IX.
Auf dem die Stadt Rappoltsweiler mächtig überhöhenden Berge standen die drei Rappoltstein'schen Schlösser. Als oberstes, auf des Berges Gipfel weit sichtbar, Burg Hohrappoltstein, des Grafen Wilhelm festes Haus mit dem ragenden Bergfried, als unterstes auf einem westlichen Vorsprung die große St. Ulrichsburg, Schmasmans fürstlicher Herrensitz, und dicht dabei, nur wenig höher gelegen, das auf einem steil aufsteigenden Felsgrat frei und schwindlig in die Luft gethürmte kleine Schloß Giersberg, Kaspars und Imagina's sturmtrotzendes Heim. Die St. Ulrichsburg mit ihren weiten, prächtig ausgestatteten Räumen betrachteten sämmtliche Mitglieder des gräflichen Geschlechts als ihr eigentliches, gemeinsames Hoflager. Dort trafen sie sich zu einmüthiger Geselligkeit und zu glänzenden Gastmählern, dort hielten sie Familienrath und feierten dort ihre Gedenktage und traulichen Feste.
Heute, am zweiten der Pfeifertage, sollte auf der St. Ulrichsburg nach altem Herkommen etwas vorgehen, das die Rappoltsteiner auch als eine Art Familienfest ansahen, obwohl die daran Theilnehmenden mit dem Schloßherrn nicht im Entferntesten blutsverwandt oder verschwägert waren. Die empfangenden ritterlichen Wirthe konnten auch keine Gäste dazu einladen, als die sie gerade über Nacht bei sich beherbergt hatten, weil schon bald nach Sonnenaufgang Alles dazu bereit sein mußte. Nur Graf Kaspar und Gräfin Imagina wollten dabei nicht fehlen und waren, den kurzen Weg von Giersberg herübereilend, rechtzeitig zur Stelle.
Es galt die alljährlich seinem Lehnsherrn aufs Neue darzubringende Huldigung des Spielmannsvolkes.
Zu früher Morgenstunde kamen sie von Rappoltsweiler heraufgezogen. In dem großen Burghof nahmen sie, so viele dort Platz fanden, Aufstellung, und eine auserlesene Schaar spielte eine ernste, getragene Weise. Dann trat Loder unten ein paar Schritte vor, setzte seine Trompete, die er ausnahmsweise heute mitgebracht hatte, an die Lippen und blies unter lautloser Stille seinem Gebieter zu Ehren eine schmetternde Fanfare mit kunstvollen Gängen und Figuren, die einen ausdauernden Athem erforderten. Wie auf einen Lockruf erschien jetzt Schmasman mit den Seinen auf einem Altan über dem Hofe und nickte und winkte seinem alten Trumpeterhans von oben freundlich zu. Dieser sprach nun, nach Beendigung seines Meisterstückes, die ein für allemal feststehenden Worte zum Altan hinauf, mit denen er im Namen der Pfeiferbruderschaft gelobte, ihrem edlen Schutzherrn allzeit hold und gewärtig, dienstbar und ergeben zu sein. Alle erhoben die Hand zum Treuschwur, und wie aus einem Munde erscholl der brausende Ruf: »Heil und Segen unserm gnädigen Schutzherrn, Grafen Maximin von Rappoltstein!«
Schmasman dankte den Versammelten und versprach, ihnen nach seinem besten Wissen und Können ein gewogener und gerechter, theilnahmsvoller und thatkräftiger Schützer und Schirmer in allen ihren Rechten und Gepflogenheiten sein zu wollen, dessen Ohr Jedem offen stünde, der mit einer Bitte oder einer Beschwerde zu ihm käme.
Sie jubelten ihm noch einmal zu und fielen mit einer heiteren Melodie in den allgemeinen Freudenrausch ein.
Damit war der pflichtgemäße Theil der Begrüßung zu Ende, und der ungebunden fröhliche nahm seinen Anfang.
Dieser bestand in einer freigebigen Bewirthung mit Wein und Backwerk und in traulicher Unterhaltung der Herrschaften mit den sie umringenden Spielleuten jedes Alters und Geschlechts. Indeß das Burggesinde Speise und Trank an die ohne Blödigkeit Zugreifenden vertheilte, mischten sich die Grafen und Gräfinnen Rappoltstein und mit ihnen die drei Rathsamhausen unter alle die Hunderte der Heraufgekommenen und plauderten und scherzten mit ihnen in huldvoller Weise.
Hans Loder, der Pfeiferkönig, wurde dabei vor Allen geehrt und bevorzugt; besonders die Damen hatten ihr Wohlgefallen an der stattlichen und würdigen Erscheinung und ihren Spaß an den launigen Reden und Antworten des graubärtigen Helden.
Die Weibel sorgten dafür, daß die in den Burghof Gedrungenen den Platz mit den Draußengebliebenen wechselten, damit auch diese sich an der dargebotenen Beköstigung erquicken konnten, denn Niemand sollte hungrig und durstig von der St. Ulrichsburg gehen.
Nach der so durchaus befriedigend ausgefallenen Huldigungsfeier zog das Völklein wieder ab und fiedelnd, hornend, harfend und singend den Berg hinunter.
In Rappoltsweiler konnten die Fahrenden sich heute, ohne Vorschriften über die Ausfüllung der Tagesstunden, ganz nach ihrem Gefallen ergehen und erlustigen, aber Rast und Ruhe hielten die Nimmermüden, Immerfrohen doch nicht. An allen Ecken und Enden der Stadt schwirrte und surrte, sang und klang es in allen möglichen Tönen und Tonarten. Die Einen spielten den Anderen ihre besten Stücke vor, krittelten, lachten, neckten sich und trieben seelensvergnügt allerhand harmlose Kurzweil und Possen.
Andere wieder, Tänzer, Luftspringer und Gaukler, gelenke Männer und geschmeidige Mädchen, thaten sich in Gruppen zusammen und zeigten auf ablegenen Plätzen vor den Thoren der Stadt sich gegenseitig ihre gewagtesten Übungen, bei denen sie keine anderen Zuschauer haben wollten als Kenner ihrer Kunst und Genossen ihres Faches, vor denen sie mit ihren freiesten und kecksten Schaustellungen nicht zurückzuhalten und sich eines etwaigen Mißlingens besonders schwieriger Leistungen von Kraft und Geschicklichkeit nicht zu schämen brauchten. –
Auf der St. Ulrichsburg in dem schönen, großen Saale, dessen lange Reihe gekuppelter, durch zierliche Säulchen getheilter Bogenfenster einen herrlichen Ausblick in das offene Land gewährte, saßen nun Wirthe und Gäste, zusammen ihrer neun an der Zahl, beim Morgenimbiß. Sie sprachen noch viel von den gestrigen Aufführungen in der Festhalle, aber kein Wort von dem Zank mit dem Grafen Oswald im Rathskeller, denn die dabei betheiligt gewesenen Herren hatten unter sich ausgemacht, den höchst verdrießlichen Verlauf und Ausgang der Abendzeche den Ihrigen einstweilen noch zu verschweigen. Die drei hier, die davon wußten, Schmasman, Kaspar und Burkhard, waren zerstreut und wortkarg bei Tische, und namentlich Burkhard merkte man die Ungeduld an, das Frühmahl beendet zu sehen und sich mit Schmasman über den Vorfall aussprechen zu können, was sie gestern Abend beide vermieden hatten.
Es kam ihm daher sehr gelegen, als nach Aufhebung der Tafel Imagina zu ihren jungen Freunden sagte: »Kommt mit uns hinauf nach Giersberg; ich möchte euch meinen neuen Falken zeigen, den mir Konrad von Busnang geschenkt, nachdem sich mein Hagard verstoßen hat. Ich bin eben dabei, ihm eine schöne Haube zu sticken, denn ich soll ihn noch öfter verkappt auf der Faust tragen, damit er sich an mich gewöhnt.« Egenolf, Isabella und Bruno folgten der Aufforderung gern und gingen mit Kaspar und Imagina zu deren Felsennest hinauf.
Nun begaben sich Schmasman und Burkhard, ihre Gattinnen hausmütterlichen Gesprächen überlassend, ein Geschoß höher im Palas und in Schmasmans behaglich eingerichtetes Zimmer. Dort nahmen sie in zwei geschweiften Sesseln Platz, lehnten sich bequem darin zurück und blickten sich schweigend an. Jeder wußte, was der Andere auf dem Herzen hatte, und erwartete von ihm das erste Wort.
»Nun also, was denkst Du, Bruder?« fing Schmasman endlich an.
»Wir müssen ihm absagen.«
»Hm! – zuerst gereizt hast Du ihn, Burkhard! schon ehe Du die Eule auf dem Kopfe hattest.«
»Mag sein; aber er forderte von Anfang an durch seinen hochmüthigen Ton und seine abfälligen Bemerkungen zum Widerspruch heraus, schwatzte von lächerlichen Gewohnheiten und unerträglichen Mißbräuchen, die er nicht dulden wollte, – da kochte es in mir über. Mit der Eule, die ich mir in den Rathskeller bestellt hatte, trug ich ursprünglich nichts Anderes im Sinn, als was wir so manches Mal mit ihr angestellt haben. Ich wollte den Thiersteiner nur mit scherzhaften Spitzworten ein wenig necken, ihn wegen seiner Eitelkeit und Überhebung aufziehen, nenn' es meinetwegen verhöhnen. Wie oft haben wir uns – erinnere Dich! – bei fröhlichen Gelagen, wenn die Eule rundum vom Einen zum Anderen ging, die derbsten Anzüglichkeiten unter schallendem Gelächter ins Gesicht gesagt! Niemand durfte dem, der ihn mit der Eule auf dem Kopfe hänselte und foppte, etwas übelnehmen, und that er es dennoch, so fielen Alle über ihn her und hudelten und zausten ihn, daß kein gutes Haar mehr an ihm blieb, aber niemals entstand daraus ein Streit. So haben es unsere Altvorderen schon vor unvordenklichen Jahren getrieben; die Eule durfte immer und überall ungerügt und ungestraft hecheln, spotten und schelten, wie ihr der Schnabel gewachsen war.«
Schmasman hatte den Anderen ruhig ausreden lassen und entgegnete ihm nun: »Das ist unter Freunden geschehen, die das Possenspiel kannten und vergnügt mitmachten. Du hast aber den Thiersteiner, der von dem närrischen Brauch nichts wußte, so grobe Wahrheiten an den Kopf geworfen, daß er sie nicht auf sich sitzen lassen konnte.«
»Also doch Wahrheiten, giebst Du zu. Und auf ihm sitzen geblieben sind sie auch, denn er konnte meine Anschuldigungen gegen ihn nicht widerlegen, versuchte nicht einmal, ihre Triftigkeit zu leugnen. Im Gegentheil, er hat – und das rechne ich ihm noch als Verdienst an – mit seinen Absichten und seiner Gesinnung durchaus nicht hinter dem Berge gehalten, hat sich offen zu den Plänen bekannt, die er gegen unsere und des Landes geheiligte Rechte, Freiheiten, Sitten und Gewohnheiten im Schilde führt. Und das sollen wir uns gefallen und geduldig über uns ergehen lassen? Nun und nimmermehr, so lange ich noch ein Schwert an meiner Seite habe! Er muß fort, fort, zum Lande hinaus!« rief Burkhard, mit der Faust heftig auf die Armlehne seines Stuhles schlagend.
»Das wäre Friedensbruch, Burkhard.«
»Friedensbruch? du lieber Gott, Schmasman! als wenn nicht jede Fehde ein Friedensbruch wäre! Wir haben beide, Du so gut wie ich, schon manch Einem um geringerer Ursache willen abgesagt und uns so lange mit ihm herumgebalgt, bis Einer den Kürzeren zog und der Gewalt weichend wohl oder übel nachgeben mußte.«
»Wir haben als Gäste an des Grafen Oswald Tische gesessen.«
»Und gestern war er Dein Gast. Das wechselt, heute Freund, morgen Feind, wie die Würfel fallen.«
»Er ist kaiserlicher Landvogt.«
»Was geht das uns an! Wir sind die zwei ersten Geschlechter im Wasgau, ihr das mächtigste, wir das älteste. Kein Landvogt, kein Kaiser soll uns ein Titelchen von unserer Standeshoheit nehmen; sie zu vertheidigen ist schon eines kühnen Handstreiches werth.«
»Und die Vehme?«
»Läßt auch Keinen hängen, ehe sie ihn hat. Übrigens begehen wir keinen Meuchelmord; eine ehrlich angesagte Fehde zieht kein Freigraf vor das offenbare oder das heimliche Ding.«
»Und wie denkst Du Dir die Fehde?«
»Nun, ich sollte meinen, daß wir es allmählich wohl gelernt hätten, Einen mit gewaffneter Hand anzulaufen,« lachte Burkhard. »Wir müssen eben unsere Lehnsleute aufmahnen und mit großem reisigen Zeug, mit allerlei Kriegsrüstung zum Werfen, mit Stücken und Tarrasbüchsen vor der Hohkönigsburg lagerhaftig werden und sie nehmen.«
»Sie ist schier unnehmbar.«
»Sie ist schon einmal genommen, und ihr Rappoltsteiner habt dabei geholfen.«
»Aber jetzt ist sie stärker als ehemals.«
»Nicht zu stark für uns, wenn wir einig sind und fest zusammenhalten. Die Thiersteiner werden wenig Bundesgenossen finden.«
»Zum Beispiel den Bischof und den Rath von Straßburg.«
»Den Bischof? Herzog Albrecht wird sich lange besinnen, ehe er gegen uns zu Felde zieht, und die Hochwohledeln, die in Straßburg auf den Dreizehnerstühlen über Krieg und Frieden zu Rathe sitzen, sind froh, wenn wir sie ungeschoren lassen. Der Ammeister Peter Schott und seine Zünftler gehen lieber zur Morgensprache in die Trinkstuben, als daß sie den Harnisch anthun und aus ihren Mauern herauskommen. Höchstens die Fleckenstein und Hermann von Hattstadt könnten den Thiersteinern helfen, und gegen die gewinnen wir doppelt und dreifach die Überhand.«
»Und was soll mit der Hohkönigsburg werden, Burkhard, wenn wir sie erstürmt und erstiegen haben?« fragte Schmasman.
Burkhard antwortete darauf nicht gleich und sprach sodann mit einiger Unsicherheit im Ton: »Das können wir erwägen, wenn sie in unseren Händen ist und die Thiersteiner mit Mann und Maus herunter sind.«
»Sie wieder in Schutt und Asche legen, nachdem sie kaum erst neu aufgebaut ist?«
»O bewahre! das wäre Schade drum,« fuhr es Burkhard heraus.
»Ja, was dann? wer soll sie haben?«
»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht,« erwiederte Burkhard mit abgewandtem Gesicht. »Das können auch wir beide nicht allein entscheiden.«
»So! Du hast noch nicht darüber nachgedacht,« wiederholte Schmasman. »Die Frage liegt aber doch sehr nahe; respice finem, sagt der Lateiner.«
»Das riecht nach dem Schulsack, mein Lieber!« spöttelte Burkhard, »ihr Rappoltsteiner seid gelehrte und belesene Leute, aber damit kommen wir hier nicht durch. Das Ende wird sich von selber ergeben, das Wichtigste ist jetzt der Anfang. Wir müssen dem Thiersteiner absagen und ihn überzucken, ehe und bevor er sein widerrechtliches Fürnehmen gegen unsere Unabhängigkeit ins Werk setzen kann.«
Schmasman schüttelte das Haupt: »Das Ziel muß ich klar vor Augen sehen, muß wissen, was aus der Hohkönigsburg werden soll, nachdem wir die Thiersteiner daraus vertrieben haben.«
»Mein Gott! das wird sich finden, wenn es soweit ist,« rief Burkhard unwillig und ungeduldig.
»Weißt Du, Burkhard, was sich dabei finden wird?« sagte Schmasman und legte die Hand auf den Arm des Freundes. »Hader und Zwietracht zwischen uns, zwischen Allen, die sich zu der Hatz verbunden und dabei geholfen haben. Jeder wird den Preis des Sieges für sich begehren.«
»An sich darf Keiner dabei denken, nur daran, wie wir der Burg Herr und Meister werden,« erwiederte Burkhard. »Was ist denn Deine Meinung über ihre Zukunft?« fügte er, um den Zurückhaltenden auszuholen, mit forschendem Blick hinzu.
Schmasman zuckte mit den Achseln und ließ die Frage unbeantwortet. »Das Liebste wäre mir, aufrichtig gesagt,« kam es zögernd von ihm heraus, »wenn wir die Sache mit Ehr und Glimpf vergleichen könnten, daß alle Wirrniß gestillt und im Keime erstickt würde.«
»Vergleichen? der Thiersteiner will keinen Vergleich. Wie schnöde und hochfahrend hat er Deine Vermittlung zurückgewiesen! Und ich soll zum Frieden mit mir handeln lassen nach einer handgreiflichen, thätlichen Beleidigung?« brauste Burkhard auf. »Schmasman, ich frage Dich bei Deiner Ritterehre: würdest Du Stolzer es ruhig hinnehmen, daß man Dir den Hut vom Kopfe schlägt, ohne es blutig zu rächen? nicht um die ganze Hohkönigsburg! Wenn das Dir geschehen wäre, so würde ich mich ohne Besinnen flugs an Deine Seite stellen, wie ich das jetzt von Dir erwarte.«
»Du hast mich auf Deiner Seite, wenn Du für die Dir zugefügte persönliche Beleidigung von dem Grafen Genugthuung fordern willst,« sagte Schmasman. »Aber dazu bist Du auch allein Manns genug, ohne daß wir in einer allgemeinen, großen Fehde zu Hauf über ihn herfallen.«
»Du willst mich also im Stich lassen,« knirschte Burkhard. »Ja, fühlst Du Dich denn von dem Schlage, den er mir versetzt hat, nicht mitgetroffen? uns Alle hat er damit ins Gesicht geschlagen, nicht bloß mich, einen Einzelnen, der dafür auf seine eigene Faust Rache nehmen kann und wird, sondern den gesammten Adel des Landes. Bist Du denn so blind, daß Du nicht siehst, was folgen, wie das weiter und weiter gehen wird, bis es dahin gekommen ist, wohin er es haben will, zu unserer völligen Unterwerfung? Dagegen müssen wir Alle wie ein Mann aufstehen und reine Bahn machen. Und dazu giebt es nur einen Weg: der Thiersteiner muß fort, aus dem Lande hinaus! ich sage es noch einmal und bleibe dabei, sonst werden wir niemals Ruhe und Frieden vor ihm haben. Unsere Ehre ist verletzt, unsere Freiheit ist bedroht, Schmasman! Aus seinem eigenen Munde hast Du gehört, was er mit uns vorhat und wozu er hergekommen ist. Wie kannst Du Dich da noch bedenken! Willst Du Dich vor ihm bücken und demüthigen? Willst Du Deinen Nacken unter das Joch beugen, an das uns gewöhnen zu können sich dieser Mensch in seinem maßlosen Hochmuth einbildet? – Gieb Antwort! auf Dich und Deinen Entschluß kommt Alles an. Wenn Du uns vorangehst, folgen wir Alle; ohne Dich vermögen wir nichts, mit Dir haben wir gewonnen Spiel. Nun sprich, ob Du uns helfen willst oder nicht!«
Schmasman stand auf und schritt, die Hände auf dem Rücken, erregt im Zimmer auf und ab. Burkhard beobachtete ihn verstohlen, störte aber den noch schwer Kämpfenden jetzt mit keinem Worte. Viel hing für den in herzklopfender Spannung Wartenden an der Entscheidung dieses Augenblickes. Schmasmans Ja oder Nein bedeutete den Aufschwung oder den Absturz seiner geheimen Hoffnungen.
Nach einer Weile trat dieser auf ihn zu und sprach: »Du hast Recht, und ich bin einverstanden, daß wir Ernst machen gegen ihn und ihm Feind werden.«
Burkhard wollte in seiner Freude vom Stuhle aufspringen, aber Schmasman drückte ihn mit beiden Händen an den Schultern darauf nieder, und, ihm fest in die Augen sehend, fuhr er fort: »Versprichst Du mir, Dich ohne Hintergedanken der Führung und dem Befehle meines Bruders Wilhelm, der unter uns Allen der Kriegskundigste ist, im Gang der Fehde unbedingt zu fügen?«
»Ja, das verspreche ich.«
»Dann vorwärts! ich bin entschlossen,« sagte Schmasman und gab Burkhard frei, der sich nun auch erhob. »Aber laß uns nichts übereilen, laß uns vorerst in aller Stille Bundesgenossen werben. Sprich Du mit Deinen Freunden Müllenheim und Dürkheim; ich werde mich mit Andlau und Lützelstein in Verbindung setzen. Schade, daß sie nicht mehr hier sind; sie wollten heute früh abreiten. Brauchen wir noch andere Hilfe, so wird es uns daran gewiß nicht fehlen.«
»Je weniger Hilfe wir von Anderen brauchen, desto besser,« erwiederte Burkhard. »Müllenheim ist heute nach Schlettstadt geritten, kommt aber morgen wieder. Du behältst mich wohl morgen auch noch hier, nicht wahr? ich möchte dem Pfeifergericht beiwohnen, Seppele's wegen. Stephania und Bruno brechen heute Nachmittag auf.«
»Ihr seid unsere lieben Gäste, so lange es euch gefällt,« sagte Schmasman und reichte seinem alten Waffenbruder die Hand.
»Abgemacht! wir sind einig,« sprach Burkhard, den Handdruck erwiedernd, »und nun Gottbefohlen!«
»Wo willst Du hin?«
»Hinauf zu Wilhelm; ich habe versprochen, ihn auf Hohrappoltstein zu besuchen. Darf ich ihm von unserem Abkommen Mittheilung machen?«
»Ja, thu das! aber er soll's noch geheim halten,« versetzte Schmasman. »Auf Wiedersehen!«
Burkhard ging, und als er auf dem schattigen Waldwege den Berg hinanstieg, sagte er sich: »Ohne Hintergedanken! was soll das heißen? – ich lege es mir so aus, daß ich nichts Arges über Wilhelms Oberbefehl denken soll. Das will ich auch nicht, ich vertraue ihm, denn er versteht sich aufs Kriegshandwerk besser als Einer von uns. Aber innerhalb des Löwenthores ist es mit seiner Führung zu Ende, über die Hohkönigsburg hat er nichts zu befehlen. Ich muß ihm die Nothwendigkeit der Fehde nur im rechten Lichte zeigen, daß er mir nicht in die Karten sieht; man muß Füchs' mit Füchsen fahen. Von Schmasmans Bedenken und langem Sträuben braucht er nichts zu wissen. Also vorsichtig, Zunge im Zaum, alter Eulenspiegel!« Er blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. »Gotts Blitz und Donnerschlag, die Eule! wo ist die Eule? die ist im Rathskeller geblieben; hoffentlich hat sie der Schenk mir gut verwahrt. Die Eule, die Eule zu vergessen!« Und über sich selber den Kopf schüttelnd stieg er weiter.
Als Schmasman allein war, nahm er seine Wanderung hin und her im Gemache wieder auf, und auch er überließ sich einem geflüsterten Selbstgespräch: »Burkhard hat Recht, es muß sein, es geht nicht anders, so schwer es mir auch wird, den Frieden zu brechen. Um die Frauen thut mir's bitter leid, denen hätte ich das harte Schicksal gern erspart. Aber mit dem Grafen ist auf die Dauer nicht auszukommen, und Bedingungen für sein künftiges Verhalten läßt er sich nicht vorschreiben. Oder vielleicht doch. Wenn er unsern einmüthigen, entschlossenen Willen erkennt, seine Niederlage vor Augen sieht und ihm zuletzt nur die Wahl bleibt, von der Hohkönigsburg auf Nimmerwiederkehr zu weichen oder sich einem Vergleiche zu fügen, dessen stipulationes wir bestimmen, so läßt er wohl zum Frieden mit sich handeln. Aber es müßte ein fester Vertrag sein mit beiderseitig streng abgegrenzten Rechten und Pflichten, schwarz auf weiß, besiegelt und beschworen. Fragt sich nur, was die Anderen dazu sagen; – sie werden einverstanden sein, bis auf Burkhard. Der wird in den Zügel beißen und schäumen; aber was will er machen? er allein kann nichts ausrichten gegen uns Alle. Von Anfang an war er den Thiersteinern entschieden feindlich gesinnt; was mag er nur haben gegen sie, daß er sie durchaus befehden und von der Hohkönigsburg vertreiben will? Freilich, die Fehde muß angesagt und ausgefochten werden. Wir müssen mit einer ansehnlichen Streitmacht anrücken, und ein paar blutige Scharmützel müssen geliefert werden, damit der Übermüthige unsern Ernst und Nachdruck fühlt. Mit dem Rüsten könnte man immerhin schon langsam anfangen ohne die Zustimmung der Freunde abzuwarten.«
Er hörte Schritte vor der Thür und öffnete. Sein Kämmerling war es, dem er nun gebot: »Geh zum Grafen Egenolf, Reimar, und sag ihm, wenn er schon von Giersberg zurück ist, ich ließe ihn bitten, zu mir zu kommen.«
Als Egenolf nach einigen Minuten bei ihm eintrat, empfing ihn Schmasman mit den Worten: »Egenolf, Du mußt satteln und reiten, morgen schon.«
»Gern, Vater! wohin Ihr befehlt,« antwortete der Sohn.
»Das Wohin und Wozu ist ein Geheimniß, das ich Dir ohne Scheu anvertraue; Du wirst es hüten, nicht wahr?«
»Unverbrüchlich, Vater!«
»In die Thäler mußt Du reiten, Egenolf, überall, wo Lehnsleute von uns auf ihren Höfen sitzen, und ihnen bestellen, daß sie sich vorsehen und rüsten sollen zur Gefolgschaft mit Wehr und Waffen, zu Roß und zu Fuß, denn es ist eine Fehde im Anzuge.«
»Eine Fehde?« rief Egenolf mit freudig blitzenden Augen, »darf ich fragen, gegen wen?«
Schmasman zögerte mit der Antwort, dann sagte er ruhig und fest: »Gegen den Grafen Oswald von Thierstein auf der Hohkönigsburg.«
»Um Gotteswillen! was ist das? Vater, wie ist das möglich?« sprach Egenolf tief erschrocken und unwillkürlich einen Schritt zurücktretend.
»Es ist so, und es muß sein,« erwiederte Schmasman kurz.
»Eine wirkliche, ernsthafte Fehde, unvermeidlich, unabwendbar?«
»Unvermeidlich, wir haben's wohl erwogen, und schwer genug ist mir der Entschluß geworden. Jetzt frage nicht weiter, ich kann Dir die Gründe heute noch nicht mitteilen. Auch den Lehnsleuten sage nicht, gegen wen sie kämpfen sollen, sie werden es zur rechten Zeit erfahren.«
Egenolfs Gedanken stürmten und wirbelten durch einander. Feindschaft, Fehde gegen den Vater Leontinens! War das die Folge des Streites an der Kapelle? Aber die beiden Herren hatten sich doch nachher versöhnt und freundlich mit einander verkehrt? Unbegreiflich! wie war das gekommen, und was sollte daraus werden? Sein Herz war dort oben, und sein Arm sollte –, o es war entsetzlich. Und kein Davonkommen! da konnte auch Imagina nicht helfen. Und was wird Loder sagen? Loder! – schnell durchzuckte es ihn, – das – das ginge, es wäre doch ein Aufschub, wenn auch ein kurzer nur.
»Vater,« begann er, »ich soll nicht fragen, aber eine Bitte darf ich wohl aussprechen. Gebt mir Hans Loder mit bei dem Auftrag! er kennt alle unsere Leute im Wasigen und weiß mit ihnen zu reden und zu verhandeln besser als ich. Ihr habt ihn schon öfter zu wichtigen Sendungen verwandt, die er stets zu Eurer vollen Zufriedenheit ausgeführt hat.«
»Gut, nimm den Hans mit,« erwiederte Schmasman, »und ich will ihn selbst vorher noch sprechen; also überlaß es mir, ihn einzuweihen. Aber da fällt mir ein, morgen ist ja das Pfeifergericht, da kann er nicht abkommen, und heute hat er auch alle Hände voll zu thun und ist nicht mehr zu haben. Nun, so große Eile hat es nicht; also übermorgen will ich ihn sprechen, und den Tag darauf reitet ihr.«
Damit war die Unterredung zu Ende. Eine kleine Frist war mit dem Ausweg gewonnen, aber weiter nichts, und Egenolf verließ seines Vaters Gemach mit einem sehr schweren Herzen.