IV.

Es war September geworden, und ein wolkenloser Himmel spannte sich über den Bergen, deren Kuppen und Gipfel sich in der klaren Luft so scharf von dem tiefen Blau abgrenzten, daß oben an ihrem Rande die Laubkronen der einzelnen Bäume, wie einer den anderen um ein Weniges überragte, deutlich zu unterscheiden waren. Da schritten zu später Nachmittagsstunde durch das Thor des alten, hohen Metzgerthurmes in Rappoltsweiler zwei Spielleute und wanderten selbander den Weg in das Strengbachthal hinein, wo zu ihrer Rechten sich braune Felsen erhoben, ihre Ecken und Spalten von kriechendem Eichengesträuch umgrünt und die Vorsprünge hie und da mit einer sturmzerzausten Kiefer bewachsen, die mit klammernden Wurzeln ihren hart erkämpften Stand behauptete.

Der eine der beiden Wanderer war von hohem, starkem Gliederbau, auf dem ein mächtiger Kopf saß mit grauem Langhaar und Langbart und buschigen Brauen über den gutmüthig blickenden Augen. Das war der allem fahrenden Volk im Wasgau gebietende Pfeiferkönig Hans Loder, der Trumpeter. Der Andere war ein alter, treuer Kumpan von ihm, Namens Syfritz, einer der vier Weibel, die des Pfeiferkönigs Helfer und Berather in der Ausübung seiner Machtvollkommenheit und seine Beisitzer im Pfeifergericht waren. Er war von hagerer, aber sehniger Gestalt mit wettergebräuntem, bartlosem Gesicht, das einen entschiedenen und zugleich verschmitzten Ausdruck hatte. Ein Spielwerk, dessen sich der Trumpeter in seiner Königswürde nur noch bei besonderen Gelegenheiten bediente, hatte keiner von beiden mitgenommen, denn auf Musikmachen zogen sie nicht aus. Syfritz sollte zu der Kapelle am Dusenbach gehen und mit dem Messner die Vorbereitungen zu der nächstens dort stattfindenden kirchlichen Feierlichkeit verabreden, und Loder begleitete ihn nur ein Stück Weges, um ihm die Verhaltungsmaßregeln für den Sakristan noch einmal gehörig einzuschärfen, damit an dem Tage Alles klippte und klappte, weil, wie ihm Graf Schmasman mitgetheilt hatte, dieses Mal mehr adlige Herrschaften als sonst bei dem Fest erscheinen würden.

Im gemächlichen Gehen hatten sie das Nöthige zur Genüge mit einander beredet, und ihr Gespräch hatte sich im Anschluß daran auf einzelne Fälle gelenkt, die zur Entscheidung bei dem am dritten Tage des Festes abzuhaltenden Pfeifergericht vorläufig angemeldet waren. Diese Fälle bestanden zum größten Theil aus Streitigkeiten der Spielleute unter sich, die endgültig ausgetragen werden sollten. Aber es liefen auch stets aus anderen Kreisen Beschwerden über Fahrende wegen verübten Unfugs, zugefügten Schadens, nicht erfüllter Verpflichtungen und mehr dergleichen Vergehungen ein, die Sühne heischten und mit empfindlichen Strafen gebüßt werden mußten.

Bis jetzt waren nur wenig Klagen bei dem Rechtsprechenden und seinen Weibeln anhängig gemacht, denn die meisten wurden erst am Tage des Gerichts erhoben. Über diese wenigen, ihnen schon bekannt gewordenen Fälle hatten die Beiden hier im Strengbachthal ihre Meinungen ausgetauscht, und Loder sagte: »Die Sache mit dem Muffel ist nicht eben schlimm. Er ist ein Speivogel und Nichtsnutz, und seine Prügel hat er als Abschlagszahlung für seinen Schelmenstreich weg; wir dürfen ihm daher die Saiten nicht mehr allzu straff spannen.«

»Überhaupt, wie wollen sie ihm denn beweisen, daß er's mit Willen gethan hat?« stimmte Syfritz ein.

»Das kommt auch noch dazu,« sagte Loder, »und wie mögen sie ihn gereizt und geärgert haben! die anderen Drei sind die besten Brüder auch nicht. Viel mehr gegen den Strich,« fuhr er fort, »geht mir die Geschichte mit dem Seppele, der sein loses Lästermaul nicht halten kann und mit seinem Spottliede wieder demselben Wirthe Schimpf und Schande angehenkt hat. Er ist ein so kunstbewanderter Singer und Spieler, wie wir kaum einen zweiten unter uns haben, aber dabei ein durchtriebener Schalksnarr, und diesmal soll er nicht so leichten Kaufes von der Bank kommen wie bei der vorigen Klage gegen ihn.«

»Wenn er nur nicht geschworener Mann des Herrn von Rathsamhausen wäre!« gab Syfritz seinem Häuptling zu bedenken. »Bei dem gilt Seppele viel und hat einen starken Rückhalt an ihm.«

»Mir ist das keine rothe Bohne werth,« erklärte Loder bestimmt, »darum lasse ich ihn nicht einen Tag weniger im Thurme sitzen.«

Sie waren jetzt an den Weg gelangt, der rechts ansteigend in das enge, schattige Dusenbachthal führte. Hier wollte Loder umkehren, als sie vom Walde her hallende Schritte vernahmen. »Wer kommt da?« frug er.

Syfritz beugte sich vor und spähte durch die Bäume. »Es ist der junge Graf Egenolf von Rappoltstein,« sagte er.

Da blieben sie stehen, bis der Herabkommende nahte.

»Grüß Gott, Hans!« rief Egenolf, sobald er den Pfeiferkönig erkannte. »Zu Dir wollt' ich eben; hast Du ein wenig Zeit für mich?«

»Immer, Herr Graf, Tag und Nacht, nach Eurem Willen und Gefallen,« erwiederte Loder, »und wenn Ihr zur Stadt wollt, so haben wir einen Weg, ich gehe auch zurück.«

»Und, Syfritz, Du?« wandte sich der Graf an diesen.

»Ich muß zur Kapelle, Euer Gnaden,« antwortete der Spielmann.

»So sprich ein Vaterunser für mich mit, ich kann's brauchen,« sagte Egenolf, und dann zu Loder: »Komm, Hans! ich habe einen Auftrag für Dich.«

Die Beiden gingen langsam nach Rappoltsweiler zu, während Syfritz das Dusenbachthal bergan schritt.

Vorerst sprachen sie beide nicht. Loder war zwar gespannt, von welcher Art der Auftrag sein mochte, den der junge Herr für ihn im Anschlag hatte, wartete indessen geduldig, bis dieser damit losdrücken würde. Egenolf aber zögerte mit seiner Eröffnung und schien darüber nachzusinnen, wie er den Alten füglich in sein Vorhaben einweihen sollte. Endlich fing er an: »Hans, Du bist, seit ich denken kann, mein Vertrauter, mein väterlicher Freund und Beschützer gewesen, und ich verdanke Dir viel. Du hast mich auf Deinen Knieen und auf Deinen Schultern reiten lassen, hast mich die Vögel und die Blumen und Kräuter des Waldes kennen gelehrt, mir das Blasen und Fiedeln beigebracht, hast mir manchen guten Rath gegeben, mich von dummen Streichen zurückgehalten oder, wenn ich sie schon begangen hatte, sie wieder wett zu machen gesucht. Heute möchte ich Dich um Deinen Beistand angehen zur Ausführung einer von mir geplanten Überraschung, an deren Gelingen mir sehr viel gelegen ist, die aber – durchaus verschwiegen und geheim bleiben muß.« Er stockte, als wüßte er nicht weiter oder wagte sich nicht damit heraus.

»Ja, ich muß sie doch aber wissen, wenn ich Euch dabei helfen soll; also faßt Euch ein Herz und sagt's!« ermuthigte ihn der Alte.

»Da hast Du Recht, Du mußt sie wissen, wenn Du mir dabei helfen sollst,« sprach ihm Egenolf nach, »so höre denn! Ich habe neulich einen Wolf geschossen, ein großes, starkes Thier, von dessen Streifen im Forst mir ein Waldhüter gesagt und die Fährte gezeigt hatte. Den habe ich geschossen und die Haut dem Kürschnermeister Güldner in Rappoltsweiler geschickt, daß er sie mir zubereite zu einer Fußdecke, vor's Bett zu legen, verstehst Du! Du verstehst doch?«

»Bis jetzt, ja! aber ich kann nicht rathen, wo Ihr damit hinwollt,« sagte Loder. »Ihr habt auf dem Schlosse schon vor allen Betten Thierfelle liegen, von Hirsch und Reh und Wildsau, von Luchs, Fuchs und Wolf, und nun noch eins –«

»Nichts da!« unterbrach ihn Egenolf, »hier aufs Schloß soll sie nicht; sie ist zum weichen, warmen Teppich für die Füßchen einer jungen Dame, einer sehr schönen jungen Dame ausersehen –«

»Auf der Hohkönigsburg,« platzte Loder heraus.

»Mensch! – woher weißt Du das?« rief der Graf und war ganz roth geworden.

»Von den Hufspuren Eures Rosses, die ich letzter Zeit des Öfteren auf dem Wege zur Hohkönigsburg fand; das Übrige bläst der Wächter,« sagte Loder. »Ja, ja, ein Frauenhaar zieht stärker als ein hänfen Seil,« fügte er mit listigem Schmunzeln hinzu.

»Bist mir also nachgeschlichen.«

Der Alte schüttelte: »Nein, es war ganz zufällig.«

»So! dann kannst Dir mir wohl zufällig auch den Pelz an die Stelle liefern, für die er bestimmt ist?«

»Gewiß!« sprach Loder, »das bedarf nicht viel Wesens und Kunst. Ich habe auf der Hohkönigsburg einen alten Genossen meiner Jugend, der dort Huf- und Kurschmied ist, wie ich gehört habe. Der wird schon Rath schaffen, wie die Sache anzugreifen ist, daß Euer Wolfsfell der gnädigen jungen Gräfin unbemerkt zu Handen oder vielmehr zu Füßen kommt. Morgen bringe ich's ihm, wenn es der Meister Kürschner fertig hat.«

»Wir gehen jetzt zu ihm, Hans, und fragen,« erwiederte Egenolf eifrig im Jubel seines Herzens, daß Loder bereit und im Stande war, ihm zu helfen. »Sieh mal,« fuhr er, aus seinem Wams ein weißes Tuch hervorziehend, mit frohlockenden Augen fort, »in dieses Linnen mußt Du den Balg hübsch einwickeln, ich hab es selbst aus einer Truhe stibitzt.«

»Aber Graf Egenolf!«

»Macht nichts, Alter! das erfährt meine Mutter gar nicht,« lachte der Glückliche. »Und hier hab ich noch etwas; dies Brieflein, das thust Du dem Wolf in den Rachen zwischen die Fänge, daß es die junge Gräfin dort findet.«

»Hm!« machte Loder, »werden's besorgen.«

»Aber daß es Dein alter Kumpan nur ja recht geschickt anstellt, es ihr richtig in die Hände zu spielen!«

»O der Ottfried Isinger ist ein mit allen Hunden gehetzter Schlaufuchs,« beruhigte Loder den freudig Erregten, »ich kenne ihn von Kindesbeinen an. Er ist seines Herkommens ebenso wie ich ein Spielmannssohn und auch in derselben Stadt mit mir geboren und aufgewachsen, hatte aber keine Lust und keine Anlage zur edlen Musika, weil er kein Gehör hatte. Ihn zog es von früh auf zu den Pferden; er trieb sich soviel er konnte in den Ställen umher, half die Gäule striegeln, füttern und tränken, bald auch in die Schwemme reiten. Dann kam er zu einem Hufschmied in die Lehre, und als er ausgelernt hatte, ging er auf Wanderschaft, und aus dem Hufschmied ward allmählich auch ein Kurschmied. Die Fähigkeit dazu war ihm angeboren, denn seine Mutter gab sich auch mit allerhand Kuren ab, heilte Gebresten an Menschen und Vieh mit Wurzeln, Pilzen und Kräutersäften, konnte das Blut besprechen und stand in dem Geruche, von dergleichen heimlichen Dingen mehr zu wissen, als sie verrathen durfte, aber es war ein einträgliches Geschäft für sie. Der Ottfried mag wohl Manches von ihren verborgenen Künsten geerbt haben, denn er bewährte sich als Kurschmied und hatte Glück mit seiner Behandlung der Rosse. Er hielt sich bald in dieser, bald in jener Stadt auf, hatte auch gute Stellungen auf mehreren Schlössern, blieb aber nirgend lange, denn die Herren wollten ihn viel Weinsaufens halb, mit Ehren zu melden, auf die Dauer nicht um sich haben, weil er zu oft über den Durst trank und dann behauptete, er hätte einen Igel im Leib, der ihn stachelte, wenn er nicht schwömme. Ich verlor den einstigen Trautgesellen für lange Zeit aus den Augen und erfuhr letztlich, daß er schon seit Jahren im steten Dienst der Grafen von Thierstein in Straßburg wäre, die ihm die immerwährende Weinfeuchte ausgetrieben hätten. Sie haben ihn nun mit auf die Hohkönigsburg genommen, wo er einen angesehenen Posten bekleiden soll. Ich war noch nicht oben, habe ihn also noch nicht gesprochen, aber morgen werde ich ihn besuchen und ihm Euer Wolfsfell auf die Seele binden.«

So waren sie in die Stadt gekommen und wußten selber nicht wie. Dort gingen sie zum Kürschner, der das Fell sorglich und sauber zubereitet hatte. Der Wolfskopf, dem funkelnde Glasaugen eingesetzt waren, sperrte den Rachen halb auf und fletschte die Zähne, daß es fast graulich anzusehen war. Egenolf war zufrieden und lohnte den Meister reichlich für seine fleißige Arbeit. Loder hüllte den Balg in das Linnen, und sie verließen damit die Werkstatt des Kürschners.

Draußen auf der Gasse sagte Egenolf: »So, mein alter Hans, nun mache Deine Sache so gut Du kannst; möge Alles nach Wunsch gelingen und glücken!«

»Das walte Gott und unsere liebe Frau!« erwiederte Loder. Dann verabschiedete er sich von dem Grafen und schritt seiner Behausung zu.

Egenolf pfiff sich eine muntere Weise, die er von Loder gelernt hatte, und ging herzensfroh den Weg zur St. Ulrichsburg hinan. –

Seinem Versprechen getreu begab sich Loder am nächsten Morgen mit dem in die Leinwand geschlagenen Wolfsfell zur Hohkönigsburg hinauf und vom Stallhof unterhalb des Löwenthores sogleich in die Schmiede, aus der die Schläge eines Hammers klangen. Es war aber nicht Isinger, sondern ein Knecht, der dort am Amboß schaffte und dem Eintretenden auf seine Frage den Bescheid gab, der Herr Marschalk wäre drüben in den Ställen.

Der Herr Marschalk! also Marschalk läßt er sich titulieren, dachte Loder, und ging in einen der Ställe, dessen Thür grade offen stand.

In dem nur mäßig erhellten Raume fand er den Jugendgenossen damit beschäftigt, mittelst eines mit einer bräunlichen Flüssigkeit durchtränkten Lappens die linke Vorderfessel eines Pferdes zu kühlen. Er rief ihn an: »Ottfried Isinger, kennst Du mich noch? ich bin Loder der Trumpeter.«

Der am Boden Knieende, schnell aufblickend, sagte mit freudigem Tone: »Was? der Pfeiferkönig? vielwillkommen Hans!« und streckte dem Freunde die Hand hin, nachdem er sie am Schweife des Pferdes abgetrocknet hatte. »Hab Dich ja eine Ewigkeit lang nicht gesehen.«

»Ich Dich auch nicht,« erwiederte Loder, »hörte erst kürzlich, daß Du hier oben wärest, und da trieb es mich, Dich einmal aufzusuchen.«

»Recht, recht, Hans!« sprach Isinger. »Wart' einen Augenblick! ich will nur der Stute den Umschlag noch anlegen; sie hat sich gequetscht. Es ist unserer jungen Gräfin ihre, denn die jagt oft ohne Weg und Steg über Stock und Stein.«

Er band den nassen Lappen um den Fuß des Pferdes und erhob sich. »So! nun komm! jetzt bin ich frei und habe Zeit für Dich.«

Er führte den Freund in ein einfaches Gelaß neben der Schmiedewerkstatt, in dem sich nur dürftiger Hausrath, ein Bett, ein grob gezimmerter Tisch und ein paar Schemel befanden. Der Herr Marschalk wohnt recht bescheiden, dachte Loder wieder, als er sich hier umsah. An den Wänden hingen Bündel gedörrter Kräuter, und auf einem Holzgestell reihten sich Töpfe, Flaschen und Büchsen verschiedentlichen, meist nicht sichtbaren Inhalts.

Isinger schickte den Knecht mit der Weisung vom Amboß weg: »Geh, Wighelm, und sieh zu, ob Du uns von der Schaffnerin nicht ein Krüglein Wein besorgen kannst. Sag ihr nur, der Pfeiferkönig wäre bei mir zum Besuch.«

Die Beiden setzten sich und schauten einander prüfend ins Gesicht. »So rabenschwarz wie einst sind Deine Borsten nicht mehr, Ottfried, wenn Du auch noch nicht so ein alter Eisbär bist wie ich,« begann Loder.

»Ja, man wird alt und grau und merkt es nicht, bis es Einem ein guter Freund einmal unter die Nase reibt,« erwiederte Isinger. »Bist aber auch nicht jünger geworden, Hans, seit wir uns zuletzt auf dem Wege nach Sanct Odilien trafen bei dem großen Fest zu Ehren der Herrad von Landsberg, die vor dreihundert Jahren dort im Kloster Äbtissin war. Weißt Du's noch? Wir waren immer an der alten Heidenmauer entlang gewandert, saßen auf ihren riesigen Quadern und ruhten uns aus und hatten einen elenden Durst.«

»Richtig! an der Heidenmauer war es, ich erinnere mich wohl,« sagte Loder, »ach ja! das ist lange her.«

»Hast Dich aber sonst gut gehalten, Hans,« sprach Isinger weiter und klopfte seinem alten Freunde auf die Schulter, »bist mit Deinem reckenhaften Wuchs ein Pfeiferkönig, der sich sehen lassen kann, das muß ich sagen. Gehört habe ich oft von Dir und Deinem Schalten und Walten; im ganzen Wasigen reden sie von Dir, Dein Lob und Preis geht von Mund zu Munde. Sollst ja auch bei den Rappoltsteinern hoch in Gunst und Gnaden stehen.«

»Das thu ich,« nickte Loder, »sie schenken mir groß Vertrauen, und für meinen edlen Schutzherrn und die Seinigen gehe ich durchs Feuer. Und Du? Herr Marschalk nannte Dich der Knecht.«

»So müssen sie mich nennen,« lächelte Isinger selbstgefällig, »damit sie den gehörigen Respekt vor mir haben. Ich bin Stallmeister hier, habe die Rüstkammer unter mir und auch sonst einige Aufsicht in der Burg. Graf Oswald ordnet nichts an ohne mich und meinen Rath.«

»Was Du sagst! und mit Pferdekuriren giebst Du Dich nebenbei auch noch ab, wie ich eben gesehen habe,« bemerkte Loder.

»Ja, die Roßpflege ist nun einmal meine Liebhaberei, und ich bin stolz auf meine Gäule da drüben im Marstall,« versetzte Isinger. »Jetzt kommen mir die reichen Erfahrungen zu Statten, die ich mir auf den adligen Schlössern erworben habe.«

»Das glaub' ich, bist ja viel herumgekommen im Lande, hast gar vielen Herren gedient, aber bei keinem lange ausgehalten, wie die Rede geht,« meinte Loder.

»Was sollt' ich machen? Einer spannte mich dem Andern bald wieder aus mit immer besseren Anerbietungen, denn ich kam in großen Ruf durch die Erfolge, die ich überall aufzuweisen hatte,« flunkerte der seiner Behauptung nach vielbegehrte Kurschmied. »Aber meinem jetzigen gnädigen Grafen lasse ich mich nicht mehr abspenstig machen, denn so gut wie hier habe ich es nirgend gehabt. Siehst Du, da kommt auch schon der Wein, den ich für uns bestellt hatte. Gieb her, Wighelm!« sagte er zu dem mit einem Steinkrug und zwei Zinnbechern zurückkehrenden Knecht, »und nun laß das Hämmern in der Schmiede, damit hier Einer des Anderen Wort hören kann; geh zu Herni, ob er vielleicht Bolzen zu schärfen hat.«

Dann füllte er die Becher, stieß mit seinem alten Freunde an und sagte: »Zum Willkomm, Hans!«

»Allen Dank, Ottfried!« that ihm Loder Bescheid, und sie tranken.

»Du sprachst vorhin von Deiner jungen Gräfin,« nahm Loder das Wort, »sage mal, wie – wie ist sie denn so im Allgemeinen und im Besonderen?«

»Im Besonderen ist sie ein Mädchen von ausbündiger Schönheit und klug, o sehr klug, und im Allgemeinen haben wir sie Alle gern; ich stehe sehr gut mit ihr,« berichtete Isinger. »Und reiten kann sie Dir, daß es eine Art hat; meine Schule, Hans, meine Schule! solltest sie einmal über einen Graben oder eine Hecke setzen sehen. Aber sie reitet immer allein, will Keinen mitnehmen, nicht einmal mich, hat's freilich auch nicht nöthig, denn Furcht kennt sie nicht.«

»So! hat sie denn auch ein gutes Herz?«

»Ja, das hat sie, das ist ihr nicht abzusprechen, aber weich und weibisch ist sie nicht, ist eine echte Thierstein, die sind Alle nicht von schwächlicher Art.«

»So! hat sich denn noch kein Freier um sie beworben?«

Isinger zuckte mit den Achseln. »Weiß ich nicht; die nimmt auch nicht den Ersten, Besten, hat vielleicht schon Manchen durch den Korb fallen lassen, denn zu jung zum Heirathen ist sie nicht mehr. Hast Du vielleicht Einen für sie in Vorschlag, Hans, und willst Dir einen Kuppelpelz um sie verdienen?«

»Einen Pelz hab ich allerdings mitgebracht, aber der ist für sie selber bestimmt« lachte Loder, griff nach seinem Bündel und begann es mit einer feierlichen Umständlichkeit aufzuschnüren. »Sieh mal hier!« sprach er, als er damit zu Stande gekommen war, »dieses schöne Wolfsfell soll ich ihr als Geschenk vor ihr Bett unter die Füße schaffen, und ich hoffe, Du wirst mir dabei behilflich sein, daß es sicher und unbemerkt in ihren Besitz gelangt, denn es darf sonst Niemand davon wissen.«

»Donner und Hagel! ein mächtiger Kerl!« rief Isinger staunend aus, das Fell lang und breit entfaltend. »Aber was hat denn das zu bedeuten? als wessen Bote kommst Du denn mit dem Prachtstück? – Ja, das muß ich wissen, wenn ich mich damit beladen soll,« fuhr er fort, als der Andere die Frage nicht auf der Stelle beantwortete.

»Nun denn, unser junger Graf Egenolf schickt es der Gräfin – wie heißt sie doch gleich?«

»Leontine.«

»Also der Gräfin Leontine; er mag ihr wohl versprochen haben, einen Wolf zu schießen; vielleicht haben sie gar darum gewettet.«

»Und Gräfin Leontine hätte die Wette gewonnen; natürlich! Die gewinnt immer, wenn sie wettet und wagt,« lachte Isinger. »Nun, das geht mich nichts an; Dir zu Liebe nehme ich es auf mich, ihr das Geschenk zu übermitteln, und ich weiß auch schon, wie ich das anfange. Ich werde es der Dimot, ihrer schmucken Gürtelmagd, geben, der ich auch schon Manches zu Gefallen gethan habe; die mag dann zusehen, wie sie es ihrer jungen Herrin heimlich zusteckt oder es ihr ins Schlafzimmer legt.«

»Gut! sage dem schmucken Ehrenwadel, wenn sie das geschickt fertig brächte, wäre sie hiermit zum Pfeifertag nach Rappoltsweiler von mir eingeladen, da könnte sie einmal tüchtig tanzen. Und Du kommst auch, Ottfried, und bist dort mein Gast.«

»Für unser tanzlustiges Hofkätzchen will ich allenfalls zusagen,« erwiederte Isinger, »aber ich selbst werde hier schwerlich abkommen können. Denn wenn die Herrschaften alle, wie ich schon gehört habe, zu eurem Feste gehen, so ruht allein auf meinen Schultern die Obhut der ganzen Burg mit voller Verantwortung im Großen und im Kleinen,« fügte er wichtigthuend hinzu. Dann nahm er das Wolfsfell, um es wieder in das Tuch zu wickeln.

Aber Loder fiel ihm in den Arm. »Halt! nur Geduld!« und in die Tasche greifend holte er Egenolfs Brief hervor mit den Worten: »Hier habe ich auch noch ein Brieflein an die Gräfin Leontine, das müssen wir dem Wolf in den Rachen stecken.«

»Was? einen Brief? und noch dazu mit rothem Wachs versiegelt?«

»Ja! den Grafen von Rappoltstein ist vom Kaiser das Recht verliehen, mit rothem Wachs siegeln zu dürfen.«

»Ei, ei! da seid ihr ja sehr vornehme Leute,« sprach Isinger und machte große Augen.

»Sind wir auch,« sagte Loder.

»Beim heiligen Eligius, meinem Schutzpatron! das hätt' ich nicht gedacht.«

»Und die Streifjagd im ganzen Wasigen haben wir auch.«

»Und das Pfeiferkönigthum!«

»Und vor Allem das Pfeiferkönigthum!«

Sie lachten beide herzlich, und die Becher klangen fröhlich an einander. Dann steckten sie Egenolfs Brief so zwischen die Wolfszähne, daß er nicht herausfallen konnte, legten das Fell behutsam zusammen und hüllten es in das Linnen. Isinger schenkte, den Rest des Weines ehrlich vertheilend, noch einmal ein, und nachdem sie ausgetrunken, brach Loder auf.

»Also ich hoffe auf Wiedersehen in Rappoltsweiler, Ottfried!« sprach er.

»Wenn's sein kann, gern,« erwiederte Isinger. »Gottbefohlen, Hans! wirst mir alle Zeit willkommen sein auf der Hohkönigsburg.«

»Soweit wäre die Sache ja nun in die richtige Bahn gelenkt; jetzt kommt es nur noch auf die Schlauheit des Ehrenwadels an,« sagte Loder zu sich selber, als er den Berg hinabschritt. »Was wohl am letzten Ende aus der Geschichte werden wird? eine Hochzeit? – gäbe ein herrliches Paar, die Beiden; na, Glück zu, Kinder! meinen Segen habt ihr.« –

Als spät Abends Gräfin Leontine sich zur Ruhe begeben wollte und mit Dimot, die ihr leuchtete, ihr Schlafgemach betrat, sah sie vor ihrem Bett an Stelle des bisherigen, hie und da schon etwas abgenützten Luchsbalges ein großes Wolfsfell ausgebreitet liegen. »Was ist das?« fragte sie verwundert, »wie kommt das dahin?«

Der sonst nicht so leicht um eine Antwort verlegenen Zofe klopfte schuldbewußt das Herz, und nach einigem Zögern sprach sie schüchtern und kleinlaut: »Da hingelegt hab' ich es, gnädige Gräfin.«

»Das kann ich mir denken, aber woher hast Du es?«

»Der Herr Marschalk hat mir's gegeben.«

»Marschalk! – Stallmeister ist er, nicht Marschalk,« verbesserte Leontine sie unwillig. »Wie kommt Isinger dazu?«

»Er hat es vom Pfeiferkönig, sagt er.«

Leontine blickte die Zitternde forschend an; ihr schien eine Ahnung aufzudämmern. »Vom Pfeiferkönig? ist das nicht ein König von Rappoltstein'schen Gnaden?«

»Ich glaube, ja,« lächelte Dimot, obwohl ihr bei dem Verhör nicht ganz wohl zu Muthe war. »Fühlt es nur einmal an, gnädige Gräfin! es ist so schön dick und weich,« kam es schon etwas dreister von ihr heraus.

Leontine beugte sich nieder und strich mit der Hand über das dichte, graue Haar. »Du hast Recht, ein prächtiger Pelz! ein Wolf ist es, Dimot!« Dann ging sie, es beschauend, ganz um das Fell herum. »Was hat er denn da im Rachen?« fragte sie.

»Wo, meint Ihr? im Rachen?«

»Thu nur nicht so, als ob Du nichts davon wüßtest! Gieb mal her den Zettel!« befahl Leontine ungeduldig, »oder fürchtest Du, daß Dich der Wolf mit seinen großen, weißen Zähnen noch beißen könnte?«

»Ach nein, gnädige Gräfin!« erwiederte die immer lächelnde Zofe, bückte sich und reichte ihrer Herrin Egenolfs Brieflein, das Leontine hastig nahm, sofort erbrach und zu lesen begann.

Gott sei Dank! dachte Dimot, jetzt ist's überstanden und Alles in Rück und Schick; was nachkommt, habe ich nicht zu verantworten. Sie sah, wie Leontinens Hand, die den Brief hielt, leise bebte und ihre Brust sich rascher hob und senkte.

»Dimot,« fragte Leontine nach dem Lesen, »weiß sonst noch Jemand davon?«

»Keine Menschenseele, gnädige Gräfin!«

»Gut! so schweigst Du auch, wenn auch kein groß Geheimniß dabei ist,« sprach Leontine. »Graf Egenolf von Rappoltstein schickt mir das Fell, weil ich's ihm neulich nicht glauben wollte, daß er einen Wolf geschossen hätte; nun liefert er mir hier den Beweis. Das ist Alles, was in dem Briefe drin steht.«

Die schlaue Zofe lächelte ganz spitzbübisch jetzt und sagte dann mit fast flüsterndem Tone, als hätten die Wände hier Ohren: »Falls sich gnädige Gräfin etwa bei dem Herrn Grafen für das schöne Geschenk bedanken wollten, – der Weg, auf dem der Wolf hierher gekommen ist, wäre auch für den Dank ganz heimlich und sicher.«

»Wirklich? meinst Du?« lachte Leontine, »nun, den Dank wollen wir uns erst noch überlegen, Dimot. Was für ein Botenbrot hat Dir denn die Schmuggelei eingebracht, wenn Du mir's gestehen willst?«

»Daß ich am Pfeiferfest in Rappoltsweiler tanzen kann, wenn gnädige Gräfin mir Urlaub geben.«

»Den sollst Du haben, Mädchen! ich gehe selber hin und werde Dich mitnehmen,« erwiederte Leontine, »aber –« sie legte den Finger auf den Mund ohne noch ein Wort hinzuzusetzen.

»O gnädigste Gräfin!« lächelte Dimot verschmitzt, »ich ließe mir ja eher –«

»Schon gut! schon gut! jetzt geh und laß mich allein!«

Die Zofe wünschte der Herrin eine geruhsame Nacht und angenehme Träume und verschwand aus dem Gemach.

Leontine las Egenolfs Brief noch einmal und las ihn auch zum dritten Male. Er lautete:

Ein zu jedem Ritter- oder Knechtsdienst bereitwilliger, treu ergebener Waidmann legt der holdseligen Waldfee seine Jagdbeute ehrerbietigst unter die Füße und bittet, ihm in Zukunft Alles aufs Wort zu glauben, was immer auch er früher oder später ihr einmal zu sagen haben möge.

Danach saß sie noch ein Weilchen gedankenvoll auf dem Bett, streichelte, liebkoste förmlich den zottigen, weichen Pelz mit ihren bloßen Füßen, vergrub sie ganz darin. Den Brief aber legte sie unter ihr Kopfkissen. Dann vergegenwärtigte sie sich im Liegen ihre Begegnung mit Egenolf im Walde bis auf alle Einzelnheiten, und mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen versank sie allmählich in das Reich der Träume.