Nach Manila

Seit einer Viertelstunde schon schlendert ein baumlanger, schlanker junger Mensch vor dem Bahnhof in Canton auf und ab. Die straffe Haltung und das gebräunte Gesicht verraten schon von weitem den Offizier. Ungeduldig spähen die scharfen Augen die breite Straße hinunter, die von der Station nach der Stadt führt. Endlich erscheint dort, gerade als die Ungeduld des Wartenden auf dem Höhepunkt angelangt ist, ein Rikschamann mit seinem mit Gepäck beladenen Karren.

„Kwai, kwaiiii! Schnell, los, los! Mach’ doch endlich, daß du herankommst, du langweiliger Kerl!“ Kaum hört der Chinese den Ruf und wird des Europäers ansichtig, als er auch seine letzte Kraft anspannt. In rasendem Laufe windet er sich durch das Gedränge, überquert den Platz und setzt endlich mit einem erleichterten Seufzer die Gabel vor dem Eingangstor der Station nieder. In hellen Strömen rinnt ihm der Schweiß über das gelbe Gesicht und den nackten Oberkörper. Während er noch grinsend das über Erwarten hohe „Teegeld“ einstreicht, springt ein anderer Chinese herzu, faßt das Gepäck und schleppt es auf einen Wink zur Zollabfertigungsstelle. Kapitänleutnant von Möller hat am frühen Morgen sein nach dem Abzug der Mannschaft so still gewordenes Schiff verlassen, um sich zunächst mit der Bahn nach Hongkong zu begeben. Ruhig, gelassen schreitet er jetzt hinter dem Kuli den Zollschranken zu. Eine unangenehme Geschichte, diese Zolluntersuchung, bei der jeder Koffer durchwühlt wird. Die Beamten hier brauchen nicht gerade alles zu wissen, was sich in seinem Gepäck birgt. Na, so arg scheint es ja auch nicht werden zu wollen. Der erste Koffer wird geöffnet. Einige Fragen des chinesischen Beamten nach Opium und ähnlichen verbotenen Dingen werden zufriedenstellend beantwortet, eben klappt der Deckel wieder herunter, als aus dem Hintergrunde eine scharfe Stimme ertönt. Erregt tritt ein europäischer Beamter heran und befiehlt dem Chinesen barsch, die Sachen nochmals gründlich zu durchsuchen. Ein kleines, schmächtiges Kerlchen mit kohlschwarzem Knebelbarte, dessen greuliche Aussprache schon beim ersten Wort den Franzosen verrät. Längere Zeit hat er von seiner dunklen Ecke, in der er sich vorher verborgen hielt, die alles überragende Gestalt von Möllers beobachtet, in dem sein Argwohn einen Deutschen vermutet, der im Begriff steht, nach Europa in den Krieg zu gehen. Wie ein wildgewordener Truthahn schießt er an die Schranke heran, schimpft über seinen nachlässigen Untergebenen: Was getan werden kann, dem Deutschen Schwierigkeiten in den Weg zu legen, soll geschehen. Auch das kleinste, harmloseste Stückchen soll hervorgekramt, untersucht werden. Wenn der Passagier darüber den Zug versäumt und in Hongkong das vielleicht letzte Schiff — wer weiß, ob England nicht morgen schon Farbe bekennt — ohne ihn abgeht, ist wenigstens einer unschädlich. Offen freilich wagt er sich an den Riesen nicht heran, aber der gehässige Seitenblick, der den Deutschen streift, spricht Bände. Die Sache kann böse werden. Daß der Halunke ganze Arbeit macht, ist sicher. Noch aber ist nicht alles verloren.

„Was abben Sie in Ihre Bagage?“ In ganz leidlichem Deutsch stellt er die Frage. Keine Antwort. Der Monsieur wiederholt bedeutend gereizter:

„Ick bitte mir su sagen, was Sie abben in die Bagage ier?“

Ein erstaunter, verwunderter Blick trifft den Kleinen.

In tadellosem Englisch kommt es aus dem Munde von Möllers:

„What do you mean, Sir?“ Der Franzose stutzt einen Augenblick, dann zieht sich sein dunkles Gesicht in verbindliche Falten.

„Oh, you are English, Sir, I see! You are going to Hongkong? It’s all right, Sir!“ Und diensteifrig schließt der Zollbeamte, der eitel Sonnenschein geworden ist, die Koffer. Nicht eine Miene hat der vermeintliche Engländer während der ganzen Szene verzogen. Als er aber mit seinem Gepäck draußen auf dem Bahnsteig ist, kann er einen leisen Seufzer der Erleichterung doch nicht unterdrücken. Na, das wäre ja diesmal noch gegangen! — —

Nur wenige europäische Passagiere sind am Zuge, so daß der Kommandant der „Tsingtau“ ein Abteil für sich allein angewiesen erhält. Um so toller und lärmender geht es vor der dritten Klasse zu, wo starker Andrang von Chinesen herrscht. Mit ungeheurem Gepäck rücken sie an, ganze Betten schleppen sie in den Wagen, aus dem laute Protestrufe ertönen. Ein unaufhörliches Auf und Ab, ein Schnattern und Rufen, daß die Ohren gellen. Der Gedanke, daß der Zug auch wirklich pünktlich abfahren will, hat in ihren Köpfen keinen Raum. Erst das energische Dazwischentreten des Stationsvorstehers schafft Ordnung. Endlich ist es so weit. Ein Pfiff, ein Ruck, und der Zug setzt sich in Bewegung. In eine Ecke zurückgelehnt, fast teilnahmlos sitzt Kapitänleutnant von Möller mit geschlossenen Augen da. Draußen gleitet die chinesische Landschaft vorbei, weite Felder, Flüsse, Städte, Pagoden, der Zug hält, neue Passagiere steigen ein und aus. Ein amerikanisches Ehepaar, anscheinend auf der Hochzeitsreise, nimmt ihm gegenüber Platz. Sie haben keine Augen für den Mitreisenden, und dem ist das sehr recht. Unablässig arbeiten die Gedanken in seinem Hirn: was werden die nächsten Stunden bringen, wie sieht es in Hongkong aus? Ist England noch neutral? Gerade Hongkong ist für ihn heißer Boden, doppelt gefährlich. Oft schon hat er mit „Tsingtau“ dort geankert, eine ganze Reihe von englischen Bekanntschaften gemacht. Und eine Verkleidung, wie sie die Kameraden vorhaben, ist bei ihm schon seiner Größe wegen ziemlich zwecklos. Irgendeiner der Hafenbeamten, dieser oder jener englische Offizier würde ihn ja doch sofort erkennen. Da ist es mit dem Trick, der dem kleinen Franzosen gegenüber seinen Zweck so schön erfüllte, nicht abgetan. Ob die Engländer noch ein Schiff aus dem Hafen lassen, ob es überhaupt noch ein Wegkommen gibt?

Glücklicherweise trifft der Zug am Bahnhof in Kaulun ein, als es schon dämmert. Unangefochten kommt er aus dem Stationsgebäude heraus. Draußen wimmeln ein paar Kerle herum. Zwei werden gegriffen, erhalten das Gepäck aufgepackt und recht laut und deutlich das Ziel angegeben, so daß die Umstehenden es auch hören können: „Nach dem englischen Klub!“ Daß der Auftraggeber sich die Geschichte später anders überlegt und zufällig den Weg nach dem deutschen Konsulat einschlägt, ist den Kulis nur angenehm: kostet doppelte Taxe. Gar zu groß ist die Wahrscheinlichkeit allerdings nicht, daß man ihn hier vermutet. Die Engländer wissen genau Bescheid, wo die „Tsingtau“ in diesem Augenblick liegt, denken gar nicht daran, daß die Besatzung schon weit weg ist und ihr Kommandant soeben durch die dunklen Straßen Kauluns eilt. An Speichern, Kasernen und Hotels geht es in schnellem Schritt vorbei, dann liegt der Hafen vor ihm. Hunderte von Lichtern schimmern auf dem ungeheuren Becken, dahinter blitzen und leuchten die hellen Fensterreihen der Häuser Hongkongs, die sich terrassenförmig die Berghänge hinaufziehen, durch die Nacht. Die feurige Schlange, die drüben in schneller Fahrt zum Horizont zu klettern scheint, ist die Drahtseilbahn, die Tram, wie das Volk sie hier nennt. Von der Signalstation auf dem Peak flammen farbige Lichter, Zeichen über ein- und auslaufende Schiffe. Gleich dahinter liegen riesige Kasernen in tiefem Dunkel. Was mag die Garnison jetzt wohl tun? Treffen sie schon die Vorbereitungen zum Abtransport nach Europa, oder denkt England noch nicht an Feindseligkeiten?

Die Fähre legt an. Schnell ist von Möller mit seinen beiden chinesischen Begleitern an Bord. Wenige Minuten später hat das Boot den Hafen überquert und am Kai von Hongkong gelandet. Vorbei an Queens Building und am Hongkonghotel führt der Weg jetzt in die Queens Road, die Hauptverkehrsstraße Viktorias. Brausendes Leben strömt ihm entgegen, eine wahre Flut von Licht. Geschäftsladen an Geschäftsladen, hellerleuchtete Schaufenster, ein Gewimmel von Fußgängern aller Farbenschattierungen: Gelb, braun, bis hinunter zum tiefsten Schwarz. Weiße und farbige englische Soldaten und Matrosen schlendern lässig dazwischen, elektrische Bahnen sausen vorbei, Sänftenträger, die ihre Insassen nach den Klubs und Hotels bringen: Dinnerzeit. An einer Ecke haben die Blumenhändler ihre Verkaufsstände. Die herrlichsten Orchideen und Chrysanthemen, Rosen von märchenhafter Pracht halten sie feil. Hier biegt von Möller in die stille Seitenstraße ein, die bergaufwärts führt. Wenige Schritte noch bis dahin, wo sich die Straße gabelt, dann hält er an. Das Ziel ist erreicht, hier liegt das deutsche Konsulat. Kaum ein Lichtschein dringt aus den Fenstern. Freudig wird der Ankömmling aufgenommen, die Kulis werden entlohnt. Die erste Frage nach der Begrüßung lautet: „Wie steht’s mit England?“ Ein Achselzucken antwortet ihm. „Heute noch nicht!“ Dann ein erleichtertes „Gott sei Dank! Da komme ich noch weg.“ Freilich, Zeit ist nicht zu verlieren.

Wie im Fluge gleiten die Stunden. Viel gibt’s zu erzählen, zu fragen, zu besprechen. Es ist schon spät, als von Möller nach herzlicher Verabschiedung das Haus verläßt und mit langen Schritten dem Murray Pier zueilt. Draußen auf der Reede liegt der deutsche Dampfer „Machew“, der am nächsten Morgen nach Manila auslaufen will. Die letzte Gelegenheit vielleicht, noch wegzukommen. Jede Stunde ist kostbar. Stockfinster ist es am Ufer, die Laternen, die um das Viktoriadenkmal stehen, werfen nur kümmerlichen Schein bis hierher. Kaum zweihundert Meter von Land entfernt schimmern die Lichter der „Tamar“, des alten englischen Dreideckers herüber, des Wahrzeichens des Hafens von Hongkong. Eine Pinasse legt soeben bei ihr an, der Fallreppspfiff ertönt. Offiziere steigen an Bord und verschwinden unter Deck. Nach der Kaulunwerft zu liegt ein großer Passagierdampfer, dessen hellerleuchtete Promenadendecks einladend zu winken scheinen. Von der Nordeinfahrt her kommt in ruhiger Fahrt ein Frachtdampfer vorbei. Nur die Laternen an den Masten brennen, und der rote Schein des Backbordseitenlichts ist wahrzunehmen.

Vom Quai führen Steintreppen nach dem Wasser hinunter. Dort liegen gewöhnlich die Zampans, die den Verkehr im Hafen vermitteln. Ein paar Schritte nur, und die Stelle ist erreicht. Kein Boot! Weit und breit dehnt sich nur das schwarze Hafenwasser. Halt! Dort in der Ecke liegen dicht zusammengedrängt mehrere Dschunken und Boote.

Zampan! Zampaaaan! .... schallt es gedämpft in die Nacht hinaus. Nichts rührt sich.

Zampaaaaan! ... Alles bleibt ruhig, nur die Wellen von einem vorbeifahrenden Frachtdampfer glucksen und plätschern gegen die Granitquadern des Kais.

Ein schwerer Schritt hallt in der Ferne, kommt heran. Eine hohe Gestalt löst sich aus der Dunkelheit: Ein indischer Polizist. Ein baumlanger Sikh, dessen spindeldürre Beine von Wickelgamaschen umschlossen sind, ganz in Khaki gehüllt, stelzt herbei. Sobald er den Europäer sieht, nimmt er militärische Haltung an.

„No Zampan to-night, Sir!“ Nanu, es gibt heute Nacht keine Zampans? Der Inder, der das Staunen auf dem Gesicht von Möllers, den er wohl für einen englischen Offizier hält, bemerkt wiederholt sein „no Zampan to-night!“ und erklärt dann in gebrochenem Englisch, daß von heute ab kein Zampan nachts fahren dürfe.

Ein böser Reinfall! Das Verbot des Zampanverkehrs spricht eine nur zu deutliche Sprache. Fort muß er noch heute nacht von hier. Ist doch „Machew“ die letzte Hoffnung. Ist sie weg und England erklärt morgen den Krieg, dann ist an ein Entkommen über See überhaupt nicht mehr zu denken. Hier in Viktoria aber interniert werden, um untätig als Gefangener den Krieg zu vertrauern, während es zu Hause hart auf hart hergeht, das mag kein deutscher Soldat. Wie aber wegkommen? Vorsichtig heißt es sein. Auch der Inder, der in einiger Entfernung steht und anscheinend nicht die Absicht hat, sich so bald zu entfernen, darf nicht merken, was auf dem Spiel steht. Der Kerl macht ohnedies schon ein so merkwürdiges Gesicht, als wundere er sich, worauf der Offizier denn hier in der Nacht warte. Eine Viertelstunde vergeht. Nichts zeigt sich, kein Fortkommen gibt es von hier. Selbst wenn einer der Zampanleute sich bereit erklärt, zu fahren, nützt das nicht viel. Ist das Verbot erlassen, dann kreuzen sicherlich ununterbrochen die Dampfboote der Polizei im Hafen, um auf Übertreter zu fahnden. In buntem Wirbel jagen die Gedanken und Überlegungen durch den Kopf des Wartenden, als plötzlich Laternen durch die Nacht blitzen; in schneller Fahrt kommt ein Dampfboot heran und legt ganz nahe bei der Fähre an. Ein Fahrzeug der Kaulunwerft, das Angestellte oder Offiziere eines der dort in Reparatur befindlichen Schiffe nach Hongkong bringt. Jetzt oder nie! Hier bietet sich eine Überfahrtsgelegenheit, vielleicht die letzte. Noch klingt das Lachen der sich entfernenden Europäer durch die Nacht herüber, als von Möller auch schon neben dem Boot steht, das soeben nach Kaulun zurückzukehren sich anschickt.

Ein kurzes Unterhandeln mit dem Bootsführer, der den Fremden, den er nicht kennt und von dem er nicht weiß, was er so spät noch in Kaulun will, zuerst zurückweisen will, dann die Frage: „You are an Officer, Sir? Allright, jump in!“ „Sie sind Offizier? Gut, springen Sie herein! Schnell, schnell, wir haben keine Zeit, es ist spät!“ Im nächsten Augenblick springt die Maschine an, Funken stieben aus dem Schornstein, und in elegantem Bogen dreht das Boot auf die in der Ferne liegende Werft zu. In schneller Fahrt geht es vorwärts, die Lichter von Hongkong verschwinden allmählich in der Dunkelheit ...

Polternd gleitet ein Glied der Ankerkette nach dem anderen binnenbords der „Machew“, an deren einer Signalleine der „blaue Peter“ im Winde flattert. Kapitän und wachthabender Offizier stehen mit Kapitänleutnant von Möller, der vor einer Stunde an Bord kam, auf der Brücke, der I. O. (Erster Offizier) auf der Back, um das Einhieven der Ankerkette zu beaufsichtigen. Jetzt hebt er die rechte Hand. Der Anker ist aus dem Grund.

„Langsame Fahrt voraus!“

Am Heck quirlt das Schraubenwasser, langsam dreht „Machew“ auf die Ausfahrt und verläßt mit voller Fahrt den englischen Hafen. Die bewaldeten Hänge Hongkongs, das Tal mit dem Rennplatz und dem Kirchhofe, Fabriken, Lagerhäuser, Speicher und Kasernen gleiten vorbei. Auf der anderen Seite leuchten in der Morgensonne die braunen, unbewaldeten Berge des chinesischen Festlandes herüber. Noch ist die Gefahr nicht überwunden. Dem Hafenverkehr sind wahrscheinlich schon Beschränkungen auferlegt, nicht mehr alle nach außen führenden Wege sind frei.

Von beiden Seiten tritt das Land näher heran, die Straße verengt sich zur Ausfahrt. Weit hinten liegt der Hafen mit seinen zahlreichen Schiffen, eine dunkle Wolke der qualmenden Schornsteine brütet über dem Wasser. Dicht unter Land schiebt sich der helle Körper eines kleinen englischen Zerstörers längs, aus dessen drei niedrigen Schornsteinen dichter Rauch quillt. Mit großer Fahrt läuft er den gleichen Kurs hinter „Machew“ her. Der Feind! Sicherlich gilt das dem deutschen Schiff, von dessen Heck die schwarz-weiß-rote Flagge weht. In wenigen Minuten ist er querab. Das Herz stockt den drei Männern auf der Brücke. Jetzt ... jetzt muß drüben das Signal hochgehen: „Stoppen Sie sofort!“ ... Bange Minuten ... eine Ewigkeit. Ohne sich um den Dampfer zu bekümmern, jagt der Engländer weiter. Einige kleine Polizeiboote liegen in der Einfahrt, auch sie scheinen nur Augen für die Kriegsfahrzeuge zu haben, und unbehelligt gleitet das deutsche Schiff an ihnen vorbei.

Eine halbe Stunde später ist „Machew“ auf freier See und hält mit Ostkurs auf Manila zu. An einen Kreuzerkrieg ist hier draußen jetzt schon kaum zu denken. Der Feind vermutet sicher nicht, daß aus dem englischen Hongkong eine gute Prise im letzten Augenblicke noch auslaufen könnte.

Zum ersten Male seit zwei Jahren atmet Kapitänleutnant von Möller wieder die Luft des freien Meeres. Tiefdunkelblau dehnen sich die Fluten des Stillen Ozeans, glatt wie ein Spiegel liegt die Oberfläche. Azurn spannt sich der wolkenlose Tropenhimmel über die See. Ein Strom von Licht und blendendheißem Glanze ergießt sich über das Schiff, erfüllt die Luft. Herrlich ist es hier! Und doch! Weit, tausende von Seemeilen weit entfernt, brausen und schäumen die grünen Wasser der Nordsee, reiten die Wellen mit kurzen Brechern heran. Und stählerne Kiele furchen in großer Fahrt vielleicht gerade in diesem Augenblick hindurch, zur Begegnung mit dem Feinde. Wer dort sein könnte! In der Mitte der Kameraden, ein Großkampfschiff oder ein Torpedoboot unter den Füßen! Eintönig rattern die Maschinen, einschläfernd ... ein Blitz flammt auf, Pulverqualm, dumpfe Schläge rollen über die See ... wie schön das ist ... ein Zusammenreißen, daß der starre in der Ferne suchende Blick wieder Leben bekommt. Der Krieg wird ja nicht in vier Wochen beendet sein. Ein wenig Glück nur, und auch er trifft zur Zeit ein, um teilzunehmen an dem Tage, da die junge deutsche Flotte zum Kampfe gegen den mächtigen Gegner antritt.

Drei Tage schon fährt „Machew“ nach Osten. Schattenhaft dämmern in der Ferne dunkle Umrisse an der Kimm auf, verstärken sich, werden deutlicher: Die Philippinen. Der Kapitän hält direkt auf Land zu, um gegen Angriffe feindlicher Kreuzer möglichst geschützt zu sein. Bewaldete Hänge und ragende Berge wachsen allmählich empor. Hellgrünlich schimmern Korallenriffe, nur wenig überflutet. Leicht brandet die See über die seichten Stellen. Die Einfahrt in die Bucht von Manila öffnet sich. Die Befestigungen von Corregidor drohen herüber, im Scheine der untergehenden Sonne blitzen die Panzerkuppeln und Beobachtungsstände. Weiter südlich leuchtet aus dunklem Grün Cavite, wo die spanische Flotte von den Amerikanern unter Admiral Dewey erbarmungslos zusammengeschossen wurde. Mit Ostkurs steuert „Machew“ in die weite Bucht, in deren Hintergrund sich das weiße Häusermeer von Manila mit seinen zahlreichen Türmen breitet. Weiter links ragen die Schornsteine von Binando, dem Stadtteil der Geschäfte und Fabriken.

Von der Brücke geht die Lotsenflagge hoch. Minuten darauf schießt aus dem Gewirr der im Hafen liegenden Schiffe in großer Fahrt der Lotsendampfer heran. „Machew“ stoppt, das Seefallrepp gleitet über die Reeling, und der Hafenlotse steigt an Deck, um das Schiff auf den zugewiesenen Ankerplatz zu bringen.

„Sie haben ja noch Glück gehabt!“ wendet er sich, auf der Brücke angelangt, an den Kapitän. „Es wird sicher keine vierundzwanzig Stunden mehr dauern, und ein englischer Kreuzer liegt vor der Einfahrt. Wir wundern uns, daß man Sie überhaupt noch aus Hongkong herausgelassen hat.“

„Englischer Kreuzer? Also doch! Das war ja großer Dusel, daß „Machew“ noch im letzten Augenblick davongekommen ist.“

Unaufgefordert packt der Amerikaner all die Bären aus, die Reuter der Welt seit mehreren Tagen aufbindet. Die furchtbaren Verluste der Deutschen, den Selbstmord des Generals Emmich, die Vernichtung von sechzehn deutschen Linienschiffen und ähnlichen Blödsinn.

Der wachthabende Offizier, der hinter dem Mann steht, ein waschechter Hamburger, brummt leise, aber ingrimmig vor sich hin:

„Holt Mul, Quatschkopp, so wat glöwt uck bloß en Amerikaner!“ Ernster aber faßt Kapitänleutnant von Möller die Lage auf. Der erste Vorgeschmack von dem, womit Reuter sicherlich während der ganzen Dauer des Krieges die Welt vergiften und gegen die Mittelmächte aufhetzen wird. Leider stehen ihm ja alle Kabel zur Verfügung.

Der Ankerplatz ist erreicht. Rasselnd gleitet der Steuerbordanker in den Grund. Die Maschinen gehen rückwärts, dann stoppen sie. „Machew“ ist nicht der einzige deutsche Dampfer, der hier liegt. In nächster Nähe flattert von verschiedenen Schiffen, bei denen ein Anlaufen von Manila sicherlich nicht im Fahrplan gestanden hatte, die deutsche Flagge im Abendwind. Auch ihnen ist es noch gelungen, sich rechtzeitig vor feindlichen Kreuzern in Sicherheit zu bringen. Kapitänleutnant von Möller benutzt die erste Gelegenheit, um an Land zum Konsul zu gehen. Was er erfährt, ist für ihn nicht allzu tröstlich. England, Frankreich, Rußland und Serbien stehen gegen Deutschland und Österreich. Feinde ringsum, wie durchkommen? Nach Hause aber muß er. Der Konsul kann ihm nicht viel Tröstliches sagen. Das Kreuzergeschwader des Admirals Grafen von Spee liegt bei Ponape. Der Weg dahin ist zwar nicht sehr weit, hat aber dafür den Fehler, daß von Manila keine einzige Verbindung dahin geht und man eher nach Europa kommen kann als nach den Karolinen.

In Tsingtau liegt die „Emden“, wahrscheinlich aber nicht lange mehr. Bald wird auch sie versuchen, zum Kreuzergeschwader zu stoßen, um nicht bei der Belagerung von Tsingtau eingeschlossen zu werden. Damit ist es also nichts. Es bleiben die Wege nach Europa: der von Manila über Japan und Honolulu nach St. Francisco oder der über Holländisch-Indien.

Einige Tage vergehen. Nur zu bald bestätigt sich in Kapitänleutnant von Möller die Überzeugung, daß er in Manila nicht lange verweilen darf. Bald ist er durch seine Länge eine stadtbekannte Erscheinung, und die englischen Spione brauchen nicht allzu lange, um herauszufinden, wer er eigentlich ist. Auf Schritt und Tritt folgen und überwachen sie ihn. Wenige Wochen nur, und ein Entweichen ist dann ganz ausgeschlossen. Seine Lage wird durch den Hinzutritt Japans in die Reihe der Gegner noch erschwert. Die gelbe Rasse, die hier zahlreich vertreten ist, betrachtet Manila längst als ihnen zustehende Kolonie und vermehrt noch die Zahl der Aufpasser.

Untätig vergehen die Tage. Endlich bietet sich doch Gelegenheit zum Fortkommen. Ein deutscher Dampfer will die gefährliche Fahrt über See nach Holländisch-Indien wagen. Doppelt gefährlich, da sich bereits mehrfach englische und japanische Kreuzer vor dem Hafen gezeigt haben. In aller Heimlichkeit macht er seeklar.

Noch liegt die Nacht über der weiten Bucht, als das Schiff der Ausfahrt zustrebt und in See geht. Keiner der eingeborenen Dienerschaft seines Gastgebers hat das Fehlen von Möllers bemerkt. Mit ruhigem Gewissen versichern sie den Spähern, die sich am frühen Morgen bereits in harmlosen Masken einfinden, daß der „lange Deutsche“ noch schliefe. Als ihnen der Schlaf aber heute merkwürdig lange zu dauern scheint, ist es zu spät. Kapitänleutnant von Möller schwimmt bereits auf der Höhe von Palawan seinem neuen Ziele zu.