Achtes Kapitel.
Der Jahre manches war gekommen und gegangen
Seit jenem Morgen, als mit Edlibach
Herr Kuonrad, bis ans Thor von Kunz begleitet,
— Weil es noch frühe, schien sonst Niemand wach, —
Umwoben von kaltfeuchten Nebelmassen,
Mit schwerem Kopf Schloß Küssaberg verlassen. — —
Nach hartem Winter war es endlich Frühling worden
Und wieder grünend prangten Wald und Ried.
In Wald und Fluren sangen Vogelchöre
Den „Willekumm” in nimmermüdem Lied;
Wie Gold begossen lagen Höhn’ und Auen
Im Morgenlichte, herrlich anzuschauen.
Schaffhausens Storchenpaar, seit gestern wieder heimisch
Im wohlgeschützten Nest auf der Abtei,
Verkündete mit schnarrendem Geklapper,
Daß just zu Ostern Frühling worden sei,
Der Lenz mit Festgepräng’ zur Stadt gekommen,
Wenn er auch nicht den Weg durch’s Thor genommen.
Vom Thurm zu Allerheil’gen glänzte, weithinschimmernd,
Auf seinem Knaufe schon der Wetterhahn;
Die goldnen Federn glitzerten und sprühten,
Als hätt’s auch ihm der Frühling angethan.
Tief unten aber in den „Lächen” zogen,
Schier gar im Dämmer noch, des Rheines Wogen.
Ein Weilchen bloß und dann lag auch die Vordergasse
Mitsammt der Oberstadt im Sonnenschein;
Ein breiter Strahl sah auf dem Herrenacker,
Aus Neugier wohl, in schmale Fensterreihn.
Gleich Demant blitzend rauschte in der Sonnen
Kühl sprudelnd Naß aus steingehaunen Bronnen.
Am längsten hielt das Ampelnthürmlein sich im Schatten
Des trotz’gen Unnoth auf dem Emmersberg;
Von hohen Treppengiebeln halb verborgen,
War’s anzuschauen wie ein grauer Zwerg,
Der seit Jahrhunderten am Gerberbache
Verdüstert da stand unter steilem Dache. —
Noch pflogen Burgerschaft und eingesessne „Mauchen”
Des Schlummers, wohlbeschirmt von Thurm und Thor,
Der letztern Schlüssel ruhten, wie gebräuchlich,
Dem ältsten Stadtknecht unterm offnen Ohr,
Als hell vom Münster her die Glocken klangen
Und aus den Federn nun die Schläfer zwangen.
Flink wurden überall die Läden aufgeschoben
Und konnte man gar manches Antlitz schau’n,
Das für das Fest sich Wind und Wetter prüfte.
Es schien, dem letztern wär’ heut wohl zu traun,
Denn frisch und duftig kam am Himmelsbogen
Der Ostermorgen über Land gezogen.
Zufrieden mit der Prüfung, schollen frohe Grüße
Nach links und rechts, mehr oder minder traut,
Wie grad der Nachbar sich zum Nachbarn stellte,
Der nebenan aus seinem Fenster schaut’.
Inzwischen riefen aber, um die Wette,
Die Glocken schon ein zweites Mal zur Mette.
Und nicht umsonst, bald standen Thor und Thüren offen;
In Festgewändern zogen Frau und Mann,
Gesind’ und Kinder feierlichen Schrittes
Dem Münster zu, wenn nicht sie Sankt Johann
Den Vorzug gaben, oder „Mutter Nesen,”
Wie man das Kloster hieß zu Sankt Agnesen;
Doch bald erschienen wieder einsam all’ die Straßen.
In Feiertagsstillschweigen lag die Stadt
Im heitern Morgenglanz des jungen Lenzes,
So Einzug hielt in seiner besten Wat;
Nur hoch vom Dach und Firstenwerk herunter
Die Vöglein zwitscherten und sangen munter.
Sie waren in die Stadt gekommen, trotz der strengen
Verordnung hohen Raths, daß jedes Thor
Am Sonntag Morgen fest verschlossen bleibe,
Auf daß sich „nützid” in die Stadt verlor,
Was frommer Burger Andacht konnte stören,
Eh’, Punkt um Zehn, sich ließ das Zeichen hören.
So lange mit der Glocke dieses nicht gegeben,
Durchzogen Schaarwachtsknechte mit der Wehr,
In Schwarz und Grün und blanken Beckelhuben,
Gemessnen Schritts die Gassen kreuz und quer
Und sahen drauf, daß kein profanes Walten
Im Mauerring der Stadt sich mocht’ entfalten.
In tiefer Ruhe sonnten Plätze sich und Straßen,
Wie es so frommem Wesen zugehört.
Vor ihrem „großen Gott im Münster” konnten
Die München sammt den Laien ungestört
In Andacht knie’n, wenn sie nicht lieber lauschten
Den Orgelklängen, so durchs Haus hin rauschten.
Froh bei sich selber, daß die Fastenzeit vorüber,
Hielt Alt und Jung beim Hochamt stille aus,
Bis Sang und Orgelklang verklungen waren;
Dann aber ging’s im Sturme schier nach Haus,
Um da das Fest, bei buntgefärbten Eiern
Und leckrem Mahl, nach altem Brauch, zu feiern.
Indessen, lange weilte Niemand wohl am Tische.
Vom warmen Sonnenschein hinausgelockt,
Zog frohen Sinnes durch die offnen Thore,
Was Winterlang dem Ofen nah gehockt,
Und wer’s vor Alter oder Brest nicht konnte,
Sich auf dem Bänklein vor dem Hause sonnte. —
Gleich vielen andern war an diesem Nachmittage
Auch Götz von Randenburg, Schultheiß der Stadt,
Mit noch zwei Herrn durch’s Schwabenthor gewandelt,
Die, wie er selbst, der dumpfen Stadtluft satt,
Nun gerne einen Gang in’s Freie thaten,
Um zu beschauen sich den Stand der Saaten.
Der Schultheiß, eine Kraftgestalt in blauem Mantel,
Auf welchem sich des Kaisers Gnadenbild
An schwerer goldner Kette glänzend sonnte,
Erwiederte im Gehn die Grüße mild,
So Seiner Herrlichkeit die Burger zollten,
Wenn auf dem Weg die Herrn sie überholten.
Zur Rechten ihm der Herr im schwarzen Ordenshabit,
Ein schimmernd Kreuzlein auf der breiten Brust,
Schritt Abt Johannes, Herr zu Allerheil’gen,
Sich seiner hohen Würde voll bewußt,
Grüßt’ wohl auch er mit einem leisen Nicken,
Doch vornehm stets und mit gar frommen Blicken.
Links aber ging Herr Am Staad erster Burgermeister;
Der himbeerfarbne Mantel, vorn gestickt,
Fiel tief und faltig über Brust und Schultern,
So daß man kaum den Schwertknauf noch erblickt,
Auf dem die Linke ruhte. Einst, vor Jahren,
Trug er das Banner von Schaffhausens Schaaren.
Es hatte diesem Mann Schaffhausen viel zu danken.
Nothfesten Sinnes war er stets zur Hand,
Wenn’s galt den Burgern Wunn und Waid zu mehren,
In Zwing und Bännen weit umher im Land;
Auch kam sein Rath so Vielen schon zu Statten,
Die selbst im Rathhaus Sitz und Stimme hatten.
Die beiden Herren kamen von des Abtes Tafel;
Denn weil die Sonne warm durchs Fenster schien,
Bedurft’ es wenig, um zu Drei’n, wie Christus
Nach Emmaus, vor’s Thor hinauszuziehn,
Bei linder Osterlust und Blättersprießen,
Ein Stündlein lenzlustwandelnd zu genießen.
Gemächlich schreitend gingen ruhig sie des Weges
Und kürzten im Gespräche sich die Zeit,
So ihnen, zwar just nicht sehr zu bemerken,
Vor Jahr und Tag schon in das Haar geschneit;
Der Gang, noch jugendfrisch und stolz gehalten,
Ließ Lügen strafen auf der Stirn die Falten.
Den Dreien folgten etliche Geschlechterherren,
Schaffhauser Burger, doch von edlem Blut,
Wie die von Fulach, Imthurn, Stockar, Mandach:
Von altem Adel und mit Leib und Gut
Der Väter Sitten allzeit streng ergeben,
Gehörte nur der Stadt ihr wacker Streben.
Die Junkherrn gingen an der Seite ihrer Damen,
Gekleidet nach der Mode neu’stem Schnitt.
Am Hute prangten Federn, blitzten Steine,
In schönem Farbenspiel, bei jedem Schritt;
Auch waren zierlich ihre Handgewaffen,
Die übrigens zumeist zur Schau geschaffen.
Die Damen aber trugen alle Sammt und Seide,
Und um den Hals saß, steif gedollt und weiß,
Dem Schnee gleich blendend, eine Tellerkrause,
Bezeugend ihrer Gürtelmägdlein Fleiß;
Auch sie erglänzten reich in Ketten, Spangen,
Mit denen sie zum Feste sich behangen.
In wechselndem Geplauder leicht sich unterhaltend,
Blieb dann und wann der Schönen eine stehn,
Um auszuathmen, frische Luft zu trinken
Und weit hin über Berg und Thal zu sehn,
Wo holder Frühling rings die Landschaft schmückte,
Mit seiner Pracht die Blicke froh entzückte.
Am Arm der Eltern schritten jugendschöne Fräulein,
Die, wenn das Mündchen nichts zu plaudern fand,
Der Nachbarin Gewand und Schapel prüften,
Ob nicht zu kostlich Spitzen dran und Band,
Erröthend auch und schämig sich erzeigten,
Wenn schmucke Junkherrn grüßend sich verneigten.
In schlichterem Gewande gingen ernste Burger
Zur Seite ihrer redesel’gen Frau’n,
Die glücklich waren, mit dem Ehgesponse
Am Wege sich die Gärten zu beschau’n,
Den Kindlein, welche jedes Paar umsprangen,
Zu stillen heißer Sehnsucht froh Verlangen;
Schritt haltend, wandelten der zweite Burgermeister,
Herr Trüllerey, ein Mann bewährt im Rath,
Und Peyer im Hof, so des Seckels pflegte,
Seit ihn die Stadt vor Jahren darum bat.
Die Herren waren tief in Schwarz gekleidet,
Da man im Rath die hellen Farben meidet.
In leisem Sprechen über das Gemeine Wesen
Erwogen beide ernst den Casus sie,
Wie es gekommen, daß ihr Herr und Kaiser
Die Stadt ein zweites Mal als Pfand verlieh,
Indessen sie, die mitbehaft’ten Bürgen,
Am ersten Loskauf noch genug zu würgen.
Dicht hinter ihnen folgte Ott, der Sporenmacher,
Mit Habicht, dessen Haus am Gerberbach.
Selbst Roth, den Waffenschmied, litt’s nicht zu Hause;
Er ging mit Meistern von demselben Fach
Nach Langem wieder vor das Thor spazieren,
Lockt’ ihn auch nicht der Vöglein Musiciren.
Sein Thema war es just, den andern vorzurechnen,
Wie viel die Stadt gewänn’ vom Zoll am Rhein
Im Laufe eines Jahrs, als Meister Habicht
Mit schlauem Lächeln meinte: „Wenn der mein,
Des Wappenwidders Mannheit, Horn und Klauen,
Am Rathshaus wären neu vergüld’t zu schauen!”
Ein munter Liedchen trällernd zogen Handwerksknechte
Zum Thor hinaus, heut, voller Niedertracht,
Die Meister kaum mit einem Gruß beehrend;
Sie möchten, nun der Frühling war erwacht
Und Finke und Amsel ihre Schnäblein rühren,
Am liebsten gleich das Reisebündel schnüren.
Den Schluß des Zuges bildete ein Häuflein „Mauchen,”
Zu denen sich der Burger fremd verhielt,
Sie aber dennoch in der Stadt ließ wohnen,
Weil ihre Arbeit ihm Gewinn erzielt’; —
Die Lust, mit Weib und Kind vor’s Thor zu gehen,
War schon von weitem ihnen anzusehen.
Vergnüglich, wie ein schwärmend Immenvölklein summend,
Das seinen Heimatort im Stiche ließ,
Um fröhlich in der lauen Luft zu tummeln,
Zerstreute sich die Menge, Wald und Wies’
Belebend oder gruppenweis’ im Grase
Mit frohen Kindern spielend Hund und Hase.
Es war ein schönes Bild, voll Farbenpracht und Leben,
Was hier sich darbot und dem Blick erschien;
Ein Riesenteppich floß an Höhn und Rainen
Frischsaftig Grün gleich sanften Wellen hin.
Vom Blau des Himmels hoben sich die Dolden
Der Bäume ab im Sonnenschein, wie golden.
Nun mal im Freien, ließ wohl mancher sich verlocken,
Von all der Frühlingspracht ringsum im Land;
Ging, Umschau haltend, noch ein Endchen weiter,
Bis wo der Burgstall der von Fulach stand,
Allda ihn oft die Fernsicht lange bannte,
Eh’, ungern nur, den Schritt er heimwärts wandte.
So war es Götz und seinen Freunden auch ergangen.
In’s Schau’n versunken standen die drei Herrn
Auf jenem aussichtsfrohen Punkt beisammen,
Den die Schaffhauser auch noch heute gern,
Dem Fremden als ein traulich Plätzlein preisen,
Wenn’s gilt die Lage ihrer Stadt zu weisen.
Sie standen jedoch noch nicht lange, so gewahrte
Der allzeit frische Blick des Stadtschultheiß,
Daß auf der Straße etlich Reiter nahten,
Die, dicht geschaart um einen Zelter weiß,
Sich mühten mit dem letztern Schritt zu halten
Und, wie es schien, zu dessen Schutze galten.
Den Herren nahgekommen, hielten jetzt die Reiter,
Indessen einer aus dem Sattel sprang
Und, Götz sich nähernd, diesen fröhlich grüßte,
Daß weithin es und wohl vernehmlich klang:
„Zur guten Stund’ hab’ ich Euch treffen müssen,
Vieledler Freund! — Laßt Euch denn froh begrüßen!”
Im selben Augenblicke hatte auch der Schultheiß
Den Herrn erkannt, denn er ergriff die Hand,
Die dieser dar ihm streckte und sprach freundlich:
„Seid Gottwillkommen, Herr, in Stadt und Land!”
Dacht’ häufig schon, Ihr hättet ganz vergessen,
Daß wir als Gast in Eurem Heim gesessen!”
„Erlaubet jedoch,” dabei wies er auf die Freunde,
„Daß ich die werthen Herren hier Euch nenn’! —
Herr Am Staad, unser erster Burgermeister,
Ein Ritter, wie ich wenige nur kenn’,
Der unsrer Stadt mit seinem Schwert vor Zeiten,
In manchem Strauße half den Sieg erstreiten!”
„Am goldnen Kreuze möget Ihr den Abt erkennen
Von Allerheil’gen! — Fromm, wie Keinen mehr
Die Inful schmückt, so weit am Rhein wir wandern,
Auch, gleich Herrn Am Staad, mir befreundet sehr.
Sucht etwan Trost und Heil Ihr für die Seelen,
Kann dreist ich Abt Johannes Euch empfehlen.”
Als aber jetzt den Herrn er auch den Freunden nannte,
Erwies es sich, daß der dem Namen nach
Den beiden längst bekannt war als ein Ritter
Der burgenstolzen Landschaft Hegau; sprach
Doch öfter man, auf ihrer Zünfte Stuben,
Von dessen Richtagen an Höf’ und Huben.
So vorgestellt, begrüßten sich die Herren höflich,
Indessen Götz, der seine Pflicht gethan,
Es, während jene mit einander sprachen,
Geboten fand, dem Zelterlein zu nahn,
Doch groß erstaunt that, als auf dessen Rücken
Zwei Mägdlein saßen, lieblich zum Entzücken.
„Beim großen Gott im Münster!” fuhr es unwillkürlich
Von seinen Lippen. „Seh’ doch einer her,
Welch’ feine Waare unser Freund begleitet,
Als ob ihm nicht der Zoll im Wissen wär’,
So wir Schaffhauser haben zu empfangen
Von solchen Aepflein, schön mit Purpurwangen!”
„Müßt Euch den selber nehmen!” rief erfreut der Ritter,
„Die Mägdlein schulden wohl noch ihren Gruß?”
Dann, diesen nahe tretend, bat er dringlich:
„Hei, Else! gieb dem Herrn fein einen Kuß;
Hat auch zu Hause solcher Kindlein zweie,
Die gern die Wang’ ihm küssen nach der Reihe.”
In lieblichster Verwirrung ob der Bitte, blickten
Die Kleinen zaghaft auf die Herren hin,
Indessen jene, die er Else nannte,
Von argen Zweifeln schier befangen schien,
Ob richtig wohl den Vater sie verstanden,
Und man auch küssen thät in fremden Landen.
Schon aber trat der Schultheiß, flink die Zweifel lösend,
Mit Lächeln an den Zelter hin und bat,
So freundlich dies nur möglich, selbst die Kleine,
Bis diese endlich ihm den Willen that,
Das rothe Mündlein spitzend, tief sich beugte
Und ihre Huld durch einen Kuß bezeugte.
Viel leichter noch, ließ dann das Schwesterlein sich rühren;
Als er auch dieses, wie es heiße, frug,
Gab es die Antwort: „Käth’ werd’ ich gerufen,
Weil solchen Namen einst die Mutter trug!”
Doch, ihm zum Kuß das Mündlein dar zu reichen,
Ließ keines Wegs ihr Herzlein sich erweichen.
„Sind halt noch blöde, wie dies jungen Volkes Art ist —”
Nahm nun der Ritter wiederum das Wort,
„„Und reisemüde;”” — unterbrach der Schultheiß,
„„Sie sehnen allweg sich zum Herbergsort.
Wenn es Euch recht ist, wollet uns begleiten,
Wir werden allgemach der Stadt zu schreiten!””
Mit diesem Vorschlag einverstanden, schloß sich ihnen
Der Ritter gerne an, indeß im Schritt
Die Knechte langsam mit dem Zelter folgten
Und Achtung hatten, daß des Rößleins Tritt
Auch sicher vor sich ging und nicht mocht’ gleiten,
Weil jäh bergab die Mägdlein mußten reiten.
„Herr Schultheiß!” ließ da bald ihr Vater sich vernehmen,
„Was mich Euch treffen hieß so unverhofft,
Ist nicht bloß Zufall; denn ich muß bekennen,
Ich dachte Eurer diese Zeit her oft.
Vermein’ ich doch, ’s dürft Euer Rath mir frommen,
Wenn Ihr erfahren, weshalb wir gekommen!”
„Daß mir die Fraue starb, kam Euch wohl längst zu Ohren.
Gott tröste sie und schenk’ ihr Ruh im Grab!
Die Arme ist zur selben Stund’ verschieden,
In welcher Käthen sie das Leben gab,
Und hinterließ die Sorg’ um ihre Pflege
Dem Mann, der weder Wege kannt’ noch Stege.”
„Gezwungen, einer Magd die Kindlein zu vertrauen,
Ließ Haus und Hof mir wenig Zeit für sie.
Doch, Gott sei Lob! ’s ging besser, als ich dachte;
Sie wuchsen beide auf, wie Pflänzlein, die,
Vor Frost und Wind geschützt, des Gärtners Walten
Mit jedem Tage mehr und mehr vergalten.”
„So schwanden Jahre, die ich gern gefesselt hätte,
Um zu verhindern, daß sie je mir fliehn,
Als neue Sorgen die Erkenntniß brachte,
Daß mälig mir es für die Mägdlein schien,
Ihr leiblich Wohlsein dürfe nicht genügen;
Wir müßten Zucht und Wissen dazu fügen.”
„Doch dies zu bieten, ist ein Bergschloß nicht die Stätte;
Auch viel zu rüd’ des Hauses Ingesind’,
Mit welchem wir genöthigt sind zu hausen.
Der Burgpfaff aber, leider fast gar blind,
Wird täglich grämlicher in seinem Wesen
Und hat schon Mühe, nur die Meß’ zu lesen.”
„Das Schlimmste jedoch ists: es fehlt im Haus die Fraue,
So, einer Mutter gleich, mit weicher Hand
Die Mägdlein fein in Züchten halten könnte,
Aufmerkend, daß sie, neben Spiel und Tand
Auch, wie es Frauen ziemt, erzogen werden
Und nicht die zarten Seelen sich gefährden!”
„All’ dieses, werther Freund, schuf mir schon längst Gedanken,
Die mit der Zeit sich steigerten zur Qual,
Weil täglich schwerer es dem Herzen wurde,
Zu einen sich mit des Verstandes Wahl,
Die, wenn sie auch des Vaters Liebe kränket,
Mir doch die Kindlein selbst zum Heile lenket!”
„Es blieb mir so nichts weiter, als mich zu entschließen,
Die weite Fahrt in Eure Stadt zu thun,
Verhoffend, daß uns hier geholfen werde,
Für meine Küchlein finde sich das Huhn,
Die Pflegerin, so, gegen Lohn natürlich,
Die Mägdlein mir erziehen würd’ gebührlich.”
„Und nun, da Ziel und Absicht Ihr der Reise kennet,
Herr Schultheiß, ist zu rathen Euch nicht schwer,
Weßwegen ich’s zur guten Stunde nannte,
Als wir Euch trafen so von Ungefähr.
Seid Ihr es doch, auf dessen Rath ich zähle,
Eh’ einen Horst ich für die Meinen wähle!” —
„Will überlegt sein!” nahm der Schultheiß nun die Rede,
„Wenn ich Euch helfen kann, habt Ihr mein Wort!
Für’s Erste will es mir das Beste scheinen,
Daß ich auf Kundschaft gehe, da und dort
Zu hören, wer von den Geschlechterfrauen
Gesonnen ist, sich Solches zuzutrauen.”
„Bis dies geschehen, biet’ ich gern mein Haus zur Herberg’
So werthem Gast, und hoffe Ihr nehmt’s an,
Wie wir an jenem Abend, durchgefroren
Und reisemüd’ — schon manchmal dacht’ ich dran,
Es ohne langes Zögern angenommen,
Mit Roß und Troß auf Euer Schloß zu kommen!”
„So ich nicht irre, war es Eure eigne Base,
Die damals Ihr zum Ehgespons erwählt.
Sie aber ward am Hof erzogen, während
In unsrer Stadt die Frauen bald gezählt
Sind, die, auch wenn den Mägdlein Pfleg’ sie gönnten,
Solch’ feiner Schulen sich berühmen könnten.”
Sich gleichwohl doch schon jetzt gefällig zu erweisen
Es hielt der Schultheiß nun die Schritte sein
Ein wenig an, die Freunde zu erwarten,
— Sie schritten im Gespräche hinter drein, —
Um ernstlich sich bei ihnen zu verwenden,
Daß Rath und That auch sie dem Ritter spenden.
Eh’ jedoch diese ihre Ansicht äußern konnten,
Sah’n schon am Thor sie sich und eingezwängt
Von lautgeschwätz’gem Volk, das heimwärts strebte.
Als dann die Herrn sich durch den Schwarm gedrängt,
Der Stadtknecht half mit seinem Spieße wacker,
Gelangte man auch bald zum „Herrenacker.”
Hier trennten sich Herr Am Staad und des Klosters Abbas
Vom Randenburger, nachdem sie noch fein
Versprochen hatten, Abends auf ein Stündchen
Zu ihm zu kommen, um ein Kännlein Wein
Im trauten Stüblein bei des Wachsstocks Blinken,
Zum Willekomm’ des werthen Gasts zu trinken.
Der Ritter aber und sein Reitertrüpplein folgten
Herrn Götzen, dessen steingebauen Haus,
Ein Erker zierte es, sie gleich erreichten.
Hei! zogen sich der Mägdlein Stirnen kraus,
Da von des Hausdachs Rinne grimme Drachen
Auf sie herniedersahn mit offnem Rachen.
Die Ungethüme waren jedoch schnell vergessen,
Als Götzens Häuserin, Frau Hilda Rahm,
Im großen Flur des Hauses nun den Mägdlein
Voll milder Freundlichkeit entgegen kam
Und also herzig die Erstaunten grüßte,
Als ob sie beide längst im Hause wüßte.
Da ging es nicht mehr lange, saßen Wirth und Gäste,
Bei Tische, den Frau Hilda heut’ im Saal
Zu decken gut fand, wo, ohn’ langes Zaudern,
Die Kleinen schmecken ließen sich das Mahl,
Bis vor dem Sandmann, der sich angeschlichen,
Die müden Aeuglein bald die Segel strichen. —
Der Abt und Am Staad hatten treulich Wort gehalten.
Es traten beide bei dem Schultheiß ein,
da just die Nacht begann herauf zu dämmern,
und nun im Saale blinkte Kerzenschein;
doch trafen hier sie schon auch einen dritten,
der längst als guter Hausfreund wohl gelitten.
Es war der Propst vom St. Agnesenstift, Herr Ulrich,
Der in der Dämm’rung, wie er öfter that,
Dem Schultheiß guten Abend bieten wollte,
Doch gern es annahm, als Herr Götz ihn bat,
Ein Stündlein oder zweie zu verweilen,
Den Abend mit den Freuden heut zu theilen. —
Die Herren saßen um den Erkertisch im Saale,
Beim blanken Zinnkännlein Schaffhauserwein,
Der, traf des Wachslichts Schein ihn nur ein wenig,
Hellroth erglühte, wie Rubinen fein.
Ein trinkbar Tröpflein, das der Schultheiß wählte,
Weil dabei sich’s gut lauschte und erzählte.
Das Letzt’re that denn auch der Ritter heute fleißig.
Vor Jahren viel gereist, und nun im Zug,
Verstand er es, mit Anmuth zu erzählen.
Was Wunder also, wenn die Zeit im Flug
Den wortlos Lauschenden dahin geschwunden,
Indessen ihre Freundschaft er gefunden!
Es waren drum die Herrn dem Schultheiß gern zu Willen,
Als, da der Ritter schwieg, er diese bat
Des Freundes Kindlein helfend zu gedenken.
Sie gingen alsbald mit sich selbst zu Rath
Und überlegten ernst, auf welche Frauen
In diesem Falle wohl man könnte bauen.
Doch schien die Sache schwierig, sintemalen Zweifel
Sie bald beschlichen, ob auch all’ den Frau’n,
So sich der Mägdlein anzunehmen willig,
Die Fähigkeiten völlig zuzutrau’n?
Frug sich man da auf Ehre und Gewissen,
Ließ eine dies, die andre jenes missen.
Nach langem Sinnen war’s der Propst, der endlich anhub:
„Wie mich bedünkt, so handelt sich’s nicht bloß
Um eine Pflegerin für unser Pärlein,
Das missen muß den warmen Mutterschooß;
Wir brauchen Jemand, dem die Kunst verliehen,
Die Kindlein, wie es recht ist, zu erziehen!”
Zum Abt sich wendend fuhr er fort: „Ich kenne eine;
Ist zwar ein Nünnlein nur, doch sicher hat
Vom Nesenstift die Mutter Euch, Hochwürden,
Schon deren Lob gesungen frisch vom Blatt,
Daß weit und breit sich keine Schwester finde,
Die so viel Geist mit Frömmigkeit verbinde!”
„Wenn Frauen ihresgleichen loben, muß was dran sein,
Da, wie man weiß, sie sparsam damit sind!
Nun, ich traf selbst die Schwester, Schule haltend
In Burgerhäusern, rühme drum nicht blind;
Doch nie noch sah ich so geschickt verkehren
Mit Kindern, oder hörte besser lehren.”
„Wasmaßen nun, hochwürd’ger Herr und liebe Freunde,
Des werthen Gastes Sache anbetrifft,
So meine ichs: man sollte ohne Säumen
Der Meisterin vom Sankt Agnesenstift
Den Vorschlag thun, die Mägdlein aufzunehmen,
Auf daß in Obhut jener Nunn’ sie kämen!”
Hier schwieg der Propst, erwartend, daß der Abt jetzt spreche;
Doch weil derselbe noch zu denken schien,
Nahm bald Herr Götz das Wort und meinte:
Herrn Ulrichs Rathe wäre immerhin
Zu folgen; etwas Besseres zu finden,
Würd’ er nicht trauen sich zu unterwinden.”
Sein Kännlein fassend, sagte nun auch Herr Johannes,
Zum Propst gewendet: „Euer Rath ist fein
Und steht bei Euch, daß auch zur That er werde!
Legt selber nur ein gutes Wörtlein ein
Bei unsrer Schwester und, ich möchte wetten,
Sie werden bald im Stift den Mägdlein betten.”
Stets gern gefällig, gab Herr Ulrich das Versprechen.
Er meinte nur, daß auch der Rath der Stadt
Mit seinem Placet dann nicht zögern dürfe;
Es gehe dies nicht immer rund und glatt,
Da Stift und Nunnen ja in manchen Dingen,
Vom gnäd’gen Willen ihrer Stadt abhingen.
So war es mälig spät geworden und drum machten
Die Freunde bald sich auf die Socken leis
Und schieden. Vorher freilich hatte jedoch
Herr Ulrich wiederholt dem Stadtschultheiß
Versprechen müssen, in den nächsten Tagen
Im Stift der Mägdlein wegen anzufragen. —
Die Herren waren fort. Doch Wirth und Gastfreund blieben,
Beim Weine sitzend, noch ein Stündlein wach.
Hell, überm Kohlfirst, hing am Sternenhimmel
Der Vollmond, dessen Strahlen nach und nach,
So wie sie durch die bunten Scheiben flossen,
In Farbenschein sich in den Saal ergossen.
Da war’s der Wein wohl und die nächtlich stille Stunde,
Verwoben mit des Mondlichts Zauberbann,
— Nicht wenig aber auch des Wirthes Wesen,
Derweil sein Takt Vertrauen ihm gewann, —
Was von des Gastes Herz den Riegel sprengte,
Und ihn sich rückhaltlos zu äußern drängte.
Und einmal angefangen, glich’s des Wildbachs Wellen,
Die, jach zu Thale stürzend, nichts mehr hemmt,
Vom Regen hochgeschwoll’nen Wasserfluthen,
Die nun ihr Rinnsal plötzlich überschwemmt’;
Als, mit dem Freund alleine, er erzählte,
Was ihm sein Innerstes seit lange quälte.
„Es war ein Unglück, Schultheiß,” klangen herb die Worte,
„Als ich zur Frauen mir die Base nahm.
Denn anstatt Sälde, heitern, frohen Tagen,
Ward Leid mein Theil und stündlich neuer Gram.
Selbst das, was Ihr bei uns gesehn von Frieden,
War nur ein Schein, da sich die Herzen mieden.
„Doch mußt’ es wohl so kommen! Arm von Hause, sah ich
Im Reichthum nur des Menschen höchstes Glück.
Als hernach fein dem Thoren es erblühte,
Erkannt’ ich leider erst des Schicksals Tück’,
Dem ich mit schwerem Herzeleid bezahlte,
Was voller Herrlichkeit ich einst mir malte!”
„So reich die Base war, so eisig war ihr Herze.
Der Milde bar und holder Frauen Art,
Die glücklich ist, kann andrer Glück sie schaffen,
Blieb herb ihr Wesen und wie Marmor hart.
Es gab bald Nichts, so ehrlich auch ich’s meinte,
Was nicht, voll Eigensinn, sie mir verneinte.”
„In gegenseit’gem Quälen, bis auf’s Blut oft kränkend,
— Noch heute überläuft mich drob die Scham! —
Verbitterten wir elend uns das Leben,
Bis, immer häufiger, die Flucht ich nahm,
Um drauß’ im Forst, an gar zu bösen Tagen,
Mir Rettung vor Verzweiflung zu erjagen.”
„Noch öfter aber suchte ich, besonders anfangs,
Die Fraue zu begüt’gen, ihren Stolz
Durch Nachsicht zu vermindern und mit Bitten;
Alleine, gleich dem Harnisch, wo der Bolz
Auch abprallt, es vermochte nie mein Sprechen,
Den starren Trotz und Eigensinn zu brechen!”
„So war ich ärmer denn, als je zuvor im Leben,
Und wußte, traun! wie tief den Mann es kränkt,
Wenn gutgemeinte Worte ihm die Fraue
Voll Hohn im Mund verdreht und, giftdurchtränkt,
In’s strackte Widerspiel der besten Absicht wandelt,
Weil, statt der Liebe er nur Gold erhandelt’.
„Mich nur nach Frieden sehnend, ließ die Frau ich walten,
Trug ihre Launen, wie ein duldend Schaf,
Bis endlich, müde und zum Sterben willig,
Ich nichts mehr war, als ein gehetzter Sclav’,
Der nahe dran, mit seinen eignen Händen,
So jammervolles Dasein sich zu enden!”
„Doch kam es nicht so weit. Als uns ein Kindlein wurde,
Schien meiner Hoffnung wieder neu der Tag.
Im Handumdrehn war Gram und Leid vergessen,
Als mir im Arm das zarte Wesen lag
Und mir, dem jüngst noch vor dem Dasein graute,
Mit klaren Aeuglein frisch in’s Antlitz schaute.”
„Glückselig ob dem Anblick, wähnt’ ich hoffnungsfreudig,
Es ziehe Frieden nun in unser Haus.
Ich täuschte mich; schon in den nächsten Tagen
Blies bös ein Sturmwind mir dies Lichtlein aus;
Eh’ schien mir herber noch der Fraue Wesen,
Als all’ die Zeiten vorher es gewesen!”
„Doch ich, gelobend mir, dem Mägdlein nun zu leben,
Ließ sie gewähren, fügte mich und mied,
Noch mehr denn sonst, was Zwiespalt konnte bringen,
Als früh, beim zweiten Kind, der Tod uns schied,
Und zwar so jäh, daß ich’s kaum glauben wollte,
Da schon die Erde auf den Sarg ihr rollte.”
„Wohl schien mir da, als trüge ich die Schuld alleine,
Daß unsrem Bund nicht Glück noch Stern gelacht.
Und doch, beim heil’gen Blut! ich meint’ es ehrlich;
Ließ leider nur das Sprüchlein außer Acht:
Ein’ gute Heimstatt Glück und Frieden finden,
Wo sich in Lieb’ der Menschen Herzen binden!”
„Nun aber,” schloß er, „laßt mich um Verzeihung bitten,
Weil ich es wagte treuem Freund so lang
Die Ruh’ zu rauben. Freilich weiß ich selber
Es nicht zu nennen, was mich heute zwang,
Daß ich Euch beichten mußte ohne Hehle,
Was sonst verschwiegen ruhte in der Seele.” —
Bei sich den Freund bedauernd, hatte ernst der Schultheiß
Dem Ritter zugehört, bis er zu Ende war.
Jetzt ließ es ihn jedoch nicht länger schweigen.
Er war zu Gast einst bei dem jungen Paar
Und hätte damals, meinte er, geschworen,
Daß dies den Himmel sich schon hier erkoren.
Nun freilich er das Gegentheil davon vernommen,
Auch wohl so großes Unrecht nicht drin’ fand,
Daß nur nach Reichthum einst der Junker strebte
Und wahre Neigung nicht die Herzen band —
Befliß er sich dem Freunde Trost zu spenden:
Vergessen soll man, was nicht mehr zu wenden.
Im Saale war der Mondenschein schon längst verschwunden
Und auf dem Leuchter brannt’ das Wachslicht tief,
Als Gast und Wirth sich von den Siedeln hoben —
Und Letzt’rer leise einem Knechtlein rief,
Dem dann die Weisung ward, sich flink zu rühren,
Den müden Herrn in’s Schlafgemach zu führen.
Der Schultheiß selber aber ging noch nicht zur Ruhe.
Seit Jahren schon geheimen Künsten hold,
Wollt’ eine Tinktur er noch schnell erproben,
Die ihm verwandeln sollte Blei in Gold,
Ward richtig sie gebraucht im Vollmondszeichen. —
Heut’ ließ sich hoffen, dieses zu erreichen. — —
Herr Ulrich löste andern Tages sein Versprechen.
Er ging in’s Stift, um für die Mägdlein dort
Sein Wort bei der Aebtissin einzulegen;
Der Würdigen zu sagen, daß ein Ort,
Der besser, als Agnesenkloster passe,
In ganz Schaffhausen nicht sich finden lasse.
Klug wußte im Gespräch er darauf hinzuweisen,
Welch’ ein Gewinn für’s Stift es dürfte sein,
Wenn dessen Frauen eine sich den Mägdlein
Als Lehrerin und Mutter wollte weihn;
Der Vater nenne manch Gehöft sein eigen
Und sei der Mann, sich dankbar zu bezeigen.
Weil trotzdem mit der Antwort die Aebtissin säumte,
Erwähnte er noch, schlau, daß selbst vom Rath
Der Herren etzlich gern es sehen würden,
Wenn sie entschließe sich zur guten That;
Auch schon im Voraus drüber einig wären,
Dem Stift das nöth’ge Placet zu gewähren.
Auf solches Winken aber gab’s nur eine Antwort.
Und so erklärte sie gar grämlich: sie
Sei einverstanden mit des Propstherrn Vorschlag;
Obzwar sie selber noch nicht wisse, wie
Es anzufangen und was zu geschehen,
Da sich das Stift solch’ Gästen unversehen.
Indeß auch dafür wußte jetzt Herr Ulrich Hülfe.
Es möge die Frau Mutter, sprach er schlau,
Sich vorerst mit der Kusterin bereden;
Wenn die zu pflegen sich die Mägdlein trau’,
So würden sicherlich sie nichts vermissen,
Die Schwester ziere Tugend ja und Wissen.
Ein Weiteres zum Lob der Nonne noch zu sprechen,
Kam ihm die Oberin jedoch zuvor.
Wie schon gewohnt, so rühmte sie nun Jene,
Bis fast der Stiftspropst die Geduld verlor
Und froh war, als des Klosterglöckleins Klingen,
Die Dame abberief zum Vespersingen. —
Mich aber soll es mahnen, diese Zeit zu nutzen
Und, Rückschau haltend, werther Freunde Gunst
Nicht allzusehr auf’s Spiel zu setzen. Ist’s doch
Geschehen, mögen sie verzeihn! Die Kunst,
Sich im Erzählen weise zu beschränken,
Ist nicht so leicht, als oft die Leser denken. —
* * *
Als, an dem Morgen da Herr Kuonrad fortgeritten,
Des Vogtes Tochter spät zum Vorschein kam,
Im blassen Angesichte Thränenspuren,
Die Zeugniß gaben von des Herzens Gram,
Gab’s Frida Anlaß, voller Spott zu fragen,
Ob sie sich nächtens ließ vom Schrättlein plagen.
Da Elsbeth hierauf keine Antwort hatte, sondern,
Wie es sich schickte, nach den Gästen frug,
Vermehrte dies der Alten schlechte Laune,
Gleich einem Funken, der in’s Pulver schlug,
Daß kaum die Herrin sich zu athmen traute,
Weil selten noch so bös sie jene schaute.
„Bei Eurer Mutter selig, tröst’ sie Gott, die Gute!”
Hub lärmend Frida an, „da war der Brauch,
Daß man vor Mitternacht das Pfuehl sich suchte;
Es hatte aber dann der Kaplan auch
Nicht leerem Kirchlein eine Meß’ zu lesen,
Wie heute Früh der Fall bei uns gewesen!”
„Es ging ja schier, als hausten wir in einer Schenken,
Drin’ Alt und Jung beim Weine sitzend schmort;
Hat man genug, geht’s, ohne Abschiedsnehmen,
In aller Still’ bei Nacht und Nebel fort.
Ja wäger! Wo die Frau im Hause fehlet,
Da bleiben halt die Männer ungestrählet!”
„Ein B’hüet Gott! hätte wohl dem Junker nicht geschadet,
Hi, hi! Und wenn es jetzt auch hundert Mal
Des Bischofs Nistel ist, was sie ihm freiten! —
Hi, hi! Ich mein’, es sollte seine Wahl,
Will einer nicht um andrer Schulden büßen,
Ein jeder für sich selbsten treffen müssen!” —
„Mir kam das Herrlein übrigens nicht vor wie einer,
Der unverhofftem Glücke plötzlich nah —”
Hier jedoch hielt sie tief erschrocken inne,
Denn in den blauen Augen Elsbeths sah
Sie etwas schimmern, was wie Thränen blinkte,
Der allzu Borstigen zu schweigen winkte.
Verwundert schaute Frida auf, ward aber irre,
Da, nun sie schwieg, die Herrin lächelnd frug,
Weßwegen denn der Strom so jach versiegte,
Der eben noch gar hohe Wellen schlug;
Es blieb ihr nichts, als selbst sich zu gestehen,
Daß, wie schon oft, sie wieder falsch gesehen.
Nun, noch mehr aufgebracht, ließ drum sie ihrem Zünglein
Von neuem flink den Lauf, nicht ahnend, daß,
So oft sie von Herrn Kuonrad sprach, der Herrin
Es, einem Feuer gleich, am Herzen fraß,
Die Arme mit sich rang, in heißen Kämpfen,
Getäuschter Hoffnung bitter Leid zu dämpfen.
Doch, wer sein Glück verschweigen kann und hehlen,
Dem öffnet seltner noch das Leid den Mund;
Stumm trug auch Elsbeth ihre Lieb’ zu Grabe,
Versenkte tief sie in der Seele Grund;
Es nicht zu zeigen, was sie litt im Stillen,
Gelobte sich die Maid mit festem Willen. —
Sie hatte freilich noch am gleichen Tag, beim Abschied
Von Fräulein Adelgunden manches Wort
Von Männertreu’ und Aehnlichem zu hören,
Das kränkend sich in ihre Seele bohrt’,
Doch blieb sie still und ließ das Fräulein sprechen,
Wollt auch das Herz in seinem Leide brechen.
Auch nachher quälte Elsbeth sich noch lange. Sie fand
Den Schlummer erst, wenn bald der Morgenstern
Zu bleichen anfing und der Hahnschrei mahnte,
Der neue Tag sei nicht mehr allzufern;
Vom Weinen müd’, ersehnte sie den Morgen,
Ihr Leid betäubend durch des Tagwerks Sorgen.
Und Arbeit war noch stets der beste Sorgenbrecher.
Es fiel zwar auf, daß bei der Mägde Lied
Der Herrin Stimme man nur selten hörte,
Wie auch, daß sie die allzulauten mied,
Wenn Abends beim Gesangs die Wirtel kreisten;
Zu fragen — mochte Niemand sich erdreisten.
Am Weihnachtsfeste aber, war es Elsbeth wieder,
Die, wohl zur Freude Aller, selbst den Sang
„Agnoscat omne saeculum” anstimmte,
Und glockenhelle aus der Brust es klang,
Als ob die Seele, frei von ird’schem Ringen,
Sich jubelnd auf zum Himmel wollte schwingen.
Als endlich allgemach der Winter nordwärts rückte
Und, fern aus Süd’, der Frühling näher kam,
In Hof und Haus die Arbeit täglich mehrend,
War, gleich dem Schnee, verschwunden auch der Gram;
Die heimlich blaßgehärmten, zarten Wangen
Erblühten mälig aus, wie Rosenprangen.
Und nun der Lenz gekommen, pflegte Elsbeth wieder
Von Kunz begleitet, der ihr Körblein trug,
Am Fuß des Bergs die Hütten aufzusuchen,
Drin’ sie, wie früher, nach den Armen frug,
Um mild des Körbleins Inhalt zu verwenden,
Bresthaften Hör’gen Speis und Trank zu spenden.
War sie mit diesen fertig, kam der Kinder Reihe.
Für jedes hatte sie ein freundlich Wort;
Auch fehlten nicht die Schäflein in dem Täschchen,
Denn eher ließen jene sie nicht fort,
Sie konnte stundenlang bei ihnen weilen,
Froh Scherz und Kurzweil mit den Kleinen theilen.
Am liebsten jedoch suchte sie in seinem Stüblein
Den Kaplan auf, der meist am Fenster saß,
Es heißt der Platz noch jetzt „des Herren Bänklein,”
Wo er, zur Abwechslung, mit seinem Glas
Im Thal des Reiches Straße observirte,
So schon zur Römerzeit im Gau fortführte.
Wie vormals lauschte jetzt die Leidgeprüfte willig
Dem Kaplan; faßte dessen Lehre nun:
Daß dem alleine es nur sei beschieden,
In wahrem Gottesfrieden traut zu ruhn,
Der, klüglich wählend, ird’schem Glück entsage,
Mit eitler Weltlust nicht die Sinne plage.
Gab es denn Zweifel noch an solcher Worte Wahrheit,
Seit sie an sich erfuhr, wie schmerzlich jach
Das Schicksal ihren schönsten Traum zerstörte,
Gleich jenem Glase, das in Scherben brach?
Mußt’ sich dem Herzen nicht der Wunsch enthüllen,
Was Benno lehrt, auch gläubig zu erfüllen? —
Im stillen Kloster, wie der Vater längst dies wollte,
Erhoffte Gottergebnen Sinn’s die Maid
Für sich ein Glück, das Lebenslang genügte,
Nicht endete in bitterm Herzeleid;
Dies schöne Ziel in Bälde zu erlangen,
War nun der Frommen einziges Verlangen.
Wohl lag es schwer und bang auf ihrer jungen Seele.
Von Haus und Heim zu scheiden ging ihr nah’,
Als eines Tags, vom Vater nur begleitet,
Mit jedem Schritt sie immer ferner sah,
Des Schlosses Thürme hinter sich versinken,
Die letzten Grüße noch zum Abschied winken.
Der Trennung herbstes Weh empfand die Jungfrau aber,
Als, unweit Riedern, wo der Weg abzweigt,
Zum Punkt sie kamen, da dem scharfen Blicke
Der Schloßberg sich ein letztes Mal noch zeigt;
Nach rückwärts schauend, mußte hier in Thränen
Die Scheidende sich an den Vater lehnen.
Und, selbst erschüttert von dem Leid der Tochter, hatte
Herr Heinz sie dort gewähren lassen, eh’
Sein tröstend Wort die Schluchzende ermahnte,
Sich nicht zu überlassen solchem Weh’,
Da einer Heimat auf der Spur sie wäre,
Von wo kein Abschied mehr das Herz beschwere.
Nach einer weitern Rast, am Fall des Rheins gehalten,
Ging’s dann auf müden Rossen allgemach
Schaffhausen zu, das sie auch bald erreichten.
Hei! sahn die Burger hier dem Fräulein nach
Und wollten schier dem eignen Blick nicht trauen,
Im Bann der Stadt so schöne Maid zu schauen.
Die Schöne freilich war am nächsten Tag Novize
In Sankt Agnesens frommer Frauenschaar.
Des Vaters Bruder hatte, weil er damals
Des Stiftes wohlbestellter Propstherr war,
Schon vorher dafür Sorge tragen müssen,
Daß Oberin und Schwestern gern sie grüßen.
Ein letztes Stücklein Reben, das um Elsbeths willen
Der Vogt seit Jahren unverpfändet ließ,
Es ward ihr Seelgerett’, dem Stift zu eigen
Auf ew’ge Zeiten, wie’s im Briefe hieß;
Doch sollte dieses, nach kaum hundert Jahren,
Was Menschen ewig nennen, bös erfahren. —
Zufrieden sah sich Elsbeth so am Ziel des Wunsches,
Den ihre Seele sehnlich noch gehegt,
Seit holdern Wunsch ihr jählings ward vernichtet,
Der Blume gleich, von Reif und Schnee belegt;
Wenn anfangs etwas ihr am Herzen nagte,
War es das Heimweh, was sie leise plagte.
Nach etlich Wochen aber war auch dies bezwungen:
Sie widmete als Nonne nun ihr Thun
Und Denken freudig den gebotnen Pflichten;
Der Schwestern Jüngste ließ es sie nicht ruhn,
Gebet und Arbeit stets vereint zu pflegen,
Im frommen Haushalt tüchtig sich zu regen.
Ihr unmerklich war Jahr auf Jahr dahingeschwunden,
Indeß sie selber täglich im Vertrau’n
Der Ob’rin zugenommen, so daß diese
Der Schwester, als der Klügsten von den Frau’n
Im Stifte, das Amt der Kust’rin übertragen,
Mit der sie Rathes pflog in heiklen Fragen. —
Als ob dem Menschen nicht die ganze Welt zu eigen,
Baut jeder sich noch eine eigne drin’,
Gestaltend sie nach seinem besten Können,
Entfremdend ganz, was außer ihr, dem Sinn.
Er fühlt sich wohl nur im gewohnten G’leise
Der selbst gezognen, oft gar engen Kreise.
So ging es auch der Nonne. Uralt dumpf Gemäuer,
In welches selten mal die Sonne schien,
War ihre Welt in der sie, emsig waltend,
Längst nicht mehr achtete der Jahre Fliehn.
Sie lebte im Bewußtsein: Glück und Frieden
Sei reich vom Himmel ihr schon hier beschieden.
Und doch — ein wunschlos Glück war’s nicht, was ihr erblühte.
Wer dürft’ auch rühmen, daß ihm dies gelacht
Nur eines Tages kurz gemess’ne Stunde?
Wem bliebe nicht, vom Glücke selbst entfacht,
Ein letzter Wunsch stets, der das wieder raubte,
Was glücklich schon man zu besitzen glaubte? —
Es wohnte in der Schwester Brust ein heimlich Etwas,
Das zu bezwingen sie hielt nicht für Pflicht,
Das aber immer, wenn der Burger Kindlein
Zum Hochamt kamen, mit den Aeuglein licht
Durch’s Gitter luegten, wo die Nonnen sangen,
Von neuem nahm der Kust’rin Sinn gefangen.
Der Kindlein Anblick rief zu jeder Zeit der Guten
Die Sehnsucht wach: doch wiederum ein Mal
Mit ihnen plaudern und sie kosen dürfen,
Zu spiegeln sich in heller Aeuglein Strahl;
Wenn auch für Stunden nur, sich zu gewinnen
Der kleinen Herzen unverfälschtes Minnen.
Sie fand kein Unrecht darin, diesen Wunsch zu hegen,
Ihm zu gestatten, daß er Keime trieb
Und stetig wuchs; ein letztes Glückverlangen,
Das heimlich noch der keuschen Seele blieb,
Sie hold umwob im angebornen Sehnen,
An Kindesherz das eigene zu lehnen.
Dem Wunsche selber fehlte freilich jede Hoffnung,
Daß mehr er werde, als ein schöner Traum.
Es schied des Chores Gitter gar zu neidisch
Die Lieblinge und sie bemerktens kaum,
Wenn Elsbeth ihnen leise einmal nickte,
Durch’s enge Gitterwerk ein Grüßlein schickte. — —
Es war am dritten Osterfeiertag, als Elsbeth,
Wie dies die Pflicht der Kusterin gebot,
Schon früh am Morgen bei der Ob’rin eintrat
Und diese ihr alsbald von ihrer Noth
Erzählte, daß für Kindlein, reich von Hause,
Man Obdach bat in Sankt Agnesens Clause.
Der Stiftspropst habe gestern sie gar warm empfohlen
Und, wenn dies nun der Schwestern Wille sei,
Bei sich im Haus solch’ junges Blut zu dulden,
So wäre sie am Ende auch dabei,
Mit Raths Vergunst die Kindlein aufzunehmen,
Da Stift und Schwestern nicht in Nachtheil kämen.
Die Kindlein selber seien mutterlose Mägdlein,
Mit Zucht und Sitten wäger unbekannt,
Und daher wohl des Vaters Wunsch begreiflich,
— Des Ritters Name wurde nicht genannt, —
Die Kleinen bald in einem Haus zu wissen,
Drin’ gute Ordnung sie nicht länger missen.
Nun scheine jedoch, daß der Propstherr für die Kindlein
In ganz Schaffhausen keinen bessern Ort
Gefunden habe, als ihr armes Kloster;
Er hätte gestern drum in einem fort
Ihr vorgeredet, bis sie halb versprochen,
Den Vorschlag zu erproben etlich Wochen.
Doch dieses auszuführen, tauge sie mit nichten
Und wär’ zu alt. Zum andern aber klar,
Daß von den Schwestern allen nur der Kust’rin
Man anvertrauen könnt’ das Mägdleinpaar,
Weil sie der wen’gen eine sei im Kloster,
Die mehr verstünde, als das Pater noster.
Getraue sich die Schwester, solche Last zu bürden
Und zu dem Custosamte auch die Pflicht
Der Pflegerin zu fügen — wär’s zu schätzen.
Die Antwort drauf verlange gleich sie nicht;
Wohl aber sei ihr lieb, am nächsten Tage
Zu wissen, was die Schwester dazu sage.
Was weiter dann die Oberin noch sagen mochte,
Der Schwester ging’s verloren. Hold bethört
Vom Vorschlag mit den Mägdlein, erfaßte es
Die Ueberraschte kaum, was sie gehört
Und schuf die Aussicht, daß des Herzens Sehnen
Sich unverhofft erfülle, ihr schier Thränen.
Ihr freudiges Empfinden. jedoch rasch bemeisternd,
Gab eine Zusage die Kusterin noch nicht.
Doch zog es eilig sie zur stillen Zelle,
Um dort, mit tiefgesenktem Angesicht,
Am Betpult knieend, für des Wunschs Gelingen,
Der Himmelskönigin den Dank zu bringen.
Dann aber floß, im Stundenglas der Froherregten,
Der Sand an jenem Tage langsam nur,
Es wollt’ nicht Abend werden und der Morgen
Fand von durchwachter Nacht die Spur,
Als früh zur Ob’rin, die noch tief im Bette,
Sie wieder ging, nach fromm vollbrachter Mette.
Gewohnter Demuth voll, jedoch beredten Mundes,
Gab auf Befragen sie der „Mutter” kund,
Daß sie gewillt sei, für das Paar zu sorgen,
Der Mägdlein leiblich Wohl zu pflegen und
Mit allem Fleiße, zu Sankt Agnes’ Ehren,
Was ihr bewußt, auch ihnen gern zu lehren.
Als ob sie dies erwartet, lauschte die Aebtissin
Der Schwester Worten, in Gedanken schon
Die Schenkung schätzend, so der Mägdlein Vater
Vergaben dürfte, als verdienten Lohn
Für Sorg’ und Mühen, die dem Stifte würden,
Solch’ ungewohnte Last sich aufzubürden.
Mit ein paar Worten ihren Dank bezeigend, trug sie,
Weil wieder gichtkrank, gleich der Kust’rin auf
Statt ihrer, mit dem Ritter zu verhandeln,
Falls der und seine Mägdlein schon im Lauf
Des Tages kämen, Antwort zu verlangen,
Auch, ihn im Saal des Stiftes zu empfangen.
Voll freudigen Gehorsam’s neigte sich die Gute;
Dann aber eilte sie, ein Stübchen rein
Zu lüften und mit Hülfe einer Schwester
Zwei Betten zu beziehn mit Linnen fein,
Auf daß die Mägdlein, wenn sie kommen wollten,
In trauter Ordnung Alles finden sollten. —
* * *
Die Nonnen hatten just die Vesper abgesungen,
Als laut die Glocke klang am Klosterthor,
So daß die Schwester Pförtnerin im Eilen,
Ihr letztes Bischen Athem fast verlor
Und keuchend durch des Auslugs Gitter schaute,
Wer allso heftig sich zu klingeln traute. —
Es war der Ritter mit den Mägdlein, dem die Schwester,
Wie ihr die Kusterin heut früh befahl,
Ohn’ lang zu fragen, Einlaß nun gewährte,
Nur bittend, ihr zu folgen nach dem Saal
Und da in Gnaden etwas zu verweilen;
Sie werde flink den Herrn zu melden eilen.
Nach kurzem Gruße folgten bald die Drei der Schwester
Gedämpften Schritts durch einen düstern Flur,
Deß’ graue Wände alte Bilder zierten,
Nothdürftig zeigend noch der Farben Spur,
Und überschritten eines Saales Schwellen,
Der fern lag Refectorium und Zellen.
Es war ein öd’ Gemach, doch ließen ein paar Fenster
Die Sonne ein und Duft von frischem Grün,
Das, windgeschützt, im Klostergarten prangte,
In welchem, lärmend, etlich’ Spatzen kühn
Und übermüthig nah’ den Fenstern jagten,
Auch ab und zu bis in den Saal sich wagten.
Im Garten selber sonnte sich ein schlafend Kätzlein
Bei jungen Hühnern, die, im warmen Sand
Des Weges badend, laut sich unterhielten,
Daß ihr Gepips das Ohr der Mägdlein fand,
Die, kaum im Saal, dem Vater flink entwichen,
Auf leisen Zehen zu den Fenstern schlichen.
Es drohte zwar des Ritters Finger leis den Schlimmen,
Als ihm vom Fenster her ihr Plaudern klang,
Das, wie das silberhelle, frohe Lachen,
Bis in die Zellen zu den Nonnen drang,
Die Frommen sicher dort im Beten störte,
Weil allzulaut ihr Ohr die Frohen hörte.
Bald aber achtete er nicht mehr ihres Treibens,
Nur darauf lauschend, was die Schwester sprach,
So Auftrag hatte, ihm hier mitzutheilen,
Daß, weilen die „Frau Mutter” krank und schwach
Sich fühle, es der Kust’rin Amt gebühre,
Zu hören, was den Herrn zu ihnen führe.
Dies sagend huschte sie davon, der Schwester
Es anzumelden, daß die Mägdlein da.
Der Ritter harrte also guter Laune,
Da schon versorgt er seine Kindlein sah;
Bemerkte nicht, daß die auf flinken Sohlen,
Zum offnen Fenster sich hinaus gestohlen.
Doch, da er es bemerkte und sie schelten wollte,
Ob der verwegnen, unbefugten That,
Vernahmen seine Ohren leise Schritte.
Rasch nun sich wendend, um zu sehn wer naht’,
Ward ihm, als sollte er die Nahende erkennen,
Geliebten Namen seine Lippen nennen. —
War das ein Traumbild, oder äffte ihn der Himmel?
In ihrer Demuth, wie ein Cherub mild,
Stand vor Herrn Kuonrad, denn dies war der Ritter,
Ein ihm gar wohl bekanntes Frauenbild,
Das, trotzdem es ein Nonnenschleier deckte,
Erinnerung an sel’ge Zeiten weckte.
Wohl ebenso verwundert schien jetzt auch die Kust’rin,
Als, nahgetreten, sie die Blicke hob
Und in dem Harrenden den Mann erkannte,
Der einst in ihre Träume sich verwob,
Dem Herzen, das von ihm geliebt sich glaubte,
Auf lange hin den süßen Frieden raubte.
Am liebsten wohl hätte sie gleich den Saal verlassen;
Denn, statt der Freude, die sie drob empfand,
Daß nah’ dem Ziel sich ihre Sehnsucht wußte,
Nahm jetzt die Reue jählings überhand,
Im Busen einen Wunsch genährt zu haben,
Der ihre Ruhe konnte untergraben.
In einer Sturmflut überquellender Gefühle
Gedachte sie voll Wehmuth all’ der Zeit,
Die hier in stillem Frieden ihr entschwunden.
Sie lebte ruhig, frommer Pflicht geweiht,
Bis, schuldlos zwar, ein letztes Glückverlangen
Mit aller Kraft die Sinne nahm gefangen.
Nun zog auf’s neue ihr ein schneidend Weh durch’s Herze
Bei der Erinnerung, was sie empfand,
Als ihre Liebe sie betrogen wußte
Vom selben Manne, der hier vor ihr stand,
Und wie berufen schien, ihr Leid zu bringen,
Wenn je sich hoben ihrer Sehnsucht Schwingen.
Fast mit dem Himmel hadernd, schmerzte der Gedanke
Sie immer wieder, daß das Mägdleinpaar,
Deß lautes Lachen aus dem Garten tönte,
Zu eigen dem, der einst ihr theuer war,
Und daß das Schicksal ihr nun also lohnte
Für ein Gefühl, das still im Herzen wohnte.
Doch ihm, der trug die Schuld, ihm grollte sie mit nichten
Um all’ das Leid, das er ihr angethan.
Es regte leise sich im Herzen etwas
Für ihn und klopfte, Mitleid flehend, an;
Denn ächter Liebe lenzgeborner Schimmer
Mag zwar erblassen — ganz erlischt er nimmer! —
Ein helles Roth, das Elsbeths Wangen überhauchte,
Gleich Rosen frisch, die man im Thaue brach,
Ward zur Verräth’rin dessen, was sie fühlte,
Und was ihr licht aus treuen Augen sprach,
Als endlich, leicht verneigend, sie es wagte,
Frommernsten Gruß dem Ueberraschten sagte.
Da konnte sich Herr Kuonrad nicht mehr länger halten
Und seinem Mund entfuhr’s: „Ach, Elsbeth, kennt
Von eh’dem Ihr den Junker Kuonrad nimmer?
Verzeihet, wenn mein Mund den Namen nennt
Der Trauten, deren Bild mir nie entschwunden,
Obgleich ich’s meiden mußte, kaum gefunden!”
Es wehte aus den Worten schlecht verhehlte Trauer,
Die mit des Wiedersehens Freude rang,
Nun ihm, so unverhofft, nach langem wieder
Der Holden Stimme in den Ohren klang,
In milder Süße sie, wie einst, ihn grüßte,
Als ob auf Küssaburg er heut’ noch büßte.
Doch nun, er freudig ihr die Rechte reichen wollte,
Versah’s die Kust’rin; fromm den Blick gesenkt,
Glich fast sie einem Steinbild, stumm die Hände
Im Aermelpaare des Gewands verschränkt,
So daß der Stürm’sche sich besinnen mußte,
Daß Klosterfrauenbrauch es anders wußte.
Verlegen ließ er drum die Hand schnell wieder sinken.
Es wollt’ ihn reuen, seiner Freude jach
Und ungeziemend Wort verliehn zu haben,
Als Elsbeth selbst das schwüle Schweigen brach
Und ihn, mit ihrer Stimme Silberklange,
Zu sprechen bat, was er vom Stift verlange.
Jetzt athmete Herr Kuonrad freier auf und malte
Sein Unglück ihr mit wohlberedtem Mund.
’s war eigentlich mehr eine Beichte, in der
Zerknirscht ein Sünder öffnete den Grund
Schuldschwerer Seele, nimmermehr verhehlend,
Wie selbst er sich gestürzt in Leid und Elend.
Als jedoch auf die Mägdlein kam die Rede, wollte
Es nicht mehr glatt vom Munde; ’s ward ihm schwer,
Der Kleinen wegen Elsbeth nun zu bitten.
Er drehte drum die Worte hin und her,
In Sorgen drob, ob sie sich willig finde,
Von ihm zu nehmen solch’ ein Angebinde.
Sein Zagen da bemerkend, sah sie milden Blickes
In’s Antlitz ihm so traut und seelengut,
Daß bald die Scheu vor ihr verschwinden mußte
Und ihm zur Bitte endlich kam der Muth,
Sie möchte, ihn von Sorgen zu befreien,
Den Kindlein ihren Schutz und Pflege leihen.
Jetzt kam die Reihe an die Kusterin zu zagen.
Wie, wenn sie die Gewährung nun versagt’,
Weil ihr bewußt war, wem die Mägdlein eigen?
Von schweren Zweifeln sah sie sich geplagt,
Die lang nicht zur Entscheidung kommen ließen:
Soll das Gefühl, soll der Verstand beschließen?
Vermochte sie noch, der es mühsam nur gelungen,
Daß des Geliebten Bild, gleich einem Stern
Am Morgenhimmel, mälig blasser worden,
Als reine Braut zu gelten Gott dem Herrn,
Wenn in des Herzens innersten Verstecken,
Die Kindlein längst Vergang’nes wieder wecken?
In solchem Zwiespalt mit sich, kam ihr keine Ahnung
Daß längst Herrn Kuonrads Blicke unverwandt
Aus ihr, die noch in Jugendschöne prangte,
Geheftet ruhn, als wären sie gebannt,
Indessen ein Verlangen ihm erwachte,
Das bald den Muth zu kühnerm Wunsch entfachte.
Ihr Sinnen unterbrechend, hob er an zu sprechen;
Es wies sein Wort auf jene Tage hin,
Die auf Schloß Küssaburg er froh verlebte,
Eh’ ihn sein Unstern ließ von dannen ziehn
Mit dem Bewußtsein, daß sein heimlich Scheiden
Zwei Herzen zwang, auf immer sich zu meiden.
„Mir wurde Strafe und ich büßte strenge,” sprach er,
„Für das, was ich in Minneschuld verbrach;
Doch kam im Leiden mir auch oft die Frage, —
Das einzige, was meiner Hoffnung Bach
Nicht ganz versiegen ließ, im Sand verrinnen, —
Kann Liebe nicht sich Lieb’ zurück gewinnen?”
„Ein trunkner Knabe war ich, der sich selbst betrogen!
Heut’ sehet Ihr den Mann um jene Schuld
Vergebung bitten in dem festen Glauben,
Daß nicht erlöschen konnte ganz die Huld,
So, holdem Lenze gleich, dem Knaben lachte,
An Sälde reich, ihn wunschlos glücklich machte.” —
Schier wie versteinert lauschte sie des Ritters Worten;
Es deckte Leichenblässe ihr Gesicht.
Bald kam zum Stolze auch noch das Gewissen,
Was sie erinnert’ an Gelübd’ und Pflicht,
Die, schwer geschädigt schon, sich drob empören,
Daß sie nicht floh, statt solcher Red’ zu hören.
Gesenkten Hauptes und den Blick am Boden haftend,
Erflehete von Gott die Arme Kraft,
Daß nicht, im Kampfe gegen die Versuchung,
Die Seele falle in der Sünde Haft, —
Indessen doch, in seligem Berauschen,
Sie’s heimlich zwang — dem lieben Mann zu lauschen.
Sekundenlang in wonnig Träumen nun versunken,
In das gewiegt sie seiner Worte Gift,
War ihrem Sein die Wirklichkeit entschwunden.
Sie sah sich, statt im öden, stillen Stift,
Der Welt und allem Irdischen gestorben,
Auf einmal frei, von Liebe hold umworben.
Es klang so süß dem Ohre, da Herr Kuonrad sagte:
„Es stünd’ mir übel, was ich selbst verlor,
Erschmeicheln nun zu wollen, glatt zuredend,
Gleich einem alten, aberwitz’gen Thor.
Doch schwör’ ich, daß in all’ den Jahren, Tagen,
Ein einzig Bild im Herzen ich getragen!”
„Und so ist’s wahr! An dieses eine Bild zu denken,
Gab Kraft zu tragen bittern Vorwurf’s Qual,
Die Jahre durch mir an der Seele nagte,
Den Frieden scheuchte und die Ruhe stahl,
Bis ich, mein elend Dasein abzukürzen,
Schon nahe war, mich in den Tod zu stürzen!”
„„O, haltet ein, Herr!”” bebten da der Kust’rin Lippen
So leise, daß es kaum zu hören war,
Indessen schön, wie blitzende Demanten,
Auf ihren Wangen perlten Thränen klar,
Die, sammt des Busens schnellem Wogen zeugten,
Daß Schwur und Pflichten sich dem Mitleid beugten.
Dann, wohl der Schwäche bang, gedachte sie zu fliehen,
Nicht weiter anzuhören, was er sprach;
Doch dazu fehlte ihrer Kraft der Wille.
Sie fühlte, wie das Blut ihr heiß und jach
In’s Antlitz stieg, nun sie der Ohnmacht dachte,
Die in Versuchung so die Seele brachte.
Da, während noch sie mit sich selber kämpfte, zürnte,
Erwuchs Herrn Kuonrad nun der Muth erst recht,
Es ging nicht lange, hörte sie ihn fragen:
„Darf ich das Bild Euch nennen, Elsbeth? — Sprecht,
Könnt Ihr den Schwergeprüften darum hassen,
Daß ihm das Glück erscheint, und er’s will fassen?”
„Ihr zürnt dem Manne nicht, wenn er, des Ort’s vergessend,
Den sich zum Obdach frommer Sinn geweiht,
Zu Euch, als seinem guten Engel stehend,
Dem übervollen Herzen Worte leiht,
Die, leider viel zu schwach nur, Euch enthüllen,
Welch schöne Träume es zur Stunde füllen!”
„Es ist der Himmel selber, der den Weg mich führte
Zu Euch zurück! — O, Elsbeth, saget an:
Gelang’s Euch wirklich, Euer Herz zu meistern,
Daß Liebe ihm sich nimmermehr darf nahn? —
Ich kann’s nicht glauben — drum erlaub’ dem Zagen,
Dir Herz und Hand in Treuen anzutragen!” —
In Todesängsten bebend, aber hingerissen
Von seiner Worte zärtlicher Gewalt,
Hob die Gequälte da die Sonnenblicke,
Doch nicht zu ihm, deß’ Antlitz freudig strahlt, —
Nein, ’s galt dem Christusbild im güldnen Rahmen,
Zu dem die Blicke ihre Zuflucht nahmen.
Sie wollte beten; doch Herr Kuonrad drängte flüsternd:
„Du schweigst, Elisabeth? — O, sag’ nicht nein! —
Laß’ Dir das Herz von meiner Liebe rühren! —
Der Oheim wird mir helfen, Dich befrei’n. —
Du wärst die Erste nicht und nicht die Letzte,
Die ihre Liebe über Alles setzte! —
Es war genug. „Herr!” sagte sie, ihn ernst verweisend,
Schon allzulange hab’ ich Euch gelauscht;
Denn was Ihr meint, das darf die nicht verstehen,
Die ihre Welt an einen Ort getauscht,
Wo das Gedenken an verwehte Träume
Verunheiligt die Gott geweihten Räume!”
„Verwehte Träume!” rief er da, ihr näher tretend,
„Verwehte Träume? Elsbeth, glaubst Du nicht,
Daß sie uns wiederkehren, wenn die Liebe
Ihr heilig Band um unsre Herzen flicht? —
Mir sagt ein wonnig Ahnen, Glück und Frieden,
Wär Dir wie mir, für Lebenslang beschieden!”
Ein schmerzlich Lächeln überflog das schöne Antlitz,
Nun ihr sein Mund von Glück und Frieden sprach;
Es klang wie Vorwurf fast und doch auch bittend,
Als sie den Schmeichelnden jetzt unterbrach:
„Herr, Eure Rede gilt verlornen Zielen;
Ich bin zufrieden, wie die Loose fielen!”
„Der Welt und ihrem Glück hat unschwer zu entsagen,
Wer je erfahren mußt’, was beide werth!
In Gott allein und treuem Pflichterfüllen
Wird Frieden nur und wahres Heil bescheert;
Noch mehr zu wollen — ich fühl’ kein Verlangen.
Die Zeit der Träume, Herr, ist mir vergangen!”
Sie schwieg. Herr Kuonrad aber ließ sich nicht bedeuten;
Er legte sacht’ die Hand auf ihren Arm
Und frug mit leiser Stimme, süß und nahe,
Daß leicht sein Odem sie berührte warm:
Sprach auch das Herz so, Elsbeth? — Sag’ mir offen,
War es dabei, als Du vergrubst sein Hoffen?” —
„Dem meinen ging es anders! Konnt’ es nimmer zwingen,
Nur einen Tag, ja, nur minutenlang
Sein Sehnen zu vergessen! Seine Liebe
Lag nie im Banne leid’ger Pflichten Zwang,
Und — Dir die Wahrheit vollends zu gestehen,
Ich selber ließ es nur zu gern geschehen!”
„Du weißt es, wahre Liebe kennet kein Vergessen,
So lang wir athmen, unser Puls noch schlägt;
Und sie ist’s, die vereint mit Glauben, Hoffen,
Auf lichten Schwingen uns zum Himmel trägt. —
Dem Schönsten, was vom Paradies verblieben,
Du konntest ihm entsagen, nicht mehr lieben?”
„O, sprich ein Wort! Ein einzig Wort nur, das mir kündet,
Daß auch Dein Herz der Liebe nicht vergaß,
Die Du so reich mich einstens ahnen ließest! —
Komm’, sei mein trautlieb Weib; nein, mehr als das!
Mein guter Engel! — meine Königinne,
Der allzeit unterthan ich treu in Minne!”....
Beim letzten Worte war Herr Kuonrad, überwältigt
Von seines Herzens minneheißem Drang,
Auf’s Knie gesunken vor der arg Erschreckten,
Schon sicher hoffend, daß es ihm gelang,
Die Zagende allendlich zu gewinnen,
Da stumm sie vor ihm stand, in tiefem Sinnen.
Es war ein Wahn. Zwar, hingerissen vom Empfinden
Bestürmender Gefühle Allgewalt,
Schien Elsbeths Pflichtbewußtsein leis zu wanken,
Als, flüchtig, jetzt ihr Blick dem Manne galt,
Der vor ihr auf des Saales Fliesen knie’te,
In Demuth harrend, was nun sie ihm biete. —
In sich verloren und voll sel’ger Lust erschauernd,
Daß tiefe Glut ihr aus den Augen strahlt’,
Stand Elsbeth schweigend, während ihre Seele
Geschäftig sich das Glück der Liebe malt’
In lichten Farben und so lenzeshelle,
Wie’s nur vermag erregten Herzens Welle.
Doch rasch versank das Bild. Todtbitt’re Wehmuth füllte
Der Armen Herz, nun die Besinnung kam,
Welch’ weite Kluft sie von dem Manne trenne,
Der eine Liebe jetzt in Anspruch nahm,
Die, seit dem Himmel Treue sie geschworen,
Doch wohl ihr Recht auf irdisch Glück verloren.
Nun galt kein Zaudern mehr, sie mußte überwinden
Und dem gehören, der ihr Trost gesandt,
Als jäh des Herzens holder Liebesfrühling,
Kaum recht erblüht, ein traurig Ende fand.
Gott soll auch fernerhin ihr Wirken bleiben,
Aus seinem Hause keine Macht sie treiben.
Im Rahmen dort das Bild, es schien ihr Kraft zu spenden,
Erinnernd gleich auch, daß sie längst vergaß,
Was Pflicht und Regel ihr zu thun gebieten,
Wenn sündhaft ein Gedanke sich vermaß,
Die Gottgeweihte Seele ihr zu meistern,
Für irdisch Glück sich heimlich zu begeistern. —
„Herr Ritter!” klang es strengsten Tones zu Herrn Kuonrad,
„Vor unserm Orte ist man nicht gewohnt,
Mit Weltgeschäften sich die Zeit zu rauben;
Auch blieb ich schwerer Strafe kaum verschont,
Würd’ ruchbar werden es der Schwestern Ohren,
Was ich mir bieten ließ, der Pflicht verloren!”
„Euch hier zu sehen, hab’ ich allweg nicht vermuthet,
Und hätte mir geschwant, wer meiner harrt,
So bliebe frevler Wünsche eitel Sehnen
Mir allso vorzutragen Euch erspart.
Steht darum auf — die aber lasset gehen,
So Anderm zu begegnen sich versehen!”
Betroffen stand er auf und wollte reden; doch sie,
Die fühlte, daß es ihr an Kraft gebrach
Das Herz zu meistern, wandte sich zur Thüre,
Da scholl ein silbern Lachen durch’s Gemach
So froh, das es den Schritt ihr sogleich bannte
Und, stille stehend, sie die Blicke wandte. —
Sieh’ dort! In kind’scher Lust, die Aeuglein freudeglänzend,
Schwung durch das Fenster sich das Mägdleinpaar,
Die purpurn angehauchten Sammetwangen
Licht überwallt von goldigblondem Haar,
Das, voller Ringeln, sich der Freiheit freute,
Weil Strähl und Schapel ihm nur selten dräute.
Es war des Ritters Paar, das, müd’ des Spielens draußen,
Vergnüglich plaudernd so den Saal betrat.
Ihr Kommen mochte nun den Vater mahnen,
Daß ihretwegen er die Reise that,
Denn kaum, daß seine Augen sie ersahen,
Hieß leis ein Wink von ihm die Holden nahen;
Ihm selbst, dem eben es zu Muthe noch gewesen,
Wie einem der verurtheilt war zum Tod,
Erschienen nun zur rechten Zeit die beiden;
Sie sollten ihm jetzt helfen aus der Noth,
In welche ihn sein Minnewerben brachte,
Als er an sich, statt an die Seinen dachte.
Der Mägdlein Hände fassend, war er rasch besonnen
Und sank, eh’ noch die Kust’rin wehren konnt’,
Mit den Verwunderten ihr schnell zu Füßen,
Wohl hoffend, daß der Unschuld es vergonnt,
Was ihm, trotz allem Flehn nicht mocht’ gelingen,
Durch ihre stumme Sprache zu erringen.
„Gewähret wenigstens den Kindlein hier Erbarmen —”
So hörte leise man den Stolzen flehn,
„Und laßt die Mutterlosen nicht entgelten,
Welch’ schwerer Schuld der Vater sich versehn!
Gott wird Euch dafür lohnen, was den Kleinen
Ihr Gutes thut, und sind es gleich die Meinen.” —
Er kam nicht weiter; denn was jetzt sein Blick erschaute,
Es bot Gewährung deß’, was er begehrt’.
Voll milder Anmuth neigte Elsbeth freundlich,
Das Antlitz einem Engel gleich verklärt,
Sich zu den Mägdlein nieder, traut sie grüßend
Und frischen Munds die rothen Wänglein küssend.
Ein liebefroher Bild ließ sich, fürwahr! nicht malen,
Als es die Gruppe hier im Saale war:
In süßem Selbstvergessen knie’te Elsbeth
Froh bei den Schüchternen und strich das Haar
Aus Stirn und Wangen ihnen mit den Händen,
Um stets auf’s Neue Gruß und Kuß zu spenden.
Der Kleinen Schüchternheit verschwand dann auch zusehends,
Wie wenn durch Nebel sich die Sonne brach,
Und machte Platz ergötzlichem Verwundern,
Das, großen Blickes, aus den Aeuglein sprach,
Die Mäulchen roth nicht länger mehr ließ zaudern
Mit dieser Huldgestalt vertraut zu plaudern.
Sie selber sah, ein selig Lächeln auf den Lippen,
Zu Theil geworden ihr, was sie ersehnt’,
Sah mit der Liebe treugemeinten Blicken,
Auf’s Schwesternpaar, an ihre Brust gelehnt,
Und glich dem Baum, umringt von jungen Schossen,
Die, auch in Blüthe, aus der Erde sprossen.
Herr Kuonrad aber hatte langsam sich erhoben;
Er stand, die feuchten Blicke unverwandt
Auf Elsbeth heftend, in ein Glück versunken,
Wie schöner er bis jetzt dies nicht gekannt.
Was er ersehnte sich in manchen Stunden,
Hier war es unverhofft und reich gefunden.
Was Wunsch und Sorge ihm, auf Flügeln schien’s entflohen;
Er selbst entrückt in ein ihm fremd Gefild,
Da Menschenglück und sel’ger Herzensfrieden
Nicht länger sehnender Gedanken Bild.
Nein, sichtbarlich vor seinem Blick enthüllte
Das Glück sich, wie es längst sein Herz erfüllte. —
Doch es kam anders, als der Glückliche sich träumte,
Denn, als die Kusterin, an jeder Hand
Der Mägdlein ein’s, sich auch erhoben hatte
Und, hold den Sonnenblick ihm zugewandt,
Die Bitte that, die Kindlein ihr zu lassen,
So wollte dies der Eitle noch nicht fassen.
Im Wahne, Elsbeth lasse doch noch sich bereden,
Bat er, — nicht darauf achtend, welche Qual
Ihr sein erneutes Werben machte — leise
Die Milde, ihm zu folgen als Gemahl;
Indessen wie demüthig er auch flehte —
Es galt zu ernten, was sein Treubruch sä’te.
„Herr!” war die Antwort „laßt mich dem, dem ich geschworen!
Mein Loos ist schöner, als Ihr ahnen könnt;
Denn, freudig fühlt es meine Seele heute,
Es ward von Gott das Höchste mir gegönnt,
Was er an Seligkeit nur konnte geben:
Es ist das Glück — für andrer Wohl zu leben!”
„Wie einst der Herre hieß die Kindlein zu sich kommen,
Will Eure Mägdlein gern ich nehmen an
In seinem Namen. Ich will für sie sorgen,
Gleich treuer Mutter sie im Herzen ha’n;
Auch, was ich weiß, ’s ist nicht viel, beiden lehren
Zu ihrem Nutz und Sankt Agnesen Ehren!” —
Gerührt von so viel Großmuth und doch nicht zufrieden
Kam zu der Reue nun auch noch die Scham,
Dem Ritter, daß er die einst täuschen konnte,
Die jetzt so edel ihm entgegen kam;
Ja, statt, wie er verdiente, ihn zu hassen,
Gar darum bat, die Kindlein ihr zu lassen.
Doch während er noch sann, ihr Dank dafür zu sagen,
Nahm Elsbeth schon das Schwesternpaar zum Ziel,
Versprach den Mägdlein, wenn sie bei ihr bleiben,
Zu Scherz und Kurzweil schöne Hel’gen viel;
Auch wollte sie die Leckermäulchen laben
Mit Nonnenkräpflein, süß wie Honigwaben.
Da glänzten denn gar froh vier blaue Kinderäuglein,
Als wenn man helle Sternlein blitzen sah!
Es blieb kein Zweifel, beide waren willig;
Denn wie aus einem Munde klang ihr „Ja!”
Auf Elsbeths freundlich wiederholte Frage:
Ob hier zu bleiben ihnen es behage?
Erfreut von solcher Antwort, wandte sich die Gute
Herrn Kuonrad zu und bat, wie’s schien in Hast,
Weil doch der Kleinen Sinn noch ändern könnte:
„Herr, lasset mir die Lieben hier zu Gast
Bis morgen; trau’n, sie sollen nichts vermissen,
Da wir Bescheid so braven Mägdleins wissen!”
„Euch jedoch bitte ich dann morgen her zu kommen
Und nach zu schau’n, wie es den Holden geht.
Wenn noch sie Willens sind, bei uns zu bleiben,
Eu’r Einverständniß vorgesehn! so steht
Ja nichts im Wege, drüber zu verhandeln,
Wie wir, zum Heile ihnen, weiter wandeln.”
Und nun ermahnte sie die Mägdlein, fein vom Vater
„B’hüet Gott!” zu nehmen, bis zum nächsten Tag,
Indeß’ auch sie zum Abschied sich verneigte.
Der Ritter aber stand, schier wie vom Schlag
Getroffen, als, die Mägdlein ihr zur Seiten,
Sein Blick die Edle sah zum Ausgang schreiten.
Die feuchten Augen wischend, währte es fast lange,
Eh’ sich der Stolze nach und nach besann
Und, jähen Scheidens bitter Weh verwindend,
Gedrückten Sinns verließ des Stiftes Bann,
Um nun den Freunden sein vor allen Dingen,
Wie’s um die Mägdlein stand, Bericht zu bringen.
Daß jedoch in der Kust’rin ihm die Maid begegnet’,
Die seiner Liebe einzig Sehnen war,
Verschwieg der arg getäuschte Ritter freilich
Den Freunden gegenüber, ganz und gar,
Da, sich die Holde wieder zu erringen,
Er seine letzte Hoffnung sah zerrinnen. — —
Als nächsten Tages, wieder um dieselbe Stunde,
Herr Kuonrad sich im Stifte melden ließ,
War’s, statt der Kusterin, die Ob’rin selber,
Die, unpaß zwar, ihn nun willkommen hieß,
Um Nachsicht bat, daß Alter und Gebrechen,
Sie nicht schon gestern ließen mit ihm sprechen.
Dann, auf die Mägdlein kommend, war auch sie der Meinung,
Es thue Noth, die beiden zu erziehn,
Erwähnte auch, wie ihr der Propst gerathen,
Des Klosters Armuth und wies darauf hin,
Daß schon im Rückblick auf sothane Nöthen,
Die Schwestern gern den Kindlein Obdach böten.
Herr Kuonrad merkte sich’s; denn als nun doch die Dame
Allendlich schwieg, erbot er sich, dem Stift
Den Nießbrauch eines Hofs mit Vieh und Fabel,
Sammt Rebgelände, Aeckern, Wald und Trift’,
Auf doppelt so viel Jahre zu verleihen,
Als seine Kinder zu St. Agnes seien.
Die Ob’rin war’s zufrieden; aber nicht er selber,
Der, in der Hoffnung, Elsbeth noch zu sehn,
Zum Abschied seine Mägdlein grüßen wollte,
Doch nur den Rath erhielt, fein abzustehn
Und lieber ohne Gruß sich zu empfehlen,
Als Trauer damit schaffen ihren Seelen.
Da sie darauf bestand, so fügte er sich endlich
Und schied vom Orte, der sein Liebstes barg,
Mit schwerem Herzen, all’ sein Hoffen bettend
Zu ew’gem Schlummer in der Seele Sarg;
Noch dabei froh, daß doch der Trost geblieben,
In guter Hand zu wissen seine Lieben.
So war es auch. Voll hoher Freude, daß der Himmel
Doch ihrem Wunsch Erfüllung noch bescheert’;
Was sie ersehnt’, in trüben Augenblicken
Lieböden Daseins, nun dem Herz gewährt,
Hielt Elsbeth treulich, was sie ihm versprochen,
Der, sich zum Schaden, ihr die Treu’ gebrochen.
Wohl rief ihr anfangs oft, beim Anblick seiner Kinder,
Erinn’rung schlummernde Gedanken wach,
Die sie gestorben glaubte, malte Bilder
Verlornen Glückes ihr; doch nach und nach
Verscheuchten Sorgen um das Wohl der Kleinen
Jed’ ander Denken aus dem Sinn der Reinen.
Stets frohen Muthes waltete sie all’ der Pflichten,
Die wohl nur Mutterliebe sonst sich wählt;
Gab’s mal zu rügen die oftmals zu Losen,
War bloß der Mund es, der sie schmält’,
Mit mildem Worte wußt’ das Herz zu rühren,
Statt scharf und streng das Regiment zu führen.
Und, gleich wie gute Saat dem Boden rasch entkeimet,
Wenn Gott sie schützet, fröhlich grünt und blüht,
So auch gediehen unter Elsbeths Pflege
Die Mägdlein fein an Liebreiz und Gemüth;
In Kunst und Wissen, sittig frommem Wesen,
Sich selbst zur Ehre, wie auch St. Agnesen.
Da ging es nicht gar lang, bis von der Burgern Frauen
So manche, die auch Mägdlein eigen nannt’,
Weil noch der Stadt für sie die Schule fehlte,
Nach kurzem Sinnen sich an Elsbeth wandt’,
Und diese baten, jenen doch zu lehren,
Was selbst zu wissen leider sie entbehren.
Die Milde that es gerne. Doch, wenn sich die Schwestern
Nur freuten, daß des Klosters Hab und Gut
Auf solche Weise zunahm, sah sie selber
In all’ den Pfleglingen, die man zur Hut
Ihr anvertraute, einen reichen Garten
Voll zarter Pflänzlein, ihnen fein zu warten.
Der lieben Mühe Sold war wiederum die Liebe,
Die treulich jedes Herz der kleinen Schaar
Mit Zinseszinsen ihrem Liebling zahlte,
So daß der Guten bald zu Muthe war,
Als hätte ihr der Himmel schon hienieden
Die Wonnen süßer Seligkeit beschieden. —
Es wuchs denn auch im Lauf der Zeit die Zahl der Mägdlein,
Bis daß im Stift sich eine Schule schuf,
In welcher Elsbeth, auch noch als Aebtissin,
Voll Freuden ihrem köstlichen Beruf
Sich widmete, mit Liebe stets beflissen
Zu mehren ihrer Schüler Zucht und Wissen. —
Schaffhausens Chronikschreiber haben, wohl zum Lobe,
Das „Gotteli von Küssaberg” genannt;
Doch wer ihn ihr verliehn den trauten Namen,
Der noch im Kletgau überall bekannt,
Das wird dem Leser nun von selber kommen:
Es gab ihn süßer Kindermund der Frommen!
* * *
Wo sanft die Gute ruht von ihrem edeln Wirken,
Kein Krenzlein oder Grabstein weis’t den Ort;
Wär’ auch ganz ungereimt, darnach zu suchen,
Denn länger lebt im Wort des Liedes fort,
Was sich im Leben treu und ächt erwiesen,
Als was — in Gold auf Marmorstein gepriesen.