XV.
Nicht mit einem frohen, freien Herzen ritt Egenolf an dem bestimmten Tage durch den Wald, Leontinen entgegen, denn er befand sich auf diesem Wege in einer schweren Bedrängniß. Er hatte sie um das Stelldichein gebeten, bevor er wußte, was die drei Brüder Rappoltstein beschlossen hatten, und nun er dies von Imagina erfahren, konnte er sich auf die Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches, mit ihr einen Bund fürs Leben zu schließen, kaum noch Hoffnung machen.
Aber er durfte die ihn Erwartende nicht vergeblich seiner harren lassen, denn nach seinem bisherigen Benehmen gegen sie war er ihr eine Erklärung schuldig, oder er setzte sich in ihren Augen dem Verdacht aus, ein unverantwortliches Spiel mit ihr zu treiben.
Wenn er ihr nun heute, wie er sich vorgenommen hatte, seine Liebe gestand und sie nach der ihren fragte, so durfte er ihr als ehrlicher Mann nicht verschweigen, welche Schranke sich zwischen ihm und ihr aufbaute, und wenn er's ihr sagte, schob er selber den Riegel vor, der ihm ihren Besitz unnahbar verschloß, denn sie konnte sich unmöglich Einem zu eigen geben, der auf Seiten der Feinde ihres Vaters stand.
Früher als nöthig war er von Hause weggeritten, um in der Waldeinsamkeit zu immer wieder neuer Überlegung Zeit zu haben, was er thun sollte, und blieb dann doch bei dem Entschlusse, den er schon vor Tagen gefaßt hatte.
Er wollte ihr offen sagen: ich liebe Dich über Alles in der Welt, und Dich zu besitzen wäre das höchste Glück meines Lebens, aber ich darf nicht um Dich werben, weil es mir ein Hinderniß verbietet, das wegzuräumen nicht in meiner Macht liegt. Dieses Hinderniß würde sie sofort erkennen, sobald an ihren Vater die Absage seiner Gegner kam, die ja nicht lange mehr ausbleiben konnte.
Was dann geschah, was die Zukunft brachte, konnte Niemand voraussehen. Die Fehde würde beginnen und würde auch einmal endigen. Aber – wie die Entscheidung des Kampfes auch ausfallen mochte – ob dann, nach geschlossenem Burgfrieden, eine Verbindung zwischen den Familien des Siegers und des Besiegten überhaupt noch möglich war und zu Stande kommen würde, blieb immerhin höchst fraglich.
Unter so düsteren Betrachtungen hatte sich Egenolf allmählich der Stelle genähert, wo er damals Leontinens rufende Stimme und den Widerhall darauf vernommen hatte, und jetzt sah er die Geliebte auch schon langsam dahergeritten kommen. Er galoppirte ihr entgegen, aber sie that nicht das Gleiche, sondern ließ ihr Pferd im ruhigen Schritt.
Als er sie erreicht hatte und ihr die Hand bot, legte sie die ihrige nur leicht hinein, ohne den Druck der seinigen zu erwiedern, und sah ihn mit einem langen, theils forschenden, theils traurigen Blick an.
»Ich bin gekommen, Graf Egenolf,« begann sie mit wahrnehmbarer Ergriffenheit, »weil ich es Euch versprochen hatte und weil unser heutiges Wiedersehen doch wohl das letzte und ein Abschied für immer ist.«
»Ein Abschied für immer?« sprach er erschrocken, »wie meint Ihr das, Gräfin Leontine?«
»Solltet Ihr nicht wissen, was ich weiß?« fragte sie mit leisem Vorwurf.
»Was wißt Ihr, Gräfin Leontine? sagt es frei heraus!« bat er dringend.
»Ich weiß, daß Euer Vater, Graf Schmasman, meinem Vater auf Gut und Blut absagen will. Ist es so, oder ist es nicht so?«
»Es ist so,« kam es ihm dumpf und schwer von den Lippen. »Seit wann wißt Ihr's?«
»Erst seit gestern,« erwiederte sie.
Er lenkte sein Pferd ihr zur Rechten und ritt nun auf dem schmalen Waldwege neben ihr. Ihm war es eine große Erleichterung, daß sie es schon wußte und er es ihr nicht zu sagen brauchte, aber eine noch viel größere Freude, daß sie trotzdem zu dem Stelldichein gekommen war.
»Ihr fragt nicht, woher ich es weiß, aber ich will es Euch sagen,« fing sie wieder an. »Mein Vater zeigte schon den Abend vorher ein seltsam erregtes und gegen seine Gewohnheit verschlossenes Wesen, als trüge er sich mit Sorgen oder ränge mit schweren Entschlüssen. Gestern Morgen stellte er mir Fragen, über die ich mich im Stillen wundern mußte. Welche Aufnahme ich bei Euch auf der Sanct Ulrichsburg gefunden hätte, ob Ihr Alle freundlich zu mir gewesen wäret, ob ich keine verlegene oder gedrückte oder gar feindselige Stimmung gegen mich oder gegen ihn bemerkt hätte. Ich sagte: nein, nicht im Mindesten, Ihr hättet mich herzlich willkommen geheißen, auch alle drei Herren Grafen, die dort zu einer wichtigen Unterredung versammelt gewesen wären. Da fuhr er zornig auf und rief: ›alle drei Brüder zusammen? so ist es richtig; da haben sie Rath gehalten und den Plan geschmiedet, und ich weiß auch, wer dahinter steckt und es angezettelt hat.‹ ›Welchen Plan denn?‹ fragten meine Mutter und ich zugleich. ›Absagen wollen sie mir auf Leben und Tod, die Rappoltsteiner und die Rathsamhausen. Ich habe es schwarz auf weiß von sicherer, gut befreundeter Hand,‹ erwiederte er heftig und schritt, ohne uns eine Aufklärung zu geben, eilig hinaus. Dann ließ er seinen Bruder Wilhelm rufen und hatte mit ihm eine lange Besprechung in seinem Zimmer. Später erfuhr ich von meiner Gürtelmagd, daß Tags vorher ein Fleckenstein'scher Knecht dagewesen wäre und ein Schreiben seines Herren überbracht hätte. Dieses Schreiben muß wohl eine Mittheilung, eine Warnung an meinen Vater enthalten haben. Fragen mag ich ihn nicht; er würde mir auch nicht Rede stehen.«
»Es ist Alles so, wie Ihr sagt, Gräfin Leontine,« sprach Egenolf, »und ich weiß es auch, wer dahinter steckt, Herr Burkhard von Rathsamhausen, kein Anderer. Er will sich an Eurem Vater für eine von diesem ihm zugefügte Beleidigung rächen und hat meinen Vater nach dessen langem, heftigem Widerstreben überredet, ihm beizustehen. Mir scheint, sie pflegen noch Unterhandlungen mit anderen Freunden und halten es darum noch geheim vor Eurem Vater, aber Burkhard muß wohl geschwatzt und sich damit gebrüstet haben, so daß Herr von Fleckenstein davon Kunde erhalten und Euren Vater gewarnt hat.«
»Seht, Ihr wißt soviel wie ich,« sagte Leontine, »und seid auch wohl nur hergekommen, um mir das mitzutheilen und um – und – weil es einmal verabredet war,« fügte sie aus gepreßtem Herzen hinzu.
Ein schmerzliches Lächeln umschwebte seine Lippen. »Nein, nicht darum. Ahnt ihr denn wirklich nicht, Leontine, wozu ich Euch um dieses Stelldichein gebeten habe?«
»Und wenn ich es riethe?« sprach sie erröthend, »wenn ich es riethe, was Ihr vorhattet, – jetzt habt Ihr es aufgegeben, nicht wahr? es muß ja sein.«
»Nun und nimmermehr!« rief er. »Leontine, – seht mir in die Augen! ach! wozu noch fragen! Ihr wißt es, daß ich Euch liebe, hört es nun aus meinem Munde, daß ich ohne Euch nicht leben kann, mag kommen, was will! Was sagt Ihr?«
Sie sah ihn innig, freudestrahlend an und sprach: »Egenolf, diesmal tönt unser Waldesecho aus der Tiefe meines Herzens: mag kommen, was will!« Und mit einer raschen Bewegung streckte sie ihm entschlossen die Hand entgegen.
»Leontine!« jauchzte er auf und erfaßte ihre Hand und hielt sie mit festem Druck umspannt. »Du mein, ich Dein in alle Ewigkeit!«
Ihr versagte die Stimme; sie nickte ihm zu mit schwimmenden Augen und mit einem Lächeln, das ihm das Herz erglühen und erzittern machte.
Er nahm die Zügel in die rechte Hand und wollte mit dem freien Arm die Geliebte umfangen. Dabei stießen die beiden Pferde mit den Köpfen zusammen, Leontinens Pferd scheute, that einen Seitensprung und bäumte sich. Aber die Reiterin saß fest im Sattel und bändigte ihr lebhaft tänzelndes Roß mit vollkommener Sicherheit. »Daphne,« sprach sie, ihm den glatten Hals klopfend, »willst Du Dich störrisch auflehnen gegen Deiner Herrin höchstes Glück? sei ruhig, Daphne! er liebt mich ja.«
Als sie des Thieres völlig Meister geworden war, ritt Egenolf wieder an sie heran, und die Pferde standen nun dicht bei einander still. Da bogen die Zwei sich von Sattel zu Sattel hinüber, und Egenolf umfing Leontinen und küßte sie auf den Mund, den sie ihm willig darbot.
Dann ritten sie, Blick in Blick und Hand in Hand, eine Weile schweigend weiter. Der Wind rauschte mächtig in den Bäumen und Sträuchern, daß die Zweige an einander schlugen, und spielte mit Leontinens Haar, daß es ihr gekräuselt um Nacken und Schläfen flatterte. Sonst war es still und einsam um die Beiden hier, die sich in selig träumenden Gedanken wiegten. Aber wenn auch ihr Glück so groß war, daß es keine Worte fand, ihre Sorgen drängten zur Aussprache.
»Was thun wir nun, Leontine?« hub Egenolf endlich an.
»Das sage Du mir, Egenolf!« erwiederte sie.
»Wenn ich jetzt zu Deinem Vater ginge,« sprach er, »und ihn um die Hand seiner Tochter bäte, würde er sie mir verweigern, mich streng abweisen oder mich auslachen.«
»Sicherlich!«
»Und wenn ich vor meinen Vater träte und spräche: Gebt diese Fehde auf, Vater! Gräfin Leontine will mein Ehgemahl werden, so würde auch das vergeblich sein, denn er kann und will von seinem Worte nicht zurück.«
»Also müssen wir unsern Bund noch verheimlichen.«
»Und wenn es zum Schlagen kommt, Leontine?«
»So gehst Du zu uns über oder ich zu euch; ich trenne mich nicht von Dir, nichts in der Welt bringt mich zur Entsagung.«
»Ich kann nicht gegen den eigenen Vater kämpfen.«
»Und ebenso wenig gegen den Vater Deiner Verlobten.«
Und wieder schwiegen sie, rathlos, hoffnungslos in all ihrer Herzenslust und ihrem Herzeleid.
Wie sie nun so stumm neben einander dahinritten, trat plötzlich vor ihnen eine weibliche Gestalt aus dem Gebüsch, in der sie zu ihrem Verdrusse die Zigeunerin Haschop erkannten.
Sie kam heran und rief ihnen spöttisch zu: »Ihr tragt Rosen im Munde? ach nein, sind Küsse, die ich auf euren Lippen sehe.« Dicht vor ihnen blieb sie im Wege stehen, daß sie halten mußten, wenn sie die Verwegene nicht überreiten wollten.
»Gieb Raum! was willst Du?« herrschte sie Egenolf an.
»Euch Schicksal verkünden,« erwiederte sie keck. »Ihr liebt euch, aber noch habt euch nicht, müßt es verschweigen.«
»Was weißt Du davon, fürwitziges Ding!«
»Hat Haschop nicht Augen zum Sehen und Ohren zum Hören? Ich hab euch in meiner Hütte zur Mitternachtsstunde Karten gelegt, und im Vollmond hab ich's erkannt: weissagen nichts Gutes für euch, nein, Schlimmes, sehr Schlimmes.«
»Behalt Deine Weisheit für Dich! uns verlangt nicht danach,« fuhr sie Egenolf ungeduldig an. »Weg da! oder –«
»Laß sie sprechen!« flüsterte Leontine ihm zu.
Haschop hob mit drohender Gebärde die Hand und sprach: »Verachtet nicht Wahrheit aus wissendem Munde!« Sie warf sich ihr scharlachenes Obergewand vom Rücken herauf über Haupt und Schultern, daß sie wie von einem rothen Schleier umwallt dastand, aus dem ihr gebräuntes Antlitz mit den schwarzen, funkelnden Augen höhnisch heraussah. Dann fuhr sie in prophetischem Tone fort: »Graf freit um stolze Gräfin. Auf glänzenden Festen spann Schicksal seine Fäden um sie, und nun sind umgarnt von Gefahr und Unheil, von Liebe gefangen wie Fische im Netz. Wehe beiden! Väter sind Feinde, sinnen auf Streit, rüsten zum Kampf. Aber es muß harter Winter sein, ehe ein Wolf andern frißt, und nicht so schnell fahren Schwerter aus den Scheiden. Jeder scheut sich, ersten Streich zu führen, und doch wird er fallen und Einer bluten, das ist der Besiegte. So sagten Karten um Mitternacht beim Scheine des Vollmonds. Nun wißt ihr Wahrheit. Laßt ab von einander, oder es fließt Blut um euch!« schloß die Zigeunerin und schlug ihr Kleid von Haupt und Schultern wieder zurück.
Leontine war von dem Gehörten tief erschüttert; sie starrte vor sich hin und rührte sich nicht. »Komm weiter!« erinnerte sie Egenolf.
»Halt! ein Wort noch!« sprach Haschop und trat einen Schritt zurück. »Hütet Euch, schöne, goldlockige Gräfin! Eine steht Euch im Wege und bietet Euch Trotz in allen vier Winden.«
»Du Hexe!« rief Leontine jetzt empört und trieb ihr Pferd auf sie los. »Da hast Du den Lohn für Deinen Unglückssegen!« Sie holte mit der Reitgerte aus; aber Haschop sprang zur Seite, daß der pfeifende Hieb nur eben noch ihre Schulter traf.
Das Mädchen schrie auf und stieß mit einem Blicke tödtlichen Hasses eine Verwünschung oder Drohung in fremder Sprache aus, wobei sie wie eine gereizte Schlange zischte. Dann verschwand sie im Dickicht.
»Ereifere Dich nicht,« bat Egenolf, »sie ist es nicht werth.«
»Das klang schrecklich, Egenolf!« sagte Leontine mit verstörtem Gesicht. »Was hältst Du von der Wahrsagung?«
»Dieses wilde Zigeunervolk weiß von allerhand übernatürlichen Dingen und nützt seine dunklen Künste mit List und Bosheit aus, so viel es kann,« erwiederte er ausweichend und selber beunruhigt.
»Das freche Geschöpf!« sprach Leontine schaudernd, »treff ich es noch einmal, so reit ich es nieder und zerstampf es wie ein Unkraut. Schnell fort von hier! Der Weg ist breit genug, – Galopp!«
Sie preschten eine lange Strecke durch den Wald dahin, bis Egenolf Schritt gebot.
Der scharfe Ritt hatte Leontinens Erregung verflüchtigt; sie schüttelte die wehenden Locken, als wollte sie auch den letzten Rest von Erinnerung an den unheimlichen Auftritt aus den Gedanken verscheuchen. Dann sagte sie wieder harmlos lächelnd: »Als wir uns hier zum ersten Male gefunden hatten, hast Du mich wohl für recht dumm gehalten.«
»Warum das?« frug er lachend.
»Weil ich Dich für einen Jägerknecht gehalten und den Edling nicht in Dir erkannt hatte.«
»Du hast mich ja kaum angesehen, wie ich in Koller und Kappe da neben Dir ging,« erwiederte er, »und ich that auch das Meinige, Dich in Deinem Glauben zu bestärken, weil es mir Spaß machte. Aber wollen wir uns nun nicht öfter hier treffen?«
»Nicht hier,« entschied sie, »am Wege nach St. Pilt, den Du mir gezeigt hast, und auch frühestens erst in drei Tagen wieder; es würde auffallen, wenn ich täglich so weit umherschweifte.«
»In drei Tagen kann Vieles geschehen,« sprach er halb zu sich selber, den Blick auf den Sattelknopf gesenkt.
»Vielleicht kannst Du mir das nächste Mal bessere Nachrichten bringen.«
»Was sollte das sein?« erwiederte er bekümmert. »Zu Hause fangen sie an zu rüsten, und ich sah Boten eilen. Auch mein Vater und seine Brüder reiten öfter fort, ich weiß nicht wohin. Mir sagen sie nichts, als ahnten sie, wie nah es mich angeht, und wollten mich schonen.«
»Meinst Du, sie hätten gemerkt, daß wir –?«
»Daß wir uns lieben, – sprich es doch aus, das holde Wort!«
»Daß wir uns lieben,« lächelte sie und reichte ihm die Hand.
»Meine Schwester und Imagina wissen's, die Andern wohl nicht.«
»Hast Du es ihnen gesagt?«
»Mit Worten nicht, aber meine Augen und Deine haben es ihnen verrathen. Denke an den Gang im Walde, wo die Beiden uns allein hinter sich zurückließen, damit ich reden sollte.«
»Und Du schwiegst.«
»Du liefest mir davon.«
»War es denn heute nicht schöner so unter vier Augen, trotzdem wir nun wissen, wie Schweres uns droht? Mit Leid fängt unsere Liebe an; möge sie mit Lust und Freude –«
»Doch nicht enden?« unterbrach er sie jäh.
»Nein! zu Lust und Freude sich wenden, wollt ich sagen; nicht enden, niemals wird sie enden,« sprach sie mit einem tiefinnigen Blick.
»In drei Tagen sehen wir uns wieder,« tröstete er sie. »Je nach dem, was sich inzwischen ereignet, wollen wir dann beschließen, was wir thun.«
Sie waren an den Weg gekommen, der zur Hohkönigsburg führte, und Leontine sagte: »Hier müssen wir uns trennen, es ist Zeit, daß ich heimkomme. Lebewohl, mein Egenolf!«
Da ließen sie die Zügel fallen, umschlangen sich vom Sattel aus mit beiden Armen und küßten sich wieder und wieder. Dann schieden sie von einander, und Jeder ritt allein seines Weges.