie aber, er könne mit dieser Denkart ihre Nichte beglücken?

Gräfin. Sie ist Wittwe, Herrin über sich, wählte allein; übrigens hat er freilich tausend Gebrechen, doch zum Erstenmale liebt er wahr, er betet Sophien ja an. Und er ist doch auch wacker, von achtbaren Eigenschaften, Name, Vermögen — billigt die gesunde Vernunft Sophiens Wahl nicht unbedingt, was kann sie viel einwenden?

Marquise. Welche Pein sie ihm bereiten; doch die Erscheinung der Notare gleicht alles aus.

Gräfin. So? Ah sie kennen ihn wenig. Das Lustige ist, er kömmt nicht mehr davon, muß den Heirathsvertrag zeichnen, diesen Abend, muß entzückt sein, vom Himmel, vom Göttlichen reden — und er fühlt dennoch nicht die mindeste Neigung zu einer so frühen Ehe.

Marquise. Ah —

Gräfin. Ein Herz ohne Tadel, doch ein Sinn für Freiheit — sie kennen das alles noch nicht. Wie er es jetzt treibt, trieb er es gern noch lange. Ihn entzückt das Umhergaukeln, wohl denkt er Sophien einmal zu heirathen, aber das drängt, das preßt ihn noch wenig. Erst noch Roman auf Roman. Bisher kannte er nur die Genugthuung, zu gefallen; die höhere, geliebt zu sein, beugte die üppige Eitelkeit noch keineswegs nieder, alle Frauen die ihm liebenswerth erscheinen, zu unterwerfen. Und das gelingt ihm besonders durch eine ungemeine Geschmeidigkeit der Phantasie, die ihn alle Eindrücke auf das lebendigste in sich aufnehmen läßt. Andere Männer ergreifen den Schein, er darf nicht heucheln, sein leichter Flug der Begeisterung giebt die Wahrheit selbst; er glaubt selbst an seine Eide; so betrügt er ohne zu hintergehn, ist ohne Treulosigkeit wankelmüthig.

Marquise. Sophie, ich beklage dich!

Gräfin. Immer wird er zu Sophien wiederkehren. Dies ist alles, was sie über ihre Nebenbuhlerinnen erhebt. Aber ist es wenig? Die Männer — wer von ihnen schlüge keine Nebenwege ein?

Marquise. Der Vicomte von Verteuil. Ihn nehmen sie aus. Innig glühte er für sie.

Gräfin. Hätte ich die Flamme genährt, lange wäre sie erloschen.

Marquise. O er fühlt noch —

Gräfin. Freundschaft!

Marquise. Sehn sie ihn?

Gräfin. Hin und wieder, und ich treibe dann den Scherz, Blancés Eifersucht zu wecken.

Marquise. Dieser zeigt ihnen also immer Liebe?

Gräfin. Meidet Sophie das Zimmer, allerdings! Glauben sie, seitdem mir sein Geheimniß offenbar wurde, treib ich viel Scherz —

Marquise. Aber zuvor meine Freundin — viel Ernst?

Gräfin. Sie glaubten —

Marquise. (lachend.) Nun —

Gräfin. Solche Schwäche von mir?

Marquise. Offen! Aus der Menge, die ihnen zu gefallen strebte — hatte der Chevalier vielleicht die gültigsten Ansprüche.

Gräfin. O mein Gott! Er hat Verstand, Grazie! — Zehn Jahre früher, dürft ich vielleicht — nein, nein, nein, den Staarkopf hätte ich geflohn — kalte Verständigkeit will ich, strengen Sinn —

Marquise. Die hat der Vicomte, dazu manche Anmuth.

Gräfin. Der Gestalt — ja er — las, fühlt richtig, doch werden sie eingestehn.

Marquise. Gestehen sie auch, daß die Starrköpfe oft desto anziehender sind.

Gräfin. Pst — mir deuchtet —

Marquise. Ja ja — man steigt die Treppe herauf.

Gräfin. Die Thür … Ah der Stuhl fällt. Das ist er, kein Zweifel. Gehn sie theure Freundin!

Marquise. O noch einen Augenblick lassen sie mich hier.

Gräfin. Still, still! — lassen sie uns hören. — Man redet. Duprés Stimme. (Sie horcht) Immer Dupré. (sehr laut) Sie sind doch allein? — (zur Marquise) Ja er ist allein. Nur eine Probe mit dem Lehnstuhl. (Sie horcht) Ja — aber verstehn sie mich auch? (zur Marquise) Noch lauter. — Guter Gott, wie stark muß man rufen —

Marquise. Diese Art der Unterhaltung strengt an.

Gräfin. Nun werd ich inne, warum Sophie seit sechs Wochen heiser ist.