V.
Der große Tag, dem die Spielleute des Wasgaues alljährlich mit Freuden, etliche, die kein reines Gewissen hatten, aber auch nicht ohne Bangen entgegensahen, war herangekommen. Aus allen Himmelsrichtungen, von nah und fern strömten die Fahrenden beiderlei Geschlechts durch die Thore der Stadt Rappoltsweiler herein, um an dem Feste theilzunehmen. Jedes Alter, jede Gattung von weltfreien Künstlern der vielverzweigten Zunft und alle möglichen Instrumente, denen durch Streichen und Blasen, Knipsen und Klimpern, Schwingen und Schlagen Töne entlockt werden konnten, waren in der tausendköpfigen Menge vertreten. Die Ankommenden hatten sich, je nach Mitteln und Geschmack, mit ihren besten Kleidern und Flittern in bunten, grellen, ja schreienden Farben aufgeputzt und trugen an einem blauen Bande um den Hals das Abzeichen der Bruderschaft, eine versilberte Schaumünze mit dem Bilde der heiligen Jungfrau Maria vom Dusenbach. Auffallende Erscheinungen, solche von jugendlicher Schönheit und Anmuth und solche von ungepflegtem, fast wüstem Äußern, anziehende, drollige, abenteuerliche Gestalten waren unter ihnen zu sehen. Aber fröhlich und guter Dinge waren sie Alle sammt und sonders, die am reichsten Geschmückten wie die bettelhaft Dürftigsten, als wüßten sie nichts von des Lebens Drang und Noth und hätten Leid und Sorgen für heute von sich abgeschüttelt oder wie abgetretenes Schuhzeug daheim in ihren Hütten zurückgelassen.
Und Alle schienen sich unter einander zu kennen und begrüßten sich wie Glieder einer einzigen großen Familie, deren zahlreiche, weitläufige Verwandtschaft sich im Jahre nur einmal auf den Ruf ihres würdigen, allverehrten Oberhauptes versammelt, um sich ihrer Zugehörigkeit bewußt zu bleiben und ihre freundlichen Beziehungen unter sich aufzufrischen und aufrecht zu erhalten. Das Händeschütteln und Umarmen, das Lachen und Jauchzen beim Wiedersehen wollte kein Ende nehmen. Der Eine schaute dem Anderen in die Augen und fragte nach seinem Befinden und Ergehen. Harmlose und herausfordernde, kecke und derbe Scherze flogen hin und her, immer gut gemeint und niemals übelgenommen, denn an den Pfeifertagen sollte Eintracht walten; wehe dem, der den Frieden brach oder muthwillig störte!
Wie die zugewanderten Schaaren in der Stadt ein Unterkommen finden wollten, blieb der Umsicht und Spürkraft jedes Einzelnen überlassen, aber die Bürger, die sich allerseits an den Belustigungen des dreitägigen Festes rückhaltlos betheiligten und mit dem alljährlich in Massen wiederkehrenden, sich hier frank und frei tummelnden Spielmannsvolke von Jugend auf bekannt und vertraut waren, nahmen sie gern auf in ihren Häusern und gaben ihnen kostenfreie Herberge unter Dach und Fach, soviel sie vermochten. Die Fahrenden waren auch nicht verwöhnt, begnügten sich mit einem Strohlager auf dem Söller, in Ställen und Schuppen und dankten ihren gütigen Wirthen mit allerhand Kunststücken und munteren Spielmannsweisen. Einige hatten sich, durch Erfahrung gewitzigt, ein zusammengelegtes, leichtes Zelt mitgebracht, das sie in Höfen und Gärten, an der Stadtmauer und wo sonst Platz war, aufschlugen, um mit Weib und Kind, allein oder zu Mehreren darin zu schlafen.
An Räumlichkeiten zu geselligem Aufenthalt fehlte es indessen nicht. Es gab Gastwirthschaften und Weinhäuser, die für geziemende Verpflegung mit Speise und Trank nur eine billige Irte berechneten. Für die Vorträge und Vorführungen der Spielleute und Geschicklichkeitskünstler, soweit sie nicht im Freien stattfanden, war an geeigneter Stelle eine große Halle mit Sitzbänken rings an den Wänden errichtet, die nach dem Feste abgebrochen und im nächsten Jahre wieder aufgebaut wurde. Bei ungünstigem Wetter wurde auch das Gericht darin abgehalten. Den vornehmen Gästen aber, namentlich den älteren Herren diente der mit guten Weinen versorgte Rathskeller als Trinkstube, wo sie unter sich waren und, ihre Frauen, Söhne und Töchter nach deren Belieben den Lustbarkeiten des Festes überlassend, dem Becher wacker zusprachen.
Graf Schmasman, als Ältester der Rappoltsteiner der Lehensherr der Pfeiferbruderschaft, hatte während der drei Tage den Wirth zu spielen, zwar ohne die Kosten tragen zu müssen, doch mit der sich selbst auferlegten Verpflichtung, sich möglichst viel unter sein liebes Spielmannsvolk zu mischen und sich um das Wohl und Wehe seiner Schutzbefohlenen theilnahmsvoll zu bekümmern. Viele von ihnen kannte er und beglückte bald Diesen, bald Jenen mit einer traulichen Ansprache, wobei ihm überall von Alt und Jung die größte Ehrerbietung erwiesen wurde.
Um daneben auch eines vergnüglichen Verkehrs mit Standesgenossen pflegen zu können und zugleich dem Feste durch Betheiligung der ritterlichen Gesellschaft einen erhöhten Glanz zu verleihen, lud er stets einige benachbarte, ihm befreundete Familien dazu ein, die sich das bewegte, geräuschvolle Treiben und die ergötzlichen Gestalten der Fahrenden gern ansahen und, Schmasman in seinem Amt als Wirth unterstützend, die Spielleute durch ein wohlwollendes, freundliches Benehmen ehrten und erfreuten.
So hatte er diesmal die Thierstein mit den bei ihnen auf der Hohkönigsburg zu Gaste weilenden Fleckenstein, die Müllenheim, die Andlau, die Lützelstein von der Frankenburg und die Rathsamhausen geladen, welche letzteren während der Dauer des Festes auch auf der Rappoltstein'schen St. Ulrichsburg wohnten. Außer den Geladenen hatten sich auch noch einige andere ältere und jüngere Herren und Damen unaufgefordert in Rappoltsweiler eingefunden, die in dem Kreise durchweg willkommen geheißen wurden.
Graf Oswald von Thierstein war in der Erwartung und mit der Absicht gekommen, unter allen Anwesenden hier eine erste, bevorzugte Stelle einzunehmen. Er hatte, als er mit den Seinigen, alle prächtig gekleidet und auf schön gezäumten Rossen, einritt, sich mit einem ansehnlichen Gefolge umgeben, um von vornherein die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Stallmeister Isinger, der nun doch ohne Gefahr für die Sicherheit der Hohkönigsburg dort abkömmlich zu sein schien, bildete voranreitend die Spitze und die beiden Leibtrabanten des Grafen, Marx und Herni, nebst ein paar Troßknechten den Schluß des stattlichen Zuges, in dem auch die gefallsüchtig lächelnde Zofe Dimot nicht fehlte. Aufsehen erregte Graf Oswald allerdings damit, aber kein ihm günstiges. Nur ein kaltes, neugieriges Staunen hatten die fahrenden Leute für den prunkenden Aufzug, weil sie an eine solche Prachtentfaltung seitens der Herrschaften bei dem volksthümlichen Feste nicht gewöhnt waren. Die übrigen Herren und Damen hatten auch an der gebräuchlichen Einfachheit in ihrem Äußeren festgehalten und selbst die Fleckenstein, die mit den sämmtlichen Thiersteinern kamen, waren von dieser löblichen Sitte nicht abgewichen, was dem Grafen Oswald gerade recht war, denn desto mehr stach er selber mit seinen Angehörigen durch den gemachten Aufwand hervor. Den stolzen Erscheinungen der schönen Thierstein'schen Frauen versagte man die Bewunderung nicht, und sie gab sich in mancher laut werdenden Bemerkung kund, als sie durch die in den Gassen auf- und abfluthende Menge zur Herberge ritten.
Auf dem Platze davor, von dem die fromme Wanderung nach der Kapelle am Dusenbach ausgehen sollte, versammelten sich die ritterlichen Gäste und wurden von den Rappoltsteinern auf das Zuvorkommendste empfangen.
Egenolf hatte vom ersten Erblicken an nur für Leontine noch Augen und konnte kaum der Versuchung widerstehen, ihr vom Pferde zu helfen, denn hier würde sie ja wohl nicht wie damals in der Waldeinsamkeit allein aus dem Sattel springen. Aber zu dieser Hilfsleistung war ja der Stallmeister mitgenommen, und Egenolf mußte sich gedulden, bis die Reihe an sie kam und er der Abgestiegenen die Hand bieten konnte, die sie leicht erröthend nahm mit den leise gesprochenen Worten: »Ich danke Euch vielmals, Herr Graf, für die freudige Überraschung, die Ihr mir mit dem herrlichen Wolfsfell bereitet habt –.« Sie hatte die Stimme am Ende des Satzes nicht gesenkt, als wollte sie noch etwas hinzufügen, aber sie brach ab und erwähnte des Briefes mit keiner Silbe. Was hätte sie ihm auch darüber sagen sollen? etwa, daß sie ihm künftig jedes Wort glauben wolle? das hätte er doch so auslegen können, als erwarte sie, bald ein bedeutsames Wort aus seinem Munde zu hören. Er konnte ihr auf ihren Dank nichts erwiedern, denn Imagina und seine Schwester Isabella nahmen sie sofort für sich in Beschlag.
Nach allseitiger Begrüßung entspann sich eine lebhafte Unterhaltung der sich hier Treffenden, denen Schmasman auf mancherlei Fragen nach dem herkömmlichen Verlauf des Festes Rede stehen mußte. Burkhard von Rathsamhausen raunte ihm mit einem Augenwink auf Oswald spöttisch zu: »Nun sieh ihn Dir an, Schmasman! geputzt und gespreizt wie ein Pfau. Mir schwant, wir werden heute noch etwas mit ihm erleben.« Schmasman antwortete nichts, aber er hatte selber schon in Oswalds Zügen einen Ausdruck wahrgenommen, der ihm wenig gefiel und auch in ihm einige Besorgniß erweckte.
Noch war es nicht Zeit zur Wallfahrt, und mehrere der Gäste begaben sich mitten unter die harrenden Spielleute, sich diese oder jene seltsame Erscheinung genauer zu betrachten oder mit einem hübschen Mädchen ein paar scherzende Worte zu wechseln. Graf Oswald folgte dem Beispiel, um sich auch seinerseits bei dem Volke beliebt zu machen und die Huldigung der so tief unter ihm Stehenden wohlgefällig entgegen zu nehmen. Dabei mußte er jedoch die Enttäuschung erleben, daß ihm durchaus nicht mit der Unterwürfigkeit und ersterbenden Hochachtung Platz gemacht und begegnet wurde, wie er im Gefühl seiner Erhabenheit erwartet hatte. Die Fahrenden zeigten sich gleichgültig und kühl zurückhaltend gegen ihn statt die große Ehre gebührend zu würdigen, die er ihnen seiner Meinung nach mit seiner gnädigen Herablassung anthat. Diese schlichten Naturkinder, die bei allem Übermuth und Leichtsinn einen ihnen angeborenen gesunden Verstand, noch verstärkt durch ein gutes Theil List und Schlauheit, besaßen und sich in ihrem steten Wanderleben Menschenkenntniß und Erfahrung erworben hatten, durchschauten die Absicht des hoffährtigen Herren und fühlten sich durch die Art und Weise seiner Annäherung mehr verletzt als geschmeichelt.
Zur Steigerung seines Verdrusses darüber mußte er nun noch mitansehen, wie so ganz anders sich die Spielleute gegen ihren Schutzherren benahmen, wie ihre Augen strahlten und an Schmasmans Munde hingen, wenn er mit ihnen sprach, wie sie so garnicht schüchtern vor ihm waren, sondern ihm freimüthig und treuherzig auf seine Fragen Bescheid gaben, seelensvergnügt lachten, ihn umdrängten, ihm so anhänglich und innig ergeben schienen, als wären sie jeden Augenblick bereit, ihr Leben für ihn zu lassen. Diese eifersüchtigen Beobachtungen waren freilich nicht dazu angethan, des Grafen Oswald Stimmung zu verbessern und aufzuheitern. Sein Gesicht ward immer ernster und finsterer, seine Haltung immer steifer und stolzer.
Jetzt fingen auf den Kirchthürmen die Glocken an zu läuten, und sofort kam Bewegung in die angestauten Massen. Hans Loder reckte seinen Stab über Aller Häupter empor und schwenkte ihn zum Zeichen, daß man Raum schaffen und sich zum Antreten des feierlichen Ganges nach der Kapelle ordnen solle.
Zwei Stadtknechte mit Hellebarden und nach ihnen eine Schaar festlich geschmückter kleiner Mädchen, die Blätter und Blumen auf den Weg streuten, eröffneten den Zug. Hinter ihnen schritt ganz allein Loder der Trumpeter im Glanz seiner Würde als Pfeiferkönig, gefolgt von den vier Weibeln und den zwölf Meistern, die eine aufsichtführende Stellung in der Bruderschaft einnahmen. Dann kamen die Gäste, und da sich Schmasman, wohl einem alten Brauche gemäß, seine Gemahlin Herzelande zur Begleiterin erkoren, thaten ihm dies die anderen Herren nach, so daß jeder von ihnen die eigene Gattin im Zuge führte, während sich die Jugend nach Belieben zu einander gesellte. Egenolf war so glücklich oder so gewandt, sich Leontine zu erobern, und schien ihr als Partner willkommen zu sein. Graf Oswald von Thierstein aber war unzufrieden, daß er mit seiner Gemahlin nicht als Vorderster oder doch wenigstens unmittelbar hinter Schmasman und Herzelande gehen konnte, sondern noch vier andere Paare und unter diesen auch die Rathsamhausen vor sich hatte. In mürrischem Sinnen starrte er vor sich hin, als spönne er einen heimlichen Anschlag.
In endloser Reihe, Alt und Jung, Männer, Frauen und Mädchen bunt durch einander gemischt, schlossen sich die fahrenden Leute an, um an der geweihten Stätte ihrer Schutzheiligen, Unserer lieben Frau vom Dusenbach, in Andacht das Knie zu beugen. Und – o Lust und Pein! – Alle, Alle spielten mit der ganzen Kraft der Lungen und der Hände auf ihren Instrumenten ihre eigenen Weisen ohne sich in Takt und Tonart von dem bestimmen oder beirren zu lassen, was die Nachbaren im Zuge auf ihren Spielwerken zum Besten gaben. Sie bliesen und fiedelten, lautenierten und rasaunten Alle mit Gewalt darauf los, als wollte Jeder seine Melodieen, seine Sätze, Triller und Läufe am lautesten zur Geltung bringen.
An eine Unterhaltung der Paare war dabei nicht zu denken. Man sah sich verzweifelnd und lachend an und mußte diese wunderbare, sinnbetäubende Musik stumm und geduldig über sich ergehen lassen und sein gemartertes Gehör zum Opfer bringen.
Erst dicht vor der Kapelle, die der Zug nach einer halbstündigen Wanderung erreichte, schwieg auf einen Wink des Pfeiferkönigs der fürchterliche Lärm, und die plötzlich darauf eintretende Stille wirkte überraschend, aber wohlthuend und beruhigend; man athmete auf.
Die Kapelle, die in ihrem Innern ein wunderthätiges Marienbild bewahrte, lag einsam im tiefen Waldesfrieden des Thales, und ihr hellgraues Gemäuer schimmerte freundlich aus dem grünen Laub der jenseitigen Bergeshalde, zu der eine Brücke über den Dusenbach führte.
Auf der geebneten Lichtung davor stellten sich die Angekommenen in einem nach der Kapelle zu geöffneten Halbkreise auf, dessen Mitte frei blieb und dessen vorderste Reihe die geladenen Gäste einnahmen. Hinter ihnen drängte sich die Menge Schulter an Schulter bis über die Brücke hinüber und noch auf dem Wege am andern Ufer.
Der Pfeiferkönig, in der Hand eine pfundschwere Wachskerze, die er der benedeiten Jungfrau als Weihegeschenk brachte, stieg die Stufen zum Eingang empor und hielt an die Versammelten eine kurze Ansprache, mit der er sie hier bewillkommnete und zum Eintritt in das Heiligthum aufforderte, soweit es der beschränkte Raum zuließ.
Jetzt geschah etwas Unerhörtes. Ehe Einer aus dem Kreise Miene machte, der Einladung des Pfeiferkönigs zu folgen, weil Alle auf Schmasmans Anführung warteten, schritt Graf Oswald von Thierstein mit Gräfin Margarethe über den Platz und auf die Kapelle zu, um sich als die Ersten hineinzubegeben. Aber schnell vertrat ihnen Schmasman mit seiner Gemahlin den Weg und sagte: »Verzeiht, Herr Graf! ich habe den Vortritt.«
Oswald erwiederte trotzig: »Ihr? warum Ihr? ich meine, ich bin hier der Erste unter unseres Gleichen?«
»Da seid Ihr im Irrthum,« gab ihm Schmasman zur Antwort. »Vergeßt nicht, daß ich als Lehnsherr der Pfeiferbruderschaft vor allen Anderen hier den Vorrang habe.«
»Vergeßt Ihr nicht, Herr Graf von Rappoltstein,« sprach Oswald hochfahrend, »daß ich der Landvogt bin, es also mir gebührt, den ersten Rang hier einzunehmen.«
»Mit Nichten gebührt Euch das, Herr Graf!« erklärte Schmasman sehr bestimmt, »Ihr steht hier auf meinem Gebiet, und ich muß Euch bitten, die Kapelle erst nach mir zu betreten.«
»Das werde ich nicht thun, Herr Graf von Rappoltstein!« sagte Oswald in gereiztem Tone.
»Schmasman, hier am Gotteshause keinen Streit!« flüsterte Herzelande ihrem Gatten zu, »gieb nach! sie sind unsre Gäste.«
Aber Schmasman schüttelte das Haupt, warf einen Blick zu Burkhard hinüber, der von Jost von Müllenheim kaum in Ruhe zu halten war und vor Wuth ersticken wollte, und schritt mit den Worten: »Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe; hier habe ich allein zu entscheiden,« seine Gemahlin führend, an den Thiersteins vorbei und über die Stufen in die Kapelle hinein.
Graf Oswald stand bleich und rathlos und sprach heftig auf seine Gemahlin ein, die sich, leise an seinem Arme ziehend, vergeblich bemüht hatte, ihn zum Rückzug zu bewegen. Er wollte fort, hinweg von diesem Orte, mußte aber einsehen, daß ein Durchkommen über die dicht besetzte Brücke nicht möglich war. Schon waren andere Gäste dem Grafen Schmasman in die Kapelle gefolgt, und um wenigstens nicht der Letzte zu sein, blieb dem Ergrimmten nichts Anderes übrig als ebenfalls mit seiner Gemahlin die Stufen hinan und in den dämmrigen Raum hinein zu gehen.
Alle näher Stehenden hatten den überaus peinlichen Auftritt mit angesehen und den erregten Wortwechsel der beiden Betheiligten gehört. Die Gäste und noch weit mehr die Spielleute waren über das ungebührliche Vordringen des Thiersteiner Grafen empört. Die Letzteren bekundeten ihren Unwillen durch ein deutlich vernehmbares Murren, und Rufe wie »Zurück! Graf Rappoltstein voran!« wurden laut. Als sie aber sahen, daß Schmasman durch seine unerschütterliche Ruhe und Festigkeit in dem Rangstreit obsiegte, waren sie drauf und dran, ihre Freude darüber in hellem Jubel auszulassen, und die Weibel und Meister hatten Mühe, diesen, den Unterliegenden geradezu verhöhnenden Ausdruck leidenschaftlicher Parteinahme für den geliebten Lehnsherrn zu dämpfen.
Graf Oswald konnte seinen Ärger über diesen zweiten Mißerfolg seines ehrgeizigen Strebens kaum verbeißen und verbergen, zumal er sich sagen mußte, daß er sich damit bei seinen Standesgenossen eine durch nichts gut zu machende Blöße gegeben und beim gemeinen Volke sein Spiel nun erst recht ein für allemal verloren hatte. Und da war außer seinen nächsten Angehörigen Niemand, der ihm die zu Theil gewordene Zurückweisung nicht gegönnt hätte. Nur die an dem leidigen Vorfall völlig unschuldigen Thierstein'schen Damen bedauerte man, und jeder Einzelne von der adligen Gesellschaft nahm sich stillschweigend vor, durch ein doppelt freundliches und verbindliches Benehmen gegen die Gräfinnen Margarethe und Leontine den üblen Eindruck möglichst zu verwischen und ihnen zu zeigen, daß man sie für die unverzeihliche Anmaßung ihres Familienhauptes nicht im Mindesten verantwortlich machte, sondern sie nach wie vor hoch schätzte und verehrte, wie sie es für ihr liebenswürdiges Wesen verdienten.
Schwer litt Egenolf unter dem zwischen seinem und Leontinens Vater so unerwartet und scharf hervorgetretenen, muthwillig hervorgerufenen Zwiespalt, der nicht ohne Einfluß auf den geselligen Verkehr und die sich nahe berührenden Standes- und Rechtsverhältnisse der durch ihre Nachbarschaft auf einander angewiesenen Familien bleiben konnte. Im Grunde seines Herzens mußte er seinem Vater Recht und dem Grafen Oswald entschieden Unrecht geben. Dabei drängte sich ihm jedoch die ihn beunruhigende Frage auf, wie sich wohl Leontine fortan zu ihm stellen und verhalten würde. Während des Streites, dessen Zeuge sie, neben Egenolf stehend, gewesen war, hatte sie mit keinem Wort und keiner Bewegung ihre Empfindungen verrathen und war dann auch ohne jede ablehnende Gebärde an seiner Seite in die Kapelle gegangen.
Das Kirchlein war bis auf den letzten Platz gefüllt, aber die große Mehrzahl der Gläubigen mußte außerhalb bleiben und dort das Ende des Gottesdienstes abwarten.
Es war üblich, daß an diesem Tage nicht nur Messe gelesen, sondern auch eine Predigt gehalten wurde, die seit Jahren der würdige Prior des Augustinerklosters zu Rappoltsweiler zu übernehmen pflegte. Auch heute betrat er die Kanzel und wandte sich mit seinen beredten Ausführungen an die Gemüther der Spielleute und Fahrenden. Er ermahnte sie zu unverbrüchlicher Eintracht in ihrem Bunde, zu christlicher Demuth und Bescheidenheit, zu Tugend und Ehrbarkeit, Zucht und Sitte. Sie sollten einander wie Brüder und Schwestern lieben und achten; Keiner sollte sich besser und vornehmer dünken als der Andere, Keiner dem Andern seinen Platz streitig machen, sich überheben und vordrängen wollen. Mit Nachsicht und Duldsamkeit sollte Jeder, eingedenk der eigenen Sündhaftigkeit, die Schwächen und Fehler, ja Hochmuth und Eitelkeit des Anderen ertragen in der tröstlichen Gewißheit, daß auch der hienieden scheinbar am höchsten Stehende vor Gott dem Allwissenden und Allgerechten keinen Deut mehr gälte als der Geringsten einer.
Der Prior, der bis zum Beginn der Messe in der Sakristei verweilt hatte, wußte nichts von dem vorher stattgehabten Rangstreit der beiden Grafen und ahnte daher nicht, welche besondere Bedeutung seine Worte für die Hörer hatten. Diese sahen sich verwundert und mit dem Ausdruck großer Genugthuung darüber an, in welcher unabsichtlich, aber zutreffend anzüglichen Weise dem stolzen Grafen Thierstein hier ins Gewissen geredet wurde. Er selber saß in der vordersten Reihe, den Blick ohne mit einer Wimper zu zucken unverwandt auf den Redner gerichtet, als ginge ihn das in dieser Spielmannspredigt Gesagte garnichts oder doch nicht mehr als alle Übrigen an. Was sich in seinem Inneren dabei regte, was er und die rings um ihn und hinter ihm dicht Zusammengedrängten davon in ihren Gedanken und Gefühlen mit sich nahmen, das wußte auch nur der Allsehende, vor dem die Herzen der Menschen offen liegen wie ein aufgeschlagenes Buch.