Wieder interniert

Helle Strahlen schießen im Osten aus der See zum Zenith empor. Stärker werden sie, leuchtender, bis plötzlich, wie mit einem Schlage der obere Rand der Sonne aus dem Wasser auftaucht. Wie flüssiges Gold zieht sich eine Bahn über die Oberfläche zur „Weddigen“, die in die flammende Lohe hineinzuhalten scheint. Der neue Tag ist da.

Gegen Mitternacht hatte der Regen nachgelassen, die Wolken hatten sich mehr und mehr verzogen, bis schließlich die ganze Pracht des tropischen Sternenhimmels sich über der dunklen See wölbte. Kein Auge hatte sich seit Verlassen der Reede von Surabaja geschlossen. Jeden Augenblick konnte ein holländisches Schiff auftauchen und sie in der letzten Minute noch zurückholen. Mit Anbruch des Tages wächst die Gefahr, falls ihr Entweichen bereits bemerkt wurde. Hatte die Nacht mit ihrem Dunkel dem kleinen Fahrzeug noch einigermaßen Schutz gewährt, so muß die Helligkeit den Verfolger nur zu leicht auf die Spur bringen, da die neuen weißen Segel weithin leuchten. Nichts aber ist zu sehen. In der Ferne nur taucht in der Madurostraße ein Dampfer mit Kurs auf Surabaja auf. Es ist kaum anzunehmen, daß die Flucht bereits bemerkt ist; wird doch niemand es für möglich halten, daß von Möller es wagt, auf einem so kleinen Fahrzeug eine große Seereise zu unternehmen. Und lang muß die Fahrt sein, soll die Flucht überhaupt einen Zweck haben. Ringsherum liegt holländisches Gebiet, weiterhin kommt englischer Besitz. Im ärgsten Falle könnte den Holländern nur der Gedanke kommen, daß die Deutschen versuchen werden, durch die Makkassarstraße die Philippinen zu erreichen. Dort mögen sie nur nach Herzenslust suchen. Gefährlicher wäre die Fahrt geworden, wenn das Schiff nicht ordnungsmäßig in ihren Besitz übergegangen wäre. Da hätte der Eigentümer wohl sofort die holländischen Behörden in Bewegung gesetzt; das aber ist, dank der Fürsorge der Deutschen in Surabaja, nicht zu befürchten.

Der Dienst ist leicht geregelt. Ein einziger Mann am Ruder genügt bei normalem Wind und Wetter zur Führung des Schiffes. Die Besatzung wird in zwei Wachen eingeteilt, um die nötigen Segelmanöver bei Kursänderung auszuführen. Alles ordnet sich gern und willig den Anordnungen des Kommandanten unter, der ganze Betrieb wird dadurch noch erleichtert, daß von den sieben Mann der Besatzung fünf alte befahrene Seeleute sind, deren große Sachkenntnis die Sicherheit des Schiffes gewährleistet.

An Backbord kommen im Laufe des Vormittags Maduro und die vorgelagerten Inselchen allmählich aus Sicht, während an Steuerbordseite auch weiter noch die hohen Berge Javas vorübergleiten. Weit über sie hinweg ragt der Gipfel des Bromo, von dessen Spitze leise Rauchwolken in die klare Luft wirbeln. Nach wenigen Stunden endlich tritt auch an Steuerbord das Land zurück, und weit entfernt im Süden steigt in dunklen Umrissen die Insel Bali aus der See.

Das erste Mittagessen an Bord. An Oberdeck wird „serviert“. Schon längere Zeit vorher haben die aus der Küche strömenden Wohlgerüche verraten, daß dieser Zweig des Unternehmens in guten Händen liegt. Die Speisen sind noch ganz landmäßig, der mitgegebene Frischproviant muß vor allem vertilgt werden. Er hält sich auch einigermaßen in der von fürsorglicher Hand mitgegebenen Eiskiste. Es gibt Suppe, Braten und Obst. Zwanglos sitzt alles beieinander, wie es auf einer Segeljacht, die zum Vergnügen in der Ostsee kreuzt, nicht idyllischer sein könnte. Im Vollgefühl der wiedergewonnenen Freiheit werden die Erlebnisse der letzten Tage durchgesprochen. So mancher Kamerad hätte Jahre seines Lebens gegeben, wenn er mitgedurft hätte. Mit leichter Mühe wäre das Schiff voll Leute gepackt worden, der Kreis der Eingeweihten durfte aber nicht allzuweit gezogen werden, sollte das Unternehmen nicht scheitern.

Selbstverständlich gilt die Autorität des Kommandanten als unantastbar. Kriegsartikel werden nicht verlesen, die Besatzung braucht auch nicht achteraus gepfiffen zu werden, um dort zu hören, daß das Schiff „alleinfahrend“ sei und damit die Strafgesetze besonders scharf gehandhabt würden. Das ganze Leben spielt sich auf so engem Raume ab, einer ist so sehr auf den anderen angewiesen, daß der Verkehr von selbst viel leichter und zwangloser ist, als es sonst das militärische Unterordnungsverhältnis zulassen würde. Sie alle treibt nur das eine Verlangen, nach Hause zu kommen und an der Verteidigung des Vaterlandes teilhaben zu dürfen.

Nach dem Mittagessen wird nach durchwachter Nacht ein ausgiebiger Schlaf gehalten. Die Wache hat Gründler, alle anderen lagern sich an Deck, und bald verraten ihre tiefen Atemzüge, wie groß die Anstrengungen des letzten Tages waren und wie tief die Erschöpfung ist. So vergeht der Tag, die Nacht kommt herauf, und wieder rötet sich im Osten der Himmel zum neuen Tage. Leicht nach Steuerbord überlegend, pflügt „Weddigen“ durch die tiefblaue See. Alle Segel stehen und sind prall gefüllt, so daß das Schiff mit einer Fahrt von fünf Seemeilen läuft. Am späten Nachmittag wird dicht unter Land gehalten. Durch die Lombokstraße soll es zwischen den Inseln Bali und Lombok in den Indischen Ozean gehen.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit türmen sich tiefschwarze Wolken von allen Seiten auf, fahler Schein erhellt für Sekunden die Nacht, leiser Donner rollt dumpf in der Ferne. Das Feuer von Ambut kommt an Steuerbord in Sicht. Der Kurs geht auf Südost, dann auf Süd in die Lombokstraße. Der Wind schläft mehr und mehr ein, bis er schließlich durch die Berge der Insel Bali gänzlich abgefangen wird. Fast ohne Fahrt treibt „Weddigen“ auf der spiegelglatten See. Tagelang kann es dauern, bis die Straße durchfahren ist. Selbst unter Lombok herrscht völlige Windstille. Im Scheine des wieder wolkenlosen Himmels, auf dem in tropischer Helligkeit die Sterne funkeln, heben sich die Höhen ab. Dunkler Wald dehnt sich überall, nirgends ein Lichtschein, das geringste Zeichen, daß Lebewesen dort hausen. Das Schiff rührt sich kaum von der Stelle, die Nacht vergeht, und wieder bricht ein Tag an. Drüben ziehen sich Palmen und Mangroven, unberührter Urwald drängt bis ins Wasser herunter. Nirgends ist eine Siedelung zu sehen.

Hinter einer kleinen vorgelagerten Insel springt das Land in See vor, eine Bucht öffnet sich. Dichtes Mangrovengebüsch, deren braune Stämme jetzt bei der Ebbe aus dem Watt hinausragen, zieht sich binnenlands in die Ebene. Vorgelagerte Schlammbänke, auf denen Reiher und Stelzvögel den Grund nach Beute absuchen, deuten darauf hin, daß hier ein Fluß mündet. Eine leichte, von Land her setzende Strömung bestätigt nach einer Stunde die Mutmaßung. Hier gibt’s Süßwasser. Zwar ist allerlei Vorrat an Bord, jede Gelegenheit zur Ergänzung aber muß wahrgenommen werden. Versäumt wird wegen der herrschenden Flaute sowieso nur sehr wenig. Unter vorsichtigem Peilen der Wassertiefe steuert „Weddigen“ in den Flußlauf hinein. Vorläufig ist das Wasser noch brackig, die Rinne ist aber so tief, daß das Schiff noch einige hundert Meter flußaufwärts fahren kann. Zu beiden Seiten ragt der tropische Wald. Eine leichte Biegung, „Weddigen“ rundet den Vorsprung, das Bett verbreitert sich zu einem kleinen See. Gerade voraus, unter dem Schutze einer Palmenpflanzung liegt eine Niederlassung. Niedere, langgestreckte Gebäude, etwas höher im Hintergrunde ein Bungalo. An einem Landungssteg ist ein kleiner Dampfer festgemacht, von dessen Heck die holländischen Farben blau weiß rot leuchten. Ein unbemerktes Wenden ist nicht mehr möglich. Schon seit längerem muß „Weddigen“ bemerkt worden sein. Ein Ruderboot stößt von drüben ab und kommt längsseit. Ein holländischer Beamter klettert an Deck, und nun erfüllt sich nur zu schnell das Verhängnis. Die Besatzung von sechs Weißen, von denen kein einziger einwandfreies Holländisch spricht, das Schiff ohne Ausklarungspapiere sind Umstände, die dem Residenten genügend Anlaß bieten, „Weddigen“ festzuhalten. Der Fall scheint ihm äußerst verdächtig, denn die schnell erfundene Erzählung von einer Vergnügungsfahrt glaubt er nicht. Dazu sind viel zu viel Vorräte an Bord, auch ist das Fehlen jeglicher eingeborenen Mannschaft in diesen Gegenden sehr merkwürdig.

So muß „Weddigen“ also in der Nähe des Dampfers ankern. Dem Kommandanten wird eröffnet, daß er hierzubleiben und weitere Befehle abzuwarten hat. Die Stimmung an Bord ist nicht gerade rosig. Dazu also die vielen Vorbereitungen und Aufregungen der Flucht, um jetzt, so dicht vor dem freien Ozean so kläglich zu scheitern?

Die Holländer sind zwar äußerst liebenswürdig und zuvorkommend, sobald aber von Möller bittet, auslaufen zu dürfen, stößt er auf starrköpfiges „Nein“, auf ständiges Mißtrauen. Der Resident will an die Regierung in Batavia berichten, da er an ein Auslaufen der „Weddigen“ aus Surabaja mit Erlaubnis der dortigen Hafenbehörden nicht glauben kann. Bis dahin hält er das Schiff fest. Ende der nächsten Woche wird der fahrplanmäßige Küstendampfer erwartet, der nach Abklappern der verschiedenen kleinen Küstenplätze in Pasuruan anlegt. Bis dann Antwort von Batavia zurück ist, vergeht mindestens ein Monat.

In qualvoller Langeweile verfließt die Zeit. Ein gewaltsames Auslaufen zu erzwingen, ist nicht ratsam, da an Land holländisches Militär ist und unter Umständen alles aufs Spiel gesetzt wird. Es heißt also abwarten und auf eine günstige Gelegenheit zur Flucht hoffen. Nach einigen Tagen erscheint der Küstendampfer und nimmt den gewichtigen Brief mit. Wie die Antwort lauten wird, darüber sind sich die Leute des „Weddigen“ auch nicht eine Sekunde im Zweifel: Alles ist verloren. Es heißt also, unbedingt vorher ausrücken und bis dahin tun, als ob man das reinste Gewissen von der Welt hätte. Eine Woche nach der anderen verstreicht, ohne daß sich die kleinste Gelegenheit bietet. Sorgfältig werden die Lebensgewohnheiten der Holländer an Land und auf dem Dampfer beobachtet, ebenso das Fahrwasser und die Strömung studiert. Bei Tag ist ein Entkommen natürlich ausgeschlossen, der Posten an Land würde die Flucht sofort bemerken. Es könnte im günstigsten Falle nur Stunden dauern, bis sie vom Dampfer eingeholt wären. Während der Nacht aber muß „Weddigen“ auf Befehl des Residenten das vorgeschriebene Licht setzen, damit die Anwesenheit des Schiffes von Land aus jeden Augenblick festgestellt werden kann. Gerade hierauf aber gründet sich der Fluchtplan. Unauffällig sind von den Landgängen Bambusstangen an Bord gebracht worden, um angeblich als Angelstöcke verwendet zu werden. Die Zeit vergeht, Tage nur noch kann es dauern, bis die Antwort aus Batavia eintrifft.

Der Neumond ist da. Tiefdunkel liegt die Nacht über dem Walde und der Ansiedlung. Eine Weile noch strahlt heller Lichtschein aus den Fenstern der Wohnung des Residenten, dann erlischt auch er, und nur die Laterne vom Mast des „Weddigen“ leuchtet in die Nacht. Kein Laut, schweigend liegt der Wald. Nur ein leichtes Knacken ab und zu verrät, daß der Posten an Land seine Runde macht.

Die Bambusstangen werden hervorgeholt, aneinandergebunden und in den Grund des Flußbettes gestoßen. Vorsichtig wird die Spitze dann zur brennenden Laterne herübergezogen ... wenige Minuten später baumelt das Licht auf gleicher Höhe an der Bambusstange, die nun wieder gerade über das Wasser hinausragt. Mit unendlicher Vorsicht, völlig geräuschlos ... wird der Anker eingeholt ... langsam erfaßt die Strömung das Schiff ... es gleitet ... groß und größer wird der Zwischenraum, mehr und mehr bleibt die Laterne zurück ... Die Huck ... das Licht ist verschwunden ... an Land rührt sich nichts ... Die Ufer treten zurück, stärkerer Wellenschlag faßt „Weddigen“.

Die Segel werden gesetzt, eine kräftige Nordbrise füllt sie. Rauschend teilt der Bug das Wasser, schneller und schneller wird die Fahrt. Längst ist vom Land nichts mehr zu sehen. Von achterlichem Winde getrieben, läuft „Weddigen“ am Morgen des 11. Dezember durch den Südausgang der Lombokstraße in den Indischen Ozean. Frei!