Krieg

Vor Wutschau rasselt der Anker der „Tsingtau“ in den Grund. Auch hier hat das Land infolge des Hochwassers ein gänzlich anderes Aussehen angenommen. Die lästigen Sandbänke und seichten Ufer sind verschwunden, in majestätischer Breite wälzt der Hsikiang seine Wasser dem Stillen Ozean zu. Diesmal braucht es weder Loten noch Peilen, in schlanker Fahrt geht es über die vielen Untiefen hinweg. Noch ist das Schiff nicht herumgeschwoit, als von Land her ein Boot absetzt. Post und Telegramme kommen an Bord, die schon tagelang hier warten und nun mit beinahe gefährlicher Verspätung die Nachricht von der politischen Spannung in Europa bringen. Die Zeitungen berichten bereits von Österreichs Kriegserklärung an Serbien und von Deutschlands Nibelungentreue, das seinen Entschluß kundgetan hat, an der Seite des Freundes und Bundesgenossen zu fechten. Der Krieg ...

Der Schlaf floh in jener Nacht die wenigen deutschen Männer auf dem winzigen Schiffchen mitten in China. Die Nachricht, die sonst jedes Soldatenherz in freudige Aufregung gebracht hätte, hier wirkte sie anders.

Da saß man nun weit, weit ab von der Heimat, auf einem Kriegsschiff, das doch eigentlich gar kein Kriegsschiff war, mit dem man wohl chinesische Rebellen und Räuber verscheuchen, aber nimmer Krieg führen konnte, ein Schiff, das sich nicht einmal aus der Dreimeilenzone hinauswagen durfte, weil es nur für die Flußfahrt gebaut war und bei leichtem Seegange schon dem Untergange geweiht sein mußte. Zu Hause da waren sie jetzt wohl begeistert, da brauste das „Deutschland über alles“, „Die Wacht am Rhein“ und „Haltet aus“ in die Lüfte. Hier durfte man das nicht, hier im neutralen Lande mußte man ruhig scheinen und seinen Grimm in sich hineinfressen. Zu Hause, da zogen sie jetzt hinaus in Feindesland, da jubelten sie ihrem Kaiser zu! Hier durfte man das nicht ... Die Brüder und Verwandten, die Kameraden bereiteten sich jetzt wohl schon auf den langerwarteten Kampf gegen den Feind, gegen das Volk, für das unsere Flotte nur „Willys Spielzeug“ war, vor: gegen England! — Gegen England? — — Da wären also die Männer, mit denen man vor wenigen Wochen noch an einem Tisch saß, die so gern der deutschen Kameraden Gastfreundschaft genossen — — Feinde? Gerade die, mit denen man draußen so gern umging, weil man bei ihnen das meiste Verständnis fand! — — Auf die soll man also jetzt schießen, sie vernichten und töten? Die Kameraden von gestern. —

Das schöne Hongkong. — Der Peak — die Bowenroad, mit ihrem wundervollen Blick auf den Hafen — Happy Valley. Abends dann der Klub, das nette Familienleben! Nicht nur bei den Deutschen. Da war in Hongkong ein Mädel, ein liebes, süßes, kleines Mädel, gertenschlank, mit blonden Haaren und blauen Augen, das noch kurz vor der Abfahrt gesagt hatte, es dächte viel an das „Little german boat“, — das war ja nun auch wohl Feindin?

Der nächste Morgen sieht die „Tsingtau“-Leute bei harter Arbeit. In aller Eile müssen die Vorräte des Schiffes aufgefüllt, Kohlen, Proviant und sonstiges Material an Bord geschafft werden, um allen Zufälligkeiten begegnen zu können. Der an Land wohnenden Europäer hat sich seit mehreren Tagen schon eine gewisse Aufregung bemächtigt, alles spricht vom Krieg, nicht offen, hinter allen Äußerungen aber birgt sich die Befürchtung, daß er seine furchtbare Wirkung auch auf das Wirtschaftsleben ausdehnen würde, daß zahllose alte Handelsbeziehungen, die im Laufe der Jahre gute Freundschaften geworden waren, mit einem Schlage zerschnitten würden. Es ist wohl ausgeschlossen, daß der Krieg selbst hier nach China übergreift. Sein Ausgang wäre später vielleicht von einer gewissen Bedeutung für das Land, da könnte die Pénétration Pacifique vom Süden vordringen, oder der rassenverwandte Japaner würde vielleicht versuchen, weitere Absatzgebiete an sich zu reißen, wenn er nicht schon vorher in müheloser Arbeit — sind die Europäer doch mit sich selbst beschäftigt — das tausendjährige Reich knechtet und ausbeutet. Denn was vom Japs zu erwarten ist, das hat er während der Revolution in Südchina in seiner ganzen brutalen Rücksichtslosigkeit gezeigt und bewiesen: daß ihm die chinesische Staatshoheit nichts weiter als ein leerer Begriff ist.

Das Leben auf dem Flusse zeigt das gewöhnliche Bild. Heiß strahlt die Sonne vom Himmel herab auf die gelben Wellen. Schwer beladene, rotgestrichene Petroleum-Dschunken, auf denen die Blechtinns sich bis unter die Segel häufen, kommen stromaufwärts, andere mit Häuten, Holz und Vieh ziehen nach See zu. Vom Westen tauchen Rauchwolken auf, die sich in schneller Fahrt der Stadt nähern. — Kriegsschiffe — Kanonenboote. Bald verrät die Form sie als die beiden Franzosen „Vigilante“ und „Argos“. Wie werden sie sich verhalten, wenn sie hier in der Nähe des deutschen Kriegsschiffes vor Anker liegen? — Jetzt sind sie querab. Schrille Pfiffe tönen auf allen drei Fahrzeugen. Die Mannschaften an Deck unterbrechen die Arbeit und machen Front, Kommandanten und Offiziere berühren mit der rechten Hand leicht zum Gruß die Mütze. Ein erneuter Pfiff hüben und drüben, und in schneller Talfahrt, ohne Unterbrechung, sausen die Franzosen weiter. Sollte die Unruhe in Europa etwa die Cantonesen angesteckt haben und das südchinesische Pulverfaß wieder vor einer Explosion stehen?

Weitere Telegramme treffen im Laufe des Tages ein. Die Schicksalsstunde Europas bricht herein, kurze Zeit nur noch kann es dauern, bis der erste Schlag fällt.

S. M. S. „Tsingtau“ ist seeklar. Am 1. August gleitet sie beim Morgengrauen in einer bisher unübertroffenen Geschwindigkeit stromabwärts nach Canton. Die vierhundert Kilometer bis dahin sollen in einem einzigen Tagesmarsch zurückgelegt werden.

Weiter und weiter treten die Berge zurück, bis sie schließlich in blauer Ferne verdämmern. Gewaltig dehnt sich der Spiegel des Stromes, wo früher Reisfelder sich breiteten. Wie Inseln ragen dunkelgrüne Bambushaine, Tempelbauten und Pagoden aus dem Wasser hervor. Zahlreiche Flüchtlinge haben sich mit ihrem Vieh hierher gerettet. Aus kümmerlichen Schilfmatten haben sie sich notdürftige Unterkunftsstände, die ihnen Schutz gegen die Unbilden der Witterung bieten, geschaffen. Schwere Tage für die Armen. So unvermutet und plötzlich ist das Wasser hereingebrochen, daß sie kaum das nackte Leben zu retten vermochten. An Lebensmittel konnte keiner denken; nun dürfen sie hungern, bis das Wasser abfließt. Von der Regierung kommt ihnen keine Hilfe.

Um einen vorspringenden Huck kommt einer der flachgehenden Flußdampfer in Sicht. Von weitem schon kündet sich das Brausen an, mit dem klatschend die riesigen Schaufelräder das Wasser hinter sich drücken. Nur langsam kommt er gegen den Strom an. Eine ungeheure Rauchwolke quillt aus dem Schornstein, zieht nach Land zu und scheint sich als eine endlose schwarze Fahne zu verlieren. Als die beiden Schiffe noch etwa anderthalb Seemeilen voneinander entfernt sind, gehen auf dem vordersten Mast des Dampfers Signalflaggen hoch. Noch sind sie nicht auszumachen, da der Westwind sie nach achtern auswehen läßt. Jedenfalls aber ist das Signal für die „Tsingtau“ bestimmt, die nun etwas nach Steuerbord ausschert, um das Signal ablesen zu können. Weithin leuchten die riesigen chinesischen Schriftzeichen: Dampfer „Whampoa“ aus Hongkong ... also ein Engländer. Am Heck flattert die rote Fahne mit dem Union-Jack. Der Steuermannsmaat, der das internationale Signalbuch eifrig wälzt, hat jetzt das Signal gefunden: „Habe wichtige Post für Sie.“ Die Schiffe nähern sich, und „Tsingtau“ schlägt einen Bogen, um sich auf der Höhe des „Whampoa“ zu halten. Beide Schiffe sind aus der Strömung in ruhigeres Wasser gelaufen, um so das Anbordnehmen der Post zu erleichtern. Gleich darauf stößt auch vom Engländer ein von Chinesen bedientes Boot ab; am Heck hat ein Europäer Platz genommen. In wenigen Minuten ist das Boot geschickt längsseit gebracht, und der Sekretär des deutschen Konsulats in Canton kommt mit Post für den Kommandanten an Bord. Kaum ist das kleine Fahrzeug wieder drüben aus dem Wasser geheißt, als auch schon die Räder mit voller Kraft zu schlagen beginnen und der Dampfer seine Fahrt stromaufwärts fortsetzt, während „Tsingtau“ nach Osten jagt. Während Kapitänleutnant von Möller die Post öffnet, umringt die Mannschaft den an Deck stehenden Konsulatsbeamten, um ihn nach neuesten Nachrichten, die aus Europa eintreffen, auszuforschen. Was er erzählt, läßt kaum noch einen Zweifel zu. Krieg mit Frankreich, Krieg mit Rußland, mit Serbien. Englands Haltung ist heute wohl noch unbestimmt, aber ... Während in den sofort sich bildenden Gruppen alle Möglichkeiten, was aus „Tsingtau“ und ihnen selbst werden soll, erörtert werden, erscheint der Kommandant auf der Brücke und läßt „Klar Schiff“ anschlagen. „Tsingtau“ macht gefechtsklar. Also Krieg! — Auch hier im fernen Osten! Nach einer halben Stunde etwa sind die Vorbereitungen beendet, und „Tsingtau“ ist bereit, einem Gegner, der sich ihr auf dem Strom stellt, die Zähne zu zeigen. Ohne Zwischenfälle aber geht die Fahrt weiter. Die Dunkelheit bricht herein, die Lichter von Canton tauchen auf, und gleich darauf auch blitzen unter grünen Bäumen die erleuchteten Häuser von Shamien, der Fremdenniederlassung auf der gleichnamigen Insel, im Süden der Stadt herüber. Zahlreiche Dampfer liegen auf dem Strom vor Anker. An ihnen vorbei gleitet „Tsingtau“. Scharfe Augen spähen durch die Nacht. Richtig, drüben, kaum hundert Meter ab, liegen die beiden französischen Kanonenboote. Deutlich sind alle Einzelheiten an Deck drüben zu erkennen. Offiziere und Mannschaften tauchen aus dem Innern an Deck auf und verfolgen aufmerksam das Schiff, das langsam an ihnen vorüberzieht. Eisiges Schweigen hüben und drüben. Kein Pfiff ruft die Mannschaft zur militärischen Ehrenbezeigung, keine Hand hebt sich zum Gruße. — Feinde! In der Heimat, Tausende von Meilen entfernt, brüllen wohl schon die Geschütze, dröhnt das Hurra der stürmenden Kameraden.

Wenige Minuten später liegt S. M. S. „Tsingtau“ vertäut an ihren Bojen. Von Land stoßen Boote ab. Weitere Nachrichten kommen, die aber an den Entschlüssen des Kommandanten nichts mehr ändern. Still und ruhig liegt das Schiff. Nichts unterscheidet es äußerlich von dem Bilde, das es von früheren Tagen bot. Aus den auf dem Oberdeck liegenden Messen und Wohnräumen blitzt mitunter ein Lichtstrahl auf das dunkle Wasser des Cantonflusses hinaus, eine Tür öffnet sich, schließt sich rasch wieder; desto reger aber ist das Leben im Innern des Schiffes. Eifrig kramen und suchen die Leute an ihren Kleiderspinden, schnüren Bündel, packen ein und wieder aus. Eine schwere Arbeit, unter dem Vielen, das sich trotz des beschränkten Raumes angesammelt hat, das Wertvollste herauszufinden. Nur zu oft wandert so manches Stück aus dem Spinde heraus, um schließlich doch mit einem Seufzer schweren Herzens wieder zurückgelegt zu werden. Es geht nicht. Nur das Notwendigste darf mitgenommen werden, lautet der Befehl.

Dunkel, in tiefer Stille brütet die Nacht über dem Strom. Aus weiter Ferne nur klingt gedämpft das Rattern einer Winde, das dumpfe Tuten einer Dampfpfeife herüber. Vier Glas, zwei Uhr morgens. Unter Deck ist die Mannschaft angetreten. Der Kommandant will sich von ihnen verabschieden. Wer weiß für wie lange? Für immer vielleicht? — Schwere Minuten, die jedem Einzelnen von ihnen unauslöschlich im Gedächtnis bleiben werden.

„Achtung!“ Gedämpft klingt es diesmal, nicht scharf, schneidig, wie sonst.

Der Kommandant.

„Zusammenschließen! Rührt euch!“

Der Abschied. Lange haftet der Blick Kapitänleutnants von Möller an den Leuten, deren jeden einzelnen er genau kennt. Sie merken, wie unendlich schwer ihm das wird, was er sagen will, wie es in seinem Innern arbeitet, wie er nach Worten sucht, um sie fühlen zu lassen, wie inhaltsvoll der Augenblick ist.

„Kameraden! Ihr wißt wohl Alle, zu welchem Zweck ich euch hierher befohlen habe. Unser Allerhöchster Kriegsherr hat gestern die Mobilmachung von Heer und Flotte angeordnet. Trotz aller seiner Friedensliebe ist es ihm nicht gelungen, den Ausbruch des Krieges zu verhindern. Vom Westen und Osten stürmen die Feinde auf uns und unsern treuen Verbündeten Österreich-Ungarn ein. Noch hat England sich nicht entschieden, jede Stunde aber kann es in die Reihe unserer Gegner führen. Wir sind allein. Das Kreuzergeschwader steht in der Südsee, wir sind nur auf uns angewiesen. Ihr wißt alle, daß wir mit unserm Schiff keine Gelegenheit haben können, dem Feinde im Kampfe gegenüberzutreten. Untätig zuzusehen, wie die Kameraden sich für Deutschlands Ehre und Ruhm schlagen, ist aber nicht deutschen Seemanns Art. Die Heimat ist unerreichbar, zu weit. Ein Stück deutscher Boden aber liegt auch hier im fernen Osten. Ihr sollt versuchen, euch nach Tsingtau durchzuschlagen. Sollte es auch dort zum Kampfe kommen, so werdet ihr sicher bald Gelegenheit finden, zu beweisen, daß auch ihr für die deutsche Flagge zu kämpfen und zu sterben wißt. Ihr seid von der „Tsingtau“! — Vergeßt das nicht. Haltet zusammen. Ich weiß, daß ich nur Gutes von euch hören werde. Und nun geht mit Gott!“ — — —

Der Morgen graut, dichte Nebel liegen über dem Flusse, leise, geräuschlos lösen sich mehrere Boote von dem Schiff und streben dem nahen Lande zu ....

Am 19. August, bei Bekanntwerden des japanischen Ultimatums ist die ganze Besatzung schon mehr als zweitausend Kilometer von ihrem Schiff entfernt, um das Stück Heimat, das Stückchen Deutschland im fernen Osten, das ihrem Schiffe seinen Namen gegeben hat, mit ihren Leibern und mit ihrem Blute gegen weiße und gelbe Habgier und Raublust zu verteidigen.