XIV.
Vier Tage waren vergangen, seit Bruno von der St. Ulrichsburg abgeritten war und seinem Vater von Schmasmans Entschluß, die Thiersteiner nicht angreifen zu wollen, Mittheilung gemacht hatte. Aber noch war keine Kunde hierher zurückgelangt, was Burkhard bei so veränderter Sachlage zu thun gedächte, ob er nun den Fehdeplan aufgab, oder ob er, auch ohne die Hilfe der Rappoltsteiner, auf der Durchführung des feindlichen Unternehmens nach wie vor bestand. Dieses Ausbleiben jeglicher Nachricht versetzte Schmasman in große Unruhe, denn er konnte sich Burkhards Schweigen nicht erklären. War dieser so wüthend auf ihn, daß er ihn keiner Botschaft mehr würdigte? oder wollte er seine Entschlüsse und Veranstaltungen vor ihm geheim halten, um ihn mit einer vollendeten Thatsache, einem nicht zurücknehmbaren Schritte zu der Entscheidung zu zwingen, mit ihm oder wider ihn zu sein? Denn wenn es wirklich zum Kampfe kam, so konnte Schmasman diesem nicht als Unbetheiligter müßig zuschauen, sondern mußte auf der einen oder der anderen Seite handelnd eingreifen.
All die Tage her und manche halbe Nacht hatte er sich mit den abenteuerlichsten Gedanken darüber herumgeschlagen und sich schon die Frage vorgelegt, ob die von Loder belauschte Unterhaltung Burkhards mit Müllenheim und des Ersteren dabei geäußertes Verlangen nach dem Besitz der Hohkönigsburg auch wohl ernst zu nehmen sei. Er hielt es jetzt für möglich, daß Burkhard dem Schloßherrn von Girbaden nur hatte auf den Zahn fühlen wollen und daß seine Einladung an ihn zum Weihnachtsfest dort oben nur ein prahlerischer Scherz oder eine muthwillige Fopperei gewesen war. Denn er konnte Burkhard noch immer nicht die Tücke zutrauen, ihn im Widerspruch mit der jeden Nebenzweck verneinenden Versicherung so gröblich täuschen zu wollen, und war auf dem besten Wege zu der Überzeugung, daß er seinem rauflustigen Freunde mit diesem Verdacht Unrecht thäte. Aber Gewißheit, was er von ihm denken sollte, mußte er um jeden Preis haben, und dazu konnte er nur gelangen, wenn er vor Burkhard hintrat und ihn Auge in Auge zur Rede stellte.
Mit dem Entschlusse, dies zu thun, kam er am fünften Morgen nach Bruno's Besuch in das Gemach seiner Gemahlin und theilte ihr sein Vorhaben und dessen Begründung mit.
Herzelande hörte ihn ruhig an und sagte darauf: »Den Ritt nach Ottrott kannst Du Dir sparen; dieser Brief Stephania's, den sie mir durch einen Knecht gesandt hat, wird Dich aller Zweifel über Burkhards wahre Absichten entheben.« Sie reichte ihm das Blatt, und Schmasman las, was Frau Stephania geschrieben hatte.
Meine herzliebe Frau Gevatterin Gräfin Herzelande!
Freundlichen Gruß und alles Guts zuvor! Mit beschwertem Gemüth, aber in gutherziger Meinung schreibe ich Euch diesen angsthaftigen Brief. Mein lieber Herr und Gemahl ist ob der betrübsamen Kunde, so ihm unser Sohn vom Grafen Schmasman überbracht hat, in einer ganz erschrecklichen, zornmüthigen Verfassung und läßt sich durch keine Beschwichtigungen mit guter Vernunft zu einem gebührlichen Einsehen bewegen. Graf Schmasman will von der stattgehabten Abrede, dem Grafen Thierstein auf Leib und Leben, Gut und Blut abzusagen, zurückzucken, und Burkhard schilt ihn ein Mal übers andere wortbrüchig und bundbrüchig und droht, auch euch Rappoltsteiner mit gewaffneter Hand anzufallen, wenn Graf Schmasman nicht steifhält, was er gelobt hat. O meine großgünstige Freundin, was soll aus so beschaffenen Umständen werden? Zwietracht und Uneinigkeit ist das größte Gift auf Erden, und nun gar zwischen alten Freunden, die ihr Lebtag in gutem Frieden mit einander ausgekommen sind. Mein Gemahl hat ein unruhig Herz und einen stolzen Kopf; er will bei seinem gefaßten Fürhaben beharren und die ihm von dem Thiersteiner angethane Schmach mannlich rächen. Er will nicht ablassen, bis er ihn von der Hohkönigsburg vertrieben hat, und mich will fast bedünken, als hätte er dabei noch einen anderen Endzweck im Auge, den er mir nicht aufdecken will. Ihr könnt leichtlich entnehmen, daß ich groß Überlast mit ihm habe und, wie schon gemeldt, in zitternden Ängsten und Sorgen bin, daß daraus viel Unsegen und Leiden erwachsen. Aus diesen bewegenden Ursachen bitte ich Euer Liebden im Namen Gottes, doch ja mit größter Fürsichtigkeit zu thun, was in Euren Kräften steht, daß zwischen unseren beiden Herren Friede und Eintracht bleibt, und vertraue herzhaft auf Euch, daß Ihr Euren Ehgemahl dazu vermögt, dem meinigen Wort zu halten und ihn nicht im Stich zu lassen.
Der Allmächtige erhalte Euch bei langwieriger, bequemer Gesundheit, und wollet meiner im Guten nicht vergessen.
Zu aller Lieb und allem Dienst
Eure
treuverbundene Freundin und Gevatterin
Stephania von Rathsamhausen.
Schmasman war vom Lesen dieses Briefes tief erschüttert. Er schritt ein paarmal schwer athmend im Zimmer auf und ab und rief mit grollender Stimme: »Wortbrüchig, bundbrüchig nennt er mich, – das ertrag' ich nicht!« Dann blieb er vor Herzelande stehen. »Hab' ich es euch nicht gesagt: ein Wort ist ein Wort und bleibt ein Wort? Sie hat ganz Recht, ich kann nicht zurück, ich muß steifhalten, was ich gelobt habe. Ein Wortbruch ist das Abscheulichste, was ich kenne.«
»Und willst ihm helfen, die Hohkönigsburg zu erstürmen und sich darin festzusetzen?« fragte Herzelande.
»Nein! das nicht, das nicht!«
»Ja, was dann? der andere Endzweck, von dem Stephania spricht, liegt doch für uns klar auf der Hand.«
»Dabei hat der Kaiser auch noch mitzureden; er ist der oberste Lehnsherr.«
»Der Kaiser!« sagte sie mit geringschätziger Miene, »Du weißt besser als ich, wie weit des Kaisers Macht reicht und wie weit sie nicht reicht. Und was ist denn schlimmer, Wortbruch oder Friedensbruch?«
Er drückte die geballten Fäuste gegen die Stirn und stöhnte: »Es ist grausam, vor eine solche Wahl gestellt zu sein.«
»Entscheiden mußt Du Dich für's eine oder für's andere.«
»Mach mich nicht rasend, Frau! ich weiß mir nicht aus noch ein. Wortbrüchig! wortbrüchig!« und wieder lief er hin und her wie ein Löwe im Käfig. Dann riß er die Thür auf und rief hinaus, daß es laut durch die Gänge schallte: »Reimar! Reimar!« Der Kämmerling erschien. »Geh hinauf zum Thürmer; er soll blasen, daß meine Brüder kommen, sogleich kommen.«
Der Hornruf ertönte, und nun horchten sie auf die Antwort. Bald klang es von Giersberg und auch von Hohrappoltstein zurück: ich komme.
»Wozu Wilhelm rathen wird, weiß ich im Voraus,« sprach Herzelande. »Bei Kaspar ist es mir zweifelhaft, er ist eine friedliebende Natur.«
»Sie werden beide so rathlos sein wie ich.«
»Ich hoffe, ihr werdet einen ehrenvollen Ausweg finden.«
»Einen anderen gehen wir nicht, Herzelande!« sagte Schmasman. »Ich erwarte sie oben bei mir; sorge, daß wir nicht gestört werden.« Damit schritt er hinaus und stieg die Treppe hinan.
Kaum hatte er das Gemach verlassen, als Isabella und Egenolf zugleich eintraten, die Eine in den Augen die stumme, der Andere auf den Lippen die laute Frage: »Was ist geschehen, Mutter? die Oheime sind herberufen; etwa Nachricht von Herrn Burkhard?«
»Nicht von ihm selber, aber von Frau Stephania,« erwiederte Herzelande mit einem Tone, aus dem Leid und Sorge herauszuhören waren.
»Willst Du mir sagen, Mutter –«
»Herr Burkhard besteht auf blutiger Fehde gegen die Thiersteiner und verlangt des Vaters Beistand.«
»Und der Vater?«
»Ist in der schwierigsten Lage und weiß nicht, was er thun oder lassen soll. Er will mit seinen Brüdern Raths pflegen.«
»Was sie ihm auch rathen werden,« sprach Egenolf, »ich kann mir nicht denken, daß sich der Vater zur Absage an Graf Oswald entschließen wird.«
»Dann giebt es Fehde mit Burkhard,« sagte Herzelande.
»O mein Gott!« entfuhr es Isabella's zuckendem Munde.
Darauf schwiegen die Drei, und Jeder gab sich seinen trüben Gedanken hin.
Graf Kaspar traf als der Nächstwohnende zuerst auf der St. Ulrichsburg ein und mit ihm seine Gattin Imagina.
»Na, vergnügte Gesichter macht ihr grade nicht, seht aus, als wäre euch Gott weiß was verregnet.« Mit diesen Worten begrüßte Imagina beim Eintritt ins Gemach die Anwesenden, von einem zum andern blickend. »Was ist denn los hier?«
»Der Teufel ist los,« brummte Egenolf.
»Burkhard speit Feuer und Flammen, nicht wahr?« fragte Kaspar.
Herzelande nickte: »Er hält Schmasman bei seinem Worte fest, – Fehde gegen Thierstein.«
»Brr!« machte Imagina, »da spielen wir nicht mit.«
»Werden wohl müssen,« sagte Kaspar ärgerlich.
»Schmasman erwartet Dich oben, und Gott gebe euch einen guten Rath ein,« erinnerte Herzelande ihren Schwager, und dieser ging nun zu Dem, der seiner harrte.
»Könnt' ich nur dabei sein bei ihrer Berathung!« sprach Egenolf unwillig.
»Der Vater wird seine besonderen Gründe haben, daß er Dich nicht dazu aufgefordert hat,« meinte Herzelande.
Bald kam auch Graf Wilhelm an, aber ohne seine Gemahlin, und begab sich sofort hinauf zu seinen Brüdern.
»Mich werdet ihr hier nicht los, bis ich erfahre, was sie da oben ausgeheckt haben,« sprach Imagina und kauerte sich wie ein Kätzchen so recht behaglich in einen bequemen Lehnstuhl.
»Wenn sie's uns überhaupt anvertrauen,« warf Egenolf ein.
»Hm!« lächelte Imagina und sah ihn mit einem Blick an, der wohl sagen sollte: dafür laß mich sorgen.
Egenolf hätte sich am liebsten in den Sattel geschwungen und in einem scharfen Ritt seine Unruhe vertrieben, aber auch er wollte nicht von hinnen, ehe er wußte, wie die Entscheidung ausgefallen war, zumal er noch immer hoffte, daß nichts Feindliches gegen die Thiersteiner beschlossen wurde.
Eine Viertelstunde nach der anderen verging in banger Erwartung. Isabella schnürte die Angst die Kehle zu, daß es gegen die Rathsamhausen gehen könnte, und auch Herzelande ward es schwer, ihre innere Erregung vor den Andern zu verbergen. Nur Imagina behielt ihren Gleichmuth; sie blinzelte schläfrig mit den Augen, und ihr rothes Mündchen öffnete sich, so weit es konnte, zu einem lieblichen Gähnen, das sie mit der Hand zu verdecken suchte. »Kinder, ist das langweilig!« sagte sie dann, »Geduld ist meine starke Seite nicht.«
Die Anderen beharrten in ihrem Schweigen, und die Minuten schlichen stumm durch die endlose Zeit. Ein tiefer Athemzug, ein halb unterdrückter Seufzer waren die einzigen bemerkbaren Geräusche.
Plötzlich aber ließ sich vor dem Gemach ein Rauschen und Zischeln vernehmen; die Thür ward aufgestoßen, und Leontine kam hereingeschossen.
»Grüß Gott!« rief sie fröhlich, »da komm' ich gestoben wie der Wirbelwind über die Stoppeln. Ja, was thut ihr denn hier? sitzt da zu Vieren, und kein Laut ist zu hören? haltet ihr hier eine stille Andacht ab?«
»Jawohl,« lachte Imagina, die sich zuerst faßte und aufgesprungen war, »ich habe soeben gebetet, der Himmel möchte uns irgend ein kleines blaues Wunder bescheren, und nun haben wir's leibhaftig vor uns, und größer als ich's mir in meiner Bescheidenheit gewünscht habe.«
Leontine flog nun aus einem Arm in den andern, und Alle beherrschten sich so gut, daß die Ahnungslose von ihrer Bestürzung über dieses höchst seltsame Zusammentreffen nichts gewahr wurde.
»Ich kann Euch nicht sagen, wie willkommen Ihr mir seid, Leontine!« sprach Herzelande mit einer eigenthümlichen Bewegung im Tone. Ihr brachte Leontinens Erscheinen Erleichterung und Erlösung von marternder Pein, und es war ihr, als käme der Schutzgeist des Hauses Thierstein eilends dahergeschwebt, dem Unheil zu wehren, das sich vielleicht in dieser Stunde über dem Hause zusammenzog. Nun konnten doch unmöglich die Drei da oben Feindschaft gegen den Grafen Oswald beschließen, während seine Tochter vertrauensvoll als Gast unter Schmasmans Dache weilte.
»Du bleibst doch recht lange hier, hoff' ich,« sprach Isabella und hielt Leontinen umschlungen, als wollte sie die eben Gekommene nun auch so bald nicht wieder freigeben.
»Leider muß ich heut Abend wieder zurück,« erwiederte Leontine, »wir erwarten Besuch aus Straßburg, und da muß ich zu Hause sein.«
»Wie Schade!«
»Ich komme bald einmal wieder; es trieb mich unwiderstehlich, Dich schnell einmal wiederzusehen, und ich weiß nicht, wie lange unsere Gäste bleiben werden.«
»Es wird ihnen auf der Hohkönigsburg schon zu längerem Aufenthalt gefallen,« meinte Herzelande; »sie ist gar schön und prächtig nach ihrem Wiederaufbau. Die weißhaarige Greisin läßt sich nun wohl nicht mehr sehen?«
»Welche weißhaarige Greisin?« fragte Leontine neugierig.
»Wißt Ihr davon nichts?« sprach Herzelande. »In den langen Jahren, wo die Burg in Trümmern lag, wandelte, so erzählt man sich, eine Greisin mit wallendem weißen Haar in hellen Vollmondnächten auf den gebrochenen Mauern gespenstisch umher, rang stumm klagend die Hände und erhob sie flehend zum Himmel. Eine verstorbene Gräfin Öttingen soll es sein, die vor Trauer über den Verfall der Burg in ihrem Grabe nicht schlafen konnte. Nun aber, da sie in alter Größe wieder hoch und herrlich dasteht, wird ihre einstige Herrin wohl die ewige Ruhe gefunden haben und, so hoff' ich zu Gott, nie wieder darin gestört werden.«
»Davon habe ich noch nie gehört.«
»Weiße Frauen gehen nächtens auf vielen Burgen im Wasigen um,« fuhr Herzelande fort, »auch auf der unsrigen hier, obwohl sie von uns Lebenden noch keiner gesehen hat. Auf Schloß Rathsamhausen, auf der Dagsburg, Haselburg, Spesburg, Plixburg, Ochsenstein, Greifenstein und anderen Burgen zeigen sie sich, und ihr Erscheinen bedeutet stets eine drohende Gefahr oder ein bevorstehendes Unglück.«
»Nur Unglück prophezeien sie?«
»Unglück und Gefahr; sie sind Ahnfrauen, die ihr nachfolgendes Geschlecht vor allem Bösen warnen und behüten wollen,« erwiederte Herzelande. »Achtet man ihres Kommens nicht, so bricht das Verderben herein. So geschah es einmal auf den Ottrotter Schlössern. Auf den Burgen Rathsamhausen und Lützelburg, die kaum einen Pfeilschuß weit auseinander liegen, wohnten einst zwei Brüder, die zuweilen in der Frühe selbander auf die Pirsch zu gehen pflegten. Sie weckten sich gegenseitig dadurch, daß der zuerst Erwachende beim grauenden Morgen einen Pfeil gegen den geschlossenen Fensterladen des Bruders schoß, und kannten aus langer Übung die Richtung so genau, daß sie auch im Halbdunkel ihres Zieles nicht fehlten. Eines Morgens aber öffnen beide gleichzeitig den Laden; Jeder schießt im selben Augenblick, und Jeder sinkt, vom Pfeile des Bruders getroffen, sterbend danieder. Drei Nächte vorher war beiden die weiße Frau erschienen.«
»Schrecklich!« sprach Leontine.
»Wißt ihr noch mehr so grauliche Geschichten?« frug Imagina. »So am helllichten Tage lasse ich sie mir gefallen, aber kurz vor Schlafenszeit halte ich mir die Ohren davor zu, sonst träumt man davon.«
»Du hast Recht,« sagte Herzelande, »wir wollen unsere liebe Leontine nicht mit so schauerlichen Geschichten unterhalten.«
»O ich fürchte mich nicht,« lachte Leontine und sah sich in dem schönen, ganz durchsonnten Zimmer aufmerksam um. Auf ein gemaltes Fenster zeigend fragte sie: »Ist das Euer Wappen?«
»Ja, das ist unser Wappen,« erwiederte Herzelande, »und wenn ich nicht irre, haben es die Rappoltsteiner schon von den Saliern, den Kaisern Heinrich IV. und V., die das Geschlecht mit den drei Burgen, auf denen wir heute noch wohnen, einst belehnten.«
»So? Wie kommt es denn aber, daß sich ganz dasselbe Wappen am Zunfthause der Maler in Straßburg befindet?«
»Es ist nicht ganz dasselbe,« belehrte sie Herzelande, »sondern zeigt die umgekehrten Farben, nicht drei rothe Schildlein in weißem Felde wie dies hier, sondern drei weiße Schildlein in rothem Felde, und es hat damit eine eigene Bewandtniß. Als vor langen Jahren Meister Ulrich von Ensingen den Thurmbau des Straßburger Münsters leitete, arbeiteten unter ihm drei berühmte Künstler, drei Brüder Jungherren von Prag, als Baumeister, Bildhauer und Maler. Ein Vorfahr meines Mannes, ein Herr von Rappoltstein, beleidigte sie, ich weiß nicht mehr womit. Sie beklagten sich beim Kaiser Sigismund, als dieser bald darauf nach Straßburg kam, und der Kaiser gab den Jungherren nicht nur Recht, sondern verlieh ihnen auch zur Sühne das nur in den Farben veränderte Wappen ihres Beleidigers. Und seitdem führen alle Malerzünfte im ganzen deutschen Reiche das Rappoltstein'sche Wappen, aber in den umgekehrten Farben: drei weiße Schildlein in rothem Felde.«
»Das ist ja merkwürdig,« sagte Leontine. »Ihr wißt so Vieles zu erzählen, Gräfin Herzelande! ich könnte Euch Tage lang zuhören.«
»Und ich würde nicht fertig werden damit,« lächelte Herzelande, »ich weiß noch viel, viel mehr, denn unser alter, schöner Wasigen steckt so voll von Sagen und Geschichten wie kein anderer deutscher Gau. Ich könnte Euch von der Fee Haband am Schlüsselstein erzählen, die bei Kerzenlicht die Mähnen der Rosse strählt und Nachts mit einem spukhaften Gefolge weißverschleierter Fräulein weit umherzieht, vom Weingeigerlein von Brunstatt, das zur Zeit der Rebenblüthe einen guten oder schlechten Herbst verkündet, vom böttgernden Küfer im Falkenstein, der dasselbe thut, von dem Gnom im Silberschacht bei Mariakirch, der sich in die Tochter des Steigers verliebte und weil sie ihn nicht erhörte, den Schacht mit allen seinen Schätzen auf ewig verschloß, von den Eisenringen in der Heidenmauer an der Tänchelwand, wo die Schiffe festgebunden wurden, die den großen See, der sich einst dort befand, befuhren, von Schwänen umkreist, und von noch mehr so wunderbaren Dingen. Aber das verspare ich mir auf ein ander Mal, denn ich höre die Herren kommen.«
Die drei Brüder traten herein, und auf ihren sehr ernsten, noch etwas erregten Gesichtern spiegelte sich Verwunderung und einige Verlegenheit, grade zu dieser Stunde Leontinen hier zu begegnen.
»Sieh da! die Herren Grafen alle drei beisammen!« rief Leontine sich erhebend. »Ihr staunt, mich hier zu sehen, und ich fürchte fast, ich bin in einen wichtigen Familienrath recht ungelegen und störend hineingeschneit.«
»Weder störend noch ungelegen, Gräfin Leontine!« erwiederte Schmasman freundlich und reichte ihr die Hand. »Wir waren nur nicht auf die Freude vorbereitet, einen so lieben Gast hier zu finden; seid willkommen!«
Auch Wilhelm und Kaspar begrüßten Leontinen mit ritterlicher Höflichkeit.
Vier Augenpaare bohrten sich mit forschenden Blicken in die Gesichter der drei Brüder, aber in ihnen war nichts von dem zu lesen, was sie beschlossen hatten und danach zu fragen wagte in Leontinens Gegenwart Niemand.
Graf Wilhelm verabschiedete sich, um zu seiner Gemahlin zurückzukehren. Kaspar aber und Imagina blieben zur Mittagstafel, an der man es sich so wohl sein ließ wie dies den auf die getroffene Entscheidung angstvoll Gespannten möglich war. Imagina und Leontine waren die Muntersten bei Tische, und Schmasman und Herzelande führten die Unterhaltung so ungezwungen und geschickt, daß Leontine von dem Banne, der auf Allen lag, nichts merkte.
Egenolf hatte sich Leontinen gegenüber gesetzt, aß und trank wenig und war ziemlich wortkarg. Seine Augen suchten die ihrigen, und sehr oft traf ihn ein schüchterner Blick von ihr, über den sie dann schnell die Wimpern senkte, aber doch nicht schnell genug, daß er den leuchtenden Blitz nicht gesehen hätte. Sie aber wußte sich das Gemisch von Sehnsucht und Sorge, mit dem er sie immer wieder und wieder anschaute, nicht zu deuten. Wovor bangte ihm? Konnte er denn noch in Ungewißheit sein, wie sie über ihn dachte, was sie tief im Herzen für ihn fühlte?
Die heimlich beobachtende Imagina hatte wohl erkannt, was da wie schwellende Knospen zum freudigen Aufblühen trieb und drängte, und nahm sich vor, den Beiden zu ihrem Glücke zu verhelfen, wobei sie auf Isabella's Beistand rechnen konnte.
Nachdem man vom Tische aufgestanden war, sagte sie zu ihrem Gatten: »Du hast wohl mit Schmasman noch Manches zu ordnen; wir gehen derweilen in den Wald, und ich treffe Dich später zu Hause.« Dann that sie noch eine leise Frage an ihn, auf die eine kurze, von Niemand sonst verstandene Antwort erfolgte.
Es kam auch so, wie Imagina vorgeschlagen hatte. Sie, Leontine und Isabella wandelten bald, von Egenolf begleitet, auf einem stillen Waldpfade, wo der Wind, im welkenden Laube raschelnd, sein wehmüthiges Herbstlied sang und bald hier, bald dort ein gelbes Blatt vom Zweige brach, das aus dem Wipfel lautlos zu Boden flatterte.
Anfangs gingen sie zu Vieren, paarweise getheilt, mit einander, und die Unterhaltung war eine gemeinsame. Nach einiger Zeit aber wußte es Imagina so einzurichten, daß sie mit Isabella vorn war und diese, Arm in Arm mit ihr, zu rascherem Vorwärtsschreiten veranlaßte, so daß Egenolf und Leontine etwas hinter ihnen zurückblieben. Leontine schien nicht darauf zu achten und plauderte ruhig weiter. Als sich die beiden Anderen aber immer mehr von ihnen entfernten, durchschaute sie deren Absicht, Egenolf Gelegenheit zu einer Aussprache mit ihr zu geben, und das war ihr durchaus nicht recht. Sie wollte zum Alleinsein mit ihm nicht so auffällig hingeleitet, hingestoßen sein, am wenigsten hier und heute, wo es ja den Anschein haben konnte, als wäre sie eigens dazu nach der St. Ulrichsburg gekommen. Darum beschleunigte nun auch sie ihren Schritt und zwang Egenolf damit, dasselbe zu thun. Er verstand sie und versuchte nicht, sie zurückzuhalten. Aber etwas hatte er ihr doch zu sagen, was jene Beiden nicht zu hören brauchten. Daher begann er, ehe sie die Voranschreitenden einholten: »Wie lange wird Euer Straßburger Besuch auf der Hohkönigsburg bleiben?«
»Ich denke, zwei oder drei Tage, länger gewiß nicht,« erwiederte sie. »Warum fragt Ihr danach?«
»Weil ich eine Bitte an Euch habe, Gräfin Leontine,« sprach er. »Ich möchte mit Euch gern einmal einen Ritt durch den Wald machen. Wollt Ihr mir diese Gunst gewähren?«
Sie fühlte sich erröthen, neigte das Haupt tiefer und sagte leise: »Wenn Ihr es wünscht, Graf Egenolf, so will ich es gern.«
»O wie dank' ich Euch! Ist es Euch recht, daß wir uns am vierten Tage von heute um die neunte Stunde dort treffen, wo wir uns zum ersten Male gesehen haben, wo das Echo wohnt?«
»Wo das Echo wohnt,« lächelte sie; »hört Ihr's? es antwortet auch hier.«
»Und aus Eurem Munde, Leontine!« jubelte er.
Weiter sprachen sie nichts, denn sie waren jetzt schon nahe an die Beiden herangekommen, mit denen sie sich nun wieder vereinigten und zur Burg zurückkehrten.
Als sie durch das Thor schritten, machte sich Egenolf an Imagina's Seite und flüsterte: »Weißt Du's, was beschlossen ist?«
»Ja, ich weiß es,« erwiederte sie mit einem mitleidigen Blick, »Fehde gegen Thierstein.«
Es traf ihn wie ein Schlag aufs Herz, aber er schwieg und verrieth, so lange Leontine noch blieb, mit keinem Wort und keiner Miene seinen verzweifelten Gemüthszustand, in dem er das Schicksal, das seiner Hoffnung holde Blüthen erbarmungslos niedertreten wollte, schon herankommen sah.
Bald brach Leontine auf. Als sie im Burghof schon zu Pferde saß, schüttelte ihr Egenolf noch einmal die Hand, und nicht die Lippen, aber die Augen beider sprachen: Auf Wiedersehen!