Weddigen

Im kleinen Erfrischungsraum des Chinesen Eu-mo-lim sitzen an einem der runden Tische bei einem Glase „Fatbeer“ die beiden deutschen Schiffsoffiziere Deike und Schwarting einander gegenüber. Die Unterhaltung wird so leise geführt, daß kein Wort nach der Ecke dringt, in der einige Holländer ziemlich geräuschvoll Zucker- und Kaffeepreise erörtern. Trotzdem scheint der Gegenstand ihrer Unterredung so interessant, daß sie darüber ihr Bier vergessen, das in den Gläsern schal wird. Eine baumlange Gestalt erscheint in der Tür. Kapitänleutnant von Möller. Mit wenigen Schritten ist er am Tisch der beiden angelangt und nimmt neben ihnen Platz. Eine halbe Stunde etwa verstreicht in gleichgültigen Gesprächen, als die Holländer sich geräuschvoll erheben und den drei Deutschen das Lokal überlassen. Der bezopfte chinesische Boy kommt heran, räumt die Tische ab und verschwindet wieder. Sie sind allein.

„Haben Sie sich überlegt, worüber wir gestern sprachen?“ beginnt von Möller. „Haben Sie einen Plan, der Aussicht auf Verwirklichung hat?“

„Jawohl, Herr Kapitänleutnant,“ erwidert der Vizesteuermann d. R. Deike. „Pläne haben wir genug geschmiedet. Alles kommt aber darauf hinaus, daß wir als Besatzung von fremden Schiffen oder als blinde Passagiere von hier nicht wegkommen können, uns kann nur ein eigener Untersatz nützen.“

„Eigener Untersatz? Wie wäre es,“ meint der Kapitänleutnant, „wenn wir es mit der „Machew“ versuchten? Besatzung würden wir hier doch mit leichter Mühe zusammenbekommen. Der einzige Weg, wohin wir kommen könnten, ist Arabien. „Choi-sing“ hat ihn uns ja gezeigt, und da haben wir wenigstens einigermaßen Gewißheit, die Heimat zu erreichen. Wenn wir den ganzen Dampfer voll Kohlen und Vorräte packen, muß es doch eine Kleinigkeit sein, bis zur arabischen Küste oder ins Rote Meer in einer Tour durchzufahren. Andere Wege kommen für uns überhaupt nicht in Betracht, da sie viel zu weit sind. Kein Neutraler gibt uns Kohlen, und mit Gewalt nehmen, ist ausgeschlossen.“

„Tja, Herr Kapitänleutnant,“ meldete sich nun der Oldenburger Schwarting, Bootsmannsmaat d. R., zum Worte. „Leute kriegen wir ja woll genuch! Viel mehr, als wir nötig haben, und wir könnten mit ihnen auch den Deuwel aus der Hölle holen, aber wir kommen mit dem Dampfer nie aus dem Hafen raus!“

Einen Augenblick der Überlegung, dann stimmt ihm von Möller zu. „Vorräte wären schon genug da, wenn wir alles zusammenpackten. Dazu müßten aber die Schiffe beieinander längsseit gehen, die ganzen Vorbereitungen wären viel zu umständlich, und glauben Sie mir, die Engländer hätten Wind davon, sowie nur eines der Fahrzeuge Dampf aufmacht. Bei ihrer wohlwollenden Neutralität würden die Mynheers es wahrscheinlich überhaupt nicht zulassen, außerdem wimmelt es hier von englischen und japanischen Spionen. Binnen vierundzwanzig Stunden hätten wir einen Kreuzer auf dem Halse. Ist denn kein einigermaßen anständiges Segelschiff im Hafen? Das wäre bedeutend einfacher, da brauchten wir nur Proviant und Wasser.“

„Und vor allem auch nicht so viel Leute“, fällt Deike ein.

„Es liegen wohl schon ein paar Segler da, Herr Kapitänleutnant,“ erklärt Schwarting nach einigem Nachdenken, „das sind aber alles so olle verrottete Kähne, daß sie bei einem Kuhsturm glatt in die Binsen gehen.“

Kapitänleutnant von Möller hat sich inzwischen schon entschieden.

„Wenn wir uns so ein Schiff verschaffen können, dann wollen wir es auf jeden Fall versuchen. Hauptsache ist ja, daß die Segel halten. Freilich, wie bekommen wir es? Das beste wird wohl sein, ich wende mich sofort an unsere Deutschen hier, die werden schon Rat wissen.“ —

Auf der Reede von Surabaja liegt ein kleiner Zweimastschoner von kaum vierzig Tonnen. Die weiße Außenbordsfarbe muß an einigen Stellen schon über die nicht mehr ganz einwandsfreie Schiffshaut hinwegtäuschen. Die „Ayesha“ der „Emden“-Leute ist ihm gegenüber das, was ein Großkampfschiff einem Kleinen Kreuzer bedeutet. Die Räume an Bord bieten so viel Platz, wie etwa ein Finkenwärder Fischer-Ewer. Leise gurgelt die Strömung zwischen Java und Maduro an ihm längs. Die Segel sind unter Deck verstaut, kein Mensch ist an Bord zu sehen.

Aus der Mündung des Kallimas kommt eine kleine Dampfpinasse zum Vorschein und hält auf den Schoner zu. Längsseit macht sie fest, drei Europäer erheben sich aus den am Vordeck stehenden Korbstühlen und steigen an Deck. Aufmerksam wird das Oberdeck gemustert, Stagen und Taue und ihre Befestigungen geprüft, die Rudereinrichtung ausprobiert. Dann geht’s in den Raum hinunter, von wo ein Segel hinaufgemannt und an Deck ausgebreitet wird.

„Na, viel Staat ist mit dem Ding nicht mehr zu machen, das fliegt sicher bei der ersten Bö aus den Lieken“, meint kopfschüttelnd Kapitänleutnant von Möller.

„Mit dem Tauwerk ist auch nicht mehr viel los, Herr Kapitänleutnant. Die Segel müssen auf jeden Fall erneuert werden,“ gibt Schwarting sein sachkundiges Urteil zum besten. „Aber da wird auf den Dampfern schon Rat sein. Es sind genug neue Sonnensegel vorhanden, mehr, als wir brauchen. Wenn die Stagen und Wanten ordentlich überholt und nachgesetzt werden, kriegen wir den Pott schon hin.“

Jetzt mischt sich auch Deike in das Gespräch. „Herr Kapitänleutnant, ein Boot von der „Offenbach“ kommt herüber.“

„Nanu, was will denn der hier?“

„Das ist sicher der Mau“, erteilt Schwarting bereitwilligst Auskunft. „Der ist Offizier auf der „Offenbach“ und möchte auch mit.“ Fünf Minuten später ist das Boot längsseit, und zwei kräftige deutsche Gestalten klettern an Deck. Mau und sein Freund Gründler, auch ein Schiffsoffizier auf einem der deutschen Dampfer, Matrose des Landsturms.

„Na, allmählich bringe ich ja meine ganze Besatzung zusammen“, meint schmunzelnd Kapitänleutnant von Möller. „Hoffentlich kommt es nun nicht zu weit herum, daß wir wegwollen.“ Wie einstimmig erfolgt von allen die Versicherung, daß keiner von ihnen daran denke, ein überflüssiges Wort zu sprechen.

Großer Kriegsrat an Deck. Die Instandsetzung des Schiffes, dessen kostenlose Überlassung von den guten Freunden in Surabaja veranlaßt ist, besonders aber die Ausrüstung mit Proviant, Wasser, Karten, nautischen Instrumenten und sonstigem Bedarf für die weite Reise — über fünftausend Seemeilen ist die Strecke lang — werden erörtert. Die Dampferstraßen müssen vermieden werden. Durch die Malakkastraße darf die Fahrt also nicht gehen; auch muß mit den dort herrschenden Flauten und Windstillen gerechnet werden. Es heißt also, möglichst bald in den Indischen Ozean hinein und vielleicht unter Ansteuerung von Diego Garcia nach der arabischen Küste zuzuhalten. Unauffällig wird der Schoner wieder verlassen, damit nicht die Aufmerksamkeit der Hafenbehörden und des holländischen Kanonenbootes, das in der Nähe liegt, erregt werden.

Die Überlegungen, die an Bord begonnen waren, wurden die nächsten Tage an Land weiter fortgesetzt. Alles muß genau berechnet werden, in tagelangen Beratungen wird auch die kleinste Einzelheit festgelegt. Bei einigermaßen günstigen Wind- und Wetterverhältnissen kann die Strecke in zwei bis zweieinhalb Monaten zurückgelegt werden. Allerdings muß bei dem kleinen Segelfahrzeug ebenso leicht mit sechs bis acht Monaten Fahrtdauer gerechnet werden. Segelhandbücher und Karten werden studiert, keiner von den Beteiligten, zu denen inzwischen noch der Leutnant a. D. von Arnim getreten ist, ist je in diesen Gegenden auf einem Segler gefahren. Sie alle kennen nur die Dampferstraße Aden-Colombo-Singapore, die eben vermieden werden muß und nur unmittelbar vor Ansteuern der arabischen Küste vorsichtig gekreuzt werden darf. Es wird genau festgestellt, was von den einzelnen Dampfern und was von Land an Bord geschafft werden soll. Lange Vorbereitungen sind nötig, besonders der großen Heimlichkeit wegen, mit der alles zu geschehen hat, müssen die Dampfer doch jederzeit darauf gefaßt sein, daß die holländischen Behörden zu ihnen an Bord kommen. Sei es, daß sie Wind von der beabsichtigten Flucht bekommen oder der Gegner wieder einmal, wie so oft schon, das Gerücht in die Welt setzt, daß die deutschen Schiffe auslaufen wollten. Neue Segel werden angefertigt, unauffällig Stagen und Tauwerk neu versehen. Von Tag zu Tag schreitet so das Seeklarwerden des Schoners fort. Ebenso eifrig sind zahlreiche Hände für die Ausrüstung des Schiffes an der Arbeit. Kisten werden gepackt und gezeichnet, alles muß so eingerichtet werden, daß der Proviant ohne große Mühe und längeres Umstauen unschwer erreichbar ist. In den Nächten kommen, sobald das Leben im Hafen verstummt, Boote von Land und von den Schiffen mit Kisten und Säcken beladen längsseit. Ein Stück nach dem anderen wandert durch das Luk in den Raum. Hartbrot, Büchsenfleisch, Reis, Mehl, Gemüse, dann wieder Tauwerk, Reservesegel, Holz für etwaige notwendige Reparaturen, Werg zum Dichten und ähnliches.

Allmählich füllt sich so das Innere. Als letztes kommt Frischwasser in Fässern, Kombüsengeschirr, Seekarten, nautische Instrumente und die Einrichtung für den Unterkunftsraum, die von fürsorglichen Landsleuten gestiftet ist. Wissen die Eingeweihten doch ganz genau, welch ungeheures Wagnis die fünf unternehmen wollen, wie oft ihr Leben nur an einem dünnen Faden hängen wird, umdroht von Sturm und Wetter, umlauert von Feinden, auf einer Nußschale im Ozean. Was in ihren Kräften steht, tun sie gern und freudig.

So wird das Schiff seeklar. Die Besatzung besteht aus Kapitänleutnant von Möller als Kommandant, dem Leutnant a. D. von Arnim aus Coblenz, dem Vizesteuermann d. R. Deike aus Bremervörde, Bootsmannsmaat d. R. Schwarting aus Elsfleth und den Matrosen des Landsturms Gründler aus Berlin und Mau aus Steinberg-Holz. Alles Leute besserer Lebensgewohnheiten, in Stellungen, die keinerlei Arbeiten von ihnen forderten, wie sie ihnen in den nächsten Monaten bevorstehen. Das große Ziel, das Vaterland zu erreichen und am Kriege noch teilnehmen zu dürfen, findet sie zu jeder, auch der geringsten Arbeit bereit. So ist eine Rollenverteilung nicht nötig. Jeder will Hand anlegen, wie es die Stunde bringt. Eine glänzende Lösung findet zum Schluß noch die Kombüsenfrage. Der türkische Untertan Said Achmad, den die gleiche Begeisterung nach Hause treibt wie die Deutschen, erklärt sich mit Freuden bereit, das Reich der Kombüse zu übernehmen. So ist die Besatzung also vollzählig und reicht zur Bedienung des Schiffes, das dann feierlich auf den Namen „Weddigen“ getauft wird, aus. Der Name soll ein Vorbild sein, ein Leitstern für das kühne Unternehmen, das deutsche Männer hier planen.

Dunkle Nacht liegt über der Reede. Ein schweres Gewitter zieht vom Westen herauf. Unaufhörlich zucken die Blitze nach allen Richtungen, krachend rollt der Donner. Prasselnd strömt der Tropenregen herunter und verhindert auch auf kurze Entfernung die Sicht.

Leise, unhörbar wird der Anker eingeholt. Tauwerk gleitet durch gutgeschmierte Blöcke, weiße Leinwand schwebt von Deck hoch, wird vom Winde gefaßt, strafft sich.

Unmerklich taucht unter dem Druck der Bug ein, langsam zunächst, dann schneller gleitet „Weddigen“ mit Ostkurs auf die Ausfahrt zu, vorbei an den Dampfern und den holländischen Wachtschiffen, am Leuchtfeuer von Maduro in die See hinaus.