Zwölfte Szene.
Gräfin. Der Chevalier.
Chevalier. (im Hintergrunde) Wie bin ich erschöpft! — Da ist sie — O Sophie!
Gräfin. (erhebt sich und wendet sich) Mein Herr?
Chevalier. (bei Seite) Himmel! Die Gräfin!
Gräfin. So angewurzelt — versteinert? Doch was fürchten sie; sagt ich ihnen nicht Verzeihung zu? Verzeihung in diesem Saal?
Chevalier. Was hör’ ich! Wie, Madame —
Gräfin. Suchen sie Sophien etwa? Sie mied, seit der Abendtafel, nicht mein Zimmer.
Chevalier. Träum ich aber? — Madame — sie — sie hätten durch die Tapetenwand —
Gräfin. Mich mit ihnen unterhalten. Ich meine, die Stimme könnte Sie nicht hintergehn. Sophiens Sprachorgan ist viel melodischer und harmonischer. Nannten sie es nicht so?
Chevalier. Madame — sie — sie! Wenn ich also Sophien anklagte, umgab mich Täuschung, warfen Irrthümer mich hin; Sophie ist unschuldig, nichts konnte sie umwandeln.
Gräfin. In der That, diese Aufwallung gewann mich. Nur aus der tiefsten, wahrhaft gerührten Seele kann sie hervorgehn. Ein anderer zeigte Bestürzung, Schaam, Verlegenheit, sie phantasiren nur mit Sophiens Herz. So, so liebt man wahr!
Chevalier. Erwach ich denn gar nicht von diesem Traume? — Rufe ich mir aber zurück, was sie sagten, begreif ich nicht, daß ich einen Augenblick hintergangen werden konnte. Welche Andere konnte mich mit einer so zauberischen Gewalt der Worte, so treffendem, geistvollem Ausdruck, so viel Grazie der Urtheile hinreissen.
Gräfin. Denken sie daran, was sie vorhin von mir sagten, und fühlen sie, wie jetzt ihr Lob in mein Ohr tönt.
Chevalier. Wer eine Rivalin wie sie bekämpfen will, muß sich in die Arme der Unwahrheit werfen.
Gräfin. Und diese Leidenschaft, die sie mir andichten —
Chevalier. Glaubt ich an den frohen Wahn, ließ ich mir eine Gerechtigkeit widerfahren, die mich mit Selbstvertrauen waffnen sollte. Theilt ich ihn Sophien mit, sollt er mir in ihren Augen mehr Werth geben. O der Mann, den sie lieben, entflammt jedes Frauenherz.
Gräfin. Sie peinigt also keine Reue, keine Verlegenheit.
Chevalier. Ich würde betroffen sein, wären sie nicht über die Gewöhnlichkeit erhaben, fühlt ich mehr Eigenliebe als Bewunderung für sie — denn die Schmach, die sie auf mich zu häufen strebten, war hart — Doch welche Fülle der Beruhigung in ihren Triumphen!
Gräfin. Artige Triumphe, sie zwei Minuten gefoppt zu haben.
Chevalier. Sie fühlten ihren Stolz nicht! Nein, die Bescheidenheit wäre zu groß.
Gräfin. Ei — Doch Apropos — Ein wenig umgewandt. Im Frack? Ohne Degen? Vortrefflich! — Schon glaubt ich an Selbstmord, wähnte in grauenvoller Ahnung die Klinge zücken zu hören.
Chevalier. Die Ohnmacht, die schauderhaften Zuckungen, die mir das Haar emporsträubten.
Gräfin. Repressalien.
Chevalier. Nein Madame, in dem Talent zu hintergehn, wie in der Gewalt, in Ketten der Liebe zu werfen, erkenn ich ihre Obermacht. — O diese Thränen, die gleich den meinigen geboten — Gräfin, wenn ich sie würdigte, nahm ich einen kühnen Flug, doch um einen ganzen Himmel höher liegt der Gipfel, auf den sie heute meine Bewunderung tragen.
Gräfin. Ein Lob ohne Poesie, eine Erkenntlichkeit ohne Ausschweifung will ich um sie verdienen. Was ich beschloß für Sophien zu thun, wenn sie den Baron heirathete, geschehe auch jetzt. Sie verdienen sie, so nehmen sie denn Sophiens Hand!
Chevalier. (gerührt) Ah Madame! Blickten sie in mein Herz — Neben so holder Schönheit, ein so reiner wahrer Edelsinn, so emporhebende Reize, so niederwerfende beschämende Großmuth — ich trag es nicht —
Gräfin. Das Glück meines Lebens bedingt ihre Freundschaft!
Chevalier. Nur meine Freundschaft? Arme Forderung! Nicht mein Leben? Nicht —
Gräfin. Ich verlange, was sie gewähren können —
Chevalier. Hätten sie — o ich Unglücklicher!
Gräfin. Nehmen wir Platz. (setzen sich) Ich fahre fort, ihnen mein Herz vollkommen zu offenbaren.
Chevalier. (vor sich) Wüßt ich nur recht, was in dem meinigen vorginge.
Gräfin. Jetzt — da wir gegen einander alle Gefallsucht verbannen, können wir uns zutraulich nahen.
Chevalier. Gefallsucht! — Ja ja, das ist das rechte Wort. Verzeihen sie, Gräfin, nur diese eitel prunkende Hülle stellten sie mir dar, es gelang mir nie, sie herzlich zu sehn.
Gräfin. Aber nein! In mir wohnte die Gefallsucht nicht, sonst würde die Szene der Tapetenwand mich ja entrüstet haben, sie sehen meinen Gleichmuth.
Chevalier. Entrüstet? Warum, warum? Sie dürfen überall den Rang fordern; Schönheit, Geist —
Gräfin. Weg nun mit aller Galanterie! Bei der Geliebten ist sie ein Simbol, nichts bedeutet sie der Freundin, der Tante —
Chevalier. (ergreift ihre Hand, um sie zu küssen.) O gefährliche, gefährliche Freundin! — — (leicht) doch warum ziehn sie die Hand zurück, das Simbol ist aufgehoben. — (wieder in Feuer) Nein nie sah ich sie! Zum Erstenmale erblicke ich diese neue, neue Anmuth —
Gräfin. Keine Unterbrechung! Ich habe ihnen zu eröffnen —
Chevalier. Zu eröffnen?
Gräfin. Daß ich endlich mich überzeugte: nur eine gewisse Sentimentalität banne Lebensfreuden; daß ich dem Scherz mit der Liebe ja meiner Freiheit entsage.
Chevalier. Wie? Gewiß? Versteh ich sie —
Gräfin. Sie sehn mich zu einer andern Heirath entschlossen —
Chevalier. Gräfin!
Gräfin. Sie kennen die Leidenschaft des Vicomte —
Chevalier. Des Vicomte — Gräfin! Wo denken sie hin! Nein sie wollen mich nur quälen —
Gräfin. Da ich noch an ihre Liebe glaubte, konnten sie an den Plan einer solchen Qual glauben, nun —
Chevalier. Wie, sie liebten den Vicomte?
Gräfin. Eine Andre sagte unter den Umständen wohl — Ja, ich aber Nein! Ihm mangelt die Bildung, welche mich gewinnen könnte, doch würdige ich sein Herz, und hoffe von der Zeit Neigung.
Chevalier. Hat er ihr Wort?
Gräfin. Nicht eben entscheidend.
Chevalier. Hoffnung?
Gräfin. Ja — wer so liebt, schöpft sie leicht.
Chevalier. Seit wenn?
Gräfin. Seit ich entdeckte, von ihnen betrogen zu werden — Aber mein Gott! Was sagt ich!
Chevalier. Gräfin! — In welche — ich betrog sie nicht! Nein! Hätt ich geahnt, daß sie sogar meinen Geschmack für Sentimentalität theilen —
Gräfin. Chevalier —
Chevalier. Sie hätten mich geliebt? Kein Wahn — und so, so geliebt —
Gräfin. Weg mit der Vergangenheit!
Chevalier. Sie werden den Vicomte nie lieben, können es nicht.
Gräfin. Er hat freilich wenig Grazie des Umgangs, ihm mangelt der heitre gesellige Ton, der das Leben so mit Blumen bestreut, ihm fehlt das leicht ansprechende scharfe Gefühl, dem die gleichgestimmte Saite mit so viel Wonne entgegen tönt, und — und — doch wenn ihnen auch an dem Allen ein Reichthum wurde, lieben sie nicht eine Frau, die ihn entbehrt? — Sophie zieht durch Anmuth, einfachen Sinn, freundlichen Willen an, doch — was man piquant nennt, das ist sie nicht. — Sie sehn, daß man auch die ungleiche Natur zu lieben vermag.
Chevalier. Vermag man das wirklich? Oder ist es eine gefährliche Täuschung, die aus dunklem Hintergrunde mit Reue droht! — Gleiche Natur — o gleiche Natur, köstliche ewige Fessel des Gottes der — — sie sagten Vertrauen zu, eine Frage, eine, aber lösen sie sie wahr —
Gräfin. O — Unwahrheit gelingt mir ohne Tapetenwand nicht, (auf ihre Augen deutend) diese Verrätherinnen plaudern mich aus —
Chevalier. O dann muß ich diese redlichen Schönheiten um Antwort anflehn —
Gräfin. Nun — (beide sehn sich stillschweigend an)
Chevalier. Ach —
Gräfin. Fragen sie mit Worten!
Chevalier. Wissen sie aber, daß die Entscheidung mir ein neues Loos werfen, unwiderruflich werfen kann? —
Gräfin. O, o —!
Chevalier. Galt ich ihnen einst mehr? Betrog mein Wahn mich nicht völlig? Sie senken den Blick — schweigen — Gräfin —
Gräfin. Weg mit der Vergangenheit! (ergreift ein Portefeuille und nimmt einige Briefe heraus) Weg jede Erinnrung aus ihr. Nothwendigkeit bedingt das harte Opfer. Nehmen sie diese Briefe zurück, die mich — ach zu grausam betrogen —
Chevalier. Ich heilige jeden Eid, den sie schwuren. (wirft sich vor ihr hin) Hier ist mein Altar. Hier nur darf ich anbeten!
Gräfin. So sind die Männer, so so —
Chevalier. O Gräfin —
Dreizehnte Szene.
Marquise. Sophie. Vorige.
Sophie. (Indem sie den Chevalier aufstehen sieht) O meine gute Tante, auch mir gebührt es, mich zu ihren Füßen zu werfen.
Gräfin. Du hast den Chevalier errathen. Er dankte eben für meine Einwilligung —
Sophie. Blancé, ihr lebendiger Eifer rührt mich!
Chevalier. (bei Seite) Aber der Teufel —
Gräfin. (zu Sophien) Wie bewegt — wie hingerissen in Liebesflug — irrend in höheren Welten. Sieh ihn an!
Chevalier. Madame —
Marquise. Die Notare warten. —
Chevalier. (etwas auffahrend) Notare?
Marquise. (bei Seite) Bei aller Liebe entfärbt ihn dies Wort.
Gräfin. Das wichtige Papier ist der Heirathsvertrag, der auf ihre Unterschrift wartet —
Chevalier. Sogleich? — Was verdanke ich ihnen nicht alles.
Gräfin. Sophie, triumphiren sie über ihre Wahl! Hier ist redliche, feste, über jeden Wankelmuth erhabene Liebe. Wohl giebt es Männer, von einer so kraftlosen Eitelkeit beherrscht, daß sie gleich vergessen und hinopfern, wie nur ihrer thörigten Eigenliebe verschlagen gehuldigt wird —
Chevalier. Nein Gräfin, sie klagen zu hart an.
Sophie. Und warum vertheidigen sie ungleiche Naturen? (ihn an der Hand fassend) Dies reine Gemüth begreift das Strafbare nicht.
Chevalier. (von der Gräfin an der andern Hand ergriffen) Schonung!
Gräfin. Dem Verdienste Gerechtigkeit! (winkt der Marquise, Sophien abzuführen) Wir folgen!