XVIII.
Gegen Abend des zweiten auf das Gespräch Egenolfs mit Imagina folgenden Tages saß Graf Maximin in seinem Gemach und hielt in der auf seinem rechten Knie ruhenden Hand ein Schreiben, das er soeben gelesen hatte und über dessen Inhalt er nun sann und grübelte. Sein Blick war darauf gerichtet, aber er sah nichts, er starrte mit weit offenen Augen ins Leere, ganz und gar in Gedanken verloren. Dann schüttelte er den Kopf, als wollte ihm irgend etwas nicht hinein von dem, was in dem Briefe stand.
»Wenn etwas Wahres daran wäre,« sprach er endlich zu sich selber, »so könnte das böse Verwickelungen geben; aber ich glaube nicht daran. Wie kommt Burkhard zu dieser Hindeutung auf das mögliche Eintreten eines Ereignisses, an das noch kein Mensch gedacht hat? Verräth sich damit nur seine Furcht vor einer solchen entfernten Möglichkeit? und will er mich mit Androhung seiner Feindschaft zwingen, etwas noch Unerwogenes und Ungewolltes im Voraus zu verhüten, das, wenn es geschähe, ihn treffen würde wie ein Schlag vor den Kopf? Klar sehen muß ich, was dahinter steckt.«
Er erhob sich, rief seinem Kämmerling und befahl ihm, nachzusehen, ob Graf Egenolf im Schlosse anwesend wäre, in welchem Falle er ihn sofort zu sprechen wünschte.
Dann nahm er sein Selbstgespräch wieder auf: »Aber wenn die neue Mär nun doch nicht ohne Grund und Boden wäre, – was dann? In welche verzwickte Lage kämen dann Oswald und ich! Jeder würde seine Einwilligung an Bedingungen knüpfen, deren Erfüllung dem Einen oder dem Andern sehr schwer fallen, vielleicht unmöglich sein würde. Ja, wenn Vieles anders wäre, als es ist, – welch ein Glück wäre das für die beiden prächtigen Menschen! Ach, was quäle ich mich mit Hirngespinnsten! es kann ja nicht sein, es ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen schier undenkbar.«
In diesen Betrachtungen wurde er durch den Eintritt des Sohnes unterbrochen, der mit einem unsicheren, fast scheuen Blick in seines Vaters Zügen zu lesen suchte, was seiner wohl hier warten möchte. Sollte Burkhard seine ihm zugeflogene Wissenschaft wirklich schon an den Mann gebracht haben?
»Du wirst nicht vermuthen, Egenolf,« begann der Graf, »weßhalb ich Dich zu mir bescheiden ließ. Höre, was ich Dir mitzutheilen habe.«
Sie nahmen beide Platz, und Schmasman fuhr fort: »Ich habe da von meinem alten Freund und Waffenbruder Burkhard einen Brief empfangen, der nichts Geringeres enthält als seine deutliche Absage, wenn ich nicht thue, was er hartnäckig von mir verlangt, nämlich ihm bei der gewaltsamen Vertreibung der Thiersteiner und seiner Besitzergreifung der Hohkönigsburg mit aller meiner Macht zu helfen. Da ich nun, selbst nach einem kriegerischen, für uns sieghaften Austrage der schwebenden Streitigkeiten, doch keineswegs in die Vertreibung der Thiersteiner willigen werde, so kann es leicht dahin kommen, daß wir, Burkhard und ich, uns über kurz oder lang feindlich und kampflich gegenüberstehen.«
»Es freut mich sehr, lieber Vater,« fiel Egenolf, von der Sorge befreit, daß es sich um sein Verlöbniß handelte, lebhaft ein, »aus Eurem eigenen Munde zu hören, daß Ihr entschlossen seid, die Demüthigung des Grafen Oswald zu verhindern.«
»Die Vertreibung, habe ich gesagt,« verbesserte Schmasman den Sohn, »denn sich beugen, unserm Widerspruch gegen seine Absichten sich fügen wird Graf Oswald müssen, wenn er Frieden haben und behalten will. Aber warum freut Dich mein Entschluß, ihn vor dem Schlimmsten, was ihm droht, zu bewahren?« frug er aufmerksam. »Hast Du Veranlassung, besonderen Antheil an seinem Geschick zu nehmen?«
»Nun, – wir waren doch seine Gäste auf der Hohkönigsburg,« gab Egenolf verlegen und ausweichend zur Antwort.
»Das war Burkhard mit den Seinigen auch und ist ihm doch Feind geworden und verlangt, daß wir es auch werden. Gieb Acht, was er mir schreibt.« Schmasman nahm den Brief zur Hand und las ihn dem Sohne vor.
Maximin von Rappoltstein!
Du hast mir auf der Ulrichsburg gelobt, mir in der Fehde gegen Thierstein mit trefflich großem Zeug zu Roß und zu Fuß beizustehen, und ich habe mich auf Dein Wort verlassen. Nun läuft aber ein heimlich Gemurmel, Du wollest Dich mit ihm gegen mich verbünden, und dabei ist mir die neue Mär zu Ohren gekommen von einer vorhabenden Heirathsabrede zwischen Deinem Sohn und seiner Tochter.
Bei dieser Stelle erhob Schmasman ein wenig das Haupt und streifte seinen Sohn mit einem schnellen, forschenden Blicke. Egenolf biß die Zähne zusammen und hielt die Lehne seines Stuhles umklammert. Da war es nun doch, was er gefürchtet; der Pfeil war abgeschossen. Schmasman las weiter.
Ich habe Grund und Ursach, der Meldung Glauben zu schenken und frage Dich: soll, was Du mir gelobt hast, nun mit einem Male kraftlos und unbündig sein? Solcher Untreu hab ich mich nicht von Dir versehen, daß Du jetzt den Kopf aus der Halfter ziehen und mir in die Schanz fallen willst. Das nenne ich auf zwei Sätteln reiten. Nächstens werde ich dem Thierstein mit namhaft ritterlichen Gutgesellen absagen und muß nun wissen, was ich mir etwan Gefährliches von Dir zu besorgen habe. Darum fordere ich jetzt von Dir, daß Du Farbe zeigst. Du sollst mir zu mehrerer Sicherheit und Bekräftigung eine Bürgschaft, d. h. Wahrzeichen und Geschrift geben, daß Du mir Wort halten willst. Wenn Du aber von mir abfällst und Dich auf des Thiersteiners Seite stellst, so sage ich Dir auch ab und komme mit Hengst und Harnisch über Dich.
Burkhard von Rathsamhausen.
Egenolf saß noch immer regungslos und erwartete mit herzklopfender Spannung die Frage seines Vaters, die unfehlbar jetzt kommen mußte.
Und sie kam auch. Schmasman hub an: »Du hast gehört, daß in dem Schreiben einer Heirathsabrede zwischen Dir und der Thierstein'schen Tochter Erwähnung geschieht. Was soll ich davon denken, Egenolf? ich weiß nichts davon.«
»Aber ich, lieber Vater!« klang es nun fest und sicher von Egenolfs Lippen. »Herr Burkhard ist gut bedient, und ich muß Euch ein Geständniß ablegen, das Euch einigermaßen erstaunen wird. Gräfin Leontine von Thierstein und ich haben uns Lieb und Treu gelobt, wollen die Ringlein tauschen und als ehelich Mann und Weib bis an unseres Lebens Ende nicht von einander lassen.«
»Du hast Dich mit der Gräfin Leontine betraut? Egenolf, – was hast Du gethan!« fuhr Schmasman auf. »Wir rüsten zum Kampfe gegen den Grafen Oswald, und Du gehst einen Liebesbund mit seiner Tochter ein? Das ist mir ganz unfaßbar, ist geradezu eine Tollheit, der ich Dich wahrlich nicht fähig gehalten hätte.« Er sprang auf und schritt eine Weile rasch und erregt im Zimmer auf und nieder. »Was soll daraus werden?« rief er dann, mit über der Brust verschränkten Armen vor Egenolf stehen bleibend. »Wo nimmst Du nur die leiseste Hoffnung her, daß dieser unbedachte Schritt zu einem guten Ende führen könnte?«
»Ich habe die Hoffnung, Vater, daß es nicht zum Kampfe kommt.«
»Das ist eine thörichte, eine ganz haltlose Hoffnung. Der Kampf ist allen Anzeichen nach unabwendbar.«
»Unsere Liebe wird ihn überdauern.«
»Der Groll des Besiegten auch. Wissen sie auf der Hohkönigsburg, was ihnen Feindliches bevorsteht?«
»Ja, sie wissen es,« erwiederte Egenolf, »durch einen Brief Friedrichs von Fleckenstein haben sie es erfahren.«
»Und trotzdem willst Du beim Grafen Oswald um die Hand seiner Tochter werben? Oder hast Du es schon gethan?«
»Nein, noch nicht, aber ich will es thun.«
»Und Du bildest Dir ein, daß er sie Dir giebt? jetzt giebt? Das ist ja zum Lachen!« rief er, sich wieder niederlassend.
»Wenn ich ihm sagen könnte, Vater, daß ich mit Eurem Einverständniß um seine Tochter würbe, so –«
»So müßte er annehmen, daß ich wenigstens ihn nicht befehden will, daß ich sogar auf seiner Seite stehe, meinst Du. O er wird noch viel mehr annehmen; er wird denken, ich wäre es, der diese Verbindung wünscht und anbahnt und ihm Bundesgenossenschaft als Preis dafür bietet, mit anderen Worten, der ihn um Frieden bittet.«
»Diesen Gedanken werde ich nicht bei ihm aufkommen lassen,« sprach Egenolf. »Aber wäre es Euch denn nicht selber lieb, Vater, wenn Friede bliebe und keine Fehde zwischen euch ausbräche?«
»Ob mir lieb oder nicht, kommt nicht in Betracht. Ich habe keine Wahl und kann nicht voraussehen, ob Fehde wird oder Friede bleibt.«
»In wessen Hand ruht denn die Entscheidung darüber, wenn nicht in der Euren, Vater?«
»Da irrst Du,« entgegnete Schmasman. »Sie hängt einzig und allein von der Annahme oder Ablehnung gewisser Forderungen und Bedingungen ab, deren einige zwar von untergeordneter Bedeutung, andere dagegen von der größten Wichtigkeit für die Fortdauer unserer fest verbrieften und verbürgten Standesrechte sind.«
»Ließe sich denn nicht auch über diese wichtigen eine Vereinbarung treffen?«
»Nur dann, wenn Graf Oswald eine solche wünscht und selber den Vorschlag dazu macht, denn ich kann es nicht thun. Er hat meine Vermittelung einmal zurückgewiesen, und ich will mich dem nicht zum zweiten Male aussetzen.«
»Ich werde sie ihm auch nicht anbieten. Aber wenn er nun Eure Vermittelung anriefe? wenn er Euch durch mich darum ersuchen ließe?«
»Wenn! wenn! – das thut er nicht.«
»Wer weiß, Vater? es kommt darauf an, –«
»Wie Du ihm die Sache darstellst, willst Du sagen. Egenolf, wäge Deine Worte, wenn Du vor ihm stehst! Du darfst ihm nicht das kleinste Zugeständniß in meinem Namen machen; ich will freie Hand behalten nach jeder Richtung hin. Du handelst auf Deine eigene Verantwortung und Gefahr, und bedenke wohl,« fügte Schmasman warnend hinzu, »wenn Dich Graf Oswald schroff abweist, so ist zwischen ihm und mir kein Friede möglich.«
»Und wenn er mich nicht abweist, so ist der Friede zwischen euch geschlossen?« fuhr es Egenolf freudig heraus.
»Das hängt mehr von ihm ab als von mir,« erwiederte Schmasman ernst. »Aber nun erkläre mir: woher weiß Burkhard von eurem Verlöbniß?«
»Ich bitte Euch, Vater, mir die Antwort auf diese Frage zu erlassen,« sprach Egenolf.
»Ah so! – nun, – dann will ich sie nicht von Dir verlangen,« sagte Schmasman, der wohl etwas von dem errathen mochte, weßhalb Egenolf diese Auskunft verweigerte. »Aber eine andere Frage: warum hast Du es mir verschwiegen? Ich hätte es doch, wenn es einmal geschehen war, sofort erfahren müssen, um mich danach richten zu können.«
»Ich bin mir wohl bewußt, lieber Vater, daß es meine Schuldigkeit gewesen wäre, Euch in mein Geheimniß einzuweihen,« erwiederte Egenolf, »aber glaubt mir! nicht aus Zaghaftigkeit hab ich es unterlassen. Ich schwieg aus Rücksicht auf Euch.«
»Aus Rücksicht auf mich? wieso?«
»Das, was Ihr als die Folge eines von mir abgelegten Geständnisses eben andeutetet, gerade das wollte ich vermeiden. Ich wollte nicht den leisesten Druck auf Eure Entschlüsse ausüben, wollte nicht, daß Ihr mir zu Gefallen bewogen werden könntet, etwas Anderes zu thun, als was Ihr einmal für recht und nothwendig erkannt hattet. Und wenn es zum Schlagen kommt, solltet Ihr nicht wissen und ahnen, daß Ihr den Vater Derjenigen bekämpft, in deren einstigem Besitz ich mein höchstes Glück auf Erden sehe.«
Von dieser unerwarteten Eröffnung sehr wohlthuend berührt, stand Schmasman auf, und seinen sich gleichfalls erhebenden Sohn freundlich anblickend sprach er: »Das ist ehrenhaft und nobel gedacht, Egenolf, und entwaffnet jeden Vorwurf, den ich Dir über Deine Heimlichkeit machen könnte. Deine Zurückhaltung, die Hintansetzung Deiner eigenen brennenden Wünsche verdient Anerkennung und Lob. Sie wird Dir nicht leicht geworden sein.«
»Nein, sie ist mir ziemlich schwer geworden,« gestand Egenolf freimüthig. »In der ersten Freude meines Herzens gab ich mich der Hoffnung hin, daß Ihr und Graf Oswald, wenn ihr die Liebe eurer Kinder erführet, vielleicht geneigt sein würdet, einander die Hand zu einem Ausgleich zu bieten. Bei reiflicher Überlegung aber sah ich selber ein, daß ich Euch mit einer verfrühten Mittheilung dessen, was ich eigenmächtig hinter Eurem Rücken gethan, in eine mißliche Lage bringen würde.«
»Verfrüht nennst Du das?« sagte Schmasman. »Bis wann hattest Du Dir denn vorgenommen, mir Dein Verlöbniß zu verschweigen? bis nach dem Ausgang der Fehde?«
»Das war allerdings meine Absicht. Später aber, erst kürzlich, entschloß ich mich, nicht einmal den Anfang der Fehde abzuwarten, sondern schon vorher beim Grafen Oswald um die Hand seiner Tochter zu werben und, wenn er sie mir bewilligte, vor Euer Angesicht zu treten und zu sprechen: Leontine ist meine Braut; gebt uns Euren Segen, Vater!«
»Das wäre viel gewagt gewesen, Egenolf.«
»Für meine Liebe wage ich noch mehr, wage ich Alles, Vater!« rief Egenolf. »Nun ist mir Herr Burkhard zuvorgekommen und hat Euch gemeldet, was ihm verrathen worden. Mir ist es lieb und recht so, denn nun kann ich doch mit Eurem Wissen und Eurer Genehmigung zur Werbung auf die Hohkönigsburg reiten.«
»Du sattelst geschwind, mein Sohn! noch habe ich meine Genehmigung nicht ausgesprochen.«
»Aber Ihr werdet sie mir nicht versagen, nicht wahr?«
»Nun denn, – nein!« beruhigte Schmasman den Hoffnungsvollen. »Deine besonnene und feinfühlige Rücksichtnahme, die Du bei der Sache bewiesen hast, will ich damit erwiedern, daß ich Dir gestatte, Dein Heil bei dem Grafen Oswald zu versuchen. Aber noch einmal sage ich Dir: Alles, was Du thust, das thust Du nur auf Deine eigene Gefahr.«
»Vertraut mir, Vater! ich werde keinen Augenblick vergessen, daß ich der Sohn des Grafen Maximin von Rappoltstein bin,« sprach Egenolf hoch aufgereckt mit freudigem Stolze. »Eines nur bekümmert mich, – daß Ihr durch meinen Herzensbund mit Leontinen in Zwietracht und Streit mit Eurem alten Freunde Burkhard gerathen werdet.«
»Das ist nicht Deine Schuld und möge darum auch nicht Deine Sorge sein,« erwiederte Schmasman. »Den Kampf mit Burkhard habe ich kommen sehen, und da liegt ja nun seine unumwundene Absage. Doch davon ein ander Mal. Wann willst Du denn Deinen Freiersgang zum Grafen Oswald antreten?«
»Vielleicht übermorgen.«
»Warum erst übermorgen? warum noch zaudern damit?«
»Weil Leontine seit einigen Tagen nicht ganz wohl ist, wie ich erfahren habe.«
»Du scheinst ja gute Kundschaft mit der Hohkönigsburg zu unterhalten,« lächelte Schmasman. »So geh mit Gott, und alles Glück auf den Weg!« schloß er, dem Sohne die Hand reichend.
»Ich danke Euch, Vater!« rief Egenolf bewegt und führte des Vaters Hand an seine Lippen. Dann entschwand er aus dem Gemach und eilte hinauf zu Imagina, um ihr Alles zu berichten.
Als Schmasman wieder allein war, sagte er sich: »Mit beiden Händen wird Oswald zugreifen. Egenolf bringt seiner Braut als Morgengabe den Frieden, und Leontinens Mitgift ist die Unantastbarkeit unserer alten Standesrechte.« – Er lachte vergnügt in sich hinein: »Freit um die Tochter unseres Feindes! einen pfiffigeren dummen Streich hätte der Junge nicht machen können. Aber Oswalds Gesicht bei der Werbung möcht ich wohl sehen.«